Russlands Gewerkschaften unter Druck

Die staatliche Repression erreicht jetzt auch die russischen Gewerkschaften. Können sie in Putins Russland überleben? Von Azamat Ismailov

Von Azamat Ismailov

Titelbild: 1. Mai 2025 in Moskau. ru-news

Vorbemerkung Forum-Red.: Vielleicht der Kerngedanke des Marxismus ist die Vorstellung von der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse. Dieses Werk bedeutet die Aufhebung des Klassengegensatzes und damit auch die Existenz der Arbeiterklasse als von den Produktionsmitteln getrenntes, entfremdetes Kollektiv, das der Herrschaft des Kapitals unterliegt. Die Arbeiterbewegung ist seit Beginn eine Bewegung, die gegen die Zumutungen dieser Herrschaft rebelliert und für die Erweiterung der politischen und sozialen Rechte der gesamten Bevölkerung kämpft: Rechte, auf die Bedingungen des Arbeitsprozesses Einfluss zu nehmen ebenso wie die Macht, die Grundfragen der gesellschaftlichen Entwicklung in einem demokratischen Prozess selbst zu bestimmen. Das Koalitions- und Streikrecht hat dabei natürlich eine zentrale Bedeutung. Begreift man diese Zielsetzung als Messlatte, so lässt sich damit der Grad realer Freiheit und Selbstbestimmung der arbeitenden Menschen eines Landes ablesen. In diesem Artikel wird sie angelegt an die Situation der russischen Arbeiterklasse und ihrer Gewerkschaften. Der Autor kennt diese Situation aus dem Inneren bestens. Möge sich jeder ein Urteil bilden, was die Messlatte aussagt. (JG)

Am 9. April geschah, was lange zu befürchten stand: Maskierte Sicherheitskräfte stürmten das Hauptquartier des zweitgrößten gewerkschaftlichen Dachverbandes des Landes, der Konföderation der Arbeit Russlands (Konfederazija truda Rossii, KTR), und die Büros ihrer zwei größten Mitgliedsverbände: der Föderalen Gewerkschaft der Fluglotsen und der Russischen Seeleutegewerkschaft. Flankiert wurden die Razzien von einer Hetzkampagne in kremlnahen Telegram-Kanälen: Den Gewerkschaftsführer*innen wurden subversive Tätigkeiten vorgeworfen, die angeblich von „Feinden Russlands“ finanziert worden seien.

Bisher ist es weder zu Verhaftungen noch zur Eröffnung von Strafverfahren gekommen. Ob dies so bleibt oder die russischen Gewerkschafter*innen das Schicksal ihrer belarussischen Kolleg*innen teilen werden, die vom Lukaschenka-Regime inhaftiert oder ins Exil gezwungen wurden, ist ungewiss.

Welche Auswirkungen haben der Ukrainekrieg und die Entwicklung des Putin-Systems hin zum Totalitarismus auf die Gewerkschaftsbewegung in Russland? Kann es ihr gelingen, den politischen „Winter“ zu überstehen und ihren Kern zu bewahren?

Die russische Arbeiterklasse im fünften Kriegsjahr

Trotz der verfahrenen Kriegslage gelang es dem Kreml lange, die Illusion eines nahezu normalen Lebens der russischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht. Mehr noch: Einem Teil der Gesellschaft konnte weisgemacht werden, dass ihm die sogenannte militärische Spezialoperation und der Bruch mit dem Westen zu mehr Wohlstand verhelfen würden – wenn auch um den Preis des Verzichts auf gewisse Annehmlichkeiten und Freiheiten.

Das suggerierten nicht nur die großzügigen Zahlungen an Militärangehörige – bis zu vier Millionen Rubel für die Unterzeichnung eines Zeitvertrags bei der Armee –, was dem Vier- bis Fünffachen des durchschnittlichen Jahreslohns von Arbeiter*innen entspricht. Der Aufschwung der Rüstungsproduktion führte in Verbindung mit einem akuten Arbeitskräftemangel (eine Folge niedriger Geburtenraten, sinkender Zuwanderung und dem Bedarf an arbeitsfähigen Männern an der Front) zu einem Rekordwachstum der Löhne. Nach Angaben des Föderalen Steueramts stiegen diese zwischen 2022 und 2024 um 56 Prozent, während die offizielle Inflation bei 32 Prozent lag.

In jüngster Zeit scheint die Illusion des „Militär-Keynesianismus“ zu verfliegen. Das inflationsbereinigte Lohnwachstum hat sich 2025 verlangsamt und ist 2026 sogar ganz zum Erliegen gekommen. Erste Stimmen fordern bereits, den Gürtel enger zu schnallen. 

Davon profitierten nicht nur Beschäftigte der Rüstungsindustrie und verwandter Branchen. Um ihre Belegschaften zu halten, sahen sich auch zivile Betriebe gezwungen, in den Lohnwettlauf mit der Rüstungsindustrie und der Armee einzusteigen. Zwar verlief der Lohnanstieg äußerst ungleichmäßig und ging mit extremer Ausbeutung einher, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Arbeiter*innen buchstäblich dafür bluten mussten. Doch nach Jahrzehnten neoliberaler Politik mochte selbst eine solche „Umverteilung des Reichtums“ manchen als Segen erscheinen.

In jüngster Zeit scheint die Illusion des „Militär-Keynesianismus“ allerdings zu verfliegen. Das inflationsbereinigte Lohnwachstum hat sich 2025 verlangsamt und ist 2026 sogar ganz zum Erliegen gekommen. Erste Stimmen fordern bereits, den Gürtel enger zu schnallen. So brachte Oleg Deripaska, einer der einflussreichsten russischen Oligarchen, kürzlich die Einführung der Sechs-Tage-Woche und des Zwölf-Stunden-Tags aufs Tapet.

Ein wichtiges Anzeichen der drohenden Krise sind die wachsenden Lohnrückstände. Diese gelten als Hauptursache für Proteste in Betrieben: Etwa 40 Prozent der Arbeitskonflikte resultieren daraus.

Zukünftig dürfte daher mit mehr Arbeitskonflikten zu rechnen sein. Im Jahr 2025 verzeichnete das Projekt Zabastkom 350 Fälle, in denen Beschäftigte sich für ihre Rechte einsetzten. Die überwältigende Mehrheit davon (274 Fälle) beschränkte sich allerdings auf Belegschaftsappelle an die Behörden, eine typische Ausprägung des Arbeitskampfes der letzten Jahre. Dennoch sind radikalere Formen kollektiven Handelns nicht vollkommen verschwunden: Acht Konflikte waren von Streiks begleitet, zwölf von kollektiven Protestkündigungen (die ebenfalls als eine Form des Streiks betrachtet werden können), weitere acht von Demonstrationen und einer von einer Autobahnblockade. 

