Der Weg in den Abgrund

Russland stuft den Einsatz weitreichender britischer Drohnen im Ukrainekrieg als britische Kriegsbeteiligung ein und droht mit einer entsprechenden Antwort. Auch Deutschland liefert weitreichende Drohnen.

24 Aug 2026

REDAKTION GERMAN FOREIGN POILICY

Titelbild: Screenshot Tagesschau.de

MOSKAU/LONDON/BERLIN (Eigener Bericht) – Die jüngste gefährliche Eskalation in den Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland löst ernste Sorgen in London aus und lässt eine ähnliche Entwicklung auch für Deutschland befürchten. Das Vereinigte Königreich hat begonnen, weitreichende Drohnen an die Ukraine zu liefern und sie auch für Angriffe auf Ziele weit im russischen Kernland freizugeben. Kiew hat sie insbesondere für Attacken auf russische Erdölraffinerien eingesetzt. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat daraufhin erklärt, Moskau dürfe das als britische Kriegsbeteiligung verstehen. Demnach sind russische Gegenangriffe – welcher Art auch immer – erlaubt. Auch die Bundesregierung unterstützt die Produktion weitreichender Drohnen im eigenen Land und ihre Lieferung in die Ukraine, um Angriffe tief auf russisches Territorium zu ermöglichen. Ob derlei Lieferungen bereits erfolgt sind, ist unklar. Russische Gegenschläge könnten dabei auch asymmetrisch vorgenommen werden, etwa mit Cyber- oder auch mit sogenannten hybriden Attacken. Spezielle Sorgen löst in London aus, dass die zentralen Kommunikationskanäle zu Russland abgebrochen sind. Dies ermögliche, warnt ein britischer Ex-Militärattaché, eine ungewollte bewaffnete Eskalation.

Russlands rote Linien

Großbritannien hatte es der Ukraine bereits Ende 2024 erstmals erlaubt, den britischen Marschflugkörper Storm Shadow für Angriffe auf Ziele im russischen Kernland zu nutzen. Belegt war damals zunächst eine Storm Shadow-Attacke auf das Gebiet Kursk.[1] London hatte dafür grünes Licht im vollen Wissen darum gegeben, dass Moskau einen Einsatz weitreichender westlicher Waffen durch Kiew als Überschreiten einer seiner „roten Linien“ begriff, wie die Sunday Times erst vor kurzem bestätigte. Die Verfügbarkeit des Storm Shadow galt allerdings als begrenzt, nicht zuletzt aufgrund seiner Stückkosten von mehr als 750.000 britischen Pfund.[2] Zudem hatte der Marschflugkörper eine Reichweite von nur rund 250 Kilometern. In diesem Jahr ist das Vereinigte Königreich nun den nächsten Schritt gegangen und hat begonnen, der Ukraine auch weitreichende Drohnen zu liefern. Auch diese werden inzwischen für Angriffe nicht mehr nur auf russisch besetzte Gebiete und die Krim, sondern auch auf das russische Kernland genutzt. Ein Modell, die Drohne Nyan der BAE Systems-Tochterfirma Callen-Lenz, fand bei Angriffen auf Ziele bei Belgorod Verwendung. Ein anderes wurde zu Attacken auf Ölraffinerien in Wolgograd und Jaroslawl rund 340 bzw. rund 700 Kilometer von der Grenze entfernt eingesetzt.[3] Modell und Hersteller dieses Modells werden bislang strikt geheimgehalten.

„In den Krieg hineingezogen“

Die Ausweitung der Genehmigungen zur Nutzung weitreichender britischer Waffen für Angriffe auf Ziele weit im russischen Kernland geschieht in vollem Bewusstsein möglicher Folgen. So erklärte eine anonyme Quelle in der britischen Militärbürokratie gegenüber der Sunday Times, Russland sei lange „sehr erfolgreich“ darin gewesen, die westlichen Staaten mit Blick auf immer schwerere Angriffe auf Ziele im russischen Kernland „nervös“ zu machen.[4] Die erwähnten jüngsten Angriffe mit britischen Drohnen auf dortige Ziele seien ein Hinweis darauf, „dass wir nicht mehr [nervös] sind“. Im April kündigte die britische Regierung an, sie werde der Ukraine im Lauf des Jahres 2026 rund 120.000 im Vereinigten Königreich gefertigte Drohnen liefern. Wieviele davon weitreichende Waffen sind, ist nicht bekannt. Russland werde sicher „mit dem Säbel rasseln“, urteilt etwa Greg Bagwell, ein pensionierter hochrangiger Luftwaffenoffizier.[5] Es werde vielleicht auch erklären, ab jetzt seien die Fabriken, in denen die Waffen hergestellt würden, „legitime Ziele“. Dies hat die russische Regierung allerdings bereits im April getan. Die Fertigung und die Lieferung weitreichender Waffen verwandle die daran beteiligten Länder „schleichend ins strategische Hinterland der Ukraine“, hieß es damals aus Moskau. So würden sie „in einen Krieg mit Russland hineingezogen“.[6]

