Die Militarisierung verschlingt uns – Studierende wie Unis, die dem zivilen Gemeinwohl dienen wollen!


Berlin, 30.05.2026. Redebeitrag von Jonas Winkler (Mitglied von Jugend gegen Krieg und Sozialabbau bzw. Studierende gegen Krieg und Sozialabbau an der Universität in Leipzig ) auf der Friedenskonferenz Berlin zur Vorbereitung der Londoner Europäischen Friedenskonferenz.

Die Militarisierung verschlingt uns – Studierende wie Unis und das zivile Gemeinwohl!

Vor 11 Tagen sperrte die Uni-Leitung für 700 Leipziger Studierende den Hörsaal und verbot ihre Vollversammlung. Die Studierenden blieben, diskutierten auf dem Uni-Hof im Freien. Sie verabschiedeten eine Resolution für einen akademischen Boykott Israels und die Einführung einer Zivilklausel. Militärische Forschung und Zusammenarbeit mit militärischen Institutionen soll für die Uni verboten sein!

In Dresden kämpfen ForscherInnen gegen die Annahme eines Militärauftrags zur Drohnenforschung für den israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems. An der TU Dresden gibt es ebenfalls keine Zivilklausel, die die Forschenden schützt vor derlei Aufträgen.

An den bayrischen Unis wurden durch Beschluss der Landesregierung Zivilklauseln verboten. Zivilklauseln sind den Regierenden ein Dorn im Auge, sie müssen weg, denn die Kapazitäten der Hochschulen sollen uneingeschränkt der militärischen Forschung zur Verfügung stehen.

Das gehört zur Militarisierung der Gesellschaft. Doch es gibt noch einen zweiten Weg, die Hochschulen zu zwingen, sich dem Diktat der Kriegsvorbereitung zu beugen: das Geld.

Die Bundes- und Landespolitik der letzten Jahre haben eine chronische Unterfinanzierung verursacht. Forschung ist nahezu nur noch mit sogenannten Drittmitteln, also Geld aus der Privatwirtschaft, möglich. Eine Form der Privatisierung der Forschung. Wer das Geld gibt, bestimmt auch den Inhalt. Hier wiegt sich die Administration der Uni in Hoffnung, vom reich ausgestattete Militär Gelder zu bekommen.

Gleichzeitig stehen wir Studierenden vor einem gigantischen Abbau von Lehr- und Forschungskapazitäten. Module werden nicht mehr angeboten und Arbeitsplätze abgebaut.

Der Abbau der Landesregierung für die Leipziger Uni umfasst Kapazitäten für 16Mill.€. Dabei gab es schon massive Kürzungen in den Jahren davor. In anderen Bundesländern findet ähnliche Zerstörung statt: an der Goethe-Uni in Frankfurt/Main geht es um 10% weniger. Der Hochschulpakt Hessen bedeutet für die hessischen Hochschulen über seine Laufzeit ein Defizit von über 1 Mrd.€, errechnete die GEW. In Berlin ist der Abbau von 20-25.000 Studienplätzen geplant. An der Uni Hamburg wird das Budget um 13% gekürzt.

Ausbildungsgelder werden verknappt – Ausbildung zum Privileg statt zum Recht. Eine auf Krieg ausgerichtete Gesellschaft braucht Soldaten, die töten sollen, und keine wissenden Jugendlichen.

Deshalb auch wird nichts für die Verbesserung der Existenzlage der Studierenden getan.

Statistiken aus 2024 wiesen bereits mehr als jeden dritten Studierenden als armutsgefährdet aus, 77% der Studierenden, die nicht mehr bei ihren Eltern leben, sind arm – die heutigen Zahlen sind noch höher! -, nur 10% insgesamt bekommen überhaupt Bafög. Und das kommt aktuell immer öfter zu spät – z.T. über Monate überhaupt nicht. Die so verursachten schweren existentiellen Krisen bedrohen besonders Kinder aus Arbeiterfamilien. Aufgrund solcher traumatisierenden Erfahrungen brechen nicht selten Studierende das Studium ab oder bemühen sich nicht um die Fortsetzung als Masterstudium. Wir erleben eine massive Dequalifikation.

