Enthüllung! DGB Leipzig: Kritik an Völkermördern und Kriegstreibern und Solidarität mit den Opfern soll ausgegrenzt werden. Hauptgegner ist nicht mehr das Kapital, sondern „links“!

Am 5. März dieses Jahres schrieben wir anlässlich der Verurteilung der „jüngsten militärischen Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran“ durch Global Union Federations (GUFs):

Auf die meisten internationalen Gewerkschaftsverbände ist Verlass, wenn es darum geht, gegen Aufrüfstung, Kriegseskalation, Völkerechts- und Menschenrechtsverbrechen Position zu beziehen. Das war schon in Bezug auf Palästina und den isrealischen Völkermord in GAZA so. Den Gewerkschafter:innen ist bewußt, dass die gegenwärtigen geopolitischen Verwerfungen, Militarisierung, der damit einhergehende Rechtsruck und die Kriege alle Errungenschaften gewerkschaftlicher Kämpfe zunichte machen können. Wir vermissen auch diesmal wieder ein klares Statement der Führungen der DGB Gewerkschaften! [1]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/iran-und-naher-osten-

Schweigen zu den Völker- und Menschenrechtsverletzungen sowie Kriegsverbrechen von Trump und Nethanyahu ist schlimm. Ebenfalls schlimm ist es, vor der deutschen Staatsräson zu kuschen, die die israelische Politik, die vor keiner Barbarei mehr Halt macht, in letzter Konsequenz „bedingungslos“ unterstützt. Und schlimm ist auch, dass sich der DGB nicht aktiv beteiligt an der Solidarität der internationalen Gewerkschaftsbewegung für die Opfer, die größtenteils unsere Kolleg:innen sind.

Am schlimmsten ist aber, zur Hatz auf diejenigen aufzufordern, die diese Solidarität praktizieren. Am schlimmsten ist es, wenn sich Gewerkschaftsfunktionäre als Handlanger von Nethanyahu, Trump und Co. betätigen, Opfer zu Tätern stempeln und solidarische Mitglieder:innen verunglimpfen und aus gewerkschaftseigenen Veranstaltungen sogar mit Gewalt herauszudrängen versuchen. Kritik an Völkermördern und Kriegstreibern und Solidarität mit den Opfern soll ausgegrenzt werden. Hauptgegner ist nicht mehr das Kapital, sondern „links“!

All das geht aus einem internen Dokument des DGB Leipzig hervor. Das Dokument – geleakt und der Gruppe Handala Leipzig zugespielt – ist ein Horrorkatalog von Maßnahmen, mit denen unliebsame und unbequeme Meinungen von Gewerkschaftskolleg:innen unterdrückt werden sollen. Während gegen eine internationalistische Linke durch Ordner mit voller Härte vorgegangen werden soll, werden gegen AFD und rechte Gewerkschaftsfeinde nur noch Samthandschuhe angezogen.

Schon in den letzten Jahren sollten die Kolleg:innen von Handala Leipzig von der 1.Mai Demo abgedrängt werden wegen Parolen, die sich nichts anderes als die Agenda von IndustriAl (IG Metall ist Mitglied) und der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft (verdi ist Mitglied) zu eigen machten.

Im letzten Jahr wollte uns die Demoleitung des DGB in Leipzig entfernen, weil wir folgende Schilder trugen:

  • Die globale Gewerkschaftsföderation der IG- Metall, IndustriAl spricht von einem Völkermord in Gaza und ruft zu BDS auf.
  • Beim weltweiten Kongress beschloss die Internationale der Dienstleistungsgewerkschaften, in der ver.di Mitglied ist, bereits 2012 die Boykottbewegung gegen die Apartheid Israel zu unterstützen.

Das sind Tatsachen. Und es hat die Demoleitung zur Weiẞglut gebracht. In den letzten beiden Jahren haben wir die Demoleitung so aufgebracht, dass wir nun als Handala und als Palästina-Bewegung ein Strategiepapier füllen.

Handala Leipzig

Über 70 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnen das militärische Vorgehen Israels und die Unterstützung der israelischen Kriegsführung durch Deutschland ab. In den Betrieben und unter den Gewerkschaftsmitgliedern sieht es nicht anders aus. Auf den Gewerkschaftstagen positionieren sich breite Teile der Mitgliedschaft gegen Kriegstreiberei. Aber was machen einige DGB Funktionäre daraus? Das glatte Gegenteil. Sie setzen sich über alles schamlos hinweg. Wollen sie auf den nächsten Gewerkschaftstagen einen Großteil der Delegierten, deren Meinungen ihnen nicht passt, von der Polizei aus dem Saal tragen lassen?

Es gibt wohl eine wachsende Bürokratenclique, die von unseren Mitgliedsbeiträgen lebt, aber nichts von der Bedeutung internationaler Solidarität, auch für unsere ureigenen Interessen, begriffen hat. Denn wer sich nicht gegen die Zuspitzung geopolitischer kapitalistischer Konkurrenz und Kriegsteiberei wendet, schaut tatenlos zu, wenn durch diese Entwicklungen – auch hier in Deutschland – „alle Errungenschaften gewerkschaftlicher Kämpfe“ zur Disposition gestellt werden. Das spüren unsere Kolleg:innen schon jetzt in vielen Lebensbereichen. Agieren wie das von Elon Musk in der Tesla Gigafabrik Grünheide sind nur ein Vorgeschmack davon.

Die für das Dokument verantwortlichen DGB Funktionäre in Leipzig sägen am Ast der Einheitsgewerkschaft und gehören auf der Stelle von ihren Funktionen enthoben.

Update 15.4.2036: 

Der Geschäftsführer der DGB Region Leipzig-Nordsachsen, Daniel Knorr, erklärte auf nd-Anfrage, es handele sich um ein »fehlerhaftes Papier«, das vor zwei Wochen über das Leipziger Büro der Gewerkschaft verschickt worden sei. Der Inhalt entspreche »weder der Beschlusslage des DGB noch der gelebten Praxis in Leipzig«

Die Erklärung von Knorr enthält - bei genauer Betrachtung - inhaltlich keine klare Distanzierung zu dem Papier. Konsequenzen für die Verantwortlichen? Werden keine genannt.

Die "gelebte Praxis" sah so aus, dass die Handala Leute letztes Jahr vertrieben werden sollten, weil sie auf Poster die Positionen von IndustriAl und der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft wiedergegeben haben (siehe Erklärung oben). Das ist ein direkter Angriff auf IG Metall und Verdi, die Mitglied dieser Verbände sind.

In Berlin wurde zum Beispiel eine Jüdin von der Polizei festgenommen und das Plakat beschlagnahmt, auf dem sie sich lediglich "als Jüdin" mit den Palästinenser:innen solidarisch erklärte. Handelte die Polizei ohne Wissen und Auftrag der Verantwortlichen DGB Veranstalter?

Am 1.Mai wird es wichtig sein, dass sich so viele aktive Gewerkschafter:innen wie möglich explizit zur internationalen Solidarität bekennen und sich schützend vor ihre palästinasoldarischen Kolleg:innen stellen. In Leipzig und in allen anderen Städten. Die Formationen aus den Betrieben werden diesmal genauer hingucken. Ordner:innen sollten sich Vorgehensweisen, wie sie im Leipziger Papier enthalten sind, mit Berufung auf die Gewerkschaftssatzungen und -beschlüsse verweigern!

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Anlagen: geleaktes Dokument. Wir zitieren zunächst ausführlich aus einerStellungnahme von Klasse gegen Klasse, die die Vorgehensweise in dem „Papier“ des DGB Leipzig im Detail aufzeigt und kommentiert.

Als „vollkommen inakzeptabel“ gelten der DGB-Führung zum Beispiel das rote „Hamas-Dreieck“ und „Aussagen, die dem Staat Israel die Existenzberechtigung absprechen“, dazu auch „Karten Israels, die mit der Palästinaflagge oder dem Palästinensertuch ausgefüllt sind“. Da die gleiche Einschränkung nicht in die andere Richtung unternommen wird, etwa durch eine Darstellung des gesamten Territoriums zwischen Jordan und Mittelmeer mit einer Israelfahne, drängt sich der Schluss auf, dass die DGB-Führung solche Symbole eines ethnisch gesäuberten Großisraels für nicht ausschlusswürdig hält, obwohl diese auch von vermeintlich linken, antideutschen Kräften durchaus auf Demos verwendet werden.

