Berlin, die vermessene Stadt: Von Glücksrankings, Hashtag-Tourismus und stiller Vertreibung

Strukturelle Gewalt im neoliberalen Kapitalismus, die sanft daherkommt. Perfekt beschrieben. (Peter Vlatten)

Für wen ist diese Stadt? Der dramatische Schluss dieser Analyse lautet: Immer weniger für diejenigen, die das gemacht haben, wofür Berlin geliebt wird.

Von Martyra Peng für die Berliner Zeitung

Es gibt einen Moment, der sich in Berlin täglich wiederholt – in Kreuzberg, in Neukölln, in Friedrichshain und in jedem Bezirk, den irgendjemand irgendwann „Szene“ genannt hat: Ein Mensch, der seit 30 Jahren in seiner Wohnung lebt, öffnet morgens die Haustür und tritt in etwas, was dort nicht hingehört. Manchmal ist es Urin. Manchmal Erbrochenes. Manchmal der Müll einer Party, die in der Nacht vor seinem Hauseingang stattgefunden hat, ohne dass er eingeladen war – und die ihn auf eine Art betrifft, die kein Ranking der Welt erfasst.

Draußen zieht eine Gruppe Touristen vorbei, Handys gezückt. Sie hashtaggen. Platz sechs der am häufigsten gehashtaggten Städte auf TikTok, notiert der Algorithmus brav. Das ist nicht der Anfang der Geschichte. Es ist nur ihr sichtbarster Teil.

Die Industrie des Glücks

Städte und Länder werden seit den Achtzigerjahren systematisch in Produkte verwandelt – durch Standortmarketing, Tourismusstrategien, Investorenprospekte, Rankings. Der Begriff ist Kommodifizierung: die Verwandlung von etwas, das keinen Marktpreis hatte, in etwas, das einen hat.

Die einflussreichsten Städterankings der Welt dokumentieren diesen Prozess in seiner reinsten Form. Das EIU entwickelte seinen „Global Liveability Index“ ursprünglich als Schwestererhebung zum „Cost of Living Report“ – entworfen, um Hardship-Bonuszahlungen für entsandte Unternehmensangestellte zu berechnen. Mercer bewertet Schulen und Bildung nach der Vielfalt internationaler Privatschulen, nicht nach Abbrecherquoten oder Lehrer-Schüler-Verhältnissen. Was für die ansässige Bevölkerung zählt, kommt in dieser Metrik nicht vor. Das Ranking misst die Stadt durch die Augen des Expatriates im Firmenapartment. Nicht durch die Augen des Busfahrers, der ihn dorthin bringt.

Noch fundamentaler ist das Messproblem beim „World Happiness Report“, der für Finnlands jährliche Siegesparade verantwortlich zeichnet. Der Gallup World Poll befragt rund 1000 Personen pro Land pro Jahr. Der Stichprobenrahmen ist ausdrücklich nur die „nichtinstitutionalisierte“ Bevölkerung. Menschen in Haftanstalten, psychiatrischen Einrichtungen oder dauerhafter Obdachlosigkeit werden systematisch nicht befragt – all jene, deren Lebensrealitäten am weitesten vom Ranglistenplatz entfernt sind. Das Ergebnis ist, was die Surveyforschung einen Total Survey Error nennt: nicht Messfehler, sondern strukturelle Verzerrung durch selektive Erreichbarkeit.

Finnland: Das Glück der Unsichtbaren

Finnland gewinnt das Ranking, weil Finnland gut darin ist, gewinnbare Rankings zu gewinnen. Was der „World Happiness Report“ erzählt, ist real: hohe institutionelle Vertrauenswerte, funktionierender Sozialstaat, niedrige Korruption. Aber er erzählt es über eine Teilpopulation – und nennt das Ergebnis „die Finnen“.

Die andere Seite ist ebenfalls real. 2023 starben 310 Menschen an drogenbedingten Ursachen, davon 91 unter 25 Jahren – der höchste je gemessene Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2006. Mit 79 Drogentoten pro Million Einwohner liegt Finnland weit über dem EU-Durchschnitt von 18 pro Million. Die Armutsgefährdungsquote lag 2024 bei 12,6 Prozent – bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren bei über 30 Prozent.

Diese beiden Realitäten Finnlands existieren gleichzeitig. Das eine Finnland gewinnt jedes Jahr das Ranking, das andere taucht in Statistiken auf, die niemand auf die Tourismus-Website stellt.

