Burgfrieden heute? Gewerkschaftsführungen und Widerspruch von unten

Ein Beitrag zur notwendigen innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung in Sachen Antimilitarismus

Von Andreas Buderus und Johannes Schillo

Titelphoto: Jochen Gester

Vorbemerkung FGLB: In der innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung um den Kurs der DGB-Gewerkschaften in der Frage von Krieg und Frieden haben sich zwei Strömungen herausgebildet, die beide dafür eintreten, dass die Gewerkschaften die Politik der „Kriegsertüchtigung“ ablehnen und bekämpfen. Sie sind sich jedoch über den Weg, wie dies am erfolgreichsten erreicht werden kann, nicht einig. Das offenbarte sich schließlich darin, dass es nicht zu einer gemeinsamen Intervention auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin kam, sondern die Strömungen getrennt agierten. Der folgende Beitrag ist gut geeignet, die reale Basis des Konflikts zu begreifen. Wir hoffen, dass er dazu beiträgt, den Konflikt zu versachlichen und einzudämmen. (JG)

Der Text, auf den sich diese Stellungnahme bezieht, ist hier zu lesen:

In der gewerkschaftlichen Opposition – aber nicht nur da – wird der DGB-Führung seit der „Zeitenwende“ 2022ff eine „Burgfriedenspolitik“ vorgeworfen, also der Bogen geschlagen zum Jahr 1914, als Deutschland seinen ersten „Griff nach der Weltmacht“ (Fritz Fischer) wagte. Bernhard Pfitzner hat dazu Anfang 2026 in gewerkschaftlichen Netzwerken einen Diskussionsbeitrag „Zur Behauptung einer ‚Burgfriedenspolitik‘ der Gewerkschaftsführungen“ veröffentlicht, der Widerspruch anmeldet. Pfitzner, der sich auf die „Überlegungen zur weiteren Strategie der Friedensbewegung“ des Kasseler Friedensforums bezieht, hält die Herstellung eines solchen Zusammenhangs für verfehlt. In unveränderter Form versandte er seinen Beitrag über dieselben gewerkschaftlichen Kanäle im Juli erneut – als „Antwort“ auf die Einladung zu einer Vernetzungskonferenz gewerkschaftlicher Widerstand, die gemeinsam organisiert wird von der gewerkschaftlichen Basisinitiative Sagt NEIN! Gewerkschafter*innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden, von Gewerkschaftslinke Hamburg und der Vereinigung für kämpferische Gewerkschaften (VKG).

Pfitzner bezieht sich bei seiner Kritik auf die Feststellung des Kasseler Papiers, demzufolge die Kooperation der Friedensbewegung mit den Gewerkschaften zwar wichtig ist, aber „angesichts der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaftsführungen und der Unterstützung des Rüstungskeynesianismus keine kurzfristigen Erfolge zu erwarten (sind).“ Demgegenüber hat Pfitzner zwei Einwände. Erstens, „dass eine Parallelisierung der heutigen zur damaligen Gewerkschaftspolitik weit an der Realität vorbeigeht“, und zweitens, dass der Angriff auf die Gewerkschaftsführungen „notwendige innergewerkschaftliche Klärungsprozesse (erschwert)“, speziell auch deswegen, weil bisher niemand hätte „erklären können, wo die ominöse Grenze zwischen ‚gewerkschaftlicher Basis‘ und ‚Gewerkschaftsführungen‘ verläuft.“

Mit diesen Einwänden, darauf weist Pfitzner eigens hin, ist keine Reinwaschung der heutigen DGB-Linie beabsichtigt. Eine Kritik an Tendenzen in den deutschen Gewerkschaften, die der „Durch-Militarisierung“ der Gesellschaft mit dem Ziel der „Kriegstüchtigkeit“ zuarbeiten, hält er durchaus für angebracht. Der Dissens bezieht sich auf die genannten beiden Punkte.

1. Die Verwendung des Terminus „Burgfriedenspolitik“

Pfitzner zitiert dazu den Aufruf der Vorständekonferenz der Gewerkschaften vom 2. August 1914, in dem es heißt: Die Konferenz beschließt alle Lohnbewegungen und Streiks abzubrechen.“ Ein solcher Beschluss sei in der heutigen DGB-Politik nicht zu finden, die Geißelung der gegenwärtigen Politik ‚der‘ Gewerkschaften/Gewerkschaftsvorstände mit dem betreffenden Vorwurf gehe also fehl, eine solche Parallelität existiere nicht.

Darauf ist Folgendes zu erwidern: Die Bezeichnung der heutigen DGB-Linie als Burgfriedenspolitik ist natürlich eine Analogiebildung. Zwischen der Situation von 1914 und 2022ff bestehen deutliche Unterschiede, was jedem, der den Begriff verwendet, klar ist und keine Gleichsetzung der Situation von gestern mit heute beabsichtigt. Das Wort Burgfrieden findet sich ja auch nicht im Aufruf der Vorständekonferenz. Es hat sich in der Geschichtsschreibung (als Folge politischer Auseinandersetzungen) eingebürgert wie etwa der Ausdruck Weimarer Republik, der ebenfalls nicht wörtlich zu nehmen ist. Worauf zielt der Vorwurf? Er kritisiert eine politische Parteinahme, was hier anhand von zwei aussagekräftigen Belegen noch einmal verdeutlicht werden soll:

Die Bundeszentrale für politische Bildung hält fest: „Innen- und Außenpolitik waren im Deutschen Kaiserreich während des Ersten Weltkrieges eng miteinander verwoben. Jahrelang hielt der ‚Burgfrieden‘ in der Politik… Am Beginn des Krieges standen die einstimmige Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag und der Burgfriedensschluss aller Parteien zur Unterstützung der deutschen Kriegspolitik, der sich zur Überraschung und Freude der bürgerlichen Öffentlichkeit auch unter Einschluss der Sozialdemokratie vollzog. Die Innenpolitik der folgenden Kriegsjahre entwickelte sich im Zeichen dieses Burgfriedens, der lange bewahrt wurde, zugleich aber immer mehr innere Widersprüche hervorbrachte und sich schließlich aufzulösen begann.

