Auf den Spuren der deutschen Vergangenheit

Die Ursprünge der russlandfeindlichen Außenpolitik.

Von MICHAEL SILNIZKI

Titelmotiv: „The latest Chinese wall“ – Puck Magazine 1901. Bild: gemeinfrei

 „Ich kenne hundert Möglichkeiten, einen russischen Bären aus seiner Höhle zu locken. Aber nicht einen Weg, ihn wieder zurück in seine Höhle zu bekommen.“ – Otto von Bismarck

1. Deutschbalten und die Entstehung der Anti-Russlandpolitik

In seinem Werk „Krieg der Illusionen – Die deutsche Politik von 1911 bis 1914“ (1969) widmet Fritz Fischer im 4. Kapitel der Einleitung mehrere Seiten der „Ideologie der deutschen Russlandfeindschaft“. „Der seit der Bismarckspätzeit sich abzeichnende Einfluss der publizistischen Tätigkeit baltendeutscher Emigranten auf die Wandlung der traditionellen Russophilie der preußischen Konservativen zu einer Russophobie wird von ihm hocheingeschätzt“, kommentierte Fritz Epstein 1973 Fischers Analyse dieser russlandfeindlichen Ideologie1.

Theodor Schiemann (1847-1921), Johannes Haller (1865-1947) und nicht zuletzt Paul Rohrbach (1869-1956) werden dabei als „die Haupteinpeitscher russlandfeindlicher Stimmungen genannt“.

In seinem 1915 erschienen Werk „Russland und wir“ warnte Rohrbach vor der „russischen Gefahr“ und forderte vehement die Abspaltung der Ukraine vom Russischen Reich: „Die letzte und entscheidende Voraussetzung dafür, dass die russische Macht aufhört, eine zunehmende Gefahr für Deutschland und für die europäische Kultur zu bilden, ist die Lostrennung der Ukraine von dem Gesamtkörper des moskowitischen Russlands.“2  Zbigniew Brzezinski war also nicht der erste mit seiner Behauptung: Ohne die Ukraine könne Russland kein Imperium bleiben.

Ins gleiche Horn blies auch ein anderer Deutschbalte, Professor an der Universität Tübingen, Johannes Haller, mit seinem Beitrag „Die russische Gefahr im deutschen Hause.“3 „Wer die Hallersche Schrift gelesen hat“ – meint Rohrbach im Vorwort – „wird wissen, auf welchen Zusammenhang es hier ankommt: die Bändigung der Revolution durch Entfesselung des Panrussismus.“4

Bereits in einem anderen Vorwort zum Beitrag „Russlands Ländergier“ von einem anderen Deutschbalten, Richard Pohle (1869-1926), sinnierte Rohrbach unnachahmlich über den „russischen Willen zur Ausdehnung der Grenzen Russlands und zur Unterwerfung der Nachbarn.“

Erstaunlich sei „die Ungeheuerlichkeit und Konsequenz, mit der sich das russische Eroberungsprinzip in der russischen Geschichte bis heute ausgewirkt hat.“ Die Land- und Eroberungsgier gehe allerdings laut Rohrbach mit Russlands Unfähigkeit einher, „die unterworfenen, ihm ursprünglich fremden Gebiete innerlich mit seinem Volks- und Staatskörper zu vereinigen. Es ist immer nur imstande gewesen, erst zu erobern und dann die Eroberten zu vergewaltigen, nie aber sie organisch zu assimilieren. Darin zeigt sich die innere Schwäche der Russen“ (S. 4).

Wie kein anderer verkörpert der Deutschbalte Rohrbach die russlandfeindliche Strömung in der deutschen Politik und „die Kontinuität einer bestimmten ostpolitischen Konzeption, die die deutsche Politik im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg mitbestimmt hat: Zerschlagung Russlands in verschiedene Einzelstaaten – darunter als wichtigster die Ukraine -, die als Rohstofflieferanten und Industrieabnehmer unter indirekter oder direkter deutscher Herrschaft die Basis für Deutschlands Weltmachtstellung bilden sollten.“5

Noch kurz vor seinem Ableben schrieb Rohrbach 1952:

