Friede den Privilegierten?

Europa muss den eigenen Bedeutungsverlust anerkennen.

Von Tsafrir Cohen, medico interntional, 9.9.2026

Es herrscht Krieg in Europa. Seit bald fünf Jahren stehen wir mit unseren Partner:innen der vom Krieg geplagten Bevölkerung in der Ukraine zur Seite. Seit bald fünf Jahren ringen wir bei medico darum, uns der sich ausbreitenden Logik des Krieges zu widersetzen. Vergebens. Denn dem deutschen Diskurs der Gegenwart fehlt – wie der jüngst verstorbene Jürgen Habermas entsetzt feststellen musste – jedes „Moment des Erschreckens vor den Folgen eines jeden Kriegs“. Stattdessen erleben wir die schleichende Normalisierung des Ausnahmezustands. Krieg wird nicht mehr als das absolut letzte, verzweifelte Mittel der Politik verstanden, sondern als valides Instrument der Geopolitik. Ob in der Ukraine, im Iran oder in Venezuela: Militärische Gewalt wird zur legitimen Währung im internationalen System, das internationale Recht wird ungeniert unterwandert.

Es ist eine dystopische Zeitenwende. Der Krieg der Gegenwart erscheint auch deshalb führbar, weil die algorithmische Präzision von Killerdrohnen und künstlicher Intelligenz suggeriert, dass er ein zunehmend automatisiertes Geschehen ist. Diese neue Dimension des Kriegs schafft eine maximale Anonymisierung und eine historisch beispiellose Distanz zwischen militärischen Entscheider:innen und ihren Gegner:innen – und der Zivilbevölkerung. Die Folgen lassen sich in Gaza beobachten: eine technisierte Kriegsführung, die das Leiden der Menschen in die Abstraktion einer virtuellen Realität verbannt und genau dadurch den massenhaften Tod von Zivilist:innen ermöglicht. 

In der Ukraine ist es ganz anders und doch gleich, denn überall ist der Krieg für die Betroffenen mitnichten ein unpersönliches Computerspiel. Das Grauen findet seinen Ausdruck in den Hunderttausenden, die an der Front ums Leben kommen; in ihren trauernden Angehörigen; in den Millionen Geflüchteten und Binnenvertriebenen, deren Dasein bei sinkender internationaler Solidarität immer prekärer wird; in dem verzweifelten Versuch junger Männer, sich dem Krieg zu entziehen.

Ein deutscher Offenbarungseid

Der russische Überfall auf die Ukraine hat in Deutschland eine Kriegslogik in Gang gesetzt, die sich längst von ihrem Ursprung – der Solidarität mit den Angegriffenen – entfernt hat. Aufrüstung dient zur Modernisierung einer ins globale Hintertreffen geratenen deutschen Industrie und ist Legitimationsbeschafferin einer politischen Klasse, der zu den globalen Herausforderungen der Klimakatastrophe und der wachsenden sozialen Ungleichheit nichts mehr einfällt. Warfare statt Welfare. Krieg statt Wohlfahrt. Von Abrüstung und Diplomatie keine Spur. 

Wie Schlafwandelnde schlittern wir immer weiter in eine Aufrüstungsspirale, deren Folgen irreparabel sein können. Abwägende Stimmen sucht man in dieser neuen bellizistischen Welt vergebens. Wer nicht mitmacht, und sei es der ehemalige Fraktionsvorsitzende der regierenden SPD, Rolf Mützenich, wird ignoriert oder marginalisiert.

Auch für die EU ist der Ukraine-Krieg zum Paradigma geworden, mit dem man den politischen Umbau legitimiert. Nicht mehr ein wohlfahrtsstaatliches, sondern ein hochgerüstetes Europa steht auf dem Plan der Eliten. Dabei geht es nicht mehr nur um die russische Gefahr, sondern um ein Europa, das in der regellosen Wolfswelt mit neuer militärischer Stärke bestehen soll. In Milo Raus Theaterstück „Antigone im Amazonas“ mahnt der indigene Philosoph Ailton Krenak: „Es hängen Zeichen über unseren Köpfen“. Er liest sie als Zeichen des Untergangs. Er bezweifelt, dass die Europäer:innen mit ihrem Bedeutungsverlust, dem Untergang eines Selbstverständnisses der Überlegenheit umgehen können. Seine Zweifel sind berechtigt. Wie oft haben wir auf diesem Kontinent, von dem die Kolonisierung, der industrielle Massenmord und zwei Weltkriege ausgingen, geglaubt, dass wir aus diesen Verbrechen geläutert hervorgehen und etwas gelernt hätten?

