Da haut ein IG-Metall Vertrauensmann von VW Braunschweig deutlich auf den Tisch. Weitere Vertrauensleute schliessen sich ihm an!

Wer zurückweicht, wird immer weiter zurückgedrängt. Jeder Cent, auf den wir verzichten, stärkt das Kapital und wendet sich gegen uns. Unsere Dämme brechen. Keiner hat das Recht, gemeinsam beschlossene und erkämpfte Errungenschaften preiszugeben – kampflos und ohne richtige Rücksprache rund Einbeziehung der Mitglieder.

Wofür zum Teufel wurde 2024 eigentlich verzichtet?

fragt ein Mitglied der Initiative IGMvU Gruppe Braunschweig zur Volkswagen-Aufsichtsratsitzung am 03.09.2026

Titelbild: Peter Vlatten

Ich sage es jetzt so deutlich, wie ich es mittlerweile empfinde: Ich habe die Schnauze voll. Und ich schreibe das nicht als Außenstehender, sondern als IG Metall Mitglied, als Vertrauensmann und vor allem als Kollege, der jeden Tag mit den Leuten in der Halle steht und mitbekommt, wie viel Vertrauen inzwischen verloren gegangen ist. Was mich richtig wütend macht, ist nicht nur das, was Volkswagen gerade macht. Von einem Konzernvorstand erwarte ich, dass er Unternehmensinteressen verfolgt. Dafür gibt es auf der anderen Seite eine Gewerkschaft. Aber was verdammt noch mal ist aus dieser Gegenseite geworden?

Generationen von Kolleginnen und Kollegen haben gestreikt, gekämpft und teilweise, persönliche Nachteile in Kauf genommen, um Tarifverträge, bessere Entgelte, Arbeitszeitregelungen, Sonderzahlungen, Beschäftigungssicherung, Mitbestimmung und soziale Standards durchzusetzen.
Das alles wurde nicht geschenkt. Und inzwischen entsteht bei mir der Eindruck, dass diese über Jahrzehnte erkämpften Errungenschaften Stück für Stück wieder mit dem Arsch eingerissen werden. Nicht weil die Mitglieder das so beschlossen hätten. Nicht weil die Beschäftigten gesagt hätten: Nehmt uns das wieder weg. Sondern weil auf irgendwelchen oberen Ebenen entschieden wird, was den Beschäftigten als nächstes noch zugemutet werden kann.

2024 wurden bereits erhebliche Zugeständnisse gemacht. Selbst die IG Metall spricht in ihrer eigenen Darstellung von „tariflichen Zugeständnissen“.
Die eigentlich vereinbarte Entgelterhöhung von gut fünf Prozent wurde bei Volkswagen zunächstbausgesetzt. Dazu kommen Einschnitte bei weiteren tariflichen Leistungen. Das wurde mit Beschäftigungssicherung und Standortschutz begründet.

Und keine zwei Jahre später? Der nächste Zukunftsplan. Die nächsten Zehntausenden Arbeitsplätze. Rund 50.000 weitere Stellen sollen nach der Planung konzernweit weg. Und dieser Zukunftsplan wird im Aufsichtsrat einstimmig beschlossen. Da frage ich mich inzwischen ganz ernsthaft: Wofür zum Teufel wurde 2024 eigentlich verzichtet? Was war das alles wert? Wozu wurde Jahrzehnte lang etwas erkämpft, wenn in jeder neuen Krise wieder in genau diese Kiste gegriffen wird? Wie viele Errungenschaften sollen noch geopfert werden?

Und wann wird endlich einmal nicht mehr darüber verhandelt, was die Beschäftigten hergeben sollen, sondern darüber, was Vorstand, Management und diejenigen, die jahrelang Fehlentscheidungen getroffen haben, zu verantworten haben? Für mich ist das inzwischen kein Fortschritt mehr. Das ist tarifpolitischer Rückwärtsgang.

