Was Militärs und Behörden für die Heimatfront planen

Analyse von Martin Kirsch

Der Operationsplan Deutschland bindet zivile Infrastrukturen, Behörden und Unternehmen bereits in Friedenszeiten in militärische Logiken ein.

Mit dem Operationsplan Deutschland (OPLAN) liegt inzwischen eine – geheime – Blaupause für die zivil-militärische Vorbereitung auf den Kriegsfall in Friedenszeiten vor. Im Folgenden soll der OPLAN anhand dessen, was sich aus öffentlichen Quellen erschließen lässt, in seinen wesentlichen Elementen kurz vorgestellt und sich anschließend auf dessen kernmilitärischen Teil fokussiert werden. Es soll beschrieben werden, auf welche Weise und in welchen Bereichen die Bundeswehr unter Berufung auf einen permanenten Quasi-Kriegszustand schon heute zivile Akteure, Strukturen und Organisationen in ihre Planungen für den Ernstfall einbezieht.

Geheime Entstehung

Salopp formuliert handelt es sich beim OPLAN zunächst einmal um ein Dokument, also um einen großen Haufen Papier oder eine große Computer-Datei – er hat eine hohe Einstufung und ist nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt. Das Operative Führungskommando der Bundeswehr schreibt dazu auf ihrer Webseite „Der Operationsplan Deutschland umfasst rund 1.400 Seiten und ist als Gesamtdokument geheim eingestuft. Aus Gründen der nationalen Sicherheit ist das Dokument nicht öffentlich als Download verfügbar.“(Bundeswehr o.J.)

Obwohl also kaum jemand das Papier zu Gesicht bekommen hat, gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen, die Rückschlüsse auf seine Inhalte zulassen. Dazu gehört zum Beispiel die vom Presse- und Informationszentrum des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr herausgegebene Broschüre „Operationsplan Deutschland: Eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.

Außerdem gibt es diverse Militärs, die in Interviews Teile durchblicken lassen. Zu den Ursprüngen des OPLANs gab etwa General André Bodemann, der Kommandeur Territoriale Aufgaben, im April 2024 zu Protokoll:

„Wir haben vor rund einem Jahr mit diesem Plan begonnen und mussten fast alles neu denken. Beteiligt daran waren rund 150 Experten aus Bundeswehr, Bund und Ländern, an rund 100 Tagen haben wir unter ‚geheim‘ getagt. Und was wir jetzt haben, ist ein ‚lebendes Dokument‘, es wird also ständig fortgeschrieben. […] Am 27. März [2024] haben wir den Plan dem Generalinspekteur vorgelegt. Nach dessen Billigung setze ich als Nationaler Territorialer Befehlshaber diesen Plan, der mehrere, auf die Bedrohungslage abgestufte Maßnahmen beinhaltet, in Kraft.“ (FAZ 2024)

Unter „geheim“ tagen bedeutet, dass der Plan in abgeschotteten Räumen ohne Handynutzung erarbeitet wurde und es den Beteiligten – Personen aus der Bundeswehr, der Bundesregierungs-Ebene, den Länderregierungen und aus den Kommunen – strikt verboten ist, darüber zu berichten, was dort eigentlich passiert ist. Als „lebendiges“ Dokument, das permanent überarbeitet wird, soll eine zweite Fassung bereits Mitte 2026 vorgelegt werden.

Entscheidend am OPLAN ist, dass seine Planungen aus der Behauptung abgeleitet (und legitimiert) werden, dass wir uns nicht mehr im Frieden befänden. So äußerte sich etwa General Bodemann gegenüber der FAZ wie folgt:

„Früher gab es nur Null oder Eins, Frieden oder Krieg. Heute liegt dazwischen eine lange Strecke hybrider Bedrohungen. Schon heute gilt: Wir sind nicht im Krieg, formaljuristisch, aber wir befinden uns auch schon lange nicht mehr im Frieden, weil wir täglich bedroht und auch attackiert werden. Trotzdem müssen wir natürlich über die zivilen Beiträge zur Gesamtverteidigung reden.“(ebd.)

Wie auch der gesamte OPLAN sieht uns Bodemann also in irgendeinem Zwischenzustand, wo die klassischen Kriegsdefinitionen noch nicht greifen, aber auch kein Frieden mehr herrschen soll. Bodemanns Vorgesetzter, General Alexander Sollfrank, Chef des Operativen Führungskommandos, beschreibt diese Quasi-Kriegslage auf der Bundeswehrtagung 2025 wie folgt:

„Diese hybriden Aktivitäten, wie wir dazu sagen, darf man nicht losgelöst von einem Krieg in der Ukraine betrachten. […] Sowohl der Krieg in der Ukraine als auch diese Angriffe gegen uns sind Elemente eines strategischen Gesamtansatzes Russlands mit dem Ziel, die gesamte Sicherheitsordnung in Europa zu verändern.“ (Bundeswehr 2025)

Aus Bundeswehrsicht besteht dabei das Problem, dass viele „nützliche“ Gesetze im Frieden nicht oder kaum zur Anwendung kommen – sie greifen erst bei zunehmenden Eskalationsstufen in Richtung Krieg. In der Broschüre „Gesamtverteidigung Deutschland. Ein gemeinsamer Auftrag für unsere Gesellschaft“ listet die Bundeswehr zwölf solcher Gesetze auf, die erst unter bestimmten Bedingungen zum Tragen kommen: Normalzustand, Grauzone, Bündnisfall, Zustimmungsfall, Spannungsfall und Verteidigungsfall. Rechtlich klar geregelt sind lediglich vier der fünf vom Frieden wegführenden „Eskalationsstufen“: „Das Rechtsregime des äußeren Notstands legt Ausnahmevorschriften an und unterscheidet dabei vier Eskalationsstufen: Den Fall besonderer Zustimmung (‚Zustimmungsfall‘), den Spannungsfall, den Bündnisfall sowie den Verteidigungsfall. Diese unterschiedlichen Fälle sind an klar umrissene verfassungsrechtliche Voraussetzungen geknüpft und bedürfen grundsätzlich einer Feststellung durch den Bundestag mit der jeweils erforderlichen Mehrheit.“

Entscheidend ist also diese rechtlich nicht klar definierte „Grauzone“ und wie die Bundeswehr in diesem Beinahe-Krieg nun Zugriff auf zivile Ressourcen bekommen kann, um sie schon heute in die Vorbereitung militärischer Auseinandersetzungen zu integrieren. Zivile Akteure sind damit nach Auffassung von General Bodemann integrale Bestandteile der Gesamtverteidigung, die er wie folgt definiert:

„Verantwortlich dafür ist das Bundesministerium des Innern und für Heimat. Ich bin für den militärischen Teil von Gesamtverteidigung zuständig. Wir befassen uns mit der Frage, welche zivile Unterstützung brauchen wir, um die territoriale Integrität des Landes zu verteidigen oder wiederzuerlangen. Wie erhalten wir die Regierungsfähigkeit, wie schützen wir wichtige Infrastrukturen – das kann die Bundeswehr allein absolut nicht tun, deswegen brauchen wir die Unterstützung der zivilen Seite.“ (Führungsakademie der Bundeswehr 2025)

Fokus Aufmarsch

Im Mittelpunkt des OPLANs stehen Maßnahmen, um den reibungslosen Auf- bzw. Durchmarsch an die Ostfront zu ermöglichen, lässt sich bei der Bundeswehr nachlesen:

„Wesentlicher inhaltlicher Schwerpunkt des Operationsplan Deutschland ist die Beantwortung der Frage, wie die Bundesrepublik den geplanten Aufmarsch und die Versorgung verbündeter als auch eigener Streitkräfte im Bündnisfall gewährleisten kann. Entsprechend der Planungen der NATO müssen hierbei Hunderttausende Soldatinnen und Soldaten mit unterschiedlichen Bereitschaftsgraden durchgängig logistisch und medizinisch versorgt sowie geschützt werden. […] Dies umfasst Unterstützungsleistungen bei Schutz und Sicherung, Verkehrsleitung, Transport und Umschlag auf Straße, Schiene sowie in See- und Flughäfen, Unterbringung und Verpflegung, Betankung und Instandhaltung, medizinischer Versorgung bis hin zur Rechtsberatung. Diese Aufgabe ist – ohne langen Vorlauf und über lange Zeit – nur mit den Leistungen zivil-gewerblicher Partner sicherzustellen.“ (Bundeswehr o.J.)

Es geht also vor allem um den Aufmarsch der NATO von Westen gen Osten, wofür Deutschland nördlich der Alpen der zentrale Knoten ist, durch den alles durch muss, danach kommen Nord- und Ostsee. Konkrete Manöver geben dann einen kleinen Einblick in die möglichen Rollen nicht-militärischer Akteure: In einer Teilübung von „Steadfast Defender“ zog z.B. im September 2025 eine Bundeswehr-Brigade nach Litauen und machte dabei Rast in Prenzlau (Brandenburg). Unter dem Generalunternehmer Rheinmetall gab es dann dort einen bewaffneten zivilen Sicherheitsdienst, der das Gelände bewachte sowie zivile Angestellte, die die LKWs betankten und warteten; es gab einen zivilen Caterer und es gab zivile Firmen, die Zelte und Betten zur Verfügung stellten, weil sich die eigene Logistik im Kriegsfall oder in der Vorbereitung davon in den Plänen der Bundeswehr bereits in Polen, in Litauen oder andernorts entlang der Frontlinie befände.

Wichtig ist, dass nicht nur der reibungslosen Verlegung an die Ostfront, sondern auch den Rücktransporten ins Hinterland große Bedeutung beigemessen wird: Von Westen müssen also NATO-Truppen, Gerät, deren Versorgungsgüter wie Treibstoff, Essen, Munition usw. nach Osten und umgekehrt müssen verwundete und tote Soldat*innen oder zum Beispiel auch Kriegsgefangene gen Westen zurücktransportiert werden.