„Gibt es kein Mittel, dem ‚kalten Krieg‘ zu begegnen, in dessen Führung Moskau … eine solche Meisterschaft und Hartnäckigkeit beweist? Von diesem Mittel haben wir eben gehört: Entbindung der zentrifugalen Kräfte innerhalb der Sowjetunion! Die stärkste der zentrifugalen Kräfte ist das nationale Bewusstsein des ukrainischen Volkes mit seinem Willen zu eigener Staatlichkeit.“6

Rohrbachs Träume der 1950er-Jahre waren die gleichen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und sind heute ebenso Realität geworden, wie die Eigenstaatlichkeit der Balten nach dem Untergang der Sowjetunion. Nichtsdestotrotz sind die Balten heute das geblieben, was der Deutschbalte Rohrbach sein Leben lang immer schon war: die europäischen Haupteinpeitscher der russlandfeindlichen Stimmung und Politik in Europa.

In Lettland, Litauen und Estland haben sich seit ihrer Unabhängigkeit russlandfeindliche Regime herausgebildet, in denen selbst die geringste prorussische Einschätzung der Ereignisse die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte auf sich zieht und russischer Einfluss in Medien, Politik und Bildung gezielt verdrängt wird.

Gleichzeitig stellen die ultranationalistischen Machteliten im Baltikum demonstrativ ihre Militanz gegen Russland zur Schau, verschärfen die Einwanderungskontrollen und erklären der Öffentlichkeit, es gebe keinen „Weg zurück zu einem normalen Leben mit Russland“. Baltische Machteliten zielen bis heute darauf ab, alle humanitären und politischen Beziehungen zu Russland zu kappen und die gemeinsame historische Vergangenheit zu revidieren.

Die EU-Außenbeauftragte, Kaja Kallas (geb. 1977), ist dafür ein beredtes Beispiel! Es bewahrheitet sich erneut, wie so oft, Goethes Wort: „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ew’ge Krankheit fort.“

„Nach dem Zweiten Weltkrieg“, meinte Peter Borowsky im Jahr 1973, „fiel für Rohrbach das deutsche und das europäische Interesse an der unabhängigen Ukraine zusammen: Der ukrainische Nationalismus sollte als ‚Sprengmittel‘ gegen die ‚bolschewistische Gefahr‘ eingesetzt werden.“7

Ein halbes Jahrhundert später ist der Bolschewismus längst tot. Und trotzdem setzen die EU-europäischen Machteliten den ukrainischen Nationalismus immer noch als „Sprengmittel“ gegen „die russische Gefahr“ ein. Was macht das schon einen Unterschied, ob Russland heute „rot“ und „totalitär“ oder „weiß“ und „autoritär“ ist?

Schließlich hat die Estin, Kaja Kallas, uns „glaubhaft“ versichert, dass Russland „in den letzten 100 Jahren 19 Länder“ überfallen hat. Sie muss es ja qua Amt „wissen“, unsere Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik!

Und wer garantiert uns, dass es beim „20. Mal“ nicht die EU und/oder Deutschland überfällt? Der Deutschbalte, Richard Pohle, warnte uns ja schon 1916: „In ihrer ganzen riesenhaften Größe steht sie da, die russische Gefahr“8.

2. Die Bismarckspätzeit

Aber vielleicht sollten die EU-Europäer mit der Estin Kaja Kallas an der Spitze der „russischen Gefahr“ zuvorkommen und einen Präventivkrieg führen, damit sich der Überfall nicht zum „zwanzigsten Mal“ wiederholt? Von einem Präventivkrieg gegen Russland hat schon Bernhard von Bülow (Erster Botschaftsrat in St. Petersburg (1884-1888) und der spätere Reichskanzler (1900-1909)) geträumt.

Während seiner Petersburger Zeit fand ein dramatischer Wandel in der Außenpolitik der europäischen Großmächte statt. Bülows Hauptaufgabe bestand deswegen darin, die von Otto von Bismarck vorgegebene Annäherungspolitik an Russland diplomatisch abzusichern. Das ist ihm allerdings gründlich misslungen.

Was ist passiert? Am 18. Juni 1881 wurde ein neuer Vertrag zwischen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn unterzeichnet. Die Länder vereinbarten im Falle eines Krieges zwischen einem der Teilnehmer und einer vierten Macht neutral zu bleiben.

Russland garantierte Deutschlands Neutralität im Krieg gegen Frankreich und Deutschland und Österreich garantierten Russlands Neutralität für den Fall eines Konflikts mit England oder der Türkei.

