Satyajeet Malik: Der digitale Raubzug

Digitaler Kolonialismus

Von PETER NOWAK

Titelbild: Buchcover

In Indien hat am Ende des Corona-Jahres 2020 der grösste Streik der Weltgeschichte stattgefunden. Doch in Deutschland wurde der Ausstand von über 250 Millionen indischen Arbeiter*innen kaum wahrgenommen.

In Indien hat am Ende des Corona-Jahres 2020 der grösste Streik der Weltgeschichte stattgefunden. Doch in Deutschland wurde der Ausstand von über 250 Millionen indischen Arbeiter*innen kaum wahrgenommen.

Dabei war dieser Streik der Höhepunkt eines monatelangen Kampfzyklus indischer Bäuer*innen gegen ein Gesetzesvorhaben der rechtskonservativen, extrem wirtschaftsnahen indischen Regierung, das die Agrargesetze im Interesse des Grosskapitals verändern sollte.

„Mehr als 500 Bauernverbände aus dem ganzen Land bildeten eine koordinierte Front. Die Protestierenden sahen sich dabei schlimmsten Verleumdungen ausgesetzt, in deren Verlauf sie als Terroristen oder gar Agenten Pakistans und Chinas gebrandmarkt wurden“ (S. 25), schreibt Satyajeet Malik gleich im ersten Kapitel seines kürzlich im Verlag Quadriga erschienenen Buches „Der digitale Raubzug. Wie Grosskonzerne und Supermächte den Kolonialismus fortsetzen und global ausbeuten“.

Der Jurist und Journalist, der in Lüneburg Staatswissenschaften studiert hat, liefert auf 288 Seiten ein engagiertes Plädoyer, die eurozentrische Brille abzulegen, die auch dazu führt, dass die Massenkämpfe und Streiks in Indien vor sechs Jahren auch bei Linken hierzulande kaum zur Kenntnis genommen wurden. So wurde kaum wahrgenommen, dass Berichte über die Proteste zumindest zeitweise von den digitalen Plattformen zensiert wurden.

„Eine der deutlichsten Interventionen war jedoch die Löschung der Facebook-Seite Kisan Ekta Morcha (Einheitsfront der Bauern) – eine Facebook-Seite, die speziell eingerichtet worden war, um Falschinformationen über die Proteste entgegenzuwirken“ (S. 26), schreibt Malik. Diese digitalen Zensurmassnahmen führten wiederum zu neuen Protesten in Indien, was bewirkte, dass die Seite wieder zugänglich gemacht wurde.

Dass man davon hierzulande auch in linken Kreisen wenig hört, ist nicht verwunderlich. Selbst ein besonders spektakulärer Protest indischer Bäuer*innen in Deutschland vor 27 Jahren ist fast völlig aus dem Gedächtnis verschwunden und wird kaum noch erwähnt. Im Sommer 1999 reiste eine Delegation indischer Bäuer*innen im Rahmen der Internationalen Karawane für Solidarität und Widerstand nach Köln. Ihr Ziel war es, auf dem dort stattfindenden G8-Wirtschaftsgipfel gegen die kapitalistische Globalisierung zu protestieren.

Die Organisationen der Bäuer*innen sammelten das Geld für die Weltreise in ihren Dörfern. Im Rahmen ihrer Delegationsreise schilderten sie sehr anschaulich, welche Folgen diese kapitalistische Globalisierung für das Leben in den indischen Dörfern hat. Sie berichteten über die wachsende Verschuldung und die vielen Selbstmorde unter den Bäuer*innen aus Verzweiflung darüber, dass sie nicht einmal mehr die Zinsen für ihre Kredite aufbringen können.

Daran knüpft Malik mit seiner engagierten Streitschrift an. Nur hat sich die Situation in den letzten 25 Jahren noch weiter zugespitzt. Malik richtet sein Augenmerk auf den digitalen Zugriff der Menschen. „Ein Mechanismus ist dabei die Ausweitung digitaler Kredit- und Finanzangebote, die breite Bevölkerungsschichten in Verschuldungsverhältnisse gegenüber dem westlichen Kapitalismus treiben“ (S.25).

