Über die Entmenschlichung des Krieges – „Gaza“ Doku Naza

Die Gaza-Doku „Naza“ gewann bei der diesjährigen Biennale di Venezia den Spezialpreis der Jury.

Es ist eine Filmdoku, die unseren Blick wieder auf GAZA richtet, die „technologiekalte“ Entmenschlichung moderner Kriegsführung schonungslos aufdeckt und unter die Haut geht.

Der Film hatte bei seiner Premiere eine rund 25-minütige Standing Ovation erhalten. Der minutenlange Beifall im Stehen gilt als neuer Rekord in der Geschichte des weltweit renommierten Filmfestivals.

In „Naza“ berichten israelische Militärvertreter und Geheimdienstler anonym, wie die israelische Armee im Gazastreifen massenhaft palästinensische Zivilisten tötet. 24 Militärangehörige sagen aus.


Der 80-minütige Dokumentarfilm stammt von dem israeschen Regie-Duo Yuval Abraham und Rachel Szor. Das Werk basiert auf dreijährigen verdeckten Interviews mit 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren. In den Gesprächen schildern die Befragten die internen Prozesse bei der Zielauswahl sowie die Handhabung ziviler Opferquoten bei Luftangriffen im Gaza-Streifen. [1] https://tinyurl.com/n2jyc79r

Der Titel „NAZA“ bezieht sich auf ein hebräisches Militär-Akronym für zivile Begleitschäden. Diese „Begleitschäden“ , die systematische Vernichtung palästinensicher Zivilbevölkerung – so wird in der Dokumentation nachgwiesen – sind aber gezielt gewollt. Quasi in „Naza“ mathematisch errechnet und kalkuliert. KI gestützte Vernichtung ganzer Familien. Die Aufnahmen entstanden im Geheimen überwiegend nachts auf Dächern in Tel Aviv.

Vor der schützenden Kulisse nächtlicher Hausdächer im Zentrum Tel Avivs, optisch und akustisch verfremdet, legen israelische Militärangehörige darüber anonym Zeugnisse ab. Einmal habe Naza 500 betragen, so viele Unschuldige sei der Tod eines bestimmten Hamas-Mitglieds wert gewesen. Als Regel habe sich ein Wert von 20 Naza eingebürgert. Das wäre doch bei mehreren Zehntausend Hamas-Mitgliedern ganz Gaza, folgert Abraham. „Ja, ganz Gaza“ bestätigt der Soldat.

Ein Soldat nennt das Vorgehen einen Genozid, doch auf die Frage, warum er dann mitgemacht habe, antwortet er direkt:„Es war einfach so ein Spaẞ. Alle hatten Spaẞ, es war ein
Adrenalinschub. Es war wie ein Videospiel.“ Es ist einer der Momente, die dieses Memento schwer vorstellbarer Kriegsverbrechen auch für zukünftige Kriege wegweisend machen. [2] … Continue reading

Standing Ovation wie in Venedig wären in Deutschland kaum vorstellbar. Ein solcher Film und ein solches Ereignis wird von den meisten Medien hierzulande am liebsten totgeschwiegen. Oder direkt niedergemacht. Der ehemalige Springer Starjournalist und Herausgeber der Welt Ulf Poschardt erklärt Ereignis und Filmdoku sogar zu Elementen einer existentiellen Bedrohung das Westens:

Wie kaputt die Filmwelt ist – der gesamte Kulturbetrieb. Hamas Propaganda 20 Minuten gefeiert. Die Feinde des Westens überrennen den Westen an den elitärsten Orten. Gibt es keine Gegenwehr gehen wir unter.

