Carla Hinrichs: Aus Gegenwind wird Rückenwind

»Meine verletzte Generation«: Klimaaktivistin Carla Hinrichs klagt an und macht Mut

Warum beginnt Ihr Buch so martialisch mit der Erstürmung Ihrer Wohnung durch die Polizei am 23. Mai 2023, bei der Sie am Ende gar in die Mündung einer Waffe blicken?

Interview FRANK WILLMANN

Bild: Cover Tropen Verlag

Dieser Tag schlug eine tiefe Kerbe in meineBiografie und markierte zugleich einen Höhepunkt unseres friedlichen Protestes. An kaum einem anderen Tag entlarvte der deutsche Staat sich deutlicher als an diesem, an dem er eine Waffe auf eine Botin der schlechten Nachricht richtete, statt sich der Nachricht zu stellen. Gleichzeitig zeigte sich die unglaubliche Kraft des friedlichen zivilen Widerstands. Tausende Menschen schlossen sich danach den Protesten der Letzten Generation an und brachten die Klimakrise als Gesprächsthema an jeden Küchentisch.

Wie erklären Sie die Tatsache, dass Ihnen und Ihren Mitstreitern, jungen nachdenklichen Menschen, an diesem Tag die »Bildung einer kriminellen Vereinigung« vorgeworfen wurde?

Schon die Monarchen im 19. Jahrhundert und die Nazis nutzten den Vorwurf der »Bildung einer kriminellen Vereinigung«, um die demokratische Opposition zu unterdrücken. Diese Tradition gegenüber jenen, die eine bessere Welt für alle fordern, wird heute gegenüber jungen Menschen, die sich eine Zukunft wünschen, fortgeführt. Unser Protest hat den Finger in die Wunde gelegt. Jeden Tag haben wir gezeigt, dass die Regierung sich nicht an ihre eigenen Gesetze hält. Es ist ein politisches Problem, mit dem wir den Staat konfrontierten. Doch er war damit so überfordert, dass er versuchte, es juristisch zu lösen. Dass das nicht geht, liegt auf der Hand.

Interview

Carla Hinrichs, geboren 1997, ist Klimaaktivistin und Autorin. Sie wuchs in Bremen auf und war bereits während ihrer Schulzeit politisch bei Amnesty International aktiv. 2015 begann sie ein Jurastudium, das sie mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Die Dramatik der Klimakrise motivierte sie, sich stärker für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Ab 2022 engagierte sie sich bei der Letzten Generation, war in Talkshows zu Gast, sprach auf Podien oder kommentierte vor Ort die Proteste. Diese Woche kommen ihre Erinnerungen in den Buchhandel.

Wie sind Sie zur Letzten Generation gestoßen, was waren Ihre Beweggründe?

Mit Begeisterung für die deutsche Verfassung und Demokratie habe ich Jura studiert. Aber was, wenn die Regierung sich nicht an unsere Verfassung hält und in der Klimakrise das Leben aller Menschen in diesem Land gefährdet? Die Geschichte gibt uns für solche Notsituationen den friedlichen Widerstand an die Hand. Meine Entscheidung, bei der Letzten Generation mitzumachen, war keine leichte, aber ich wollte dabei sein, wenn Menschen versuchen, zu retten, was uns lieb ist.

Warum ist es der Letzten Generation aber letztlich nicht gelungen, die Massen zu mobilisieren?

Das staatliche Versagen in der Klimakrise hat immerhin schon Millionen Menschen auf die Straße gebracht. Doch im Ergebnis wurde ein verfassungswidriges Klimaschutzpaket verabschiedet. Die Menschen aus der Enttäuschung, aus diesem tiefen demokratischen Schmerz wieder herauszuholen, ihre Trauer in Wut umzukehren und daraus Kraft zu schöpfen, gelingt nicht von heute auf morgen. Jeden Tag müssen wir uns darum bemühen. Im Hinblick auf die Zukunft ist dieser Wandel unumgänglich.

Sie standen mehrfach vor Gericht und wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Dass ich einmal von einem Gericht verurteilt werden würde, weil ich mich in einer alles und alle bedrohenden Krise auf die Straße gesetzt habe, hätte ich vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Inzwischen weiß ich zu gut, wie es sich anfühlt, wenn gegen einen ein Urteil »im Namen des Volkes« gesprochen wird. Es gibt bisher keine rechtskräftig gewordene Geldstrafe gegen mich, aber ohne die Unterstützung meiner Mitmenschen werde ich, wenn diese eingefordert werden sollte, nicht in der Lage sein, zu zahlen.