Dabei zeigen die Arbeiter*innen, wie der Politiker und Gewerkschafter Oleg Schein in seinem Beitrag auf dem Portal Rabotschaja politika darlegt, trotz der gestiegenen Risiken eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Koordinierung und Selbstorganisation. So fand vor kurzem ein Streik der Taxifahrer*innen des Online-Anbieters Yandex Go zeitgleich nicht nur in mehreren Regionen Russlands statt, sondern auch in Armenien, Belarus, Kasachstan und Usbekistan.

Es wird sich noch zeigen, inwieweit diese zumeist spontanen Proteste dem Gewerkschaftsaufbau Impulse verleihen können. Einerseits beteiligen sich Gewerkschaften selten an solchen Aktionen. Das liegt sowohl an der Prekarität der besonders konfliktbeladenen Sektoren (Baubranche, Dienstleistungssektor, Plattformarbeit), als auch an der Untätigkeit der Gewerkschaftsvorstände und der Vorsicht bzw. den begrenzten Zielsetzungen der Arbeiterschaft selbst. Andererseits könnte die Krise, wenn sie sich weiter zuspitzt und zusätzliche Wirtschaftszweige in Mitleidenschaft zieht, zumindest den etwas weniger bürokratischen Teilen der gespaltenen russischen Gewerkschaftslandschaft neues Leben einhauchen.

Die „alten“ Gewerkschaften

Die russische Gewerkschaftsbewegung ist geprägt von der Spaltung zwischen den „alten“ Gewerkschaften, die in der Nachfolge des Zentralrats der Gewerkschaften der UdSSR entstanden, und den „neuen“, freien Gewerkschaften. Erstere sind in der Föderation der Unabhängigen Gewerkschaften Russlands (Federazija nezavissimych profsojuzow Rossii, FNPR) zusammengeschlossen, die Mehrheit der Letzteren in der eingangs erwähnten Konföderation der Arbeit Russlands (KTR).

In der Sowjetunion waren Gewerkschaften, obwohl sie formal als gesellschaftliche Organisationen galten, faktisch so etwas wie Sozialämter. Deshalb erwarten heute noch viele Menschen von Gewerkschaften eher Urlaubsgutscheine und Neujahrsgeschenke als Unterstützung beim Schutz ihrer Arbeitsrechte.

Meinungsumfragen zeigen regelmäßig, dass Russ*innen den Gewerkschaften gegenüber äußerst skeptisch eingestellt und kaum über deren Aktivitäten informiert sind.

Der kapitalistische Umbau des Landes in den 1990er Jahren ging mit massenhafter Verarmung, katastrophaler Deindustrialisierung und sozialem Chaos einher. Die „alten“ Gewerkschaften verloren ihre Zuständigkeit für die Verwaltung staatlicher Gelder und hätten sich, so schien es, in einem normalen Dachverband westlichen Typs zusammenschließen können. Aber dazu kam es nicht.

Die alte Gewerkschaftsbürokratie, die gegenüber dem Staat und der Arbeitgeberseite traditionell als loyale, paternalistische Kraft auftrat, war auch für die neuen Größen der russischen Wirtschaft, bei denen es sich oftmals um Abkömmlinge desselben Nomenklatura-Milieus handelte, von Nutzen. Anfang der 2000er Jahre schloss die FNPR unter der Führung von Michail Schmakow ein Kooperationsabkommen mit der Regierungspartei Einiges Russland, begann Unterstützungsstatements für Putin abzugeben und befürwortete zudem das neue Arbeitsgesetzbuch, welches Streiks faktisch verbot. Damit sicherte die FNPR sich zeitweise einige Privilegien und einen gewissen Handlungsspielraum innerhalb des autoritären Systems. Doch für ihre Untätigkeit und ihre treue Ergebenheit zahlten diese anerkannten Gewerkschaften mit einer schrumpfenden sozialen Basis. Meinungsumfragen zeigen regelmäßig, dass Russ*innen den Gewerkschaften gegenüber äußerst skeptisch eingestellt und kaum über deren Aktivitäten informiert sind.

Die von der FNPR angegebene Mitgliederzahl von 19 Millionen (gegenüber 54 Millionen 1993) wird von russischen Expert*innen aus Gewerkschaftskreisen angezweifelt. „Die Website der FNPR selbst verrät, dass die Zahlen überhöht sind. Dort gibt es zum Beispiel eine Karte, die den Organisationsgrad der Gewerkschaften nach Föderationskreisen illustriert. Gemäß der Zahlen der staatlichen Statistikbehörde Rosstat zum jeweiligen Föderationskreis kommt man statt auf 19 auf lediglich 13 Millionen Erwerbstätige“, bemerkt einer unserer Gesprächspartner, die aus Sicherheitsgründen alle anonym bleiben möchten. 

Die „neuen“ Gewerkschaften

Die Geschichte der „neuen“ oder freien Gewerkschaften begann mit der Perestroika. Die Unzufriedenheit mit dem Sowjetsystem, einschließlich der offiziellen Gewerkschaften, war damals groß, und im Zuge der Lockerung der staatlichen Kontrolle begannen sich viele Belegschaften selbst zu organisieren. So entstanden unter anderen die Gewerkschaften der Seeleute sowie der Fluglots*innen und Pilot*innen, die den Kern der Konföderation der Arbeit Russlands bilden. Bereits unter Putin traten von der Basis aus gegründete Branchenverbände der KTR bei, darunter die vor allem in der Automobilbranche vertretene Interregionale Gewerkschaft Arbeiter-Allianz (Meschregionalny Profsojus Rabotschaja Assoziazija,MPRA), Utschitel (Lehrkräfte), Dejstwije (Mediziner*innen) und Novoprof (Lebensmittelindustrie und Dienstleistungssektor).

Freie Gewerkschaften suchen häufiger die direkte Auseinandersetzung mit Arbeitgeber*innen, organisieren mehr kollektive Aktionen und erlaubten es sich in besseren Zeiten, die Regierung öffentlich zu kritisieren. Das ideologische Spektrum dieser Gewerkschaften war schon immer bunt und reichte von neutralen bzw. kremlfreundlichen Positionierungen bis hin zu einem Spektrum linker Ideen oder sogar Sympathien für Alexej Nawalny (so etwa in den Anfang der 2020er Jahre vom Regime zerschlagenen Gewerkschaften Allianz der Ärzte und Allianz der Lehrer).

Oft gelang es den neuen Gewerkschaften, ihren begrenzten legalen Handlungsspielraum durch Kreativität und eine erfolgreiche Selbstdarstellung in den Medien zu kompensieren. Ein Markenzeichen der MPRA wurde beispielsweise der nach einem Gewerkschaftsaktivisten benannte „Lesik-Fächer“ – eine clevere Methode, um die unüberwindbaren juristischen Hürden für Streiks zu umgehen.[1] Diese Taktik wurde während der Arbeitskämpfe im Ford-Werk bei Sankt Petersburg entwickelt.

Obwohl sie für ihre Kampfbereitschaft bekannt wurde, blieb die KTR im Vergleich zum bürokratischen Apparat der FNPR eine vergleichsweise kleine Organisation. Bis vor kurzem sprach sie noch von zwei Millionen Mitgliedern, doch ob diese Zahl stimmt, ist fraglich. Derzeit werden auf der offiziellen Website des Dachverbandes lediglich 14 Mitgliedsorganisationen genannt, ohne Angaben zu den Mitgliederzahlen.