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein Europa, das keine Alternative zur Militarisierung sieht, verspielt neben dem Frieden auch die Demokratie und die Errungenschaften der letzten 80 Jahre, die in mühsamen Kämpfen, in heftigen Debatten und schwierigen Verständigungsprozessen erarbeitet wurden. Die Angst vor den russischen Kriegsdrohungen bis hin zum Atombombeneinsatz ist nachvollziehbar. Aber geht es hier wirklich nur um die Angst vor einem militärischen Angriff aus Moskau? Oder auch um eine Überlegenheitsfantasie, die mit dem antirussischen Feindbild legitimiert wird? Der russische Revanchismus treffe auf einen „ziemlich orientierungslosen“ Westen, der sich über seinen „relativen Abstieg“ keine Rechenschaft ablege und „regressiv an einem überholten politischen Selbstverständnis“ festhalte, sagte Habermas zwei Jahre vor seinem Tod.

Heute verstehen wir zwar, dass die Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, zu Ende geht. Aber glauben wir nicht trotzdem an die Möglichkeit ihrer Wiederherstellung? An eine Vorstellung eines sehr europäischen Friedens, eines Friedens derer, die das Recht auf Ausbeutung des Rests der Welt besitzen? Ist es nicht dieser Frieden, den man auch regelbasierte Ordnung unter westlicher Hegemonie nennen kann, den wir zurückhaben wollen – wenn nötig mit kriegerischen Mitteln? Aber das ist kein Frieden für alle. Es ist ein Frieden der Privilegierten gegen den Rest der Welt. Um das zu begründen, bemühen wir große Worte und viel Moral. Im Kern: Wir müssen gewinnen, weil wir die Guten und die anderen die Bösen sind.

Handeln aus dem Abseits

Bisher gelingt es nicht, aus dieser Logik auszutreten. Zu sehr hat man der Öffentlichkeit weisgemacht, dass entweder der Sieg über Putin oder aber der russische Angriff auf die NATO unmittelbar bevorsteht. Und dass nur ein Sieg den Frieden bringt. Ukrainische Kampfdrohnen in Moskau führen zu Drohnen auf dem Leipziger Flughafen – und umgekehrt? Die nächste Eskalationsstufe ist gezündet. Es ist erstaunlich, dass es trotz der europäischen Geschichte keine Idee davon gibt, wie schnell das alles in etwas Unkontrollierbares umschlagen kann.

Eine Abkehr von der Kriegslogik beginnt damit, dass wir verstehen, dass sie nicht alternativlos ist und dass wir uns von der realexistierenden Machtlosigkeit nicht beugen lassen müssen. Statt uns ohnmächtig abzuwenden, sollten wir genau hinschauen. Radikale Zeugenschaft ist durchaus mit Risiken behaftet, erst recht wenn sie auch politisch handelt. Die beiden zu Tode gekommenen Demonstrant:innen in Minneapolis, die einen Einsatz der paramilitärischen ICE-Truppen gegen Migrant:innen aufzuhalten versuchten, sind ein Beispiel. Die älteren Demonstrant:innen von Palestine Action, die reihenweise in britischen Gefängnissen landen, ein anderes. Ihre Blockaden und Sachbeschädigung an für Israel bestimmten Waffen sind aus Sicht des Staates Terrorismus. 

Von den Menschen in der Ukraine und in Russland, die sich dem Krieg auf vielfältige Weise entziehen, lässt sich ebenso lernen. Wer die Videos verfolgt, wie Passant:innen in der Ukraine junge Männer vor der Zwangsrekrutierung schützen, kann verstehen, wie der Widerstand einzelner zum Moment einer gemeinsamen Verweigerung werden kann.

Dabei herrscht jenseits des politischen Berlins auch hierzulande kaum Kriegsbegeisterung. Die Bundesregierung hat neulich die Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung zur Verschlusssache erklärt. Die Einsicht der jungen Generation in die Abscheulichkeiten des Krieges, die ihren Ausdruck auch in den bundesweiten Schüler:innenstreiks gegen die Wehrpflicht findet, soll nicht andere anstecken. Zum Glück haben sich die bundesrepublikanischen Lebenswelten viel enger mit der Welt verknüpft als noch vor einigen Jahrzehnten. Millionen Freundschaften, familiäre und Liebesbeziehungen kennen keine nationalen oder ethnischen Grenzen: Viele Deutsche – ob mit oder ohne Migrationsgeschichte – sind in der Welt zu Hause und wollen kein Leben ohne diese Welt.

Frieden lässt sich heute nur internationalistisch denken. Er umfasst das gleiche Recht auf ein Leben in Frieden für alle Bewohner:innen dieser Erde. Dafür müssen wir hierzulande unsere Überlegenheitsfantasien verlernen. Eine jedwede Friedensordnung beginnt bei denen, die am verletzlichsten sind: bei den Menschen in den Kriegs- und Ausgrenzungszonen, bei der geschundenen Natur. Die Alternative zu dieser neuen, vielleicht utopisch scheinenden Ordnung ist der Krieg, der sich in jeden Winkel des Planeten ausbreitet. Alternativlos ist also nur der Frieden.