Ferner duldet die DGB-Führung keine „verbotenen Parolen, wie ‚from the river to the sea, palestine will be free“ (die Strafbarkeit dieser Parole ist juristisch keineswegs geklärt), „Kindermörder Israel“ (wer möchte leugnen, dass Israel in Gaza Kinder ermordet? Laut unicef sind es Stand Dezember 2025 64.000 Kinder.) sowie „jegliche Relativierungen des Holocausts (etwa die Behauptung, Israel begehe aktuell ein holocaustähnliches Verbrechen an den Palästinensern)“.

Damit es auch keinen Zweifel mehr an der Parteilichkeit der DGB-Führung geben kann, gehören explizit nur „Palästinafahnen“ und „Palästinensertücher“ zu den „unpassenden“ Darstellungen.“ Israelfahnen werden nicht erwähnt. Es wird auch kein heuchlerischer Versuch unternommen, das Verbot von Palästinafahnen unter dem Verbot von „National- und Terretorialfahnen“ durchzusetzen, wie es die Organisator:innen der diesjährigen 8. März-Demo noch versucht haben. Damit ist die DGB-Bürokratie erfrischend ehrlich mit ihrer Position: die Fahne des genozidalen Staates Israel, der gerade vor den Augen der untätigen „westlichen Wertegemeinschaft“ damit beschäftigt ist, den Süden Libanons ethnisch zu säubern, libanesische Dörfer zu sprengen und Beirut in Schutt und Asche zu legen, ist willkommen. Die Fahne der Unterdrückten, der Vertriebenen, der Ermordeten, der Ausgehungerten wird hingegen explizit verboten. Noch deutlicher kann man sich gar nicht auf die Seite der deutschen Staatsräson, der Interessen des deutschen Imperialismus in der Region stellen. 

Gleich darunter nennt die DGB-Führung jede Kritik an sich selbst ebenfalls als Grund für ein Einschreiten seiner Ordner:innen: „Äußerungen, die den DGB als Teil des Problems/ des Klassenstaates darstellen“, würden ebenfalls als „unpassend“ klassifiziert und entsprechend behandelt. Ebenfalls zu reprimieren, wären „einseitige Darstellungen des Nahostkonflikts (etwa, dass Israel einen Genozid begehe oder vorsätzlich und grundlos Menschen töte).“ Wer hier also unterstellt, dass derjenige, der eine ganze Region mit der Äquivalenz von mehreren Atombomben Sprengkraft derart dem Erdboden gleich macht, möglicherweise einen Vorsatz gehabt hat, die dort lebenden Menschen auch zu töten, der betreibe eine „einseitige Darstellung.“

Der DGB trifft weiter eine Unterscheidung zwischen „höchstproblematischen“ und problematischen“ Gruppen. Unter ersteres Label fallen: Kommunistische Organisation (KO), Young Struggle, Handala, Zora, Gewerkschafter4Gaza, Kommunistischer Aufbau (KA) inkl. der Gruppe ‚Betriebskampf‘. Unter zweiteres „SDAJ, DKP, usw.“ Das unkonkrete Anhängsel „Usw.“ bedeutet übersetzt, jede linke, jede kommunistische Gruppe, die in irgendeiner Weise die bestehende außenpolitische Ausrichtung der Bundesregierung und der DGB-Führung (denn diese stimmen in allen wichtigen Fragen überein) kritisiert, ist als „problematisch“ zu betrachten. Diese Gruppen sollen nach ihrer Identifizierung und Klassifizierung „aus dem vorderen Bereich der Kundgebung entfernt werden und sich (je nach Grad) entweder hinten einreichen [sic!] (‚problematische Gruppen‘) oder die Demo sofort verlassen (‚höchstproblematische Gruppen‘). Ihre Banner und Fahnen sollen „mit eigenen (größeren) Gewerkschaftsbannern und Fahnen“ verdeckt werden.

Nach diesen langen Ausführungen schließen sich noch ein paar knappe Zeilen an, die sich mit rechten Kräften, zum Beispiel mit der AfD, befassen. (…) Anders als gegen Links zieht die DGB-Bürokratie hier jedoch die Quarzhandschuhe aus und gibt ihren Ordner:innen lediglich die Anweisung, „freundlich aber bestimmt darum bitten, unseren Bereich zu verlassen.“ Gegen Links ruft man die Polizei und nimmt damit nötigenfalls Polizeigewalt gegen die eigenen Gewerkschaftsmitglieder in Kauf, gegen rechts „bittet man freundlich aber bestimmt.“ Dies bedarf keines weiteren Kommentars.

Das Strategiepapier der DGB-Bürokratie stellt nicht nur einen Angriff auf die oben genannten palästinasolidarischen Gruppen dar, es ist der Versuch, die Arbeiter:innenbewegung insgesamt den Interessen des deutschen Staates und seiner Staatsräson zu unterwerfen und sie damit zum Handlanger bei Deutschlands Kriegs- und Genozidunterstützung Israels zu machen. Jede Kritik an dieser Politik, sei sie noch so pazifistisch und menschenrechtlerisch vorgetragen, wird damit unter den Generalverdacht des Antisemitismus gestellt. International vollkommen anerkannte Tatsachen, wie die Tatsache, dass Israel in Gaza einen Genozid verübt, werden hier geleugnet und ihre Träger als auszuschließende Feinde markiert. Der Kampf gegen die vermeintlich „autoritäre Linke“ wird hier als Vorschub genutzt, um die eigene Mitgliedschaft autoritär zu disziplinieren.

Link zur gesamten Stellungnahme

Siehe auch: Trump ist so verrückt wie seine kapitalistischen Märkte 

Geleaktes Dokument

Titelbild: Peter Vlatten, Berliner Gewerkschafter:innen

Klarstellungen Nahostkonflikt – Trump ist so verrückt wie seine kapitalistischen Märkte

Über die geopolitische Lage und den Nahostkrieg gibt es eine Menge irreführender Aussagen. Die Entwicklung ist dramatisch. Hier einige Klarstellungen!

Erstens: Die Waffenruhe und der Nichtsangriffspakt umfassen auch den Libanon. In dem von Trump aktzepierten 10 Punkteplan heisst es eindeutig: „Einstellung der Kampfhandlungen an allen Fronten.“ Die Formulierung „alle“ lässt keinen Interpretationsspielraum. Ausserdem wäre jede andere Interpretation nichts anderes als grobes Foulspiel. Nethanyahu spielte grob foul mit Duldung der USA, als er mit Inkrafttreten des Abkommens den Libanon massiv angriff.

Eigentlich sollte die Waffenruhe auch für den Libanon gelten, hieß es. Israels Premier Netanyahu befahl trotzdem ohne Vorwarnung die verheerenden Angriffe auf Stadtteile von Beirut – fernab der Hisbollah-Hochburgen. (SPIEGEL) [1] … Continue reading

Mit größter Demut verkünde ich, dass die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten von Amerika zusammen mit ihren Verbündeten einer sofortigen Waffenruhe überall, einschließlich des Libanon und anderer Gebiete, zugestimmt haben, die ab sofort wirksam ist.
Ich begrüße diese weise Geste ausdrücklich und danke den Führungsspitzen beider Länder zutiefst. Ich lade ihre Delegationen am Freitag, den 10. April 2026, nach Islamabad ein, um die Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen zur Beilegung aller Streitigkeiten fortzusetzen.
Beide Seiten haben bemerkenswerte Weisheit und Verständnis bewiesen und sich weiterhin konstruktiv für Frieden und Stabilität eingesetzt. Wir hoffen inständig, dass die Gespräche in Islamabad zu einem dauerhaften Frieden führen und möchten Ihnen in den kommenden Tagen weitere positive Nachrichten mitteilen!

Shehbaz Sharif, Premierminister Pakistan

Fazit: Israel verstößt mit Duldung der USA fortgesetzt gegen die Waffenruhe „in der gesamten Region“. [2]Der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif empört sich: Israel ist böse und ein Fluch für die Menschheit. Während Friedensgespräche in Islamabad stattfinden, wird im Libanon … Continue reading

Zweitens: Ein Land in die Steinzeit zurückbomben zu wollen ist keine Besonderheit von Trump. Er befindet sich damit in bester Gesellschaft mit anderen Präsidenten der USA.

Zwischen 1971 und 1972 gab es in Paris geheime Friedensgespräche zum Vietnamkrieg zwischen Henry Kissinger und dem vietnamesischen Außenminister Lê Đức Thọ. Als die Gespräche an den Forderungen der USA scheiterten, ließ die US-Regierung unter Richard Nixon ein grauenhaftes »Weihnachtsbombardement« durchführen. Innerhalb von elf Tagen wurden ca. 40.000 Bomben auf Nordvietnam abgeworfen, davon Unmengen auf die Hauptstadt Hanoi. Schon damals erklärten die Amerikaner, sie könnten »Nordvietnam in die Steinzeit zurückbomben«, und gaben kund: »Bombardieren wir alles, vom Warenhaus bis zu Straßenbrücken« (Spiegel 53/1972).