Die Website Gewerkschaftsgeschichte der Hans-Böckler-Stiftung bringt den Sachverhalt so zur Sprache: „Alle Gewerkschaften folgen dem Aufruf Kaiser Wilhelm II., schließen sich dem ‚Burgfrieden‘ an und lassen sich in die nationale ‚Volksgemeinschaft ohne Parteien‘ einbinden. Doch die anfängliche Zustimmung der Arbeiterschaft bröckelt je länger der Krieg dauert. Schlechte Nachrichten von der Kriegsfront und knappe Lebensmittel an der Heimatfront treiben die Menschen auf die Straßen.“

Der Terminus Burgfrieden (der historisch aus den europäischen Feudalverhältnissen stammt und dort eine spezielle Bedeutung hat) wird also seit dem Zeitalter der imperialistischen Kriege in der übertragenen Bedeutung eines nationalen Schulterschlusses benützt, der die objektiven gesellschaftliche Gegensätze und Spaltungstendenzen kennt, sie aber kaltzustellen und außer Kraft zu setzen versucht. In diesem Sinne greift etwa Sagt NEIN! diesen alten Vorwurf auf, stellt sich damit in eine klassenautonom-emanzipatorische Gewerkschaftstradition (die es neben der nationalen immer gegeben hat) und adressiert ihre Kritik an die DGB-Führung bzw. veranschaulicht sie mit einem Begriff, der mehr ist als eine historischen Reminiszenz.

2. Basis und Apparat: eine Frage der Funktion

Pfitzner hält der Kritik an den „Gewerkschaftsführungen“ entgegen, bisher habe ihm niemand erklären können, wo denn die „ominöse Grenze“ zwischen gewerkschaftlicher Basis und Führung verlaufe. Zur Illustration verweist er auf seine eigene Biographie: Er habe Funktionen von der örtlichen bis zur Bundesebene ausgeübt, sei Delegierter auf unterschiedlichen Ebenen und zugleich immer auch „einfaches Mitglied“ gewesen. War er also einmal Basis und ein anderes Mal Führung?

Die Frage klärt das Problem nicht – sie beschreibt es. Natürlich bleibt ein Bundesfunktionär zugleich Gewerkschaftsmitglied, so wie ein Minister Staatsbürger bleibt. Niemand behauptet, dass Menschen mit der Übernahme einer Funktion ihre Persönlichkeit wechseln oder plötzlich einer anderen Spezies angehören. Die Frage ist nicht, was jemand als Mensch ist, sondern welche Funktion er innerhalb einer Organisation ausübt, über welche Entscheidungs-, Definitions- und Verfügungsmacht er verfügt und welchen institutionellen Zwängen diese Funktion unterliegt.

Wer diesen Unterschied wie Pfitzner mit dem Hinweis verwischt, auf allen Ebenen gebe es eben ‚solche und solche‘, landet schnell bei einem organisationspolitischen Kalauer: ‚Sind doch alles nur Menschen‘. Das mag menschenfreundlich klingen, erklärt aber politisch ziemlich wenig. Denn die Unterscheidung von Basis, Führung und Apparat ist keine moralische Sortierung, etwa in gute Kolleginnen unten und schlechte Funktionäre oben. Sie bezeichnet unterschiedliche Positionen innerhalb einer Organisation und die damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten. Ein Vertrauensmann, eine Betriebsrätin oder ein Delegierter können selbstverständlich Positionen des Apparates vertreten; umgekehrt kann ein hauptamtlicher Funktionär gegen den Kurs der eigenen Führung opponieren. Dadurch verschwinden aber weder die unterschiedlichen Funktionen noch die ungleiche Verfügung über Ressourcen, Informationen, hauptamtliche Strukturen, Verhandlungszugänge, Öffentlichkeit und organisatorische Entscheidungsmacht.

Genau hierin liegt der analytische Kern dessen, was Robert Michels bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Tendenz zur Oligarchisierung großer Organisationen beschrieben hat („Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie – Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens“, 1911). Mit wachsender Größe entstehen demnach Arbeitsteilung, Professionalisierung und spezialisierte Leitungsstrukturen. Wissen, Kommunikationswege und Entscheidungsbefugnisse konzentrieren sich zunehmend bei einem vergleichsweise kleinen Kreis. Aus ursprünglich delegierten Funktionen können dabei eigene organisatorische Interessen entstehen: an Kontinuität, institutioneller Absicherung, Berechenbarkeit und dem Erhalt der eigenen Vermittlungsposition. Das bedeutet weder, dass jede Organisation zwangsläufig vollständig oligarchisch wird, noch dass Funktionär*innen persönlich korrumpiert sein müssen. Es bedeutet zunächst nur: Organisationen entwickeln Eigendynamiken, die sich nicht aus den Charaktereigenschaften der handelnden Personen erklären lassen.

Für Gewerkschaften ist diese Erkenntnis keineswegs neu. Karl Marx sah schon 1865 in ihnen unverzichtbare Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalt des Kapitals, warnte aber zugleich davor, dass sie ihren weitergehenden Zweck verfehlen, wenn sie sich auf die Bearbeitung der unmittelbaren Auswirkungen des Lohnsystems beschränken und dessen Überwindung aus dem Blick verlieren („Lohn, Preis, Profit“, 1865). Rosa Luxemburg beschrieb 1906, wie die Spezialisierung gewerkschaftlicher Leitungsarbeit und die Konzentration auf die alltäglichen ökonomischen Einzelkämpfe einen eigenen, zunehmend verengten Funktionärshorizont und bürokratische Denkweisen hervorbringen können („Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“, 1906). Und Leo Trotzki verwies 1935 darauf, dass gerade Phasen relativer gesellschaftlicher Stabilität und geringer Eigenaktivität der arbeitenden Klasse den Einfluss und die gesellschaftliche Stellung reformistischer Bürokratien stärken, während gesellschaftliche Erschütterungen deren scheinbare Unentbehrlichkeit und politische Beweglichkeit schnell infrage stellen können („Arbeiterstaat, Thermidor und Bonapartismus“, 1935).

Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, wo auf einer Mitgliederliste eine ominöse Grenzlinie zwischen Basis und Führung gezogen werden soll. Eine solche geometrische Grenze gibt es selbstverständlich nicht. Entscheidend ist, welche Funktionen innerhalb der Organisation Entscheidungen vorbereiten und treffen, politische Linien formulieren, Ressourcen kontrollieren und diese Entscheidungen gegenüber Mitgliedschaft und Öffentlichkeit durchsetzen – und wo Kolleg*innen diese Entscheidungen lediglich nachvollziehen, beeinflussen, bekämpfen oder durch eigene Organisierung verändern können.

