Russland stuft den Einsatz weitreichender britischer Drohnen im Ukrainekrieg als britische Kriegsbeteiligung ein und droht mit einer entsprechenden Antwort. Auch Deutschland liefert weitreichende Drohnen.
24 Aug 2026
REDAKTION GERMAN FOREIGN POILICY
Titelbild: Screenshot Tagesschau.de
MOSKAU/LONDON/BERLIN (Eigener Bericht) – Die jüngste gefährliche Eskalation in den Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland löst ernste Sorgen in London aus und lässt eine ähnliche Entwicklung auch für Deutschland befürchten. Das Vereinigte Königreich hat begonnen, weitreichende Drohnen an die Ukraine zu liefern und sie auch für Angriffe auf Ziele weit im russischen Kernland freizugeben. Kiew hat sie insbesondere für Attacken auf russische Erdölraffinerien eingesetzt. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat daraufhin erklärt, Moskau dürfe das als britische Kriegsbeteiligung verstehen. Demnach sind russische Gegenangriffe – welcher Art auch immer – erlaubt. Auch die Bundesregierung unterstützt die Produktion weitreichender Drohnen im eigenen Land und ihre Lieferung in die Ukraine, um Angriffe tief auf russisches Territorium zu ermöglichen. Ob derlei Lieferungen bereits erfolgt sind, ist unklar. Russische Gegenschläge könnten dabei auch asymmetrisch vorgenommen werden, etwa mit Cyber- oder auch mit sogenannten hybriden Attacken. Spezielle Sorgen löst in London aus, dass die zentralen Kommunikationskanäle zu Russland abgebrochen sind. Dies ermögliche, warnt ein britischer Ex-Militärattaché, eine ungewollte bewaffnete Eskalation.
Russlands rote Linien
Großbritannien hatte es der Ukraine bereits Ende 2024 erstmals erlaubt, den britischen Marschflugkörper Storm Shadow für Angriffe auf Ziele im russischen Kernland zu nutzen. Belegt war damals zunächst eine Storm Shadow-Attacke auf das Gebiet Kursk.[1] London hatte dafür grünes Licht im vollen Wissen darum gegeben, dass Moskau einen Einsatz weitreichender westlicher Waffen durch Kiew als Überschreiten einer seiner „roten Linien“ begriff, wie die Sunday Times erst vor kurzem bestätigte. Die Verfügbarkeit des Storm Shadow galt allerdings als begrenzt, nicht zuletzt aufgrund seiner Stückkosten von mehr als 750.000 britischen Pfund.[2] Zudem hatte der Marschflugkörper eine Reichweite von nur rund 250 Kilometern. In diesem Jahr ist das Vereinigte Königreich nun den nächsten Schritt gegangen und hat begonnen, der Ukraine auch weitreichende Drohnen zu liefern. Auch diese werden inzwischen für Angriffe nicht mehr nur auf russisch besetzte Gebiete und die Krim, sondern auch auf das russische Kernland genutzt. Ein Modell, die Drohne Nyan der BAE Systems-Tochterfirma Callen-Lenz, fand bei Angriffen auf Ziele bei Belgorod Verwendung. Ein anderes wurde zu Attacken auf Ölraffinerien in Wolgograd und Jaroslawl rund 340 bzw. rund 700 Kilometer von der Grenze entfernt eingesetzt.[3] Modell und Hersteller dieses Modells werden bislang strikt geheimgehalten.
„In den Krieg hineingezogen“
Die Ausweitung der Genehmigungen zur Nutzung weitreichender britischer Waffen für Angriffe auf Ziele weit im russischen Kernland geschieht in vollem Bewusstsein möglicher Folgen. So erklärte eine anonyme Quelle in der britischen Militärbürokratie gegenüber der Sunday Times, Russland sei lange „sehr erfolgreich“ darin gewesen, die westlichen Staaten mit Blick auf immer schwerere Angriffe auf Ziele im russischen Kernland „nervös“ zu machen.[4] Die erwähnten jüngsten Angriffe mit britischen Drohnen auf dortige Ziele seien ein Hinweis darauf, „dass wir nicht mehr [nervös] sind“. Im April kündigte die britische Regierung an, sie werde der Ukraine im Lauf des Jahres 2026 rund 120.000 im Vereinigten Königreich gefertigte Drohnen liefern. Wieviele davon weitreichende Waffen sind, ist nicht bekannt. Russland werde sicher „mit dem Säbel rasseln“, urteilt etwa Greg Bagwell, ein pensionierter hochrangiger Luftwaffenoffizier.[5] Es werde vielleicht auch erklären, ab jetzt seien die Fabriken, in denen die Waffen hergestellt würden, „legitime Ziele“. Dies hat die russische Regierung allerdings bereits im April getan. Die Fertigung und die Lieferung weitreichender Waffen verwandle die daran beteiligten Länder „schleichend ins strategische Hinterland der Ukraine“, hieß es damals aus Moskau. So würden sie „in einen Krieg mit Russland hineingezogen“.[6]
Drohnen aus Deutschland
Das Beispiel Großbritannien ist für Deutschland von erheblichem Interesse, weil die Bundesregierung ähnlich vorgeht. So haben deutsche Unternehmen nicht nur begonnen, gemeinsam mit ukrainischen Firmen an deutschen Standorten Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte herzustellen; in der Bundesrepublik seien sie vor russischen Angriffen sicher, heißt es zur Begründung. Darüber hinaus steigen das deutsch-US-amerikanische Start-up Auterion und der ukrainische Drohnenproduzent Airlogix in die gemeinsame Fertigung weitreichender Drohnen an einem Standort nahe München ein. Eine zweite Fabrik soll in Ostdeutschland errichtet werden. Das geschieht auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte bereits im September 2025 angekündigt, Berlin werde seine „Unterstützung für die Beschaffung von weitreichenden Drohnen“ durch die Ukraine intensivieren.[7] Dazu sollten rund 300 Millionen Euro bereitgestellt werden, hieß es. Zur Zeitplanung hieß es im April, die erste Lieferung weitreichender Drohnen aus dem Münchener Umland in die Ukraine sei bereits in wenigen Monaten geplant. Ob sie jetzt bereits stattgefunden hat, ist unklar. Die Frage ist von hoher Bedeutung; denn wäre das der Fall, dann könnten auch in Deutschland hergestellte Drohnen bereits Ziele im russischen Kernland angegriffen haben. Die Bundesrepublik wäre dann ebenfalls Kriegspartei.
Hybrider Krieg
Denkbar sind russische Reaktionen unterschiedlicher Art. Als wenig wahrscheinlich gilt ein offener militärischer Angriff auf die westeuropäischen Drohnenlieferanten der Ukraine; er würde Russland in einen heißen Krieg mit der NATO führen, den es nicht gewinnen kann. Als gut möglich gelten dagegen etwa Cyberangriffe oder eine Eskalation dessen, was in der deutschen Öffentlichkeit als „hybrider Krieg“ bezeichnet wird. Beispiele bietet etwa der Krieg der Vereinigten Staaten gegen Iran, in dem iranische Hacker – zur Vergeltung für US-Angriffe auf die iranische Wasserversorgung – mehr als 30 Wasserwerke mit Cyberattacken überzogen.[8] Wie am Wochenende bekannt wurde, attackierten sie auch ein Kraftwerk in Großbritannien, das damit für vier Tage außer Betrieb gesetzt wurde. Weil es sich dabei nur um ein kleines Kraftwerk gehandelt habe, sei es den Behörden gelungen, den Fall vor der Öffentlichkeit zu verbergen, heißt es jetzt – doch hätten die Hacker damit klargestellt, wozu sie im Fall der Fälle in der Lage seien.[9] Auch Russland wäre in der Lage, sich auf diese oder ähnliche Weise für Angriffe britischer – oder deutscher – Drohnen auf sein Territorium zu revanchieren.