Es gibt zahlreiche Gründe dafür, warum die neuen Gewerkschaften weiterhin im Schatten der alten stehen – etwa die Notwendigkeit, eigene Strukturen von Grund auf neu aufzubauen und dabei den Widerstand der Arbeitgeber*innen zu überwinden, der fehlende Rechtsschutz für Aktivist*innen sowie die Atomisierung der postsowjetischen Gesellschaft und ihre mit der Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse einhergehende Deindustrialisierung. Die groß angelegte Invasion der Ukraine hat zu dieser langen Liste ein wesentliches neues Element hinzugefügt, nämlich die Angst vor staatlicher Repression, die in der russischen Bevölkerung immer weiter um sich greift.

Auswirkungen des Krieges

Die Säuberung der öffentlichen Sphäre, zunächst von offenen Kriegsgegner*innen und anschließend von jeglichen Initiativen, die nicht vollständig unter staatlicher Kontrolle stehen, hat sowohl die neuen als auch die alten Gewerkschaften vor existenzielle Fragen gestellt.

Die FNPR unterstützte den Angriffskrieg ohne zu zögern und trat aus dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) aus, nachdem dieser den Einmarsch scharf verurteilt hatte. Die Erster-Mai-Kundgebungen der FNPR standen 2022 unter dem bezeichnenden Slogan: „Za мир! Zа труд! Zа май!“ (Für Frieden! Für Arbeit! Für Mai!). Dabei wurde die nostalgische sowjetische Parole „Frieden, Arbeit, Mai“ mit dem Symbol der russischen Intervention – dem lateinischen Buchstaben Z – kombiniert.

Basisorganisationen der Branchengewerkschaften werden immer häufiger aus den Betrieben verdrängt. Besonders oft geschieht dies in der Rüstungsindustrie, wo Gewerkschaften praktisch verboten sind.

Doch auch die unbedingte Loyalität gegenüber dem Kreml und der Treueid auf den russischen Imperialismus konnten den Dachverband nicht vor dem Verlust an Einfluss und Eigenständigkeit bewahren. Dass der frühere Pakt zwischen dem Kreml und der FNPR nicht mehr besteht, zeigt eine Reihe von Strafverfahren, die die Generalstaatsanwaltschaft mit dem Ziel einleitete, Gewerkschaftseigentum zu verstaatlichen. Davon betroffen sind etwa mehrere Sanatorien im Kurgebiet der Kaukasischen Mineralwässer, der Palast der Arbeit in Sankt Petersburg und der Sportkomplex im Moskauer Bezirk Krylatskoje. Die in diesem Zusammenhang geäußerten Korruptionsvorwürfe spielten offenbar eine entscheidende Rolle beim 2024 erfolgten Machtwechsel an der Spitze des Verbandes. Anstelle des damals 75-jährigen Schmakow, der auf einen rein dekorativen Posten wechseln musste, wurde Sergej Tschernogajew zum Vorsitzenden der FNPR gewählt. „Er gehörte zum Top-Management der Russischen Eisenbahnen [der staatlichen Monopolgesellschaft im Bereich des Schienenverkehrs], wo er für Sozialfragen zuständig war […]. Darüber hinaus ist Tschernogajew Absolvent der ‚Gouverneursschule‘, in der künftige Regionalchefs ausgebildet werden. Im Moment ist er dabei, Schmakows Leute auszutauschen“, berichtete ein weiterer Gesprächspartner aus Gewerkschaftskreisen.

Die Besetzung der FNPR-Spitze mit einem Karrierebeamten machte den Verband noch fügsamer. Gelang es der FNRP früher noch, in der Trilateralen Kommission zur Regelung der Beschäftigungsverhältnisse Zugeständnisse auszuhandeln, zieht sie es heute vor, „keine Wellen zu schlagen“. Deshalb stoßen offen arbeitnehmerfeindliche Initiativen – wie der Gesetzentwurf zur Erhöhung der Überstundengrenze von 120 auf 240 Stunden pro Jahr oder die Legalisierung der sogenannten Plattformarbeit – kaum noch auf Widerstand.

Doch selbst dies bewahrt den Verband nicht vor Repressalien. Basisorganisationen der Branchengewerkschaften werden immer häufiger aus den Betrieben verdrängt. Besonders oft geschieht dies in der Rüstungsindustrie, wo Gewerkschaften praktisch verboten sind. Darüber hinaus geraten Gewerkschaften in den Agrarholdings, wo sie früher, wenn auch zaghaft, noch gewisse Forderungen stellten, unter massiven Druck.

Die KRT positionierte sich zum Überfall auf die Ukraine in den ersten Kriegstagen in Form einer zurückhaltenden Erklärung, die die Parteien zu Frieden und Verhandlungen aufrief. Der Verband vermied dabei jedoch, die Verantwortlichen zu benennen (derzeit ist der Text auf der KTR-Webseite nicht mehr abrufbar, da selbst gemäßigte Kritik an der sogenannten militärischen Spezialoperation gefährlich ist). Einige Anführer*innen und Aktivist*innen des Verbandes, wie etwa sein damaliger Vizepräsident Oleg Schein, verurteilten die russische Aggression unmissverständlich. Schein wurde dafür zum „ausländischen Agenten“ erklärt und gezwungen, das Land zu verlassen.

Dennoch blieben die neuen Gewerkschaften lange weitgehend von Repressionen verschont. Im Gegensatz zu zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die zu „ausländischen Agenten“ oder „unerwünschten Organisationen“ erklärt wurden, blieben die KTR-Gewerkschaften legal, nahmen an der Trilateralen Kommission teil und erhielten sogar geringfügige Subventionen aus dem Staatshaushalt.

Strenge Selbstzensur und die nahezu ausschließliche Ausrichtung auf rechtliche Fragen wurden zur Voraussetzung für das Überleben. Positionierte sich die KTR früher noch als ein durchaus politischer Dachverband sozialdemokratischer Prägung, der stolz auf seine internationalen Verbindungen war, findet sich heute auf seiner Website nicht der geringste Hinweis mehr auf politische Fragen. Es dominieren trockene juristische Themen: Gerichtsurteile, Übersichten zu Gesetzesnovellen, Regeln für die Berechnung diverser Auszahlungen und Ähnliches.

Laut Fachleuten erklärt sich dies nicht nur durch die Angst vor möglichen Repressalien, sondern auch durch das Bestreben, eine Spaltung in den eigenen Reihen zu verhindern, wo in Bezug auf den Krieg eine gemischte Stimmung herrscht.