Hintergrund dieser Hetze ist, dass Deutschland die in der Filmdokumentation nachgewiesene systematische Ausrottungspolitik Israels gegen die palästinensische Zivilbevölkerung immer noch unterstützt. Deutschland liefert immer noch Waffen, blockiert auf EU Ebene Sanktionen, kooperiert militärisch mit der israelischen Terror-Armee und Rüstungsindustrie. Palästinasolidarische Demonstrat:innen werden von der deutschen Polizei zusammengeknüppelt. Künstler:innen und Wissenschaftler:innen werden in einer Cancelculture mit dem Etikett „antisemitisch“ ausgegrenzt, wenn sie sich mit Palästina solidarisieren. Besonders absurd: Jüd:innen machen gerade einmal 0,20 % der deutschen Bevölkerung aus – und ca. 30 % der im Zusammenhang mit dem deutschen ,,Kampf gegen Antisemitismus“ gecancelten Personen sind jüdisch. Und besonders abscheulich: In der Bundesrepublik ist offenbar nicht jedes „jüdische Leben“ gleich schützenswert. Es hat sich in Deutschland eine fast beispiellose Querfront von den Parteien der Mitte über die AFD bis hin zu einzelnen Führungspersonen in der Linken gebildet, die ihre schützende Hand über die von Rechtsextremen getriebene Politik Israels hält und Kritiker dieser Politik abstraft.

In Stammheim wird 5 jungen palästinasolidarischen Menschen der Prozess gemacht. Sie sind aus Protest gegen den Völkermord in eine israelische Rüstungsfirma eingedrungen und haben dabei leichte Sachbeschädigungen begangen. Behandelt werden diese jungen Menschen wie schwerstkriminelle Mehrfachmörder und Terroristen – während der Gerichtsverhandlung hinter Panzerglas gestellt. Hinter diesem Panzerglas müsste eher Friedrich Merz stehen, der einen Genozid unterstützt und internationales Menschenrecht ignoriert. Das VW Werk in Osnabrück wird von einem israelischen Rüstungskonzern übernommen, damit dort in Zukunft Waffen produziert werden. Es liegt auf der Hand, wohin diese Waffen gehen und wer damit getötet wird!

Der israelische Kulturminister hat dazu aufgerufen, den Dokumentarfilmregisseuren Yuval Abraham und Rachel Szor wegen des Films die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Der Minister bezeichnete den Film als „Verrat“.

Der Film ist ein Dokument der allumfassenden Entmenschlichung von Kriegen. Wir werden, wenn der Film in den Kinos gezeigt wird, breit dazu aufrufen. Und „save the date“: am 10. Oktober findet in Berlin die nächste Großdemonsntration GAZA UNITED statt. Verbreitet die Nachricht. GAZA und Palästina dürfen nicht in Vergessenheit geraten!


Titelbild: Collage Peter Vlatten

Kommt zum gewerkschaftlichen Ratschlag Berlin-Brandenburg

Angesichts der konzertierten Angriffswelle von Unternehmen und Staat hat sich in den Belegschaften, vor allem in der Autimobilindustrie, eine echte Wut angestaut, die sich in Protesten und einzelnen widerständigen Aktionen im Sommer Bahn brach.

Insbesondere eine Resolution aus dem Mercedes Werk Stuttgart Untertürkheim mit dem Titel „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik!“ machte Furore. Die Angriffe der Bosse und ihrer Regierung treffen uns alle. Über alle Branchen, Standorte, Konzerne und öffentlichen Dienste hinweg. Die Antwort der Beschäftigten darauf sollte ebenso koordiniert, entschlossen kämpferisch und gemeinsam erfolgen. Der Ruf nach bundesweiter und regionaler Vernetzung gewerkschaftlicher Aktivist;innen „von unten“ wurde laut. In der Folge fand ein bundesweiter gewerkschaftlicher Ratschlag statt. Anschliessend wurden mehrere regionale Ratschläge gegründet, so auch in Berlin-Brandenburg.

Der Ratschlag Berlin-Brandenburg lädt alle Kolleg*innen zu einem online stattfindenden Ratschlag am 08. Oktober um 19 Uhr ein.

Einwahllink (MS Teams): https://teams.live.com/meet/9373527535726?p=lItUaVByR1Xu4K6ZCL

Kontakt: gewerkschaftsratschlagbb@gmail.com

Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik!

Fast kein Tag vergeht, an dem nicht ein Unternehmen ankündigt, zu entlassen oder auf unsere Kosten „sparen“ zu müssen.

Die Krise ist allgegenwärtig.

Und die Bosse wollen uns dafür bezahlen lassen.

Auch die Regierung tut nichts für uns. Sie will den gesetzlichen 8-Stunden-Tag abschaffen. Wir sollen länger arbeiten für das gleiche Geld oder sogar für noch weniger. Zusätzlich plant sie die ,,Rente mit 70“.