Und besonders bitter wird es beim Thema Beteiligung. In § 2 der Satzung der IG Metall steht schwarz auf weiß, dass die IG Metall die wirtschaftlichen, sozialen, beruflichen und kulturellen Interessen ihrer Mitglieder zu fördern hat. Dort steht auch, dass die Mitglieder zum gemeinsamen Handeln einbezogen werden sollen. Dort steht die Erringung und Sicherung der Mitbestimmung. Das sind die eigenen Regeln dieser Organisation.bUnd die eigene Richtlinie für Vertrauensleute wird noch deutlicher. Dort steht ausdrücklich, dass Mitglieder an der Themensetzung und Entscheidungsfindung beteiligt werden sollen. Dass Vertrauensleute die Anliegen, Meinungen und Forderungen der Mitglieder an die zuständigen Funktionsträger weitergeben sollen. Dass gewerkschaftliche Meinungs und Willensbildung von unten stattfinden soll.

Dann frage ich: Wo findet das bei Entscheidungen dieser Größenordnung eigentlich statt? Für jeden möglichen Kleinkram gibt es Befragungen, Workshops, Dialogveranstaltungen und Beteiligungsformate. Aber wenn es um Zehntausende Arbeitsplätze geht, wenn tarifliche Errungenschaften zur Disposition stehen, wenn über die Zukunft von Standorten gesprochen wird oder wenn plötzlich Rüstungsproduktion als mögliche Beschäftigungsperspektive auftaucht, dann werden die wirklich Betroffenen vor vollendete Tatsachen gestellt. Oben wird verhandelt. Oben wird entschieden. Unten wird anschließend erklärt. Das ist für mich keine Beteiligung. Das ist Beteiligung als Staffage. Und genau dafür bin ich nicht Vertrauensmann geworden.

§ 14 Ziffer 4 der eigenen Satzung weist dem Ortsvorstand ausdrücklich Aufgaben bei Vertrauenskörpern, Mitgliederversammlungen und Tarifbewegungen zu.

§ 15 bezeichnet die Delegiertenversammlung sogar ausdrücklich als beschlussfassendes Organ der Geschäftsstelle. Die Strukturen, um Mitgliederinteressen von unten nach oben zu tragen, existieren also. Dann benutzt sie verdammt noch mal bei den Fragen, bei denen es wirklich um
etwas geht. Ich verlange keine Urabstimmung über jeden Satz einer Aufsichtsratssitzung. Aber ich verlange, dass eine Mitgliederorganisation ihre Mitglieder bei existenziellen Richtungsentscheidungen nicht zu Zuschauern degradiert. Denn genau so fühlt es sich inzwischen an. Die Mitglieder dürfen Beiträge bezahlen. Die Beschäftigten dürfen verzichten. Die Belegschaften dürfen Produktivität liefern. Die Leute in den Hallen dürfen mit immer weniger Personal immer mehr auffangen. Und wenn es richtig ernst wird, dürfen dieselben Leute hinterher erfahren, was irgendwo über ihren Köpfen ausgehandelt wurde. Das kann nicht der Anspruch einer Gewerkschaft sein. Besonders grotesk wird es, wenn vorher öffentlich rote Linien gezogen werden.

Weitere 50.000 Stellen? Nicht akzeptabel. Werksschließungen? Rote Linie. Und was passiert danach? Der Aufsichtsrat stimmt dem Zukunftsplan einstimmig zu und darin steht die Größenordnung von rund 50.000 weiteren abzubauenden Stellen. Danach heißt es plötzlich, die konkrete Umsetzung sei ja noch gar nicht entschieden. Entschuldigung, aber irgendwann reicht es mit dieser Wortklauberei. Natürlich ist noch nicht entschieden, welcher konkrete Arbeitsplatz wann und wo betroffen sein wird. Aber die Richtung wurde beschlossen. Und die Kolleginnen und Kollegen sind nicht bescheuert. Sie verstehen sehr genau den Unterschied zwischen „es ist noch nichts entschieden“ und „die grundsätzliche Richtung ist beschlossen, über die Verteilung reden wir später“.