Einige Aktionen der neuen Gewerkschaften lassen sich als verschleierte Kritik am Militarismus interpretieren. So sprachen Aktivist*innen der Lehrergewerkschaft Utschitel in verschiedenen Regionen des Landes mit Schüler*innen über Arbeitsrechte – und zwar im Rahmen des neuen Schulfachs „Gespräche über Wichtiges“, das eigentlich der militärischen Indoktrination der Jugend dienen soll. Auf diese Weise machten sie auf niedrige Löhne im Bildungswesen aufmerksam, anstatt Propaganda zu betreiben. Andererseits beteiligen sich einzelne Basisorganisationen der KTR aus eigener Initiative an Freiwilligenprojekten zur Unterstützung der Armee.

Die alles durchdringende Angst innerhalb der russischen Gesellschaft wirkte sich natürlich auch auf die Bereitschaft der Menschen aus, den neuen Gewerkschaften beizutreten oder ihr Mitglied zu bleiben. Doch bis zum Angriff auf die KTR im April war die Lage zumindest nicht nur düster.

Die legale Durchführung von Streiks ist bereits seit dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts so gut wie ausgeschlossen und sie finden kaum mehr statt – Rosstat erfasst jährlich zwischen null und einer einzigen solcher Aktionen.

„Hier und da stagnieren die Mitgliederzahlen, woanders geht’s sogar ein bisschen bergauf. Bei der Mediziner-Gewerkschaft Dejstwije entstehen zum Beispiel neue Basisgruppen. Diese organisieren den Teil des medizinischen Personals, der am stärksten proletarisiert ist – Krankenschwestern, Sanitäterinnen, Rettungsteams. Leute, die buchstäblich nichts mehr zu verlieren haben […]. Es steht nicht alles still, aber im Großen und Ganzen geht es darum, zu überleben und die Strukturen zu erhalten. Manchmal eben in einer stark reduzierten Form“, erklärte einer unserer Gesprächspartner.

Zu einem Aufschwung der Arbeitskämpfe kam es auch in der sogenannten Plattformarbeit. So rollten im vergangenen Jahr gleich zwei Streikwellen der Taxifahrer*innen durchs Land; zudem gab es mehr Bewegung bei den Gewerkschaften der Kurierdienste und der Versandplattformen.

Was die Gewerkschaften an den Rand der Existenz bringt, ist vor allem die Tatsache, dass kollektive Aktionen nahezu unmöglich geworden sind. Die legale Durchführung von Streiks ist bereits seit dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts so gut wie ausgeschlossen. Das damals verabschiedete Arbeitsgesetzbuch hat das Prozedere maximal erschwert und zudem Beschäftigten in zahlreichen Branchen, darunter im Transportwesen und in der Wohn- und Kommunalwirtschaft, das Streiken komplett untersagt. „Gesetzeskonforme“ Streiks finden in Russland seitdem kaum mehr statt – Rosstat erfasst jährlich zwischen null und einer einzigen solcher Aktionen.

Die neuen Gewerkschaften waren immer sehr gut darin, die Einschränkungen zu umgehen – man denke etwa an den „Lesik-Fächer“. Doch in den letzten Jahren sind sowohl die Gewerkschaftsführer*innen als auch die einfachen Arbeitnehmer*innen gezwungen, äußerst vorsichtig vorzugehen. Im Rahmen der allgemeinen Kriegsparanoia kann jede kollektive Aktion von den Sicherheitsbehörden als „extremistisch“ ausgelegt werden. Die häufigste Form des Arbeitskampfes sind seit 2022 daher Sammelbeschwerden bei den Behörden oder auch Videobotschaften an die Obrigkeit, in der Hoffnung, damit den Chef zur Räson zu bringen.

Die Versammlungsfreiheit wurde in Russland während der Pandemie endgültig abgeschafft. Die in Moskau und etlichen Regionen eingeführten befristeten Demonstrationsverbote wurden faktisch zu Dauerzuständen, obwohl alle anderen Anti-Corona-Maßnahmen längst aufgehoben wurden. Die Strafen für die Teilnahme an nicht genehmigten Versammlungen sind mittlerweile extrem hoch. So musste Kirill Ukrainzew, ein Aktivist der nicht zur KTR gehörenden freien Gewerkschaft Kurjer (Kurier), für fast anderthalb Jahre ins Gefängnis, weil er die streikenden Kurierfahrer*innen des Unternehmens Mail.ru dazu aufgerufen hatte, sich vor der Firmenzentrale zu versammeln.

Während die Behörden früher auf Kundgebungen und Mahnwachen ohne politische Forderungen weniger empfindlich reagierten, kann inzwischen jeglicher Protest, selbst jener für Arbeitnehmerrechte, brutal aufgelöst werden. „Heute hat das Personal auf einer Baustelle in Archangelsk spontan die Arbeit eingestellt, weil ihre Löhne nicht gezahlt wurden. Die OMON rückte an und nahm zwei Arbeiter fest, die sich auf einem Baukran verschanzt hatten“, nennt einer unserer Gesprächspartner ein aktuelles Beispiel.

Welche Zukunft erwartet die Gewerkschaften?

Der FNPR wird es kaum gelingen, ihren Nutzen für das System erneut unter Beweis zu stellen, denn das Regime betrachtet mittlerweile jede zivilgesellschaftliche Initiative, selbst wenn sie loyalistisch ist und den Krieg unterstützt, als potenzielle Bedrohung. Dabei könnten die „alten“ Gewerkschaften pro forma noch lange fortbestehen, insbesondere im öffentlichen Sektor. Gelegentlich – wie im Fall des jüngsten Streiks beim Straßenbauunternehmen Smolenskawtodor – sind ihre Basisorganisationen sogar in der Lage, die Belegschaften zum Kampf zu mobilisieren. Daraus wird sich aber kaum ein Trend entwickeln.

Was die freien Gewerkschaften angeht, reduziert sich ihre Tätigkeit immer mehr auf die rechtliche Unterstützung ihrer Mitglieder. „Es besteht das große Risiko, dass Gewerkschaften zu reinen Menschenrechtsorganisationen mutieren. Da mehr oder weniger unabhängige Medien schwinden, die Justiz voreingenommen ist und die Behörden auf internationalen Druck pfeifen, werden die Gewerkschaften mit dieser neuen Ausrichtung immer ineffektiver. Für eine Gewerkschaft bedeutet das ihren Tod“, betont ein russischer Experte.

Die Zukunft der freien Gewerkschaften hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, ihre Tätigkeit zu einer kollektiven zu machen – davon sind unsere Gesprächspartner überzeugt. Gewerkschafter*innen organisieren Flashmobs in den sozialen Netzwerken, sammeln Unterschriften für Petitionen oder reichen massenhaft Klagen ein – und verwandeln den individuellen Rechtsweg auf diese Weise in eine Protestaktion. Als eine Option wird auch die massenhafte Einreichung von Kündigungen durch die Belegschaft diskutiert, jeweils mit dem Hinweis, dass diese zurückgezogen werden, sobald bestimmte Forderungen erfüllt sind.

All diese Aktionen verbindet eine Logik – die Logik der Vernichtung jener letzten Strukturen, die noch an Demokratie erinnerten.