Als am Ende des 2.Weltkriegs die USA auf Japan 2 Atombomben abwarfen, taten sie das, um einen bereits besiegten Gegner nachhaltig zu schwächen. Es ist wie das erbarmungslose Nachtreten auf einen am Boden liegenden Gegner, um ihn endgültig gesundheitlich zu ruinieren und seinen Widerstandswillen zu brechen.

Drittens: Diplomatie ist nicht gleichzusetzen mit Friedensarbeit. Mit Diplomatie können auch Allianzen oder der Kreis der Willigen für den nächsten Krieg geschmiedet werden. Diplomatische Verhandlungen dienen oft der Täuschung für einen Angriff oder der Vorbereitung des nächsten Waffengangs.

Im Iran haben wir nun zweimal gesehen, wie ein Angriff  während laufender diplomatischer Verhandlungen stattfand. Das war ein besonderer Fall und wurde im Iran als ziemlich hinterhältig wahrgenommen, ist aber in der Geschichte immer wieder vorgekommen. (Handelsblatt 11.April 2026)

Die USA nutzen die Waffenpause, die Nato und andere Länder zu bewegen, sich im Nahostkonflikt direkt zu beteiligen !

Viertens. Die Benzin- und Dieselpreise in den USA schießen durch die Decke, nicht weil in den USA selbst zuwenig Öl da wäre, sondern weil die US Ölkonzerne bei der weltweiten Knappheit ihr Öl an den meist Bietenden verkaufen und Extraprofite herauschlagen. Das Wohl der Konzerne ist eben nicht das Wohl der breiten Bevölkerung.

Obwohl Chevron einen Rückgang der Ölproduktion erwartet, geht der US-Konzern von etwa zwei Milliarden Dollar mehr Gewinn aus. Damit ist der Ölmulti nicht allein in der Branche. (NTV 11.4.2026)

Fünftens: Es wird nicht Krieg geführt, um von der Eppstein Affäre abzulenken. Auch wenn das inzwischen laut einer aktuellen Umfrage 52 Prozent der US Bürger glauben. Es kann ein willkommener Nebeneffekt für die herrschenden Eliten der USA sein. Mehr aber auch nicht. Wie andere Umfragen zeigen, bringt gerade das „Kriegsabenteuer“ Trump und seine Administration in die Zwickmühle. Die Zustimmungswerte sinken massiv. Nein es geht nicht um die Affären einer Milliardärsklasse oder die Marotten einzelner Personen. Es geht um nichts weniger als um die Sicherung der weltweiten Vorherrschaft des US Imperialismus:

Erstens geht es um die Zementierung der US Hegemonie in ganz Nahost mit Israel als Kettenhund und Vorposten, Spaltung der Völker und die Zurückdrängung von chinesischem und russischem Einfluß.

Zweitens geht es um die Kontrolle bzw. um den direkten Zugriff auf die weltweite fossile Energieversorgung.

Die Trump Administration macht Druck und scheut weder Gewalt noch Lügen noch Menschenleben in den angegriffenen Ländern, um diese Zielsetzungen zu erreichen. Angriff ist die einzig übrig gebliebene Option der USA, ihre weltweite Hegemonie zu verteidigen.

Weltweite Kontrolle über fossile Energien, die sich nicht zuletzt hervorragend als weiteres Erpressungsinstrument eignet. wäre ein Traum für das US Kapital, Wenn aber der Weg dahin Ölfelder in Flammen setzt und Zerstörung zentraler Infrastrukturen bedeutet, die den Wachstumsmotor der Kapitalistischen Weltwirtschaft am Laufen halten, droht dieser Traum ganz schnell zum Albtraum zu werden.

Forum Gwerkschaftliche Linke Berlin, 20. März 2026 [3]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/trump-ist-nicht-das-problem-sondern-systemisch-zunehmende-interssenkonflikte-zwischen-kapitalistischen-imperialistischen-grossmaechten-linker-diskurs-nahost/

Selten waren die Kapitalmärkte so volatil wie in den letzten Wochen. Ihr Auf und Ab ist der Spiegel von Traum und Albraum. Sie spielen verrückt, so widersprüchlich und „verrückt“ wie die Aussagen des US Präsidenten, der alles versucht, um die Märkte bei Laune zu halten. Aber es ist eine Illusion, dass dieses sinuskurvige Gleichgewicht noch lange anhält.
Sechstens. Das ungeschminkte Muskelspiel und der Einsatz von Drohungen und Gewalt sind ein Zeichen der Schwäche der USA, kein Zeichen unbegrenzter Stärke und auch kein Zeichen von der Ohnmacht des Rests der Welt.

Dieser Krieg hat eines klar gezeigt: Die Behauptung unbegrenzter militärischer Macht ist ins Wanken geraten. Die bedingungslose Loyalität der Golfregime wird zunehmend hinterfragt. Der Anspruch des Westens auf totale Kontrolle hat einen schweren Schlag erlitten.

Der Mythos der Unbesiegbarkeit ist verpflogen!

Zeki Gökhan, 11.April 2026

Die USA und Israel haben keines ihrer Ziele, sondern das Gegenteil erreicht: Das iranische Regime wurde nach innen und außen gestärkt. Verlierer sind die Menschen im Iran, im Libanon, in den Golfstaaten, im besetzten Palästina und in Israel.

Kristin Helberg, 11.April 2026

Wallstreetjournal meldet: China steht als Hauptgewinner da.

Siebtens: Momentan sind die USA nur fähig zu chirurgischen Aktionen bzw. verheerenden Bombardements und absolutem Terror, die die Zivilbevölkerung und deren Infrastruktur millionenfach bedrohen. Aber sie sind (noch) nicht vorbereitet auf eine breite Bodenoffensive, um sowohl das Mullahregime als auch seine militärischen Potenziale und ihr Nuklearmaterial endgültig zu zerschlagen. Sie sind das weder vom Truppenaufmarsch her, noch von ihren Waffenbeständen her, die dezimiert sind und nur mit großem Aufwand wieder aufgefüllt werden können. Zudem fehlt es an der notwendigen Kriegsbegeisterung in der US Bevölkerung.

Sie bombardieren – und Stunden später schießen die gleichen Systeme (des Iran) wieder.

Pete Hegseth erklärte in dieser Woche, Irans Raketenfähigkeit sei praktisch ausgeschaltet, die Abschusssysteme dezimiert und kaum noch einsatzfähig. Gleichzeitig zeichnen interne Einschätzungen amerikanischer Dienste ein deutlich nüchterneres Bild. Iran hat einen erheblichen Teil seiner Infrastruktur verloren, aber nicht die Fähigkeit, sie wieder nutzbar zu machen. Mehr als die Hälfte der mobilen Abschussrampen wurde beschädigt oder blockiert, viele davon jedoch nicht zerstört, sondern verschüttet oder in unterirdischen Anlagen eingeschlossen. Genau dort liegt der entscheidende Unterschied.

Kaizen 11. April [4] Der Krieg unter der Erde – Was nach Wochen im Iran sichtbar wird und was Washington verschweigt – The Kaizen Blog

Zunächst muss man verstehen, dass die Abfangraketenbestände sowohl in Israel als auch in den Golfstaaten kritisch niedrig sind. Selbst wenn die USA diese Bestände auffüllen wollten, sind sie so begrenzt, dass sie einen Teil ihrer in anderen Regionen (Asien/Europa/Nordamerika) befindlichen Bestände verlegen müssten.

Geopolitics Prime 9. April

Beim Irakkrieg umfasste die „Koalition der Willigen“ eine Armee in der Truppenstärke von 300 000 Soldat:innen. Die Verlegung der Truppen in den Nahen Osten dauerte damals um die 3 Monate (Wikipedia). Nach allen vorliegenden Informationen hat bisher ein solcher Aufmarsch nicht stattgefunden. Die Voraussetzungen für eine breitangelegte Bodenoffensive fehlen kurzfristig völlig. Die Trumpadministration erlag wohl der Illusion, durch chirugische Milirärschläge wie in Venezuela den Iran in die Knie zwingen zu können. Das Mullahregime ist aber gesellschaftlich deutlich tiefer verankert als Diktaturen wie seinerzeit im Irak oder Syrien. Schon allein durch seine Größe würde eine Bodenoffenisve in den Iran wesentlich mehr Soldat:innen erfordern als beim Irakkrieg. Ausserdem verfügt der Iran mit seiner geographischen Lage an der Meerenge Hormuz über einen fast einmaligen geopolitschen Vorteil, den er gezielt ausspielt und nicht nur Trump „verrückt“ macht, sondern noch mehr den kapitalistischen Weltmarkt. Die realitätsferne unprofessionelle Kriegsführung durch die Trumpadminstistation hat zu gewaltigen Verwerfungen und internen Widersprüchen zwischen ihr und den US Militärprofis geführt.