Am 20. Mai 1882 schlossen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien einen geheimen Dreibund  gegen Frankreich. Der österreichisch-deutsche Einfluss auf dem Balkan begann wiederum Russland zu verdrängen, was Mitte der 1880er-Jahre zum Zusammenbruch des Dreikaiserbündnisses führte.

Nachdem Deutschland Russland Finanzkredite verweigert hat, begannen französische Banken aktiv Kredite an die russische Wirtschaft zu vergeben und finanzierten so den Bau der Transsibirischen Eisenbahn.

Zu Beginn der 1890er-Jahre hat sich die wirtschaftliche Annäherung zu einem militärischen französisch-russischen Bündnis entwickelt. Zuvor wurde am 18. Juni 1887 zwischen Russland und Deutschland (unter Beteiligung vom Reichskanzler Otto von Bismarck und germanophilen russischen Botschafter in Großbritannien, Graf Peter A. Schuwalow) der Rückversicherungsvertrag unterzeichnet, der freilich die Verschlechterung der russisch-deutschen Beziehungen nicht mehr aufhalten konnte.

Vor diesem außenpolitischen Hintergrund muss man auch Bülows Privatschreiben vom 10. Dezember 1887 an Friedrich von Holstein (1837-1909) verstehen. Darin empfiehlt Bülow einen Präventivkrieg gegen Russland, „gekrönt nach dem selbstverständlichen deutschen Sieg neben anderen exzessiven Forderungen durch Abschnürung Russlands von der Ostsee und dem Schwarzen Meer.“9

Wörtlich schreibt Bülow an Holstein am 10. Dezember 1887 aus St. Petersburg:

„Wir müssen eventuell dem Russen so viel Blut abzapfen, dass derselbe … 25 Jahre außerstande ist, auf den Beinen zu stehen. … Wir müssten die wirtschaftlichen Hilfsquellen Russlands für lange hinaus durch Verwüstung seiner Schwarzerde-Gouvernements, Bombardierung seiner Küstenstädte, möglichste Zerstörung seiner Industrie und seines Handels zuschütten. Wir müssten endlich Russland von jenen beiden Meeren, der Ostsee und dem Pontus Euxinus, abdrängen, auf denen seine Weltstellung beruht. Ich kann mir Russland wirklich und dauernd geschwächt doch nur vorstellen nach Abtrennung derjenigen Gebietsteile, welche westlich der Linie Onega-Bai-Waldaihöhe-Dnjepr liegen. Ein solcher Friede möchte … nur zu erzwingen sein, wenn wir an der Wolga stünden …“10

Wie aktuell klingen doch diese Zerstörungs- und Eroberungsphantasien! Alles, was das Herz sich wünscht, war da angesprochen: Wirtschaftskrieg, Eroberungsfeldzug und sogar Vernichtungskrieg! Freilich gingen Bülows Kriegspläne der Zeit weit voraus.

Die Zeit war noch nicht reif. Noch war Bismarck Reichskanzler. Und folgt man dem Urteil des Publizisten Ernst Jäckh (1875-1959), so war Bismarcks Russlandpolitik „weder antirussisch noch prorussisch, sondern … bestimmt, wenn nicht diktiert durch eine geheime Furcht vor Russland. Wegen seines ‚panslawischen, revolutionären, nihilistischen, aggressiven Charakters‘ habe Bismarck in Russland eine ‚furchtbare konstante Drohung‘ gesehen. Im Gegensatz zu Napoleon und Hitler war er aber gegen einen russischen Krieg, den er als das ‚größte Übel‘ bezeichnete wegen der ‚Unzerstörbarkeit der russischen Nation‘.“11

Die Stimmung ändert sich allmählich nach Bismarcks Ära in den 1890er-Jahren und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zeitalter der sog. „Weltpolitik“ als Kolonialpolitik. „Erst mit dem imperialistischen Zeitalter entstand so etwas wie Weltpolitik, ohne die wiederum der totalitäre Anspruch auf Weltherrschaft keinen Sinn gehabt hätte“, urteilt Hannah Arendt12.

