Fast zu 100 % identisch

-AusdemQuerkopf-Archiv-

Menschen unterscheiden sich genetisch kaum voneinander

Titelbild: freepic

In Zeiten, wo die Gesellschaft auseinander driftet, feiert manche Un(Denk)art Wiedererweckung. Vorneweg die Tendenz, Menschen nach bestimmten oberflächlichen Merkmalen und Unterschieden zu klassifizieren. Auf einmal ist wieder wichtig, woher eine/r kommt, welche Hautfarbe er/sie hat und welcher Ethnie, Kultur und Religion er/sie angehört.

Rechte Denkmuster führen diese vordergründigen, sichtbaren Unterschiede gern auf tiefer liegende genetische Veranlagungen zurück. Sie erheben sie zu wesentlichen Merkmalen und machen sie dadurch größer, als sie sind.

In Wahrheit, auf welche uns die Evolutionsbiologie stößt, fällt die genetisch bedingte Abweichung zwischen einzelnen Menschen lächerlich geringfügig aus, wie aus der ZDF-Wissenschafts-Sendung ‘Leschs Kosmos’ (24.5.16) zu erfahren ist. Sie beträgt ganze 0,1 %. Davon entfällt wiederum nur ein Bruchteil auf optische Merkmale.

So sehr sich Menschen äußerlich unterscheiden, sie sind genetisch nahezu identisch: Über Kontinente hinweg deckt sich das menschliche Erbgut zu 99,9 %. Die Unterschiede im Aussehen haben wenig mit der tatsächlichen genetischen Differenz zu tun. Aufschluss hierüber gibt ein Vergleich mit den nächsten tierischen Verwandten des Menschen, den Schimpansen.

Diese ähneln einander äußerlich viel stärker als Menschen, z.B. hinsichtlich Haar und Augenfarbe. Dafür sind die Abweichungen im Erbgut von Tier zu Tier weitaus größer. Das Genom von Schimpansen besitzt doppelt so viele Varianten wie dasjenige von Menschen.

Grund: Schimpansen bevölkern die Erde seit rund einer Million Jahren. Während dieser langen Zeit waren sie nie vom Aussterben bedroht und konnten eine große genetische Vielfalt entwickeln. Von Biologen werden sie sogar in vier verschiedene Unterarten eingeteilt.

Homo sapiens bewohnt die Erde erst seit rund 200.000 Jahren. Seine Vorfahren schafften es, mit knapper Not zu überleben. Bereits in Afrika starben viele infolge von Klimaveränderungen. Da nur eine kleine Gruppe von Auswanderern überlebte, verminderte sich die genetische Vielfalt. Anders als die Schimpansen stammen alle heute lebenden Menschen von wenigen Vorfahren ab. Forscher untersuchten das Y-Chromosom bei Männern und fanden heraus: Alle Männer hatten und haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Einzig die Nachfahren dieses Ur-Adams überlebten durch Zufall und verbreiteten sich über die Welt.

Durch diesen gemeinsamen Ursprung gleicht sich unser Erbgut zu annährend 100 %. So gesehen sind wir alle 7 Milliarden Brüder und Schwestern.

Menschen anhand äußerlicher Merkmale zu klassifizieren, ist Unsinn. Das Erbgut bietet dafür keine Grundlage. Wenn es ein wesentliches Un- terscheidungskriterium gibt, ist es unsere Individualität: Wir sind alle Einzelwesen und einzigartig. Darüber hinaus trennt uns von der natürlichen Veranlagung her praktisch nichts.

Unterschiede, die uns in Gruppen sortieren, wie die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Kultur oder Religion sind künstliche Trennwände, die wir zwischen uns schieben. Unter anderem auch, um von einem wesentlichen, ebenfalls von uns selbst zu verantwortenden Gegensatz abzulenken: Dem in den Geldbeuteln.

Der absurdeste der künstlich gemachten Unterschiede ist die Einteilung in Rassen. Sie fußt einzig auf reiner, menschenverachtender Ideologie, um nicht zu sagen, Idiotie. Weder die Zugehörigkeit zu einer Nation noch zu einer ‘Rasse’lässt sich aus den Genen erschließen.

Ein weit überschätztes Unterscheidungsmerkmal ist z.B. die Hautfarbe. Sie hat mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung, Pigmentierung der Haut und Vitamin-D-Produktion zu tun. Von ihr auf tiefer liegende natürliche Veranlagungen oder gar Charaktereigenschaften zu schließen, ist absurd.