Demgegenüber steht ein anderes – unglücklicherweise immer plausibleres – Szenario für die Zukunft, nämlich die gewaltsame Liquidation der Gewerkschaften. Der Angriff auf die KTR im April könnte erst ein Anfang gewesen sein.

Den offiziellen Anlass dafür bot ein Konflikt zwischen der Leitung der Föderalen Gewerkschaft der Fluglotsen und einer der rund hundert Basisorganisationen. Eine typische innergewerkschaftliche Auseinandersetzung um Kompetenzen und die Eckpunkte eines Tarifvertrags in einem Betrieb endete mit dem Ausschluss der „rebellischen“ Gruppe aus der Gewerkschaft. Und eine ehemalige Funktionärin erstattete daraufhin bei der Polizei Anzeige wegen angeblichen Betrugs.

Laut dem zurückhaltenden Statement der KTR fanden Durchsuchungen in Gewerkschaftsräumen im Rahmen von Ermittlungen zu einem Betrugsvorwurf statt. Der kremlnahe Telegram-Kanal Baza schrieb in diesem Zusammenhang von einer „Unterschlagung“ von Spendengeldern für die Armee (obwohl der Dachverband in dieser Frage neutral bleibt, verfolgen einige seiner Mitgliedsorganisationen solche „wohltätigen“ Zwecke). Der ehemalige Vizepräsident der KTR Oleg Schein betont auf Facebook, dass es sich um einen verschwindend geringen Betrag von 52.000 Rubel (rund 500 Euro) handelte, den die aus dem Verband mittlerweile ausgeschlossene Basisorganisation für den Kauf von Medikamenten für russische Soldat*innen verwenden wollte.

Die veröffentlichten Fragmente von Ermittlungsvideos aus dem KTR-Büro und der entlarvende Tonfall, in dem Propagandist*innen sprechen, lassen keinen Zweifel daran, dass die Sicherheitsbehörden mehr als nur die internen Vermögensstreitigkeiten der Gewerkschaften verfolgen. In regierungstreuen Telegram-Kanälen wurden Videos verbreitet, in denen ein Polizist den KTR-Vorsitzenden beschuldigt, im Interesse ausländischer Geldgeber zu handeln. Der Beweis dafür sollen alte Publikationen sein, die einst von USAID gefördert wurden. In diesem Zusammenhang werden auch Verbindungen zur Friedrich-Ebert-Stiftung und zur Rosa-Luxemburg-Stiftung erwähnt.

Vor dem Hintergrund der am selben Tag erfolgten Angriffe auf andere für die russische Zivilgesellschaft bedeutende Institutionen – die Zeitung Nowaja Gaseta und die Menschenrechtsorganisation Memorial – ist die Botschaft des Regimes unmissverständlich.

„All diese Aktionen verbindet eine Logik – die Logik der Vernichtung jener letzten Strukturen, die noch an Demokratie erinnerten (und damit an die Komplexität der russischen Gesellschaft, die sich nicht auf das Modell einer totalitären Einheit reduzieren lässt). Während Memorial die Erinnerung an die [stalinistischen] Repressionen verkörperte und damit die absolute moralische Autorität des Staates infrage stellte […] und die Nowaja Gaseta mit ihren investigativen Recherchen die Sakralität der Macht in der Gegenwart unterminierte, erinnern die unabhängigen Gewerkschaften schon durch ihre bloße Existenz an den Klassenantagonismus, an die tiefe Spaltung der Gesellschaft, die der Putinismus auf eine totale ‚Volkseinheit‘ zu reduzieren sucht“, kommentierte der Historiker und politische Philosoph Ilja Budraitskis die Ereignisse.

Übersetzung von Gegensatz Translation Collective.
 


[1] Dafür werden mehrere Forderungen aufgestellt und eine Abfolge von Streiks zu den jeweiligen Forderungen geplant. Sobald ein Streik durch einen Gerichtsbeschluss untersagt wird, setzt die Gewerkschaft das Unternehmen erst am Abend – außerhalb der Geschäftszeiten der Gerichte – über den nächsten Streik in Kenntnis. Da ein neuer Gerichtsbeschluss erst nach ein bis zwei Tagen vorliegt, kann der Protest fortgesetzt werden, obwohl die vorangegangenen Einzelstreiks bereits für illegal erklärt wurden. (Anm. d. Übs.)

Azamat Ismailov ist unabhängiger Journalist und gewerkschaftlicher Aktivist, der Russland 2022 aus politischen Gründen verlassen musste. In Deutschland engagiert er sich bei der BAG Russischsprachige Linke.

Erstveröffentlicht im Newsletter dere Rosa-Luxemburg-Stiftung
Russische Gewerkschaften

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Die Menschen in Russland, der Ukraine und Belarus haben gemeinsame Interessen“ – Interview mit der Post-Soviet Left

von Perspektive Online

Linke Aktivist:innen aus postsowjetischen Ländern wollen der nationalistischen Spaltung in ihrer Heimat und im westeuropäischen Exil etwas entgegensetzen. Im Interview erzählen sie, was die Menschen in der Region heute miteinander verbindet und wie sie sich trotz starker Repression gemeinsam organisieren.

Die Post-Soviet Left ist eine Organisation linker Aktivist:innen aus Russland, der Ukraine, Belarus, Kasachstan und anderen postsowjetischen Ländern sowie von Menschen mit postsowjetischem Hintergrund, die in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Österreich, den USA, Mexiko und anderen westlichen Ländern leben. Die Organisation versucht, über die nationalistische Spaltung hinweg Klassensolidarität aufzubauen. Außerdem unterstützt die Organisation politische Gefangene, Geflüchtete, Migrant:innen, Deserteure sowie Kriegsdienstverweigerer, vor allem aus Russland und der Ukraine.

Ordnet ihr euch als Organisation einer bestimmten politischen Tradition zu?

Wir sehen uns in der Tradition sozialistischer, internationalistischer und antikapitalistischer Politik. Wir beschreiben uns als eine linke, internationalistische, antimilitaristische und antikapitalistische Organisation, die für internationale Solidarität eintritt und sich gegen Diktaturen und Nationalismus richtet.

Wir sind der Ansicht, dass die Menschen in Russland, der Ukraine, Belarus und anderen postsowjetischen Ländern gemeinsame Interessen haben: Frieden, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Arbeitsrechte, politische Freiheiten und Schutz vor Repression. Unser Ansatz ist antimilitaristisch, antiimperialistisch und in seinen Methoden demokratisch.

Wie analysiert ihr den russisch-ukrainischen Konflikt – sowohl seit Beginn der Invasion im Februar 2022 als auch davor?

Wir verurteilen die russische Invasion der Ukraine und die Verbrechen des Putin-Regimes klar. Die Invasion von 2022 liegt in unmittelbarer Verantwortung des russischen Staates und seiner herrschenden Klasse. Gleichzeitig betrachten wir den Krieg nicht nur als Konflikt zwischen zwei abstrakten Nationen. Wir verstehen ihn als Teil einer umfassenderen politischen und sozialen Krise in Europa und weltweit.