Das strukturelle Problem ist präzise benennbar: Das Ranking misst nicht Gesellschaft, es misst Erreichbarkeit. Und Erreichbarkeit ist selbst ein Privileg. Wer institutionalisiert ist, obdachlos, suchtkrank, wer nicht Finnisch spricht oder gelernt hat, gegenüber Behörden und Umfragen nach oben zu antworten – der landet nicht in der Stichprobe. Oder er landet darin und nennt die Zahl, die von ihm erwartet wird. Weighting-Verfahren gleichen demografische Verteilungen aus, aber nicht die fehlende Erreichbarkeit ganzer Lebenswelten.

Bhutan: Glück als Staatsräson

Bhutan hat das Kunststück vollbracht, ein philosophisches Konzept – Nichtanhaftung, Mitgefühl, Harmonie mit der Natur – in ein Regierungsinstrument zu verwandeln. Der „Gross National Happiness Index“ ist buddhistische Staatsphilosophie und effektive PR-Strategie zugleich.

Laut Human Rights Watch wurden mehr als 100.000 Menschen nepalesischer Herkunft – rund ein Sechstel der Bevölkerung – aus dem Land vertrieben, weil sie sich nicht in Bhutans buddhistische Staatskultur integrierten. Dann kam der GNH-Index. Und die westliche Presse schrieb von dem kleinen Königreich, das Glück wichtiger nimmt als Wachstum.

Das ist keine Böswilligkeit. Es ist etwas Schlimmeres: eine Naivität, die sich als Tiefgang verkleidet. Die westliche Sinnsuche – enttäuscht vom Materialismus, fasziniert vom Buddhismus, auf der Suche nach Alternativen zum BIP-Fetisch – projizierte auf Bhutan ein Gegenbild, das sie brauchte. Bhutan lieferte die Kulisse. Den Rest erledigte das Storytelling.

Der GNH mischt Selbstevaluationsfragen mit objektiven Messungen so, dass das Ergebnis systematisch zugunsten staatlicher Politiken verzerrt wird. Er misst nicht Glück. Er misst Compliance mit dem staatlich definierten Bild eines guten Lebens. Im unabhängig erhobenen „Gallup World Happiness Report“ 2019 rangierte Bhutan auf Platz 95. Die Differenz zwischen Platz 1 in der eigenen Erzählung und Platz 95 in der externen Messung ist der Raum, in dem Staatsmarketing arbeitet.

Berlin: Die Ware namens Stadtkultur

Berlin hatte nach der Wende etwas, das man nicht kaufen kann – und das man deshalb sofort zu kaufen versuchte: eine genuine Nachwendekultur aus Leere, Armut, besetzten Häusern und Fabrikhallen ohne Heizung. Techno als Klang des Mauerlochs. Kreuzberg als Ort, wo das Scheitern keine Schande war.

Diese Kultur war nicht für den Export gedacht. Ihr Image aber exportiert sich bis heute – und dieser Export hat Konsequenzen, die von den Exporteuren nicht getragen werden. Je mehr Menschen kommen, um das authentische, unkommerzialisierte Berlin zu erleben, desto schneller wird es kommerzialisiert. Die Suche nach dem Ort, der noch nicht touristisch ist, macht diesen touristisch. Das ist keine Paradoxie, die sich auflösen lässt. Es ist die Grundstruktur des modernen Kulturtourismus.

Was der Tourismus strukturell hinterlässt, ist messbar. Das DIW Berlin hat nachgewiesen: Jede zusätzliche Airbnb-Unterkunft lässt die Angebotsmieten im direkten Umfeld um durchschnittlich 13 Cent pro Quadratmeter steigen.

Nach dem Berliner Zweckentfremdungsverbot sank die Zahl der Airbnb-Angebote von 190.473 im Jahr 2018 auf 89.301 im Jahr 2023 – fast eine Halbierung. Dennoch wächst ein Graumarkt möblierter Kurzzeitvermietungen, der regulatorisch kaum greifbar ist: Der Durchschnittspreis für möblierte Wohnungen mit dreimonatiger Mindestmietdauer lag im September 2023 bei 2371 Euro pro Monat – eine regulär vermietete Wohnung ähnlicher Größe würde laut Mietspiegel zwischen 336 und 635 Euro kosten.