Bismarck war nunmehr dem Vorwurf ausgesetzt, dass er als „Kontinentalpolitiker“ nicht mehr für eine deutsche Weltpolitik aufgeschlossen gewesen sei. „Aus einer Russophobie Bismarcks im Alter“ erklärte der Meinecke-Schüler, Ulrich Noack, in seinem Werk „Bismarcks Friedenspolitik und das Problem des deutschen Machtverfalls“ (1928) „das Versäumnis des Reichsgründers, Deutschlands Zukunft zu sichern, die russische Gefahr für Deutschland durch Niederwerfung Russlands ein für alle Mal zu bannen.13

3. Von der Friedenspolitik zur Kriegspolitik?

Im Zeitalter der „Weltpolitik“ als Kolonialpolitik fand nach der Entlassung von Reichskanzler Otto von Bismarck im März 1890 ein Kurswechsel von Bismarcks vorsichtiger Bündnispolitik hin zur aggressiven Weltmachtpolitik unter Kaiser Wilhelm II. statt. Der geheime Nichtangriffsvertrag mit Russland wurde 1890 nicht verlängert. Wilhelm II. wollte eine weltweite Rolle spielen und eine stärkere militärische und wirtschaftliche Präsenz zeigen.

Hat Besorgnis über eine unberechenbare Natur Russlands Bismarcks Russlandpolitik Vorsicht walten lassen, so hat die Wilhelminische „Weltpolitik“ im Zeitalter des Imperialismus jede Vorsicht vermissen lassen.

Neben der aggressiven Machtpolitik dürfen auch rassenbiologische Ressentiments nicht unerwähnt bleiben, die die Russen als rassisch „minderwertig“, „unzivilisiert“ und „unterentwickelt“ betrachteten.

Im Zeitalter des Sozialdarwinismus kennen die Phantasmagorien über Russen und ihre rassenbiologischen Eigenschaften keine Grenzen. So schreibt der deutschbaltische Kulturhistoriker Viktor Hehn (1813-1890) über die „russische Volksseele“ in den erst nach seinem Ableben 1892 erschienenen „Tagebuchblättern aus den Jahren 1857-1875“: „Der Russe besitzt eine große Gelenkigkeit der Glieder, aber diese gleicht mehr den Windungen allzu locker zusammengenähter Puppenteile, als dem freien, stählernen, maßvollen Fluss aller Bewegungen, den wir bei edel organisierten Völkern bewundern. Das russische Auge hat etwas Gläsernes und Oberflächliches, und hieran kann ein aufmerksamer Beobachter auch die jungen Schönheiten der höheren und höchsten Stände sogleich erkennen: da bricht kein Strahl aus den Jungesten der Seele, da spricht kein bewölkter Blick von schwärmerischem Entzücken. Hierzu stimmt der Mangel an spontaner Schöpferkraft und individueller Vertiefung, sowie an Idee und Idealität, der das russische Naturell auszeichnet. Alles, was Russland eigentümlich zu sein scheint, ist … entlehnt und von den Nachbarn aufgenommen. … erfunden hat Russland nichts. … Mit dem Mangel an produktiver Originalität hängt ein anderer Charakterzug, der Mangel an Idealität, im russischen Naturell zusammen. … Der Verführung durch Phantasie ist der Russe am wenigsten ausgesetzt.“14

Als der Herausgeber des Werkes war Theodor Schieder von Hehns Ausführungen begeistert. Im Vorwort zu seinem Werk schreibt er euphorisch: „Wenn wir nun diese rasch hingeworfenen, stets unter dem Eindrucke des Augenblicks niedergeschriebenen Notizen, Betrachtungen und Anekdoten in Buchform unter dem von Hehn selbst gewählten Titel: ‚De moribus Ruthenorum‘ herauszugeben uns entschlossen haben, so geschieht es auf Grund der Erwägung, dass hier ein Kenner ersten Ranges sein Urteil über das russische Volkstum niedergelegt hat.“15 

Im Einvernehmen mit dem „Kenner ersten Ranges“ fügt Schieder ergänzend hinzu: „Gegenüber der in Deutschland landläufigen Überschätzung der Macht des russischen Kolosses, wies er auf die tönernen Füße des Riesen hin – die mores Ruthenorum schienen ihm den Satz zu widerlegen, dass diese Rasse den inneren Gehalt habe, um einer seit Jahrhunderten erarbeiteten Kultur Herr zu werden. Der russische formale Realismus erschien ihm ohnmächtig den idealen Kräften des Abendlandes gegenüber, und wenn ihm auch je länger je mehr die Hoffnung schwand, die große Entscheidung zwischen Ost und West, zwischen russischem Orient und abendländischem Wesen zu erleben – die Zuversicht blieb ihm, dass die Entscheidung erfolgen müsse und welches der Ausgang sein werde, lehrte ihn seine Kenntnis der mores Ruthenorum.“16

Ist also der auf den „tönenden Füßen“ stehende „russische Koloss“ im Gegensatz zu Bismarcks Mutmaßung doch kein „Mastodon“? Und ist die russische „Rasse“ mit ihren „mores Ruthenorum“ wirklich ohnmächtiger als das „abendländische Wesen“ mit seinen „idealen Kräften“?

Vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges beobachten wir mit zunehmender Tendenz eine deutliche Parallele zwischen einer rassenbiologischen Beurteilung und kulturellen Herabstufung der „minderwertigen“ russischen „Rasse“ und der geopolitischen Verunglimpfung und Herabwürdigung von „Putins Russland“. Von der Sprache eines Bismarcks, der Russland zwar distanziert, aber immerhin mit Respekt behandelte, kann überhaupt keine Rede mehr sein.

Das „rassisch hochwertigere“, „edel organisierte“ Deutschland möchte heute dem „Kriegsverbrecher“ Putin und dem „aggressiven“ Russland nicht einmal Respekt zollen. Werden Bismarcks Friedenspolitik mit Russland und „Nie wieder Krieg“ der Bonner Republik heute durch „Endlich wieder Krieg“ substituiert, um „Russen zu töten“, wie ein gewisser Michael Martens kürzlich gefordert hat?

„How can we help you kill more Russians?“, lautete seine Frage. Es ging um die „Russentötung“, nicht um die Tötung der „russischen Soldaten“, wie man dann in manchen deutschen Medien verschämt übersetzt hat. Von „Nie wieder Krieg“ zu „Endlich wieder Krieg“, vom „Russenhass zur Russentötung?“17

Kehren die deutschen Machteliten erneut zu den „glorreichen Zeiten“ der Russlandfeindschaft und Vernichtungsphantasien zurück? Wenn man hört, was manche Bundestagsabgeordneten empfehlen, dann wundert man sich über nichts mehr.

Wie die deutschen Medien am 10. August 2026 berichteten, will der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums zur Kontrolle der Nachrichtendienste, Marc   Henrichmann (geb. 1976), „Geheimdienste zu Cyber-Präventivschlägen gegen russische Drohnenhersteller befähigen“.

„Wir müssen wirklich unsere Dienste befähigen, dass sie im Idealfall auch die Angriffsdrohne in Russland oder die Fabrik, die sie herstellt, lahmlegen und ausschalten, bevor sie sich gegen den deutschen Flughafen oder gegen die Sicherheit von Leib und Leben von Menschen in Deutschland richtet“, sagte Henrichmann dem TV-Sender „Welt“.

Ob dieser CDU-Abgeordnete begreift, was er da empfiehlt? Das wäre nicht mehr und nicht weniger als einem (modernen) Präventivkrieg gegen Russland das Wort zu reden. Der Reichkanzler Bernhard von Bülow hätte sich sehr darüber gefreut. Die deutsche Bevölkerung auch?

Anmerkungen
  1. Epstein, F. T., Der Komplex „Die russische Gefahr“ und sein Einfluss auf die deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert, in: Imanuel Geiss u. a. (Hrsg.), Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts. Bertelsmann Universitätsverlag 1973, 143-159 (145).
  2. Rohrbach, P., Russland und wir. Stuttgart 1915, 55.
  3. Haller, J., Die russische Gefahr im deutschen Hause, in: Rohrbach, P. (Hrsg.), Die russische Gefahr. Beiträge und Urkunden zur Zeitgeschichte. Stuttgart 1917, 5.
  4. Rohrbach, P. (Hrsg.), Die russische Gefahr. Beiträge und Urkunden zur Zeitgeschichte. Stuttgart 1916, 3.
  5. Borowsky, P., Paul Rohrbach und die Ukraine. Ein Beitrag zum Kontinuitätsproblem, in: Imanuel Geis (wie Anm. 1), 437-462 (437).
  6. Rohrbach, P., Die ukrainische Frage, in: Vergangenheit und Gegenwart I, Heft 3 (1952), 12; zitiert nach Borowsky (wie Anm. 5), 437 FN 3.
  7. Borowsky (wie Anm. 5), 462.
  8. Pohle, R., Russlands Ländergier, in: Rohrbach (wie Anm. 4), 14.
  9. Epstein (wie Anm. 1), 145.
  10. Zitiert nach Epstein (wie Anm. 1), 145 f. FN 8.
  11. Zitiert nach Epstein (wie Anm. 1), 146.
  12. Arendt, H., Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München Zürich 1986, 215.
  13. Zitiert nach Epstein (wie Anm. 1), 147.
  14. Hehn, V., De moribus Ruthenorum. Zur Charakteristik der russischen Volksseele. Tagebuchblätter aus den Jahren 1857-1875. Hrsg. v. Theodor Schiemann. Berlin 1892, 6 ff.
  15. Schiemann, Th., Vorwort, in: Hehn (wie Anm. 14), 12.
  16. Schiemann (wie Anm. 15), 13 f.
  17. Silnizki, M., Vom Russenhass zur Russentötung? Die Rückkehr des Militarismus in Deutschland und Europa, 20. Juli 2025, www.ontopraxiologie.de.