50.000 Stellen auf dem Spiel. Nicht mit uns ! VW Arbeiter:innen vernetzen sich!

VW Arbeiter:innen vernetzen sich! Der gestern von der IG Metall Führung ausgerufene Protesttag in der Automobilindustrie soll keine Eintagsfliege bleiben. Nicht nur bei Mercedes, jetzt auch bei VW schlagen Kolleg:innen auf den Tisch. Um einen nachhaltigen Widerstand aufzubauen organisieren sich „Gewerkschafter:innen von unten“. Die VW Kolleg:innen fordern dabei vor allem, dass nicht weiter über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Es geht um „unsere Zukunft“! Dazu wurde heute (22.September) vor mehreren VW Werken das folgende Flugblatt verteilt.

50.000 Stellen auf dem Spiel. Nicht mit uns !

Was beschlossen wurde, was offen ist und wofür wir kämpfen!

Der Volkswagen Aufsichtsrat hat am 3. September 2026 dem übergeordneten „Zukunftsplan 2030“ einstimmig zugestimmt. Die darin genannte Erhebung zu rund 50.000 abzubauenden Stellen hat er laut offizieller Mitteilung „zur Kenntnis genommen“. Das ist noch kein standortgenauer Abbauplan. Es ist aber auch keine Entwarnung: Die Zahl steht im strategischen Rahmen für die nächsten Entscheidungen.

Was im Zukunftsplan steht
  • Rund 50.000 Stellen. Die Erhebung sieht konzernweit einen Abbau von rund 50.000 Stellen vor, einschließlich Managementpositionen.
  • Vier Werke ohne gesicherte Folgebelegung. Für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm ist laut Konzern ab 2031 bis 2034 derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gesichert. Alternativen werden geprüft.
  • 9 Prozent Rendite. Von 100 Euro Umsatz sollen 9 Euro als operativer Gewinn bleiben. Das erhöht den Druck auf Kosten, Personal und Leistung.
  • Weitere Entscheidungen folgen. Ein Konzept zur europäischen Produktionsstruktur soll bis Ende Juni 2027 vorliegen. Über einzelne Sachinvestitionen sowie Forschungs- und Entwicklungskosten wird später entschieden
Was noch offen ist

Wo, wann und wie Stellen entfallen sollen, ist öffentlich nicht festgelegt. Eine Werksschließung ist nicht beschlossen. Dauerhaft gesichert sind die vier Standorte damit ebenfalls nicht.

Unsere Zukunft braucht unsere Beteiligung

Über den Beschluss gab es keine unmittelbare Abstimmung der Belegschaften oder der Mitglieder der IG Metall. Gewählte Vertreterinnen und Vertreter waren beteiligt. Wir verlangen vollständige Informationen, nachvollziehbare Kriterien und echte Beteiligung vor konkreten Einschnitten. Keine Beschlüsse im Aufsichtsrat ohne vorherige Abstimmung der Belegschaften. Demokratie darf nicht am Werkstor enden.

Dafür treten wir ein
  • Keine Werksschließungen und kein weiterer Stellenabbau.
  • Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich statt Arbeitsplatzvernichtung.
  • Keine weitere Arbeitsverdichtung und kein weiterer Lohnverzicht.
  • Transparenz über Standortpläne, Kriterien, Zeitpläne und Entscheidungswege.
  • Verbindliche Beteiligung der Beschäftigten und der Mitglieder der IG Metall.
  • Zivile, nachhaltige und ökologisch sinnvolle Produktion an allen VW Standorten
Unsere Werke. Unsere Arbeit. Unsere Zukunft

Verzicht bei VW. Wer fragt die Basis? Den offenen Brief von Christian »Schulle« Schulze lesen. Gemeinsam im Betrieb, in der IG Metall und über alle Standorte hinweg

Gewerkschafter von Unten.
Überparteilich. Solidarisch. Gemeinsam aktiv.

Wer wir sind

Wir sind Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Werken von Volkswagen. Zu uns gehören Vertrauensleute, Betriebsräte und Mitglieder von Vertrauenskörperleitungen. Uns verbindet unser Engagement in der IG Metall und die Überzeugung: Eine starke Gewerkschaft lebt von einer starken Basis. Als Gewerkschafter von Unten sind wir überparteilich organisiert. Wir tauschen Erfahrungen aus, beziehen gemeinsam Stellung und mischen uns ein. Die Beschäftigten müssen mitreden und mitentscheiden können, wenn es um ihre Zukunft geht.

Wofür wir uns einsetzen

Arbeitsplätze und Einkommen sichern. Wir stellen uns gegen Stellenabbau, Werksschließungen und weitere Kürzungen. Wir fordern kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich und Personalausgleich. Zivile Perspektiven schaffen. Wir lehnen einen Einstieg von Volkswagen in die Rüstungsproduktion ab. Stattdessen setzen wir uns für sinnvolle zivile Produkte ein, etwa Fahrzeuge für den öffentlichen Nahverkehr. Beteiligung von unten stärken. Wir wollen rechtzeitige Informationen, offene Diskussionen und verbindliche Beteiligung der Belegschaften. Dafür vernetzen wir uns über die Standorte hinweg.

Deine Erfahrung zählt.


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Titelbild: Collage Peter Vlatten

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