Ich lasse mich jedenfalls nicht mehr für dumm verkaufen. Und ich werde das auch den Kolleginnen und Kollegen nicht schönreden. Ich bin Vertrauensmann und kein Vertriebler für Entscheidungen von oben. Meine Aufgabe besteht nicht darin, eine fertige Kröte entgegenzunehmen, sie den Kollegen hübsch anzurichten und anschließend zu erklären, warum sie eigentlich ganz gut schmeckt. Meine Aufgabe ist genau andersherum. Ich soll das, was die Mitglieder denken, wollen und fordern, nach oben tragen. So steht es sogar in der eigenen Vertrauensleute Richtlinie. Und genau das mache ich hiermit. Dann ist da noch die Rüstungsfrage. Auch da lohnt sich ein Blick in die eigene Satzung.

§ 2. Frieden. Abrüstung. Völkerverständigung. Dort steht sogar ausdrücklich die Demokratisierung der Wirtschaft unter Fernhaltung militaristischer Elemente. Das habe nicht ich erfunden. Das steht in der Satzung der IG Metall. Und gleichzeitig wird heute darüber gesprochen, ob Rüstungsproduktion eine Perspektive für Arbeitsplätze in der Automobilindustrie sein könnte. Dann will ich eine verdammt klare Antwort darauf haben, wie das zusammenpasst. Man kann nicht „Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung“ in seine Satzung schreiben und anschließend so tun, als wäre die Frage nach Rüstungsproduktion lediglich eine industriepolitische Geschäftsentscheidung. Das ist eine Grundsatzfrage.

Vielleicht hat sich die politische Haltung der IG Metall dazu verändert. Kann sein. Aber dann soll man das den Mitgliedern offen sagen. Dann soll darüber diskutiert werden. Dann sollen diejenigen einbezogen werden, denen diese Gewerkschaft gehört. Und dann soll man nicht jahrzehntelang geltende Grundsätze stillschweigend verbiegen, sobald sich damit irgendwo Arbeitsplätze sichern lassen. Arbeitsplätze sind wichtig. Natürlich. Aber wenn Arbeitsplatzsicherung irgendwann das einzige Argument ist, mit dem alles gerechtfertigt werden kann, dann braucht man auch keine politischen und
gesellschaftlichen Grundsätze mehr in die Satzung zu schreiben. Dann kann man § 2 auch gleich streichen.

Genau das meine ich mit Glaubwürdigkeit. Entweder Grundsätze gelten auch dann, wenn es schwierig und unbequem wird. Oder es sind keine Grundsätze. Dann sind es Sonntagsreden. Und dasselbe gilt für die Tarifpolitik.

Entweder erkämpfte Rechte haben einen Wert. Oder sie sind nur die Verhandlungsmasse für die nächste Krise. Entweder Mitgliederbeteiligung ist ernst gemeint. Oder die Mitglieder sind nur dann gefragt, wenn ihre Zustimmung gerade politisch gut aussieht. Entweder Vertrauensleute sollen die Stimme der Basis sein. Oder sie sollen fertige Entscheidungen nach unten verkaufen. Beides gleichzeitig funktioniert nicht. Und deshalb habe ich inzwischen ein massives Problem damit, wie diese Gewerkschaft auf höchster Ebene agiert.

Nicht mit den Kolleginnen und Kollegen in der IG Metall. Nicht mit den vielen Vertrauensleuten und Betriebsräten, die jeden Tag ihren Arsch
hinhalten. Sondern mit einer Politik, bei der die Entfernung zwischen Funktionärsebene und Werkhalle offensichtlich immer größer wird.
Eine Gewerkschaft ist kein Vorstand. Keine Pressestelle. Kein Aufsichtsratsmandat. Keine Funktionärsebene. Eine Gewerkschaft sind ihre Mitglieder.
Punkt. Und wer das vergisst, darf sich irgendwann nicht darüber wundern, wenn genau diese Mitglieder fragen, wofür sie eigentlich noch jeden Monat ihren Beitrag bezahlen.

Ich stelle mir diese Frage mittlerweile auch. Nicht weil ich die Idee Gewerkschaft aufgegeben habe. Ganz im Gegenteil. Weil mir Gewerkschaft zu wichtig ist, um schweigend dabei zuzusehen, wie Vertrauen verspielt und jahrzehntelang Erkämpftes Stück für Stück wieder abgegeben wird. Ich will keine Hochglanzbroschüren darüber lesen, was alles verhindert wurde.