Achtens: Friedrich Merz behauptet: „Das ist nicht unser Krieg“. Dabei liegt Ramstein, die wichtigste Militärbasis, von dem aus die Kriege der USA in Nahost koordiniert werden, in Deutschland. Der Bundeskanzler denkt nicht daran, die USA zu behindern oder rauszwerfen:

Großbritannien, Frankreich und Spanien haben den USA für den Iran-Krieg den Überflug oder Zwischenlandungen militärischer Flugzeuge teilweise oder für einen längeren Zeitraum untersagt. Italien soll sogar die Nutzung des Stützpunkts Sigonella auf Sizilien zeitweise eingeschränkt haben.

Der iranische Botschafter hat offiziel erklärt, dass mit Ramstein Deutschland ein „völkerechtlicch legitimes Angriffsziel“ sei. Er forderte die Bundesregierung auf, analog Spanien den USA ihre aggressiven Aktivitäten von Deutschland aus zu unterbinden. Deutschland als Angriffsziel ist keine leere Drohung mehr, seitdem der Iran gezeigt hat, dass er über ballistische Raketen verfügt, mit denen er Deutschland erreichen kann.

Fazit: Deutschland ist Kriegspartei, völkerechtlicch wie faktisch. Egal was Merz rede.

Neuntens. Wie geht es weiter? Die Kontrahenten haben inzischen in Islamabad eine Marathonverhandlung hinter sich. Die USA haben die Verhandlungen abrupt abgebrochen.

Teheran will die Kontrolle über die lebenswichtige Seepassage (Hormus) behalten, durch die rund 20 Prozent der globalen Ölexporte fließen. Es wurde berichtet, dass der zweiwöchige Waffenstillstandsplan zwischen Teheran und Washington Iran und Oman erlaube, Gebühren von Schiffen zu verlangen, die die Straße durchqueren. Es ist unklar, ob dies Teil einer dauerhaften Einigung wäre.

Die USA werden dem Iran kaum erlauben, die Straße allein zu kontrollieren, nicht zuletzt, weil dies Teheran um zig Milliarden US-Dollar pro Jahr bereichern würde.

FR [5]Nahost-Krieg: Wie reagiert Trump auf den 10-Punkte-Plan des Irans?

Ausserdem soll Iran sein gesamtes Nuklearmaterial abliefern. Mit welchem fordern die USA das, während sie gleichzeitig ihr Atombombenprogramm ausbauen?

Hinter den Kulissen wird darum gerungen, die Einflusssphären neu zu stecken bzw. sich zu formieren:
  • Israel bombardiert Wohnhäuser in Qana im Südlibanon – während die Gespräche in Islamabad liefen. .
  • Die Europäer versuchen sich ins Spiel zu bringen: Macron, Merz und Starmer trommeln für einen „friedlichen“ Einsatz „nach dem Krieg“ für eine „freie Durchfahrt des Schiffsverkehrs“ in der Straße von Hormus. Es wird eng in der Straße von Hormus, wenn man sich vor Augen führt, wer da alles ankündigt, die Kontrolle übernehmen und die „Freiheit der Meere“ gewährleisten zu wollen. Natürlich ganz „friedlich“. Auch ein „friedlicher Einsatz“ der Nato wird erwogen.
  • Vizepräsident JD Vance sagte, Washington habe seine roten Linien und Bedingungen dargelegt, aber Teheran habe sich entschieden, diese nicht zu akzeptieren.
  • Ob es einen Deal gebe oder nicht, mache für ihn keinen Unterschied, sagte Trump am Samstag vor Reportern vor dem Weißen Haus.
  • Die Deutsch-Israelische Gesellschaft – Fangemeinschaft der Deutschen Staatsräson und israelischen Politik – begrüßt den Waffenstillstand und weist darauf hin „Die Gefahr des Mullah-Regimes ist aber noch nicht gebannt. Wenn das schon nicht unser Krieg war, sollte es wenigstens unser Frieden werden. Jetzt muss Diplomatie sich beweisen.“
  • Macron schickt schon mal Militärschiffe in Richtung Hormuz voraus, um „Diplomatie und Friedenssicherung“ mehr Gewicht zu verleihen.
  • US-Vizepräsident JD Vance reist aus Pakistan ab und sagt, dass kein Abkommen erzielt wurde, die USA haben „das beste, endgültige Angebot“ gemacht. Ist das „Vogel friss oder stirb“?
Es ist absolut unüblich, Verhandlungen nach einer Runde abzubrechen. Entweder waren sie von Seiten der USA ein großer Bluff oder der Verhandlungspartner soll mit diesem Vorgehen unter maximalen Druck gesetzt werden. Vom 10 Punkteplan als Verhandlungsbasis war keine Rede mehr.

Inzwischen droht Trump damit, alle Schiffe, die mit dem Iran kooperieren selbst zu blockieren bzw. aufzubringen. Damit legt er sich direkt mit China, Russland, Indien und anderen Ländern an. Gleichzeitig will er mit Unterstützung der Europäer nach Hormuz eindringen. Vorher soll die Meeresenge von Minen befreit werden. Aber weiss denn der Präsident nicht, dass die US Navy erst kürzlich die letzten 4 Minensuchboote verschrottet hat? Oder hat er da das Angebot von Friedrich Merz im Hinterkopf? Der Konflikt weitet sich aus. Alle Fakten sprechen momentan dafür: es bleibt eine Hängepartie! Aber bei Trump sind Fakten oft nicht entscheidend.
Allerdings haben weder die USA kurzfristig noch Iran generell ein Interesse an einer Fortsetzung des heissen Krieges. Gründe, siehe oben. Eine Garantie gibt es dafür aber bei Trump nicht .
Zehntens: Langfristig stehen die Zeichen auf Sturm. Der US Imperialismus rüstet nicht ab, sondern gewaltig weiter auf:

US-Präsident Donald Trump hat für das Haushaltsjahr 2027 eine massive Erhöhung des US-Militäretats von 900 Milliarden auf 1,5 Billionen Dollar beantragt. Dieser Entwurf stellt einen Anstieg um etwa 50 Prozent dar, um die Rüstungsausgaben deutlich zu steigern, insbesondere im Hinblick auf den Wettbewerb mit China und Russland

Quelle Reuters u.a.

US-Regierung veröffentlicht Pläne für 76 Meter hohen »Arc de Trump« Spiegel, 12.April 2026

Auffällig ist, dass sich der 10-Punkte-Plan des Iran und der vorher von den USA vorgelegte 15-Punkte-Plan, soweit bekannt sind, in wesentlichen Punkten fundamental widersprechen. Aber Trump hat dem Plan des Iran zugestimmt!

Titelbild: Collage Peter Vlatten

References

References
1 https://www.spiegel.de/ausland/libanon-israel-fliegt-verheerende-angriffe-auf-wohnviertel-in-beirut-a-a8b9663e-9780-47d7-b338-5eaa8a24959b?fbclid=IwdGRjcARGxZNjbGNrBEbE_GV4dG4DYWVtAjExAHNydGMGYXBwX2lkDDM1MDY4NTUzMTcyOAABHs4Qr-S_keJAbK2_bZR8jjxdPQ6IGkEaGDVw6yfmLv5Ac_vz2_OoxWjRYVYX_aem_89Mr_v4Bb8N82Et0yiKB7Q
2 Der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif empört sich:

Israel ist böse und ein Fluch für die Menschheit. Während Friedensgespräche in Islamabad stattfinden, wird im Libanon Völkermord begangen. Unschuldige Bürger werden von Israel getötet, zuerst in Gaza, dann im Iran und jetzt im Libanon, das Blutvergießen geht unvermindert weiter. Ich hoffe und bete, dass die Menschen, die diesen krebsartigen Staat auf palästinensischem Land geschaffen haben, um sich von europäischen Juden zu befreien, in der Hölle schmoren werden.

