„Die Rechnung zahlen wir“ – Rezension des neuen Buches von Ulrike Eifler

Rezension eines empfehlenswerten Buches. Zu betonen wäre noch: Die geforderte notwendige Änderung der Gewerkschaftspolitik muss von unten durchgesetzt werden. Von untereinander vernetzten kämpferischen Gewerkschafter:innen an der Basis. In der betrieblichen und politischen Praxis ! (Peter Vlatten)

11.September 2026, German Foreign Policy

Ulrike Eifler beschreibt die Folgen der „Zeitenwende“ für die Gewerkschaftsbewegung – und erläutert, weshalb gerade gewerkschaftlicher Widerstand gegen Militarisierung und Krieg unverzichtbar ist.

Die „Zeitenwende“, die Bundeskanzler Olaf Scholz Ende Februar 2022 ausgerufen hat, hat viele Folgen. Zunächst bringt sie eine beispiellose Hochrüstung der Bundeswehr mit sich und erhöht die Kriegsgefahr dramatisch; „auf Russland gerichtete Erstschlagwaffen“ etwa, die in der Bundesrepublik stationiert werden sollen – Tomahawk-Marschflugkörper zum Beispiel –, bergen „ein erhebliches Eskalationsrisiko“, hält Ulrike Eifler in ihrem jüngsten Buch über, nein: gegen Deutschlands gegenwärtige Militarisierung fest. Die „Zeitenwende“ hat zudem gravierende Konsequenzen für den ohnehin schon im Abbau befindlichen Sozialstaat. „In den Krankenhäusern und in der Altenpflege fehlen jeweils über 100.000 Pflegekräfte“, zitiert Eifler den Chefökonom der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Dierk Hirschel; und nicht nur das: „In der frühkindlichen Erziehung und Betreuung werden schon bald 190.000 Fachkräfte benötigt“. Bezahlen können wird man sie nicht, wenn verfügbare und gepumpte Mittel in vollem Umfang in die Hochrüstung fließen. Und last but not least: Die „Zeitenwende“ hat vor allem auch weitreichende Konsequenzen für die Arbeitswelt und gravierende Folgen für die bundesdeutschen Gewerkschaften.

Die umfassende Militarisierung der Bundesrepublik, hält Eifler fest, „muss bereits jetzt als umfassender Angriff auf die Interessen der Arbeiterklasse bewertet werden.“ Nicht nur, dass militaristisches Denken „im Alltag verankert“ werden soll: In Bayern schreibt ein Gesetz den Schulen vor, „Soldaten in den Unterricht einzuladen“; „kommunale Busunternehmen bekleben ihre Fahrzeuge mit Bundeswehrwerbung“, und anderes mehr – wer kennt das nicht aus eigenen Beobachtungen. Die „Zeitenwende“, fährt Eifler fort, bedeutet – noch weit darüber hinausgehend – „eine vollständige militaristische Durchdringung der Gesellschaft“, und das heißt: „Sozialstaat, Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Arbeitswelt werden sicherheitspolitischen Interessen untergeordnet.“ Das ist nicht abstrakt, sondern sehr konkret. In der Arbeitswelt steht ab sofort „eine ungestörte Kriegsproduktion“ im Zentrum; das aber, so warnt Eifler, „ist unvereinbar mit den Arbeitsschutzgesetzen und Mitbestimmungsrechten, wie sie die Gewerkschaften in den letzten hundert Jahren durchgefochten haben“. Damit ist die „Zeitenwende“ also auch eine Generalattacke auf die Gewerkschaften.

Die Gewerkschaften, daran lässt Eifler keinen Zweifel, müssen sich also wehren. Nur: In Deutschland hat die SPD, wenn sie Teil der Bundesregierung war, historisch „immer wieder als Scharnier für die Integration der Gewerkschaften in den Regierungskurs“ fungiert. Das ist auch heute so. Eifler beobachtet einmal mehr „den Versuch“ der Partei, „die Organisationen der Arbeiterbewegung in den Regierungskurs einzubinden und den Protest gegen die Regierungsvorhaben zu kanalisieren“. Dies zeigte sich etwa auf dem DGB-Bundeskongress im Mai 2026 in Berlin, als es in einem Initiativantrag hieß, Aufrüstung und Sozialstaat sollten gleichzeitig möglich sein – eine in die Irre führende Forderung: Die aktuelle Militarisierung lässt keinerlei Raum für Soziales mehr. Es kommt hinzu, dass auch die derzeitigen Umbrüche in der Industrie „disziplinierend“ wirken: Sie gehen „mit großen Unsicherheiten für die Belegschaften einher“; die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust und die Hoffnung, im Falle der umgekehrten Konversion ziviler Fabriken in Waffenschmieden wenigstens in Lohn und Brot bleiben zu können, tun das Ihre, um den Widerstand gegen die Hochrüstung zu schwächen.