Arbeitsgruppen

Was die im OPLAN konkret adressierten Themenfelder anbelangt, hat „Frag den Staat“ ziemlich hartnäckig nachgebohrt. Bekommen haben sie nicht allzu viel, aber doch einen Flyer, der sieben Arbeitsgruppen auflistet, deren Themen augenscheinlich im Operationsplan ausgearbeitet wurden (Frag den Staat 2024).

AG1 „Definition ziviler Unterstützungsbedarfe“: Was kann die zivile Seite für die Bundeswehr tun?

AG2 „Lebens- und verteidigungswichtige Strukturen“: Was ist allgemeine kritische Infrastruktur? Was ist zivile Infrastruktur, die für das Militär wichtig ist? Und was ist militärische Infrastruktur, die speziell geschützt werden muss – das ist der Teil, der für den Operationsplan Deutschland besonders wichtig ist.

AG3 „Führungsfähigkeit und gesamtstaatliches Lagebild“: Deutschland hat als föderaler Staat im Gegensatz zum Militär im Zivilbereich keine geraden Befehlswege. Es geht also darum, wie eine Befehlskette etabliert werden kann – auch wenn es diese Strukturen eigentlich nicht gibt –, die irgendwie aus Berlin den Kommunen sagen kann, was sie zu tun haben. Wie es gelöst werden soll, ist unklar, aber auf jeden Fall wird sich fleißig darüber Gedanken gemacht. – Dies wurde auch noch einmal im Januar 2026 deutlich, als über ein vom Militär erarbeitetes Eckpunktepapier „Zivile Komplementärplanungen zum Oplan Deu“ berichtet wurde. Dabei handele es sich um „eine Art Checkliste für die Länder als Vorbereitung für den Ernstfall“, in dem unter anderem folgender Bedarf angemeldet worden sein soll:

„Klare Befehlsketten werden künftig wichtiger. Auf der zivilen Seite muss klar sein, welche Instanz beim Bund im Spannungs- und Verteidigungsfall als ‚Kommandobehörde‘ den Ländern gegenüber weisungsbefugt ist. Damit verbunden sein muss laut dem Papier die Benennung von Verantwortlichen in den Bundesministerien und den nachgelagerten Behörden. Wesentlich sind auch weitere Abstimmungen mit den Bundesbehörden, Ländern und Kommunen. Jede Stelle muss wissen, was im Krisen- oder Kriegsfall in ihrer jeweiligen Zuständigkeit liegt, etwa wenn es darum geht, Straßen und Kreuzungen freizuhalten für Militärkonvois, oder bei der Aktivierung von Personal und Ressourcen.“(Klein/Stenglin 2026).

AG4 „Personal und Gesundheit“: Die im Flyer aufgelisteten Bereiche für diese Arbeitsgruppe umfassen „Wehrersatzwesen“; „Kriegsgefangenenwesen“; „Gefallene“; „Fluchtbewegungen“; „Betreuung und Fürsorge“; „psychosoziale Unterstützung“; „Gesundheitsversorgung“.

AG5 „Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsleitung“: Dazu im Flyer: „Die AG thematisiert die Ertüchtigung der nationalen Verkehrsinfrastruktur und die Erhöhung ihrer Widerstandsfähigkeit mit dem Ziel, in Krise und Konflikt den militärischen Anforderungen unter Berücksichtigung der zivilen Herausforderungen gerecht werden zu können.“

AG6 „Military Mobility“: Die Truppen müssen auch Grenzen überqueren, weshalb sich unter anderem über Dinge wie Zollkontrollen Gedanken gemacht wird. Es geht um die „Vereinfachung, Standardisierung und Beschleunigung von Verfahren sowie die Modernisierung von Infrastruktur, um Truppen und Material schneller grenzüberschreitend verlegen zu können“.

AG7: „Strategische Kommunikation“: Man könnte dazu auch Propaganda sagen, also wie adressiert man die Bevölkerung so, dass sie gefälligst irgendwie an diesem Operationsplan Deutschland mitarbeitet? Da das Dokument geheim ist, wissen wir nicht, ob diese Strategische Kommunikation im Sinne des Operationsplans jetzt schon stattfindet oder erst wenn Fall X oder Y ausgerufen wird, von dem wir dann aber möglicherweise auch gar nichts mitbekommen. Jedenfalls wird sich hier auf höchster Regierungsebene Gedanken darüber gemacht, wie man die Bevölkerung propagandistisch adressiert, um sie ins Glied zu rücken.

OPLAN-Heimatschutztruppe

Von militärischer Seite ist auf oberster Ebene das Operative Führungskommando in Berlin für den OPLAN zuständig, das mit Bundesregierung und NATO kommuniziert. Ihm unterstellt gibt es Landeskommandos in allen Landeshauptstädten, die mit den Landesregierungen und deren Behörden in Kontakt stehen. Und unterhalb davon, weitestgehend aus der Reserve besetzt, existieren Kreis- und Bezirksverbindungskommandos, das heißt, in jedem Kreis, in jeder kreisfreien Stadt und in jedem Regierungsbezirk gibt es ein kleines Bundeswehrkommando, das sozusagen ebenengerecht mit den jeweiligen Behörden kommuniziert, um im Fall der Fälle das auch alles irgendwie gangbar zu machen.

Neben diesen organisierenden gibt es auch noch ausführende Kräfte bei der Bundeswehr. Das ist der sogenannte Heimatschutz, der gerade massiv ausgebaut wird. Aktuell gibt es sechs Regimenter, zusammen 500 aktive Soldat*innen und um die 6.000 Reservistinnen und Reservisten, die dafür da sind, mit der Waffe ebendiese militärrelevante Infrastruktur in Deutschland zu schützen. Kürzlich kündigte der scheidende Heeresinspekteur Alfons Mais aber an, er sehe für die Heimatschutztruppe einen Bedarf von 9.500 Aktiven sowie 138.000 Reservistinnen und Reservisten, die – wie auch immer das gehen soll – bis 2029 zur Verfügung stehen müssten (Boes 2025). Damit würden genug Truppen zur Verfügung stehen, um den permanenten Quasi-Ernstfall gegen alle Eventualitäten militärisch abzusichern – erklärtermaßen auch gegen Proteste aus der Friedensbewegung (Jokisch 2025).

Quellen und weiterführende Informationen:

Operatives Führungskommando der Bundeswehr: Operationsplan Deutschland. Ein militärisches Kernelement an der Gesamtverteidigung, bundeswehr.de, o.J. .

Operatives Führungskommando der Bundeswehr: Operationsplan Deutschland. Eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bundeswehr.de, September 2025.

FAZ: „Im Frieden befinden wir uns schon lange nicht mehr“, faz.net, 22.4.2024.

Bundeswehrtagung 2025: Russland hat Deutschland im Visier – was macht die Bundeswehr? bundeswehr.de, 07.11.2025.

Führungsakademie der Bundeswehr: Gesamtverteidigung Deutschland. Ein gemeinsamer Auftrag für unsere Gesellschaft, bundeswehr.de, Juni 2025.

Frag den Staat: Anfrage #322581. Die Zitate in diesem Kapitel stammen aus dem Flyer, der dort in der Korrespondenz abrufbar ist.

Klein, Lisa-Martina/ Stenglin, Wilhelmine: Oplan Deutschland: Das steht in der Checkliste für die Länder zur Vorbereitung auf den Bündnisfall, Security.Table #389, 21. Januar 2026).

Boes, Stefan Axel: Mehr Heer muss her: Personalaufwuchs und Heimatschutz, Hardthöhenkurier, 20.9.2025.

Jokisch, Jonathan: Militärische Mobilität – Korridore der Aufrüstung, IMI-Studie 2025/05.

Wir danken der Informationsstelle Militarisierung e.V. (IMI) und dem Autor Martin Kirsch für die Möglichkeit der Zweitveröffentlichung. Die Analyse erschien zuerst in der März-Ausgabe des IMI-Magazins Ausdruck, in dem unter anderem die Beiträge des IMI-Kongresses „Militärrepublik verweigern!“ (November 2025) versammelt sind. Wir empfehlen nachhaltig die Lektüre – oder das Nachhören der Konferenz-Beiträge. Text und Ton finden sich auf der Webseite der IMI e.V. .

Die Analyse von Martin Kirsch ergänzte die IMI e.V. online mit kursorischen Einblicken in den OPLAN – Grünbuch ZMZ 4.0:

Die „besten“ Einblicke in den geheimen Operationsplan Deutschland (OPLAN) liefert das „Grünbuch Zivil-Militärische Zusammenarbeit (ZMZ) 4.0“, das vom „Zukunftsforum öffentliche Sicherheit“ (Zoes) herausgegeben wurde. In dem explizit am OPLAN angelehnten Dokument, an dem auch mehrere Bundestagsabgeordnete mitgewirkt hatten, wird ein Szenario im Jahr 2030 durchgespielt, in dem sich die Konflikte mit Russland weiter verschärfen und die NATO auf ein russisches Manöver mit der Verlegung von 60.000 Soldat*innen (u.a. 10. Panzerdivision) an die Ostflanke reagiert.

Auffällig ist, dass auch dem Verwundetentransport im Ernstfall darin große Aufmerksamkeit gewidmet wird: „Die im Falle einer militärischen Eskalation in Form von Kampfhandlungen darüber hinaus entstehenden Bedarfe der Bundeswehr sind der Zeitschrift Wehrmedizin und Wehrpharmazie (2/2023, Kohl. M. et. al.. S. 38. ff.) zu entnehmen. Danach ist mit bis zu 1.000 Patientinnen und Patienten pro Tag zu rechnen, von denen 33,6 Prozent intensivpflichtig, 22 Prozent vermehrt pflegebedürftig und 44,4 Prozent leichter verletzt sind.