Wie gelingt es Ihnen, mit dem mörderischen Druck durch rechte Medien und Politiker auf Sie und Ihre Aktionen umzugehen?

Gegenwind beim Protestieren heißt, dass man etwas richtig macht. Natürlich sind manche Drohungen und Einschüchterungen beängstigend und die Gewalt durch Passant*innen und Polizei, die ich auf der Straße erlebt habe, lässt sich nicht ohne Weiteres verarbeiten. Aber wir können aus Gegenwind auch Rückenwind machen. Das habe ich bereits erlebt, und ich glaube, darin wird in Zukunft viel Kraft liegen.

In der Unterzeile Ihres Buches ist von »Verrat« die Rede. Inwiefern verrät uns der Staat, der doch ein Rechtsstaat ist, oder?

Die wissenschaftlichen Fakten sind bekannt und werden ignoriert. Der Staat verspricht Schutz und schützt uns nicht. Er verfolgt friedlichen Protest mit den härtesten Gesetzen und lässt zu, dass unsere Lebensgrundlagen zerstört werden. Wir können dabei zusehen, wie der Rechtsstaat sich auflöst, nicht mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt. Wir müssen genau hinschauen und jeden kleinen Rückschritt abmahnen. Denn zusammengenommen ergibt sich jetzt bereits ein düsteres Bild: Der Rechtsstaat zerbricht.

War die Letzte Generation ohne Fehl und Tadel? Hat nicht auch sie Fehler gemacht?

Die Letzte Generation war ein Versuch: Alles in die Waagschale zu werfen, um alles zu gewinnen. Der Preis ist hoch, den wir dafür bezahlt haben, auf der Straße, in den Gerichtssälen und in den Gefängnissen. Manchmal frage ich mich, ob wir uns noch besser darauf hätten vorbereiten können. Denn niemand sollte mit den Folgen alleine sein. Auch jetzt nicht, da es die Letzte Generation nicht mehr gibt.

Sie wählten bewusst den Weg des gewaltlosen Protests.

Keine Gewalt anwenden zu wollen, ist unser moralisches Gebot. Dahinter steckt auch eine Strategie. Unser Protest richtet sich gegen ein gewaltvolles System. Richtet es seine Gewalt gegen friedlichen Protest, delegitimiert es sich und zwingt die Menschen, sich zu positionieren.

Wäre das Abtauchen im bürgerlichen Wohlfühlkosmos und die Gründung einer Familie für Sie keine Option?

Gibt es diesen Wohlfühlkosmos überhaupt noch? Uns überfluten doch jeden Tag Schreckensnachrichten. Wie sehr muss man seine Augen zukneifen, um darüber hinwegzusehen? Ich persönlich kann das nicht. Nicht nur, weil ich es für falsch halte, das Leid der Welt zu ignorieren und sich wegzuducken, wenn die Geschichte einen braucht, sondern auch, weil ich an der Ohnmacht, angeblich nichts dagegen tun zu können, kaputtgehen würde. Natürlich träume ich an manchen Tagen davon, allem entfliehen zu können, doch nicht zuletzt machen mir das all die Gerichtsprozesse unmöglich.

Was hat es mit dem von Ihnen geforderten Gesellschaftsrat auf sich?

Unser System gleicht immer mehr einer Post-Demokratie. Eine Demokratie darf nicht erstarren, sondern muss sich stets weiterentwickeln, um den Krisen der Zeit begegnen zu können. In repräsentativ ausgelosten Gesellschaftsräten können Entscheidungen unabhängig von Geld und Macht getroffen werden. Sie können abbilden, was die Menschen wirklich wollen, wenn sie zusammenkommen, statt sich immer weiter voneinander zu entfernen, zu trennen.

Was ist die größere Gefahr für den Zusammenhalt der Welt: die Gewitztheit der KI oder die Dummheit von Politikern wie Donald Trump?

Das sind wir – wenn wir reale Bedrohungen als Gewitztheit und Dummheit abtun. Eine angemessene Reaktion auf die Zerstörung der Welt und unseres Gemeinwesens kann nur sein, sich ihr in den Weg zu stellen.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Wild und radikal?