Neben dem Studium werden wir in prekäre Arbeitsverhältnisse gezwungen. So werden in manchen Städten Lücken bei öffentlichen Dienstleistungen geschlossen wie in Dresden bei Straßenbahnfahrern, nur außerhalb des Tarifsystems.


Die Wohnungsnot ist für alle ein Problem, auch für Studierende, die für die Ausbildungszeit Wohnraum brauchen. Den Studentenwerken werden die Mittel gekürzt. Es gibt nicht genügend Studentenwohnheime. In den Kommunen findet kaum sozialer Wohnungsbau statt. Und durch die Kriegsvorbereitung und die Planung neuer Musterungsplätze und Militäranlagen werden z.B. in Heidelberg und Köln geplante Sozialwohnungen nicht gebaut, sondern der Platz dem Militär übergeben.

Das alles treibt die Mieten in die Höhe, so dass WG-Mieten inzwischen so teuer sind wie vormals Einzelwohnungen. An Hochschulstandorten liegt der Standardpreis aktuell bei durchschnittlich 524€. Ein WG-Zimmer in Leipzig kostet 400€,in Berlin 680€, in München 775€. Die Wohnkostenpauschal beim Bafög liegt bei 380€.

Diese existenzbedrohende soziale Situation für Studierende, die Zerstörung der Ausbildungsstätten und Abbau von Studiermöglichkeiten und die Öffnung der Unis für Militärforschung sind Elemente des sozialen Krieges der Regierung gegen die Bevölkerung. Sie dienen der Kriegsvorbereitung der Regierung durch Militarisierung der Gesellschaft, Kriegswirtschaft und Aufrüstung und Umverteilung öffentlicher Mittel in den Kriegs- und Militärhaushalt.

Es gibt Widerstand. Die Forschenden in Dresden wehren sich gegen den Militärauftrag aus Israel. Die verbotene Vollversammlung der 700 Studierenden in Leipzig verabschiedet einstimmig die Forderung nach einer Zivilklausel. Die 1500 Studierenden in Leipzig im Oktober 2024 fordern elternunabhängiges Grundeinkommen als Existenzsicherung für alle. Die Studierenden unterstützen die Aktionen der SchülerInnen gegen die Wehrpflicht: tausende kommen zu den Demos am Nachmittag im Rahmen des Schulstreiks. „Wir werden nicht in den Krieg ziehen“ – wird zu einer gemeinsamen und internationalen Jugendlosung.


Die Jugend ist gegen den Krieg – mehrheitlich. Die Bevölkerung ist gegen den Krieg – mehrheitlich. Diese kriegstreibende Regierung muss weg ! Die Regierung Merz/Klingbeil gehört abgelöst, weil sie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Nichts wird aufgebaut – die Zerstörung greift grenzenlos um sich. Merz steht zynisch, frech und offen für eine Politik der Umverteilung zugunsten des Finanzkapitals – zu dem er selbst gehört – und der Monopole, die endlich Krieg haben wollen, um ihren Profit zu sichern.

Deshalb macht es dieser Regierung auch nichts aus, dass die Deindustrialisierung fortschreitet. Dass Klein- und mittlere Unternehmen im Strudel der Inflationskosten durch Sanktionen und Kriegsfolgen ins Aus getrieben werden. Dass Metallbetriebe ins Rüstungsgeschäft umsteigen und dabei tausende Arbeitsplätze abbauen, um eine Produktion aufzubauen, die sich nur bei Krieg lohnt.

Dagegen brauchen wir eine Front, die gegen diese Politik steht. Eine Einheitsfront, die unter Forderungen, die wir alle tragen, den Ring immer enger ziehen kann gegen die Kriegstreiber und Gewinnler der Zerstörung.