Drohnen aus Deutschland

Das Beispiel Großbritannien ist für Deutschland von erheblichem Interesse, weil die Bundesregierung ähnlich vorgeht. So haben deutsche Unternehmen nicht nur begonnen, gemeinsam mit ukrainischen Firmen an deutschen Standorten Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte herzustellen; in der Bundesrepublik seien sie vor russischen Angriffen sicher, heißt es zur Begründung. Darüber hinaus steigen das deutsch-US-amerikanische Start-up Auterion und der ukrainische Drohnenproduzent Airlogix in die gemeinsame Fertigung weitreichender Drohnen an einem Standort nahe München ein. Eine zweite Fabrik soll in Ostdeutschland errichtet werden. Das geschieht auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte bereits im September 2025 angekündigt, Berlin werde seine „Unterstützung für die Beschaffung von weitreichenden Drohnen“ durch die Ukraine intensivieren.[7] Dazu sollten rund 300 Millionen Euro bereitgestellt werden, hieß es. Zur Zeitplanung hieß es im April, die erste Lieferung weitreichender Drohnen aus dem Münchener Umland in die Ukraine sei bereits in wenigen Monaten geplant. Ob sie jetzt bereits stattgefunden hat, ist unklar. Die Frage ist von hoher Bedeutung; denn wäre das der Fall, dann könnten auch in Deutschland hergestellte Drohnen bereits Ziele im russischen Kernland angegriffen haben. Die Bundesrepublik wäre dann ebenfalls Kriegspartei.

Hybrider Krieg

Denkbar sind russische Reaktionen unterschiedlicher Art. Als wenig wahrscheinlich gilt ein offener militärischer Angriff auf die westeuropäischen Drohnenlieferanten der Ukraine; er würde Russland in einen heißen Krieg mit der NATO führen, den es nicht gewinnen kann. Als gut möglich gelten dagegen etwa Cyberangriffe oder eine Eskalation dessen, was in der deutschen Öffentlichkeit als „hybrider Krieg“ bezeichnet wird. Beispiele bietet etwa der Krieg der Vereinigten Staaten gegen Iran, in dem iranische Hacker – zur Vergeltung für US-Angriffe auf die iranische Wasserversorgung – mehr als 30 Wasserwerke mit Cyberattacken überzogen.[8] Wie am Wochenende bekannt wurde, attackierten sie auch ein Kraftwerk in Großbritannien, das damit für vier Tage außer Betrieb gesetzt wurde. Weil es sich dabei nur um ein kleines Kraftwerk gehandelt habe, sei es den Behörden gelungen, den Fall vor der Öffentlichkeit zu verbergen, heißt es jetzt – doch hätten die Hacker damit klargestellt, wozu sie im Fall der Fälle in der Lage seien.[9] Auch Russland wäre in der Lage, sich auf diese oder ähnliche Weise für Angriffe britischer – oder deutscher – Drohnen auf sein Territorium zu revanchieren.

Wichtige Kommunikationskanäle

Zur näheren Einschätzung der Frage, wie sich die Situation weiterentwickeln könnte, ist erneut das Beispiel Großbritannien von Belang. Dort hat am Wochenende die Mitteilung für Unruhe gesorgt, Russland habe seinen Botschafter im Vereinigten Königreich, Andrej Kelin, abberufen, und es bestünden aktuell keine erkennbaren Pläne, ihn oder einen anderen Diplomaten erneut nach London zu entsenden. Kelin habe die britische Hauptstadt schon am 21. Juli „in der Hoffnung verlassen, dass letztlich ein konstruktiverer und respektvollerer Dialog wiederhergestellt werden könne“, teilte ein Sprecher der russischen Botschaft mit.[10] In der Zwischenzeit müsse Großbritannien mit dem Geschäftsträger an der russischen Botschaft vorlieb nehmen. In der der britischen Hauptstadt löst dies Sorgen aus – umso mehr, als nach der Mitteilung des russischen Außenministers Sergej Lawrow in der vergangenen Woche, Russland dürfe die Lieferung und die Freigabe weitreichender britischer Drohnen als direkte Kriegsbeteiligung des Vereinigten Königreichs verstehen, keinerlei diplomatische Rücksprache mit russischen Stellen mehr möglich gewesen sei. „Besonders zwischen feindlichen Staaten“ sei es wichtig, „Kommunikationskanäle offenzuhalten“, damit potenziell gefährliche Szenarien „nicht in eine Katastrophe“ mündeten, wird ein britischer Diplomat zitiert.[11]

Ungewollte Eskalationen

Dies gilt insbesondere auch für Kommunikationskanäle zwischen Militärs. Zum bislang letzten Mal hätten die ranghöchsten Soldaten der beiden Staaten, der britische Chief of the Defence Staff und der russische Generalstabschef, im September 2022 miteinander telefoniert, berichtete kürzlich die Times; seitdem habe die russische Seite jeden britischen Versuch, ein erneutes Gespräch zwischen den Spitzenmilitärs zustande zu bringen, explizit abgelehnt. Nach mehreren Zwischenfällen auf hoher See in jüngerer Vergangenheit, bei denen russische Schiffe teils Schüsse abfeuerten, sei der neue Verteidigungsminister Wes Streeting unter Druck geraten, die Kommunikationskanäle wieder instand zu setzen, um eine „unbeabsichtigte Eskalation“ zu verhindern.[12] Das gelinge bislang allerdings nicht. Es räche sich, dass Großbritannien im Mai 2024 den russischen Militärattaché an der Botschaft in London des Landes verwiesen habe; dieser habe gewöhnlich Telefonate zwischen den Verteidigungsministern arrangiert. John Foreman, ein ehemaliger britischer Militärattaché in Moskau und Kiew, warnt explizit: „Ohne eine direkte Verbindung gibt es das Risiko einer ungewollten Eskalation.“ Ein „größeres Missverständnis“ könne „dazu führen, dass Menschen sterben“. Dies gelte es dringend zu vermeiden.[13]

Großbritannien als Modell

Entsprechendes gilt auch für Deutschland, wo die Bundesregierung aktuell die Lieferung weitreichender Drohnen an die Ukraine unterstützt und auch sonst die verbliebenen Ruinen der deutsch-russischen Beziehungen mutwillig zerstört. Großbritannien, in dieser Hinsicht einen Schritt weiter als die Bundesrepublik, liefert das Modell für den Weg in den Abgrund.

