Eine Ikone zum Anfassen ging von uns – Victor Grossmann

März 1928 in New York City; † 17. Dezember 2025 in Berlin

Victor Grossmann im Jahre 2017 während der Veranstaltung: “ Dean-Read-Festival 2017″ im Berliner Kino „Babylon“.


Victor erlebte ich das erste Mal ca. 1977/78 bei einer Lesung über sein Buch „Per Anhalter durch die USA“.

Aus seinen Vorwort:

„Um ein Land wie die USA einigermaßen zu verstehen, muß man das Gute und das Schlechte, das Vorwärtsdrängende und das Hemmende sehen.
Es auseinanderzuhalten ist äußert schwierig – zumal sich das Bild ständig verändert-, doch gerade in unserer Zeit sehr notwendig,“ 1976.


Quelle: „Per Anhalter durch die USA“, Verlag Neues Leben Berlin 1976, Seite 9-10″


Fast 30 Jahre später, hatte ich das Glück, Victor während eines „Dean-Read-Festival“ [1]https://www.deanreed.de/ im Jahre 2017 wiederzusehen.
Victor hielt für Dean-Read die Laudatio. Hier zur damaligen Einladung: Ich hatte die Gelegenheit, am Anfang meiner Videoarbeit diese Laudatio aufzunehmen.

Am 17. Dezember 2025 hörte sein Herz auf zu schlagen. Mir Victor verlieren wir einen kämpferischen Menschen, der sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzte.

Beitragsbild: Victor in einer Gesprächsrunde, u. a. Twin Aguasdelrio [2]mit Twin stehe ich seit dem in Verbindung

2024 beschrieb Victor Grossmann in einem Rückblick sein eigenes Leben, beginnend mit der großen Depression in den USA:

Zitat aus dem Rückblick:

"Ich bin alt genug, um mich gerade noch an die Große Depression zu erinnern: Schlangen schäbiger Männer, die auf kostenlose Suppe warteten, besser gekleidete Männer, die an Straßenecken Äpfel verkauften, kilometerlange übel riechende, selbstgebaute Hütten in einem Hooverville bei Newark.

Einige Jahre später, sammelte ich mit meinem Cousin am Times Square, für „Madrid zu retten!“ – und bewunderte die Sowjets dafür, dass sie versuchten genau das zu tun - allein (mit Mexiko) zwei Jahre lang gegen alle anderen Länder. (Und - ebenfalls weitgehend allein - die Weltwirtschaftskrise umgingen, den riesigen Dnepropetrowsker Staudamm bauten und die Modelle der vorbildlichen Moskauer Marmor-U-Bahn-Stationen auf der New Yorker Weltausstellung präsentierten.)

Ein Rückblick von Victor Grossmann auf sein eigenes bewegte Leben. 21.12.2024

Dieser Beitrag wurde zu erst auf Widerstaendig.de veröffentlicht, 20.12.2024

References

References
1 https://www.deanreed.de/
2 mit Twin stehe ich seit dem in Verbindung

»Ich war, ich bin,ich werde sein«

Veranstaltung mit Klaus Dallmer
über die Revolutionsjahre 1918/19
und Infos zur LL-Demo

8.Januar 2026 19 Uhr im Kiezhaus
Agnes Reinholda, Afrikanische Str74

Кlaus Dallmer hat das Buch »Die Meuterei auf der »Deutschland« 1918/19 – Anpassung, Aufbäumen und Untergang der ersten deutschen Arbeiterbewegung« geschrieben. Er wird uns einen Überblick geben über die historische Entwicklung der Arbeiter*innenbewegung in der Zeit des Ersten Weltkriegs bis zur Novemberrevolution, der Gründung der KPD und des Januaraufstandes 1919.

Anschlieẞend wollen wir gemeinsam diskutieren, was wir aus der Geschichte für unsere heutigen Kämpfe lernen können.

Im August 1914 stimmten die Führun-gen der Gewerkschaften und die Mehrheit der SPD-Parteiführung für den Krieg. Kurz zuvor hatte es noch Massenproteste gegen den drohenden Krieg gegeben -nun brach der Widerstand zusammen und die Kriegsbegeisterung gewann zunächst die Oberhand. Dies änderte sich jedoch bald wieder: Hunderttausende Tote an der Front, Lohnstopps und Nahrungsmittel-knappheit zeigten deutlich, wer vom Krieg profitiert und wer nicht. Ab 1916 gab es vermehrt wilde Streiks. Im Januar 1918 kam es schlieẞlich zu Massenstreiks für einen sofortigen Frieden und eine demokratische Republik.