Und natürlich gibt es in den DGB-Gewerkschaften heute genauso wie 1914 Vorstände, die – natürlich immer nur „im Rahmen der Beschlusslage“… – die maßgeblichen Entscheidungen für ihre Organisationen treffen und deren Befolgung im Apparat und bei den Mitgliedern dann durchsetzen. Wie elastisch dieser Rahmen allerdings sein kann, zeigt sich gerade dort, wo der antimilitaristische normative Kern und die ergänzenden Beschlüsse in der praktischen Übersetzung durch die Apparate so weit an Kontur verlieren, dass sie schließlich mit Sozialpartnerschaft, Standortlogik und nationalem Kriegskurs wieder vereinbar erscheinen.

3. Wenn die Basis nicht mehr mitzieht

Wie wenig es bei der Kritik an der Gewerkschaftsbürokratie um eine starre Gegenüberstellung von „oben“ und „unten“ geht, lässt sich gerade an den gegenwärtigen innergewerkschaftlichen Auseinandersetzungen um den Zusammenhang von imperialistischem Krieg nach außen und sozialem Krieg nach innen, von Sozialkahlschlag und Demokratieeinschränkung beobachten. Sagt NEIN! ist eine Basisinitiative, die mit inzwischen fast 40.000 Unterstützer*innen wahrnehmbar in diese Debatten eingreift, ohne selbst über die Entscheidungs- und Verfügungsmacht der gewerkschaftlichen Apparate zu verfügen. Auf der Homepage der Initiative lässt sich im Einzelnen überprüfen, welche Entscheidungen „der Führung“ warum angegriffen werden und was sich an „der Basis“ in diesem Sinne bereits tut und welche Aktionen folgen sollten. Von der Initiative wird auch konkret benannt, wer mit welcher Kritik gemeint ist und wo sich erfreuliche Veränderungen ergeben.

Widerspruch kann also von der Basis ausgehen, wachsen und politischen Einfluss gewinnen. Zugleich verfügen die Apparate über erhebliche Möglichkeiten, einen einmal eingeschlagenen Kurs auch gegen solchen Widerspruch zu behaupten. Gerade wenn gesellschaftliche Stabilität schwindet und ökonomische Krise, Sozialabbau und Kriegspolitik die bisherigen Vermittlungsformen unter Druck setzen, kann sich dieses Spannungsverhältnis erheblich zuspitzen.

Während 2025 der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Kerner den Antikriegstag – innergewerkschaftlich noch weitgehend unkritisiert – nutzen konnte, um sich beim Militärisch-Industriellen Komplex lieb Kind zu machen, wächst heute, angesichts der global weiter eskalierenden Kriege und des immer sichtbarer werdenden Zusammenhangs von Krieg nach außen und Sozialkahlschlag sowie politischer Formierung, also sozialem Krieg nach innen, der Widerspruch in den Gewerkschaften selbst. Vertrauensleute in Untertürkheim rufen zum Widerstand gegen sozialen Kahlschlag und Militarisierung auf, in Bremen und Düsseldorf kommt es zu selbständigen Arbeitsniederlegungen, Teile der IG Metall-Jugend gehen offen in Opposition. Ende Juli 2026 melden sich mehrere Ortsjugendausschüsse der IG Metall in Südwest sowie die JAV Mercedes-Benz Untertürkheim mit einer bemerkenswert eindeutigen Erklärung zu Wort. Deren Fazit lautet: „Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und fordern Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft – bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen zögern, dann machen wir es selbst.“

Davon offenbar vollständig unberührt mobilisiert der DGB für den 26. September bundesweit unter der Überschrift Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente. Es geht in kämpferischen Tönen gegen Sozialabbau – ohne den Zusammenhang mit Aufrüstung und Kriegspolitik überhaupt zu benennen! Und auch der Aufruf zum Antikriegstag 2026 bleibt trotz erkennbar politisch erzwungener Hinwendung zu einer klaren Ablehnung der Wiedereinführung der Wehrpflicht und anderer Zwangsdienste nach wie vor auf der national-sozialpartnerschaftlich eingebundenen Linie.

Pointierter lässt sich der kritisierte Widerspruch zwischen Apparat und Basis gegenwärtig kaum beschreiben. Und ebensowenig, was mit dem Vorwurf einer fortdauernden Burgfriedenspolitik gemeint ist: eben nicht, dass „die“ Gewerkschaften geschlossen hinter diesem Kurs stünden oder die Basis grundsätzlich friedenspolitischer wäre als ihre Funktionär*innen. Die Kritik zielt im Kern auf die Politik der maßgeblichen Vorstände und Apparate, die trotz wachsenden Widerspruchs an sozialpartnerschaftlicher Einbindung, nationaler Standortlogik und der politischen Vermittlung staatlicher Kriegsvorbereitung festhalten. Dass dieser Kurs innerhalb der Gewerkschaften zunehmend umkämpft ist, widerlegt den Begriff des Burgfriedens deshalb nicht. Es bezeichnet vielmehr gerade den politischen Konflikt, in dem dieser Zustand von unten aufzubrechen beginnt.

4. Gewerkschaften zwischen Widerstand und Integration

Natürlich kann man Pfitzner zugestehen, dass die Diskussion über das Agieren der Gewerkschaft häufig unter zwei entgegengesetzten Verkürzungen leidet. Die eine identifiziert Gewerkschaften weitgehend mit ihren Führungen. Aus jeder Stellungnahme eines Vorstandes wird unmittelbar auf die Organisation insgesamt geschlossen. Die andere verwechselt die Gewerkschaften mit der „Klasse für sich“ und fordert, ihre Beschlüsse müssten unmittelbar Ausdruck proletarischer Interessen sein, die sich gegen Kapital und Nation stellen.

Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Gewerkschaften sind historisch gewachsene Organisationsformen der Arbeiter*innenbewegung, die sich aus der existenziellen Notlage eines Lebens von Lohnarbeit ergeben: Wer unter dem Zwang steht, seine Arbeitskraft zu verkaufen, muss sich mit einem Käufer einig werden, der ein entgegengesetztes Interesse vertritt, nämlich die Anwendung von Dienstkräften auf der einen Seite möglichst kostengünstig und auf der anderen möglichst ertragreich gestalten will. Organisationen wie Gewerkschaften, die hier auf die Verkaufsbedingungen Einfluss nehmen wollen, müssen sich mit diesem Widerspruch herumschlagen. Er ist ihrer Arbeit immanent und nicht einfach von einer abgehobenen Führung verursacht. In Gewerkschaften verdichten sich Erfahrungen, Interessen, Hoffnungen, Niederlagen und gesellschaftliche Kräfteverhältnisse. Sie sind geprägt von den realen Gegensätzen der kapitalistischen Gesellschaft, in der sie existieren. Gleichzeitig gehören sie zu den wenigen verbliebenen Organisationen, in denen sich Millionen Lohnabhängige überhaupt noch kollektiv organisieren.