Dabei steht außergewöhnlich viel auf dem Spiel. Nicht nur „die Sicherung des Sozialstaats, der Ausbau der öffentlichen Infrastruktur“ – auch „der Erhalt der Mitbestimmung, die Gestaltung der betrieblichen Transformation“: „All das wird ohne Entspannungspolitik nicht gelingen“, warnt Eifler. Angesichts der sich ungebremst zuspitzenden globalen Spannungen „ist Frieden kein ‘Orchideenthema‘“ mehr, „über das man nur am Antikriegstag spricht“, sondern vielmehr „die Voraussetzung dafür, dass die Gewerkschaften erfolgreich die Arbeits- und Lebensbedingungen gestalten können“. Zu den bevorstehenden Umwälzungen, die „für Hunderttausende Familien soziale Härten unbekannten Ausmaßes nach sich ziehen“ werden, „können sich die Gewerkschaften nicht verhalten“. Eifler zitiert Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, der auf dem DGB-Bundeskongress im Mai 2026 sagte: „Wenn die Menschen wegen Personalabbau und Sozialangriffen wütend werden, dürfen wir ihnen diese Wut nicht ausreden. Aus rechter Wut linken Mut zu machen, das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.“

Eifler stimmt zu. „Die Härte der sozialen Angriffe demonstriert das offenkundige Ende einer Sozialpartnerschaft, die es nie gab, die aber die Bourgeoisie immer wieder einforderte“, stellt sie im Schlusskapitel ihres wichtigen Buches fest. „Die politische Linke“ stehe nun „vor der Aufgabe, die Gewerkschaften dabei zu unterstützen, sich den Einbindungsversuchen der Bundesregierung zu widersetzen und zu Organisatoren einer breiten Protestbewegung gegen Austerität und Krieg zu werden“. Die Zeit dränge. Dabei gelte es immer wieder auch darauf hinzuweisen, dass es „zum Rückfall in die Barbarei eine Alternative“ gibt: „die inspirierende Idee einer Gesellschaft, in der wir alle frei und gleich miteinander leben können“. Das sei „eine Gesellschaft, in der Klassenwidersprüche behoben, die Gefahr eines Klimakollapses gebannt und die Kriegsgefahr beseitigt“ sei: „Eine Idee von einer Gesellschaft, die uns als Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung immer stark gemacht hat.“

Der Beitrag erschien am 11.September 2026 bei German Foreign Policy. Wir danken für das Publikationsrecht.

Ulrike Eifler: Die Rechnung zahlen wir. Aufrüstung, Sozialabbau und die Aufgaben der Gewerkschaften. Das Neue Berlin. Berlin, 2026. 144 Seiten. 14,00 Euro.

Wir empfehlen auch das aktuelle Interview von GFP mit Ulrike Eifler: „Einen Krieg in Europa werden wir nicht überleben“

Friede den Privilegierten?

Europa muss den eigenen Bedeutungsverlust anerkennen.

Von Tsafrir Cohen, medico interntional, 9.9.2026

Es herrscht Krieg in Europa. Seit bald fünf Jahren stehen wir mit unseren Partner:innen der vom Krieg geplagten Bevölkerung in der Ukraine zur Seite. Seit bald fünf Jahren ringen wir bei medico darum, uns der sich ausbreitenden Logik des Krieges zu widersetzen. Vergebens. Denn dem deutschen Diskurs der Gegenwart fehlt – wie der jüngst verstorbene Jürgen Habermas entsetzt feststellen musste – jedes „Moment des Erschreckens vor den Folgen eines jeden Kriegs“. Stattdessen erleben wir die schleichende Normalisierung des Ausnahmezustands. Krieg wird nicht mehr als das absolut letzte, verzweifelte Mittel der Politik verstanden, sondern als valides Instrument der Geopolitik. Ob in der Ukraine, im Iran oder in Venezuela: Militärische Gewalt wird zur legitimen Währung im internationalen System, das internationale Recht wird ungeniert unterwandert.