[1] Jonathan Beale, Amy Walker: Ukraine fires UK-supplied Storm Shadow missiles at Russia for first time. bbc.co.uk 20.11.2024.

[2] Dominic Hauschild, Vika Sybir: UK drones used for ‘deep strikes’ in mainland Russia for first time. thetimes.com 15.08.2026.

[3] Nyan One-Way Effector. drone-warfare.com 17.08.2026.

[4], [5] Dominic Hauschild, Vika Sybir: UK drones used for ‘deep strikes’ in mainland Russia for first time. thetimes.com 15.08.2026.

[6], [7] Friedrich Schmidt: Moskau droht Europa mit Angriffen auf konkrete Ziele. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.04.2026. S. dazu Langstreckendrohnen für die Ukraine.

[8] Iran soll hinter Angriffen auf Wasserversorgung in den USA stecken. spiegel.de 31.07.2026.

[9] Tony Diver, Rozina Sabur, Matt Oliver: Iranian hackers shut down UK power plant. telegraph.co.uk 22.08.2026.

[10], [11] Dominic Hauschild: Russia pulls ambassador Andrey Kelin out of Britain. thetimes.com 22.08.2026.

[12], [13] Larisa Brown: Defence chiefs under pressure to ‘reboot’ channels with Moscow. thetimes.com 11.08.2026.


Erstveröffentlicht am 23.8. 2026
Der Weg in den Abgrund

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Ukrainischer Regimentskommandeur: „Schießt auf die eigenen Leute, schießt auf alle, die unbefugt fliehen“

Von FLORIAN RÖTZER

Titelbild: Eine der Gruben, die ukrainische Regimenter zur Bestrafung von Soldaten benutzen. Foto zur Verfügung gestellt von der Schwester eines vermissten Soldaten des Shkval-Bataillons. Bild: texty

Schon seit einiger Zeit wurde von Misshandlungen, Todesfällen und Folter in ukrainischen Regimenten berichtet. An erster Stelle stand das 425. Sturmregiment  „Skala“, das direkt dem Oberkommandierenden Syrsky unterstand und das größte Angriffsregiment der ukrainischen Streitkräfte ist, der von Selenskij zögerlich entlassen wurde, nachdem Kritik an der vorhergehenden Entlassung von Fedorov als Verteidigungsminister laut wurde. Bislang wurde von brutalen Bestrafungen meist nur in der russischen Armee gesprochen.

Im Juni machte Babel.ua auf die Zustände in „Skala“ aufmerksam, das auch Syrsky-Regiment genannt wird. 25-26 Rekruten, also Zwangsmobilisierte, seien dort seit Ende 2025 in den Ausbildungslagern, nicht im Kampfeinsatz, gestorben. Berichtet wurde von Schlägen, Misshandlungen, Einsperren und verspäteter medizinischer Hilfe. Rekruten würden zu Tode geprügelt. So gelang Alexander Semjonow die Flucht aus dem Stützpunkt seines Regiments in ein Krankenhaus in Kropywnyzkyj. Dort wurden schwere Verletzungen am Kopf, gebrochene Fingern, eine Schnittwunde am Rücken und zerkratzte Händen dokumentiert. Es gibt Fotos.

Die meist eingefangenen Rekruten, darunter offenbar viele Drogensüchtige und Alkoholiker, aber auch psychisch Kranke, kamen zuerst in das Verteilungslager, eine große Baracke ohne Fenster, wo sie wie Gefangene eingesperrt wurden. Ihnen wurde das Handy weggenommen, sie mussten sich ausziehen, wurden durchsucht und durch bewaffnete Wärter eingeschüchtert: „Die erste Erfahrung mit dem Toilettengang war ‚unbezahlbar‘ – in Gruppen, unter den Mündungen von Maschinengewehren, mit ‚raffinierten‘ Beleidigungen und harten Tritten, wenn die Formation oder das Erscheinungsbild nicht ausreichend einheitlich waren. Endlose Kniebeugen, Übungen, Planks“ … Damit sie „erkennen, in welcher Situation sie sich befinden“, keine Zeit verschwenden, sondern sich auf die bevorstehende „Mission“ vorbereiten. Auf der Toilette, im Speisesaal – überall mit bewaffneter Eskorte.“

Von dort wurden sie in Ausbildungslager verteilt, wo sie wieder wie Gefangene gehalten wurden und nicht einmal allein auf die Toilette gehen durften. Wenn jemand zu flüchten versuchte, wurde auf ihn geschossen. Einer, der wieder eingefangen wurde, erzählte: „Kurz gesagt: Sie haben uns gefunden. Sie haben uns die Zähne ausgeschlagen und die Rippen gebrochen. Und dieser Wachmann, vor dem ich weggelaufen bin, sagt: ‚Willst du, dass ich an deiner Stelle an die Front gehe, du Schlampe?‘“ Die derart Gequälten und Unterworfenen galten als „disposable“, als Wegwerfware, für die Front. Natürlich haben sich Männer der Tortur und Demütigung auch durch Suizid entzogen.

Babel hat einen weiteren Bericht über die Erfahrungen von vier Soldaten in dem Regiment veröffentlicht.