Wir sollen arbeiten, bis wir sterben. Das Bürgergeld wird zur sogenannten ,,Grundsicherung“. Wir sollen also gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten.

Das Gesundheitssystem wird kaputtgespart und medizinische Versorgung zunehmend zu einem Privileg für Reiche. Das Geld, das in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt in die Aufrüstung.

Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.

Bessere Politik braucht unseren gewerkschaftlichen und politischen Kampf! Deshalb warten wir nicht, bis uns jemand bittet zu protestieren. Wir fangen damit an!

Die Protestaktionen unserer Gewerkschaften können nur ein erster Anfang sein – sie dürfen auf jeden Fall nicht das Ende sein! Wir können nicht davon ausgehen, dass einzelne Demonstrationen die Angriffe zurückschlagen werden. Dafür müssen wir von der gesamten Kampfkraft der Millionen Kolleg*innen im DGB, aber auch der bislang nicht organisierten und aller gewerkschaftlichen Mittel bis hin zum Streik Gebrauch machen.

Deshalb brauchen wir eine Strategie, die über den September hinausgeht. Leider haben die Vorsitzenden des DGB und einiger Einzelgewerkschaften bisher keine konsequente Haltung gegen die Angriffe im Betrieb und Kürzungen der Regierung an den Tag gelegt.

Der Unmut wächst, aber auch die Angst und Unsicherheit. Wir wollen mit unseren Kolleg*innen und unseren Gewerkschaften aktiv werden, aber nicht darauf warten, dass wir zum Protest aufgefordert werden. Es ist höchste Zeit, das Heft selbst in die Hand zu nehmen, denn Gewerkschaftsarbeit lebt von unserer eigenen Aktivität und die beginnt in den Betrieben. In den nächsten Monaten stehen viele wichtige Tarifrunden an, die angesichts der aktuellen Lage die härtesten werden, die wir seit langem erlebt haben.

Solidarität und ein gemeinsamer Kampf sind unsere stärkste Waffe. Deshalb möchten wir euch zu einem gewerkschaftsübergreifenden Ratschlag für Berlin-Brandenburg einladen, um darüber zu diskutieren, wie wir in der nächsten Zeit unser Möglichstes tun können, um uns zu verteidigen und unsere Interessen gegen die Bosse und Regierung durchzusetzen.

Themen des Ratschlags können unter anderem sein:

  • Wir diskutieren wieder stärker politisch mit unseren Kolleg*innen vor Ort im Betrieb. ,,Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“ ·
  • Wir nutzen alle sich uns bietenden Gelegenheiten, um die Bosse und die Regierung zu kritisieren. Wir nutzen Betriebsversammlungen, Betriebsratssitzungen, Gewerkschaftsversammlungen, um diese politische Diskussion zu führen.
  • Auch wenn wir zu Beginn wenige oder gar allein sind; wenn wir die Stimme erheben und Haltung zeigen, werden wir mehr werden.
  • Um die Pläne der Regierung abzuwehren, werden wir weiterhin im Betrieb und in unserer Stadt Protest organisieren.
  • Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und verlangen so bald wie möglich weitere Demonstrationen und Aktionen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft zu organisieren. Bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen sich zieren, dann machen wir das selbst.
  • Die Vernetzung in Berlin und Brandenburg soll uns über unsere eigene Gewerkschaft hinaus in den kommenden Auseinandersetzungen stärken. Doch die Angriffe finden bundesweit statt, deshalb setzen wir uns dafür ein, dass es weitere bundesweite Vernetzungen, Ratschläge, Aktionen u.v.m. gibt.
  • Wir wollen gemeinsam besprechen und planen, welche Aktionen wir konkret in Betrieben, Strukturen organisieren können, um uns weiter gegen die Angriffe zu wehren.

Wir laden alle Kolleg*innen zu einem online stattfindenden Ratschlag am 08. Oktober um 19 Uhr ein.

Für November planen wir eine Präsenzveranstaltung in Berlin.