Michael Silnizki

Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 26.8. 2026
Auf den Spuren der deutschen Vergangenheit

Wir danken für das Publikationsrecht.

Bevölkerung in Deutschland lehnt die „Reformen des Sozialstaats“ der Regierung Merz / Klingbeil ab!

In den vergangenen Monaten wurde intensiv über Reformen des Sozialstaats diskutiert, darunter Leistungskürzungen in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, eine Anhebung des Renteneintrittsalters sowie die Streichung der Entgeltfortzahlung am ersten Krankheitstag. Anhand einer aktuellen Online-Umfrage wird in diesem Policy Brief gezeigt, dass diese Debatte bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung zu Sorgen um die eigene finanzielle Absicherung führt.

Die Bevölkerung in Deutschland lehnt die „Sozialstaatsreformen“ der Regierung Merz / Klingbeil rundweg ab!

  • 81 Prozent der Erwachsenen sorgen sich um ihre soziale Absicherung
  • 76 % lehnen die „Sozialstaatsreformen“ ab, und zwar über alle Parteigrenzen hinweg. Selbst bei den Anhängern der CDU sind es über 51%.
  • Mit steigenden Haushaltseinkommen nimmt zwar die Ablehnung etwas ab, aber mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen ab 4.500 Euro lehnen rund 71 % die Reformen ab. Bei einem Einkommen unter 2000 Euro sind es 82 %.
  • Bei Selbstständigen und Beamtinnen lehnen mehr als 60 Prozent die diskutierten Reformen ab; bei Arbeiterinnen und Angestellten sind es über 80 %.
  • 42 % geben an, ihre Ausgaben deshalb schon jetzt einzuschränken.
  • Und von denen, die sich große Sorgen um die Zukunft macht, sind 65 Prozent sehr unzufrieden mit den Leistungen der Bundesregierung

Donner und Blitz kommen aber nicht vom Himmel. Sie sind gemacht von Kapital und seinem Staat. Ob die Befragten eine Möglichkeit sehen, sich zu widersetzen, wurde nicht gefragt.

Wir können nur sagen: Widerstand ist möglich und notwendig, sonst hören die Angriffe nicht auf. Wer Kapital und Staat angesichts der konzertierten Angriffswelle als „soziale Partner“ sieht, muss ein Brett vorm Kopf haben. Der Unmut ist da. Machen wir die Gewerkchaften zu echten Kampforganisationen! Nur wer sich zusammenschliesst und kämpft, kann verändern und siegen! Wer siegt, lernt auf die eigene Kraft zu vertrauen und kämpft weiter. Machen wir die Aktionstage am 21. und 26. September zu einem Auftakt dafür!

Quelle: https://www.imk-boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009476

Die Stimmung kippt

Unter den Autoarbeitern wächst der Unmut. Ein Brief von Mercedes Untertürkheim fordert von der IG Metall den Abschied von der Sozialpartnerschaft.