3 https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/trump-ist-nicht-das-problem-sondern-systemisch-zunehmende-interssenkonflikte-zwischen-kapitalistischen-imperialistischen-grossmaechten-linker-diskurs-nahost/
4 Der Krieg unter der Erde – Was nach Wochen im Iran sichtbar wird und was Washington verschweigt – The Kaizen Blog
5 Nahost-Krieg: Wie reagiert Trump auf den 10-Punkte-Plan des Irans?

Schweigen ist nicht neutral, sich zum Schweigen gezwungen fühlen erst recht nicht – Repression der Palästinasolidarität

Der folgende Beitrag führt uns die gesamte Palette perfider Repressionsmethoden vor Augen, mit denen Kritik an Völkermord, Menschenrechtsverletzungen, koloniale Unterdrückung, Apartheid und systematischer Rassismus gegenüber Palästiner:innen systematisch unterbunden werden sollen. Ziel der deutschen Staatsräson ist nach wie vor die „bedingungslose“ Zusammenarbeit mit Israel zu legitimieren und insbesondere militär- und machtpolitisch auszubauen. Dazu muss weitmöglichst Palästinasolidarität unterdrückt werden und eine grundsätzliche Verurteilung der israelischen Regierungspolitik, vor allem aber auch der dafür verantwortlichen und diese Politik tragenden Bewegungen des Zionismus verhindert werden. Die Methoden dieser Repression sind vielfältig und hinterhältig. Sie reichen wie dargestellt von der ideologischen Konfusionskampagne zur Diffamierung von Kritiker:innen bis hin zur existenziellen Vernichtung oder strafrechtlichen Verfolgung.

Aber Israel und seine Unterstützer stehen international immer isolierter da. Die Beweise für ihre Verbrechen werden täglich mehr. Sie sind erdrückend. Folgen wir der Aufforderung, das Schweigen zu brechen. Folgen wir der Aufforderung, Aufklärung und Widerstand zu organisieren! Unterstützung wird uns gewiss sein. (Peter Vlatten)

Titelbild: Bild von Ezequiel Angeloni

Linda Michels, Pressenza, 28 3.2026

„Als Künstlerin sehe ich mich in der Verantwortung, über das Zeitgeschehen zu sprechen.“ Mit diesen Worten leitet Greta, Tänzerin und Choreografin aus Köln, am 14. Oktober 2025 im Museum Ludwig ihr Statement ein. Vor dem noch versammelten Publikum spricht sie über den andauernden Genozid in Palästina, über das Schweigen und Geschwiegenwerden in der deutschen Kunst- und Kulturszene und über die eigene Mittäter:innenschaft, wenn weggeschaut wird: „Unser Schweigen ist leise Zustimmung. Unser Schweigen trägt aktiv zum Genozid bei. Unser Schweigen ist nicht neutral. Unser Schweigen ist Mitläufer:innentum. Deswegen breche ich es und werde es weiterhin tun, bis Palästina frei ist.“

Kunst als Widerstand – und ihre Unterdrückung

Das Publikum applaudiert. Doch am nächsten Tag berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger nicht von diesem Konsens, sondern vom „Bedauern“ des Museumsdirektors, dass „die Tänzerin das Museum Ludwig für ihren Protest als Plattform benutzt“ habe[1]. Der Begriff Antisemitismus fällt, ohne genau eingeordnet zu werden. Gretas Tanzcompagnie wird aus dem Museum ausgeladen, ihr Lohn erst zwei Monate später ausgezahlt – ein Muster, das sich auch Monate zuvor bereits zeigte, u.a. auf der Vortragsreise von Helga Baumgarten, einer deutschen Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Palästina und politischen Entwicklungen in der arabischen Region, sowie von Norman Paech[2], einem deutschen Juristen und emeritierten Professor für Öffentliches Recht und Völkerrecht.

Repression als System: Von Köln nach Mülheim an der Ruhr

Am 7. November 2025 liest Greta nach einer Aufführung im Theater in Mülheim an der Ruhr erneut ihr Statement vor. Wieder applaudiert das Publikum, doch diesmal kommen Repräsentant:innen des Theaters auf die Bühne und distanzieren sich: Gretas Worte seien „antisemitisch und diskriminierend interpretierbar.“[3] Das Publikum widerspricht lautstark und fragt sich, was an ihren Worten antisemitisch sei, betonend, dass gerade ein Völkermord passiere. Am nächsten Tag sagt das Theater Ringlokschuppen Ruhr die zweite geplante Vorstellung ab – mit der Begründung, Gretas Statement enthalte „antisemitische Narrative“ und eine „Relativierung der Shoah.“[4] Greta fragt: „Wo sind wir in Deutschland gelandet, dass wir bedingungslos eine faschistische Regierung bei einem Genozid unterstützen? Was ist mit dem ‚Nie wieder‘ passiert? Nie wieder ist nie wieder für alle Menschen und Völker auf dieser Welt. Kein Holocaust seitens der Nationalsozialist:innen, keine ‚personal Story‘, keine ‚Komplexität‘ oder Schuld legitimiert einen Genozid. Es gibt auch keine zwei Seiten in einem Genozid, genauso wie es keine zwei Seiten im Holocaust gab und gibt.“

Greta betont, dass jede Betrachtung des heutigen israelischen Staates die historische Gewalt gegenüber der palästinensischen Bevölkerung berücksichtigen müsse. Sie verweist darauf, dass die Gründung des Staates auf jahrelangen Massakern und der Vertreibung Hunderttausender Palästinenser:innen basiert, wie zahlreiche Historiker:innen dokumentieren. Wer diese Vorgeschichte ignoriere, begehe eine schwerwiegende Ungerechtigkeit und verletze die Würde der rund 800.000 Palästinenser:innen, die 1948 vertrieben oder getötet wurden, sowie derjenigen, die in den darauffolgenden Massakern Opfer von Gewalt wurden. Sie erinnert dabei an die von Palästinenser:innen als Nakba (große Katastrophe) bezeichnete Katastrophe.

Systematische Repression der Palästinasolidarität in Deutschland

Die Palästinasolidarität in Deutschland wird zunehmend durch staatliche Maßnahmen eingeschränkt und kriminalisiert. Amnesty International warnt vor einer „systematischen“ Einschränkung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit: „Die Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit von Palästina-solidarischen Stimmen sind sehr schwerwiegend. Diskursräume werden zunehmend enger. Vielerorts wurden Ausrufe, Kleidungsstücke und Symbole mit Palästina-Bezug pauschal verboten. So zum Beispiel die Palästina-Flagge an Berliner Schulen.“[5] Besonders problematisch sei der Einsatz von Polizeigewalt: „Im September 2024 wurde ein junger Mann bei einem friedlichen Palästina-solidarischen Protest von der Polizei bewusstlos geschlagen.“[6] Die taz dokumentiert, wie Behörden gezielt gegen Palästina-solidarische Kundgebungen vorgehen: „Im Januar 2025 etwa wurde eine Kundgebung gewaltsam aufgelöst, nachdem Menschen dort auf Arabisch gesprochen und damit gegen eine Auflage verstoßen hatten, die das verbietet. Zwei Veranstaltungen mit der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese in Berlin wurden auf politischen Druck hin an einen anderen Ort verlegt und von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet.“[7] Amnesty betont, dass „Behörden und Polizei mit unverhältnismäßiger Härte gegen friedliche Proteste“ vorgehen und dabei „Rassismus, einschließlich antiarabischer und antipalästinensischer Gesinnungen“ eine Rolle spielt.[8] Diese Repression scheint kein Einzelfall zu sein, sondern vielmehr Teil einer breiteren Tendenz, die Solidarität mit Palästina als Bedrohung darstellt und durch staatliche und institutionelle Maßnahmen systematisch unterdrückt.

Die Strategien der Leugnung: Wie der deutsche Diskurs Genozid unsichtbar macht

Hanna Pfeifer, Leiterin des Forschungsbereichs „Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit“ am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg (IFSH), hat in ihren jüngeren Analysen und Publikationen detailliert aufgezeigt, wie im deutschen Diskurs der Vorwurf eines Genozids an Palästinenser:innen systematisch geleugnet oder relativiert wird. Ihre Argumentation lässt sich in mehreren Schritten nachvollziehen, die sie als „verschiedene Typen der Leugnung“[9] darstellt. Sie werden im Folgenden teilweise und zusammengefasst aufgeführt.