Zum Gewerkschaftlichen Ratschlag Berlin-Brandenburg laden ein

Betriebsrat der PanAm Lounge (Westblick GmbH)

ver.di-Fachgruppe Druck, Verlage, Papier und Industrie Berlin-Brandenburg

FU-Beschäftigte für eine kämpferische Gewerkschaft

Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin

Alexandra Arnsburg, Mitglied im Landesbezirksfachbereichsvorstand A, ver.di Berlin-Brandenburg

René Arnsburg, Sprecher der ver.di-Fachgruppe Druck, Verlage, Papier und Industrie Berlin-Brandenburg

Dr. Martin Fischer, ver.di-Betriebsgruppe Cornelsen Verlag GmbH

Till Freyberg, Verdi Vertrauensmann, Freie Universität Berlin

Konstantin Kieser (GEW, Bezirksleitung Berlin Mitte)

Michael Koschitzki, GEW Vertrauensperson

Sascha Kraft / Aktives Mitglied in der Gewerkschaft Ver.di , Mitglied im Ver.di – CFM Betriebsgruppenvorstand

Mario Kunze aus der Ver.di Betriebsgruppe Vivantes Service Gesellschaft Berlin

Christopher Nabeta, Aktives Ver.di-Mitglied

Claudius Naumann, 2009-2026 Vorstand der ver.di-Betriebsgruppe FU Berlin

Laura Ramm, ver.di-Betriebsgruppe der Bundesdruckerei GmbH

Carlos Seefeld, Ver.di-Vertrauensmann, Gewerkschafter bei der Berliner Stadtreinigung (BSR)

Peter Vlatten, IG Metall, ehem. VKL Mercedes-Benz Untertürkheim, Forum Gewerkschaftliche Linke (Berlin)

Henrik Walter, Sprecher der ver.di-Betriebsgruppe der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe

Marén Wiese (GEW Personalrätin der allgemeinbildenden Schulen in Marzahn-Hellersdorf)

Kommt zum Ratschlag, verbreitet die Einladung und lasst uns gemeinsam diskutieren, wie wir uns gegen die Angriffe von oben wehren können!

Einwahllink (MS Teams): https://teams.live.com/meet/9373527535726?p=lItUaVByR1Xu4K6ZCL

Kontakt: gewerkschaftsratschlagbb@gmail.com

Link zur Vernetzungsgruppe auf Signal: https://signal.group/#CjQKIKHuSIPkttUXqfn2nqOR49f5wNDsTSpI_SlPRCwvWs38EhC9B2DsbU1xjlHVJumqQ4__

Achtung:  IG-Metaller:innen aus den Autokonzernen rufen auf zur Gegenwehr – Petition unterschreiben!

Titelbild: Foto, Collage Peter Vlatten

»Der Staat will eine Panik schaffen, die es so nicht gibt«

Im Prozess gegen die »Ulm 5« wird eigentlich eine Sachbeschädigung verhandelt. Die inszenierten RAF-Parallelen lassen sich mit Stuart Hall begreifen.

Interview mit Sa-Lia Zeh-Sá: Matthias Monroy

Titelbild: Screenshot ethos.media

Beim »Ulm 5«-Prozess wird ja nicht nur eine gemeinschaftlich begangene Sachbeschädigung mit Terrorismusbezug verhandelt, sondern etwas viel Größeres. Was?

Es wird gerade ein Präzedenzfall geschaffen, der grundlegend darüber entscheidet, wie linker Aktivismus in Deutschland künftig justiziabel ist.

Es geht um Sabotage bei der israelischen Rüstungsfirma Elbit Systems am Standort Ulm. Worin genau besteht der juristische Präzedenzfall?

Den Versuch, den Strafrechtsparagrafen 129 zur Bildung einer kriminellen Vereinigung auf politischen, vor allem linken Aktivismus anzuwenden, gab es schon mehrfach, etwa bei der Letzten Generation – dort aber ohne Erfolg, weil die Beschuldigten nicht als »Täter genug« galten. Mit den »Ulm 5« hat man die jetzt gefunden: In einem ohnehin rassifizierten Kontext gilt pro-palästinensischer Aktivismus schon an sich als potenziell kriminell. Weil die »Ulm 5«-Aktivist*innen aber überwiegend weiß und »bürgerlich« gelesen werden, wird der Fall eher als Staatsverrat und Nestbeschmutzung verhandelt.