Vielleicht ist »wild und radikal« genau das, was unsere Welt braucht: Radikal die Dinge bei der Wurzel packen und verändern wollen und wild Visionen für unsere Zukunft entwickeln, sich nicht verdummen und einsperren lassen in Zerstörungs-Ideologien. Für beides braucht es Mut. Ich hoffe, dass ich ihn immer wieder finden werde. Im Moment lebt in mir auf jeden Fall noch einiges an Wut und Hoffnung, um den Mut zu schöpfen, mit dem weiterzumachen, was mich bisher anspornte.

Carla Hinrichs: Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät. Tropen-Verlag, 272 S., br., 18 €. Buchpremiere mit der Autorin an diesem Mittwoch im Filmtheater Colosseum, Gleimstraße 33, 10437 Berlin (19.30 Uhr).

Erstveröffentlicht im nd v. 17.2. 2026
Meine verletzte Generation

Wir danklen für das Publikationsrecht.

Streiken gegen den Krieg – Lesekreis

Es vergeht fast keine Tarifrunde mehr, in der nicht massive Angriffe auf das Streikrecht gefahren werden. Zuletzt wurden von den Kapitalvertretern während der Warnstreiks im Tsrifkampf der öffenlichen Beschäftigten der Länder Regelungen gefordert, die selbst das gewerkschaftliche Streikrecht vollkommen aushebeln. Ein politischres Streikrecht soll den Millionen Arbeitenden erst echt verwehrt werden. Hierzu eine Veranstaltung mit Lesekreis

Streiken gegen den Krieg – Lesekreis

24. Februar | 19 Uhr |

Ort: Berliner MieterGemeinschaft | Sonnenallee 101 | 12045 Berlin

Am 24. Februar organisieren wir einen Lesekreis zum Thema Streiken gegen den Krieg.

Wir besprechen dazu gemeinsam den Text „Die Massenstreiks für Frieden und Demokratie im Ersten Weltkrieg“ von Ottokar Luban. Wir laden alle interessierten Kolleginnen herzlich dazu ein. 

Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, hatte die SPD den Kriegskrediten zugestimmt und den Krieg befürwortet. Die freien Gewerkschaften verfolgten eine Burgfriedenspolitik, das heißt, sie verzichteten während des Krieges auf Streiks. Auch große Teile der Arbeiterklasse wurden von der patriotischen Stimmung mitgerissen. Nur ein kleiner Teil innerhalb der SPD und der Gewerkschaften stellte sich gegen den Krieg. Nach zwei Jahren Krieg mit einer Million toten deutschen Soldaten und einer durch die Kriegsanstrengungen verursachten Hungersnot, kehrte sich die Stimmung in der Arbeiterklasse um. Ein erster größerer Streik gegen den Krieg fand am 28. Juni 1916 in Berlin statt: 55.000 Arbeiter:innen der Rüstungsindustrie legten einen Tag lang die Arbeit nieder – aus Protest gegen den Prozess gegen Karl Liebknecht, der wegen einer antimilitaristischen Rede verhaftet worden war.  Der Streik wurde nicht von den offiziellen Gewerkschaften, sondern von den oppositionellen Betriebsvertrauensleuten des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes organisiert. Sie sind in der Novemberrevolution als „Revolutionäre Obleute” bekannt geworden. Im Jahr 1917 gab es mit dem „Brotstreik” einen weiteren Massenstreik, bei dem jedoch nur ein Teil der Streikenden weitergehende politische Forderungen nach Frieden vertrat. Am 28. Januar 1918 fand wiederum ein von den Betriebsobleuten organisierter Massenstreik für Frieden ohne Annexionen in Berlin statt, an dem sich 400.000 Menschen beteiligten.  Bei unserem Lesekreis wollen wir gemeinsam diskutieren, was die Auslöser dieser politischen Streiks war und welche Rolle die Gewerkschaften, die politischen Parteien und die oppositionellen Betriebsvertrauensleute in den Streikbewegungen spielten. Dazu haben wir Benedikt Hopmann und Klaus Dallmer eingeladen, die mit ihrem historischen Wissen zur Arbeiterinnenbewegung dazu beitragen können die Hintergründe der Massenstreiks während des Ersten Weltkrieges zu analysieren.


Lest euch gerne zur Vorbereitung auf den Lesekreis den Text durch: „Die Massenstreiks für Frieden und Demokratie im Ersten Weltkrieg“

24. Februar | 19 Uhr | Berliner MieterGemeinschaft | Sonnenallee 101 | 12045 Berlin

TV-L Einigung: Meilen unterhalb der Forderungen – nicht Austreten, sondern Ablehnen, Weiterkämpfen und Gewinnen!