Eine andere Neigung scheint dagegen laut ‘Leschs Kosmos’ fest in unserem Erbgut verankert: Jene, Gruppen zu bilden, den Zusammenhalt unter den eigenen Leuten zu fördern und andere auszugrenzen. Schon Kinder legen solche Verhaltensweisen an den Tag. Evolutionsbiologen vermuten, diese schematische Haltung gegenüber Fremden sei in prähistorischer Zeit einst ein Vorteil im Überlebenskampf gewesen.

Unsere Vorfahren kooperierten in kleinen Gruppen bei der Jagd. So waren ihre Chancen besser, Beute zu machen. Die Beute teilten sie wiederum mit anderen Gruppenmitgliedern, die Früchte und Wurzeln sammelten. Kooperation und Arbeitsteilung verbesserten die Überlebenschancen der gesamten Gruppe. Mit dem Ackerbau wurden sie noch wichtiger. Gegenseitige Unterstützung brachte Vorteile wie unterschiedliche Gegenleistungen. Mit fremden Clans stand man dagegen im Konkurrenzkampf, hauptsächlich wegen der knappen Nahrung. Fremde als potenzielle Gefahr zu betrachten verbesserte damals die Überlebenschancen, selbst wenn es ein Fehlurteil war.

Auch heute noch haben Menschen das Bedürfnis zu Gruppen zu gehören. Es geht jedoch nicht mehr uns Überleben, sondern um soziale Anerkennung in der Gruppe. Diese stärkt das Selbstwertgefühl. Der eigene Kreis wird als positiv und sympathisch erlebt, während der Konkurrenz eher negative Eigenschaften zugeschrieben werden.

Jedes Mitglied der anderen Gruppe wird mittels dieser Vorurteile charakterisiert. Die Entscheidung, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht, fällt blitzschnell. Aus einer Fülle von Sinneseindrücken sammelt das Gehirn Informationen, die es in Kategorien sortiert. Wenige Attribute genügen, um die passende Kategorie zu finden.

Die Denkschubladen helfen, das Leben zu bewältigen. Werden sie jedoch dauerhaft mit negativen Einschätzungen verknüpft, geraten sie zum Problem. Beispielsweise könnten durch die Berichterstattung manche Menschen die Kategorie ‘Muslime’mit den negativen Attributen ‘fundamentalistisch’und ‘radikal’verknüpfen. Allerdings können derartige Vorurteile auch abtrainiert werden.

Der übertriebenen Pauschalisierung ist immer die Differenzierung entgegen zu halten, dem oberflächlichen, leichtfertigen Urteilen das kritische Hinterfragen, der geschichtsblinden Betrachtung die Orientierung an historischen Fakten. Aus letzteren geht hervor: Migrationsbewegungen, Ein- und Auswanderung, hat es immer gegeben. Sonst säßen wir heute nicht hier.

Eben so den Austausch von Gütern und Nahrungsmitteln: Kartoffeln wurden hierzulande vor einigen Jahrhunderten aus Amerika eingeführt, Weizen kam vor Jahrtausenden aus dem ‘fruchtbaren Halbmond’, einer Region im Nahen Osten zwischen Mittelmeer und Persischen Golf. Von dort stammen auch die Vorfahren unserer heutigen Rinder.

Schon allein deshalb ist es unsinnig ‘Grenzen dicht!’ zu fordern. Bis heute leben die Gesellschaften von Güteraustausch und Wanderungsbewegungen. Die höchsten Grenzzäune verlaufen ohnehin nicht zwischen Staaten und Völkern, sondern innerhalb der Gesellschaft.

Zaunkönig

(Erstabdruck Querkopf August 2016)
Wir danken für das Publikationsrecht.

Wir schützen uns. Wir stehen zusammen.

Hier ein Statement aus der betroffenen Community des Anschlags auf Teilnehmer:innen des CSD. Gut 8 tausend kamen am Sonntag am Brandenburger Tor zusammen, um der Opfer widerständig zu gedenken. Von den großen Medien weitgehend totgeschwiegen!

Tausende Menschen kamen am Sonntag auf dem Pariser Platz zusammen, um der Betroffenen des queerfeindlichen Anschlags auf den Berliner CSD zu gedenken.