Die Autoren attestieren eine gravierende ‚hintere Transportlücke‘ für den strategischen Patiententransport. (StratMedEvac) und kommen unter anderem zu dem Fazit, dass es in der konkreten operativen Planung ein Zusammenwirken von militärischen und zivilen Kräften erforderlich sei.“ Dementsprechend wird auch die Bedeutung der Krankenhäuser hervorgehoben: „Gesamtverteidigung als Aufgabe der Zivilgesellschaft und der Bundeswehr bedeutet für alle Akteure im Gesundheitswesen, ihren Beitrag zu leisten und am Bedarf der Streitkräfte zu planen […]. Die Wirksamkeit dieser Absicherung ist auch eine grundlegende Voraussetzung für die Motivation und das Vertrauen der eingesetzten Kräfte. […] Nun ist es aber so, dass in Deutschland die Versorgung von Kriegsverletzungen nicht Teil der chirurgischen Ausbildung ist. In den USA hingegen rotieren […] pro Jahr 50.000 Ärztinnen und Ärzte in die Militärkrankenhäuser. Dies wird staatlich finanziert.“

Viel Raum erhält auch der Umgang mit Demonstrant*innen, deren Rechte in einer Art und Weise gewahrt werden sollen, dass sie den reibungslosen Transport von Kämpfer*innen und Kriegsgerät möglichst nicht behindern: „Schutz von Versammlungs- und Demonstrationslagen: Die sicherheitspolitische Lage (Truppenbewegung) und die sich daraus ergebenden Folgen werden zu einer Steigerung des Versammlungs- und Demonstrationsgeschehens führen, das durch die Polizeien zu schützen ist und daher deren Einsatzkräfte bindet.“ Vorrangig soll dies Sache der Polizei sein – aber nicht ausschließlich, wie aus dieser Forderung ersichtlich ist: „Schaffung niederschwelliger ordnungspolizeilicher Befugnisse für Militärpolizei-Feldjäger, wie etwa Aussprechen von Platzverweisen, Datenabfragen bei Behörden.“

Zentrale Elemente des OPLANs werden bereits eingeübt, zum Beispiel Anfang 2026 im Manöver „Quadriga 2026“, in dem unter anderem der Verletztentransport trainiert wurde. Der Umgang mit Demonstrant*innen war wiederum ein Gegenstand von „Red Storm Bravo“ im September 2025. Zum zugrundeliegenden Szenario schrieb die Bundesregierung in Drucksache 21/1521: „Der Übung liegt ein fiktives, auf Artikel 4 des Nordatlantikvertrages basierendes Szenario zugrunde. Der Umgang mit zivilen Protesten wird dargestellt und geübt.“

Quelle: Zivil-Militärische Zusammenarbeit 4.0 im militärischen Krisenfall. Eine Situationsbeschreibung, Analyse und Handlungsempfehlungen, Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e.V., 2. Auflage, März 2025.

Erstveröffentlicht auf kritsich-lesen.de
Planungen der Militärs für die Heimatfront

Wir bedanken uns für den auf CC gestellten Beitrag.

Klare Worte statt Appelle – weitere Proteste bei Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim

Die Stimmung unter den Kolleg:innen in der Automobilindustrie ist vielerorts auf auf dem Siedepunkt. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch: „mit Verzicht erhalten wir unsere Arbeitsplätze nicht.“ Verbale Drohrituale reichen nicht aus. „Wir brauchen Flächenstreiks, um die massiven Angriffe abzuwehren.“ Aber es gibt auch eine Menge Fragen , die beantwortet sein wollen.

Miguel Revilla, Vertrauenskörperleiter IG Metall Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim, erklärte in seiner Rede am 3.Juli 2026:

Es kann nur ein kleiner Schritt in einem langen Kampf heute sein..

Es muss fortgeführt und erweitert werden

Die Maschinen müssen stehen, damit es den Kapitalisten weh tut

Die zwei Wochen zuvor verfasste Resolution der Vertrauensleute „„Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“ war eine deutliche Willensbekundung, was der aktivste Teil der Gewerschafter:innen im Werk zu tun gedenkt, damit sich das Kräfteverhältnis verändert.

Bessere Politik braucht unseren gewerkschaftlichen und politischen Kampf!

Wir diskutieren wieder stärker politisch mit unseren Kolleg:innen vor Ort im Betrieb. ,,Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“

Die konzertierte Angriffswelle von Kapital und Arbeit, die wir derzeit erleben, ist die logische Konsequenz eines neuen deutschen Großmachtkurses. Wer konsequent um seine Interessen kämpft gerät damit automatisch in Konflikt. Die Antwort kann nur politischer Widerstand sein – aller Autonomobilarbeiter:innen zusammen und der gesamten arbeitenden Klasse und Bevölkerung. Der Kampf muss aber auch um die Köpfe der Kolleg:innen und er muss um politische Veränderung und Einfluss geführt werden.

Gemeinsamer Protest von Mercedes und Porsche Kolleg:innen

Die von der Gewerkschaftsführung mitorganisierten Proteste am 3. Juli konnten nur ein erster „Auftakt“ sein. Der aktive Teil der IG Metaller im Werk ist sich dessen bewusst.

Die Automobilarbeiter:innen müssen sich vernetzen und gemeinsam kämpfen. Über alle Standorte und Konzerne hinweg. Nach den bundesweiten Protesten setzten die Stuttgarter Mercedesleute dazu ein Zeichen. Gemeinsam mit Porsche Kolleg:innen von der VW Konkurrenz führten sie in ihrer Stadt einen lautstarken Protestautokorso gegen das Kapital durch!

Die „Bosse“ und ihre Regierung machen aber weiter. Mit „Noch lange nicht genug“, kündigt Merz in der Sommer-Pressekonferenz weitere „Reformen“ an. Sachsens Ministerpräsident erklärt die 35 Stundenwoche für „nicht mehr zeitgemäß“. VW Boss Blume erwägt zwei zusätzliche Werke zu schließen.

Die Antwort kann nur lauten. Der Kampf muss ausgeweitet und intensiviert werden. Streiks müssen vorbereitet werden! Breit wird im Stuttgarter Mercedeswerk mobilisiert, am Samstag, den 18.7. , gemeinsam mit den Verdi Beschäftigten gegen den sozialen Kahlschlag in den Kommunen zu demonstrieren!

Die IG-Metaller:innen von Mercedes Stuttgart Untertürkheim machen weiter Furore und zeigen, wie es weitergehen muss!

Politischer. Konzern- und Branchenübergreifend. Streiks vorbereiten! Zusammenschließen. Den Kriegs- und Großmachtkurs von Regierung und Kapital nicht ausklammern!

Machen wir es zur Blaupause in allen Autowerken! Aber auch für die IG-Metall Berlin!

Nicht zuletzt mit auf Initiative aus Mercedes Stuttgart Untertürkheim fand am 16.Juli ein bundesweiter branchenübergreifender Gewerkschaftsratschlag mit über 240 Aktivist:innen vor allem von IG Metall und Verdi statt.

Im Werk wird breit für die Verdi Demo geworben
Klare Worte statt Appelle – Protest bei Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim

Christa Hourani [1] ehem. Betriebsrätin und Vertrauenskörperleiterin der Mercedes Benz Zentrale in Stuttgart berichtet im Detail vom 3.Juli:

Über 30.000 Kolleginnen und Kollegen haben sich am 3. Juli an einem Aktionstag der IG Metall beteiligt. In verschiedenen Mercedes-Werken protestierten sie gegen den Kurs des Vorstands, der weitere Stellenstreichungen durchsetzen will. Allein in Sindelfingen waren es 20.000, in Bremen 4.000 sowie in Untertürkheim und Mettingen jeweils rund 2.000 Beschäftigte, die den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und Standorte, die Beibehaltung der 35-Stunden-Woche sowie der Sonderzahlungen und Sozialstandards forderten.

Der Mercedes-Vorstand hatte die Belegschaften in einem Schreiben darüber informiert, dass die tarifliche Sonderzahlung „Transformationsbaustein“ für 90.000 Beschäftigte für dieses Jahr gestrichen werden soll. Die Sonderzahlung beträgt 18,4 Prozent des regulären individuellen Monatsgehalts. Eine Öffnungsklausel im Tarifvertrag macht eine Verschiebung oder auch Streichung möglich.

Bereits Mitte Juni hatte Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller gegenüber dem „Handelsblatt“ eine Rückkehr von der 35- zur 40-Stunden-Woche ins Spiel gebracht, selbstverständlich ohne Lohnerhöhung. Das würde einem Lohnraub von über 14 Prozent entsprechen. Außerdem soll die Regelung zur Arbeit im Homeoffice massiv eingeschränkt oder gar ganz gekippt werden.

Die Kolleginnen und Kollegen wollen sich das nicht gefallen lassen. In kämpferischen Kundgebungen haben sie ihrem Widerstand Ausdruck verliehen und weitere Aktionen angekündigt. Michael Claus, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Werk Untertürkheim, sprach bei der Kundgebung in Mettingen vor rund 2.000 Kolleginnen und Kollegen von einem Generalangriff auf soziale Standards und tarifliche Errungenschaften. Insbesondere über den Angriff auf die Arbeitszeit zeigte er sich aufgebracht, denn durch noch längere Arbeitszeiten würden noch mehr Arbeitsplätze vernichtet. Claus rechnete vor, dass die Kolleginnen und Kollegen die Verkürzung der Arbeitszeit von 40 auf 35 Stunden, die in den 1980er und 1990er Jahren erfolgte, selbst bezahlt haben. Die Tariferhöhungen blieben in dieser Zeit weit unterhalb der Inflation und unterhalb der Produktivitätssteigerung. 12,9 Prozent Tariflohnerhöhung in den Jahren von 1985 bis 1995 standen 27,9 Prozent Inflation und Produktivität gegenüber. Jetzt soll durch die 40-Stunden-Woche ohne Lohnerhöhung doppelt abkassiert werden. Das sei Lohndiebstahl und für Diebstahl komme man in den Knast, so Claus.

