Komitee der Hafenarbeiter: „ver.di muss jetzt gegenhalten!“

Die globalen Transportarbeitergewerkschaften und davon insbesondere die Hafenarbeiter:innen sind internationalistisch aufgestellt. Sie arbeiten an den Schaltstellen der internationalen Warenlogistik. Sie arbeiten vernetzt mit Beschäftigten aus allen Völkern, Nationen, Religionen und Kulturen. Das alles verleiht ihnen besondere Macht, aber auch Bewusstheit über die Ereignisse in der Welt und das Schicksal ihrer Kolig:innen. So kommt es, dass sie nicht nur hart um ihre ökonmischen Interessen kämpfen, sondern sich auch beispielhaft solidarisieren und zum Sand im Getriebe vor allem der imperialen Kriegslogistik werden. Immer wieder fallen sie auf durch Boykottmaßahmen gegen Waffenlieferungen. So kam es in den letzten beiden Jahren in vielen westlichen Ländern wie den USA, Schweden, Frankreich, Portugal , Griechenland , Italien usw. . zu Streiks – oft international vernetzt – gegen Waffenlieferungen nach Israel! “ Das Schicksal der Menschen in GAZA und unserer Kollegen dort geht uns nicht am Arsch vorbei“. [1]US Hafenarbeiter [2]ITF [3]Schweden

Auch in Deutschland mehren sich die Anzeichen, dass sich die Kolleg:innen in den Häfen nicht mehr länger an der Leine führen lassen wollen. Letztes Jahr kam es an den deutschen Häfen zu den intensivsten Streiks seit 40 Jahren. Gegen Sparmaßen, Inflationsauswirkungen und ein skandalöses Urteil, mit dem ein längerer Streik gerichtlich untersagt wurde. [4]Hafenstreik gegen Inflation: Angriff durch Polizei und Gerichte Der palästinensische Hafenarbeiter Mohammed Alattar appellierte vor einigen Monaten an seine Kolleg:innen im Hamburger Hafen und rief zur Solidarität mit GAZA auf. [5]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/appell-eines-palaestinensischen-hafenarbeiters-an-seine-kollegen-im-hamburger-hafen-aber-auch-an-uns-alle/ Am 1.Mai dieses Jahres forderte das Hafenkomitee in Hamburg die Wiedereinstellung des stellvertretenden Vorsitzenden der schwedischen Hafenarbeitergewerkschaft Erik Helgeson, der wegen Waffenboykott gegen Israel gefeuert worden war (siehe Titelbild).

Das Hafenarbeiterkomitee mobilisiert nun in dem folgenden Aufruf, dass man sich in der diesjährigen Tarifrunde politisch nicht eingarnen lassen darf. Die jahrelange Sparerei auf dem Rücken der Beschäftigten muss ein Ende haben! Erfolg stellt sich nur bei kompromisslosem Kampf ohne Einbindung in die imperialen Interessen des Kapitals und seiner Vertreter ein. Dazu gehört gerade auch die internationale Solidrität! Und jede Form von Verzicht ist kontraproduktiv.

Aufruf des Komitee von Hafenarbeitern

Wofür soll ver.di kämpfen? Bei der letzten Hafenkonferenz in Undeloh stand Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich ganz oben auf der Liste. Eine richtige Forderung. Aber Fakt ist auch: Der Wind bläst gerade aus der anderen Richtung. Wir sollen mehr arbeiten und den Gürtel enger schnallen. Im Kampf für unsere Interessen stoßen wir auf den Widerstand nicht nur der Hafenbosse, sondern auch der Regierung. Sie will, dass wir die Kosten für das 5-Prozent-Ziel der NATO und ihren immer aggressiveren Kriegskurs tragen. Aber die ver.di Führung steht hinter der NATO und der Regierung. Daher stellt sie sich gegen einen entschlossenen Kampf, der den Bossen wirklich wehtut, den Hafen lahmlegt und den Kurs der Regierung torpediert.


In der letzten Tarifrunde hat sich das besonders krass gezeigt: Die ver.di-Führung hat dem SPD-Senat geholfen, den MSC-Deal gegen den Willen der Hafenarbeiter durchzudrücken! Genau dagegen haben wir das Komitee von Hafenarbeitern für eine kämpferische ver.di gegründet – mit der Forderung, die Tarifrunde mit dem Kampf gegen den MSC-Deal zu verbinden und einen hafenweiten Streik durchzuführen. Wir haben versprochen, dass wir nicht lockerlassen.

Die ver.di-Führung will die Tarifrunde auch dieses Mal auf eine reine Lohnforderung reduzieren und der Regierung den Rücken freihalten – mit dem Ergebnis, dass wir am Ende wieder einen mickrigen Abschluss bekommen, der schon am nächsten Tag von der Inflation wieder aufgefressen wird. Um wirklich etwas in der Tarifrunde zu erreichen, darf ver.di nicht länger die Kriegs- und Regierungspolitik unterstützen, sondern muss sich gegen sie stellen.

Wir Hafenarbeiter können konkret etwas gegen die Machenschaften unserer Regierung tun – zum Beispiel gegen ihre Unterstützung für Israel. Wir dürfen nicht zulassen, dass Israel, der Handlanger der USA und Deutschlands, mit der Vernichtung von Palästina und dem Feldzug gegen Iran durchkommt. Ansonsten werden weitere Angriffe folgen, gegen andere Länder und gegen uns Arbeiter. Kollegen in Göteborg, Genua, Piräus und anderen Häfen haben es vorgemacht und Waffenlieferungen an Israel gestoppt. In Marseille weigerten sich die CGT-Hafenarbeiter, einen Container mit Maschinengewehren für Israel zu verladen. Wir unterstützen unseren palästinensischen Kollegen Mo, der von ver.di konkrete Aktionen dieser Art verlangt. Doch die ver.di-Führung klebt an der Staatsräson für Israel.


Damit lässt sie nicht nur Mo hängen, sondern uns alle. Es geht hier nicht um eine moralische Frage, sondern um die Interessen von uns Arbeitern. Am Beispiel der Ukraine ist das vielleicht greifbarer: Für die NATO-Sanktionen gegen Russland und die Waffenlieferungen an die Ukraine bezahlen wir den Preis mit Inflation, Deindustrialisierung und Aufrüstung. Mit der Aggression gegen andere Länder geht auch Unterdrückung hierzulande einher: Wer sich gegen den antirussischen Kriegskurs stellt und russisches Gas und Öl wieder reinlassen will, wird als Rechter oder „Putinfreund“ gebrandmarkt. Und genauso werden Muslime, Palästinenser und Palästina-Aktivisten, die sich gegen den Völkermord stellen, als „Antisemiten“ verleumdet, entlassen und mit Entzug der Staatsbürgerschaft bedroht. Jeder Widerstand gegen die herrschende Linie soll gebrochen werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch streikende Arbeiter dran sind.

Schluss damit! Nutzen wir unsere Macht, nicht als einzelne, sondern gemeinsam unter Schutz und Führung unserer Gewerkschaft: ver.di muss die Waffenlieferungen an Israel und die Ukraine stoppen!

Auch in Friedenszeiten hat die ver.di-Führung die arbeiterfeindliche Regierungspolitik unterstützt. Sie hat die ganzen Verschlechterungen im Hafen mitgetragen: Lohndrückerei, Auslagerungen, ein Flickenteppich von Tarifverträgen. Das hat uns Hafenarbeiter weiter gespalten und die Kampfkraft unserer Gewerkschaft geschwächt. Die BTK will das Problem bei den Verhandlungen zum Rahmentarifvertrag angehen, getrennt von der Lohnrunde, und hat „Änderungsbedarf“ formuliert. Unser Änderungsbedarf ist klar: Das ganze System von Spaltungen und Ungleichheiten muss vom Tisch! Ein Hafen, ein Kampf, ein Tarifvertrag! Und ver.di muss diese Frage mit der Lohnrunde verbinden. ver.di muss nicht nur in Worten, sondern in Taten die Interessen aller Hafenarbeiter vertreten und diese für unseren gemeinsamen Kampf mobilisieren! Es muss handfeste Verbesserungen und kräftige Lohnerhöhungen für uns alle geben.

Ein paar Forderungen von Kollegen, die wir gut finden: Massive Lohnerhöhung für die gefährliche und harte Arbeit der Lascher! Höhere Eingruppierung der Handwerker und Lascher! Streichung der untersten drei Lohngruppen! In vielen Gesprächen kommt Unzufriedenheit mit Vorgesetzten und dem Nasenfaktor bei den Einteilungen zum Ausdruck.
Ausländische und muslimische Kollegen arbeiten oft zu schlechteren Bedingungen. Aus unserer Sicht gibt es eine faire Lösung für alle: gewerkschaftliche Kontrolle über Einstellungen und Einteilung der Arbeit! Momentan brummt es noch in Hamburg, es wird eingestellt. Aber schon bald haut die Krise richtig rein, dann ist Schluss damit. Dann stehen die Älteren wieder allein mit der Arbeit da – und die Jugend hat keine Perspektive. Schluss mit Befristung! Unbefristete Einstellung für alle!

Der nächste Schritt: eine hafenweite ver.di-Versammlung!

Jetzt geht es darum, all das durchzusetzen. Eine Idee in Undeloh war die Einberufung einer hafenweiten ver.di-Versammlung, die demokratisch die Forderungen für die Tarifrunde festlegen soll. Richtig! Wir hören schon die Standard-Ausrede der ver.di-Führung: „Zu den Versammlungen kommt doch eh keiner!“ „Die Arbeiter sind selbst schuld, weil sie nichts machen!“ Damit will sie verhindern, dass eine Versammlung einberufen wird, auf der wir Hafenarbeiter den weiteren Kurs unserer Gewerkschaft bestimmen. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Versammlung stattfindet und es kein Weiter-So gibt! Notruf 040, Fachbereich Maritime Wirtschaft: Eure Forderungen in Undeloh fanden wir richtig. Wo sind sie geblieben? Wir wissen, dass viele von euch nicht die Politik der obersten ver.di-Führung teilen. Also lasst uns gemeinsam für einen Kurswechsel von ver.di kämpfen!

Komitee von Hafenarbeitern Für eine kämpferische ver.di, +49 170 88 62 306 HafenKomitee@proton.me

Titelfoto: Komitee von Hafenarbeitern Hamburg

Migrantische Arbeitnehmerin fordert von Wolt gerechte Lohnzahlung

Der Fall Sharma vs. Wolt ist die Spitze eines Eisbergs von systematischer schamloser Ausbeutung von migrantischen Arbeiter:innen! Empört Euch!

Kommt zur Solidaritätskundgebung „Pay the workers,Wolt!“

hier die Presserklärung zu dem Fall und den Hintergründen

Überblick:

Wolt Enterprises ist ein finnisches Unternehmen, das für seine Plattform zur Lieferung von Lebensmitteln bekannt ist. Über die Wolt-App können Kund*innen Essen bei Restaurants bestellen und es sich von Zusteller*innen 2021, als Wolt mit DoorDash fusionierte, wurde das Unternehmen mit 8,1 Mrd. USD bewertet.

Im November 2022 wurde Sharma, eine Studentin in Berlin, als Essenslieferantin für Wolt eingestellt. Zwischen November 2022 und Januar 2023 arbeitete sie für das Unternehmen und lieferte bei eisigen Temperaturen Bestellungen auf dem Fahrrad aus. Sie holte Bestellungen von Restaurants ab und lieferte sie gemäß den Anweisungen, die sie über die App von Wolt erhielt, an die Kund*innen aus. Wenn sie auf Hindernisse stieß, erhielt sie Erklärungen von der Mitarbeiter-Support-Funktion der App.

Sharma wurde für diese Arbeit nie bezahlt. Nun hat sie sich an das Berliner Arbeitsgericht gewandt, um ihr Recht einzuklagen. 

Das Gericht sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass Wolt die Verantwortung und das Geschäftsrisiko formell an “Subunternehmer” oder “Gemeinschaftsbetriebe” wie bei Flughafenbetrieben auslagert (siehe BAG 9 AZR 337/21). Auf diese Weise werden sogar die wenigen Schutzvorschriften für Beschäftigte in der Arbeitnehmerüberlassung umgangen. Wolt minimiert so das rechtliche Risiko, Verantwortung für die Kurier*innen übernehmen zu müssen. Gleichzeitig schränkt Wolt als Auftraggeber die unternehmerische Freiheit ihrer “Partner” stark ein und übernimmt wesentliche Rechte dieser Scheinunternehmen.

Hintergrund

Auch wenn nur auf dem Papier steht, welche Rechte Lieferfahrer*innen haben, spielt das Arbeitsverhältnis, in dem der Lieferfahrer, die Lieferfahrerin beschäftigt ist, eine entscheidende Rolle. Ein Arbeitsverhältnis ermöglicht Arbeitnehmer*innen den Zugang zu allen anderen Arbeitsrechten. Wolt und Uber Eats stellen sogenannte Flottenpartner ein, die dann Lieferkurier*innen beschäftigen und verwalten. Auf diese Weise umgehen die beiden Unternehmen alle arbeits- und sozialrechtlichen Verpflichtungen gegenüber den Arbeitnehmer*innen und dem Staat. Ob es also um Löhne und Arbeitszeiten oder um den Kündigungsschutz geht, es kommt darauf an, bei wem und wie man beschäftigt ist. 

In Berlin ist es heute gängige Praxis, dass die Arbeiter*innen, die bei Wolt und Uber Eats Essen ausliefern, keinen garantierten Grundlohn erhalten, sondern für jede Bestellung bezahlt werden. Es gibt mehrere Arbeiter*innen, die über 8 Stunden am Tag und mindestens sechs Tage die Woche arbeiten, nur um auf einen sogenannten Verdienst von 2.200 Euro zu kommen. Diesen Betrag erhalten sie nicht vollständig. Die Vermittler behalten einige Beträge ein, bevor sie die Arbeiter*innen auszahlen, oft bis zu 50 Prozent dieses Verdienstes. Dabei handelt es sich angeblich um eine Gebühr, die sie für die Zahlung von Sozialversicherungsbeiträgen und für die Erteilung eines Arbeitsvertrags erheben, um die gesamte Tätigkeit zu „legitimieren“. Darin ist der einmalige Betrag von 500 Euro nicht enthalten, den die Arbeitnehmer*innen an die Vermittler zahlen müssen, nur um in das System aufgenommen zu werden, damit sie Zugang zur Arbeit erhalten.

Der Kündigungsschutz schützt nicht die Mitarbeiter*innen, die bei Wolt und Uber Eats Essen ausliefern. Die IDs der Arbeiter*innen werden einfach gesperrt. Es gibt keine Kündigung, die Mitarbeiter*innen können einfach nicht mehr auf die App zugreifen. Es gibt keinen Betriebsrat, der diese Arbeitnehmer*innen vertreten oder sie im Falle einer Kündigung auch nur beraten könnte. Es gibt weitere Schwierigkeiten, ihre Kündigungen vor Gericht anzufechten. Viele von ihnen haben keine Kopien ihrer Verträge. Sie wissen nicht, wie der Name ihres Arbeitgebers lautet.

Kürzlich hat die EU-Richtlinie über Plattformarbeit Millionen von Arbeitnehmer*innen, die im Rahmen solcher Arbeitsverhältnisse um ihre Anerkennung kämpfen, Hoffnung gegeben. Sie führte eine „Beschäftigungsvermutung“ ein, um den Status von Arbeitnehmer*innen auf digitalen Plattformen zu bestimmen. Diese Vermutung bedeutet, dass, wenn eine digitale Arbeitsplattform wie Wolt „Leitung und Kontrolle“ über einen Arbeitnehmer ausübt, das Vertragsverhältnis des Arbeitnehmers mit der Plattform rechtlich gesehen ein Arbeitsverhältnis ist. Damit wird die Beweislast auf die Plattform verlagert, die nachweisen muss, dass der Arbeitnehmer kein Arbeitnehmer ist. Die Vermutung wird aktiviert, wenn Tatsachen vorliegen, die darauf hindeuten, dass ein Plattformarbeiter der Kontrolle und Weisung der Plattform unterworfen ist.

Sachverhaltsdarstellung

Im Januar 2021 waren Lieferando und Wolt die einzigen App-basierten Essenslieferdienste, die in Berlin tätig waren. Wolt, ein Unternehmen mit Hauptsitz in Finnland, war erst vor kurzem auf den Markt gekommen. Singh, ein indischer Staatsbürger mit einem Studentenvisum, bewarb sich, nachdem er eine Stellenanzeige in den sozialen Medien gesehen hatte, um einen Job bei Wolt und erhielt einen Arbeitsvertrag. „Am 5. Januar ging ich zum Hauptsitz am Ostbahnhof“, sagte er. Dort erhielt er die Ausrüstung des Unternehmens, darunter eine Tasche mit Isoliermaterial, eine Jacke, eine Regenhose, Schuhe und einen Helm. Außerdem erhielt er eine Online-Schulung zur Nutzung der App, mit der er Bestellungen von Restaurants abholt und an die Kund*innen ausliefert. Kurz darauf kam auch seine Freundin Sharma, eine weitere indische Staatsbürgerin mit einem Studentenvisum, als Mitarbeiterin zu Wolt.

Sie konnten sich bei der App anmelden, die für die Zusteller*innen von Wolt bestimmt war. In der App hatten sie einen Profilbereich, in dem ihre Namen und ihre Kontaktdaten angezeigt wurden. Sie konnten dienstags und mittwochs um 10 Uhr Schichten für das folgende Wochenende und die Wochentage nach dem Wochenende übernehmen. Als Studierende dürfen sie nur 20 Stunden pro Woche arbeiten. Das System von Wolt erkannte diese Grenze und erlaubte ihnen nur die Übernahme von Schichten innerhalb von 20 Stunden. In dieser Zeit wurden sie mit 4,70 Euro pro Auftrag einschließlich der so genannten Abhol- und Lieferkosten bezahlt. Darüber hinaus erhielten sie Trinkgelder, die zum Teil auch online gesammelt wurden. Für die Auslieferung von mehr als 150 Aufträgen in einem Monat erhielten sie eine Prämie von 150 Euro. „Wir rannten nur um Aufträge“, sagt Singh. „Wir standen in Konkurrenz zueinander. Wenn wir innerhalb von 5 bis 10 Minuten keine Bestellungen erhielten, schrieben wir an den Kundendienst, dass wir trotz der Lage in einem Hotspot-Gebiet keine Bestellungen erhielten. Der Kundendienst antwortete, dass die Bestellungen auf dem Weg seien. Gebiete mit einer hohen Dichte an Restaurants wie der Prenzlauer Berg, die Warschauerstraße und die Gegend um das Kottbusser Tor wurden auf der digitalen Karte als „Hotspots“ gekennzeichnet.

Im Juli und August 2021 verlängerte Wolt ihre Verträge. Seltsamerweise unterschieden sich ihre neuen Verträge in der Vergütung. Bei Singh blieb das Grundgehalt im Wesentlichen gleich. Allerdings gab es keine Boni mehr. Für Sharma wurde sogar das Grundgehalt stark gekürzt. Ihre Gesamtvergütung für jede Lieferung betrug 3,80 EUR. Als sie die Zentrale des Unternehmens aufsuchte, um zu verstehen, warum sie anders behandelt wurde, erhielt sie keine zufriedenstellende Antwort. „Es hatte keinen Zweck. Ich habe einfach alles verdrängt und bin wieder zur Arbeit gegangen“. Um das gleiche Geld wie zuvor zu verdienen, mussten beide nun ein höheres Auftragsvolumen liefern, Sharma jedoch mehr als Singh. Nach Ende des Jahres mussten beide eine weitere Lohnkürzung hinnehmen. Dies geschah, nachdem Uber Eats, eine Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Unternehmens Uber, Ende 2021 in den Berliner Markt eingetreten war und neue Geschäftspraktiken eingeführt hatte. „Die Leute wurden in bar bezahlt“, sagt Singh. singh und Sharma trafen Lieferarbeiter*innen von Uber Eats, die ihnen erzählten, dass sie nicht in bar bezahlt wurden. „Wenn du 100 Euro verdienst, bekommst du nur 80 Euro. 20 Euro werden von den Partnern abgezogen.“ Bei diesen so genannten Partnern handelte es sich offenbar um Vermittler, die Lieferarbeiter*innen für Uber Eats rekrutierten und verwalteten. Die Vermittler rekrutierten und verwalteten die Mitarbeiter*innen, die das Essen von den Restaurants abholten und an die Kund*innen auslieferten, entsprechend den Bestellungen, die sie über die Uber Eats-App erhielten. Diese Vermittler wurden unter dem Begriff „Flottenpartner“ bekannt. Im Februar 2022 wurde deutlich, dass Wolt viele dieser Geschäftspraktiken übernommen hatte. Singh und Sharma erlebten dies als eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen.

„Wir stellten fest, dass wir Aufträge aus einer Entfernung von 8 oder 10 Kilometern erhielten. Auch die Zahl der Bestellungen ging erheblich zurück. Von durchschnittlich sechs Aufträgen pro Stunde sank sie auf nur noch einen oder zwei. Damit würde ihr Verdienst den Mindeststundenlohn von 10,40 Euro pro Stunde nicht überschreiten, während sie früher durchschnittlich 20 Euro verdienten. Damit sank ihr Monatsverdienst von etwa 1.400 Euro auf etwa 900 Euro. Sie trafen auch Beschäftigte, die für Wolt Lebensmittel auslieferten, aber zu so genannten Flotten gehörten und deutlich mehr Aufträge bekamen als sie selbst. „Der Burgermeister in Prenzlauer Berg hatte früher sehr viele Aufträge“, erinnert sich Singh. Wir mussten jedes Mal 15 Minuten warten, weil sie sich erst um die physischen Bestellungen und dann um die Wolt-Bestellungen kümmern mussten. Jetzt hatten die Mitarbeiter*innen der Flottenauslieferung Vorrang. Fuhrparkmitarbeiter*innen, die nach mir eintrafen, sprachen mit den Burgermeister-Mitarbeiter*innen und erhielten ihre Bestellungen. Die Auslieferungsmitarbeiter*innen von Wolt bekamen Vorrang. Manchmal kamen dieselben Mitarbeiter*innen für eine weitere Bestellung zurück, und ich stand immer noch da und wartete. Das hat mich sehr belastet. Ich hatte mehrere Auseinandersetzungen mit dem Restaurantpersonal.“

Singh und Sharma begannen zu beobachten, wie sich ihre Arbeitsbedingungen von denen der sogenannten Flottenarbeiter*innen unterschieden. „Der Unterschied bestand darin, dass sie in bar bezahlt wurden, während wir auf unseren Konten bezahlt wurden. Unsere Steuern wurden gesenkt, ihre Steuern nicht. Sie bekamen ihre Aufträge aus der Nähe, aber unsere waren sehr weit weg. Wenn man auf unserer App auf unser Profil klickt, sind unsere Daten, unser Name, unsere E-Mail-ID und unsere Kontaktnummer sichtbar. Auf ihrer App gab es nur die Nummer des Fuhrparkleiters.“ Im Gegensatz zu ihren Apps würden die Flottenmitarbeiter*innen keine detaillierte Aufschlüsselung ihrer Einkünfte erhalten. Zu diesem Zeitpunkt konnten sie zumindest noch Schichten auswählen und den Mindeststundenlohn für diese Stunden verdienen. Bald jedoch konnten sie nicht einmal mehr Schichten übernehmen. „Wo wir früher 20 Stunden pro Woche bekamen, waren es jetzt nur noch 12 Stunden. Wenn wir nicht einmal Schichten bekamen, wie sollten wir dann Aufträge bekommen?“, sagt Sharma. Außerdem hatten sie nicht mehr die Möglichkeit, Schichten zu wählen, z. B. Wochenendschichten, die sie mit ihren Verpflichtungen an der Universität vereinbaren konnten. Im März 2022 ging Sharma zum Hauptsitz des Unternehmens und verlangte eine Erklärung. „Unser Verdienst war bereits auf 800 bis 900 Euro gesunken, und jetzt, da es keine Schichten mehr gibt, ist er weiter auf 400 bis 500 Euro pro Monat gesunken.“ Dort riet Akash, ein Mitarbeiter von Wolt, ihr, eine Nummer anzurufen, um mehr Schichten zu bekommen. „Er sagte mir, dass mein Vorgesetzter wechseln würde und sonst nichts, dass das Unternehmen das gleiche bleiben würde. Du wirst offene Stunden bekommen.“ Statt um 10 Uhr würde sie die Schichten um 9 Uhr abholen können. Bei der Nummer handelte es sich um die eines Mannes namens Ali Imran, der Inhaber eines Unternehmens namens Mobile World war. Damals fühlte sich Sharma durch die Art und Weise, wie Wolt sie behandelt hatte, betrog

en und rief die Nummer nicht an. Stattdessen kündigte sie ihren Job bei Wolt und nahm einen Minijob bei einem anderen Unternehmen an. Als sie jedoch im Oktober mehr Geld brauchte, als sie mit ihrem Minijob verdiente, rief sie die Nummer an, die Akash ihr gegeben hatte.

Den Anweisungen folgend, kam sie bei Mobile World in der Karl-Marx-Straße 153 an. Es handelte sich um ein Geschäft, das Handys, Zubehör und Mobilfunkanschlüsse verkaufte. Dort traf sie mehrere andere Personen, die mit ihren Papieren gekommen waren, um als Zusteller*innen zu arbeiten. Auch Ali Imran, der Inhaber des Unternehmens, war da. „Er sagte, er sei Fuhrparkleiter und stelle die Leute ein.“ Er erklärte ihr, dass die Arbeit genauso ablaufen würde, wie sie es zuvor bei Wolt erlebt hatte. Masood, ein Mitarbeiter von Mobile World, nahm ihre Unterlagen entgegen und sagte, dass sie in ein paar Tagen ein Konto bei Wolt haben würde. „Drei Tage später war meine ID aktiviert.“ Es war dieselbe App, die sie zuvor zum Abholen und Liefern von Bestellungen verwendet hatte. Anders als zuvor erschien ihr Name nicht in ihrem Profil auf der App. Außerdem konnte sie bisher nur Schichten bis zu 20 Stunden annehmen, da dies die Obergrenze für die Zeit war, die sie als Studentin arbeiten durfte. Als ein paar Tage vergingen und sie noch keine Schichten ausgewählt hatte, rief Ali sie an. „Er fragte mich, warum ich keine Schichten wähle. Er sagte, wenn ich keine Schichten auswähle, würden sie das Konto schließen.“ Sie wählte daraufhin Schichten aus und begann am 15. Oktober 2022 zu arbeiten. Ali hatte ihr auch erklärt, dass sie am zehnten Tag des Folgemonats bezahlt werden würde. Das Geld für ihre Arbeit im Oktober würde am 10. November in bar ausgezahlt werden. Dies sollte eine Ausnahme sein. Ab dem Folgemonat würde alles auf ihr Konto überwiesen, und sie erhielte auch eine Lohnabrechnung. Außerdem würde sie in eine WhatsApp-Gruppe mit mehr als 100 Mitgliedern aufgenommen, in der die Arbeitnehmer*innen Informationen austauschten, die für die ordnungsgemäße Ausführung der Arbeit wichtig waren, z. B. Informationen zur Schichtplanung.

Als er sah, dass Sharma Schichten erhielt, kündigte auch Singh bei Wolt und ging zu Mobile World. „Ich ging auch dorthin, füllte die Formulare aus und schickte die Unterlagen.“ Mitte November nahm er die Arbeit auf. Als er nicht in der Lage war, Schichten auszuwählen, die ihm passten, schickte Masood ihm sogar eine Audionachricht, in der er wissen wollte, welche Schichten am besten in seinen Zeitplan passten. „Ich habe die Wochenenden bevorzugt, weil dann das Arbeitsaufkommen hoch und der Verdienst gut ist. Also habe ich ihm diese Zeiten genannt, und er hat mir dann diese Schichten zugeteilt, ohne dass ich etwas auswählen musste.“ Ein weiteres Merkmal der Arbeit war der Missbrauch, mit dem Masood die Arbeitskraft von Singh ausnutzte. „Er benutzte die Art von Sprache, die ich nicht wiederholen möchte.“ Wenn Singh etwas nicht rechtzeitig abholen konnte, weil er ein gesundheitliches Problem hatte oder sich an der Universität verspätete, akzeptierte Masood es nicht. „Er hat mich auf Punjabi beschimpft. Einmal, glaube ich, kam ich zu spät von der Universität und er fing einfach an, mich zu beschimpfen. Ich sagte ihm, dass es keinen Grund gäbe, diese Art von Sprache zu benutzen. Ich könnte in den Laden kommen und wir könnten in Ruhe darüber reden. Und er sagte, nein, so wäre es, entweder du arbeitest oder du arbeitest nicht. Ich erklärte ihm, dass ich gerade die Universität verlassen hätte und in 5 Minuten da sein würde. Die Art, wie er sprach, war sehr schlecht. Ich hatte das Gefühl, dass er mich wie einen Diener behandelte. Es ging ihm nur darum, die Arbeit zu erledigen, und es war ihm egal, ob ich dabei sterben würde. Da es sich um das letzte Semester seines Studiums handelte, das er nicht durch einen Verzug bei der Zahlung der Gebühren gefährden wollte, arbeitete er weiter.

Bis zum 15. November hatte Sharma keine Bezahlung für die im Oktober geleistete Arbeit erhalten. Masood beruhigte sie, indem er sagte, dies sei Teil der anfänglichen Schwierigkeiten mit Wolt. Bis zum 15. Dezember waren weder Singh noch Sharma für ihre Arbeit bezahlt worden. „Sie schickten eine Nachricht an unsere Gruppe, in der es hieß, dass sich der Novemberlohn verzögern würde, weil der Besitzer nach Pakistan gereist sei.“ Kurz darauf schrieben die Arbeiter*innen der Gruppe eine SMS, in der sie mitteilten, dass ihre Gehälter nicht gekommen seien und die Mieten fällig seien und auch wir schrieben, dass unsere Mieten fällig seien. Dies führte zu einer Änderung der Gruppeneinstellungen. Jetzt konnte nur noch der Administrator Nachrichten verschicken. Am 22. Dezember besuchten viele Arbeiter*innen den Laden, um Antworten zu verlangen. Masood antwortete nur, dass Ali Imran nicht im Lande sei und er ihnen nicht helfen könne. Er erklärte Singh und Sharma, dass das Geld von Wolt gekommen sei, dass aber Imrans Unterschrift erforderlich sei, damit das Geld auf die Konten aller überwiesen werden könne. In einigen Fällen sagte Masood den Arbeiter*innen auch, dass er die Polizei rufen würde, wenn sie den Laden nicht verlassen würden. Als sie das Büro von Wolt aufsuchten, um sich diese Geschichte bestätigen zu lassen, erfuhren sie, dass diese Angelegenheit nichts mit ihnen zu tun hatte und dass sie die Gehälter aller Mitarbeiter*innen freigegeben hatten.

Am 15. Januar 2023 hatte Sharma mehr als 3.200 Euro und Singh etwa 1.800 Euro an ausstehenden Löhnen. An diesem Tag gab es eine Nachricht von Imran in der WhatsApp-Gruppe. Darin forderte er alle auf, die Arbeit einzustellen, da Wolt ihn nicht bezahlt habe und er nicht für die Bezahlung der nach dem 15. Januar geleisteten Arbeit verantwortlich sei. Sie beschlossen, eine neue Gruppe auf WhatsApp zu gründen, der nur die Arbeiter*innen angehören sollten und in der sie sich darüber austauschen konnten, wie sie das ihnen geschuldete Geld zurückerhalten könnten. Nicht lange danach erhielt sie einen Anruf von Ali Imran. In einer zunächst sehr beleidigenden Sprache teilte er ihr mit, dass er wisse, dass sie versuche, die Arbeiter*innen zu organisieren, und dass sie ihr Bestes versuchen könne, aber nicht in der Lage sei, das ihr geschuldete Geld zurückzubekommen.

Quelle: Labornet TV, Dokument

Arbeiten die Deutschen zu viel?

Man kann die Frage über die Arbeitsbelastung genau anders herumstellen als Friedrich Merz, und damit vom Kopf auf die Füsse stellen. (Peter Vlatten)

Von Suitbert Cechura, 28.Mai 2025 , gewerkschaftsforum.de

Diese Frage stellt sich hierzulande natürlich niemand, obgleich die Produktivität der Arbeit ständig steigt und die Krankheitsstatistiken der Krankenkassen die negativen Gesundheitsfolgen der Arbeit dokumentieren. Stattdessen sind die Medien voll von Äußerungen von Industriellen, Politikern und Journalisten, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Was ist da eigentlich der Maßstab, an dem das zu viel oder zu wenig gemessen wird?

Die Produktivität der Arbeit steigt ständig

Diese Tatsache wird eigentlich von niemandem bestritten. Das heißt ja nichts anderes, dass für die Herstellung der verschiedenen Güter immer weniger Zeit aufgewandt werden muss. Um die Menschheit mit dem notwendigen zum Leben oder auch Annehmlichkeiten zu versorgen, braucht es also immer weniger Arbeit. Warum also die Forderung nach Mehrarbeit? Auch das ist kein Geheimnis: Es geht eben nicht um die Versorgung der Menschen mit einem Dach über den Kopf, Essen, Kleidung, Kultur und Urlaub, sondern alles ist Mittel des Geschäfts, Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen. Und für diesen Zweck gibt es nie ein Genug, sondern dieser Zweck ist maßlos und daher kann es nie genug lohnende Arbeit geben. Deshalb gibt es auch die Forderung nach ständigem Wachstum.

Vom Standpunkt der Versorgung könnte es auch reichen, wenn alle Menschen ausreichend versorgt und vergnügt sind, dass nicht die Wirtschaft, sondern die Freizeit wachsen könnte. Nicht so im Kapitalismus. Technische Neuerungen dienen daher auch nicht der Entlastung derer, die arbeiten, sondern sind ein Mittel in der Konkurrenz um Marktanteile, in der die Billigkeit der Produkte Konkurrenzvorteile verschafft. Billigkeit heißt eben auch, dass die Kosten für die Arbeitskräfte ebenfalls billig zu sein haben. Viel Arbeit für wenig Geld ist daher die ständig gültige Devise.

Das Wachstum der Wirtschaft in Deutschland stockt

Ein Zustand, der Wirtschaftsbossen, Politikern, Medien und Gewerkschaftern keine Ruhe lässt. Wirtschaftsbosse haben ein unmittelbares Interesse an der Vermehrung ihres Reichtums. Die Politik ist davon abhängig, dass in dem von ihr regierten Land möglichst viel Wachstum stattfindet, an dem sie sich durch Steuern bedienen kann. Und das umso dringlicher, da sich Deutschland auf einen Krieg vorbereitet, der jetzt schon viel kostet. Die Medien begleiten die Politik kritisch, ob ihr Handeln auch vom Erfolg für Deutschland gekrönt ist. Arbeitnehmer sind vom Gang des Geschäfts abhängig, das gilt Gewerkschaftern nicht als Übel, sondern sie haben es zum Anlass genommen, sich mehr um das Wohl von Unternehmen als um das ihrer Mitglieder kümmern.

Wenn nun alle Parteien ein Mehr an Arbeit von denen fordern, die arbeiten müssen und nicht von der Arbeit anderer leben, dann kann einem dies auch zu denken geben. Schließlich verzichten viele Großunternehmen gerade auf die Beschäftigung einer erheblichen Zahl ihrer Mitarbeiter. Entlassungen im großen Stil bei VW, Thyssen-Krupp, Siemens, ZF, Schäffler, Bosch, Ford usw. füllen die Titelseiten von Zeitungen. Mit der Forderung nach Mehrarbeit ist offensichtlich etwas anderes gemeint, als dass deutschen Unternehmen die Beschäftigten ausgehen würden. Gedacht ist bei dieser Forderung wohl an etwas anderes: Mehr Arbeit fürs gleiche oder weniger Geld. Das soll die Arbeit lohnender machen und die Gewinne für die Unternehmen wieder sprudeln lassen. Und dies Anliegen stößt in der deutschen Öffentlichkeit auf weitgehende Zustimmung und keinerlei Kritik.