Von RAUL ZELIK

Durch die deutschen Industriebetriebe läuft eine Entlassungswelle. Mittlerweile kommen die Auseinandersetzungen auch bei den großen Autokonzernen an Foto: [k] Titelbild: Michael Knopp

Nachdem die Sparpläne der deutschen Autokonzerne bisher auf vergleichsweise wenig Widerstand gestoßen sind, scheint die Stimmung in einigen Werken nun zu kippen. Bei Volkswagen, wo die Konzernleitung 50 000 Stellen streichen will und auch die Schließung der Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm erwägt, zeigte sich das Anfang der Woche auf der ersten von neun anberaumten Betriebsversammlungen. Gesamtbetriebsrätin Daniela Cavallo erklärte, das Vertrauen des Betriebsrats in den Konzernvorstand sei »beschädigt«, und sie bezeichnete mögliche Schließungen als »Wahnsinn«. Inhaltlich widerspricht der VW-Betriebsrat vor allem der Behauptung der Konzernführung, wonach die Produktionskosten zu hoch seien. In Wirklichkeit machten »die Fabrikkosten nur ein Siebtel der Gesamtkosten eines Autos« aus, rechnete der Betriebsrat in einem Schreiben an die Beschäftigten vor. Selbst eine Halbierung der Personalkosten würde »die Gesamtkosten für ein Auto nur um etwa fünf Prozent senken«.

Der ehemalige VW-Betriebsrat Stephan Krull wies im Gespräch mit dem »nd« auch noch einmal darauf hin, dass der Konzern trotz einer vom Management verschuldeten Absatzkrise keineswegs am Hungertuch nage. VW habe im ersten Halbjahr 2026 immer noch 3,1 Milliarden Euro Profit gemacht, verfüge über Gewinnrücklagen in Höhe von 160 Milliarden Euro und habe im letzten Jahrzehnt insgesamt 40 Milliarden Euro als Dividende an die Aktionär*innen ausgezahlt. »Diese riesige Menge Geld könnte locker in eine Transformation hin zu einem modernen Mobilitätsunternehmen investiert werden«, so Krull. Das Problem sei allerdings, dass die Gewerkschaftsführung bislang keine eigenen, selbstbewussten Ideen entwickele.

Rebellion bei Mercedes

Noch aufgeheizter scheint die Stimmung bei Mercedes in Stuttgart-Untertürkheim zu sein. Die Konzernführung hatte dort unlängst ein Sparprogramm vorgelegt, über das selbst der öffentlich-rechtliche SWR mutmaßte, es solle offenbar Beschäftigte vergraulen. Der Unmut über die Pläne und die bisherige Reaktion der Gewerkschaften ist so groß, dass sich der gewerkschaftliche Vertrauenskörper auch öffentlich mit der IG-Metall-Führung angelegt hat.

»Wir sollen gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten.« Gewerkschaftliche Vertrauensleute bei Mercedes-Benz Untertürkheim

Bereits im Juni hatten sich die Vertrauensleute, also die gewählten, ehrenamtlichen Gewerkschaftsaktiven, im Untertürkheimer Werk mit einem aufsehenerregenden Brief zu Wort gemeldet. »Die Krise ist allgegenwärtig. Und die Bosse wollen uns dafür bezahlen lassen«, heißt es darin. »Auch die Regierung tut nichts für uns. Sie will den gesetzlichen Acht-Stunden-Tag abschaffen. Wir sollen länger arbeiten für das gleiche Geld oder sogar für noch weniger. Zusätzlich plant sie die ›Rente mit 70‹.«

In einem für deutsche Gewerkschaften unüblichen Ton schlugen die Vertrauensleute in ihrer Erklärung einen weiten politischen Bogen – von den Kürzungen bis zur militärischen Aufrüstung: »Wir sollen arbeiten, bis wir sterben. Das Bürgergeld wird zur sogenannten ›Grundsicherung‹. Wir sollen also gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten. Das Gesundheitssystem wird kaputt gespart und medizinische Versorgung zunehmend zu einem Privileg für Reiche. Das Geld, was in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.«

Als die IG-Metall-Chefin Christiane Benner gemeinsam mit Peter Leibinger vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und dem IG-BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis im kapitalnahen »Handelsblatt« einen Gastkommentar mit dem Titel »Deutschland braucht Haltungsänderung – Kein Wohlstand ohne Aufbruch« veröffentlichte, legten die Mercedes-Arbeiter*innen Anfang August noch einmal nach. Mit ihrem Kommentar spreche die IG-Metall-Vorsitzende nicht im Namen der Kolleg*innen, erklärten die Gewerkschafter*innen in einem offenen Brief und forderten Benner zur Stellungnahme auf: »Warum erscheint dieser Kommentar nur wenige Tage nach der Untertürkheimer Resolution? Ist der Gastkommentar als bewusster öffentlicher Widerspruch zu der Positionierung aus unseren Betrieben gemeint?«