Samstag morgen verkündeten die Gewerkschaftsspitzen eine Einigung im Tarifkampf TV-L auf „5,8 Prozent mehr Geld, mindestens aber 100 Euro“. Der „Nachwuchs soll 150 Euro mehr bekommen“. Die Laufzeit beträgt 27 Monate bis zum 31. Januar 2028. Ausgezahlt wird das Geld gestaffelt in 3 Schritten. Die Arbeitsbedingungen im Osten sollen endlich (!) den West Regelungen sowohl beim Kündigungsschutz als auch bei der Verringerung der Arbeitszeit an den drei ostdeutschen Unikliniken angeglichen werden. Einen bundesweiten TV-Stud wird es weiterhin nicht geben. Kurzzeitverträge und Kettenbefristungen bleiben also die Norm. Ihre Entgelte sollen ab nächstem Semester auf mindestens 15,20 Euro und ein Jahr später auf 15,90 Euro pro Stunde steigen – jeweils nicht einmal 1,50 Euro über dem Mindestlohn.

Das Verhandlungsergebnis betrifft direkt die rund 925.000 Tarifbeschäftigten der Länder. Insgesamt wird der Abschluss, wenn er wie üblich auf die mehr als 1,3 Millionen Beamten und Pensionäre übertragen wird, für über 2,2 Millionen Menschen gültig sein. Es geht zum Beispiel querbeet um Beschäftigte in Universitätskliniken, Straßenmeistereien, Polizisten, Gefängnisbeschäftigte, um IT-Fachkräfte, Tierpfleger:innen , Erzieher:innen oder Lehrkräfte.

Verdi und GEW hatten ursprünglich sieben Prozent mehr Einkommen, mindestens 300 Euro mehr im Monat gefordert. Laufzeit 12 Monate. Ein erweiterter Forderungskatalog umfasste Verbesserungen für Schichtbeschäftigte, für Azubis, einen eigenen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte und Ost-West-Angleichungen.

Verdi-Verhandlungsführer Frank Werneke nannte die Verhandlungen mit den Ländern „so schwierig wie lange nicht mehr“. Am Ende sei das Niveau des Tarifvertrags für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen im vergangenen Jahr erreicht worden. Das wurde schon seit Tagen als Messlatte bezeichnet. Für erfahrene Kolleg:innen im Tarifkampf war damit klar, dass es auch oberhalb nichts geben wird. Allerdings: Die Entgeldtabellen des TVL sind durch die Bank deutlich schlechter als die des TVÖD. Eine überproportionale Angleichung für die Kolleg:innen bei den Ländern wäre also gerecht, ist überfällig und ist eine Forderung im Sinne „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.“

Das Ergebnis ist Augenwischerei und bedeutet weiteren Reallohnverlust!

Die bürgerliche Presse versucht das Ergebnis für die Kolleg:innen schönzureden. „Ein schwieriger Kompromiss, aber beide Seiten können damit leben.“ Ganz nach dem Motto „der beste Sklave ist ein stolzer Sklave“ schreibt die SZ: „Nach dem Tarifabschluss bekommen Millionen Beschäftigte jetzt mehr Geld. Andere Arbeitnehmer sollten sich nicht vor Neid grämen.“

Schon die „geforderten 7 Prozent, mindestens 300 Euro im Monat mehr“ waren in den Augen vieler Kolleg:innen angesichts der realen Einkommensverluste im letzten Jahrzehnt die unterste Kante. Die Festschreibung auf „ein Jahr und keinen Tag länger“ wurde von vielen als unverrückbarer Kernbestandsteil dieser Gehaltsforderung aufgefasst. Das Einigungsergebnis von 5,8 Prozent mehr über 27 Monate bedeutet umgerechnet auf das Jahr eine durchschnittliche Erhöhung von nicht einmal 2,6 Prozent, Wenn man die fünf Nullmonate seit Oktober einbezieht, sind es nur noch 2,1 Prozent. Das sind also gerade mal 30% vom ursprünglichen Forderungsvolumen. Die offizielle durchschnittliche Inflationsrate betrug im Januar 2026 ebenfalls exakt 2,1 Prozent. Da die Erhöhung Brutto ist, kann jetzt schon von einem erneuten Reallohnverlust ausgegangen werden. Sicher findet kein Ausgleich für die Verluste in den vergangenen Jahren statt.