Auf die Ansage des Konzernchefs Ola Källenius, alle Entgeltbausteine und Sonderzahlungen prüfen zu wollen, reagierte Claus mit einem eigenen Vorschlag: „Sollen wir nicht mal prüfen, ob wir uns diesen Vorstand noch leisten können?“ Dafür bekam er viel Applaus. Auch die Frage der Aufrüstung ließ Claus nicht außen vor: Die Angriffe auf soziale Errungenschaften bei Rente, Familienversicherung, Altersteilzeit und Gesundheit seien die Kehrseite davon, dass über 40 Prozent des Bundeshaushalts in die Kriegsmaschinerie gepumpt würden. Er berichtete vom Kampf im Jahr 1996 gegen die Angriffe auf die Lohnfortzahlung bei Krankheit durch die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (siehe auch Seite 17) und durch den damaligen Vorstandschef der Daimler-Benz AG, Jürgen Schrempp. Letzterer hatte die von der Regierung festgelegte Kürzung des Krankengeldes von 100 auf 80 Prozent bei Daimler trotz anderslautender Tarifverträge umgesetzt. Nur durch Flächenstreiks sei das damals verhindert worden, so Claus – und das sei jetzt wieder angesagt, um diesen Generalangriff auf unsere tariflichen Standards und Sozialleistungen abzuwehren. Es brauche jetzt eine „Generalmobilmachung“, ein Zusammenführen der Kämpfe in der Automobilindustrie. „Es braucht einen Generalstreik. Dazu muss man nicht aufrufen, der passiert halt, wenn ihr es wollt“, so Claus weiter. Auch für diese Aussage bekam er viel Applaus. Bevor er sie machte, tauschte er seine IG-Metall-Schildmütze gegen eine Kuba-Mütze mit rotem Stern.

Auch die Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung wandte sich gegen die Verzichtspolitik und fragte unter großem Beifall, wann endlich mal der Vorstand verzichten würde. Sie sprach sich gegen Arbeitszeitverlängerung aus, weil damit Zeit für Familie, Kinder, Gesundheit und Leben geklaut würde. „Ohne Streik wird sich nichts verändern“, so ihr Schlusssatz.

Der für das Werk zuständige IG-Metall-Sekretär stellte die Angriffe bei Mercedes in Zusammenhang mit den Angriffen der Vorstände bei Porsche, Bosch, VW und Mahle sowie mit den Angriffen auf den Sozialstaat durch die Bundesregierung, die das Geld für die Rüstung ausgebe. Er sprach von stürmischen Zeiten, dass Verzicht nichts bringe und jetzt gemeinsam Zeichen gesetzt werden müssten. Der Aktionstag sei ein Startschuss für weitere Proteste wie den Autokorso am 9. Juli. „Wenn wir kämpfen, sind wir stark“, so seine Ansage. Zwei große Transparente drückten die Kernbotschaften der Redebeiträge und die Stimmung auf der Kundgebung aus: „Ohne Streik wird sich nichts verändern“ und „Streikbereit“.

Die Losung „Ohne Streik wird sich nichts verändern!“ war bereits am 30. Juni beim langen Demozug vom Untertürkheimer Werk zur Centerversammlung in der Carl-Benz-Arena zu hören und auf dem Fronttransparent zu lesen. Einige Tage zuvor hatten die Vertrauensleute in Untertürkheim eine Resolution beschlossen, die den Titel trägt: „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik! Die Bosse wollen Klassenkampf? Können sie haben!“ In dieser Resolution werden die Angriffe der Regierung und des Konzernvorstands aufgezählt. Weiter heißt es: „Das Geld, das in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.“ Die „Bosse“ und „ihre Regierung“ stünden auf der anderen Seite der Barrikade. Ihr Ziel sei es, „ihre Krise“ auf Kosten der Beschäftigten zu überwinden und noch reicher zu werden. „Wir dagegen wollen einen guten Job, soziale Sicherheit und Frieden. Doch das gibt es nicht von selbst“, so der Text der Resolution. Was folgt, ist ein Aufruf, sich gewerkschaftlich zu organisieren und zu protestieren – „bis hin zum Streik“: „Und wenn die Gewerkschaftsspitzen sich zieren, dann machen wir das selbst.“

Das sind klare Ansagen, die ohne Appelle an die Politik, die Konzernspitze oder den IG-Metall-Vorstand auskommen. Die Devise lautet, die Mobilisierung selbst in die Hand zu nehmen. Erste Aktionen haben bereits stattgefunden, die nächsten werden vorbereitet. Dazu gehört der Autokorso am 9. Juli, der unter dem Motto steht: „Vorfahrt für Solidarität! Autokorso für einen starken Sozialstaat!“

Der beste Weg, die Krise der Gewerkschaften zu überwinden und wieder in die Offensive zu kommen, ist es, Widerstand aus den Betrieben heraus zu organisieren.

Wir danken Christa Hourani für das Publikationsrecht. Ihr Bericht ist bereits am 10.Juli in der UZ erschienen.

PS.  Der "Aktionär"  meldet am 17.Juli über den Aktienkurs von Mercedes: "Es geht in die richtige Richtung."  Der Cash flow steige wider Erwarten. Gestern am 16.Juli meldete die FAZ, dass jetzt auch bei BMW ein Belegschaftsabbau erwogen wird. 

Bilder: Vertrauensleute IG Metall Mercedes Stuttgart UT

References

References
1 ehem. Betriebsrätin und Vertrauenskörperleiterin der Mercedes Benz Zentrale in Stuttgart

Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien

Ein historischer Überblick vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart – über mutige Menschen und „kluge Köpfe“, die unter keinen Stahlhelm passen

Von PETER BÜRGER

Forum-Red.: Der Autor stellt uns hier eine reichhaltige humanistische und friedensbewegte jüdische Tradition vor. In dieser Tradition sehen wir uns auch. Mit Sicherheit nicht in dieser Tradition stehen die Erbauer der „deutschen Staatsräson“, für die gerade ein absurdes reaktionäres Gesetz verabschiedet werden soll. (JG)

(Die Erstveröffentlichung erfolgte am 27.06.2026 in „Krass & Konkret“, Red. Florian Rötzer; hier folgt eine leicht bearbeitete, aktualisierte Fassung vom 29.06.2026.)

Abbildung oben: Das friedensbewegte Ehepaar Albert und Elsa Einstein am 2. April 1921 auf dem Schiff „Rotterdam“ bei ihrer Ankunft in New York. commons.wikimedia (bearbeitet).

Eine ‚Werkbank‘ des Projekts „Schalom-Bibliothek“ zu Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien enthält als Ergebnis eines ersten Recherche-Durchgangs mit vorrangig deutscher Perspektive schon fast 200 Namens-Einträge. Warum waren und sind Juden/Jüdinnen bzw. Menschen aus jüdischen Familien auffällig stark in der weltweiten Friedensarbeit vertreten? Aus friedenstheologischer Sicht möchte ich gerne annehmen, dass – auch bei den ‚Säkularen‘ – vor allem Prägungen durch die jüdische Religion einen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden begünstigt haben. Es hat ja kein Geringerer als Ernst Bloch (1885-1977) die Vision der Propheten Israels („Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen“) als „das Urmodell der pazifistischen Internationale“ betrachtet.

Die pazifistischen Neigungen des rabbinischen Judentums in zwei Jahrtausenden sind zumindest ein möglicher Hintergrund, wie beispielhaft das Selbstverständnis der 1941 begründeten Jewish Peace Fellowship und natürlich die Rabbis for Human Rights zeigen.

Hinzu kommen jedoch auf jeden Fall weitere geschichtliche Aspekte, die sich aus Kulturkontexten und der ‚Diaspora‘-Erfahrung ergeben – wie z.B.: die Affinität zu Bildung und Aufklärung (später zu politisch nonkonformen, freiheitlichen, linken Bewegungen); die eigenen Minderheits- und Gewalterfahrungen in der Geschichte; Identitätsbildung, familiäre Verbundenheit und Kommunikationsräume über Nationalgrenzen hinweg (oft einhergehend mit einer ausgeprägten Mehrsprachigkeit).

Jeffrey Sachs (geb. 1954 in Detroit, USA) – Entwicklungsökonom und Leiter des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University; ehedem Direktor des UN-Millenium-Projekts zur globalen Armutsbekämpfung – votiert im „Nahost-Konflikt“ für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ und wendet sich gegen die nationalreligiösen Bellizisten mit folgendem Bekenntnis: „Für mich und unzählige andere außerhalb Israels ist das Judentum ein Leben voller Ethik, Kultur, Tradition, Gesetz und Glauben, das nichts mit Nationalität zu tun hat“ (August 2025).

Das beeindruckende Spektrum von Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien lädt alle Neugierigen zu weiteren Erkundungen ein. Einige historische Felder der pazifistischen Bewegung und Friedensarbeit sollen in diesem Beitrag (nach älteren Vorlagen) beleuchtet werden:

  1. Friedensbewegte Pioniere und Tolstoi-Vermittler
  2. Wissenschaft – rationaler Pazifismus
  3. Erster Weltkrieg – Nonkonformisten in der Sozialdemokratie
  4. Die Dichter:innen widersagen dem Krieg
  5. Verfemter Pazifismus in der Weimarer Republik
  6. Nazi-Jagd auf jüdische Pazifisten
  7. „Kultur-Zionismus“ – „Hebräischer Humanismus“
  8. Nuklearpazifismus
  9. Antipazifistische Judenfeindlichkeit heute.
1. Friedensbewegte Pioniere und Tolstoi-Vermittler

Der lange Reigen der nationalistischen und antipazifistischen Judenverächter nahm seit jeher Anstoß an der hohen ‚Friedensethik der Hebräer‘. Der – wie gleichgesinnte ‚deutsche Christen‘ aus der napoleonischen Zeit – von Feindseligkeit gegen Juden bewegte Ernst Moritz Arndt, Schöpfer des „Volksthum“-Begriffs, schrieb schon 1813 in seiner Schrift „Der Rhein“: „Verflucht aber sei die Humanität und der Kosmopolitismus, womit ihr prahlet! Jener allweltliche Judensinn, den ihr uns preist als den höchsten Gipfel menschlicher Bildung!“ Das Hassobjekt war nicht etwa eine ‚nationale Idee‘ des Judentums, sondern im Gegenteil ein ‚jüdischer Universalismus‘, der auf die eine – unteilbare – Menschheit blickt.