Ich will wissen, was tatsächlich verteidigt wird. Ich will wissen, wo die verdammte Grenze ist. Ich will wissen, welche Errungenschaft nicht zur Verhandlungsmasse wird. Ich will wissen, wann Mitglieder bei den großen Fragen wirklich etwas zu sagen haben. Und ich will wissen, wie eine Gewerkschaft, die sich laut eigener Satzung für Frieden und Abrüstung einsetzt, Rüstungsproduktion als Beschäftigungsperspektive mit ihren
eigenen Grundsätzen vereinbaren will.

Darauf erwarte ich Antworten. Keine Kommunikation. Keine Sprachregelung. Keine Erklärung, warum alles alternativlos gewesen sei. Antworten. Denn ich bin nicht mehr bereit, den nächsten Rückschritt als Erfolg verkauft zu bekommen, nur weil der ursprüngliche Angriff noch schlimmer gewesen wäre. Jahrzehntelang wurde gekämpft, damit Beschäftigte Schritt für Schritt nach vorne kommen. Wenn Gewerkschaft heute hauptsächlich darin besteht, auszuhandeln, wie viele dieser Schritte wieder zurückgegangen werden dürfen, dann läuft etwas gewaltig falsch. Und irgendwann muss jemand das auch genauso aussprechen. Ich tue es hiermit. Es reicht.

Christian „Schulle“ Schulze (IG Metall Mitglied und Vertrauensmann, Initiative IGMvU Gruppe Braunschweig) vom 5.9.2026

Es schließen sich an:

  • Michael Werner, ehem.Vertrauensmensch und Bandarbeiter Halle 8, Werk Wolfsburg
  • Thorsten Donnermeier IGM Vertrauensmann VW KS
  • Hıdır Budak, VW Baunatal, Vertrauensmann
  • Majuran Srisegaran, IGM Vertrauensmann, VW Braunschweig

    Der Offene Brief wird veröffentlicht im LabourNet Germany im Dossier: Kahlschlag bei VW
    ab 2024? Autobauer plant Kürzungen in Milliardenhöhe, um „Effizienz“ zu steigern.

VW: Danke für nix

Die Einigung über das Kürzungsprogramm für Volkswagen ist sehr schlecht für die Beschäftigten und ein Schlag gegen die Mitbestimmung. Ein Kommentar.

Von STEPHAN KRULL

Titelbild: IG Metall Wolfsburg

Der einstimmige Beschluss des VW-Aufsichtsrats ist ein Schlag gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter. »Die drohenden Schließungen sind zunächst vom Tisch – die Unsicherheit für die Beschäftigten und die Standorte bleibt aber. Klare und verlässliche Perspektiven fehlen weiterhin«, so Hannovers grüner Oberbürgermeister Belit Onay. Er hat recht und ist nicht allein, wenn er sagt: »Es darf nicht sein, dass die Beschäftigten am Ende die Fehler des Managements ausbaden müssen, während das Management mit seinen Beschlüssen einfach durchmarschiert.«

Trotz des lauten Widerspruchs der IG Metall zuvor wurde einstimmig im Aufsichtsrat beschlossen, dass 50 000 weitere Arbeitsplätze abgebaut werden, dass mit weniger Beschäftigten mehr Autos (900 000 pro Jahr) in den Markt gedrückt werden sollen, dass die Investitionen gekürzt werden, dass die Umsatzrendite auf neun Prozent erhöht werden soll. Der Betriebsrat erklärt, dass die Lasten »nicht einseitig« von den Arbeiterinnen und Arbeitern zu tragen seien. Aber wenn der Profit auf über 30 Milliarden Euro pro Jahr steigen soll, dann ist die Lastenverteilung in dem Beschluss schon sehr einseitig festgelegt. Das ist das zweite Mal nach dem Tarifabschluss vom Dezember 2024 mit Lohnsenkung und Arbeitszeitverlängerung: ein kräftiger Aderlass seitens der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und wenn Betriebsrat und IG Metall erklären, keine Werksschließung sei »besiegelt«, so gilt dies nur unter der Voraussetzung, dass die Kosten drastisch reduziert werden. 