Ihre politische Bedeutung liegt genau in dieser Widersprüchlichkeit. Wer die Gewerkschaften auf ihre Vorstände reduziert, übersieht die Kolleg*innen in den Betrieben, die Vertrauensleute, die Betriebs- und Personalräte, die Jugendstrukturen, die betrieblichen Initiativen und die vielen alltäglichen Auseinandersetzungen, aus denen gewerkschaftliches Bewusstsein überhaupt erst entsteht. Wer die Gewerkschaften per se ausschließlich als Kampforganisationen versteht und die Führung – moralisierend – eines Verrats bezichtigt, unterschätzt die reale Macht sozialpartnerschaftlicher, staatlicher und institutioneller Integrationsmechanismen.

Dabei verläuft die Trennlinie keineswegs einfach zwischen einer angeblich friedensbewegten Basis und burgfriedlichen Führungen. Auch viele aktive Kolleg*innen, Betriebs- und Personalräte erleben ihre politische Praxis vor allem durch die Anforderungen des unmittelbaren betrieblichen Alltags. Werksschließungen verhindern, Personalaufstockung durchsetzen, Schichtpläne verhandeln, Tarifverträge sichern – all das sind konkret anstehende Aufgaben. Sie erzeugen einen Horizont, der häufig auf das unmittelbar zu Bearbeitende gerichtet bleibt. Die Frage, wie sich die jeweiligen Konflikte in größere gesellschaftliche Entwicklungen einfügen und mit diesen zusammenhängen, tritt dabei leicht in den Hintergrund.

Hierin liegt eine Stärke und eine Begrenzung gewerkschaftlicher Praxis zugleich. Gewerkschaften organisieren reale Interessen. Sie erzeugen Solidarität, kollektive Handlungsfähigkeit und Widerstandskraft. Gleichzeitig reproduzieren sie immer wieder die Bedingungen, unter denen sie handeln. Sozialpartnerschaft erscheint dann nicht als politische Entscheidung, sondern als pragmatische, letztlich unabweisbare Notwendigkeit. Standortkonkurrenz wird zur Sachzwanglogik. Nationale Wirtschaftsinteressen erscheinen als gemeinsame Interessen von Kapital und Arbeit. Diese Lage im Blick zu behalten, ist die Aufgabe einer Opposition, die effektive Veränderung vorhat – und nicht einfach Enttäuschung über die eigene Machtlosigkeit reproduzieren will.

5. Zu guter Letzt: Der Ausgang ist offen

Der entscheidende sachliche Punkt für Pfitzners Ablehnung der historischen Analogie bleibt der Satz aus dem Aufruf der Gewerkschaftskonferenz vom 2. August 1914: „Die Konferenz beschließt alle Lohnbewegungen und Streiks abzubrechen.“ Eine vergleichbare Beschlusslage gibt es heute nicht. Das ist richtig – und der Unterschied ist keineswegs nebensächlich. Der Vorwurf der Burgfriedenspolitik behauptet jedoch, wie dargelegt, keine Identität zwischen 1914 und der Gegenwart. Er bezeichnet eine politische Orientierung. Gerade deshalb lohnt ein letzter Blick darauf, was die historische Parallelisierung an Aufklärung hergeben kann.

Erstens: Seit den 1950er Jahren verzichten die DGB-Gewerkschaften auf die Durchführung von Streiks mit ausdrücklich politischen Inhalten, wie sie die Gewerkschaftsbewegung seit dem 19. Jahrhundert geprägt haben. Obwohl arbeitsrechtlich gar nicht geklärt und sowieso eine Frage des Kräfteverhältnisses, gilt der politische Streik in der BRD als rechtswidrig bzw. als „ein bisschen verboten“, wie die Bundeszentrale für politische Bildung präzisiert. Was die Gewerkschaften der Obrigkeit 1914 also erst ausdrücklich zusagen mussten, gehört damit heute – jedenfalls hinsichtlich des gewerkschaftlichen Einspruchs gegen politische Entscheidungen – weitgehend zu ihrer selbstverständlichen Geschäftsgrundlage.

Natürlich wurden damals zudem die „Lohnbewegungen“ abgebrochen, also die ‚unpolitischen‘ Arbeitskämpfe, jedenfalls so weit sie Bewegungscharakter hatten. Die Gewerkschaften meldeten sich damit aber nicht als Interessenvertretung der Arbeiter*innen ab, sondern überführten sie in die neue Rolle einer sozialpartnerschaftlich gestalteten Betreuung des Faktors Arbeit, die sich am national definierten Gemein- bzw. Betriebswohl orientiert und eine überzogene kämpferische Mobilisierung der Basis vermeidet – seit dem Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ vom 5. Dezember 1916 bis hinein in den Schützengraben. Ein Verständnis gewerkschaftlicher Politik, das angesichts des Schweigens zur Novellierung bzw. Reaktivierung der Notstandsverfassung und insbesondere des „Arbeitssicherstellungsgesetzes (ASG)“ der heutigen Praxis der DGB-Gewerkschaften jedenfalls nicht völlig fremd erscheint.

Zweitens: Der entscheidende Unterschied bleibt bestehen. 1914 hatte der Krieg unter direkter deutscher Beteiligung bereits begonnen. Heute wird die Gesellschaft auf die möglichst widerspruchs- und vor allem widerstandslose Akzeptierung von Sozialkahlschlag und Demokratieabbau zur Finanzierung des Ukrainekrieges, der Unterstützung der US-Kriege, der Umstellung der Gesellschaft auf Kriegswirtschaft und auf mögliche neue deutsche Kriege vorbereitet. Gerade deshalb kommt der institutionellen Vorbereitung der militaristischen Formierung der Gesellschaft besondere Bedeutung zu.