Nach unserer Analyse steht der Krieg im Zusammenhang mit Autoritarismus, oligarchischer Herrschaft, neoliberaler Politik, Nationalismus, rechter Militarisierung, imperialer Konkurrenz und dem Kapitalismus selbst. Wir glauben nicht, dass die herrschenden Klassen unserer Länder allein in der Lage sind, einen gerechten und dauerhaften Frieden herbeizuführen. Der Krieg wird zunehmend unpopulär, während weiterhin gewöhnliche Menschen sterben, verstümmelt werden, ihre Häuser verlieren oder Repressionen ausgesetzt sind.

Wir treten für einen sofortigen Waffenstillstand und einen demokratischen Frieden von unten ein. Ein solcher Frieden muss auf den Interessen der Bevölkerungen beruhen und nicht auf den Eigentums- oder geopolitischen Interessen von Oligarchen, Regierungen oder Militärbündnissen. Er muss zudem tiefgreifende politische Veränderungen in Russland und der Ukraine beinhalten: Amnestie für antimilitaristische politische Gefangene, die Abschaffung repressiver Gesetze, den Schutz der Zivilgesellschaft, Widerstand gegen rechtsextreme Organisationen sowie Unterstützung für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. Langfristig sehen wir die Perspektive im Sozialismus in unseren Ländern.

Was verbindet die Menschen und sozialistischen Aktivist:innen heute in den Regionen der ehemaligen Sowjetunion?

Menschen und sozialistische Aktivist:innen in der postsowjetischen Region sind durch gemeinsame soziale und politische Probleme verbunden: Autoritarismus, oligarchischen Kapitalismus, Armut, Ausbeutung der Arbeit, politische Repression, Zwangsmobilisierung, Nationalismus und die Folgen des Krieges.

Unserer Ansicht nach haben die Menschen in Russland, der Ukraine, Belarus und anderen postsowjetischen Ländern weit mehr miteinander gemeinsam als mit ihren jeweiligen herrschenden Klassen. Die einfachen Menschen zahlen den Preis für Krieg, Sparpolitik, Korruption und Repression. Sie werden an die Front geschickt, zur Flucht gezwungen, wegen ihrer Ansichten inhaftiert oder als billige Arbeitskräfte im Exil ausgebeutet.

Sozialistische Aktivist:innen verbindet zudem die Notwendigkeit, nach Jahren nationalistischer Spaltung die internationale Solidarität wieder aufzubauen. Wir glauben, dass die Linke der Region ein gemeinsames demokratisches Friedensprogramm entwickeln und Netzwerke gegenseitiger Hilfe, politischer Koordination und Solidarität mit denjenigen aufbauen muss, die sich weiterhin Krieg und Repression in ihren Ländern widersetzen.

https://perspektive-online.net/2026/04/kein-ende-in-sicht-neue-eskalationen-und-wachsende-mobilisierungsprobleme-im-ukraine-krieg/embed/#?secret=tJ4qUtRv30#?secret=sWzIJUsss8

Wie sieht eure Arbeit in den Exilländern Westeuropas und anderswo aus? In welcher Form organisiert ihr praktische Solidarität mit Geflüchteten und Wehrdienstverweigerern?

Unsere Arbeit verläuft auf zwei Hauptlinien. Innerhalb der postsowjetischen Region unterstützen wir linke, antimilitaristische und Menschenrechtsktivist:innen, machen auf politische Gefangene aufmerksam und helfen bei der Verbreitung von Informationen über Repression und Widerstand. In Europa erklären wir linken Kräften, Gewerkschaften, Abgeordneten und der Zivilgesellschaft, dass es in den postsowjetischen Ländern eine linke Antikriegsopposition gibt, die Solidarität benötigt.

Im Exil verbinden wir politische Organisierung, öffentliche Kampagnen und praktische Solidarität. Wir organisieren Treffen, Diskussionen, Demonstrationen, Foren, Publikationen und Solidaritätskampagnen. In Deutschland, Frankreich, Polen und anderen Ländern versuchen wir, Migrant:innen sowie politische Geflüchtete aus postsowjetischen Ländern zusammenzubringen und mit lokalen linken, gewerkschaftlichen und antimilitaristischen Strukturen zu vernetzen.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht in der Unterstützung von politischen Gefangenen, Geflüchteten, Migrant:innen, Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern. Wir haben Materialien über linke politische Gefangene in Russland verbreitet, öffentliche Aktionen organisiert oder unterstützt, uns an Kampagnen für Deserteure beteiligt und dazu beigetragen, auf die Situation von Menschen aufmerksam zu machen, die vor Repression oder Zwangsmobilisierung fliehen.

Außerdem haben wir das Projekt „Migrant Collective“ ins Leben gerufen, das Migrant:innen aus postsowjetischen Ländern in der EU unterstützen soll. Zu seinen Zielen gehören Rechtsberatung, Durchführung von Seminaren, Unterstützung bei Konflikten mit unseriösen Arbeitgebern sowie die Schaffung eines Raumes, in dem Migrant:innen Hilfe, Informationen und Solidarität erhalten können.

Bezüglich Deserteuren und Wehrdienstverweigerern fordern wir, dass die Verweigerung der Kriegsteilnahme, Desertion und Entfernung von der Truppe in allen EU-Staaten als legitime Asyl- oder Schutzgründe anerkannt werden. Zudem fordern wir humanitäre Reisedokumente, etwa Laissez-passer-Pässe, für Menschen, die keinen internationalen Reisepass erhalten können, aber einen sicheren Ort erreichen müssen.

Ist es euch möglich, euch in der Ukraine, Russland, Belarus und anderen postsowjetischen Ländern zu organisieren? Wie sehen dort die Repressionsbedingungen aus?

Organisierung innerhalb Russlands, der Ukraine, Belarus und anderer postsowjetischer Länder ist nur unter sehr schwierigen und gefährlichen Bedingungen möglich. Ausmaß und Form der Repression unterscheiden sich von Land zu Land, doch überall stehen unabhängige linke, antimilitaristische und demokratische Aktivitäten unter erheblichem Druck.

In Russland werden Antikriegsaktivist:innen, Linke, Journalist:innen und zivilgesellschaftliche Gruppen durch Gesetze gegen die „Diskreditierung der Armee“, durch Regelungen zu „ausländischen Agenten“, „unerwünschten Organisationen“ und andere repressive Mechanismen verfolgt. Aktivist:innen drohen Haft, Geldstrafen, Überwachung, Exil und Gewalt.

In der Ukraine wird die Situation durch den Krieg, das Kriegsrecht, die Zwangsmobilisierung, Reisebeschränkungen für Männer, Repression gegen oppositionelle Stimmen und das Verbot mehrerer linker und oppositioneller Parteien geprägt. Wir sprechen auch über Übergriffe im Zusammenhang mit der Mobilisierung, einschließlich Gewalt und Misshandlungen durch die Rekrutierungsstrukturen.