Angesichts der Konkurrenz aus China und der Marktentwicklung ist absehbar, dass das nicht funktionieren kann. Die Kosten pro Fahrzeug, zum Beispiel im Werk in Hannover, sind wegen der Unterauslastung so hoch. Und die Unterauslastung gibt es, weil der Vorstand die Produktion des VW Bulli in die Türkei verlagert hat. So fehlen für mehrere Werke Perspektiven, und weder die IG Metall noch der Betriebsrat denken über etwas anderes nach als Autos, Autos und nochmals Autos. Und wenn es mit denen nicht mehr klappt, denken sie, wie SPD-Ministerpräsident und Aufsichtsratsmitglied Olaf Lies, an Rüstungsproduktion. 

Nach Darstellung von Betriebsrat und IG Metall haben sie gemeinsam mit dem Land Niedersachsen eine »gefährliche Eskalation des Konflikts« verhindert. Dafür hätten sich alle Beteiligten aufeinander zu bewegt. Doch noch vor zwei Wochen kritisierte Christiane Benner, die Vorsitzende der IG Metall, die Renditeziele des Vorstandes als »Wolkenkuckucksheim«. Nun hat das Wolkenkuckucksheim mit ihrer Zustimmung gewonnen: Der Wahnsinn hat Methode. 

Bald wird sichtbar werden, dass dieser Abschluss auch ein Schlag gegen den Betriebsrat und die IG Metall sowie ein Angriff auf die Mitbestimmung ist. Als vor ein paar Tagen ein Betriebsrat bei einer Veranstaltung zur Krise der Autoindustrie ehrlich erklärte, dass innerhalb von Betriebsrat und IG Metall nicht über Alternativen zur Autoproduktion nachgedacht werde, äußerte sich ein anwesender Ingenieur tief enttäuscht: »Wenn wir eingeladen werden, etwas anderes als Autos zu entwickeln und zu konstruieren, melden sich sofort alle Kolleginnen und Kollegen.« 

Alle bei Volkswagen und in der Autoindustrie wissen, dass es so nicht weitergehen kann, und sind wütend, verzweifelt und frustriert, dass es mit verschärfter Konkurrenz doch weitergehen soll zum Nachteil von Menschen, Kommunen und der Natur. Die schnelle und widerstandslose Zustimmung zu dieser Unternehmensplanung löst kein Problem bei Volkswagen, verschärft aber die Konkurrenz und feuert die Klimakatastrophe weiter an. Die VW-Beschäftigten sagen zum zweiten Mal in kurzer Zeit: »Danke für nix.«

Erstveröffentlicht im nd v. 4.9. 2026
Danke für nix

Wir danken für das Publikationsrecht.

Aktuelle Erklärung der baskischen Gewerkschaft LAB zu Volkswagen!

Die baskische Gewerkschaft LAB bekennt sich angesichts der aktuellen „Kapitaloffensive“ zur internationlen Solidarität und zum gemeinsamen gewerkschaftlichen Kampf bei VW über Ländergrenzen hinweg. Wir fügen hinzu: wer sich dem Diktat des VW Vorstands beugt, wird nichts gewinnen, hat nur eine Perspektive: die nächste Angriffswelle. LAB erklärte am 3.September 20226

„Wir von LAB möchten unsere Solidarität und Unterstützung für die Volkswagen-Arbeiter in Deutschland zum Ausdruck bringen, die gegen die Pläne des Konzernmanagements protestieren, Arbeitsplätze abzubauen, Werke umzustrukturieren und die Zukunft von Tausenden von Arbeitsplätzen zu gefährden.

Wir stehen weder vor einer einfachen Unternehmensanpassung noch einer isolierten Entscheidung von Volkswagen. Wir stehen vor einer neuen Offensive des Kapitals, das darauf abzielt, die Arbeiterklasse dazu zu bringen, die Kosten der Widersprüche eines Industriemodells zu tragen, das auf Rentabilität, Wettbewerb und der Anhäufung von Gewinnen basiert.

Seit Jahrzehnten organisieren große multinationale Konzerne die Produktion auf internationaler Ebene und suchen ständig nach niedrigeren Kosten, höheren Gewinnen und besseren Bedingungen für den Wettbewerb. Europas große Automobilunternehmen haben weit weniger investiert als ihre globalen Wettbewerber und höhere Gewinne erzielt. Jetzt wollen sie, dass die Arbeiterklasse den Preis für dieselbe Strategie zahlt.

Volkswagen ist ein multinationales Unternehmen mit einem umfangreichen Produktionsnetzwerk in ganz Europa. Seine Anlagen sind über Produktionsketten, Investitionen, Modelle und Komponenten miteinander verbunden. Daher können Entscheidungen, die in Deutschland getroffen werden, direkte Auswirkungen auf andere Werke innerhalb des Konzerns haben, darunter Volkswagen Navarra in Landaben.

Kapital kann von einem Territorium zum anderen wechseln, die Kosten vergleichen und entscheiden, wo es investieren soll. Die Arbeitnehmer müssen genau das Gegenteil tun: sich über Grenzen hinweg organisieren und koordinieren. Wir wollen keinen Wettbewerb zwischen Deutschland und dem Baskenland oder zwischen dem Baskenland und anderen europäischen Gebieten darüber, wer bereit ist, schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, um die Produktion zu halten.

Volkswagen Navarra zu verteidigen bedeutet auch, alle Werke und Arbeitskräfte im gesamten Konzern zu verteidigen. Und die Verteidigung der deutschen Arbeiterklasse muss unsere Solidarität beinhalten.

Die Situation bei Volkswagen ist Teil einer tieferen Krise, die die europäische Industrie betrifft. Die Europäische Union spricht von strategischer Autonomie, Energiewende, Reindustrialisierung und Wettbewerbsfähigkeit. Doch während riesige Mengen an öffentlichen Ressourcen für die Unterstützung großer Unternehmen eingesetzt werden, wird von der Arbeiterklasse erwartet, dass sie die Last der Entlassungen, der Unsicherheit und des Verlusts von Rechten trägt.

Bei LAB befürworten wir eine radikal andere industrielle Transformation. Der Energie- und Technologiewandel kann nicht als Vorwand genutzt werden, um Arbeitsplätze zu zerstören oder Industriekapazitäten abzubauen. Die Transformation der Industrie muss zusammen mit der Arbeiterklasse durchgeführt werden, die menschenwürdige Beschäftigung, Arbeitnehmerrechte und soziale Kontrolle über strategische Entscheidungen gewährleistet.

Wir brauchen industrielle Souveränität und die Fähigkeit zu entscheiden, was wir produzieren, wie wir sie produzieren und welchem Zweck die Produktion dient. Die Industrie kann nicht ausschließlich den Bedürfnissen der Märkte und Aktionäre untergeordnet werden.

Wir akzeptieren nicht, dass die Aufrüstung und Militarisierung der Wirtschaft als Ausweg aus der europäischen Industriekrise dargestellt wird. Die Arbeitnehmer sollten sich nicht zwischen Arbeitslosigkeit und Kriegsführung entscheiden müssen. Die Reaktion auf die Industriekrise kann nicht darin bestehen, zivile Fabriken und Produktionskapazitäten zu transformieren, um ein Wettrüsten anzuheizen, von dem vor allem die großen wirtschaftlichen und militärischen Interessen profitieren.

Wir wollen eine Industrie, die darauf ausgerichtet ist, die Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen, menschenwürdige Arbeitsplätze zu garantieren und eine nachhaltige Zukunft aufzubauen, nicht eine Wirtschaft, die dem Krieg und den Profiten großer Unternehmen untergeordnet ist.

Daher fordern wir:

  • Die Beibehaltung aller Arbeitsplätze und Volkswagen Werke.
  • Ein Ende der Schließungen, Entlassungen und Umsiedlungen.
  • Die Verteidigung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in allen Werken der Gruppe.
  • Ein Ende des Wettbewerbs zwischen Arbeitern, Umwelt und Stamndorten.
  • Eine Industriepolitik, die eine stabile, qualitativ hochwertige Beschäftigung garantiert.
  • Einen gerechten technologischen und energiewirtschaftlichen Wandel, der nicht auf Kosten der Arbeiterklasse erfolgt.
  • Ablehnung der Militarisierung der Industrie und der Umwandlung der Zivilwirtschaft in eine Kriegswirtschaft.

Titelbild: LAB

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