Es stimmt zwar, es finden noch Tarifauseinandersetzungen statt. (Zu denen im Einzelnen viel zu sagen wäre.). Es gibt zunehmenden innergewerkschaftlichen Widerspruch, oppositionelle Initiativen und Kolleg*innen, die sich weigern, Sozialabbau, Aufrüstung und Kriegsvorbereitung als voneinander getrennte Sachzwänge hinzunehmen. Dass aber das gängige Arbeitsrecht im gegebenen („Spannungs-“, „Verteidigungs-“ oder „Bündnis-“) Fall ausgehebelt wird, ist in der Notstandsverfassung der BRD seit Jahrzehnten festgeschrieben. Dies motivierte ja seinerzeit oppositionelle Stimmen im DGB (so den langjährigen IG Metall-Vorsitzenden Otto Brenner), auf der Notwendigkeit des politischen Streiks zu bestehen. Anschaulichstes Beispiel ist das erwähnte und ohne Widerspruch der Gewerkschaften in die aktive Kriegsvorbereitung eingebaute ASG. Das Gewerkschaftsforum hat dazu resümiert: Die von den DGB-Gewerkschaften so hochgehaltene Sozialpartnerschaft wird in die militärische Zwangsarchitektur überführt, die Interessenvertretung zur staatlichen Mobilmachung genutzt und die Kriegsvorbereitung greift praktisch in Betriebe, Tarifverhältnisse und kollektive Rechte ein.“

Fazit: Der gegenwärtige Burgfrieden ist weder vollständig hergestellt noch unumkehrbar. Die oppositionellen Kräfte in der Gewerkschaft stemmen sich dagegen, dass der hier kritisierte opportunistische Kurs der Apparate weiter verfolgt wird und dass die Massen sich auf eher kurz denn lang dort wiederfinden, wo sie 1914 und dann wieder 1939 hinkommandiert wurden: auf den Schlachtfeldern, wo sie das Material abgeben für das Ringen ihrer Warlords darum, wie die imperialistischen Machtverhältnisse zu gestalten sind. Die historische Analogie ist insofern keine Prophezeiung. 1914 ist eine Warnung, kein Fahrplan. Ob sich die Gewerkschaften erneut und weiter in die Logik nationaler Mobilmachung einordnen lassen oder ob es gelingt, den bereits aufbrechenden Widerspruch zu organisierter Gegenwehr zu entwickeln, ist eine politische Auseinandersetzung der Gegenwart. Genau deshalb lohnt es, sie zu führen.

P.S. Die nächste Gelegenheit dazu bietet die eingangs erwähnte Vernetzungskonferenz zum gewerkschaftlichen Widerstand am 16. und 17. Oktober in Kassel.

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Die Autoren:

Andreas Buderus und Johannes Schillo sind langjährige ver.di-Mitglieder und in der gewerkschaftlichen Basisinitiative Sagt NEIN! aktiv.

Erstveröffentlichung beim Gewerkschaftsforum Dortmund
https://gewerkschaftsforum.de/burgfrieden-heute-gewerkschaftsfuehrungen-und-widerspruch-von-unten/

Wir danken den Kollegen für diesen guten Beitrag.

Widerstand und kein Schritt zurück – offener Brandbrief von Mercedes Vertrauensleuten und Betriebsräten an den Vorstand der IG Metall.

Die Stimmung unter den Kolleg:innen in der Automobilindustrie ist vielerorts auf dem Siedepunkt. Mit der Resolution „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“ hatte der Vertrauenskörper von Mercedes Stuttgart Untertürkheim ein landesweit beachetes Signal gesetzt. Die Erklärung hatte ein gewaltiges Echo, nicht zuletzt bei Aktivist:innen und ehrenamtlichen Mitgliedern der IG Metall, insbesondere unter der Jugend.

Es geht um Klassenkampf. Es geht um Politik gegen die Gesamtheit der Interessen und gegen die Zukunft aller Beschäftigten. Diese Politik wird gerade gnadenlos durchgesetzt. Soziale und politische Errungenschaften und ein Leben in Frieden stehen in beispielloser Weise zur Disposition. Nur entschiedener Klassenkampf von unten kann da die Anwort sein.

Die Gewerkschaftsspitzen reagierten mit bundesweiten Protestaktionen.

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch: „mit Verzicht erhalten wir unsere Arbeitsplätze nicht.“ „Gegen die betrieblichen, tariflichen und gesetzlichen Verschlechterungen von Arbeits- und Sozialstandards zugunsten von Rendite und einer extremen Militarisierung“, reichen verbale Drohrituale und Showveranstaltungen nicht mehr aus. „Wir brauchen Flächenstreiks, um die massiven Angriffe abzuwehren.“

Es gibt Fragen, die beantwortet sein wollen. Eine davon ist, wie ernst meint es die eigene Führung damit, den notwendigen Widerstand zu organisieren, um die gegenwärtige Angriffswelle von Kapital und Regierung zurückzuschlagen? Wie ehrlich gehen wir als Gewerkschafter:innen miteinander um?

Vertrauenskörper und Betriebsräte von Mercedes-Benz haben am 3. August 2026 dazu einen „offenen Brief“ an den Vorstand der IG Metall verschickt. Anstoß war eine gemeinsame Erklärung der Vorstände von IG Metall und IG BCE mit dem Unternehmerverband BDI, über die das Handelsblatt berichtete. [1]da der Bericht hinter einer Bezahlschranke liegt, wurde uns der Beitrag in pdf Format zur Verfügung gestellt, damit sich alle Mitglieder ein authentisches Bild machen können

Der IG Metall Vorstand hatte nach unseren Informationen eine kurzfristige Beantwortung zugesagt. Nachdem diese Antwort nun auch nach 10 Tagen nicht vorliegt, ist der Zeitpunkt gekommen, den Brandbrief breit zu veröffentlichen. Es ist das gute Recht aller Gewerkschafter:innen, über grundlegende Kontroversen in den eigenen Organisationen zeitnah informiert zu werden. Intransparenz schafft Mißtrauen und spielt nicht zuletzt der AFD in die Hände.

Über eine Stellungnahme des IG Metall Vorstandes und den weiteren Diskurs werden wir informieren!

Offener Brief an den Vorstand der IG Metall


Betrifft: Gastkommentar im Handelsblatt vom 29.06.2026


In Verantwortung für unsere Mitglieder wenden wir uns mit einem offenen Brief an unsere Organisation und damit auch stellvertretend an den Vorstand der IG Metall.