In Friedrichshain-Kreuzberg liegen die jährlichen Verdrängungsraten bei über acht Prozent, in den Kernbereichen bei über zehn Prozent. Im Reuterkiez überschreiten Angebotsmieten 2025 regelmäßig 20 Euro pro Quadratmeter – eine Steigerung von mehr als  80 Prozent seit 2018. In einem Haus in der Buchholzer Straße gibt es bei 36 Wohneinheiten noch sechs normale Bestandsmieter. Die anderen 30 sind Touristen und Kurzzeitmieter.

Das Gefühl von Nachbarschaft – nicht messbar, nicht hashtagfähig, nicht rankingkompatibel – ist verschwunden.

Neukölln wurde von Time Out auf Platz 22 der coolsten Stadtviertel der Welt gelistet, basierend auf Ratings von 12.000 Menschen weltweit. Das Ranking ist kein Dokument des Lebens in Neukölln. Es ist ein Dokument der Wahrnehmung durch Menschen, die kurz zu Besuch waren und deren Urteil in den Algorithmus fließt, der Immobilien-Entscheidungen beeinflusst. Das Ranking ist nicht die Ursache der Gentrifizierung. Es ist ihr Beschleuniger und ihr Legitimationsmedium.

Dieselbe Struktur, drei Gesichter

Was Bhutan, Finnland und Berlin verbindet, ist nicht ihre Verschiedenheit. Es ist ihre gemeinsame Grundstruktur: Lebensqualität wird auf eine Weise gemessen und vermarktet, die bestimmte Menschen sichtbar macht und andere ausblendet. In Bhutan sind es die Vertriebenen, die im GNH-Index nicht mehr vorkommen, weil sie nicht mehr im Land sind. In Finnland sind es die Drogentoten, die Armen, die Institutionalisierten, die in der Gallup-Stichprobe nicht landen. In Berlin sind es die Verdrängten – die Menschen, die in den Vierteln lebten, bevor sie Szeneviertel wurden.

Das Muster ist identisch: Die Messung erfasst die Gewinner eines Prozesses und nennt das Ergebnis den Durchschnitt. Die Verlierer sind die unsichtbare Voraussetzung für den Wert, der gemessen wird. Ohne die ursprüngliche Armut kein Kreuzberg-Charme. Ohne den Charme kein Ranking. Ohne das Ranking keine Investoren. Ohne die Investoren keine Verdrängung.

Die Produzenten der Berliner Nachwendekultur – die Künstler, die Squatter, die Einwanderer, die Armen, die in kaputten Wohnungen blieben und dabei etwas erschufen, das die Welt fasziniert: Sie sind die ursprünglichen Urheber des Produkts Berlin. Sie haben daran nicht verdient. Meistens haben sie dafür bezahlt, indem sie verdrängt wurden.

Am Ende bleibt eine einfache Frage, die alle Rankings, alle Tourismusstrategien, alle Standortmarketingkampagnen sorgfältig vermeiden: Für wen ist diese Stadt? Nicht: Wer kommt hierher? Nicht: Welchen Hashtag-Wert hat dieser Bezirk? Sondern: Wer kann hier bleiben?

Berlin beantwortet diese Frage täglich, still und ohne Pressemitteilung. Die Antwort lautet: Immer weniger diejenigen, die das gemacht haben, wofür Berlin geliebt wird. Immer mehr diejenigen, die gekommen sind, um dieses Gemachte zu konsumieren.

Irgendwann ist das Gemachte aufgebraucht. Was dann bleibt, ist eine teure Stadt mit einem alten Image, dessen Ursprung niemand mehr kennt – und ein Hashtag, der noch eine Weile weiterläuft, weil Algorithmen kein Gedächtnis haben.

Platz sechs der Welt. Für wen, fragt niemand.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Martyra Peng, geboren 1968, lebt und schreibt in Berlin. Sie ist Autorin von „Kohle“, „I/O“, „Sexwork 3.0“, „Workuta“, „Simas Schweigen“ und „Die unsichtbare Frau“. „Der Magnolienbaum“ erscheint am 8. Mai. 

Link zum Original Berliner Zeitung b

Wir haben den Beitrag auf Anregung unserer Partnerseite Pressenza übernommen.

Titelbild: Peter Vlatten

1.Mai 2026 – IG Metall Jugend machte mobil!