Prinzipielle Unmöglichkeit eines israelischen Genozids

Pfeifer weist darauf hin, dass im deutschen Diskurs oft pauschal bestritten wird, dass Israel überhaupt in der Lage oder willens sein könnte, einen Genozid zu begehen. Dies geschieht häufig durch Verweise auf Israels demokratische Institutionen oder seine historische Rolle als Opfer des Holocaust. Diese Argumentation blendet jedoch aus, dass auch demokratische Staaten völkerrechtliche Verbrechen begehen können und dass die Frage nach Genozid nicht von der Staatsform, sondern von konkreten Handlungen und Absichten abhängt. Pfeifer zeigt, wie diese Leugnungsstrategie im deutschen Diskurs dazu führt, dass die Gewalt gegen Palästinenser:innen quasi unmöglich oder undenkbar dargestellt wird, selbst wenn internationale Institutionen und Menschenrechtsorganisationen systematische Verbrechen dokumentieren[10].

„Unwissbarkeit“ der Fakten

Ein weiteres Muster ist die Behauptung, die Faktenlage sei zu unklar oder komplex, um von einem Genozid zu sprechen. Pfeifer kritisiert, dass damit die Verantwortung zur Aufklärung an die Betroffenen oder an internationale Institutionen delegiert wird, während gleichzeitig die eigene Position als neutral oder abwartend dargestellt wird. Dies ignoriert jedoch, dass es bereits umfangreiche Dokumentationen von Menschenrechtsorganisationen gibt, die seit 2024 systematische Verbrechen Israels im Gazastreifen als Genozid einordnen. Pfeifer betont, dass diese Strategie der „Unwissbarkeit“ dazu dient, die deutsche Verantwortung – etwa bei Waffenlieferungen oder politischer Unterstützung – zu verschleiern[11].

„Ontologische Leugnung“ – die Behauptung, es gebe zwei Seiten im Genozid

Pfeifer benennt als besonders problematisch die Strategie, die Gewalt gegen Palästinenser:innen als kontextabhängig oder wechselseitig darzustellen, etwa durch den Verweis auf die Angriffe der Hamas. Damit wird der Genozid-Vorwurf in eine „Symmetrie-Debatte“ überführt, die die strukturelle Asymmetrie der Gewalt ignoriert und die Verantwortung verwischt. Pfeifer betont, dass diese Form der Leugnung nicht nur die Realität in Gaza verzerrt, sondern auch die deutsche Debatte über Antisemitismus instrumentalisiert, indem Kritik an israelischer Politik pauschal als antisemitisch diffamiert wird. Diese Strategie zeigt sich besonders deutlich in der deutschen Rezeption der israelischen Kampagne „Hamas is ISIS“, die Pfeifer in ihrer Vorlesung an der Goethe-Universität Frankfurt analysiert.[12]

Pfeifer zeigt auf, dass diese Muster nicht nur die Realität in Gaza verzerren, sondern auch die deutsche Debatte über Antisemitismus instrumentalisieren. Indem der Genozid-Vorwurf als unmöglichunbeweisbar oder einseitig dargestellt wird, wird eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung – etwa bei Waffenlieferungen oder politischer Unterstützung – vermieden.[13]

Solidarität als Pflicht – nicht als Option

Greta, die seit 13 Jahren in Deutschland lebt, sieht ihre deutsche Staatsbürger:innnenschaft als Privileg – und damit als Verantwortung: „Solidarität ist keine Option, für die man sich spontan entscheidet. Sie ist eine Verantwortung, die mit wachsenden Privilegien steigt. Eine Option ist, ob wir diese Verantwortung annehmen oder nicht.“ Sie betont: „Die Antwort auf Zensur darf nicht Rücktritt und Deeskalation sein. Das ist nicht verantwortungsvoll. Wenn wir bestimmte Privilegien haben, ist die Antwort auf Zensur: ‚lauter werden!‘ Auch wenn wir dabei die Konsequenzen am eigenen Leibe spüren oder damit bezahlen, unsere Privilegien abzugeben.“ Sie bezieht sich auf Francesca Albanese, die als UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete betont, Unparteilichkeit bedeute nicht Gleichgültigkeit, sondern „to stay truthful to international law“ (Albanese 2025, 9:22), to „undo injustice“ (Albanese 2025, 7:47), „and prevent further abuses“ (Albanese 2025, 7:49) and it’s not maintaining both sidism in the face of international atrocities“ (Albanese 2025, 8:35).[14] In Situationen offensichtlicher Machtungleichgewichte dürfe Neutralität nicht die Antwort sein, die Grausamkeiten der Unterdrückenden gegenüber den Unterdrückten müssten hingegen klar benannt werden. Zugleich mahnt Albanese, das Versprechen Nie wieder dürfe nicht selektiv gelten, sondern müsse auf alle angewandt werden: “The only possible meaning of ‘never again’ is: never again for anyone.”

Die Rolle der Justiz und der Medien

Rechtsanwalt Roland Meister, der bundesweit Betroffene von Repression wegen Palästinasolidarität vertritt, erklärt: „In der Solidarität mit Palästina und dem Protest gegen die genozidale Politik Israels wiederholt sich aktuell das bekannte Muster, den ‚Feind der Demokratie‘ immer links auszumachen. Die Repressionsbemühungen richten sich dabei zunehmend auch auf die Felder der Kultur und Kunst, wie das aktuelle Beispiel Mülheim/R. zeigt. Dabei ist es notwendig, den Zusammenhang zum Kampf gegen den Faschismus in Deutschland herzustellen. Denn beängstigend ist, dass es insbesondere auch AfD-Politiker sind, die sich an die Spitze der Repression gegen den angeblichen ‚Antisemitismus‘ stellen und eine noch schärfere Kriminalisierung und Repression der Palästinasolidarität fordern. Es ist vor diesem Hintergrund absurd und unsäglich, wenn seitens der Theaterleitung in ihrer Stellungnahme vom 8. November 2025 zur Begründung der Zensur erklärt wird, diese habe das Ziel, ‚sichere Räume für marginalisierte Perspektiven‘ zu schaffen und einen ‚Schutz marginalisierter Gruppen‘. Ihr Vorgehen verhindert jedoch lediglich die Kritik an der genozidalen israelischen Politik und schützt die israelische Regierung, die sicher nicht als ‚marginalisierte Gruppe‘ bezeichnet werden kann.“ Meister bestätigt damit, wie die Justiz zunehmend als Werkzeug der Unterdrückung eingesetzt wird. So wurden in Berlin die arabische und hebräische Sprache auf palästinasolidarischen Demonstrationen verboten – ein pauschales Sprachverbot, das als mildestes Mittel zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit begründet wurde. Kritiker:innen sehen darin einen Angriff auf die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, der vor allem arabischsprachige und jüdische Kritiker:innen Israels trifft[15].

Historische Verantwortung und aktuelle Komplizenschaft

Ilan Pappe, israelischer Historiker, zeigt in seinem Buch Die ethnische Säuberung Palästinas, wie die Vertreibung von über 800.000 Palästinenser:innen 1948 (Nakba) systematisch geplant und durchgeführt wurde.[16] Omer Bartov, Holocaustforscher und Professor an der Brown University, betont, dass nicht alle Genozide wie der Holocaust aussehen müssen und daher unterschiedliche Aspekte aufweisen können.[17] In der Debatte um die Lage im Gazastreifen weist Bartov darauf hin, dass historische Genozide in ihrer Erscheinung variieren und eine differenzierte Analyse erfordern. Amos Goldberg, Historiker an der Hebräischen Universität Jerusalem, ergänzt, dass eine Bewertung des Vorgehens Israels in Gaza als Genozid nicht automatisch ein antisemitisches Narrativ darstellt, sondern im Rahmen völkerrechtlicher und historischer Kriterien diskutiert werden muss.[18]

Völkerrechtliche Einordnung: Genozid als Tatbestand

Die UN-Untersuchungskommission kommt in ihrem Bericht vom September 2025 zu dem Schluss, dass Israel im Gazastreifen vier der fünf in der UN-Völkermordkonvention von 1948 definierten Tatbestände erfüllt. Dazu zählen das Töten, das Zufügen schweren körperlichen oder seelischen Schadens, das vorsätzliche Auferlegen von Lebensbedingungen, die auf die physische Zerstörung der palästinensischen Bevölkerung abzielen, sowie Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten. Der Bericht stützt sich auf Untersuchungen seit dem 7. Oktober 2023 und zitiert auch Äußerungen israelischer Regierungsvertreter als Beleg für die Völkermordabsicht.

Israel has committed genocide against Palestinians in the Gaza Strip, the UN Independent International Commission of Inquiry on the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, and Israel said in a new report today. The Commission urges Israel and all States to fulfil their legal obligations under international law to end the genocide and punish those responsible for it.[19]

Die UN-Sonderberichterstatterin über die Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten veröffentlichte 2024 zwei Berichte: „Anatomy of a Genocide“ (März 2024) und „Genocide as colonial erasure“ (Oktober 2024). Darin analysiert sie die israelische Politik und Praxis im Gazastreifen und kommt zu dem Schluss, dass Israels Handlungen die Kriterien der Völkermordkonvention erfüllen.