Liebe Christiane Benner, Jürgen Kerner, Nadine Boguslawski, Ralf Reinstädtler, André Arenz,


Mitte Juni beschlossen die IG Metall Bereichs-Vertrauenskörperleitungen bei Mercedes Untertürkheim eine Resolution, in der sie die aktuelle Politik der Bundesregierung mit klaren Worten beschreiben. Dort heißt es, mit dem angekündigten Stellenabbau, der geplanten Abschaffung des 8-Stunden-Tags und all den weiteren Angriffen auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen hätten die Bosse und ihr Staat uns, den lohnabhängig Beschäftigten, den
Krieg erklärt.

Damit sprechen die Kollegen vielen von uns aus der Seele. Das macht sich nicht nur durch die immense positive Resonanz, sondern auch dadurch bemerkbar, dass andere Standorte und Betriebe nachzogen und ähnliche Resolutionen veröffentlichten. Auch eine Jugendresolution wurde vor einigen Tagen verabschiedet, welche wir sehr begrüßen.

Umso größer waren unser Erstaunen und unsere Empörung, als wir wenige Tage später den Gastkommentar von Christiane Benner gemeinsam mit dem milliardenschweren BDI-Präsidenten Peter Leibinger und dem Vorsitzenden der IGBCE, Michael Vassiliadis, lesen mussten. Wie passt das zusammen, dass unsere Vorsitzende auf der einen Seite einen Gastkommentar gemeinsam mit einem eindeutigen Vertreter der Kapitalseite verfasst und auf der anderen Seite auf der 80 Jahre Feier der IGM Stuttgart vom „Autobahn besetzen“ schwärmt? Mit dem Kapital gemeinsam die Feder zu schwingen und gleichzeitig uns Mitgliedern die Kampfbereitschaft zu predigen hat mit Authentizität nichts zu tun. Wir fragen uns: welche der beiden Seiten spielt uns etwas vor?

Während in der Resolution dazu aufgerufen wird, den Angriffen von Regierung und Unternehmern entschlossen entgegenzutreten, wird in dem gemeinsamen Gastkommentar öffentlich für eine gemeinsame „Agenda“ von Industrieverbänden und Gewerkschaften geworben, „die Kosten senkt […] und Produktivität erhöht.“

Wir sagen es ganz deutlich: Damit spricht unsere Vorsitzende weder in unserem Namen noch im Namen der vielen Tausend aktiven betrieblichen Kolleginnen und Kollegen, die hinter uns stehen.

Was uns zusätzlich verwundert: Warum erscheint dieser Kommentar nur wenige Tage nach der Untertürkheimer Resolution? Ist der Gastkommentar als bewusster öffentlicher Widerspruch zu der Positionierung aus unseren Betrieben gemeint?

Falls ja, würde uns interessieren, welche der Einschätzungen aus der Resolution der Vorstand aus welchem Grund für falsch hält. Und warum dann nicht die direkte Diskussion mit uns an der gewerkschaftlichen Basis gesucht wird, anstatt sich öffentlich gegen uns betrieblich Aktiven und an die Seite unserer Gegner zu stellen.

Wir fragen uns außerdem, was denn die in dem Gastkommentar genannten „ideologischen Gräben“ sein sollen, aus denen „alle herauskommen sollen“. „Alle“? Also auch wir?

Wir denken nicht, dass wir in irgendeinem ideologischen Graben sitzen oder die wirtschaftliche und politische Lage nicht verstehen würden. Wir verteidigen lediglich das, was Generationen von Gewerkschaftern vor uns erkämpft haben. Wir vertreten konsequent unsere Interessen als Beschäftigte, anstatt so zu reden, als säßen Beschäftigte, Gewerkschaften undUnternehmer plötzlich im selben Boot. Und genau diese Haltung erwarten wir auch von der
Vorsitzenden unserer Gewerkschaft.

Besonders irritiert uns dabei ein Satz aus dem Gastkommentar: „Notwendig ist jetzt eine Haltungsänderung im Land. Wir müssen mehr wollen und leisten.“

Millionen Beschäftigte leisten bereits jeden Tag mehr als genug. Sie arbeiten in Schichtsystemen, machen Überstunden, kompensieren Personalabbau, stemmen den Fachkräftemangel und sorgen dafür, dass die Produktion überhaupt läuft. Von einer Gewerkschaftsvorsitzenden hätten wir erwartet, dass sie diese Leistung verteidigt und nicht öffentlich Argumentationsmuster übernimmt, mit denen Arbeitgeber seit Jahren längere Arbeitszeiten, niedrigere Standards und weitere Verschlechterungen begründen.

Mindestens ebenso unverständlich ist die wirtschaftspolitische Argumentation, mit der die „Agenda“ jetzt erklärt werden soll. In jeder Tarifrunde erklärt die IG Metall den Kollegen, dass höhere Löhne die Massenkaufkraft stärken, Arbeitsplätze sichern und die Wirtschaft ankurbeln. Plötzlich soll nun ausgerechnet die Senkung der Massenkaufkraft ein Weg aus der Krise sein? Das widerspricht unserer eigenen Argumentation grundlegend. Wie sollen wir das
den Kollegen glaubwürdig erklären, nachdem wir jahrzehntelang genau das Gegenteil vertreten haben?

Das Absenken der Massenkaufkraft bedeutet weniger Nachfrage, weniger Aufträge und letztlich noch mehr Druck auf unsere Arbeitsplätze. Der Regionale Markt und die Zukunft unserer Kollegen werden mit unseren Zugeständnissen zerstört. Wer behauptet, man könne sich durch Absenkung der Stundenlöhne aus einer Krise herausarbeiten, muss auch der Frage Stand halten können, wie das funktionieren soll. Doch genau diese Antworten bleiben aus.

Wir kennen es doch schon – hinter Vorschlägen wie diesen steht am Ende immer dasselbe: Personalabbau. Die aktuelle Krise in der Automobilindustrie bedeutet für uns weiteren Personalabbau. Auch bei den Zulieferern. Deshalb nutzen die Arbeitgeber jetzt unsere Unsicherheit, um ohne großen Gegenwind Arbeitszeitverlängerungen und weitere Verschlechterungen durchsetzen zu können.

Wir wollen es deshalb noch einmal klar sagen: Die Unternehmerverbände, die Bundesregierung und wir Beschäftigten verfolgen gegenwärtig
offensichtlich sehr unterschiedliche Interessen. Sie wollen auf unseren Kosten ihre Krise überwinden und ihre Profite sichern oder ausweiten. Wir dagegen wollen gute Arbeitsstandards erhalten, soziale Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, Gesundheit und Frieden.