Wie mit Rekruten schon ab der Busifizierung umgegangen wird, spricht sich natürlich herum und führt dazu, dass die Gewaltbereitschaft gegen die Rekrutierungssoldaten bei denjenigen zunimmt, die nicht in den Krieg ziehen wollen, um nicht in die Hölle zu geraten. Die Brutalisierung der Gesellschaft wächst. In den Unterstützerstaaten pflegt man, wie in der Bundesregierung, das Wegschauen, Hauptsache, Europa wird  von den angeblichen tapferen und freiheitsbeseelten Ukrainern verteidigt. Immerhin kann über die Missstände in der Ukraine berichtet werden.

„Gruben“ und „Bäume der Wahrheit“

Dass „Skala“ keineswegs ein Einzelfall ist, macht nun ein Bericht von texty,org.ua über die Zustände im 225. Separaten Sturmregiment, das auch zu den „Syrsky-Regimentern“ zählt. Die Autorin Anna Kalyuzhna sagt, sie habe sechs Monate lang recherchiert und Dutzende aktive oder untergetauchte Mitglieder des Regiments und von anderen Einheiten sowie von Angehörigen befragt (Video). Sie habe nur über Fälle berichtet, die sie belegen kann.

Der Bericht wird aufgemacht durch die Wiedergabe eines mit einem Handy aufgenommenen Befehls des Regimentskommandeur Oleg Shiryaev, der damit anordnet, auch auf ukrainische Soldaten zu schießen, die ihre Stellung verlassen:

„Über Funk kommt eine klare Anweisung: ‚Bewegungserlaubnis‘. Alles andere ist Feind. Jeder, der seine Stellung verlässt, Deserteure – auch sie sind der Feind. Merkt euch diese Regel: Schießt auf die eigenen Leute, schießt auf alle, die unbefugt fliehen … Und ihr Schlampen, haltet eure Linien, denn nur so könnt ihr euch nach Kiew zurückziehen. Rückzug heißt also: Verschwinden, ihr Schlampen!“

Shiryaev versucht, sich daraufhin befragt herauszuwinden, dass er „die Regeln für die Truppenbewegungen verschiedener Einheiten und Methoden der Koordinierung zur Identifizierung der eigenen Truppen erörterte, da der Feind im Krieg häufig dazu greift, sich in ukrainische Uniformen zu kleiden und sich als Vertreter der Verteidigungskräfte auszugeben“.

Informanten von texty sagen, dass im 225. OSH nicht nur gedroht werde, auf eigene Leute zu schießen, das würde auch geschehen. Soldaten berichteten, dass ihnen mit der Hinrichtung gedroht wurde, als sie ihre Stellungen bezogen, und dass sie unter brutalen Schlägen zum Vorrücken gezwungen wurden, oft unter Beschuss der Russen und angesichts großer Verluste. Wer sich weigert, wird zwischen den Kämpfen in „Gruben“ (abgeschlossene Räume) geworfen. Dort werden sie geschlagen oder mit Säcken über dem Kopf in den Wald geführt und mit Kampfstiefeln traktiert, bis sie nicht mehr laufen konnten. In einem Fall wurde ein Soldat mit einem Holzbalken so heftig geschlagen, dass dieser  auf seinem Kopf zerbrach.

Andere wurden an den „Baum der Wahrheit“ gekettet, manchmal nackt ausgezogen und mit Plastikrohren oder Stöcken geschlagen, bis ihre Haut aufplatzt. Angehörige von Vermissten vermuten, dass diese dabei totgeschlagen worden sein könnten. Solche Bestrafungsrituale gab es auch vor dem Krieg. Vermeintliche Kollaborateure oder Diebe wurden an Bäume als Pranger gefesselt. Das Anketten an Bäume und die Schläge wurden von der Einheit eingeräumt. Man habe die Verantwortlichen suspendiert und Ermittlungen eingeleitet.

Wie weit verbreitet solche Praktiken sind, bleibt unklar. Die Unterstützer der ukrainischen Regierung und ihrer Streitkräfte tragen, wenn sie die Fortsetzung des Kriegs, den die Ukrainer als Stellvertreter führen, mit Milliarden von Steuergeldern und Waffenlieferungen vorantreiben, eine Verantwortung dafür, was in den Streitkräften geschieht. Diese sind längst Proxy-Streitkräfte, die es ohne die Hilfe aus Europa schon lange nicht mehr geben würde. Man fragt sich auch, warum die großen deutschen Medien über die Art der Mobilisierung (Busifizierung) und Kriegsführung kaum berichten. Jeder kann wissen, was in der Ukraine geschieht, allerdings nicht, wenn man als Gast der Regierung nur vorgeführt bekommt, was man sehen oder hören soll. Die deutschen Bürger müssen wissen, was mit ihrem Geld gemacht wird, von der Korruption ganz zu schweigen, also wofür sie zahlen und Schulden machen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 31.7. 2026
Schießt auf die eigenen Leute …

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Kriegswirtschaft und Arbeiter*innenklasse in Russland

Die russische Kriegswirtschaft scheint weniger widerstandsfähig zu sein, als gedacht. Im bröckelnden putinschen System stehen Arbeiter*innen vor ganz neuen Herausforderungen.