Was können wir tun?

Kunst und Kultur als Räume des Widerstands verteidigen

Wie können wir sicherstellen, dass Kunst und Kultur Räume für politische Debatten bleiben – auch und gerade über Palästina? Die Repression gegen Künstler:innen wie Greta zeigt: Wer Kritik an Israel übt, riskiert Ausladungen, Lohnkürzungen und Diffamierung. Wer z.B. einen Blick auf archivesofsilence.org wirft, kann sich ein Bild von einem großen Teil anderer Zensurfälle in der Kunst- und auch akademischen Szene in Deutschland machen. Aber es ist doch gerade die Kunst, die die Aufgabe hat, Tabus zu brechen und Machtverhältnisse zu hinterfragen. „Wo sind wir wieder in Deutschland gelandet, dass die Kunst nicht mehr polemisch über das Zeitgeschehen sprechen darf?“ fragt Greta.

Medien und Institutionen in die Pflicht nehmen

Deutsche Medien und Institutionen spielen eine zentrale Rolle bei der Repression palästinasolidarischer Stimmen. Oft wird Kritik an Israel pauschal als „antisemitisch“ diffamiert, ohne die Inhalte zu prüfen. Hier braucht es eine kritische Öffentlichkeit, die solche Mechanismen entlarvt und Gegenöffentlichkeit schafft. Deshalb ist es Greta ein zentrales Anliegen, die Institutionen, die Zensur ausüben, ausdrücklich beim vollen Namen zu nennen – in diesem Fall das Theater Ringlokschuppen Ruhr. Denn nur wenn solche repressiven und undemokratischen Entscheidungen klar benannt und öffentlich gemacht werden, kann der notwendige Druck entstehen, der Institutionen dazu bewegt, ihre Zensurmaßnahmen zu überdenken, zu revidieren und vor allem künftig zu unterlassen. „Wir müssen uns gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn wir undemokratische Entscheidungen treffen und uns dabei helfen, aus dem Kreislauf der Zensur auszutreten und ihn somit zu durchbrechen”, sagt sie in einem Interview mit Andy Vantino, einem unabhängigen Journalisten, der sich auf die Berichterstattung über politische Proteste, Polizeieinsätze und zivilgesellschaftliche Bewegungen spezialisiert hat.

Nie wieder konkret machen

Francesca Albanese sagt: „Die Welt war immer schon ein ungerechter Ort für viele – und nun ist ein Moment, in dem dieser Fakt in seiner ganzen Hässlichkeit klar sichtbar ist. Es ist an der Zeit, dass wir den Unterschied machen. Es geht nicht nur um Palästina. Es geht um uns alle.“[20]

Solidarität organisieren – lokal und global

Die Repression gegen Palästinasolidarität ist kein deutsches Phänomen, sondern Teil einer globalen Strategie. Doch es gibt Widerstand: in Deutschland formieren sich seit Jahren vielfältige Solidaritätsstrukturen mit Palästina – trotz massiver Repression. Jeden Freitag findet in Köln der March for Liberation statt, der tausende Menschen zusammenbringt und mit klaren Forderungen nach Freiheit für Palästina und einem Ende der deutschen Komplizenschaft auf die Straße geht. Auch in Berlin versammeln sich regelmäßig Aktivist:innen, etwa bei den United4Gaza-Protesten. In anderen Städten wie Hamburg, Frankfurt oder München organisieren lokale Bündnisse Kundgebungen, Vorträge und Kulturveranstaltungen, um auf die Situation in Palästina aufmerksam zu machen und gegen die Kriminalisierung von Solidarität zu protestieren. Diese Bewegungen sind umso wichtiger, als die Repression in Deutschland besonders hart zugreift: Demonstrationen werden verboten, Palästina-Flaggen konfisziert, Aktivist:innen mit Bußgeldern, Polizeigewalt und sogar Abschiebedrohungen konfrontiert[21]. Doch der Widerstand bleibt sichtbar – und zeigt, wie zentral Solidarität ist, wenn staatliche Unterdrückung zunimmt. Solidarität bedeutet hier, sich mit diesen Bewegungen zu verbinden, Repression sichtbar zu machen und sich gegenseitig zu schützen.

Die Ulm5 seien in diesem Kontext ebenfalls zu nennen: Es handelt sich um fünf Aktivist:innen, die im September 2025 im Zusammenhang mit einer pro-palästinensischen Protestaktion gegen die deutsche Niederlassung des israelischen Rüstungsunternehmens Elbit Systems in Ulm festgenommen wurden. Ihnen werden unter anderem Sachbeschädigung sowie die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Seither befinden sie sich in Untersuchungshaft. Ihr Fall wirft aus menschenrechtlicher Sicht grundlegende Fragen auf: Wie verhältnismäßig ist der Einsatz scharfer strafrechtlicher Mittel gegen politischen Protest? Wo endet legitime Strafverfolgung – und wo beginnt die Abschreckung politischer Meinungsäußerung? Versammlungs- und Meinungsfreiheit schützen ausdrücklich auch zugespitzte und systemkritische Formen des Protests. Werden solche Formen pauschal kriminalisiert, geraten demokratische Grundrechte insgesamt unter Druck.

Berichten aus dem Umfeld der Verteidigung zufolge sitzen einzelne der Inhaftierten bis zu 23 Stunden täglich isoliert in ihren Zellen; Telefon-, Besuchs- und Briefkontakte seien stark eingeschränkt und überwacht, der Zugang zu Büchern und Gemeinschaftsaktivitäten teilweise begrenzt.[22] Auch wenn diese Angaben aus solidarischen Kontexten stammen, betreffen sie zentrale menschenrechtliche Maßstäbe zur Verhältnismäßigkeit von Untersuchungshaft und zu den Grenzen von Isolationsmaßnahmen.

Solidarität mit Palästina bedeutet daher mehr als symbolische Anteilnahme. Sie schließt die Unterstützung jener ein, die aus politischer Überzeugung handeln und dafür persönliche Freiheit riskieren. Eine konkrete Form der Solidarisierung mit den Ulm5 kann die Organisation oder Teilnahme an Soli-Aktionen sein – etwa Mahnwachen, Informationsveranstaltungen oder Rechtshilfe-Kampagnen –, um Öffentlichkeit herzustellen und die Einhaltung rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Standards einzufordern.[23]

Vom 9. bis 16. Mai 2026 findet zudem in Hamburg unter dem Motto STOP NAKBA NOW! das Camp Bridges of Resistance statt – ein Treffen für alle, die sich vernetzen, austauschen und gemeinsam mit sozialen Bewegungen Strategien entwickeln möchten. Im Fokus steht dabei der Zusammenhang zwischen der gezielten Destabilisierung Westasiens, imperialistischer Kriegsführung, kolonialer Besatzung seit der Nakba und der wachsenden Militarisierung in Deutschland. Den Abschluss bildet eine Großdemonstration am 16. Mai, auf der gemeinsam gefordert wird: das Rückkehrrecht aller palästinensischen Vertriebenen, die Freilassung aller palästinensischen Gefangenen, ein Waffenembargo gegen Israel, die Umverteilung von 100 Milliarden Euro in Bildung, Gesundheit und Soziales statt in Rüstung – und ein dauerhaftes Bleiberecht für alle Asylsuchenden.

Internationale Perspektive auf Solidarität

Es lohnt sich, über nationale Grenzen hinauszublicken, um Akte der Solidarität mit Palästina (und generell Widerstandsformen gegen Unterdrückung) in anderen Formen und Ausmaßen zu sehen. In Italien haben landesweite Demonstrationen und Streiks solidarische Bewegungen sichtbar gemacht, die oft in Deutschland kaum Beachtung finden. Am 3. Oktober 2025 führte ein von Gewerkschaften organisierter Generalstreik in Solidarität mit Palästina und gegen das weltweite Schweigen zur Lage in Gaza dazu, dass Menschen in mehreren italienischen Städten auf die Straße gingen und sowohl Protestaktionen als auch Arbeitsniederlegungen stattfanden, die ganze Verkehrsnetze und Häfen betrafen[24]. Ebenso führten prominente Mobilisierungen in Rom im November 2025 Tausende Menschen zusammen, darunter internationale Aktivist:innen, um für ein Ende der Gewalt und für eine solidarische internationale Politik zu demonstrieren[25].