Die Prognosen lassen keine Besserung erwarten. Im Gegenteil, die Verschuldungsorgie für die Finanzierung des Aufrüstungskurses, wird die Inflationsrate nach oben treiben. Mehr noch: der wachsende Anteil der Wirtschaftsleistung für den rasant steigenden militärischen Sektor wird den Sektor für zivile Dienstleistungen und Produkte verknappen und verteuern. So werden zum Beispiel laut Immobilienverbände immense Baukapazitäten in den Rüstungssektor abgezogen. Die Folgen: es findet ein Transfer von Wohnungsbau zum Tiefbau statt. Die Baukapazitäten für Wohnraum werden „in unverantwortlicher Weise“ verknappt. Die Preise – konkurrierend zu den im Militärsektor gezahlten Preisen – steigen . Weniger Wohnnraum wird noch unbezahlbarer.

Die „reale Inflationsrate“, die die tatsächlichen Ausgaben der Kolleg:innen für den Lebensunterhalt betrifft, liegt seit einigen Jahren aufgrund solcher Entwicklungen deutlich über der oben genannten offziellen durchschnittlichen Inflationsrate. So zahlten die Menschen im Jahr 2022 rückblickend bei einer offiziellen Inflationsrate von 7,9 Prozent tatsächlich im Schnitt 11 Prozent mehr für ihren Lebensunterhalt. Die Militarisierung wird diese Effekte enorm verstärken. Die immer weitere Senkung unseres Lebensstandards ist mit dem jetzt eingeschlagenen Weg so gut wie unvermeidlich.

Wer sagt, es gebe kein Geld, der gehört links und rechts geohrfeigt. Das sagt uns jemand, der gleichzeitig 1,1 Billionen Euro in die Militarisierung pumpt. Für Bildung, Soziales, Gesundheit und Klimaschutz fehle das Geld. Das treibt nicht nur die Kriegseskalation voran. Auch ökonomisch ist es der Wahnsinn. Ein Panzer steht bestensfalls rum oder zerstört. Er nützt allein den Rüstungsproduzenten. Ein Auto kann als Taxi genutzt werden, um Menschen zu befördern. Mit einem Backautomaten werden Brote gebacken. Brote werden gegessen und ernähren Menschen, die arbeiten gehen. Mit medizinischen Leistungen kann Gesundheit und Leben gerettet werden. Wer in Bildung investiert, holt das Dreifache wieder raus. Ein moderner Leopard Panzer kostet 30 Millionen Euro. Für dieses Geld können 150 Akademiker komplett (Schule und Uni) ausgebildet werden.

Um die sich abzeichenden Haushaltslöcher trotz Rekordschuldenaufnahme für die Kriegswirtschaft stopfen zu können, erwarten Wirtschaftsexperten eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2 Prozent. Allein damit wäre das zur Zustimmung vorgelegte TV-L Ergebnis mit einem Schlag aufgefressen. [1]https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-02/wirtschaft-mehrwertsteuer-wirtschaftsforschung-marcel-fratzscher-minijob-wachstum

Die Entwicklung der Tarifkämpfe macht Änderungen zwingend erforderlich

An der Basis und unter den gewerkschaftlichen Aktivisten werden Änderungen diskutiert. Generell geht es darum, den Grundsatz „Gemeinsam sind wir stark“ umfassend umzusetzen, die demokratische Einbeziehung der Basis zu verstärken und Stolpersteine, die der vollen Entfaltung gewerkschaftlicher Kampfkraft im Wege liegen, zu entfernen. Unter anderem wird vorgeschlagen:

  • Die Taktik, für Länder sowie Bund und Kommunen getrennt zu verhandeln und sich am unteren Ende zu orientieren muss endlich durchbrochen werden. Gemeinsame Traifrunden von Ländern, Bund und Kommunen.
  • Gemeinsame Forderungen und Kampfaktionen von Verdi, GEW und anderen.
  • Gemeinsame Streiks mit anderen Sektoren wie dem ÖPNV und dem Streik der Vivantes-Töchter.
  • Verstärkte Einbeziehung der Gewerkschaftsbasis bei der Willensbildung zur Aufstellung von Forderungen und Kampfmaßnahmen.
  • Das 75 Prozent Votum für die Ausrufung eines Erzwingungsstrtreiks kann man als sinnvoll erachten. Es aber auf die Ablehnung eines Einigungskompromisses zu beziehen, bedeutet Stolpersteine für den eigenen Kampf zu legen. Der jetzt vorliegende Einigungsvorschlag muss als abgelehnt gelten, wenn sich mehr als 50 Prozent dagegen aussprechen. Es muss dann eben – evtl. mit Auflagen – weiterverhandelt werden, begleitet von offensiven Warnstreiks. Eine Streik Urabstimmung mit entsprechender Mobiliserung muss in einem gesonderten Schritt – getrennt von der Befassung des jetzt vorliegenden Einigungsergebnisses – mit entsprechender Mobilisierung extra erfolgen.
  • Die Angriffe auf das Streikrecht ebenso wie die Eindämmungsversuche durch „Friedenspflichten“ müssen offensiver zurückgewiesen werden – nicht die Streikenden legen die Axt an den Leistungen der Daseinsvorsorge an, sondern Staat und Kapital. Gut bezahlte Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst heben das Einkommensniveau für alle Beschäftigten in der Region an. Sie helfen gleichzeitig durch ausreichend Personal die Versorgung in wichtigen Bereichen wie Gesundheit und Bildung sicherzustellen. Dies alles ist auch im Interesse der Beschäftigten und ihrer Familien in der Industrie und den privaten Dienstleistungsektoren.

Bis zum 9. März können nun alle Gewerkschaftsmitglieder im TV-L, die bei Ver.di organisiert sind, über das vorliegende Einigungsergebnis abstimmen.

Bei der GEW gibt es bislang keine direkte Abstimmung, begründet wird das damit, dass die Verhandlungsführerschaft ohnehin bei Ver.di liege. Auch GEW Mitglieder sollten ihren Unmut über das Ergebnis und das Prozedere deutlich adressieren!

Diese TV-L Einigung liegt Meilen unterhalb der Forderungen. Haltet in allen Betrieben Mitgliederversammlungen dazu ab. Beratet Euch. Verbindet es mit Änderungsvorschlägen, wie in Zukunft Tarifauseinandersetzungen demokratischer und effektiver geführt werden müssen.

Es muss aber auch klar sein, dass erfolgreiche Erzwingungsstreiks nur bei entsprechendem gewerkschaftlichen Organisationsgrad möglich sind. Da gibt es in vielen Bereichen noch viel Luft nach oben. Deshalb nicht Austreten, im Gegenteil trotz alledem dafür werben, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Denn auf die Beschäftigten selbst kommt es letztlich an, um etwas zu ändern!

Unsere Parole lautet:

Nicht Austreten, sondern Mitgliederversammlungen abhalten, Ablehnen, Weiterkämpfen, alle Kampfkraft in die Waagschale werfen und Gewinnen!

Ablehnen und weiterstreiken, statt austreten!

Du bist unzufrieden mit dem Verhandlungsergebnis für den TV-L? Tritt nicht aus der Gewerkschaft aus, lehne das Ergebnis ab und setze dich dafür ein, dass wir weiter streiken können!

Während Milliarden in die Aufrüstung fließen, wird der Sozialstaat abgebaut und über Krankenstand,Teilzeit und Streikrecht polemisiert. Wir verzichten nicht auf unsere Forderung nach 7% bei 12 Monaten, um ihre Aufrüstung und Steuergeschenke an die Reichen zu finanzieren! Diskutiere mit uns, was wir nun gewerkschaftsübergreifend in unseren Betrieben tun können, um Reallohnverlust und lange Laufzeit zu verhindern. Stimme mit NEIN und komm zu unserer Veranstaltung:

Wo: Mehringhof, Gneisenaustr. 2a
Wann: Mittwoch 18.02.26, 18.00 Uhr
Wer: Netzwerk für eine kämpferische Verdi | Netzwerk kämpferische GEW
Instagram: Netzwerk.verdi | Netzwerk.kaempf.gew
Web: Netzwerk-verdi.de

Leseempfehlung. In der Autoindustrie brodelt es. Aktive Gewerkschafter:innen machen mobil:  Mercedes Berlin Marienfelde: „Stammbelegschaft raus,150 Leiharbeiter rein? Lassen wir uns nicht spalten!“

Titelbild: Collage Peter Vlatten, Fotos Konstantin Kieser

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