Die Anfänge einer organisierten Friedensbewegung im Sinne des heutigen Verständnisses reichen zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Hierbei nehmen Pazifisten aus den USA und aus England eine führende Stellung ein. In Deutschland blieb der Friedensgedanke – trotz Immanuel Kant – noch lange eine ganz unterbelichtete Sache. Im Zusammenhang mit der 1850 gegründeten und nur kurz bestehenden Königsberger Friedensgesellschaft nennt Karl Holl den jüdischen Radikaldemokraten Johann Jacoby (1805-1877), der ab 1867 auch der „Internationalen Friedens- und Freiheitsliga“ angehörte.

Der Österreicher Moritz Adler (1831-1907) zählte im 19. Jahrhundert zu den wenigen Pionieren der Friedensbewegung im deutschsprachigen Raum. Schon im Alter von 20 Jahren verschrieb sich dieser Kritiker des preußischen Schwertglaubens der Friedensidee und veröffentlichte dann 1868 eine der Zeit weit vorauseilende Europa-Vision unter dem Titel „Der Krieg, die Kongressidee und die allgemeine Wehrpflicht“. In einem Sendschreiben an den Chirurgen Professor Theodor Billroth verglich er 1892 systematische Maßnahmen für eine verbesserte Medizinversorgung des Kriegsapparates mit der Bereitstellung neuer Kanonen für den institutionalisierten Massenmord.

Der Schriftsteller Eduard Loewenthal (1836-1917), aus einem frommen jüdischen Elternhaus kommend, gründete 1874 einen „Deutschen Verein für internationale Friedenspropaganda“.

Der Liberale Max Hirsch (1832-1905) wirkte in der deutschen Gruppe der Interparlamentarischen Friedenskonferenz und 1898–1900 als Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft.

Im wilhelminischen Deutschland bekannte sich der jüdische Philosoph und Neukantianer Hermann Cohen (1842-1918) – eingedenk des „sittlichen Enthusiasmus der Propheten“ – zum Pazifismus und verwies ausdrücklich auf das Gebet an hohen Festtagen der Juden: „Auf dass alle Erschaffenen sich vereinigen in einem Bunde.“ (Sein Standort im Ersten Weltkrieg kann aus friedensbewegter Perspektive jedoch nicht mehr überzeugen.)

Maßgeblicher Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) war 1892 der gebürtige Wiener und frühe Pazifist Alfred Hermann Fried (1864-1921). Er erhielt 1911 den Friedensnobelpreis. Aufgrund seiner Herkunft war Fried, der trotz fehlender religiöser Bindung eine Distanzierung vom Judentum durch Konfessionswechsel ablehnte, auch Zielscheibe für antisemitische Angriffe. Wegen der Anfeindungen hatte Bertha von Suttner diesem engen Weggefährten am 10. September 1892 geschrieben: „Ich sehe schon, daß sich die [Friedens-]Gesellschaft in Berlin konstituieren wird. … Wie die Dinge stehn, darf die Initiative nicht von zu vielen Juden ausgehen – sonst wird sie gleich klassifiziert; ebensowenig wie sie etwa zu sozialdemokratisch sein dürfte. Die österreichischen Witzblätter stellen mich ohnehin als Anführerin polnischer Juden dar.“ Im gleichen Jahr hatten Suttners Gegner in einem Artikel u.a. geklagt, es sei namentlich der „Geifer … der frech spöttelnden jüdischen Seite“, welcher gegen das hohe Ideal des Militärischen zu Felde ziehe.

Insgesamt lassen sich viele Berührungspunkte zwischen Pazifismus und Kampf gegen den Antisemitismus aufweisen. Ludwig Quidde (1858-1941) zum Beispiel, der als ‚Nichtjude‘ bereits 1881 mit einer wegweisenden Schrift gegen die Antisemitismus-Agitation in der deutschen Studentenschaft hervorgetreten war, gehörte ab 1892 ebenfalls der Deutschen Friedensgesellschaft an und wurde für seinen Einsatz in der deutschen Friedensbewegung 1927 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Der mit einer Lehrerlaubnis als Rabbiner bedachte Wilhelm Jerusalem (1854-1923) – österreichischer Soziologe, Philosoph und Pädagoge (AG sozialistischer Erzieher) – veröffentlichte u.a.: „Kants Bedeutung für die Gegenwart“ (1904), „Der Krieg im Lichte des Gesellschaftslehre“ (1915), „Friedenspflichten des Einzelnen“ (Gotha 1917), „Moralische Richtlinien nach dem Kriege“ (1918).

Erst seit letztem Jahr liegt eine 660 Seiten umfassende Darstellung und Quellensammlung zu „Leo Tolstoi – Begegnung mit dem Judentum“ (Tolstoi-Friedensbibliothek, Hamburg 2025) vor, die ein kaum bekanntes Feld aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erhellt: Zahlreichen jüdischen Übersetzern, Vermittlerinnen und Rezipienten ist es in erster Linie (!) zu verdanken, dass der russische Friedensbotschafter weit über die Grenzen des Zarenreiches hinaus – und namentlich auch in deutschen Landen – so viele Menschen mit seinen Schriften zur Gewaltfreiheit erreichen konnte. Auch die US-amerikanische Anarchistin, Antimilitaristin und Friedensaktivistin Emma Goldman (1869-1940, geb. im Russischen Kaiserreich) war in ihrem Werdegang mit beeinflusst vom Werk Leo Tolstois.

2. Wissenschaft – rationaler Pazifismus

Einige frühe Beiträge zu einer wissenschaftlichen Friedensforschung und Kriegskritik dürfen in unserer Darstellung nicht übergangen werden. Der russische Staatsangehörige und Eisenbahnmagnat Johann – bzw. Jan, Iwan, Jean – von Bloch (1836-1902), aufgewachsen in Polen als Sohn einer ärmlichen jüdischen Handwerkerfamilie, veröffentlichte 1898 in sechs Bänden sein in mehrere Sprachen übersetztes monumentales Werk über den modernen Krieg im Industriezeitalter und warnte, leider vergeblich, unermüdlich vor den „Folgen eines Krieges zwischen Großmächten“.

Der Österreicher Rudolf Goldscheid (1870-1931) war ein Pionier der Soziologie im deutschsprachigen Raum, pazifistischer Sozialist und seit 1922 Herausgeber der ‚Friedenswarte‘. In seinen weit vorausschauenden Überlegungen zur kulturellen Evolution der menschlichen Gattung stellt er das Friedenserfordernis ins Zentrum.

Georg Friedrich Nicolai (1864-1974), geb. Lewinstein – Mediziner, trotz Repressionen des deutschen Staates und der Militärs unbeugsamer Pazifist (jedoch schon 1922 Emigration nach Südamerika) – ist Verfasser des bahnbrechenden anthropologischen Grundlagenwerkes „Biologie des Krieges“ (entstanden ab 1915, Erstauflage 1917 Schweiz), dessen ‚Aktualität‘ (Wie endet der homo sapiens?) heute dringend aufgedeckt werden müsste.

Zu den Pionieren in Völkerrechts- und Menschenrechtsdiskursen zählt der Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin (1900-1959). Er wurde auf seinem Weg zuerst aufgewühlt durch das Schicksal der Armenier und gilt als maßgeblicher Wegbereiter des internationalen Rechts wider ‚Genozid‘. (Eduard Bernstein hatte schon 1902 als leidenschaftlicher Anwalt der unterdrückten Armenier vor kommendem Unheil gewarnt. Später wird Franz Werfel an die Leiden des armenischen Volkes mit einem großen Roman erinnern.)


3. Erster Weltkrieg – Nonkonformisten in der Sozialdemokratie

Gemeinhin streicht man die große patriotische „Opferbereitschaft“ der deutschen Juden nach Beginn des Ersten Weltkrieges heraus, die mit der trügerischen, ja absurden Hoffnung verbunden war, durch Kriegsdienstleistung gesellschaftliche Akzeptanz und uneingeschränkte Gleichberechtigung erlangen zu können. Und in der Tat: Selbst der Historiker Veit Valentin, der sich später als Anwalt von Republik und Pazifismus einen Namen machte, unterschrieb im Oktober 1914 einen kriegerischen Aufruf deutscher Wissenschaftler. Auch ein Denker wie Martin Buber (1878-1965) wurde – zum Entsetzen seines pazifistischen Freundes Gustav Landauer (1870-1919) – zunächst von der Kriegsbegeisterung erfasst.

Unter den jungen Zionisten gehörte derweil Gershom [Gerhard] Scholem (1897-1982), ein Bruder des im KZ Buchenwald ermordeten antistalinistischen Kommunisten Werner Scholem (1895-1940), schon 1915 zu jenen, die jeglicher Kriegsverherrlichung widersagten und sich zu einem aktiven Pazifismus bekannten.

Andere Intellektuelle aus jüdischen Familien – darunter Walter Benjamin, der Ungar Georg Lukács oder Theodor Lessing – zeigten ebenso wenig Interesse daran, Kriegsdienst für die Herren Kaiser zu leisten. Ernst Bloch (1885-1977) war schon vor 1914 scharfer Kritiker des preußisch-deutschen Militarismus und Imperialismus. Günther Anders (1902-1992) [Günther Siegmund Stern] gründete 1917 zusammen mit anderen noch jugendlichen Freunden einen „Bund für ein vereinigtes Europa ohne Grenzen“, und diesem „Kinderspiel“ folgte ein langer pazifistischer Lebens- und Leidensweg.