Solche Beispiele zeigen, wie internationale Solidaritätsbewegungen organisiert, vernetzt und mit klaren politischen Forderungen auftreten können – und wie sie dabei breite Teile der Bevölkerung einbeziehen. Ein Blick über die eigenen Landesgrenzen kann helfen, strategische Formen des Protests und der Vernetzung mitzudenken und damit auch lokale Bewegungen zu stärken. Vor allem aber kann eine weitere Sicht dabei helfen zu verstehen, dass die repressiven Mechanismen in Deutschland nicht normal sind.

Schluss: Schweigen brechen – jetzt!

Greta reflektiert: „Ich kann nicht sagen, ich bin eine gerechte Person, wenn vor meinen Augen eine Ungerechtigkeit geschieht und ich tatenlos zu- oder weggucke.“ Weiterhin mahnt sie in ihrem Statement: „Erinnert euch daran, dass Faschismus nicht plötzlich kommt. Er kommt, weil wir ihm den Weg ebnen, weil wir es zulassen. Wir dürfen es nicht zulassen. Wir dürfen unsere Rechte nicht aus Angst aufgeben. Angst und Einschüchterung sind die Strategien des Faschismus zum Faschismus. Wir sind alle dafür verantwortlich, Faschismus und seine verdeckten Strategien zu stoppen. Und das ist jetzt! Bevor er nicht mehr aufhaltbar ist.“

Es ist an der Zeit, die Strategien der Repression und das Schweigen, das zu oft ihre bittere Konsequenz ist, zu durchbrechen, durch ihre klare Benennung, die Anklage jener, die sie vollziehen, durch lauten Protest, durch Solidarität, durch ein Ende der Kompliz:innenschaft.

Die Worte von Francesca Albanese während eines Press Briefings im September 2025 kleiden diesen Appell in einen Hoffnungsschimmer:

But I also see courage. Dockworkers, trade unions, students, mothers and fathers, ordinary people everywhere are refusing this complicity. And their message is clear. No more genocide. No more apartheid, starting in Palestine. The future of millions demand is one of justice, equality, and freedom, and is still within reach if we act now.“[26]

„Aber ich sehe auch Mut. Hafenarbeiter:innen, Gewerkschaften, Studierende, Mütter und Väter, ganz normale Menschen überall lehnen diese Mitschuld ab. Und ihre Botschaft ist klar: Schluss mit dem Völkermord. Schluss mit der Apartheid, angefangen in Palästina. Die Zukunft, die Millionen Menschen fordern, ist eine Zukunft der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Freiheit – und sie ist noch in greifbarer Nähe, wenn wir jetzt handeln.“


[1] Kölner Stadt-Anzeiger, Bericht 15.10.2025

[2] Offene Akademie, „Solidarität mit Helga Baumgarten, Norman Paech und Roland Meister“, https://offene-akademie.org/solidaritaet-mit-helga-baumgarten-norman-paech-und-roland-meister/
[3] Theater Ringlokschuppen Ruhr, interne Stellungnahme 07.11.2025
[4] Ringlokschuppen Ruhr Archiv 2025/26https://ringlokschuppen.ruhr/archiv/spielzeit-2025-2026/eigen-koproduktionen-25-26/beasts-bodies
[5] Amnesty International, „Deutschland: Einschränkung pro-palästinensischer Proteste“, https://www.amnesty.de/aktuell/deutschland-einschraenkung-pro-paleastinensischer-proteste
[6] Amnesty International, Bericht 2024, https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-report/deutschland-2024
[7] taz.de, „Repression von Palästina-Solidarität“, https://taz.de/Repression-von-Palaestina-Solidaritaet/!6137663/
[8] Amnesty International, ebenda
[9] Hanna Pfeifer „Zur Unmöglichkeit eines israelischen Genozids im deutschen Kriegsdiskurs: Varianten der Zurückweisung“, 2025, https://www.pw-portal.de/das-fach-politikwissenschaft/zur-unmoeglichkeit-eines-israelischen-genozids-im-deutschen-kriegsdiskurs-varianten-der-zurueckweisung
[10] Hanna Pfeifer et. al, „Israel-Gaza jenseits des Genozid-Begriffs: Massengewalt gegen Zivilist*innen jetzt beenden“, 2024, https://blog.prif.org/2024/03/21/israel-gaza-jenseits-des-genozid-begriffs-massengewalt-gegen-zivilistinnen-jetzt-beenden/
[11] Hanna Pfeifer et. al, „Wie lange noch?“, 2025, https://www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/wie-lange-noch-8431/

[12] Vorlesung von Dr. Hanna Pfeifer auf Dlf Nova: „Westasien. Welche Gruppen im Nahen Osten kämpfen“, 2025, https://www.ifsh.de/news-detail/vorlesung-von-dr-hanna-pfeifer-auf-dlf-nova-westasien-welche-gruppen-im-nahen-osten-kaempfen
[13] Hanna Pfeifer et. al, „Israel-Gaza jenseits des Genozid-Begriffs: Massengewalt gegen Zivilist*innen jetzt beenden“, 2024, https://blog.prif.org/2024/03/21/israel-gaza-jenseits-des-genozid-begriffs-massengewalt-gegen-zivilistinnen-jetzt-beenden/
[14] Francesca Albanese: Rede in Berlin bei einer Veranstaltung von DiEM25 u. a., Video veröffentlicht auf YouTube von DiEM25, They Tried to Silence Her – They Failed | Francesca Albanese’s Berlin Keynote on Gaza Genocide, 2025, https://www.youtube.com/watch?v=YVxvrGVxuis (Zugriff: 05.03.2026)
[15] taz.de, „Sprachverbote auf Palästina-Demos“, https://taz.de/Sprachverbote-auf-Palaestina-Demos/!6064999/
[16] Ilan Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas (2024)
[17] Omer Bartov betont, dass nicht alle Genozide wie der Holocaust aussehen müssen: „…nicht alle Völkermorde sehen aus wie der Holocaust…“, Pressenza (Interview zu Genoziddebatten), https://www.pressenza.com/de/2025/05/israel-in-gaza-von-der-ethnischen-saeuberung-zum-voelkermord/ (Zugriff: 05.03.2026).
[18] Amos Goldberg: „It is so difficult and painful to admit it, but despite all that, and despite all our efforts to think otherwise, after six months of brutal war we can no longer avoid this conclusion.“ Middle East Monitor, 30.04.2024, https://www.middleeastmonitor.com/20240430-yes-it-is-genocide-in-gaza-says-israeli-professor-of-holocaust-studies/ (Zugriff: 05.03.2026)
[19] UN-Überprüfungskommission Gaza, September 2025, https://www.ohchr.org/en/press-releases/2025/09/israel-has-committed-genocide-gaza-strip-un-commission-finds
[20] nd-aktuell.de, Interview Francesca Albanese, 2025, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1189110.un-sonderberichterstatterin-francesca-albanese-ich-bin-besorgt.html
[21] Amnesty International, „Deutschland: Einschränkung pro-palästinensischer Proteste“, https://www.amnesty.de/aktuell/deutschland-einschraenkung-pro-paleastinensischer-proteste
[22] vgl. Pressemitteilung vom 26.11.2025 bei senderfreiespalaestina.de
[23] https://senderfreiespalaestina.de/infoblatt-pdfs/pressemitteilung-verteidung-der-ulm-5-vom-26.11.2025.pdf
[24] Euronews, 2025, „Italy paralysed by general strike in solidarity with Gaza flotilla“, 03.10.2025, https://www.euronews.com/2025/10/03/italy-paralysed-by-general-strike-in-solidarity-with-gaza-flotilla
[25] Euronews, 2025, „Global mobilisation in solidarity with Gaza: Thunberg and Albanese lead march in Rome“, 29.11.2025, https://www.euronews.com/2025/11/29/global-mobilisation-in-solidarity-with-gaza-thunberg-and-albanese-lead-march-in-rome
[26] Francesca Albanese, „The shame of our time“, 2025, https://www.un.org/unispal/document/press-briefing-francesca-albanese-16sep25/

Titelbild: Bild von Ezequiel Angeloni

Linda Michels
Linda Michels übersetzt für Pressenza aus dem Englischen, Italienischen und Spanischen ins Deutsche. Nach ihrem Studium der Sonderpädagogik widmete sie sich den Sprachen in Lehre und Übersetzung sowie der Musik (Musikwissenschaft und Musikpädagogik). Die Themen, für die sie sich besonders interessiert und einsetzt, sind Feminismus, Menschenrechte und Anti-Rassismus, auch im Kontext der Musik.

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