In Belarus setzt sich die Repression gegen Menschen fort, die mit den Protesten von 2020 und der demokratischen Opposition in Verbindung stehen. Viele Belarus:innen im Exil haben zudem Dokumentenprobleme, weil der Staat die Möglichkeit eingeschränkt hat, Pässe im Ausland zu verlängern.

Deshalb findet ein Großteil unserer offenen Arbeit im Exil statt. Eine unserer Aufgaben besteht jedoch darin, die Verbindungen zu denjenigen aufrechtzuerhalten, die in der Region geblieben sind, sie nach Möglichkeit zu unterstützen und Mechanismen für Solidarität, Evakuierung, Informationsaustausch und politische Zusammenarbeit aufzubauen.

Welche Aktivitäten entfaltet ihr hier in Deutschland? Wie sind eure Beziehungen zu anderen politischen Gruppen und Organisationen?

In Deutschland organisieren wir öffentliche Veranstaltungen, Demonstrationen, Diskussionen, Foren und Solidaritätskampagnen. Wir nahmen mit einem eigenen Block an der 1. Mai Demonstration in Köln teil, beteiligten uns an antifaschistischen Demonstrationen, organisierten Veranstaltungen in Köln und Hamburg und halfen bei der Organisation des Forums der linken Emigration in Köln im November 2024.

Darüber hinaus haben wir Veranstaltungen zu ukrainischen Kriegsdienstverweigerern, politischen Gefangenen, der Situation von Migranten, dem Krieg in der Ukraine und der Notwendigkeit eines demokratischen Friedens organisiert und unterstützt. Unsere Mitglieder beteiligen sich an öffentlichen Debatten, schreiben Artikel, fertigen Übersetzungen an und erstellen politische Materialien auf Russisch, Deutsch und Englisch.

Unsere Beziehungen zu anderen politischen Gruppen beruhen auf Zusammenarbeit dort, wo Übereinstimmung in antimilitaristischen, antifaschistischen, demokratischen und sozialistischen Grundsätzen besteht. Wir arbeiten mit lokalen linken Initiativen, Gewerkschaftern, Antikriegsaktivisten, Migrantenstrukturen und Organisationen in verschiedenen europäischen Ländern zusammen. Gleichzeitig behalten wir unsere eigene unabhängige politische Linie bei: internationalistisch, antikapitalistisch und gegen Nationalismus von allen Seiten.

https://perspektive-online.net/2025/10/ukraine-krieg-aufruestung-statt-aussicht-auf-frieden/embed/#?secret=nRPlsNxIQL#?secret=c9h1zcO7eL

In Deutschland erleben wir seit Beginn des Ukraine-Krieges eine zunehmende Militarisierung der Politik – etwa durch die Wiedereinführung der Wehrpflicht, Kriegspropaganda durch Politiker:innen und Medien sowie eine stärkere öffentliche Präsenz der Bundeswehr. Wie bewertet ihr diese Entwicklung vor dem Hintergrund der gegenwärtigen imperialistischen Konfrontation in der Ukraine?

Wir betrachten die zunehmende Militarisierung in Deutschland und Europa als Teil derselben gefährlichen Logik, die Osteuropa bereits in eine Katastrophe geführt hat: die Vorstellung, soziale und politische Krisen könnten durch Militärblöcke, Aufrüstung, Disziplinierung und die Vorbereitung neuer Konfrontationen gelöst werden.

Selbstverständlich verurteilen wir die russische Aggression gegen die Ukraine. Gleichzeitig lehnen wir die Vorstellung ab, die Antwort auf diesen Krieg müsse in einer allgemeinen Militarisierung der europäischen Gesellschaft bestehen. Mehr Waffen, mehr Militärpropaganda, eine stärkere öffentliche Präsenz der Armee und die Rückkehr der Wehrpflicht schaffen keinen demokratischen Frieden. Sie normalisieren den Krieg als Dauerzustand und bereiten die Gesellschaft darauf vor, neue Opfer von den Menschen zu verlangen.

Aus unserer Sicht sollte die Aufgabe der Linken in Deutschland nicht darin bestehen, ein imperialistisches Lager gegen ein anderes zu unterstützen, sondern internationale Solidarität von unten aufzubauen. Das bedeutet, Geflüchtete, Deserteure, Kriegsdienstverweigerer, politische Gefangene, Arbeiter:innen sowie Antikriegsaktivist:innen aus Russland, der Ukraine und Belarus zu unterstützen. Es bedeutet auch, sich gegen die Stärkung von Militarismus und Nationalismus in Deutschland selbst zu stellen.

Die wirkliche Alternative ist nicht Passivität, sondern eine demokratische Antikriegspolitik: Waffenstillstand, Schutz für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer, Druck für politische Freiheiten in Russland, der Ukraine und Belarus, Maßnahmen gegen rechtsextreme Organisationen sowie soziale Investitionen statt Militarisierung. Wir sind überzeugt, dass Frieden nur von unten entstehen kann – durch die organisierten Interessen der einfachen Menschen, nicht durch die Konkurrenz von Regierungen, Oligarchen und Militärbündnissen.

Erstveröffentlicht auf perspektive online am 15.6. 2026
Interview mit Soviet Left

Wir danken für das Publikationsrecht.

Erklärung linker Kommunisten Kubas zur drohenden Einführung des Kapitalismus

Gerne veröffentlichen wir die programmatische Erklärung der linken Kommunisten Kubas. Ihre scharfe Kritik der prokapitalistischen repressiven Politik der Regierung Diaz-Canel geht in die richtige Richtung.

Die Erwürgung Kubas durch den imperialistischen Boykott und die falsche Politik der kubanischen Kommunistischen Partei führten Kuba an den Rand des Abgrunds. Nur machtvolle internationale Solidarität und eine politische Revolution der kubanischen Arbeiter und Bauern können die Zukunft der kubanischen Revolution retten.

Erklärung linker Kommunisten Kubas zur drohenden Einführung des Kapitalismus in Kuba

Die kubanische Regierung unter Vorsitz von Díaz-Canel und Kontrolle von Raúl Castro – dessen Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro durch Stellungnahmen in nationalen und internationalen Medien zunehmend an Bedeutung gewinnt – hat offen und ungestraft beschlossen, den Kapitalismus wiederherzustellen. Während alle ausländischen Medien dies klar bestätigen, behauptet die Propaganda der PCC, die neuen Maßnahmen dienten der Stärkung des Sozialismus. 

Lassen Sie uns die wichtigsten Maßnahmen kurz zusammenfassen: die Einführung des Privatbankwesens; die Genehmigung, beliebig viele Unternehmen zu besitzen; private Unternehmen können beliebig viele Mitarbeiter einstellen und diese nach eigenem Ermessen bezahlen; die vollständige Abschaffung des Außenhandelsmonopols; die Auslandsschulden werden durch den Verkauf nationaler Vermögenswerte beglichen; und die Bereiche, in denen der Privatsektor verboten ist, werden auf ein Minimum reduziert. Die Geschichte der Kubanischen Revolution muss aus den Schulen entfernt werden, damit die neuen Generationen nicht erkennen, dass die gegenwärtigen Machthaber die Revolution verraten haben.