Am 3. November 1918 begann mit dem Aufstand der Matrosen in Kiel die Novem-berrevolution. Neben der Verweigerung erneut in die Schlacht zu ziehen und auf andere Arbeiterinnen zu schieẞen, forderten die Arbeiterinnen auch die Vergesellschaftung der Produktion und eine sozialistische Gesellschaftsordnung.

In Deutschland war eine Rätebewegung entstanden. Der Rätekongress im Dezember 1918 sprach sich allerdings für Wahlen zur Nationalversammlung, also gegen das basisdemokratische Rätesystem aus, und entmachtete sich damit selbst. Die Regierung unter Führung von Friedrich Ebert setzte militärische Truppen gegen die Rätebewegung ein. Zur Jahreswende 1918/1919 wurde die Kommunistische Par-tei Deutschlands gegründet. Am 5. Januar 1919 begann ein Aufstand gegen die Regierung der Mehrheitssozialdemokraten mit Demonstrationen und Besetzungen im Zeitungsviertel in Berlin-Mitte/Kreuzberg, der blutig niedergeschlagen wurde. Die SPD-Führung verbündete sich mit dem Militär und die reaktionären Freikorps zerschlugen die revolutionären Bestrebungen. Die Revolution von 1918 blieb unvollendet.

Es gibt Grund zur Hoffnung, aktuell zum Neuen Jahr "Schiesst sie auf den Mond - Eindrücke zum Jahreswechsel" 

Wenn der Faschismus kommt

Zwei historische Romane, die in den 1930er Jahren in Hamburg spielen und sehr aktuell wirken

VON CLAUDIA WANGERIN

Wie war es, als der deutsche Faschismus immer mächtiger wurde? Anja Kampmann und Heinz Jürgen Schneider bearbeiten diese Frage unabhängig voneinander in zwei historischen Romanen, die beide im Hamburg der 1930er Jahre spielen. Die beiden kennen sich nicht und erzählen ihre Geschichten in Schreibstilen, die kaum unterschiedlicher sein können. Aber sie könnten sich bei den Recherchen für ihre Romane fast in einem Archiv begegnet sein. Denn intensiv recherchiert haben beide über die faschistische Zeitenwende in Hamburg.

Heinz Jürgen Schneiders Roman »Rote Marine« ist schon im vergangenen Jahr erschienen und wurde wenig zur Kenntnis genommen. Der langjährige Menschenrechtsanwalt hat erst gegen Ende seiner juristischen Tätigkeit literarisch zu schreiben begonnen. Mehr Aufsehen hatte er als Rechtsanwalt erregt, als er 2011 eine Strafanzeige gegen Recep Tayyip Erdoğan, damals noch türkischer Premierminister, wegen Kriegsverbrechen stellte.

Anja Kampmanns Roman »Die Wut ist ein heller Stern« wurde gerade mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet. Die Geschichte der Varieté-Artistin Hedda, die ihre Grundlagen im kommunistischen Arbeitersport gelernt hat und zwischen Glamour und Klassenbewusstsein hin- und hergerissen ist, fasziniert sowohl durch den lyrischen Erzählstil als auch durch die außergewöhnliche Perspektive der Hauptfigur.

Die schwarzen Kaimane, über denen sie auf einer Bühne des »Alkazar«, eines Theaters auf der Reeperbahn, schwebt, sind echt und müssen gefüttert werden – notfalls auch mal mit Ratten. »Der Keiler«, eine immer wieder bedrohlich auftauchende Figur, ist eine Metapher für die Gefahr, vor der Hedda weder ihre alten Freunde aus dem »Rotsport« noch ihren Geliebten schützen kann. Zum Glück aber ihren jüngeren Bruder, den die Nazis wegen seiner Behinderung für lebensunwert halten.