Die nationale Einigkeit

Angestoßen wurde die Debatte im letzten Jahr von Wirtschaftsvertretern wie dem Telekom-Chef Tim Höttges . Die Politiker ließen sich nicht zweimal bitten mit vorne dran der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Und so fand die Forderung denn auch Eingang in den Koalitionsvertrag. Und auch die Gewerkschaft Verdi wollte sich dieser Forderung nicht verschließen und hat im Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes einer Verlängerung der Arbeitszeit zugestimmt.

Als nun der neue Kanzler vor wenigen Tagen dies als seine Forderung bekräftigte, gab es auch gleich eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dieser Forderung Objektivität verleihen sollte.  Die Medien griffen diese Studien sofort begierig auf (Spiegel, Bild am Sonntag 18.5.2025, rtl-aktuell 18.5.2025). Bloß Zahlen sprechen nicht für sich, wie sie erhoben und in welches Verhältnis sie gesetzt werden spricht jedoch Bände: „Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat mit Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit  und Entwicklung  (OECD) berechnet, wie viele Stunden in den einzelnen Ländern je Einwohner im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre) gearbeitet wurde.“ (BamS) Wenn die Stunden aller Menschen einer bestimmten Altersgruppe unterschiedslos zusammengezählt werden, dann heißt dies, dass diese Alterspopulation für eines da ist, ob Männlein, Weiblein, Jugendlicher oder Alter: zum Arbeiten zum Wohle der Nation. Erstellt wurde eine Rangliste, geordnet nach der Stundenzahl  in den einzelnen Ländern, in der Deutschland auf einem der letzten Plätzen rangiert.

Als Erfolgsmeldung für die Deutschen gilt dies allerdings nicht, wenn sie  weniger arbeiten müssen und mehr Freizeit haben. Schließlich ist der Erfolg Deutschlands nicht der Erfolg der Deutschen in Sachen Freizeit. Die Rangliste soll für die Konkurrenzsituation der einzelnen Länder stehen in Sachen Gewinn ihrer Unternehmen.  Und weil die Studie erstellt wurde, um den Anspruch auf Mehrarbeit zu untermauern, ist es auch völlig unerheblich, was die betreffenden Arbeitnehmer in den einzelnen Stunden leisten. Da werden Äpfel und Birnen zusammengezählt. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ein Auto von Hand zusammengeschweißt wird oder durch einen Roboter. Im ersten Fall braucht es eine ganze Mannschaft, diese wird ihren Lohn los und überflüssig, wenn es reicht, dass ein Mensch die Roboter beaufsichtigt. Eine teure Investition, die sich durch die Lohneinsparungen schnell lohnt.

An der Bestimmung des Personenkreises, deren Arbeitsstunden wie auch immer berechnet wurden, fällt auf, dass es für die Untersuchung unerheblich scheint, wie lange Kinder oder Jugendliche sich in der Ausbildung befinden. Schließlich lernen sie ja, statt zu arbeiten, wozu sie offenbar da sind. Jede nicht geleistete Arbeitsstunde ist in dieser Rechnungsweise ein Minus.

Ein Ergebnis stößt allerdings auf, dass die Deutschen in den letzten Jahren nicht weniger gearbeitet haben. So antwortet der IW-Arbeitsmarktexperte  Holger Schäfer auf die Frage von Bild am Sonntag „Haben wir früher mehr gearbeitet?“: „Im Vergleich zu den 1970er Jahren arbeiten wir weniger, aber seit der Wiedervereinigung arbeiten wir tendenziell immer etwas mehr.“ (BamS) Das hindert allerdings einen Kanzleramtsminister Thorsten Frei in einem Artikel gleich neben der Darstellung der Studie nicht daran, das glatte Gegenteil zu behaupten: „Ungeachtet der Tatsache, dass es bei uns viele Menschen gibt, die sehr leistungsstark sind und sich reinhängen, ist die Pro-Kopf-Arbeitszeit der Deutschen in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach unten gegangen.“ (BamS) So frei gehen Politiker eben mit der Wahrheit um und ihre Behauptungen werden zu Fakten. Wenn Studien nicht in allen Belangen das hergeben, was die Politik gerne hätte, dann ist die Politik so frei, sich die Fakten selber zu erfinden, und die Medien sind so frei, jedes Geschwätz von Politikern als Fakten zu verbreiten.

Die Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) sieht sich denn auch gleich gefordert, ihrem Kollegen beizuspringen und zu überlegen, wie Mütter schneller wieder in Arbeit gebracht werden können (SZ 19.5.2025) – zwar haben diese Mütter reichlich zu tun, aber Arbeit ist nicht gleich Arbeit, es geht eben immer um lohnende Arbeit für andere.

Der Autor:

Suitbert Cechura ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Er arbeitete lange im Bereich der beruflichen Eingliederung junger Menschen mit Behinderung. Er hat mehrere Bücher geschrieben. Sein letztes Buch heißt „Unsere Gesellschaft macht krank – Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit“ und ist 2018 im Tectum Verlag erschienen.

Der Beitrag erschien auf https://overton-magazin.de/
und wird mit freundlicher Genehmigung des Autors und gewerkschaftsforum.de hier abgedruckt.

Titelbild: Bild: © Peggy_Marco @ pixabay.com / Bearbeitung L.N.

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