Die Regierung Merz/Klingbeil muss weg. Wir brauchen eine Regierung, die unsere Forderungen aufnimmt und umsetzt. Weil wir leben wollen, weil wir die Verantwortung für uns und diesen Planeten haben. Wer soll dann kommen. Es gibt nur eine Lösung: eine ArbeiterInnen-Regierung. Eine Regierung die mit der Kriegstreiberei und der sozialen Zerstörung bricht!

Dazu müssen wir nicht alle Konflikte begraben – Nein, wir müssen nur die einenden Forderungen finden, die gemeinsames Handeln ermöglicht. Und diese können nur sein: NEIN zum Krieg! NEIN zum Sozialabbau!

Titelbild: Collage Peter Vlatten, Ausschnitt aus Titelseite aus „Jugend gegen Krieg und Sozialabbau“

jugendgegenkriegundsozialabbau@gmail.com

Warkens Horrorkatalog, Kürzungen und Angriff auf 8-Stundentag stoppen!

Sie verraten und verhökern ALLES: Sozialstaat, Feiertage, 40 Stundenwoche, Rentensytem, 8 Stundentag, Gesundheit, Arbeitnehmer*innenrechte. Dieses Trommelfeuer an Angriffen auf die Lebensinteressen der arbeitenden Bevölkerung macht eine konzertierte Antwort und koordinierte Kampfaktionen aller Beschäftigten und Gewerkschaften notwendig!

Netzwerk-verdi.de macht dazu Vorschläge, die in allen DGB Gewerkschaften diskutiert und aufgegriffen werden sollten. Kolleginnen und Kollegen von IG Metall, IG Bau, GEW, NGG etc. fangt den Ball, den die Kolleg:inen von ver.di in den Ring werfen, bringt Euch ein in einen branchenübergreifenden Dialog. Die ganze Klasse wird angegriffen. Die ganze Klasse muss antworten.

Die Abwehr der unverschämten Angriffswelle kann umso eher gelingen, je mehr die Beschäftigten aller Branchen zusammenarbeiten und hinsichtlich Kampfbereitschaft und Forderungen in die Offensive gehen und damit Kriegswirtschaft und Großmachtmachtkurs die Gefolgschaft verweigern.

Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin wird Koordination und Diskurs dazu nach Kräften unterstützen!

Nehmt an den Demonstrationen am 10. Juni in Hannover und am 11.Juni in Berlin teil.

Aufruf 10. Juni Hannover,

Aufruf Demo 11. Juni Berlin

(Peter Vlatten)

Zeigt dieser Regierung die rote Karte!

netzwerk-verdi.de

Der Kabinettsbeschluss zur Krankenkassenreform der schwarz-roten Regierungs-koalition ist ein Groẞangriff gegen uns alle. Für gesetzlich Versicherte bedeutet das vor allem: höhere Zuzahlungen bei Medikamenten (Anstieg von 5 auf 7,50 Euro Mindestbetrag), die Einschränkung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern ab 2028 sowie ein verpflichtendes Zweitmeinungsverfahren vor bestimmten Operationen.
Krankenhäuser sollen einem strikten Ausgabendeckel unterworfen werden, Pflege-budgets werden gedeckelt, Tariferhöhungen für Klinikbeschäftigte nur noch begrenzt refinanziert. Dazu kommt die Einführung von Teilzeit-Krankschreibungen.

Es bedeutet also, dass die Gesundheitsversorgung für alle abhängig Beschäftigten teurer und vor allem aber auch schlechter wird. Weitere Krankenhäuser werden schlieẞen, Personal abgebaut, die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Gesundheitswesen noch schlimmer als sowieso. Das wird wiederum bedeuten, dass noch weniger Zeit für Patient*innen da ist. Die nächste Gesundheitsreform also, die nach der Einführung des Fallpauschalensystems, Privatisierungen und Krankenhausreform zulasten der Masse der arbeitenden Bevölkerung geht.