Neu ist auch die Bereitschaft der Staatsanwaltschaft, ein Verfahren derart zu eskalieren. Ich würde deshalb auch von einem Testfeld sprechen. Die rechtlichen Instrumente sind längst da, der Paragraf 129 steht seit Jahrzehnten im Gesetzbuch. Erprobt wird, wie weit er sich dehnen lässt und wie viel Widerspruch kommt. Wenn das ohne größeren Widerstand durchgeht, stehen dieselben Mittel danach gegen andere Bewegungen bereit.

Isa-Lia Zeh-Sá studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über die Kriminalisierung des pro-palästinensischen Aktivismus am Beispiel des »Ulm 5«-Prozess in Verbindung mit Theorien von Stuart Hall. Zeh-Sá kennt zwei der Angeklagten persönlich.

Ihr Analysewerkzeug ist Stuart Hall. Können Sie das erläutern?

Ich benutze Stuart Halls »Policing the Crisis« von 1978. Er untersucht darin, wie in Großbritannien eine Kriminalitätsdebatte entstand, die in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Zahlen stand und wozu diese Debatte gut war. Ausgangspunkt ist Stanley Cohens Begriff der »Moral Panic«. Cohen beschreibt, wie sich ein diffuses gesellschaftliches Unbehagen an einer Gruppe festmacht, von Medien und Politik aufgegriffen und verstärkt wird und am Ende zu härteren Gesetzen führt. Bei Cohen kommt der Anstoß eher von unten, aus der Gesellschaft.

Hall verschiebt genau diesen Punkt. Er zeigt, dass die Instanzen, die auf eine Bedrohung zu reagieren scheinen, an ihrer Entstehung beteiligt sind. Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte legen zuerst fest, worum es angeblich geht. Die Medien übernehmen diese Deutung, und damit steht fest, worüber überhaupt gestritten wird. Auch die Kritik bewegt sich dann nur noch in diesen Begriffen und reproduziert die vermeintliche Bedrohung, die sie zu bekämpfen behauptet.

»Moral Panic« ist für mich nicht der Oberbegriff, unter den ich alles sortiere, sondern ein einzelnes Werkzeug. Mich interessiert, wie hier eine terroristische Bedrohung hergestellt wird, nicht ob die Gesellschaft in Panik gerät. Ich nutze Hall, weil sein Blick auf das Missverhältnis zwischen tatsächlichem Anlass und Reaktion darauf sich gut auf die »Ulm 5« übertragen lässt. Bei ihnen fehlt nämlich die breite gesellschaftliche Angst, an die sich das andocken ließe. Der Staat will eine Panik schaffen, die es so nicht gibt.

Wie passen die »Ulm 5« in dieses Bild?

Da kommt beides zusammen: die Konstruktion einer Gefahr und die Eskalation der Mittel. Angeklagt sind gemeinschaftliche Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und die Bildung einer kriminellen Vereinigung und nicht Terrorismus. Geführt wird der Prozess aber so, als ginge es darum. Der Verhandlungsort Stammheim, die Verteilung auf fünf Haftanstalten, der Glaskasten, die Hochsicherheitsauflagen bis hin zum Mitschreibverbot. Das sind keine Beweise, das sind Bilder. Sie rufen eine Erinnerung auf und übertragen sie auf einen Fall, in dem niemand zu Schaden gekommen ist. Genau darum geht es bei Hall. Die Bedeutung entsteht nicht aus der Tat, sondern aus dem Rahmen, in den man sie stellt.

Wie sind eigentlich die derzeitigen Haftbedingungen der fünf?

Die variieren und sind nicht überall gleich. Aus einem Frauen*gefängnis wurde mir von extremer Überbelegung berichtet, Zellen, die nur für eine Person ausgelegt sind, müssen sich beispielsweise geteilt werden. U-Haft ist grundsätzlich hart, weil es keinen Alltag gibt, an dem man sich orientieren kann, und Rechte noch stärker eingeschränkt sind – in Hitzewellen wie in diesem Sommer noch einmal mehr.

Ich kenne zwei der Angeklagten und Menschen aus ihrem Umfeld und habe sie auch in der U-Haft besucht. Über Schikanen der Justizvollzugsbeamt*innen können sie bei Besuchen nicht sprechen: Es sitzen immer eine von ihnen sowie eine übersetzende Person dabei und passen auf. Und die Angst, dass sich die Bedingungen nach dem Besuch weiter verschlechtern, ist groß.

Liegt die Verteilung auf Haftanstalten nicht auch an der Nähe zum Wohnort?