Der Auftritt der IG Metall zum diesjährigen 1. Mai war ermutigend. Auch unter den Arbeiterjugendlichen breitet sich die Erkenntnis aus: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“. Keiner will die Verhältnisse aus der Ukraine, wo Jagd auf der Straẞe auf junge Wehrpflichtige gemacht wird und es ausser Kriegsdienst kein soziales Auskommen mehr gibt.

Der Rückblick der IG Metall Jugend Baden-Württemberg:

„Fast täglich stehen unsere hart erkämpften Rechte unter Druck: der Achtstundentag, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall -Errungenschaften, für die Generationen vor uns gekämpft haben. Gleichzeitig droht die Bundesregierung mit Kürzungen im Sozialen, während Ideen für sichere Industriearbeitsplätze fehlen.

Doch wir sind viele und stehen zusammen.

Am 1. Mai haben wir gezeigt, dass wir uns das nicht gefallen lassen.

Unsere Rechte sind nicht verhandelbar. Unsere Zukunft auch nicht. „

Ein kleiner Bilderbogen aus B. W. und Berlin, der viel sagt und auch unsere 1. Mai Impressionen aus Berlin bestätigt.

Mitmachen, unterstützen und beteiligen: Schulstreik gegen Wehrpflicht!

Titelbild + Fotos 1 bis 5: IG Metall Jugend, Fotos 6 und 5 Peter Vlatten

Impressionen 1 Mai 2026 – kämpferische Signale auf der DGB Demo Berlin!

Im Vorfeld hatte es von der Basis heftige Kritik an Losung und Aufruf des DGB gehagelt.

Das offizielle DGB-Motto zum „Tag der Arbeit“, lautete: ,,Erst unsere Jobs, dann eure Profite“.

Das Netzwerk für eine kämpferische Verdi hat „Eure Profite“ frech durchgestrichen. Sicherung von Profiten kann doch wohl niemals unser Geschäft sein, wenn wir es mit der Sicherung der Lebensinteressen der Werktätigen wirklich ernst nehmen. Die Kolleg:innen forderten:

Holen wir uns unseren 1. Mai zurück.

Wir sagen:

  • Milliarden aus Rüstung und Profiten der Banken und Konzerne für Gesundheit, Soziales, Bildung und höhere Löhne.
  • Schluss mit dem Co-Management der Gewerkschaften,
  • Schluss mit dem Burgfrieden.

Lasst uns unsere Gewerkschaft zum Kampforgan machen!

Kämpferisch auch die IG Metall Jugend:

weltweit für Solidarität, Gerechtigkeit und die Rechte von Beschäftigten. Weltweit nehmen wir uns an diesem Tag die Straẞe und demonstrieren. Wer den 1. Mai verbieten will, kriegt es mit uns zu tun.

Vertreter:innen der Gewerkschaftsjugend machten immer wieder deutlich: Wehrpflicht, Nein Danke.

Die GEW Berlin erklärte klipp und klar:

Wir halten dieses System am Laufen und sollen gleichzeitig angekündigte Kürzungen tragen. Das ist keine Notwendigkeit, das sind politische Entscheidungen. Nicht unsere Forderungen sind zu viel, sondern die wachsende Ungleichheit.

Es war ein strahlend schöner Sonnentag. Ein Demonstrant meinte: “ So sieht unsere Zukunft aus, wenn wir alle zusammenstehn auf der Welt und kämpfen.“

Um 11 Uhr war Aufstellung am Strausberger Platz. Dieses Jahr waren es deutlich mehr als die vergangenen Jahre. Laut Polizei waren es 7000, laut Veranstalter 12 000 Teilnehmrer:innen. Wir wissen aber, daß die Berliner Polizei nicht zählen kann. Bei „besorgten Bürgern“ sieht sie sogar doppelt.

Der eigentliche Block der DGB Gewerkschaften war deutlich geprägt von den vielen Betriebsgruppen. Angefangen von den im unerbittlichen Kampf um Gleichstellung stehenden Vivantes Kolleg:innen bis zu Autowerkern von Mercedes Berlin Marienfelde, die endlich die Mobilisierung für Streiks gegen „das Jobmassaker“ in der Autoindustrie forderten oder ihren Tesla Kolleg:innen, die „Hoch die Internationale Solidarität“ skandierten. Die Abschaffungsversuche des 1. Mai als arbeitsfreier Tag und die Aushöhlung von Errungenschaften wie den 8 Stundentag und die Entgeldfortzahlungen im Krankheitsfall haben viele Kolleg:innen richtig wütend gemacht. Tesla in Gründheide spielt die Speerspitze für das Kapital im Umgang mit kranken Beschäftigten. Die Tesla Kolleg:inen brauchen in ihrem Kampf dagegen unbedingt die Solidarität von uns allen. Es ist auch unser Kampf. Tech-worker forderten endlich „gewerkschaftliche Organisierung“ in ihren Betrieben. Die „Krankenhausreform“ wurde rundweg abgelehnt.