Stattdessen bräuchte es endlich ein bedarfsgerechtes öffentliches Gesundheitssystem, finanziert aus Steuern für die Reichen und Konzerne. Statt Milliarden für die Rüstung braucht es Milliarden für das ohnehin marode Gesundheitssystem, für die Pflege, Soziales, Umwelt und die Bildung. Die Profitmacherei muss aus dem Gesundheitswesen verbannt werden, denn zu viel Geld der Beitragszahler*innen landet in den Kassen von Krankenhaus- und Pharmakonzernen und den Taschen der Profiteure. Es braucht eine Abschaffung des DRG-Systems („Klassifikaationssystem für für eine pauschaliertes Abrechnungssystem“ – die Redaktion), die Re-Kommunalisierung aller privatisierten Krankenhäuser, die Überführung von Phamakonzer-nen in die öffentliche Hand unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung.

Die Zeit drängt! Bundestag, soll noch vor der Sommerpause neue Gesetze beschlieẞen!

Es ist gut, dass ver.di die Beschäftigten im Gesundheitswesen zur Demo am 10. Juni nach Hannover mobilisiert. Da alle Lohnabhängigen von diesem Groẞangriff be-troffen sind, sollten ver.di und die DGB-Gewerkschaften auch die Beschäftigten in allen anderen Bereiche dorthin mobilisieren.

Das wäre ein wichtiger erster Schritt für eine systematischen Kampagne gegen alle Angriffe: gegen die Krankenkassenreform, gegen die Abschaffung des Acht-Stundentags (beides soll noch im Sommer beschlossen werden!), die Pflegereform, Kürzungen bei Wohngeld und Eingliederungshilfen, der Sozialstaatsreform, Preisexplosion, Arbeitsplatzabbau, Betriebsschlieẞungen und Angriffen auf die Rente!

Alle müssen gemeinsam auf die Straẞe! Es ist nötig, das Mittel von Arbeitsniederle-gungen und politischen Streiks anzuwen-den, um diese Groẞangriffe zu verhindern! Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi hat im Herbst letzten Jahres von nötigen Streiks gegen die marktliberale Politik ge-sprochen, die IG-Metall- Vorsitzende Chris-tiane Benner hat im Interview von Auto-bahnblockaden wie 1996 gegen die Ab-schaffung der Lohnfortzahlung im Krank-heitsfall gesprochen. Jetzt ist die Zeit, das in die Tat umzusetzen!
Der ver.di- Vorsitzende Frank Werneke sagt: ,,Was wir gerade erleben, ist ein Trommelfeuer von Angriffen“. Genau.

Nötig ist jetzt die Organisierung von massivem Widerstand! Geschieht das nicht, wird das sowohl die Masse der Beschäftigten massiv treffen, als auch die Gewerkschaften enorm schwächen.

Wir machen uns in ver.di und im gesamten DGB für folgendes Aktionsprogramm stark:

  • Maximale Mobilisierung zur Demonstration in Hannover am 10. Juni (Gesundheitsministerinnenkonferenz) aus allen Bereichen! ·
  • Am selben Tag Branchenübergreifend Organisierung von Protesten bundesweit, wie Mittagspausenaktionen, Betriebsversammlungen verbunden mit Protestaktionen ·
  • Wo Kolleg:innen in Tarifauseinandersetzungen sind (Telekom, Einzel- und Groẞ-handel u.a.), sollen diese an diesem Tag zum Streik aufgerufen werden und am 10. Juni mit Bussen nach Hannover kommen!
  • Diskussion und Vorbereitung über die Ausweitung von Kampfmaẞnahmen bis hin zu politischen Streiks in den Betrieben.
  • Organisierung von betriebsübergreifen-den gewerkschaftlichen Aktionskonferenzen mit Einbeziehung von sozialen Bewegungen in allen Orten.
  • Weitere Groẞmobilisierungen durch alle DGB-Gewerkschaften, wie: Demos und Proteste in allen groẞen Städten an einem Tag Ende Juni, Groẞdemonstration in Berlin Anfang Juli.
  • Vorbereitung eines flächendeckenden politischen Streiks durch alle DGB-Gewerkschaften zur Verhinderung der Angriffe.