Und fast schon lächerlich verkündet der Premierminister freudig, dass er die großen Fast-Food-Ketten einlädt, sich in Kuba anzusiedeln: Das hundertjährige Jubiläum des Oberbefehlshabers werde mit Colonel Sanders gefeiert. 

Raúl Rodríguez Castro behauptet, dieses Maßnahmenpaket diene der Förderung des Sozialismus, und seine Gegner seien Konservative. Ein Abgeordneter argumentiert, Sozialismus sei „für Arme und Reiche“. Diese Rhetorik erinnert an die sowjetischen Bürokraten, die, als die Restauration des Kapitalismus offensichtlich wurde, weiterhin logen und behaupteten, es handele sich um sozialistische Maßnahmen.

Dieses neue Sparpaket, das in Wirklichkeit nur die Ankündigung des Übergangs zum Kapitalismus darstellt, ebnet den Weg für die uneingeschränkte Bereicherung des Militärs und der technokratischen Führung. Sie werden die Überreste der Staatsbetriebe unter sich aufteilen, und wir werden den Aufstieg einer großen, regierungsfreundlichen Oligarchie erleben. 

Diese Maßnahmen sagen jedoch nichts über politische Freiheiten aus. Es geht darum, das chinesische Modell fortzuführen: dieselbe bürokratische Führung, die eine kapitalistische Wirtschaft lenkt. Die Repression wird weitergehen. Es ist unmöglich, den Kapitalismus wiederherzustellen, ohne die Arbeiterklasse zu unterdrücken. 

Unterdessen brechen in den Straßen Havannas jede Nacht Proteste aus. Es geht nicht nur um Not, sondern vor allem darum, dass sie keinerlei Verbindung zur Regierung haben. Als die kubanische Revolution siegte, verteidigten jene Arbeiter und Bauern, die zu den Waffen griffen, um einer möglichen Invasion der USA entgegenzutreten, die Errungenschaften, die sie durch Fidel Castros Führung erlangt hatten. Heute mögen diese Errungenschaften für die kubanische Jugend wie bloße politische Propaganda erscheinen, doch für den landlosen Bauern, den armen Arbeiter, den Analphabeten, denjenigen, der sich nie ein Universitätsstudium vorstellen konnte, denjenigen, der wusste, dass er nicht aus seinem Zuhause vertrieben werden würde – für sie alle bedeutete die Revolution die unmittelbare Verbesserung ihrer Lebensumstände, und sie zu verteidigen bedeutete, ihre Interessen zu verteidigen. Doch während die kubanische Gesellschaft heute zusehen muss, wie ihre Machthaber im Luxus leben, sich bereichern und – schon wieder – einseitige Maßnahmen ergreifen, von denen sie selbst bezweifeln, dass sie ihnen nützen werden, sieht sich die Bevölkerung mit einer Realität konfrontiert: Löhne reichen nicht einmal für die Woche, Stromausfälle dauern länger als einen Tag, Müllberge blockieren die Straßen, und vielerorts müssen sie notgedrungen mit Holz kochen. Es gibt fast keinen öffentlichen Nahverkehr mehr, Hunger und einen katastrophalen Mangel an Medikamenten und sogar an grundlegenden medizinischen Hilfsmitteln wie Stethoskopen. Und es gibt keinen Ausweg. Ihnen zu erzählen, dass alles die Schuld am Embargo sei, ist ein schlechter Witz. Während das Land immer tiefer in Dunkelheit versinkt, verkauft die Regierung Solaranlagen. Während Mütter nichts haben, um ihre Kinder zu ernähren, veröffentlicht das offizielle Medienportal Cubadebate Werbung für ein Molkereiunternehmen. Für diese kubanische Mehrheit gibt es keinen Grund, die kubanische Regierung zu verteidigen. Sie können sich kaum eine schlimmere Zukunft vorstellen – auch wenn es eine geben mag. 

Die Regierung von Díaz-Canel scheint im Ausland mehr Unterstützung zu genießen als in Kuba selbst. Sie wird sowohl von Reformern als auch von Stalinisten unterstützt – zwei Seiten der Konterrevolution. Ebenfalls aus dem Ausland versuchen Verwandte und Strohmänner kubanischer Bürokraten nicht nur die Kommunistische Partei Kubas und den Übergang zum Kapitalismus zu verteidigen, sondern auch freundlicher und weniger aggressiv zu wirken als früher. Sie wollen ihre repressive Vergangenheit auslöschen. 

Diejenigen, die die kubanische Regierung heute verteidigen, sind privilegierte Einzelpersonen, die sich eng an die Kommunistische Partei binden, um nicht von der Masse mitgerissen zu werden. Sie wollen, wie schon die Bourgeoisie vor ihnen, ihre Privilegien nicht verlieren. Sie, die sich bereits offen für den Übergang zum Kapitalismus aussprechen, werden nicht zögern, Kuba dem Imperialismus auszuliefern.

Nach einem Treffen zwischen Vertretern der USA und der ASEAN, bei dem es ausschließlich um Kuba ging, traf der vietnamesische Außenminister in Havanna ein. Hanoi gehörte zu den wenigen Ländern, die sich Donald Trumps militaristischer Plattform, dem „Friedensrat“, anschlossen. Ein Machtwechsel wird verhandelt. Alles ist möglich. Die kubanische Regierung ist lediglich am Machterhalt interessiert und nicht am Schutz der Arbeiterklasse, die sie angeblich vertritt.

Dieses Szenario des Übergangs zum chinesischen Modell, gekennzeichnet durch Massenproteste, wurde von den Kommunisten Kubas seit unserer Gründung vorhergesagt. Vor diesem Hintergrund halten wir an unserem politischen Programm fest und aktualisieren es:

1.  Unterstützung von Volksprotesten, um diese zu einer politischen Revolution zu führen, die die Arbeiterklasse an die Macht bringt.

2.  Beenden Sie die von Trump verursachte Blockade und alle US-Sanktionen gegen Kuba.

3.  Veröffentlichung der Verhandlungsinhalte mit den Vereinigten Staaten und anderen imperialistischen Mächten. Schluss mit der Geheimhaltung in der Außenpolitik unseres Landes, insbesondere bei Maßnahmen, die die Arbeiterklasse unmittelbar betreffen.

4.  Prozess gegen die repressiven Bürokraten, die durch ihre Misswirtschaft die kubanische Arbeiterklasse verraten, unterdrückt und betrogen haben.

5.  Wir rufen die internationalistischen marxistischen Organisationen dazu auf, sich mit der kubanischen Arbeiterklasse zu solidarisieren, sei es durch die Organisation von Solidaritätskampagnen oder durch die Forderung nach politischen Freiheiten, und gleichzeitig auf die Bildung einer geeinten antiimperialistischen Front hinzuarbeiten.

Quelle: https://www.comunistascuba.org/2026/06/nuestro-programa-ante-la-transicion.html

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