Dazu braucht es nur Smartphones, die auch für einkommensarme Menschen erschwinglich und die mit günstigen Datenpaketen ausgestattet sind. Die Verarmung grosser Teile der Bevölkerung führt dann dazu, dass die Menschen die digitalen Angebote wahrnehmen und Waren auf Kredit kaufen. Doch damit sitzen sie schnell in einer Schuldenfalle, die für viele in Verzweiflung endet, bis hin zu Selbstmorden. Dabei betont Malik, dass es sich bei den Profiteuren um Konzerne handelt, die ihren Sitz in den USA oder in europäischen Ländern haben, die früher Kolonialmächte waren. Hier sieht Malik die Fortsetzung des Kolonialismus auf digitaler Grundlage.

„Diese Verschuldung fungiert dabei als moderne Peitsche, die Tausende von Kilometern entfernt geschwungen wird und die Menschen in Tausenden Kilometern Entfernung dazu bringt, sich den Bedingungen der modernen Kapitalherren zu beugen“ (S. 257) Hier zieht Malik eine Verbindung zum Kolonialismus. Zuvor hat er verschiedene Schriften von Theoretiker*innen des Kolonialismus von Walter Rodney über Mike Davis bis Kwame Nkrumah ausgewertet.

„Im Knotenpunkt des Weltverkehrs – Herzfelde, Heartfield, Grosz und der Malik-Verlag 1916-1947“ ist der Titel eines Buches von Ulrich Faure, das 1992 im Aufbau-Verlag erschienen ist.

Dabei ordnet er den Kolonialismus mit zahlreichen Verweisen auf Karl Marx in die Geschichte des Kapitalismus ein. Sein Urteil über die britische Herrschaft über Indien fällt eindeutig aus: „Sie begann mit einer Hungersnot in Bengalen, die den Tod von zehn Millionen Menschen forderte, und endete mit einer Hungersnot, der drei bis dreieinhalb Millionen Menschen zum Opfer fielen“ (S. 95), lautet seine Beschreibung, die gut in das von Robert Kurz herausgegebene „Schwarzbuch Kapitalismus“ passen würde.

Malik zeigt am Beispiel von Indien und Kenia zwei verschiedene Formen von Kolonialismus und Neokolonialismus. Während er Indien als Eroberungskolonie klassifiziert, bezeichnet er Kenia als Agrarkolonie weisser Siedler. Nach dem Ende des Kolonialismus entwickelte sich nach Malik in Indien ein relativ selbständiger Staat auf kapitalistischer Grundlage, während Kenia im neokolonialen Status verharrte.

Der Autor hat mit seinem Buch die Perspektive des kapitalistischen Angriffs der Tech-Konzerne erweitert. Das zeigt sich daran, dass die in dem Buch verhandelten Aspekte auch bei der linken „Cables of Resistance“-Konferenz, die im April in Berlin stattfand (Rabe Ralf Juni/Juli 2026, S. 20), nur am Rande vorkamen. Dabei hat Malik schon 2022 eine Artikelserie zum digitalen Kolonialismus bei Netzpolitik.org veröffentlicht. Lobend zu erwähnen ist, dass es Malik gelingt, seine Kritik allgemein verständlich abzufassen, ohne inhaltlich zu verflachen.

Man könnte Malik entgegenhalten, dass er mit der Konzentration auf den Kolonialismus den Kapitalismus in Indien vielleicht etwas vernachlässigt. Er kritisiert eindeutig die gegenwärtige indische Rechtsregierung, aber wirft ihr immer auch vor, sich dem Kolonialismus angedient zu haben. Malik beschreibt, dass es in den 1950er und 1960er Jahren mehr Rechte für die Bäuer*innen und die Arbeiterklasse auch in Indien gab. Aber das waren Errungenschaften, die eine starke Bewegung von Arbeiter*innen und Bäuer*innen dem einheimischen Kapitalismus durch Kämpfe abtrotzen konnte.