Zentrale Forderungen für eine solche Kampagne sollten sein:

  • Nein zu allen Angriffen auf das Gesund-heitswesen. Für eine bedarfsgerechte und wohnortnahe Krankenhaus- und Gesundheitsversorgung ohne Profitmacherei durch Pharmaindustrie, Medizingeräteindustrie und private Krankenhauskonzerne. Rekommunalisierung privatisierter Krankenhäuser und -betriebe. Weg mit den Fallpauschalen. Schluss mit der Zweiklassenmedizin.
  • Verteidigt den Acht-Stunden-Tag! Nein zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes-Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn und Personalausgleich statt Arbeitszeitverlängerung.
  • Nein zur Erhöhung des Renteneinstiegsalters und weiterer Verschlechterungen bei der Rente. Stattdessen Senkung auf 60 Jahre und Einführung einer steuer- und abgabenfreien Rente von 70 Prozent des Nettolohns.
  • Nein zu allen Kürzungen und Verschlech-terungen für die arbeitende Bevölkerung auf allen Ebenen – in der Kommune, im Land, im Bund und im Betrieb.
  • Nein zu Arbeitsplatzvemichtung – wer entlässt gehört enteignet!
  • Massive Abrüstung statt Aufrüstung, Wehrpflicht und Militarisierung. Nein zum zum 5-Prozent-Ziel der NATO!
  • Für ein öffentliches Investitionsprogramm in den Bereichen Soziales, Bildung, Gesundheit, und Umwelt finanziert durch die Profite der Banken und Konzerne.
  • Für eine Vermögenssteuer von zehn Prozent ab einer Million Euro Vermögen und ein stark progressives Steuersystem mit drastisch höheren Steuern auf Unternehmensprofite und groẞe Erbschaften

Das Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di wird sich in diesem Sinne selbst in den nächsten Wochen für Widerstand gegen die Angriffe von oben einsetzen und sich an Initiativen beteiligen bzw. diese mit ergreifen.

Link zum Flyer

netzwerk-verdi.de

Nächstes Online Treffen Mittwoch, 3. Juni um 19 Uhr – Widerstand aufbauen, Zoom Zugang: https://us02web.zoom.us/j/7186072157

»Ich verliere die Hoffnung nicht«

Die Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina über Stimmung und staatliche Schikanen in Russland

Interview: Bernhard Clasen

Titelbild: Stolze freiwillige Todgeweihte. Russische Wehrpropaganda. pxhere. (JG)

Frau Gannuschkina, der Ukraine-Krieg ist mittlerweile im fünften Jahr. Wie ist die Stimmung in der russischen Gesellschaft? Stimmt es, dass die Mehrheit nach wie vor den Krieg unterstützt?

Ich würde nicht sagen, dass eine Mehrheit den Krieg eindeutig unterstützt. Klar, Angst und Druck sind sehr stark zu spüren. Und so schweigen viele Menschen. Aber dieses Schweigen sollte man nicht als Zustimmung verstehen.

Viele Menschen bringen indirekt zum Ausdruck, dass sie mit dem Krieg nicht einverstanden sind. Etwa dadurch, dass sie Organisationen Geld spenden, die den Krieg offen ablehnen. So haben beispielsweise seit Kriegsbeginn die Spenden an unsere Organisation Bürgerunterstützung um ein Zigfaches zugenommen. Das zeigt doch deutlich, dass ein beträchtlicher Teil unserer Gesellschaft das, was passiert, nicht akzeptiert und sich bemüht, eine moralische Position zu wahren.