Das „positive Zukunftsbild“, von dem Christiane im Handelsblatt-Kommentar schreibt, ist deshalb nicht einfach eine Frage der „Verbindung von technischer und gesellschaftlicher Innovation“, wie es dort heißt. Es ist letztlich eine Frage gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Also der Frage, welche Interessen sich politisch und wirtschaftlich durchsetzen.

Unsere Interessen werden nicht dadurch verwirklicht, dass wir die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit ausblenden. Sie werden allein durch Arbeitskampf, also durch Protest, Widerstand und notfalls durch Streik durchgesetzt. Nur so können wir die Profitlogik dort zurückdrängen, wo sie unseren Arbeits- und Lebensbedingungen entgegensteht, denn „Unternehmer werden nie zu Menschenfreunden, wenn man sie nicht dazu zwingt.“ (Michael
Moore)

Wenn Källenius meint, Mercedes als Rammbock der Verschlechterung durch die deutschen Betriebe zu jagen, dann müssen wir die Schilder hochhalten und unseren Platz als starke Sturmtruppe endlich wieder aufnehmen!

Deshalb raten wir unserer IG Metall dringend zu Folgendem:

  • Kein Zurückweichen in der kommenden Tarifrunde. Wir wollen und müssen kämpfen.
  • Eine Erhöhung der 35-Stunden-Woche ist nicht verhandelbar. Wie können wir an unserer Glaubwürdigkeit festhalten, wenn wir bereit sind, einen unserer größten tariflichen Erfolge kampflos wieder her zu geben? Jeder Kompromiss, der die Arbeitszeit steigen lässt, ist eine Niederlage, die wir als Gewerkschaft nicht verkraften können.
  • Sollte der Arbeitgeberverband den Manteltarifvertrag kündigen, um seinen Forderungen nach längeren Arbeitszeiten Taten folgen zu lassen, oder sollten Unternehmensvorstände den Arbeitgeberverband verlassen, um uns auf Unternehmensebene anzugreifen, haben wir keine Angst vor einer Eskalation. Die Forderungen der Kapitalseite sind eine Ohrfeige. Es ist jetzt höchste Zeit für uns zu reagieren! Mit der entsprechenden Haltung, auch unserer Führung, können wir diesen Konflikt gewinnen.
  • Kein Schritt zurück! Es sieht so aus, als könnten Mercedes und VW der Rammbock dieser Offensive gegen tarifliche und soziale Standards werden. Sollten wir zurückweichen oder passiv bleiben, werden die Angriffe in vielen anderen, weniger gut organisierten Betrieben umso heftiger ausfallen. Wenn wir den Damm bei Mercedes und VW brechen lassen, dann wird die Flut nicht mehr aufzuhalten sein.
  • Wir wollen keine weiteren Differenzierungsklauseln im Tarifvertrag. Sinn des Flächentarifvertrags ist es, Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu vereinheitlichen und gemeinsame Kämpfe in der gesamten Branche zu ermöglichen. Deshalb ist es falsch, den Tarifvertrag durch immer neue betriebliche Abweichungsmöglichkeiten auszuhöhlen oder gar davon zu sprechen, „die interne Organisationslogik von […] Gewerkschaften [zu] überwinden.“
  • Wir brauchen echte Beteiligung statt fauler Kompromisse! Wenn wir die Kollegen in der Auseinandersetzung mitnehmen, werden sie sich nicht verraten fühlen. In einem Manager-Magazin eine gemeinsame „Agenda“ mit der Kapitalseite anzukündigen ist jedenfalls keine Basisbeteiligung. Beteiligung bedeutet auch nicht, die Belegschaft auf den Hof zu rufen, Protest zu simulieren und sie dann wieder ans Band zu schicken. Unter Beteiligung verstehen wir, dass ihr als unser Vorstand mit uns Beschäftigten in Diskussion geht und uns mitentscheiden lasst. Wir brauchen einen Platz am Tisch und nicht die Kapitalseite.
  • So bald wie möglich braucht es weiteren Protest. Deshalb freut uns, dass es am 21. September einen bundesweiten Automobil-Aktionstag geben soll. Ebenso begrüßen wir die für den 26. September angekündigten DGB-Aktionen gegen Sozialabbau.

Auf gar keinen Fall dürfen unsere Kollegen den Eindruck bekommen, unsere Gewerkschaft protestiere nur mit angezogener Handbremse. Wenn wir den Sozialabbau nicht entschlossen bekämpfen und in der Gesellschaft nicht unmissverständlich deutlich wird, dass die Gewerkschaften eine konsequente Gegenmacht zu Regierung und Kapitalseite sind, dann werden wir zwangsläufig einen weiteren Aufstieg der AfD bekommen. Mit Akzeptanz von Verschlechterungen im Rahmen einer Agenda für den Standort Deutschland tragen wir zu weiterer Unzufriedenheit in der Gesellschaft bei und fördern die Grundstimmung unter denen die AfD weiter anwachsen kann. Menschen wenden sich nicht deshalb nach rechts, weil Gewerkschaften zu kämpferisch sind, sondern weil sie den Eindruck gewinnen, dass niemand ihre sozialen Interessen konsequent vertritt. Die Vergangenheit zeigt, die AfD gewinnt ihre Stimmen nicht durch eigene Leistungen, überzeugende Ideen oder tragfähige Konzepte. Sie lebt davon, als Lautsprecher von Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit zwar keine konkrete Antwort zu formulieren, aber konsequent auf das Versagen etablierter Parteien oder Institutionen wie dem DGB hinzuweisen, um daraus politischen Profit zu schlagen. Wir hören dann immer wieder die gleich Parole: „Die IG Metall hat Euch verraten!“.

Man kann fast froh sein, dass das Handelsblatt in den meisten Betrieben kaum gelesen wird. Sollte dieser Kommentar in der Belegschaft die Runde machen, würden viele Kollegen sich in ihrer Entfremdung nur bestätigt fühlen. Als Gewerkschaft, die eine Kampforganisation sein sollte, ein gemeinsames Statement mit der Kapitalseite zu veröffentlichen ist ein schwerer Fehler. Die Angriffe der Bosse sind für uns alle spürbar – wenn wir jetzt klein beigeben, bedeutet das im Umkehrschluss direkten Zuwachs bei den Rechten. Jeder weitereStimmenzuwachs der AfD ist eine Niederlage für die gesamte Arbeiterbewegung. Können und wollen wir uns das als Gewerkschaft leisten?