Auch die anfangs beschriebenen Massenstreiks und Kämpfe Ende 2020 haben die geplanten Verschlechterungen der Lebenssituation grosser Teile der Bevölkerung zumindest verzögert.

Diskussionen dürfte auch das Kapitel auslösen, in dem Malik China von dem Vorwurf freispricht, eine neue Kolonialmacht zu sein. Hier wirft er vor allem weissen Intellektuellen vor, mit einem paternalistischen Blick auf das Verhältnis Afrika–China zu blicken. Es wäre interessant zu untersuchen, ob ein staatskapitalistisches System wie in China nicht automatisch auch koloniale Praktiken hervorruft. Das sind aber Themen für eine andere Diskussion. Das Buch lädt dazu ein.

Satyajeet Malik: Der digitale Raubzug. Wie Grosskonzerne und Supermächte den Kolonialismus fortsetzen und global ausbeuten. Quadriga, Berlin 2026. 288 Seiten ca. 29.00 SFr. ISBN: 978386951454.

Erstveröffentlicht im Untergrund Blättle v. 20.10. 2026
Der digitale Raubzug

Wir danken für das Publikationsrecht.

Hemmungslose Polizeigewalt gegen Gen Z und unsere Jugend – ein Livebericht

Vorweg. Nicht wenige Indizien weisen darauf hin, dass Provokateure in die an sich friedlichen Proteste eingeschmuggelt werden. Ihr Auftritt kommt wie bestellt. Passiert nichts, dann wird irgendein harmloses Ereignis für polizeiliche Übergriffe zum Vorwand genommen, um gezielt weiter zu eskalieren. Aus Frankreich gibt es etliche unabhängige Zeugenberichte und Videos, die zeigen, dass Rechte Randalierer nicht nur unter Schutz der Polizei agieren, sondern Vermummte Beamte selber diese Randale aktiv durchführen. Zum Beispiel Fensterscheiben von Geschäften einschlagen. Laut dem folgenden Bericht von Markus Vogt gab es am letzten Samstag in Köln auch echte Randale, aber nur vereinzelt, von völlig Unbekannten und ganz weit weg vom Demonstrationsgeschehen. Trotzdem wird es zur Rechtfertigung maßlosen Polizeiverhaltens herangezogen und versucht man es den Gen Z Demonstrant:innen in die Schuhe zu schieben. Es ist schäbige deutsche Tradition: einen Reichstagsbrand legen und auf die Linken als Täter zeigen. (Peter Vlatten)

Die GenZ hat protestiert.

Markus Vogt, 1.November [1]https://www.facebook.com/share/p/1KZXtc6edG/

  1. Völlig zu Recht, man stiehlt ihre Zukunft.
  2. Friedlich, obwohl ich jedes Verständnis dafür hätte, wenn man eskalieren hätte wollen. Hat man aber gar nicht.

Es hat vereinzelt Gruppen gegeben, die randaliert haben. Das war nicht die GenZ. Das waren auch keine mir bekannten Linken. Fakt ist, wir wissen nicht, wer das war. Fakt ist auch, die kamen wie bestellt, um die Proteste zu diskreditieren und der Polizei Vorwände für autoritäres, hartes Vorgehen zu geben. Auffällig ist auch, dass das überall dort passiert ist, wo die #noCDU den Innenminister stellt. Frankfurt, Köln, Stuttgart.