Die russischen Verluste im Krieg sind enorm. Die Armee braucht jeden Monat 40 000 neue Soldaten. Offiziell melden sich genug Freiwillige. Stimmt das, oder werden Männer nicht doch zwangsmobilisiert?

Offiziell wird niemand in Russland gegen seinen Willen an die Front gezwungen. Offiziell sind alle Soldaten im Krieg gegen die Ukraine Freiwillige. Tatsächlich jedoch wird auf Männer großer Druck ausgeübt, sich für den Krieg zu melden. Insbesondere Bewohnern von Tschetschenien ist es kaum möglich, sich dem Druck, Vertragssoldat zu werden, zu entziehen. Mit diesem Vorgehen hält sich Republikchef Ramsan Kadyrow an der Macht.

Personen in medizinischen Berufen können indes zum Kriegsdienst gezwungen werden. Von dieser Regelung war auch ein tschetschenischer Bekannter von mir, ein junger Arzt, betroffen. Bei der Einberufung wurde ihm zugesichert, dass er im Krieg als Arzt arbeiten könne. Doch kaum an der Front angekommen, wurde ihm eine Waffe gegeben und er musste ohne jegliche Vorbereitung kämpfen. Nach einigen Wochen ist er beim »Fleischsturm«, wie man bei uns sagt, ums Leben gekommen. Eine schreckliche neue Wortschöpfung, mit der man das Vorrücken der Front um einen unbedeutenden Teilabschnitt auf Kosten hunderter Soldaten meint.

Von einem funktionierenden Rechtsstaat kann in Russland keine Rede sein.

Viele Ukrainer sind vor dem Krieg auch nach Russland geflohen. Wie werden sie aufgenommen?

In Russland leben über eine Million ukrainische Flüchtlinge. Die meisten haben sich entschieden zu bleiben. Zum einen wegen der ihnen vertrauten Sprache und zum anderen, weil sie hier persönliche Kontakte und verwandtschaftliche Beziehungen haben. Doch viele haben die vom russischen Staat zugesagte Hilfe nicht erhalten. Wegen der Bürokratie und weil es in einigen Regionen gewisse Einschränkungen gibt. Und so sind es oft Nichtregierungsorganisationen, die diesen Flüchtlingen helfen.

Sprache und verwandtschaftliche Beziehungen machen eine mögliche Integration von Menschen aus der Ukraine relativ einfach. Anders sieht es bei anderen Migranten aus, gegen die immer neue Bestimmungen erlassen werden. Wir bewerten Sie deren Lage?

Sehr besorgniserregend. Die Verfassung garantiert allen Kindern das Recht auf Bildung. Doch in der Praxis ist dieses Recht für Kinder von Migranten stark eingeschränkt. Derzeit ist in Russland für Kinder ausländischer Staatsbürger gesetzlich ein Sprachtest vorgeschrieben. Daran selbst ist generell nichts auszusetzen. Entscheidend ist, welche Schlüsse man aus den Ergebnissen zieht. Sie können als Orientierung dienen, wie die Sprachkenntnisse gefördert werden sollten. Manche Kinder könnten Russisch wie ihre Muttersprache lernen, für andere sind andere Methoden zum Erlernen von Russisch als Fremdsprache erforderlich. Wenn Sprachtests jedoch dazu führen, dass Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen werden, stellt dies einen direkten Verstoß gegen die russische Verfassung dar.

Im Jahr 2025 wurde von 23 000 Migrantenkindern überhaupt nur ein Drittel zum Sprachtest zugelassen. Nur 3000 haben ihn dann auch bestanden. Vor diesem Hintergrund schicken viele Migranten ihre Kinder wieder in die Heimat zurück. Das reißt Familien auseinander, und die Kinder wachsen ohne Väter heran.