Umso unverständlicher ist es, dass in diesem gemeinsamen Auftritt keinerlei Antwort darauf gegeben wird, wie eine solche gemeinsame „Agenda“ den Rechtsruck und den Mitgliederverlust auf unserer Seite aufhalten oder auch nur bremsen soll. Im Gegenteil: „Gemeinsam“ mit dem Kapital bedeutete für uns lohnabhängig Beschäftigte immer, unsere Kampfkraft abzugeben. Es heißt für unsere Gewerkschaft, ihre Unabhängigkeit an den Nagel zu hängen und sich an die Seite derjenigen zu stellen, die den Sozialabbau seit Jahren mit vorantreiben. Diesen Schritt können wir besten willens nicht gehen.

Die Aktionen Ende September müssen stärker sein, als die bisherigen und fortgeführt werden, bis die Unternehmer ihre Forderungen nach der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche vollständig zurücknehmen und die Bundesregierung ihren sozialen Kahlschlag beendet, sowie bereits beschlossene Verschlechterungen zurücknimmt. Dies glaubwürdig vertreten und unsere Kollegen für diese Forderungen mobilisieren können wir aber nur, wenn sich unsere Gewerkschaftsführung nicht gleichzeitig öffentlich an die Seite der Arbeitgeber stellt und deren Argumentation übernimmt.

Wir erleben in unserem Betrieb jeden Tag, dass wir in einer Klassengesellschaft leben. Wir erleben, dass die Interessen von uns lohnabhängig Beschäftigten und die Interessen von Unternehmensleitungen und der Regierung immer häufiger diametral gegenüberstehen. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Chance, aus diesen Konflikten gestärkt hervorzugehen. Als Gewerkschaft, die sich nicht alles gefallen lässt. Als Gewerkschaft, die wieder kämpft. Und als Gewerkschaft, die ihre Stärke aus den Betrieben und den Kollegen bezieht. Die Errungenschaften, die unzählige Kollegen vor uns hart erkämpft haben, dürfen wir uns nicht zahnlos aus der Hand nehmen lassen. Wie Willi Bleicher schon vor uns richtig erkannt hat, sind auch wir der Meinung: „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.“

Lasst uns gemeinsam und mutig in das nächste Rennen gehen – und das, ohne schon von vornherein davon auszugehen, dass wir nicht gewinnen werden. Wir sind überzeugte Gewerkschafter und engagierte Betriebsräte. Gerade deshalb melden wir uns zu Wort und wollen über den Kurs unserer gemeinsamen Organisation diskutieren. Wenn wir in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam etwas bewegen wollen, dann braucht unsere Gewerkschaft keine größere Nähe zu den Vorstandsetagen und Unternehmerverbänden. Sie braucht wieder eine stärkere Verankerung in den Betrieben, bei den Vertrauensleuten, den Betriebsräten und den Kollegen an den Bändern, in den Werkstätten und Büros.

Dort entscheidet sich letztlich die Zukunft unserer Organisation

Mit solidarischen Grüßen
IGM – Vertrauensleute und Betriebsräte in der Mercedes-Benz AG

hier der Link zum Original

Nachbemerkungen:

Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim gehört zu den traditionell kampfstärksten Betrieben der IG Metall. Unter anderem stand die Belegschaft zu meiner Zeit an vorderster Front bei der Erkämpfung der 35-Stundenwoche.

Es ist breite Rückendeckung und Unterstützung für die Positionierungen in dem zitierten Brandbrief angesagt.

siehe auch „Gewerkschaftspolitik in der Rüstungsindustrie – eine Kontroverse in der IG Metall

Bilder: Vertrauensleute IG Metall Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim

References

References
1 da der Bericht hinter einer Bezahlschranke liegt, wurde uns der Beitrag in pdf Format zur Verfügung gestellt, damit sich alle Mitglieder ein authentisches Bild machen können

Die Ausstellung „Leere Schulbänke im Iran“ kommt nach Berlin

Wann: Am 29. August 14:00 – 20:00 Uhr

Wo: Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str.4. 10405 Berlin

Im Januar 2026 erschütterten landesweite Proteste den Iran. Auf den Straßen des gesamten Landes wurden Demonstrierende von den Sicherheitskräften der Islamischen Republik getötet. Unter den Opfern befanden sich erschreckend viele Kinder und Jugendliche.

Die Lehrer*innengewerkschaften des Coordinating Council of Iranian Teachers` Trade Associations (CCITTA) spielten während dieser Proteste eine wichtige Rolle bei der Organisation des zivilgesellschaftlichen Widerstands. Sie organisierten unter anderem die Kampagne „Empty Desks“, um an die getöteten Schüler*innen zu erinnern. In diesem Rahmen wurden ihre Namen, Bilder und Lebensgeschichten gesammelt und dokumentiert, damit sie nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.

Während des Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran führte die CCITTA eine ähnliche Kampagne unter dem Motto „Abandoned Backpacks“ durch. Dabei dokumentierte sie unter anderem die Namen von mehr als einhundert Schulkindern, die Ende Februar 2026 bei der Bombardierung einer Grundschule für Mädchen in Minab durch die USA ums Leben kamen. Zudem rief sie zu Gedenkaktionen für die Opfer auf.

Am 29. August wird dazu im Haus der Demokratie die Ausstellung „Leere Schulbänke“ des Solidaritätsnetzwerkes iranischer Lehrer*innen im Exil gezeigt. Die Ausstellung besteht aus einer mehrere Meter langen Dokumentationswand, auf der hunderte Schüler*innen zu sehen sind, deren Schicksale von der CCITTA dokumentiert wurden und die entweder während der Proteste im Januar oder während des Krieges ihr Leben verloren haben.

Im Rahmen der Ausstellung werden auch iranische Kolleg*innen über die derzeitige katastrophale Lage im Bildungsbereich, die aktuelle Situation von Lehrkräften und Schüler*innen sowie die Arbeit der iranischen Gewerkschaften während des Krieges im Iran berichten. Es spricht unter anderem Esmaeil Abdi. Er war früher Generalsekretär der Teheraner

Lehrer*innengewerkschaft (ITTA). Insgesamt verbrachte er zehn Jahre in Haft, unter anderem im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran.

Veranstalter*innen:

Solidaritätsnetzwerk iranischer Lehrer*innen im Exil

Komitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen im Iran-Berlin e.V.

Iranische Aktivist*innen im Exil, Berlin

AG Internationales der GEW Berlin

Quelle: GEW Berlin , Berlin Education Workers

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