Nein. Die Wohnorte liegen größtenteils in Berlin, dort leben auch die meisten Unterstützer*innen. Ich habe während eines Praktikums bei der Freien Hilfe in Haft in Berlin gelernt: Unterbringung nach Wohnort gibt es erst nach rechtskräftiger Verurteilung, vorher richtet sie sich nach der zuständigen Staatsanwaltschaft. Die Verteilung auf fünf Anstalten und die Isolation sollen jeden Kontakt zwischen ihnen verhindern – auch eine RAF-Parallele. Auch hier greift Hall: Die Maßnahmen stehen in keinem Verhältnis zur Tat. Für eine Untersuchungshaft unter diesen Bedingungen besteht kein Anlass. Niemand weiß, wie lange diese dauert. Das ist meines Erachtens psychischer Terror.

Wie wirkt sich die U-Haft auf die psychische Gesundheit aus? Vor Gericht wirken die »Ulm 5« relativ gefestigt.

Die Tage nach Prozesstagen sind auf jeden Fall immer hart, der ständige Kontakt mit wechselnden Menschen kostet viel Energie, dazu die Isolation auch durch Sprache. Die beiden, die ich besucht habe, versuchen sich durch Lesen, Uni-Arbeit und Kontakte zu anderen Gefangenen zu stabilisieren. Belastend ist auch, sich immer wieder neu auf Menschen einstellen zu müssen, die neu in die U-Haft kommen. Es gibt keine Konstanten. Oft sind es Prozesstage, und die Anfahrt ist mit viel Anstrengung verbunden, auch körperlichem Schmerz. Mir wurde berichtet, dass die Handschellen während der Fahrt so stark reiben, dass sie Schmerzen verursachen und blaue Flecken und Druckstellen hinterlassen, die noch Tage später zu sehen sind. Im Gericht selbst freuen sie sich, einander zu sehen, und auch Familie, Freund*innen und Unterstützer*innen. Das ist extrem wichtig.

Hall zufolge wird in Krisenzeiten Ordnung dadurch aufrechterhalten, dass bestimmte Gruppen dämonisiert werden. Um welche Krise geht es hier?

Wenn eine Ordnung sich nicht mehr über Konsens absichern lässt, verschiebt sie sich in Richtung Zwang. Damit das akzeptiert wird, braucht es eine Bedrohung, an der sich diffuse Ängste festmachen lassen. Die Krise, die ich hier sehe, ist die deutsche Staatsräson selbst. Die Erzählung lautet: Dieser Staat hat aus seiner Geschichte gelernt und steht deshalb an der Seite Israels. Seit Oktober 2023 kollidiert diese Erzählung mit der sichtbaren eigenen Beteiligung an einem Völkermord – über Waffenexporte und deren diplomatische Deckung. Dieser Widerspruch wird nicht ausgehalten, sondern ausgelagert. Wer ihn benennt, wird zum Problem erklärt. Das Erinnerungsargument kippt damit von einer Verpflichtung in ein Instrument.

Dazu kommt eine zweite Bewegung, die weit über Palästina hinausgeht: Aufrüstung, Kürzungen im Sozial-, Kultur- und Bildungsbereich, ein Sicherheitsdiskurs, der immer mehr Bereiche erfasst. Gegen die Palästina-Solidarität wird deshalb mit einer Brutalität vorgegangen, die man anderswo so nicht sieht. Minderjährige werden festgenommen, Menschen verlieren wegen Nichtigkeiten ihre Jobs, auf Demonstrationen werden Sprachen verboten, Symbole und Parolen kriminalisiert. Das neue Hochschulgesetz holt die Polizei zurück auf den Campus und droht Lehrenden mit dem Ende ihrer Karriere, und ein großer Teil dieser Verfahren wird am Ende eingestellt, nachdem sie ihre Wirkung längst entfaltet haben.

Das ist ein Muster, das aus der Kolonialgeschichte gut bekannt ist. Mittel werden dort entwickelt, wo mit wenig Widerspruch zu rechnen ist, und wandern von dort in die Mitte der Gesellschaft. Deshalb ist der »Ulm 5«-Prozess nicht nur eine Sache der Palästina-Bewegung.

Der Vorwurf lautet auch auf Antisemitismus – auch gegen die »Ulm 5«.