Zu den bedeutsamen publizistischen Kritikern der Weltkriegspolitik zählten u.a. Hermann Fernau (1884-1935, Geburtsname: Latt), Richard Grelling (1853-1929), der österreichische Anarchist Rudolf Großmann (1882-1942, Pseudonym Pierre Ramus), Salomon Grumbach (1884-1952), Emil Julius Gumbel (1891-1966), der vormalige Siegfrieden-Befürworter Maximilian Harden (1861-1927) und Theodor Wolff (1868-1943). Die von Siegfried Jacobsohn (1881-1926) begründete „Weltbühne“ wurde ab 1918 ein bedeutsames Forum für die pazifistische und antimilitaristische Linke.

Rosa Luxemburg (1871-1919), Tochter jüdischer Eltern, war maßgebliche Verfechterin von Massenstreiks zur Kriegsverhinderung und wandte sich als kompromisslose Internationalistin 1914 gegen den Kriegskurs der Funktionäre in der deutschen Sozialdemokratie. Zu den Gegnern der „sozialdemokratischen“ Burgfrieden-Politik im Ersten Weltkrieg zählten nicht wenige Sozialisten aus jüdischen Elternhäusern. In dem – später abgespaltenen – Friedensflügel der SPD waren ‚jüdische Parteimitglieder‘ wirklich überproportional vertreten: Eduard Bernstein (1850-1932), Julian Borchardt (1868-1932), Oskar Cohn (1869-1934), Kurt Eisner (1867-1919), Hugo Haase (1863-1919), Joseph Herzfeld (1853-1939), Rudolf Hilferding (1877-1941), Edgar Jaffé (1866-1921), Paul Levi (1883-1930), Kurt Rosenfeld (1877-1943), Arthur Stadthagen (1857-1917), Emanuel Wurm (1857-1920) …

Eduard Bernstein, nach anfänglicher Gut- bzw. Staatsgläubigkeit ein radikaler Aufklärer wider die deutschen Kriegslügen, hatte bereits 1917 einen friedensbewegten Aufsatz über „Die Aufgaben der Juden im Weltkriege“ veröffentlicht. Die sozialistischen Nonkonformisten erfuhren antisemitische Angriffe auch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie.

Nach der Revolution 1918/19 war der Komplex der „Dolchstoßlegende“ schon ganz und gar antisemitisch besetzt. Die Parole lautete sinngemäß: ‚Tod den jüdischen Friedenshetzern!‘ Ermordet wurden von den antipazifistischen Judenfeinden: Kurt Eisner (bayerischer Ministerpräsident), USPD-Mitbegründer Hugo Haase, Gustav Landauer, Rosa Luxemburg …


4. Die Dichter:innen widersagen dem Krieg

Eigens genannt seien die jüdischen Literaten, die sich dem Kriegswahn entgegenstellten: Hans Bardach Edler von Chlumberg (1897-1930) – Dramatiker; ehemaliger Offizier im 1. Weltkrieg, veröffentlichte 1930 sein Anti-Kriegsdrama „Wunder von Verdun“. Die Schriftstellerin Hedwig Dohm (1831-1919, Großmutter von Thomas Manns Ehefrau Katia) verfasste ein Plädoyer für den Pazifismus mit dem Titel „Der Mißbrauch des Todes“ (1917). Lion Feuchtwanger (1884-1958) ist als kosmopolitischer Kriegsgegner bekannt. Karl Kraus (1874-1936) – Schriftsteller, Satiriker und vieles mehr auf dem Feld des Wortes – wandelte sich 1914 zu einem der erschütterndsten Ankläger des Krieges im ganzen deutschen Sprachraum. Else Lasker-Schüler (geb. 1869 Wuppertal-Elberfeld, gest. 1945 Jerusalem), gehörte zur ‚Friedensfraktion‘; sie unterstützte später in Palästina ab 1939 den ‚Brit Schalom‘ (Friedensbund) sowie dessen Nachfolgerin ‚Ichud‘ (Vereinigung).

Auch nach 1918 schreiben gegen Krieg und Militarismus: Ernst Toller (1893-1939), Kurt Tucholsky (1890-1935), Franz Werfel (1890-1945), Arnold Zweig (1887-1968) sowie Stefan Zweig (1881-1942).


5. Verfemter Pazifismus in der Weimarer Republik

Fritz Leon Bernstein (1888-1920), gewesener Militärrabbiner, trug zu Weihnachten 1918 als ‚religiöser Mensch‘ seine scharfe Anklage wider das „Teufelswerk des modernen Krieges“ vor: „Der moderne Mensch entsetzt sich, wenn er von den Heiden längst vergangener Zeiten liest, dass sie als ein ihrem Götzen wohlgefällige Opfer ihre eigenen Kinder dem Feuertode überliefert haben. Man ist empört über die Ruchlosigkeit der römischen Kaiser, die vor einer schaulustigen Menge wehrlose Menschen dem Todeskampf mit wilden Tieren ausgesetzt haben. Wie lächerlich klein erscheint dieser Heidenwahnwitz und dieser Cäsarenblutdurst gegenüber der Riesenschuld, die die sogenannte zivilisierte Menschheit durch die Entfesselung der Weltkriegsfurie auf sich geladen hat!“

Der in Berlin geborene Journalist, Buchautor und Zionist Cheskel Zwi Klötzel (1891-1951) hatte 1915-1918 als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Ein Jahr nach Ende des großen Menschenmordens schrieb er in einem Text, den er seinen jüdischen Geschwistern als dem „ältesten Friedensvolk“ widmete: „Wenn in irgendeinem Lande, so ist heute in Deutschland die Notwendigkeit gegeben, sich zu entscheiden: für oder gegen Militarismus, für oder gegen Pazifismus.“

In der Weimarer Republik sahen sich Pazifisten fortschreitend repressiven Bedingungen ausgesetzt, woran zuletzt auch Parteien wie die SPD und das Zentrum eine erhebliche Mitverantwortung trugen (u.a. faktische Berufsverbote sowie Parteiausschlussverfahren Ende der 1920er Jahre). Die Pazifisten gehörten jedoch zu den entschiedensten Kritikern des Antisemitismus und sie forderten – neben einer demokratischen Friedenserziehung – Kompetenzen der Gesellschaft im Sinne des gewaltfreien Widerstandes gegen Unrecht und Unterdrückung. Innerhalb der maßgeblichen Milieus und überhaupt bei den Menschen in Deutschland hätte es ab 1933 wohl weitaus mehr geistige Immunität und Alltagsresistenz wider die faschistische Mörderbande gegeben, wenn die Weimarer Republik ein freundlicherer Ort für Pazifisten gewesen wäre.

Der Journalist Berthold Jacob Salomon (1898-1944, Tod nach Gestapo-Haft) – 1917 zunächst Kriegsfreiwilliger, dann radikaler Pazifist – war befreundet mit Carl von Ossietzky und in der Weimarer Republik führend im investigativen Journalismus zur Aufdeckung der heimlichen Aufrüstung (‚Schwarze Reichswehr‘). Er wurde deshalb 1928 wie Fritz Küster (‚Das andere Deutschland‘) „wegen Landesverrats“ zu neun Monaten Festungshaft verurteilt. Nach seiner Emigration brachte ihm die Verfolgung durch NS-Agenten im Ausland (ab 1935) schließlich den Tod.

Zu den jüdischen Vertretern im pazifistischen Spektrum zählten außerordentlich prominente Persönlichkeiten. Bei den Unterzeichnern des „Manifestes gegen die Wehrpflicht“ von 1926 und der Erklärung „Gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend“ von 1930 findet man u.a. Martin Buber, Albert Einstein, Sigmund Freud und Kurt Hiller – außerdem den US-amerikanischen Rabbiner Judah Leon Magnes (1877-1949), Pazifist und ab 1925 Kanzler der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Am 19. März 1929 wurde die „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen [!] für den Frieden“ gegründet, welcher der Friedensbund Deutscher Katholiken (FdK), die Deutsche Vereinigung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen und der Jüdische Friedensbund angehörten. Zur Aufgabenstellung gehörte die „Mitarbeit an der Herbeiführung eines kriegslosen Zustandes“. Im Gründungsaufruf, unterzeichnet u.a. von Dr. Leo Baeck (Feldrabbiner im ersten Weltkrieg), Albert Einstein und dem Zentrumspolitiker Friedrich Dessauer, hieß es: „Gestützt auf das Zusammenwirken aller gleichgesinnten Kräfte will die Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen zur Schaffung einer allgemeinen Friedensatmosphäre beitragen und durch praktische Arbeit die völkerrechtliche Sicherung eines dauernden Friedens fördern. Dieselben Gedanken und Empfindungen beleben heute die Einsichtigen aller Völker. Die Bekenner der Religionen der Liebe und des Friedens werden einander über die Grenzen hinweg die Hände reichen.“

Nach seiner eigentlichen Konstitution stand der Jüdische Friedensbund unter dem Vorsitz von Oscar Wassermann (1869-1934). Ortsvereine werden für Leipzig, Köln, Frankfurt und Hamburg genannt. Es schlossen sich – korporativ – auch andere jüdische Vereinigungen an. Zu den Gründern gehörten der jüdische Friedenstheologe und bekannte Rabbiner Leo Baeck, Albert Einstein sowie weitere Rabbiner und Gemeindevorsteher aus mehreren Orten, darunter Wilhelm Kleemann (1869-1969) aus der Berliner Jüdischen Gemeinde.