Es ist eine dystopische Zeitenwende. Der Krieg der Gegenwart erscheint auch deshalb führbar, weil die algorithmische Präzision von Killerdrohnen und künstlicher Intelligenz suggeriert, dass er ein zunehmend automatisiertes Geschehen ist. Diese neue Dimension des Kriegs schafft eine maximale Anonymisierung und eine historisch beispiellose Distanz zwischen militärischen Entscheider:innen und ihren Gegner:innen – und der Zivilbevölkerung. Die Folgen lassen sich in Gaza beobachten: eine technisierte Kriegsführung, die das Leiden der Menschen in die Abstraktion einer virtuellen Realität verbannt und genau dadurch den massenhaften Tod von Zivilist:innen ermöglicht. 

In der Ukraine ist es ganz anders und doch gleich, denn überall ist der Krieg für die Betroffenen mitnichten ein unpersönliches Computerspiel. Das Grauen findet seinen Ausdruck in den Hunderttausenden, die an der Front ums Leben kommen; in ihren trauernden Angehörigen; in den Millionen Geflüchteten und Binnenvertriebenen, deren Dasein bei sinkender internationaler Solidarität immer prekärer wird; in dem verzweifelten Versuch junger Männer, sich dem Krieg zu entziehen.

Ein deutscher Offenbarungseid

Der russische Überfall auf die Ukraine hat in Deutschland eine Kriegslogik in Gang gesetzt, die sich längst von ihrem Ursprung – der Solidarität mit den Angegriffenen – entfernt hat. Aufrüstung dient zur Modernisierung einer ins globale Hintertreffen geratenen deutschen Industrie und ist Legitimationsbeschafferin einer politischen Klasse, der zu den globalen Herausforderungen der Klimakatastrophe und der wachsenden sozialen Ungleichheit nichts mehr einfällt. Warfare statt Welfare. Krieg statt Wohlfahrt. Von Abrüstung und Diplomatie keine Spur. 

Wie Schlafwandelnde schlittern wir immer weiter in eine Aufrüstungsspirale, deren Folgen irreparabel sein können. Abwägende Stimmen sucht man in dieser neuen bellizistischen Welt vergebens. Wer nicht mitmacht, und sei es der ehemalige Fraktionsvorsitzende der regierenden SPD, Rolf Mützenich, wird ignoriert oder marginalisiert.

Auch für die EU ist der Ukraine-Krieg zum Paradigma geworden, mit dem man den politischen Umbau legitimiert. Nicht mehr ein wohlfahrtsstaatliches, sondern ein hochgerüstetes Europa steht auf dem Plan der Eliten. Dabei geht es nicht mehr nur um die russische Gefahr, sondern um ein Europa, das in der regellosen Wolfswelt mit neuer militärischer Stärke bestehen soll. In Milo Raus Theaterstück „Antigone im Amazonas“ mahnt der indigene Philosoph Ailton Krenak: „Es hängen Zeichen über unseren Köpfen“. Er liest sie als Zeichen des Untergangs. Er bezweifelt, dass die Europäer:innen mit ihrem Bedeutungsverlust, dem Untergang eines Selbstverständnisses der Überlegenheit umgehen können. Seine Zweifel sind berechtigt. Wie oft haben wir auf diesem Kontinent, von dem die Kolonisierung, der industrielle Massenmord und zwei Weltkriege ausgingen, geglaubt, dass wir aus diesen Verbrechen geläutert hervorgehen und etwas gelernt hätten?

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein Europa, das keine Alternative zur Militarisierung sieht, verspielt neben dem Frieden auch die Demokratie und die Errungenschaften der letzten 80 Jahre, die in mühsamen Kämpfen, in heftigen Debatten und schwierigen Verständigungsprozessen erarbeitet wurden. Die Angst vor den russischen Kriegsdrohungen bis hin zum Atombombeneinsatz ist nachvollziehbar. Aber geht es hier wirklich nur um die Angst vor einem militärischen Angriff aus Moskau? Oder auch um eine Überlegenheitsfantasie, die mit dem antirussischen Feindbild legitimiert wird? Der russische Revanchismus treffe auf einen „ziemlich orientierungslosen“ Westen, der sich über seinen „relativen Abstieg“ keine Rechenschaft ablege und „regressiv an einem überholten politischen Selbstverständnis“ festhalte, sagte Habermas zwei Jahre vor seinem Tod.