Diese Anteilnahme, dieser Zusammenhalt fühlt sich nicht nur echt an – all das ist echt und gibt uns Halt. Im Gegensatz zu den Trauerbekundungen von Politiker*innen, die aktuell queeren Beratungsstellen, queeren Jugendclubs und anderen queeren Einrichtungen die finanziellen Existenzgrundlagen entziehen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen Diversity, gendersensible Sprache und queere Sichtbarkeit hetzen.

Dass der Attentäter sich selbst legitimiert sah, Menschen zu ermorden, die nicht in sein Weltbild passen, ist das Resultat einer religiös-fundamentalistischen Radikalisierung. Doch die Onlineinhalte, die er konsumierte, und das Umfeld, das zu dieser Radikalisierung beigetragen hat, existieren nicht im luftleeren Raum. Es gibt eine queerfeindliche Dauerbeschallung in den sozialen Medien und in der öffentlichen Debatte, an der sich auch Politiker*innen in
Regierungsverantwortung wie Friedrich Merz, Karin Prien oder Julia Klöckner maẞgeblich beteiligen.

Die AfD, die nun auf denselben Social-Media-Plattformen Mitgefühl und Trauer heuchelt, die sie sonst regelmäẞig mit queerfeindlichen Inhalten flutet, handelt ebenso verlogen.

Nicht nur die eigene menschenfeindliche Ideologie des Täters hat ihn motiviert, sondern auch das queerfeindliche Grundrauschen, das selbst von offiziellen Vertreter*innen dieses Staates mitgetragen wird. Durch diesen queerfeindlichen Konsens, der sich durch verschiedene politische und religiöse Lager zieht, sehen sich Queerfeinde eher als legitimierte Vollstrecker eines vermeintlichen Mehrheitswillens.

ABER:
„Wir sorgen füreinander, und das einfach das Wunderschönste. Wir sind füreinander da, und das kann uns kein Staat nehmen, das kann uns kein Terror nehmen.“
(Theresa Zanon, @theresazanon.music)

Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen der Verletzten und der Ermordeten.

Ein groẞes Danke an #ddurdykesberlin für die Organisation der Veranstaltung – und danke an alle, die aufgerufen haben

Fotocredits:
@danielasepehri, @dielinkeberlin @#ddurdykesberlin, @pilar.caballero.a @zora_berlin_sued, @zora_berlin_nord

Wie kann queerer Widerstand gegen den Rechtsruck aussehen?

Mehr denn je brauchen wir Antworten auf den Aufstieg des neuen Faschismus – Antworten, die Identitäts- und Klassenpolitik zusammendenken.

Die Schriftsteller Didier Eribon und Édouard Louis beschreiben in ihren Werken eindringlich, wie Erfahrungen von Queerfeindlichkeit, Ausgrenzung und gesellschaftlicher Abwertung eng mit ihrer Herkunft aus der französischen Arbeiterklasse verbunden sind. Dabei wird deutlich: Die Möglichkeit, offen und selbstbestimmt queer zu leben, ist keine Frage individueller Selbstverwirklichung, sondern eine Frage der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen man lebt.

Auch die Philosophin Eva von Redecker hat in den vergangenen Jahren immer wieder auf die tiefen Brüche in einer Klassengesellschaft hingewiesen, die erst von neoliberalen und zunehmend von autoritären Entwicklungen verschärft werden. In ihrem aktuellen Werk zum „neuen Faschismus“ zeigt sie, dass der zunehmende „Drang nach Härte“ nicht am Rand entsteht, sondern aus der Mitte demokratischer Gesellschaften selbst – als Reaktion auf die sozialen Verwerfungen und Unsicherheiten des neoliberalen Zeitalters.

Die Moderation dieses besonderen Abends übernimmt Miriam Davoudvandi. Sie arbeitet als Journalistin, Podcasterin und Autorin. Mit ihrem jüngsten Buch „Das können wir uns nicht leisten“ beschreibt sie die alltäglichen Ausschlüsse, die durch Armut produziert werden.

Die Diskussion findet auf Deutsch und Französisch mit simultaner Verdolmetschung statt.

Veranstaltungsort

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

Informationen zur Zugänglichkeit und Barrierefreiheit

Zeit: 23.07.2026, 19:00 – 21:30 Uhr

Eine Kooperationsveranstaltung von Berliner CSD e.V., Helle Panke und Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Die Veranstaltung im Haus der Kulturen ist ausgebucht. Doch es gibt einen Online-Zugang

Hier gehts zum Livestream:
https://www.rosalux.de/livestream

Quelle: RLS
Queer und Klasse …

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