Titelbild: Lance Bradley

Vorbemerkung FORUM-Red.: Die Bericherstattung der westlichen Medien über Russland befindet sich mit wenigen Ausnahmen schon seit Langem im Kriegsmodus, in dem keine nüchterne, realitätstüchtige Beschreibung der gesellschaftlichen Realität gefragt ist. Und Arbeitsrealitäten sind nicht gerade die Themen, die hier von Interesse sind. Natürlich sind diese Fragen für uns, die wir nicht nicht Kriegspartei sind und danach fragen, was ein solches Verbrechen für die arbeitenden Bevölkerung bedeutet, zentral. Der folgende Artikel vermittelt eine Vorstellung von der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung seit Kriegsbeginn und skizziert die momentanen politischen Handlungsmöglichkeiten der dortigen Arbeiterklasse. Natürlich sind Prognosen sowohl für für die weitere Entwicklung des Kriegsgeschehens als auch für die Widerstandsfähigkeit der russischen Ökonomie sehr umstritten, da sie für die Kriegsparteien große propagandistische Bedeutung haben.(JG)

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine wird unablässig über die Auswirkungen des Krieges auf die russische Wirtschaft diskutiert. Zunächst gingen viele Ökonom*innen davon aus, dass die Wirtschaft des Landes rasch zusammenbrechen würde – doch diese Prognosen haben sich nicht bewahrheitet. Nach dem durch die Anpassung an die Kriegsbedingungen ausgelösten Abschwung verzeichnete die russische Wirtschaft in den Jahren 2023 und 2024 ein deutliches Wachstum, das auf erhebliche staatliche Investitionen zurückzuführen war. Diese Mittel flossen (und fließen weiterhin) in erster Linie in den Krieg selbst, sowie in die Rüstungsproduktion. Das wird als Militär-Keynesianismus bezeichnet. Und es schien zunächst als ginge diese Strategie auf, doch bereits Ende 2024 Anfang 2025 zeichneten sich deutliche Krisenerscheinungen ab.

Planlosigkeit der Regierung

Die Produktion der Automobilindustrie sank 2022 aufgrund des Rückzugs ausländischer Unternehmen und der Sanktionen um 67 Prozent. In den Jahren 2023 und 2024 kam es zu einer teilweisen Erholung, doch die Produktionsvolumina kehrten nicht mehr auf das Vorkriegsniveau zurück. Hinzu kommt, dass russische Automobile (der Hauptproduzent ist AwtoWAS) im Wettbewerb mit in China montierten Fahrzeugen zunehmend unterliegen. Möglicherweise hatte die russische Regierung darauf gesetzt, dass chinesische Unternehmen an die Stelle der westlichen Firmen treten würden. Doch die Ersteren zogen es vor, keine eigene Produktion in Russland aufzubauen, sondern fertige Fahrzeuge zu verkaufen. Derzeit hat die Branche zudem mit einem neuen Problem zu kämpfen: Die Autopreise sind stark gestiegen und es fehlt an günstigen Finanzierungsangeboten. Die Nachfrage ist stark zurückgegangen. Infolgedessen befinden sich die russischen Automobilwerke erneut in einer schwierigen Lage.

Die Kohlebranche hingegen profitierte zunächst vom Krieg. Kohle wurde 2022 zu sehr hohen Preisen gehandelt, unter anderem aufgrund geopolitischer Spannungen. Die Hauptursache für den Preisanstieg stellte jedoch die Verknappung des Angebots auf den Energiemärkten dar, die nach der Corona-Pandemie einsetzte. Dementsprechend kehrte der Markt 2023 ins Gleichgewicht zurück, und die Preise begannen zu fallen. 

Unterdessen führte die Europäische Union im August 2022 ein Embargo auf russische Kohle ein. Kam die Hälfte aller Kohleimporte in die EU zuvor aus Russland, fiel dieser Markt für Russland nun durch die Sanktionen vollständig weg. Der wichtigste verbliebene Abnehmer China bevorzugte indes günstigere Kohle aus Indonesien und Australien. Dies zeigt sich deutlich an den Lieferstatistiken aus dem Kusbass – der Region, wo mehr als die Hälfte der russischen Kohle gefördert wird. Die Lieferungen in den Westen sind in den letzten Jahren zurückgegangen: von 86,9 Millionen Tonnen im Jahr 2021 auf 48,4 Millionen Tonnen im Jahr 2024. Im selben Zeitraum stiegen die Lieferungen Richtung Osten nur geringfügig: von 52,4 auf 53,6 Millionen Tonnen. Sinkende Preise, der Verlust des europäischen Markts, hohe Kosten für importierte Ausrüstung (die unter Umgehung der Sanktionen beschafft werden muss) sowie das Fehlen günstiger Kredite – all diese Faktoren haben die russische Kohleindustrie in eine tiefe Krise gestürzt.

Russland droht aufgrund der Sanktionen auch den europäischen Gasmarkt zu verlieren. Vor dem Krieg hielt das Land noch einen Anteil von 40 Prozent in diesem Bereich. Nach Kriegsbeginn beschloss die EU, schrittweise auf russisches Gas zu verzichten, woraufhin die Importe massiv zurückgingen. 2024 verringerten sich die Liefervolumina im Vergleich zu 2021 um das Dreifache. Prognosen gehen davon aus, dass sie 2025 nochmals um das Zwei- bis Dreifache gesunken sein werden. Der wichtigste russische Gasmonopolist Gazprom schreibt seit 2023 durchgehend rote Zahlen.

Darüber hinaus führten die hohen Kriegs- und Rüstungsausgaben zu einer starken Inflation und zwangen die russische Zentralbank, den Leitzins massiv anzuheben. Dadurch mangelt es an günstigen Krediten für Unternehmen. Dies wirkt sich auf alle Branchen aus – auch auf solche, die nicht direkt von Sanktionen betroffen sind, etwa den Bausektor.

Zur Vorbereitung auf den Krieg wäre es erforderlich gewesen, die exportabhängigen Branchen zumindest teilweise auf neue Märkte umzustellen. Das russische Regime hatte offenbar nicht mit einer derart drastischen Reaktion der EU gerechnet – denn das Embargo auf fossile Energieträger war ein zweischneidiges Schwert und trug maßgeblich zur Wirtschaftskrise in Europa (insbesondere in Deutschland) bei. Auch beim viel beschworenen russischen Importsubstitutionsprogramm lief alles anders als gedacht. Ein Beispiel: russische Fluggesellschaften konnten im Ausland keine Flugzeuge mehr kaufen; die Behörden versprachen daraufhin, bis 2030 über 1.000 einheimische Maschinen zu produzieren. Bis 2025 hätten es 110 neue Flugzeuge sein sollen – tatsächlich verließen in dreieinhalb Kriegsjahren nur 13 neue Flugzeuge die Montagehallen.

Spielarten des Militär-Keynesianismus

In Russland wird die US-amerikanische Wirtschaftspolitik während des Zweiten Weltkrieges häufig als erfolgreiches Modell angeführt. Vergleicht man sie jedoch mit der heutigen russischen Politik, zeigen sich mehrere entscheidende Unterschiede.

Erstens erfolgte in Russland keine derart umfassende Umstellung der Wirtschaft auf die Kriegsproduktion wie damals in den USA. Der Ausbau der Produktion von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen basierte vor allem auf der Reaktivierung und Modernisierung alter sowjetischer Bestände. In den USA entstanden durch die Ausweitung der Rüstungsproduktion 17 Millionen neue Arbeitsplätze; in Russland liegt diese Zahl deutlich niedriger. In der russischen Rüstungsindustrie sind heute etwa 3,8 Millionen Menschen beschäftigt – vor dem Krieg waren es rund 2 Millionen. Zudem herrschte in den USA während des Zweiten Weltkriegs hohe Arbeitslosigkeit, sodass viele Menschen bereitwillig in die Rüstungsproduktion gingen. Die Arbeitslosenquote in Russland ist hingegen niedrig, weshalb selbst die vergleichsweise gut zahlenden Rüstungsbetriebe über Personalmangel klagen.

Zweitens waren die USA nicht im selben Maße von Rohstoffexporten abhängig – eigene Rohstoffe wurden größtenteils im Inland verbraucht. Die massive Kriegsproduktion wirkte damals als Impuls für die Stahl- und Kohleindustrie. Ein vergleichbarer Effekt lässt sich in Russland nicht beobachten. 

Drittens unterlagen US-Produkte im Zweiten Weltkrieg keinerlei Sanktionen. Die USA gehörten einer Koalition an, deren kombiniertes BIP das der Gegenseite deutlich übertraf. Auch dies trifft auf Russland nicht zu. 

Viertens zahlte die US-Regierung ihren Soldat*innen keine exorbitanten Verpflichtungsprämien. Obwohl Putin im Herbst 2022 rund 300.000 Personen mobilisierte, besteht seine Armee größtenteils aus Söldner*innen, die in manchen Regionen allein für die Vertragsunterzeichnung zwei bis drei Millionen Rubel erhalten. Diese Rekrutierungsform hängt vor allem mit der russischen Haupttaktik der sogenannten «Fleischangriffe» zusammen, die immense Verluste verursacht. 

In der vom russischsprachigen Dienst der BBC und dem unabhängigen russischen Nachrichtenportal Mediazona geführten Namenliste werden 145.000 gefallene russische Soldat*innen genannt (Stand: 5. November 2025, Anm. d. Red.); unter Einbeziehung von Daten zu Erbschaftsverfahren ergibt sich eine Zahl von etwa 219.000 Toten. Die USA verloren im Zweiten Weltkrieg 407.000 Soldat*innen – bei einem ungleich größeren Umfang der Kampfhandlungen. Wenn man anstelle bezahlter Söldner*innen aus der Bevölkerung per Mobilisierung Eingezogene derart massiv als Kanonenfutter eingesetzt hätte, hätte dies vermutlich erhebliche soziale Spannungen ausgelöst. Selbst die erste (und bislang einzige) Massenmobilisierung im Jahr 2022 – als viele Russ*innen aufgrund ihrer apolitischen Haltung die grausame Realität des Krieges noch nicht kannten – führte dazu, dass Hunderttausende das Land verließen; eine Zahl, die in etwa der der Mobilisierten entspricht.
Es sollte klar sein: Putins Militär-Keynesianismus ist ein erzwungener Schritt, dessen wirtschaftliche Folgen für Russland letztlich verheerend sein werden.

Die Krise

Russlands wirtschaftliche Lage ist aktuell, Ende 2025, bereits desaströs. In den Jahren 2023 und 2024 hatte sich das BIP von dem 2022 erfolgten massiven Einbruch zwar erholt, doch zurzeit schwächt sich das Wachstum wieder ab. Im dritten Quartal dieses Jahres betrug es 0,4 Prozent, und auch für das vierte Quartal gibt es keine positiven Prognosen. Im Staatshaushalt klafft ein Defizit von 4 Billionen Rubel, das bis zum Jahresende voraussichtlich fast 6 Billionen Rubel erreichen wird. Diese Summe übersteigt die Rücklagen (liquiden Mittel) der russischen Regierung. Der Leitzins der Zentralbank bleibt extrem hoch und verhindert günstige Unternehmenskredite. 

Die wirtschaftliche Belastung wird 2026 nochmal deutlich steigen: Die Mehrwertsteuer soll von 20 auf 22 Prozent angehoben werden, und die Gewinnschwelle, ab der Unternehmen Steuern zahlen, soll schrittweise von 60 Millionen auf zunächst 20 und dann auf 10 Millionen Rubel gesenkt werden.
Man kann inzwischen mit Gewissheit sagen, dass Putins Militär-Keynesianismus nur zwei Jahre lang aufrechterhalten werden konnte. 2023 und 2024 stiegen die Löhne – allerdings ist die Inflationsrate zu berücksichtigen. Selbst nach offiziellen Angaben der Zentralbank betrug die Inflation nahezu 12 Prozent in 2022 und lag in 2023 und 2024 bei 7,5 bzw. 9,5 Prozent. Doch diesen Zahlen ist kaum zu trauen. Berechnungen auf Basis realer Einkäufe (Auswertung von Kassendaten) zeigen, dass die tatsächliche Inflation etwa zweieinhalbmal höher lag.

Manche Arbeiter*innen spüren die Krise bereits: Einige der größten russischen Unternehmen haben verkürzte Arbeitswochen eingeführt – mit entsprechenden Lohneinbußen. Dazu gehören AwtoWAS, KAMAZ und weitere Automobilhersteller, Uralwagonzawod (Schienenfahrzeuge), Rostselmasch (Landmaschinen), Cemros (Zement) sowie VSMPO-Avisma und das Elektrometallurgische Kombinat Tscheljabinsk (Metallurgie). Innerhalb von drei Monaten stieg die Zahl der Beschäftigten, die in Teilzeit versetzt wurden, um mehr als das Zweieinhalbfache – von 50.000 auf 130.000 Beschäftigte. Rechnet man die Menschen in Zwangsurlaub sowie die von geplanten Kündigungen Betroffenen hinzu, ergibt sich sogar eine Zahl von 250.000 Personen.

In manchen Branchen und Regionen ist die Krise besonders spürbar. So stellten in der Oblast Kemerowo 19 Kohleunternehmen ihre Arbeit ein. In zahlreichen Branchen wachsen die Lohnrückstände: Ende September 2025 beliefen sie sich auf fast zwei Milliarden Rubel – viermal so viel wie im Vorjahr. Besonders hohe Zahlungsrückstände weisen Bauunternehmen auf; sie machen knapp die Hälfte der Gesamtsumme aus.

Auch im öffentlichen Dienst kommt es zu Kürzungen und Entlassungen. In vielen Regionen wurden Lehrkräften Leistungsprämien gestrichen; in Jakutien plant man aus Geldmangel, Personal in Schulen und Kitas abzubauen. Das Finanzministerium der Oblast Irkutsk schlug vor, die Gesundheitsausgaben um mehr als zwei Milliarden Rubel zu kürzen – eine Maßnahme, die 8.000 Mediziner*innen um ihren Lohn für November und Dezember 2025 bringen könnte. Da in fast 80 Prozent der Regionen in diesem Jahr Haushaltsdefizite bestehen, werden bald viele weitere Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit ähnlichen Problemen konfrontiert sein.
Und dabei beobachten wir erst den Beginn der Krise. Man könnte jedoch meinen, all diese Probleme seien schon schlimm genug, um Massenproteste und Streiks auszulösen – doch diese blieben bisher aus. Neben der ökonomischen Lage gibt es also weitere Faktoren, die das Protestpotenzial der Arbeiter*innenklasse beeinflussen.

Die Rechtlosigkeit

Die russische Arbeitsgesetzgebung ist in Bezug auf das Streikrecht weit von europäischen Standards entfernt. Das Arbeitsgesetzbuch der Russischen Föderation (ArbGB RF) verbietet Streiks zwar nicht direkt, knüpft sie jedoch an so viele Bedingungen, dass ein legaler Streik so gut wie unmöglich ist. Zusätzliche Einschränkungen gelten für bestimmte Beschäftigtengruppen, etwa für Arbeiter*innen, die in der Energie- und Wärmeversorgung tätig sind (Art. 413 ArbGB RF). Beschränkende Regelungen gelten auch für die Bereiche Wasser- und Gasversorgung, Luft-, Eisenbahn- und Wassertransport, Kommunikation sowie Krankenhäuser. Beschäftigte in diesen Bereichen dürfen nur streiken, wenn dadurch keine «Gefahr für die Landesverteidigung und die Staatssicherheit, das Leben und die Gesundheit der Menschen» entsteht. Auch für andere Berufsgruppen ergeben sich daraus erhebliche Schwierigkeiten, da die Gerichte, die in Russland vollständig von der Exekutive abhängig sind, diesen Passus sehr weit auslegen können – in der Regel zulasten der Beschäftigten. Schließlich erlaubt das Arbeitsgesetzbuch die Einführung zusätzlicher Rechtsakte, durch welche Streiks vollständig verboten werden können. So erging es etwa den Eisenbahner*innen: Dank eines solchen Sondergesetzes sind sie vollständig vom Streikrecht ausgeschlossen.

Das Arbeitsgesetzbuch trat 2001 in Kraft. Doch es konnte die Streiks vorerst nicht gänzlich verhindern. Zwar verschwanden sie aus der offiziellen Statistik, doch Soziolog*innen des Zentrums für Sozial- und Arbeitsrecht registrierten in ihren Monitoringberichten weiterhin Arbeitsniederlegungen – und es gab nicht wenige. In den Kriegsjahren sank die Zahl der Streiks allerdings rapide: 2021 machten sie noch 31 Prozent aller Arbeitsproteste aus, 2022 bloß 19 und 2023 nur mehr 12 Prozent. Stattdessen rückten Protestformen wie Beschwerden und Eingaben an die Behörden in den Vordergrund. Diese Aktionsformen wurden im Jahr 2021 zu einem bedeutenden Phänomen, als ihr Anteil 37 Prozent aller Aktionen ausmachte. Seit 2022 machen Beschwerden und Bittschreiben mehr als die Hälfte aller Arbeitsproteste aus.