Der „klassenkämpferische Block“ machte dieses Jahr den größten Teil des Demonstrationszuges aus. Er fasste noch deutlicher und kreativ zusammen, was die Gewerkschaftlichen Aktivisten aus den Betrieben zunehmend bewegt. Ohne den Kriegskurs ins Visier zu nehmen und ohne internationale Solidarität kommt der gewerkschaftliche Kampf nicht mehr aus der Defensive heraus.

Wer heute den Völkermord in Gaza ausblendet, eröffnet das Scheunentor für kapitalistische Barbarei überall. Schwarz-braune Typen wie Nethanyahu, Trump und Elon Musk gefährden die ganze Welt.

Lasst die Arbeit ruhen. Keine Stunde für den Krieg, 7 Stunden an 5 Tagen per Gesetz bei vollem Lohn. Das bringt uns Frieden.

Auf die Straße gegen imperialistische Barbarei. Alle zusammen, Rheinmetall entwaffnen.

Lohnabhängige und Gewerkschaften in die Offensive! Zusammen gegen Lohnabbau, Militarisierung und Aufrüstung!

Die aktive Gewerkschaftsbasis scheint von dem Totschweigen des Militarisierungskurses nichts mehr zu halten. Das Märchen „Es ist kein Geld da“ nimmt keiner mehr ernst. Das hat inzwischen wohl auch die Berliner DGB Führung gemerkt. So wurde auf der Kundgebung in der zentralen Rede des IG BAU Vorsitzenden Robert Feiger erstmals seit langem das Thema aufgegriffen. Es sind die Völker, die arbeitenden Menschen in den direkt betroffenen Ländern dieser Welt, die unter den aktuellen geopolitischen Verwerfungen, unter Konfrontation und Krieg mit Leben, Gesundheit und sozialer Existenz bezahlen. Und zu den Menschenn in unserem Land führte er aus:

Für viele bedeuten diese Kriege Inflation und Instabilität. Für viele junge Menschen in diesem Land bringen diese Kriege nie gekannte Ängste, für viele ältere Menschen in diesem Land kehren Albträume zurück. Aber für die Reichsten klingeln die Kassen. Schlappe 90 Milliarden Dollar haben die 20 reichsten Menschen am Iran-Krieg an den Börsen verdient. Dieses Geld stinkt zum Himmel, Kollegen und Kolleginnen. Wir wollen keine Politik, die Krieg befeuert, keine Politik, die auf Aufrüstung setzt.

Feiger betonte ausserdem, was uns alle angeht und wofür gekämpft werden muss:

  • Finger weg vom Arbeitszeitgesetz! Der Acht-Stunden-Tag ist eine Errungenschaft – keine veraltete Regel.
  • Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – egal woher jemand kommt!
  • Rente mit 67 oder noch später? Wer 40 Jahre körperlich hart gearbeitet hat, weiß: nicht realistisch.
  • Wohnen ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.
  • Gesundheit ist keine Ware. Was wir brauchen, ist eine solidarische Finanzierung, in die alle einzahlen – auch hohe Einkommen und große Vermögen.

Am Abend fand dann in Berlin Neukölln/Kreuzberg die Revolutionäre 1.Mai Demo statt. Mehrere10 Tausend (selbst die Polizei schätzte einschließlich der Kundgebung im Görlitzer Park 60 000) gingen auf die Straße. Auch hier deutlich mehr als letztes Jahr. Besonderer Markenkern: internationale Solidarität gegen imperialistische Staatsräson. Gaza darf nicht in Vergessenheit geraten. Laut Polizei blieb es diesmal „weitgehend friedlich“. Kommentar einer Teilnehmerin dazu: „Es war so voll, dass die Polizei kaum mehr Platz und ein Durchkommen fand, so daß ihr Unheil stiften fast unmöglich war.“ Fast!

Fotos: Georg Heidel, Jochen Gester, Ingo Müller, Peter Vlatten

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