Wichtige Kommunikationskanäle
Zur näheren Einschätzung der Frage, wie sich die Situation weiterentwickeln könnte, ist erneut das Beispiel Großbritannien von Belang. Dort hat am Wochenende die Mitteilung für Unruhe gesorgt, Russland habe seinen Botschafter im Vereinigten Königreich, Andrej Kelin, abberufen, und es bestünden aktuell keine erkennbaren Pläne, ihn oder einen anderen Diplomaten erneut nach London zu entsenden. Kelin habe die britische Hauptstadt schon am 21. Juli „in der Hoffnung verlassen, dass letztlich ein konstruktiverer und respektvollerer Dialog wiederhergestellt werden könne“, teilte ein Sprecher der russischen Botschaft mit.[10] In der Zwischenzeit müsse Großbritannien mit dem Geschäftsträger an der russischen Botschaft vorlieb nehmen. In der der britischen Hauptstadt löst dies Sorgen aus – umso mehr, als nach der Mitteilung des russischen Außenministers Sergej Lawrow in der vergangenen Woche, Russland dürfe die Lieferung und die Freigabe weitreichender britischer Drohnen als direkte Kriegsbeteiligung des Vereinigten Königreichs verstehen, keinerlei diplomatische Rücksprache mit russischen Stellen mehr möglich gewesen sei. „Besonders zwischen feindlichen Staaten“ sei es wichtig, „Kommunikationskanäle offenzuhalten“, damit potenziell gefährliche Szenarien „nicht in eine Katastrophe“ mündeten, wird ein britischer Diplomat zitiert.[11]
Ungewollte Eskalationen
Dies gilt insbesondere auch für Kommunikationskanäle zwischen Militärs. Zum bislang letzten Mal hätten die ranghöchsten Soldaten der beiden Staaten, der britische Chief of the Defence Staff und der russische Generalstabschef, im September 2022 miteinander telefoniert, berichtete kürzlich die Times; seitdem habe die russische Seite jeden britischen Versuch, ein erneutes Gespräch zwischen den Spitzenmilitärs zustande zu bringen, explizit abgelehnt. Nach mehreren Zwischenfällen auf hoher See in jüngerer Vergangenheit, bei denen russische Schiffe teils Schüsse abfeuerten, sei der neue Verteidigungsminister Wes Streeting unter Druck geraten, die Kommunikationskanäle wieder instand zu setzen, um eine „unbeabsichtigte Eskalation“ zu verhindern.[12] Das gelinge bislang allerdings nicht. Es räche sich, dass Großbritannien im Mai 2024 den russischen Militärattaché an der Botschaft in London des Landes verwiesen habe; dieser habe gewöhnlich Telefonate zwischen den Verteidigungsministern arrangiert. John Foreman, ein ehemaliger britischer Militärattaché in Moskau und Kiew, warnt explizit: „Ohne eine direkte Verbindung gibt es das Risiko einer ungewollten Eskalation.“ Ein „größeres Missverständnis“ könne „dazu führen, dass Menschen sterben“. Dies gelte es dringend zu vermeiden.[13]
Großbritannien als Modell
Entsprechendes gilt auch für Deutschland, wo die Bundesregierung aktuell die Lieferung weitreichender Drohnen an die Ukraine unterstützt und auch sonst die verbliebenen Ruinen der deutsch-russischen Beziehungen mutwillig zerstört. Großbritannien, in dieser Hinsicht einen Schritt weiter als die Bundesrepublik, liefert das Modell für den Weg in den Abgrund.
[1] Jonathan Beale, Amy Walker: Ukraine fires UK-supplied Storm Shadow missiles at Russia for first time. bbc.co.uk 20.11.2024.
[2] Dominic Hauschild, Vika Sybir: UK drones used for ‘deep strikes’ in mainland Russia for first time. thetimes.com 15.08.2026.
[3] Nyan One-Way Effector. drone-warfare.com 17.08.2026.
[4], [5] Dominic Hauschild, Vika Sybir: UK drones used for ‘deep strikes’ in mainland Russia for first time. thetimes.com 15.08.2026.
[6], [7] Friedrich Schmidt: Moskau droht Europa mit Angriffen auf konkrete Ziele. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.04.2026. S. dazu Langstreckendrohnen für die Ukraine.
[8] Iran soll hinter Angriffen auf Wasserversorgung in den USA stecken. spiegel.de 31.07.2026.
[9] Tony Diver, Rozina Sabur, Matt Oliver: Iranian hackers shut down UK power plant. telegraph.co.uk 22.08.2026.
[10], [11] Dominic Hauschild: Russia pulls ambassador Andrey Kelin out of Britain. thetimes.com 22.08.2026.
[12], [13] Larisa Brown: Defence chiefs under pressure to ‘reboot’ channels with Moscow. thetimes.com 11.08.2026.
Erstveröffentlicht am 23.8. 2026
Der Weg in den Abgrund
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