Über Köln kann ich recht genau sagen, wie das gelaufen ist. Mein Kind war mittendrin im Kessel.
Da haben sich am Konrad-Adenauer-Ufer etwa 10.000 junge Menschen versammelt, um zu protestieren. Um ein verfassungsmäßiges Grundrecht auszuüben. Friedlich. Niemand da hat Gewalt angewendet, niemand hat randaliert.
WAS da passiert ist: Ein paar Leute haben Pyros gezündet. Der Untergang des Abendlandes. Da sollte die Polizei an gleicher Stelle mal kommen, wenn da die Kölner Lichter laufen.
Daraufhin hat die Polizei die Demo aufgelöst und Wasserwerfer eingesetzt. Bei 5 Grad Aussentemperatur. Wenn das „verhältismäßig“ sein soll, ist das ein sehr krudes Verständnis von Verhältnismäßigkeit. Da wo ich herkomme, nennt man das mit Kanonen auf Spatzen schießen. Das war ganz sicher nicht „das mildeste mögliche Mittel“. Und es hat zur Eskalation beigetragen, denn dann und erst dann, flogen hier und da ein paar Steine und Flaschen. Kann ich sogar verstehen.
Was danach passierte, setzt dem Ganzen allerdings nochmal die Krone auf. So ab 16.30h kesselte die Polizei 4 Gruppen zu je 200-300 Leuten ein. In drei von diesen 4 Gruppen war nicht zu erkennen, dass die sich an Pyros beteiligt hätten oder sonst irgendwie mit Gewalt aufgefallen wären. Darunter auch mein Kind, das als Ordner nur dort war, um zu helfen. Beim Einkesseln wurde auch Gewalt seitens der Polizei angewendet. Meinem Kind wurde mitten ins Gesicht geschlagen mit den hingeschrieenen Worten „wir sind hier nicht in Paris Du Zecke!“. In diesem Kessel war man dann für 9!!! Stunden. Man hat fast 1000 junge Menschen festgesetzt, die zum allergrößten Teil nichts, aber auch gar nichts getan haben. Neun Stunden lang, teils durchnässt vom Wasserwerfer bei 5 Grad Aussentemperatur. Dann hat man nach und nach in einem atemberaubenden Schneckentempo von ALLEN eingekesselten die Personalien festgestellt, stadtweite Platzverweise ausgesprochen, wahlweise noch völlig haltlose Anzeigen wegen Landfriedensbruch gestellt oder auch weiter in Gewahrsam genommen und in die Gefangenensammelstelle überführt. Ja, man hat irgendwann Dixies aufgestellt (nach vielen Stunden) und ein wenig Wasser verteilt.
Das ändert aber nichts daran, dass man hier für 9h aktiv eine unverhältnismäßige und deshalb ungerechtfertigte Freiheitsberaubung in Verbindung mit multiplen Körperverletzungen im Amt begangen hat und später noch diverse Repressalien aus der Polizeilichen Maßnahmenkiste obendrauf setzte, wohlwissend, dass auch diese eigentlich keine Rechtfertigungsgrundlage hatten.

Der ganze Einsatz -vom Vorfeld der martialischen Äußerungen seitens konservativer Politik und Polizeivertretern- bis hin zur Durchführung am Tag selbst hat nur eine einzige deutliche Botschaft:
EURE PROTESTE SIND NICHT ERWÜNSCHT. WENN IHR HERKOMMT, MACHEN WIR EUCH PLATT, ALSO BLEIBT LIEBER DIREKT WEG !
Man hat alles versucht, um einzuschüchtern und die Anzahl der Protestierenden bereits im Vorfeld zu minimieren, indem man massive Drohkulissen aufgebaut hat. Und dann hat man den Teilnehmern gezeigt, dass man auf ihre Rechte scheisst und das sie mit massiven körperlichen und juristischen Repressalien zu rechnen haben, wenn sie ihr Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit gegen diese Regierung und ihren korrupten und Zukunftsfeindlichen Kurs ausüben wollen.
Die diversen Innenminister als Teil der Regierung sind hier nicht die neutrale staatliche Stelle, sie sind die Gegenpartei in diesem Streit, das Objekt der Proteste und sie mißbrauchen ihre verflochtene Presse und den Polizeiapparat, um diese Proteste zu diskriminieren, zu delegitimieren zu behindern und möglichst auch zu verhindern.