Heute verstehen wir zwar, dass die Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, zu Ende geht. Aber glauben wir nicht trotzdem an die Möglichkeit ihrer Wiederherstellung? An eine Vorstellung eines sehr europäischen Friedens, eines Friedens derer, die das Recht auf Ausbeutung des Rests der Welt besitzen? Ist es nicht dieser Frieden, den man auch regelbasierte Ordnung unter westlicher Hegemonie nennen kann, den wir zurückhaben wollen – wenn nötig mit kriegerischen Mitteln? Aber das ist kein Frieden für alle. Es ist ein Frieden der Privilegierten gegen den Rest der Welt. Um das zu begründen, bemühen wir große Worte und viel Moral. Im Kern: Wir müssen gewinnen, weil wir die Guten und die anderen die Bösen sind.

Handeln aus dem Abseits

Bisher gelingt es nicht, aus dieser Logik auszutreten. Zu sehr hat man der Öffentlichkeit weisgemacht, dass entweder der Sieg über Putin oder aber der russische Angriff auf die NATO unmittelbar bevorsteht. Und dass nur ein Sieg den Frieden bringt. Ukrainische Kampfdrohnen in Moskau führen zu Drohnen auf dem Leipziger Flughafen – und umgekehrt? Die nächste Eskalationsstufe ist gezündet. Es ist erstaunlich, dass es trotz der europäischen Geschichte keine Idee davon gibt, wie schnell das alles in etwas Unkontrollierbares umschlagen kann.

Eine Abkehr von der Kriegslogik beginnt damit, dass wir verstehen, dass sie nicht alternativlos ist und dass wir uns von der realexistierenden Machtlosigkeit nicht beugen lassen müssen. Statt uns ohnmächtig abzuwenden, sollten wir genau hinschauen. Radikale Zeugenschaft ist durchaus mit Risiken behaftet, erst recht wenn sie auch politisch handelt. Die beiden zu Tode gekommenen Demonstrant:innen in Minneapolis, die einen Einsatz der paramilitärischen ICE-Truppen gegen Migrant:innen aufzuhalten versuchten, sind ein Beispiel. Die älteren Demonstrant:innen von Palestine Action, die reihenweise in britischen Gefängnissen landen, ein anderes. Ihre Blockaden und Sachbeschädigung an für Israel bestimmten Waffen sind aus Sicht des Staates Terrorismus. 

Von den Menschen in der Ukraine und in Russland, die sich dem Krieg auf vielfältige Weise entziehen, lässt sich ebenso lernen. Wer die Videos verfolgt, wie Passant:innen in der Ukraine junge Männer vor der Zwangsrekrutierung schützen, kann verstehen, wie der Widerstand einzelner zum Moment einer gemeinsamen Verweigerung werden kann.

Dabei herrscht jenseits des politischen Berlins auch hierzulande kaum Kriegsbegeisterung. Die Bundesregierung hat neulich die Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung zur Verschlusssache erklärt. Die Einsicht der jungen Generation in die Abscheulichkeiten des Krieges, die ihren Ausdruck auch in den bundesweiten Schüler:innenstreiks gegen die Wehrpflicht findet, soll nicht andere anstecken. Zum Glück haben sich die bundesrepublikanischen Lebenswelten viel enger mit der Welt verknüpft als noch vor einigen Jahrzehnten. Millionen Freundschaften, familiäre und Liebesbeziehungen kennen keine nationalen oder ethnischen Grenzen: Viele Deutsche – ob mit oder ohne Migrationsgeschichte – sind in der Welt zu Hause und wollen kein Leben ohne diese Welt.

Frieden lässt sich heute nur internationalistisch denken. Er umfasst das gleiche Recht auf ein Leben in Frieden für alle Bewohner:innen dieser Erde. Dafür müssen wir hierzulande unsere Überlegenheitsfantasien verlernen. Eine jedwede Friedensordnung beginnt bei denen, die am verletzlichsten sind: bei den Menschen in den Kriegs- und Ausgrenzungszonen, bei der geschundenen Natur. Die Alternative zu dieser neuen, vielleicht utopisch scheinenden Ordnung ist der Krieg, der sich in jeden Winkel des Planeten ausbreitet. Alternativlos ist also nur der Frieden.

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