Kundgebung der Beschäftigten bei Mercedes Untertürkheim.
Kundgebung der Beschäftigten bei Mercedes Untertürkheim. Foto: Vertrauenskörper Mercedes Benz Untertürkheim

Besonders erbost zeigten sich die Mercedes-Beschäftigen über eine Formulierung im Kommentar, wonach im Land mehr geleistet werden solle. »Die Unternehmerverbände, die Bundesregierung und wir Beschäftigten verfolgen gegenwärtig offensichtlich sehr unterschiedliche Interessen«, so die Mercedes-Beschäftigten. »Sie wollen auf unsere Kosten ihre Profite sichern oder ausweiten. Wir dagegen wollen gute Arbeitsstandards erhalten, soziale Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, Gesundheit und Frieden.« Damit sprechen sich die Gewerkschafter*innen, anders als die IG-Metall-Führung, auch offensiv gegen die Aufrüstungspolitik aus.

»Keine Angst vor Eskalation«

Der Brief fordert von der IG-Metall-Führung ein Bekenntnis zur 35-Stunden-Woche, die Verhinderung von »weiteren Differenzierungsklauseln im Tarifvertrag« und »keine Angst vor der Eskalation«. Die Beschäftigteninteressen könnten nur durch Arbeitskämpfe durchgesetzt werden. »Nur so können wir die Profitlogik dort zurückdrängen, wo sie unseren Arbeits- und Lebensbedingungen entgegensteht«, heißt es im Brief. Das sei auch ein unverzichtbares Mittel im Kampf gegen die AfD. »Die Menschen wenden sich nicht deshalb nach rechts, weil Gewerkschaften zu kämpferisch sind, sondern weil sie den Eindruck gewinnen, dass niemand ihre sozialen Interessen konsequent vertritt«, heißt es in Anspielung auf das Erstarken der extremen Rechten bei den Landtagswahlen im März in Baden-Württemberg.

Vor dem bundesweiten gewerkschaftlichen Aktionstag in der Automobilindustrie am 21. September steigt damit der Druck im Kessel. Für Peter Vlatten, der früher selbst der Vertrauenskörperleitung bei Mercedes Untertürkheim angehörte und heute im Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin aktiv ist, handelt es sich bei dem Brief um mehr als eine der üblichen Resolutionen. Untertürkheim gehöre historisch zu den kampfstärksten Betrieben der IG Metall und habe für die Branche oft eine Vorreiterrolle gespielt, erinnert der pensionierte Gewerkschafter im Gespräch mit dem »nd«. »Das hatte auch damit zu tun, dass eine linke alternative Liste im Betriebsrat viele Jahre eine Mehrheit hatte.« Vlattens Eindruck zufolge habe der Gewerkschaftsaktivismus im Betrieb zuletzt einen erfreulichen Aufschwung erlebt. »Im Vertrauenskörper sind heute 500 bis 700 Gewerkschafter aktiv. Das sind Arbeiter aus der Produktion. Und das ist auch der qualitative Unterschied zu anderen Erklärungen.«

Aus Sicht Vlattens ist in Untertürkheim Streikbereitschaft zu spüren. Das Problem sei allerdings, dass die IG-Metall-Führung bislang nichts unternommen habe, um Folgeaktionen für die Zeit nach den geplanten Protesttagen Ende September vorzubereiten. Genau davon hänge es jetzt jedoch ab, ob die Unruhe am Ende wieder in Frustration umschlage.

Der IG-Metall-Vorstand wollte sich zu der Kritik der Mercedes-Beschäftigten an ihrer Vorsitzenden nicht äußern. Die Debatte werde »intern geführt«, erklärte die Pressestelle der IG Metall auf Anfrage des »nd«.  

Erstveröffentlicht im nd v. 27.8. 2026
Die Stimmumg kippt

Wir danken für das Publikationsrecht.

zum Hintergrund und mehr zum Thema: "Widerstand und kein Schritt zurück – offener Brandbrief von Mercedes Vertrauensleuten und Betriebsräten an den Vorstand der IG Metall."

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