Angeklagt sind Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Bildung einer kriminellen Vereinigung – nicht Antisemitismus. Er wird trotzdem verhandelt, und es wird versucht, aus einer politischen Handlung eine moralische Verwerflichkeit zu machen. Das verschiebt das Thema weg von dem, was tatsächlich passiert ist.

Ich bestreite nicht, dass es in der pro-palästinensischen Bewegung Antisemitismus gibt. Den gibt es und er muss dort auch bearbeitet werden. Was ich bestreite, ist die Argumentationskette: von einer Parole, auf eine »kriminelle Vereinigung« und von dieser scheinbaren Vereinigung auf eine ganze Bewegung. Das ist dieselbe Logik wie beim Paragrafen 129. Beurteilt wird nicht die Handlung, sondern die Zugehörigkeit.

Hall beschreibt Moral Panic als Zusammenspiel von Medien, Justiz und Polizei bei der Dämonisierung einer Gruppe. Das funktioniert beim »Ulm 5«-Prozess offenbar nicht.

Ich würde sagen, es wird versucht und es geht bisher nicht auf. Das ist ein Unterschied. Hall beschreibt keine Automatik, sondern eine Anordnung, die gelingen kann oder eben nicht.

Der erste Schritt funktioniert: Staatsanwaltschaft und Polizei setzen die Deutung. In der Ermittlungsakte wird die Handlung als Angriff beschrieben, und dieses Vokabular wurde in der Berichterstattung übernommen. Hall nennt das »primary definers«: Wer zuerst definiert, gibt den Rahmen vor, in dem danach auch die Kritik stattfindet.

Der zweite Schritt fehlt: Es gibt keine breite gesellschaftliche Angst, an die sich andocken ließe. Ich lese praktisch die gesamte deutschsprachige Prozessberichterstattung und hatte mit deutlich schlechterer Presse gerechnet. Staatsanwaltschaft und Gericht bieten die Empörung an, aber sie wird von den Medien nicht abgenommen. Meine – sehr hypothetische – Vermutung: Man wollte den Prozess schnell durchwinken und hat mit dem Standort Stammheim gezielt medienwirksame Bilder erzeugt. Dass die Verteidigung so gut arbeitet und dass es eine kontinuierliche Prozessbeobachtung gibt, war offenbar nicht eingeplant.

Was mich dabei am meisten beschäftigt: Die Bedingungen des Prozesses arbeiten selbst gegen eine sorgfältige Berichterstattung. Es gibt keine öffentlichen Protokolle, im Saal darf nicht mitgeschrieben werden. Wer berichten will, ist auf sein Gedächtnis angewiesen. Das ist keine Randnotiz. Dieselben Sicherheitsauflagen, die den Prozess bedrohlich aussehen lassen, verhindern, dass jemand genau nachprüfen kann, was darin passiert.

Die Richterin Kathrin Lauchstädt hat den Prozess bis Januar verlängert. Was ist da zu erwarten?

Das wüsste ich selbst auch gern. Vermutlich hat sie gemerkt, dass sich die Verteidigung ernsthaft mit dem Prozess befasst. Und je länger so etwas andauert, desto weniger Ausdauer haben Unterstützer*innen erfahrungsgemäß. Parallel dazu treffen in Berlin gerade viele Vorladungen wegen Protesten der letzten drei Jahre ein, was diese zusätzlich finanziell und organisatorisch schwächt. Und solange ein Verfahren nach Paragraf 129 läuft, kann das gesamte Umfeld einer Bewegung überwacht werden.

Nicht zu vergessen: Das Verfahren selbst ist schon eine Strafe, unabhängig vom Urteil. Fünf Menschen sitzen seit Monaten in U-Haft. Das ist bereits passiert, egal wie es ausgeht.

Interview

privat

Isa-Lia Zeh-Sá studiert Soziale Arbeit an der ASH Berlin und schreibt ihre Bachelorarbeit über die Kriminalisierung des pro-palästinensischen Aktivismus am Beispiel des »Ulm 5«-Prozess in Verbindung mit Theorien von Stuart Hall. Zeh-Sá kennt zwei der Angeklagten persönlich.

Erstveröffentlicht im nd v. 11.9. 2026
Der Staat will eine Panik schaffen …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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