Hedda ist eine zähe und gleichzeitig sensible junge Frau, für die angepasste männliche Karrieristen allesamt »Friedrich« heißen. Die Frauen, deren Lebensziel es ist, an der Seite solcher Männer zu glänzen, nennt sie die »Ritas«. Als die Nazis in der Hansestadt die Macht übernehmen, passt sie sich zum Schein an. Wenn sie innerlich kocht oder vor Angst fast zusammenbricht, spricht sie auch mit innerer Erzählstimme von sich als »die Rita«. Als würde sie einen kontrollierenden Blick auf ihre erzwungene schauspielerische Leistung werfen.

Heddas wachsende Wut wird für sie zum Lebenselixier, während ihre Welt in Zeitlupe zusammenbricht, die Nazis das »Alkazar« übernehmen und ihr älterer Bruder Jaan als Harpunenschmied auf einem Walfänger anheuert – nicht weil er unbedingt für das Reich »die Fettlücke« schließen will, sondern um Geld für die Flucht seiner Geschwister zu verdienen. Denn gut bezahlt sind Heddas Auftritte im »Alkazar« von Anfang an nicht – obwohl sie nebenbei für Geld Sex mit einem reichen Ex-Kolonialverbrecher hat, kann sie sich nicht einmal die Miete für einen echten Rückzugsraum leisten. Die zarte junge Frau, mit der sie ein Zimmer teilt, muss sich sogar hauptberuflich prostituieren und erlebt dabei rohe Gewalt.

Jaan kann das Gemetzel an den Walen kaum mit ansehen, erkennt in ihnen fühlende Wesen und scheint darin auch einen Vorgeschmack auf das Blutbad des Zweiten Weltkriegs zu sehen. An dieser Stelle wechseln die Perspektiven zwischen Bruder und Schwester so schnell, dass Hedda fast telepathische Fähigkeiten zu entwickeln scheint. Naturzerstörung, Faschismus und Krieg: Alles fließt hier in einem albtraumhaften Blutmeer zusammen.

Dagegen bleibt Schneider in seiner Erzählweise in »Rote Marine« sparsam wie Hemingway. Wer beide Romane lesen möchte, sollte mit »Rote Marine« anfangen. Das wäre chronologisch korrekt, da dieser Roman bereits 1931 beginnt. Der Titel geht auf den Namen einer Teilorganisation des Roten Frontkämpferbundes der KPD zurück, deren Aktivisten und Funktionäre sich militant gegen das faschistische Bündnis von Mob und Elite wehrten.

Ohne das Menschliche zu vernachlässigen, bietet Schneider tiefe Einblicke in die Strukturen dieses frühen kommunistischen Widerstands, der beim offiziellen staatstragenden Gedenken gern unterschlagen oder aber mittels der »Hufeisentheorie« diffamiert wird. Schneider selbst spricht bei Lesungen von vier Hauptfiguren, die er paritätisch gewählt habe – allerdings hätten insgesamt fünf Personen das Zeug zur Hauptfigur. Drei Männer und zwei Frauen spielen eine wichtige Rolle.

Beide Frauen, Alma und Anni, sind mit Anfang 20 etwa im Alter von Anja Kampmanns Hedda. Sie tragen auf eigene Art die emanzipatorische Aufbruchstimmung der 1920er Jahre in sich, die ab 1933 brutal eliminiert wurde. Sie übernehmen konspirative Aufgaben für die KPD. Alma als anfangs noch privilegierte Kunststudentin, die damit nicht nur ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzt, Anni als junge Parteiarbeiterin, die fast überdiszipliniert wirken würde, wüsste man nicht um den historischen Ernst der Lage.

Schneiders männliche Hauptfiguren sind älter, bereits Mitte 30, von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs geprägt und nicht zuletzt deshalb Kommunisten geworden. Wesentlicher Teil ihrer Motivation ist ein »Nie wieder«, das anfangs noch keinen Faschismus an der Macht kennt, wohl aber das massenhafte Verheizen junger Männer als Kanonenfutter für die Interessen der herrschenden Klasse. Auch deshalb ist »Rote Marine« im Grunde ein hochaktueller Roman. Eine darin dokumentierte Hitler-Rede, die sonst selten zitiert wird, dürfte ebenfalls für Déjà-vus sorgen.

Heinz Jürgen Schneider: Rote Marine. Tredition,‎ 498 S., geb., 25 €.
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern. Hanser, 496 S., geb., 28 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 9.12. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196070.literarischer-antifaschismus-wenn-der-faschismus-kommt.html?sstr=Wenn|der|Faschismus

Wir danken für das Publikationsrecht.

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