In einer Predigt zum Versöhnungstag in der Synagoge zu Bielefeld am 14. Oktober 1929 setzte der friedensbewegte, später in die USA emigrierte Rabbiner Dr. Hans Kronheim dem fatalistischen Weltbild der Bellizisten die Botschaft der Propheten Israels entgegen: „Wir glauben an die Zukunft des Menschengeschlechts, glauben an einen Fortschritt. Wir glauben, dass die Zeit kommen wird, da Gewalt und Unrecht aufhören und an die Stelle der kriegerischen Auseinandersetzung eine friedliche Verständigung der Völker treten wird.“

Es gab also eine jüdisch-christliche Ökumene der Pazifisten. Im Zusammenhang mit dem ersten „Juden-Boykott“ im April 1933 bat Oscar Wassermann als Vorsitzender des Jüdischen Friedensbundes den Breslauer Kardinal Adolf Bertram später freilich vergebens um ein Wort der deutschen Bischöfe, während sich der alsbald von den Bischöfen fallengelassene und von den Nazis aufgelöste Friedensbund Deutscher Katholiken (FdK) bei einer Tagung in Düsseldorf am 2. April 1933 mit den drangsalierten jüdischen Geschwistern solidarisierte.


6. Nazi-Jagd auf jüdische Pazifisten

Der NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg, seit 1921 Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters“, betrachtete den Pazifismus als „Hilfstruppe des Judentums“, agitierte gegen eine „jüdisch-demokratisch-pazifistische Presse“ und drohte schon während der Weimarer Republik dem ‚jüdischen Pazifismus‘ mit Gewalt: „Jeder Deutsche […] hätte das Recht, wenn der Staat nicht in der Lage ist, die Ehre des Volkes zu wahren, diesem Kurt Tucholsky bei der ersten Begegnung mit einer Hundepeitsche die Meinung zu sagen, bis ihm die Lust zu seinen Unflätigkeiten vergeht“ (zit. D. Riesenberger: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. 1985, S. 246).

Joachim Joesten schrieb dann 1932 in der ‚Weltbühne‘ in seinem pazifistischen Bekenntnis: „Steh ich auch auf der Liste? Kommt die SA? … Vor solchen Fragen treten alle andern zurück. Ein großes Winseln hebt an. Pazifismus und Syphilis sind bei uns synonym geworden. Pazifist, Waschlappen, mieser Jude, Feigling desgleichen …“

„Von Anfang an“, so Karl Holl, „hatte der Nationalsozialismus den Pazifismus mit Judentum und Demokratie assoziiert“. Unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung 1933 war deshalb „das Schlimmste für Leib und Leben aller bekannten Vertreter der Friedensbewegung“ zu befürchten, besonders gefährdet waren jedoch jüdische Pazifisten (bzw. Pazifisten „mit jüdischer Herkunft“). Holl nennt in diesem Zusammenhang namentlich die international engagierte Gertrud Baer (1890-1981), die Frauenrechtlerin Constanze Hallgarten (1881-1969), Albert Einstein (1879-1955), den Leiter der Republikanischen Beschwerdestelle Alfred Falk, geb. Cohn (1896-1951), den im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten gewordenen Sozialdemokraten Arnold Freymuth (1872-1933), den Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte Kurt Richard Grossmann (1897-1972), den DFG-Mitbegründer Adolf Heilberg (1858-1936), den Schriftsteller Kurt Hiller (1885-1972), Magnus Hirschfeld (1868-1935), den „Friedenswarte“-Herausgeber Arnold Kalisch (1882-1956), Hermann Ulrich Kantorowicz (1877-1940), Robert René Kuczynski (1876-1947), den schon bald von den Nazis auf tschechischem Boden ermordeten Theodor Lessing (1872-1933), Ernst Toller (1893-1939) und den Historiker Veit Valentin (1885-1947).

Prof. Albrecht Mendelssohn Bartholdy (1874-1936) – Musiker, Rechts- und Politikwissenschaftler und Pazifist; Richter am Haager Schiedsgericht (1925) – emigrierte nach harten Repressionen aus NS-Deutschland im Jahr 1934. Der Physiker, Verleger und „linke Zentrumspolitiker“ Friedrich Dessauer (1881-1963), prominenter Vertreter der katholischen Friedensbewegung (s.o.), kam aus einer ursprünglich jüdischen Industriellenfamilie und wurde wegen „nichtarischer Abstammung“ zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Nach monatelanger Inhaftierung emigrierte auch er 1934.

Zu den frühen Mordopfern der Nationalsozialisten zählt auch der anarchistische Antimilitarist Erich Mühsam (1879-1934), der allerdings in seinen revolutionären Schriften seine anfängliche Nähe zu Tolstois Haltung in der „Gewaltfrage“ verlassen hatte. Felix Fechenbach (1894-1933) – jüdischer Sozialist, Pazifist und nach der Bayerischen Revolution 1918 Sekretär von Kurt Eisner – wurde ebenfalls von der SA ermordet.

Parallel zur Bücherverbrennung vom April 1933 hatten die Führer der „Deutschen Studentenschaft“ aufgerufen zur Denunziation jüdischer Professoren und „sämtlicher Hochschullehrer, deren wissenschaftliche Methode ihrer liberalen bzw. insbesondere pazifistischen Einstellungen entspricht“.


7. „Kultur-Zionismus“ – „Hebräischer Humanismus“

Die heute bei vielen Menschen in keinem guten Ruf mehr stehende zionistische Bewegung entstand im späten 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des in Europa erstarkenden Rassenantisemitismus und der Pogromwellen in Russland. Die Suche nach einer Heimstatt war die Suche nach einem Ort des geschützten Lebens. Ethischer Universalismus, eine eigene Friedenstheologie und der pazifistische Glaube, dass vom Zion das Heil der Völker in einer Welt ohne Waffen ausgehen werde, sind kennzeichnend für bedeutsame Persönlichkeiten des frühen Zionismus. (Mit zunehmenden Studium muss ich allerdings – im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen – heute zugeben, dass diese Richtung wirklich nur eine kleine Minderheit darstellte und ihre Anliegen im weiteren Verlauf der Geschichte nicht erfolgreich einbringen konnte.)

Als sich 1918 in Palästina erstmals eine bewaffnete Miliz von jüdischen Siedlern bildete, erinnerte der pazifistische Zionist Aaron David Gordon (1856-1922) die Bewegung in einem Text an das Prophetenwort „… und nimmer werden sie Krieg lernen …“. Der Zionist Achad Ha-Am (1856-1927) [Geburtsname Ascher Ginsburg] warnte davor, jemals auf den jüdischen „Vorrang in der Welt der Sittlichkeit zu verzichten“ und nahm zeitweilig Stellung gegen die zunehmende Einflussnahme militanter Nationalisten. Der jüdische Pazifist und Zionist Natan Hofshi (1889-1980), im Jahre 1909 aus Polen emigriert, bekannte sich nach dem tödlichen Zusammenstoß zwischen Juden und Arabern am 29. Februar 1920 im obergaliläischen Tel Chai noch entschiedener zur Gewaltfreiheit und sah zeitlebens das „Zeugnis über die Einheit der Menschheit, der völligen Gleichheit aller Menschen als Geschwister und die Heiligkeit des menschlichen Lebens“ als die besondere Mission des Judentums an.

Hans Kohn (1891-1971), Historiker, pazifistischer Zionist und seit 1921 Mitglied der „War Resistersʼ International“, schrieb 1928 in seinem Essay „Judentum und Gewalt“: „Das Judentum hat den Kampf gekannt, das zähe Ringen um die Schwere der Aufgabe, den Mut, um dieser Aufgabe willen alles zu ertragen, und das Martyrium. Aber es hat den Krieg gehasst, den es seit zwei Jahrtausenden nicht mehr geführt hat, den organisierten Mord, wie jede Gewalttat überhaupt. Jeder Jude trägt in seinem Blute eine instinktive und bis zur Heftigkeit gesteigerte Abneigung gegen rohe Gewalt, Mord und Krieg. Der Heroismus des Krieges, der sportliche Geist des Wettbewerbes sind ihm unverständlich. In talmudischer Zeit wird diese Erkenntnis von der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechtes, von der Würde und Größe jedes einzelnen Menschen immer wieder betont. ‚Wo immer du die Spur eines Menschen wahrnimmst, dort steht Gott vor dir‘.“

1925 wurde unter Vorsitz des führenden Zionisten (und „Rassenforschers“) Arthur Ruppin (1876-1943) der Brit-Shalom (Friedensbund) gegründet, der sich für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern sowie die Gründung eines binationalen jüdisch-palästinensischen Staates einsetzte. (Ruppin selbst verließ 1929 nach Sinneswandel den Bund wieder; es wird ihm wohl kaum warme Sympathien entgegenbringen, wer die von Shlomo Sand [„Die Erfindung des jüdischen Volkes“, 2008] zusammengetragenen Informationen zu seinen ‚darwinistischen Rassen-Anschauungen‘ gelesen hat.)