Und ja, es gab sogar Randale und kleinere Vorfälle von in Brand setzen von irgendwas und sogar ein oder zwei zerdepperte Geschäfte. Aber nicht am Konrad-Adenauer-Ufer, wo die Demo und die Kessel waren. Nein, das war irgendwo in der Schildergasse, der Hohe Straße, der Domplatte oder auf dem Ring. Und WER das war, wissen wir nicht. Wir kennen die nicht, zu uns gehören die nicht. Und auch nicht zu einem „extremistischen Kern“ der GenZ-Bewegung. Den gibt es meines Wissens nämlich gar nicht. Ganz ehrlich, verglichen mit den Linken meiner Generation ist der harte Kern der GenZ-Bewegung ungefähr so militant wie Tante Frieda beim Kaffeekränzchen. Und wenn das Zünden von Pyros ein Grund sein soll, eine Demo aufzulösen, Wasserwerfer und stundenlange Polizeikessel zu rechtfertigen, dann würde ich vorschlagen, ihr schaut mal am Wochenende in beliebigen deutschen Fussballstadien vorbei. Dann müsste man analog jedes mal das Spiel abbrechen, alle Zuschauer 9h lang einkesseln, ein weig draufknüppeln mit dem Wasserwerfer mal kurz i die Mitte reinhalten, erkennungsdienstlich behandeln und ihnen ein Stadionverbot aussprechen, egal, ob sie im Ultrablock standen oder nur nen Familienausflug zum Fussball wollten.

Nachtrag: Man hat nicht einige, sondern ALLE im Kessel eine Anzeige wegen Landfriedensbruch mit auf den Nachhauseweg gegeben. Juristisch völlig haltlos, das grenzt nicht, das überschreitet eigentlich die Grenze zur Rechtsbeugung. Was die Krawalle angeht, die außerhalb der eigentlichen Demo liefen, verdichten sich die Hinweise auf Trittbrett-Fahrer. Meist Jugendliche, die glaubten, man könne mal voll die Sau rauslasse, wenn vorher eh schon jede Zeitung darüber geschrieben hat, dass da gewaltbereite Chaoten anreisen würden und die dachten, da kommts jetzt nicht drauf an, wenn wir mitmachen. War wohl ne Self-Fullfilling-Prophecy… Grüße gehen raus an Reul, Dobrindt und die Skandal-Presse. Die GenZ hats nicht geregelt. Ihr anscheinend schon irgendwie…

Kölner Polizei ist berüchtigt für Übergriffe, zuletzt bei den Antikriegsprotesten gegen Rheinmetall

Wir danken Markus Vogt für seinen detaillierten Bericht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

»Ende der Gegenwarts-Ära«

Eine Welle der Sozialproteste rollt durch Europa. In Frankreich gehen Staatsmacht und rechtsextreme Schläger gemeinsam gegen die Demonstrierenden vor

Raul Zelik (zuerst erschienen in: nd.DieWoche , wir danken für das Publikationsrecht)

Es scheint, als drehe sich der Wind. Nach dem globalen Rechtsruck ist plötzlich wieder von sozialen Forderungen und Kämpfen die Rede. Mitte September begann in der Peripherie von Paris ein Protest von Jugendlichen gegen die Unterfinanzierung ihrer Schulen und zu hohe Rüstungsausgaben. Innerhalb weniger Tage wei­tete sich der Protest zu einem landesweiten Schüleraufstand aus. An 1000 Schulen und Dutzenden Universitäten gab es Proteste und Blockaden.

Fast gleichzeitig entstand in der spanischen Hauptstadt Ma­drid nach der Zwangsräumung der Wohnung einer 87-Jäh­ri­gen eine Protestbewegung gegen un­be­zahl­bare Mieten und die Ge­winne der Immobilienfonds. Auch hier brei­tete sich die Bewegung schnell im Land aus. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass die spanische Regierung ein Gesetz zum Mieterschutz ins Parlament ein­brachte und – nach einer Ab­stim­mungs­nie­der­lage – Neuwahlen ausrief.