Forschende führen dies auf die verschärfte staatliche Verfolgung jeglicher nicht genehmigter öffentlicher Aktivitäten zurück. In Russland kann jede Versammlung willkürlich als illegal erklärt werden – und die Gerichte stehen immer hinter den Behörden. Es ging schon so weit, dass die Aufzeichnung von Videobotschaften an den Präsidenten für die TV-Show «Direkte Linie», wo Putin Fragen von Journalist*innen und Bürger*innen beantwortet, als öffentliche Veranstaltungen gewertet und von der Polizei aufgelöst wurden. Und das passierte mehr als einmal. Wer in Russland innerhalb von 180 Tagen zweimal wegen der Organisation illegaler öffentlicher Veranstaltungen eine Ordnungsstrafe erhält, riskiert beim dritten Mal eine strafrechtliche Verfolgung mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Die Ängste der Beschäftigten sind daher absolut berechtigt.
Die wahre Stärke der Arbeiter*innen liegt in ihrer Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und durch direkten Druck Arbeitgeber*innen zu Zugeständnissen zu zwingen. Auf diese Weise entstehen echte Gewerkschaften – an denen es in Russland fehlt. 

Formal betrachtet ist eine beachtliche Zahl von 20 Millionen Russ*innen gewerkschaftlich organisiert – ein Viertel der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Die meisten von ihnen sind allerdings Mitglieder sogenannter «gelber» Gewerkschaften, die im Interesse von Staat und Arbeitgeber*innen handeln. Es gibt zwar auch wirklich unabhängige Arbeiter*innenorganisationen, doch diese sind deutlich kleiner. Die Kriegsfolgen schwächen unabhängige Gewerkschaften zusätzlich. So haben Massenentlassungen in Automobilwerken in den Jahren 2022–2023, die nach dem Abzug westlicher Hersteller erfolgten, der Interregionalen Gewerkschaft Arbeiter-Allianz sehr geschadet. Zudem musste die Allianz aus dem internationalen Dachverband IndustriALL austreten, nachdem die russische Generalstaatsanwaltschaft diesen aufgrund seiner Verurteilung des Einmarsches in die Ukraine als «unerwünschte Organisation» eingestuft hatte.

Die Zukunft

Offensichtlich behindern die staatlichen Repressalien die Arbeit von Gewerkschaften. Die wenigen Vereinigungen, die sich tatsächlich im Interesse der Beschäftigten engagieren, sehen sich gezwungen, ihren Fokus vor allem auf die Bereitstellung von Informationen und Rechtsberatung zu legen. Weder der Personalmangel noch der sogenannte «Gehaltswettlauf» der Jahre 2023–2024 haben der russischen Gewerkschaftsbewegung neuen Schwung verliehen. Aus denselben Gründen wird auch die Wirtschaftskrise die Situation nicht so schnell verändern. 

Die russische Arbeiter*innenklasse ist atomisiert. Jede*r versucht, mit den eigenen Problemen fertigzuwerden – und sucht Hilfe lediglich bei Familie und Freund*innen. Vor diesem Hintergrund werden die Menschen kaum protestieren, sondern eher den Arbeitsplatz wechseln und in weniger krisenbetroffene Branchen abwandern.

Besonders dramatisch wird die Lage in Städten sein, wo die Bevölkerung von einem oder einigen wenigen Großbetrieben abhängig ist. In Russland gibt es rund 300 solcher Städte, in denen knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung lebt. Hier haben Beschäftigte kaum Chancen, andere Jobs vor Ort zu finden – viele werden daher in größere Städte umziehen, Rotationsarbeit in entfernten Regionen aufnehmen oder sich als Soldat*innen anwerben lassen.
Die Wirtschaftskrise wird die reale und verdeckte Arbeitslosigkeit erhöhen. Arbeitgeber*innen, die ohnehin bestrebt sind Kosten zu senken, werden Löhne kürzen und die Arbeitsbedingungen verschlechtern. Die Arbeiter*innen werden dem nichts entgegensetzen können, doch in gewisser Weise könnte dies einen Wendepunkt darstellen.
Hält die Krise an, werden die bisher weitverbreiteten Verhaltensmuster – Loyalität gegenüber Vorgesetzten und politische Apathie – nicht mehr funktionieren. Dies wird zwar kaum zu schnellen Veränderungen führen, doch allmählich wird dadurch der Boden für den Abbau der Diktatur sowie für die Entstehung einer neuen Arbeiter*innenbewegung bereitet, die unter einem demokratischeren Regime entstehen könnte.

Übersetzung von Vera Kurlenina und Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective

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Bild 1: Produktionszahlen der russischen Automobilindustrie (Grafik für die letzten 10 Jahre)

The share of signal protests in the total number of protests from 2015 to 2023 (% of the total number of protests) Quelle: https://web.archive.org/web/20250216060333/https:/trudprotest.org/2024/06/29/trudovye-protesty-v-rossii-v-2023-g-risunok-1-3-dolya-signalnyh-protestov-v-obshhem-kolichestve-protestov-2015-2023-gg-ot-obshhego-kolichestva-protestovtrudovye-protesty-v-rossii-v-2023-g/

Die Autorin ist Anarchosyndikalist*in, aktiv in der russischen linken Bewegung und verschiedenen basisdemokratischen Initiativen und engagiert sich im Antijob-Projekt

Erstveröffentlicht im Newsletter der Rosa-Luxemburg-Stiftung v. 25.3. 2026
Kriegswirtschaft und ArbeiterInnenklasse in Russland

Wir danken für das Publikationsrecht.

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