Auch russische Staatsbürger werden von den Behörden unter Druck gesetzt, beispielsweise Menschen, die aus dem Ausland nach Russland abgeschoben wurden.

Es kommt immer wieder vor, vor allem wenn es sich um Bewohner von Tschetschenien handelt, dass die Abgeschobenen im Moskauer Flughafen festgehalten werden und dann anschließend in ihre Herkunftsregion, meistens eben Tschetschenien, verbracht werden. Und da wird dann oft auf den Betroffenen massiv Druck ausgeübt. Ihm wird eine Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten oder einer Entsendung in den Krieg nahegelegt.

Das klingt nach Willkür und Schikane. Gibt es keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren?

Von einem funktionierenden Rechtsstaat kann keine Rede sein. Die Legislative und die Judikative sind weitgehend von der Exekutive abhängig. Ich habe selber erlebt, wie ein Gericht arbeitet. Ich bin einmal zu einer Geldstrafe verurteilt worden, obwohl die Beweise für meine Unschuld eindeutig waren. Gut, es war nur eine Geldstrafe. Aber nicht anders urteilen Gerichte, wenn es um langjährige Haftstrafen geht.

Mit Jana Lantratowa wurde gerade eine neue Menschenrechtsbeauftragte ernannt. Eine Entscheidung, die von vielen kritisiert wurde, da sie aus dem inneren Kreis des Systems kommt.

Ich kann kaum etwas zu ihr sagen. In meiner ganzen menschenrechtlichen Arbeit ist sie mir nie aufgefallen. Ich bedauere, dass Tatjana Moskalkowa nicht mehr Menschenrechtsbeauftragte ist. Auch wenn wir manche Probleme unterschiedlich beurteilen, muss man sagen, dass Moskalkowa auf Bitten von mir reagiert hat und so mehrere Menschenleben gerettet wurden. Sie hat unsere Arbeit in Tschetschenien unterstützt, Prozessbeobachter geschickt und Gespräche mit dem dortigen Menschenrechtsbeauftragten vermittelt. Und als ich an meinem 80. Geburtstag festgenommen wurde, hat sie sofort bei der Polizeiwache angerufen und einen Wagen geschickt, der mich dann nach Hause brachte.

Wie frei können Nichtregierungsorganisationen denn aktuell arbeiten?

Sie können arbeiten, aber unter sehr schweren Bedingungen. Die Bürgerunterstützung, deren Vorsitzende ich bin, ist zum »ausländischen Agenten« erklärt worden. Doch wir helfen weiterhin Flüchtlingen, Migranten und anderen Personen aus gesellschaftlichen Randgruppen. Viele unserer Juristen, Freiwillige und andere arbeiten weiter für uns, ohne Honorar. Aber die Risiken haben zugenommen: Die Behörden wissen, wer mit uns zusammenarbeitet, wer uns unterstützt. Und gleichzeitig haben wir weniger Möglichkeiten als früher. Dies liegt zum einen daran, dass der Druck auf uns zugenommen hat, und zum anderen daran, dass wir nun weniger Unterstützung aus dem Ausland erhalten.

Doch dessen ungeachtet: Es gibt in Russland und im Ausland Menschen, die einander helfen und sich für Menschenrechte einsetzen. Und deswegen verliere ich die Hoffnung nicht.

Swetlana Gannuschkina (84) ist eine der bekanntesten russischen Menschenrechtler*innen. Die in Moskau lebende Mathematikerin ist Leiterin der Nichtregierungsorganisation Bürgerunterstützung und hat für ihren Einsatz für Flüchtlinge, Binnenvertriebene, Migranten und Angehörige gesellschaftlicher Randgruppen 2003 den Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International, 2015 vom Flüchtlingshilfswerk der Uno den Nansen-Flüchtlingspreis und 2016 den alternativen Nobelpreis erhalten.

Erstveröffentlicht im nd v. 21.5. 2026
Ich verliere …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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