Dem heterogen zusammengesetzten Friedensbund, der allerdings nie mehr als hundert Mitglieder zählte, gehörten auch Hans Kohn, Yehoshua Radler-Feldmann (1880-1957) und Robert Weltsch (1891-1982), der Redakteur der „Jüdischen Rundschau“, an. Judah Magnes, erster Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem, stand ihm nahe und wirkte für die Ziele des Bundes später in der 1942 gegründeten „Ichud“ (Union, Einigung). Vor dem XIV. Zionistenkongress hat Arthur Ruppin die Perspektive eines Zwei-Nationalitäten-Staates in Palästina vorgetragen. Dieser sollte, so Hans Kohn, ein Gemeinwesen sein, „in dem beide Völker ohne Vorherrschaft des einen und ohne Bedrückung des anderen in voller Gleichberechtigung zum Wohle des Landes arbeiten.“ Bald nach Gründung des Brit-Shalom schrieb Kohn von folgender Vision: „Geschichtlich und geographisch ist Palästina ein Land des Friedens. […] Dies soll auch in seiner äußeren Stellung zum Ausdruck kommen, es soll ein neutrales Land unter dem Schutz des Völkerbundes werden, eine Stätte nationalen und internationalen Friedens, die durch Geschichte und Lage in naher Zukunft auch der Sitz des Völkerbundes sein sollte. […] Ein im inneren Leben friedliches, prosperierendes und in seiner kulturellen Mehrfältigkeit autonomes Palästina, das, auch nach außen stets neutral, unverletzlich und unbewaffnet, Frieden wahrt und ausstrahlt, kann die erste große Tat des Völkerbundes auf seinem mühsamen Wege zu seiner wahren Form und Aufgabe werden.“

Dem für Frieden und binationalen Staat eintretenden Brit-Shalom war – zusammen mit Gershom Scholem und dem in Berlin geborenen Philosophen Ernst Akiba Simon (1899-1988) – auch Martin Buber verbunden. Buber gehörte wie Chaijim Weizmann, der erste israelische Staatspräsident, zum demokratischen Flügel („Zionei Zion“) der zionistischen Bewegung. Er hatte zunächst, trotz des frühen Vorbildes seines Lehrers Achad Ha-Am, noch keinen ausgeprägten Sinn für die sogenannte „Araber-Frage“. 1917 warnte Buber jedoch vor einem „Hineingezogenwerden in die imperialistische Okzidentalisierung des zukünftigen jüdischen Gemeinwesens“, und spätestens seit dem XII. Zionistenkongress in Karlsbad 1921 votierte er für eine sehr weitreichende „Politik der Verständigung mit den Arabern“. Mitnichten war seine – über eine neu ausgerichtete jüdische Frömmigkeit entwickelte – Philosophie des Dialoges rein theoretisch oder weltfremd. Gabriel Stern (1913-1983) zufolge hat kein Geringerer als David Ben-Gurion seinen „Freund und Widersacher“ Martin Buber als „sehr realistisch und wirklichkeitsnah“ beschrieben.

Die Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) plädierte 1945 in einem Aufsatz „für die Errichtung einer palästinensisch-arabischen Föderation. Ihren Artikel empfanden zionistische Politiker jeder Couleur und Fraktion als Affront. Sie erhielt empörte Reaktionen. Freunde brachen mit ihr und erklärten sie zur Feindin der jüdischen Sache“.

Die wirklich sehr lange Liste der Friedensarbeiter:innen aus jüdischen Familien, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg in Israel und zahlreichen anderen Ländern für eine Verständigung mit den Palästinensern eingesetzt haben, kann uns zur Menschlichkeit ermutigen: Joseph Abileah [Wilhelm Niswiszki] (1915-1994), Uri Avneri (1923-2018, geb. in Westfalen), Josef Ben-Elizier (1929-2013), Jeff Halper (geb. 1946), Reuven Moskovitz (1928-2017), Abie Nathan (1927-2008), Mordechai Vanunu (geb. 1954 in Marrakesch) … und sehr viele andere mehr.


8. Nuklearpazifismus

Die Erschütterungen von Albert Einstein (1879-1955) und Robert Oppenheimer (1904-1967, Leiter des Manhattan-Projekts) nach den Verbrechen der atomaren Massenmordkomplexe vom August 1945 (Hiroshima, Nagasaki) sind heute gut bekannt. Herausragende Persönlichkeiten des geistigen und politischen Widerstandes gegen die Atombombe stammen aus jüdischen Familien. Der polnische Kernphysiker Józef Rotblat (1908-2009) hat 1944 als einziger beteiligter Wissenschaftler das Nuklearprojekt in Los Alamos aus ethischen Gründen verlassen und betrachtete später den Kampf für Abschaffung aller Atomwaffen als seine Lebensaufgabe (Mitinitiator der ‚Pugwash Conferences on Science and World Affairs‘, Friedensnobelpreis 1995).

Der Philosoph, Schriftsteller und Dichter Günther Anders (1902-1992) [Günther Siegmund Stern] gehörte zu den Initiatoren des frühen weltweiten Protestes gegen die Bombe und enthüllte mit seinen Schriften (s. Die Antiquiertheit des Menschen, 1956) die ‚Apokalypse-Blindheit‘ des Atomzeitalters. Auch für Einstein stand es außer Frage: nach der Atombombe muss der homo sapiens den Krieg verlernen – oder er scheitert im Abgrund. – Hans Jonas (1903-1993) schließlich vermerkt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ (1979): Selbst „zur Rettung seiner Nation darf der Staatsmann kein Mittel verwenden, das die Menschheit vernichten kann. […]. Über das individuelle Recht zum Selbstmord läßt sich reden, über das Recht der Menschheit zum Selbstmord nicht“.

Diese Repräsentanten einer „jüdischen Intelligenz“ im 20. Jahrhundert verbanden höchste Klarheit und Menschlichkeit. Es galt in vielen öffentlichen Diskursen noch das Albert Einstein zugeschriebene Diktum: „Ein kluger Kopf passt unter keinen Stahlhelm!“


9. Antipazifistische Judenfeindlichkeit heute

Eine beeindruckende Persönlichkeit der jüngeren jüdischen Friedensbewegung in Deutschland ist der Neuropsychologe Rolf Verleger (1951-2021) gewesen, der wegen seines Widerspruchs gegen die sogenannte deutsche Staatsraison scharfe Attacken entgegennehmen musste. (Micha Brumlik meinte im April 2022 über Verleger, er habe „wie wenig andere in seinem Leben und Denken die politische Vernunft aus dem Geist des Judentums verkörpert“).

Wegen der Verleihung eines Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für Frieden“ kam es 2019 zu einer heftigen öffentlichen Kontroverse; dem Journalisten Andreas Zumach konnte man jedoch nicht – wie beabsichtigt – gerichtlich verbieten lassen, von Verleumdung zu sprechen.

Seit dem Hamas-Massaker in israelischen Wohngebieten vom 7. Oktober 2023 (mit mehr als 1200 Mordopfern) und dem sich anschließenden Krieg der extrem rechten israelischen Staatsführung gegen die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen (mit mehr als 50.000 Opfern des militärischen Massenmordens der real vorherrschenden Zionismus-Fraktionen) werden vermehrt Gewalttätigkeiten gegen ‚Juden/Jüdinnen in der Diaspora‘ mit antizionistischem bzw. israelbezogen-antisemitischem Hintergrund gemeldet.

Zumal in Deutschland ist es andererseits auch in vielen Fälle zu staatlichen (oder gesellschaftlichen) Repressionen gegen jüdische Friedensarbeiter:innen und jüdische Kritiker:innen der israelischen (oder deutschen) Regierungspolitik gekommen, was dem traditionsreichen Feld der antipazifistischen Judenfeindlichkeit zugeordnet werden kann (u.a. Ausladungen, Redeverbote, Raumkündigungen, gezielte Diffamierungen im öffentlichen Raum). So wurde z.B. die Aktivistin Iris Hefets (Jüdische Stimme für gerechten Frieden) von Ende 2023 bis Juni 2025 bei Protesten bereits fünfmal ohne nachvollziehbaren Grund von der Berliner Polizei festgenommen: „Ich werde als Jüdin politisch verfolgt. Sie wollen uns einschüchtern und verhindern, dass sich Juden mit Palästinensern solidarisieren.“

Zu den gleichsam regierungsamtlich Ausgeladenen gehörte 2024 auch Moshe Zuckermann als Sohn von Holocaustüberlebenden und Kritiker der israelischen Staatspolitik.

Der Philosoph Omri Boehm (geb. 1979 Haifa) wird von Nationalisten, Bellizisten und deutschen Zensoren ebenso attackiert, weil er – im Einklang mit bedeutsamen jüdischen Überlieferungslinien – als Ethiker einen „Radikalen Universalismus“ vertritt. An ‚Denunzianten‘ mangelt es nicht.

Die Friedensarbeiterin und Künstlerin Nirit Sommerfeld wurde unlängst damit konfrontiert, dass man die schon zugesagte Förderung einer Veranstaltungsreihe mit Persönlichkeiten aus dem Judentum nach einschlägigen Protesten zurückzog. – Zu den vorgesehenen jüdischen Gästen gehört neben Eva Menasse, Susan Neiman und Candice Breitz die Schriftstellerin Deborah Feldman (geb. 1986 in New York), die ihre ethische Grundhaltung so ausdrückt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige legitime Lehre des Holocaust gibt, und das ist die absolute, bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte für alle“ (ZDF, 01.11.2023).

Der Politikwissenschaftler und Ökonom Dr. Shir Hever (geb. 1978 in Israel) ist Geschäftsführer von BIP e.V. (Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinenser). Auch er gehört zu jenen Zionismus-Kritikern, die als Juden von deutschen „Antisemitismusbeauftragten“ ohne Scham observiert werden.

Vor Gericht haben im April 2026 die „Verfassungs“- und Staatsraison-Schützer der deutschen Staatsmacht bezüglich ihrer Einschüchterungsstrategie gegen die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ zeitweilig eine Schlappe erlitten; sie dürfen nach Entscheid des Verwaltungsgerichtes in Berlin über ihren Bericht für 2024 die jüdischen Kritiker:innen der todbringenden Kriegspolitik der gegenwärtigen israelischen Regierung nicht mehr als „gesichert extremistisch“ diffamieren und kaltstellen. Den aktuellen Stand in dieser Sache nach einem abweichenden Beschluss des Kölner Verwaltungsberichtes (20.05.2026) vermitteln Interviews der Nachdenkseiten und der jungen Welt mit Wieland Hoban, dem Vorsitzenden der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.

_____

Das vom Verfasser betreute Projektportal der Schalom-Bibliothek: enthält u.a. einen Gesamtüberblick zur Publikationsreihe über Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien, ein fortlaufend ergänztes Namensverzeichnis und einen Lesesaal mit aktuellen Beiträgen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin am 27.6. 2026

Wir danken für das Publikationsrecht.
https://overton-magazin.de/top-story/pazifisten-und-antimilitaristinnen-aus-juedischen-familien/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung