Bundesrepublik Sparta

Das Konzept einer eigenständigen imperialistischen europäischen Großmacht unter deutscher Führung gewinnt kräftig an Konturen. Wer eins und eins zusammenzählt erkennt, dass „kriegstüchtig“ letztlich „angriffstüchtig“ bedeutet und uns alle in eine neue Gefahrenzone hievt. Die Hauptverantwortlichen dafür sitzen hier, im eigenen Land, und nirgends sonst. (Peter Vlatten)

Bundesrepublik Sparta

12.05.26 – Berlin – GERMAN-FOREIGN-POLICY.com

Deutsche Rüstungsstrategen legen ein Konzeptpapier für eine von den USA unabhängige Hochrüstung vor („Sparta 2.0“). Kosten: 500 Milliarden Euro. „Weitgehende Autonomie“ sei in fünf bis zehn Jahren zu erreichen.

Deutsche Rüstungsstrategen legen unter dem Titel „Sparta 2.0“ ein Konzeptpapier für eine von den USA unabhängige Aufrüstung Deutschlands und Europas vor. Wie die Autoren des Papiers konstatieren, ist aktuell „kein europäischer Kampfeinsatz“ ohne „Software oder Systeme“ aus den Vereinigten Staaten sowie die entsprechende Freigabe durch Washington denkbar. Aus der Abhängigkeit könnten die europäischen Staaten aber in wenigen Jahren entkommen, heißt es in dem Papier; erforderlich seien neben dem politischen Willen Mittel im Wert von 500 Milliarden Euro im ersten Jahrzehnt. Das sei finanzierbar, urteilen die Autoren. Sie identifizieren insbesondere zehn „Fähigkeitslücken“, darunter einige wie etwa die Massenproduktion von Drohnen und der Aufbau von Satellitenkonstellationen, an denen deutsche Unternehmen bereits arbeiten. Der Weg zur „Verteidigungsautonomie“ Europas gehe über „den Einsatz der finanziellen und industriellen Ressourcen Deutschlands“, stellen die Autoren fest. Sie verkörpern die immer engere Verflechtung der deutschen Politik sowie ihrer Denkfabriken mit Rüstungsunternehmen. Besonders intensive Verquickungen bestehen zur boomenden Drohnenindustrie.

Sparta 2.0

Das neue „Sparta 2.0“-Papier, das sich erklärtermaßen an „deutsche und europäische Entscheidungsträger“ richtet, diagnostiziert zunächst schwerwiegende Mängel im Stand der Aufrüstung in Deutschland und Europa. Obwohl die europäischen Staaten inzwischen Mittel im Wert von 60 Prozent des US-Militärhaushalts in ihre Streitkräfte steckten, blieben sie „militärisch auf allen Ebenen“ von den Vereinigten Staaten abhängig, heißt es in dem Papier. Dabei durchziehe die Abhängigkeit „nicht nur einzelne Waffensysteme, sondern letztlich die gesamte Wirkkette – von der satellitengestützten Aufklärung über die Feuerleitung bis zum Gefechtsfeld“.[1] Trocken urteilen die Autoren: „Kein europäischer Kampfeinsatz ist aktuell ohne Freigabe, Software oder Systeme“ der USA denkbar. Ohne wirkliche „Kursänderung“ werde in den kommenden Jahren „das Missverhältnis zwischen dem finanziellen Input Europas und den militärischen Fähigkeiten weiter zunehmen“. Eine „Kursänderung“ aber sei durchaus möglich. Europa habe „mit dem zweithöchsten Verteidigungsbudget weltweit und einer wettbewerbsfähigen Industrie- und Technologiebasis“ alle nötigen Voraussetzungen dafür. Man müsse die Erreichung rüstungsindustrieller Eigenständigkeit als Europas „Manhattan Project“ begreifen.[2]

Fähigkeitslücken

„Sparta 2.0“ listet zehn „strategische Fähigkeitslücken“ auf, in denen „die Abhängigkeiten Europas kritisch“ seien; sie durch die Entwicklung deutscher bzw. europäischer Fähigkeiten zu füllen sei eine „strategische Notwendigkeit“. In mehreren Fällen sind besonders deutsche Rüstungskonzerne bereits mit einschlägigen Anstrengungen befasst. Das gilt zum Beispiel für „skalierte autonome Systeme“ – die Massenproduktion von Drohnen jeglicher Art [3] – und für die „Luftverteidigung“ [4]. Auch am „Aufbau einer europäischen Satellitenkonstellation“ [5] und an der Produktion „kleine[r] und mittlere[r] Trägerraketen“ für den Transport von Satelliten ins Weltall [6] arbeiten deutsche Unternehmen bereits. Entwicklung und Fertigung „weitreichender Präzisionswaffen“ sind in multinationaler Kooperation angestoßen worden [7]. Anderes fehlt noch, etwa der Aufbau „eines resilienten Führungs- und Kontrollsystems“ und der Aufbau „einer souveränen europäischen Daten- und KI-Infrastruktur“. Die Autoren des Papiers halten fest, dass neben den zehn „Fähigkeitslücken“ noch weitere „Engpässe“ bestehen, etwa „Munitionsknappheit“ oder Probleme in der Sanitätslogistik. Diese müssten im bestehenden Rahmen der Streitkräfte beziehungsweise der Rüstungsindustrie Europas gelöst werden.

Kern der Militärmacht Europa

Konkrete Angaben macht „Sparta 2.0“ zum zeitlichen und zum finanziellen Rahmen. So sei „substanzieller Fortschritt hin zu eigenständiger europäischer Handlungsfähigkeit“ in drei bis fünf Jahren realistisch. „Weitgehende Autonomie“ könne man „in den meisten Bereichen“ in fünf bis zehn Jahren erreichen. Die Kosten beziffern die Autoren auf 150 bis 200 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030; im gesamten Jahrzehnt bis zur Erreichung weitgehender Autonomie würden rund 500 Milliarden Euro benötigt. Das seien rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Für die Staaten der EU plus Großbritannien und Norwegen gehe es damit um gut 0,25 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung: Das sei finanzierbar. Vorgehen solle man dabei in einer „Coalition of the Willing“ – in der Praxis „mit den Staaten Mittelosteuropas und Skandinaviens sowie mit den klassischen Partnern in Westeuropa und Großbritannien“. Das Papier berücksichtigt explizit die Tatsache, dass die Bundesrepublik ihr Militärbudget weitaus stärker aufstockt als die anderen Staaten Europas – auf 150, laut Angaben von „Sparta 2.0“ sogar 160 Milliarden Euro. Deshalb führe „der Weg zu europäischer Verteidigungsautonomie“ auch „zwangsläufig über den den Einsatz der finanziellen und industriellen Ressourcen Deutschlands“. Die Bundesrepublik wird damit zum Kern einer künftigen Militärmacht Europa.

Verflochten mit der Rüstungsindustrie

Vier der fünf Verfasser des Konzepts „Sparta 2.0“ haben bereits im März 2025 ein Papier publiziert, in dem sie in ähnlicher Weise eine eigenständige deutsch-europäische Aufrüstung forderten – mit dem Ziel, von den Vereinigten Staaten unabhängig zu werden. An ihnen lässt sich die zunehmende Verflechtung staatlicher Stellen und führender Denkfabriken mit der Rüstungsindustrie ablesen. Thomas Enders etwa, Major der Reserve, war lange Zeit Chef des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Airbus, bevor er im Jahr 2019 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) wurde. René Obermann wiederum, Ex-Telekom-Chef, ist zur Zeit Airbus-Verwaltungsratschef und soll im nächsten Jahr Aufsichtsratschef des Softwarekonzerns SAP werden, der seit Februar einen Defense Innovation Hub in München unterhält. Jeanette zu Fürstenberg, Startup-Investorin, ist Europachefin der Silicon Valley-Risikokapitalfirma General Catalyst. Moritz Schularick amtiert als Präsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Neu zu den Autoren gestoßen ist Nico Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz. Lange, Obermann und Schularick bilden gemeinsam mit Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart einen eigens gegründeten Beraterkreis im Bundeswirtschaftsministerium für den Hochlauf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Deutschlands Startup Nr. 1

Zwei der fünf Autoren sind zudem unmittelbar mit der im Aufbau begriffenen deutschen Drohnenindustrie verquickt: Fürstenberg gehörte zu den ersten Investoren der im Jahr 2021 gegründeten Drohnenfirma Helsing, in deren Aufsichtsrat seit 2022 Enders vertreten ist. Einer der drei Gründer von Helsing, Gundbert Scherf, war 2014 als Mitarbeiter der Beratungsfirma McKinsey ins Bundesverteidigungsministerium entsandt worden, wo er bis 2016 unter Ministerin Ursula von der Leyen als Beauftragter Strategische Steuerung Rüstung tätig war. Mit den McKinsey-Seilschaften, die damals sehr aktiv waren, befasste sich später ein Untersuchungsausschuss des Bundestags.[8] Helsing hat unlängst – neben Stark Defence – den Auftrag zur Fertigung von Drohnen für die Bundeswehr im Wert von zunächst 270 Millionen Euro erhalten; der Auftrag kann später auf 1,5 Milliarden Euro erhöht werden.[9] Helsing ist unter anderem auch mit der Entwicklung des ersten unbemannten Kampfjets aus deutscher Produktion befasst. In Kürze will das Startup eine neue Finanzierungsrunde mit Neuinvestitionen von 1,2 Milliarden Euro durchführen, mehr als sämtliche anderen Startups aus der Bundesrepublik. Helsing würde dadurch zum mit 18 Milliarden Euro wertvollsten deutschen Startup überhaupt.[10]

Wir danken für das Publikationsrecht. Der Beitrag ist am 7.Mai 2026 bei German Foreign Policy erschienen

TITELBILD: Collage Peter Vlatten

Geld für den Kiez statt für die Rüstung – Protest gegen Hauptversammlung Rheinmetall

Proteste in Düsseldorf und Berlin gegen Rhein­metall-Haupt­versammlung

Peter Nowak, nd 13.05.2026

Auch in diesem Jahr hat Rheinmetall seine Hauptversammlung am 12. Mai wieder nur virtuell abgehalten. Gegen das Treffen des Rüstungskonzerns protestieren Antimilitarist*innen in zwei Städten. Am Dienstag, fünf vor zwölf, vor der Rheinmetall-Zentrale in Düsseldorf forderten sie ein Ende der Profite mit Rüstung, den Stopp von Rüstungsexporten sowie einen Umbau von der Militär- zur zivilen Produktion.

»Es darf nicht sein, dass der Staat durch Aufträge und Einflussnahme die Expansion von Rüstungskonzernen wie Rheinmetall unterstützt, ohne verbindliche Grenzen für Kriegsgeschäfte zu ziehen«, sagte Yannick Kiesel von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG-VK). Die antimilitaristische Organisation hat gemeinsam mit der Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen (ICAN) die Protestaktion in Düsseldorf organisiert.

In Berlin rief ein antimilitaristisches Bündnis am Dienstagnachmittag zu einer Protestkundgebung vor dem neuen Rheinmetall-Werk in Wedding auf. Bis vor wenigen Monaten wurden dort noch Autozubehörteile hergestellt. Jetzt soll dort Rüstung produziert werden.

In den letzten Monaten hatten sich an diesem Werk schon zahlreiche antimilitaristische Proteste entzündet. Es gab mehrere Demonstrationen und Dachbesetzungen. Mehrere Stadtteilinitiativen informieren die Weddinger Bevölkerung darüber, dass ein Rüstungskonzern mitten in einem Wohngebiet entstehen soll und auch die Bewohner*innen gefährdet. Viele Anwohner*innen reagieren erschrocken. Manche beteiligen sich auch an den Protesten.

In den letzten Monaten hatten sich an diesem Werk schon zahlreiche antimilitaristische Proteste entzündet. Es gab mehrere Demonstrationen und Dachbesetzungen. Mehrere Stadtteilinitiativen informieren die Weddinger Bevölkerung darüber, dass ein Rüstungskonzern mitten in einem Wohngebiet entstehen soll und auch die Bewohnerinnen gefährdet. Viele Anwohnerinnen reagieren erschrocken. Manche beteiligen sich auch an den Protesten.

Zu der kurzfristig organisierten Kundgebung am Dienstag kamen etwa 70 Personen. Sie trugen Schilder mit der Aufschrift »Geld für den Kiez statt für die Rüstung«. Ein junger Mann war mit einer weißen Fahne gekommen. »Damit will ich ausdrücken, dass ich immer für Verhandlungen statt Krieg bin«, erklärte er.

»Rüstung ist weder intelligent, nachhaltig noch zukunftsorientiert« Lars Hirsekorn Betriebsrat VW Braunschweig

Eine Grußadresse kam vom VW-Betriebsrat Lars Hirsekorn aus Braunschweig. Er schilderte, wie ihm angesichts der Klimakrise Zweifel an der Autoproduktion kamen und er Mitstreiter*innen fand: »Nachdem ich mich damit beschäftigt habe, welche Auswirkungen die massenhafte Produktion von Autos hat, habe ich Vorschläge gemacht, was wir sonst alles produzieren könnten. Glücklicherweise waren da auch eine ganze Reihe Aktive aus der Klimabewegung nach Wolfsburg gekommen, und wir konnten gemeinsam Ideen erarbeiten.«

Doch das Management erklärte stets, solche Pläne seien nicht umsetzbar. Umso wütender macht Hirsekorn, dass der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume jetzt die Rüstungsindustrie in die Region Braunschweig-Wolfsburg-Salzgitter holen will. »Rüstung ist weder intelligent, nachhaltig noch zukunftsorientiert«, betont Hirsekorn.

Er hat mit weiteren Kolleg*innen aus dem VW-Betriebsrat und den Vertrauensleuten eine Unterschriftenaktion unter dem Motto »Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft« initiiert. »Aufrüstung und Kriegswirtschaft sind gegen die Interessen der Kolleginnen und Kollegen und unserer Familien und widersprechen unseren gewerkschaftlichen Zielen«, heißt es dort.

Mit der Unterschriftenaktion soll auch die Debatte innerhalb der IG Metall entfacht werden. Dort gibt es starke Befürworter*innen des Rüstungskeynesianismus. In den nächsten Wochen wird es weitere Proteste gegen Rheinmetall im Wedding geben. Am 10. und 11. Juli sind in Berlin Aktionstage geplant. Es soll Informationsveranstaltungen, Konzerte, aber auch unterschiedliche Protestaktionen gegen den Rüstungskonzern geben.

Wir danken für das Publikationsrecht. Hier der link zum Originalartikel bei nd.

Bitte Vormerken: 10. und 11. Juli 2026

Zwei ganze Tage ein vielfältiges Programm mit bundesweiter Demonstration gegen Kriegskurs, Wehrpflicht und den Wiederaufbau eines militärisch-industriellen Komplexes in Deutschland!

Save the date

Titelbild: Peter Vlatten

DGB-Kongress: Mit Antimilitarismus gegen den Mainstream

Gewerkschaftslinke wollen Positionierung pro Sozialstaat und gegen Kriegswirtschaft. DGB-Spitze gegen Wehrpflicht, aber mit Verständnis für Aufrüstung

Von CLAUDIA WANGERIN

Titelbild: Friedenspolitisch aktive Gewerkschafter vermittelten dem Bundeskanzler am Dienstag bei seinem Eintreffen am Tagungshotel des DGB in Berlin, was sie von Wehrdienst und Co. halten. Claudia Wangerin

Das Thema Aufrüstung hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) noch in seinem Aufruf zum 1. Mai vollständig ausgeblendet – obwohl es als vermeintlicher Sachzwang zu den Hauptargumenten der Bundesregierung für den laufenden Sozialabbau zählt. Nicht nur deshalb bleibt das Thema innerhalb der Gewerkschaften konfliktträchtig. Es hängen viele Arbeitsplätze daran, wie manche IG-Metall-Funktionäre betonen. Doch nicht alle an der Basis sorgen sich nur um ihre Jobs.

Dass der DGB eine klare Position gegen Aufrüstung und Militarisierung vertreten müsste, finden friedenspolitisch Aktive, die sich während des noch bis Mittwoch andauernden 23. DGB-Bundeskongresses vor dem Tagungshotel Estrel in Berlin postiert haben. Am Dienstagmorgen empfingen einige von ihnen auch den Bundeskanzler beim Eintreffen zu seiner Rede vor den Delegierten mit Protest – und zwar mit einem großen Banner, auf dem die Parole »Merz, stirb doch selber an der Ostfront« stand.

Die Polizei schritt nicht ein, während sie in München am vergangenen Freitag Teilnehmende des Schulstreiks gegen Wehrpflicht hart gegen junge Menschen vorgegangen war, die Plakate mit diesem Spruch hochgehalten hatten. Gegen eine 20-Jährige wird deshalb wegen des Vorwurfs der Beleidigung ermittelt.

Vor dem Berliner DGB-Tagungsort werden derweil immer wieder Reden gehalten. »Wer uns im Licht der Vernichtung Hunderttausender Arbeitsplätze Jobs in der Rüstungsindustrie verspricht, versucht auf zynische und niederträchtige Weise, die Ängste der Kolleginnen und Kollegen auszunutzen«, sagt Carsten vom Friedenskomitee der Snop Automotive Artern GmbH am Infostand der Initiative »Sagt Nein« vor dem Hotel.

Immer seien es die einfachen Leute gewesen, die Krieg durch Rüstungsproduktion vorbereiteten, um dann in den Schützengräben zu verbluten. »Wir sind Arbeiter, wir produzieren Gebrauchswerte und keine Mordwerkzeuge.« Wie viele in der Belegschaft so denken? »Wir sind sechs von 95«, sagt Carsten, der beim Vornamen bleiben will, auf Nachfrage. Anfeindungen seien aber selten: »Viele sagen eher: Da kann man sowieso nichts machen.« Es gehöre eben Mut dazu.

Am Infostand vor dem Kongresshotel haben sich am Sonntag rund 50 Gewerkschaftslinke versammelt, unter ihnen der Braunschweiger VW-Betriebsrat Lars Hirsekorn, der sich die Umstellung der Industrie auf eine klimafreundliche Verkehrswende statt auf Kriegswirtschaft wünscht. Mit dabei ist auch Nadine, Physiotherapeutin und ver.di-Mitglied aus München. Sie betont in ihrer Rede, dass Pflegekräfte, Ärztinnen und Therapeuten sich nicht für Gesundheitsberufe entschieden hätten, um »Menschen für die Front zusammenzuflicken und sie als Invaliden halbwegs lebenstauglich zu halten und in Dauerschleife Totenscheine auszustellen«.

»Streikbereit statt kriegstüchtig« steht auf einem Transparent und »Sagt Nein – Gewerkschafter*innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden« vor dem Hotel. Die Schulstreiks gegen Wehrpflicht sind für viele hier ein Lichtblick. Verteilt wird auch eine Kongresszeitung, in der vor der Vertagung wichtiger Diskussionen gewarnt wird. Der DGB stehe vor einer Richtungsentscheidung: Sozialstaat oder Kriegsökonomie. Die Delegierten werden aufgerufen, gegen Anträge zu stimmen, »die die entscheidenden Zusammenhänge nicht benennen«.

Gemeint ist etwa der Initiativantrag des DGB-Bundesvorstands, in dem es heißt: »Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften erkennen grundsätzlich an, dass Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Wegfall der USA als verlässliche Schutzmacht eine neue Bedrohungslage insbesondere für die Europäische Union bzw. die europäischen Nato-Staaten geschaffen haben und auch eine Stärkung ihrer Verteidigungsfähigkeit gegen militärische Bedrohungen und Erpressungsversuche erforderlich machen.« Die EU werde hier trotz eigener Interessen und profitorientierter Rüstungsindustrie als Friedensmacht dargestellt, kritisiert die frühere Münchner ver.di-Sekretärin Hedwig Krimmer.

»Wer uns im Licht der Vernichtung Hunderttausender Arbeitsplätze Jobs in der Rüstungsindustrie verspricht, versucht auf niederträchtige Weise, die Ängste der Kollegen auszunutzen.«Carsten Friedenskomitee der Firma Snop Automotive in Artern (Thüringen)

Tatsächlich ist in dem Antrag mit der Überschrift »Friedensfähig statt kriegstüchtig – unser gewerkschaftlicher Auftrag in unsicheren Zeiten« nur die Rede von »Großmachtansprüchen der USA, Chinas und Russlands«. Dass die EU aufrüsten müsse, wird nicht bestritten. Immerhin: Die Nato-Vorgabe an die Mitgliedsstaaten, insgesamt fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung auszugeben, wird als »beliebig« und als »fiskalische Herausforderung« kritisiert. Sie führe »perspektivisch zu verschärften Verteilungskonflikten zulasten sozialstaatlicher Aufgaben« und sei daher abzulehnen. Die Bundesregierung müsse aber »verstärkt in die Abwehr hybrider Bedrohungen«, etwa durch Cyber- und Drohnenangriffe, Sabotage und Desinformation investieren, heißt es im Vorstandspapier weiter. Zumindest eine neue Wehrpflicht wird darin als »zu weitreichender Eingriff in die persönliche Freiheit« abgelehnt.

Zu den Unterstützern des Initiativantrags gehört Benjamin-Immanuel Hoff, der nicht nur Ressortleiter für Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik im IG-Metall-Vorstand, sondern auch Mitglied der Partei Die Linke ist und in Thüringen von 2014 bis 2020 die Staatskanzlei unter Bodo Ramelow leitete.

In der IG Metall tritt der Konflikt teils noch deutlicher zu Tage: Deren Vize Jürgen Kerner machte sich Anfang 2024 nur Sorgen, ob das Sondervermögen Bundeswehr auch die heimische Industrie stärken werde, wenn das Kriegsgerät vermehrt »in Übersee gekauft« werde. »Wir brauchen endlich eine wehrtechnische Industriepolitik«, betonte er seinerzeit in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und dem Wirtschaftsforum der SPD.

Ein klares »Nein zur Kriegswirtschaft« beschlossen knapp zwei Jahre später über 200 ehrenamtliche IG-Metall-Vertrauensleute bei Ford auf ihrer Vollversammlung in Köln. In ihrer Erklärung vom 24. Januar verwiesen sie auch auf die Satzung ihrer Gewerkschaft, die zum Einsatz für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung verpflichte. Im Kriegsfall drohe eine Zwangsverpflichtung von »Spezialisten«. »Diese Entwicklung machen wir nicht mit«, heißt es auf einer Unterschriftenliste, die am Infostand vor dem Hotel ausliegt.

Die Initiative »Sagt Nein« kritisiert zudem den hohen Anteil Hauptamtlicher unter den Delegierten auf dem DGB-Kongress – sie stünden stärker unter Druck, die Linie des Bundesvorstands zu vertreten; Diskussionen über Reizthemen würden oft in rauem Ton »gedeckelt«. Die antimilitaristisch orientierte DGB-Jugend sei vor dem Kongress vom Vorstand »geimpft« worden, bei der Gastrede von Kanzler Friedrich Merz (CDU) auf Buh-Rufe zu verzichten. An diese Empfehlung haben sich offenbar viele nicht gehalten.

Erstveröffentlicht im nd v. 12.5. 2026
Mit Antimilitarismus …

Wirt danken für das Publikationsrecht.

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