Seither geht es Schlag auf Schlag: In Frankreich schließen sich Gelbwesten, Gewerkschafter*innen, Ökogruppen und Mi­grant*in­nen, die von der Armut im Durchschnitt stärker betroffen sind, den Schüler*innen an. Nachahmung findet das Beispiel in Bel­gien und in Ita­lien, wo es wegen der hohen Lebenshaltungskosten zu den schlimmsten Krawallen seit Jahren kam. Aus Al­ba­nien wird ebenfalls von Unruhen gegen die Privilegien der Reichen berichtet: Die seit Monaten andauernden Pro­teste gegen die Privatisierung eines Naturschutzgebietes zugunsten der Trump-Fami­lie schlugen in Unruhen um. In Ser­bien hat eine Protestbewegung die Regierung Vučić gestürzt, in Portugal wurden wegen unbezahlbarer Mieten Plätze besetzt.

Im November stehen General­streiks in Frankreich, Spanien und Italien bevor.

Auch die Gewerkschaften machen mitt­ler­weile mobil: Für den 30. Oktober organisieren Hafenarbeiter*innen in 17 Ländern Blockaden gegen Waffenlieferungen nach Israel und anderswo. Am 5. November folgt ein Generalstreik in Frankreich, am 11. einer in Spa­nien, am 20. ein dritter in Ita­lien. Und für den 23. November rufen die belgischen Gewerkschaften zu einem landesweiten Protesttag auf.

Wann hat es in Europa zuletzt eine ver­gleich­bare Welle gegeben? Und wann hat sich die ex­treme Rechte, die gern von sich behauptet, »Systemopposition« zu sein, das letzte Mal selbst so entlarvt? Überall steht sie verlässlich an der Seite der Mächtigen: der Ar­beit­ge­ber­ver­bände, Immobilienfonds und Polizeiführungen. In Spa­nien haben Rechts­ex­treme Mie­ter­pro­teste angegriffen und für mehr Nachsicht mit den Immobilienkonzernen geworben. In Frankreich haben sie Schlägertrupps gebildet, die – wie Videos zeigen – mit Rückendeckung der Polizei Pro­tes­tie­rende angriffen. Die ex­treme Rechte und das Bürgertum, sie proben den Schulterschluss.

»Gloire à la révolte« – »Ruhm der Revolte« heißt es hingegen aus der französischen Ökobewegung Soulèvements de la Terre. Recht hat sie. Denn zum ersten Mal seit Langem richtet sich die Ag­gres­sion nicht mehr gegen Ob­dach­lose, Schwarze, trans Personen oder Mi­grant*in­nen, sondern gegen die sozialen Verhältnisse. Und genau deshalb wird über die Gewalt auch so viel gesprochen. Selbstverständlich nicht über die Gewalt der Polizei, die in Frankreich einem 16-Jäh­ri­gen das Auge und einem 15-Jäh­ri­gen die Hand weg­schoss und einem 14-Jäh­ri­gen den Kiefer zer­trüm­merte. Oder von der Gewalt des Rassismus: In der Ortschaft Trappes, am westlichen Rand von Paris, schoss ein Rechter auf eine Gruppe Nichtweißer, ver­letzte fünf Personen und er­mor­dete einen schwarzen Franzosen.

Die Sozialproteste gehen trotz dieser An­griffe und trotz der Verhängung von Ausgangssperren weiter. Am Freitag wollen die Gelbwesten auf die Straße, um »die Regierung zittern« zu lassen. Manche sprechen davon, »das Ende der Ge­gen­warts-Ära« stehe bevor. An der Zeit dafür wäre es: Nach Jahrzehnten, in denen es keine Al­ter­na­tive zur Austeritätspolitik gab, ist plötzlich wieder von Zukunft die Rede. Schon allein deswegen kann man über die Protestierenden gar nicht gut genug reden.


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Titelbild: Overton-Magazin

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