Zeit für Widerstand – GenZ regelt das!

Achtung Termin geändert!

Bundesweiter Protest der Generation Z am 31. Oktober 2026,

Berlin 16:00 14:00 Uhr, Brandenburger Tor

Gegen kaputte Schulen, Krieg, Wehrpflicht, Genozid, Rassismus, Sozialkürzungen, teures Leben, niedrige Löhne ….“Unsere Zukunft ist für den Arsch“
Hier Link zur zentralen bundesweiten Website der Veranstalter. Für Berlin haben bereits bis 28.10. 18 Uhr knapp 9000 Menschen ihre Teilnahme hier fest zugesagt. 

Bereits in über 23 Städten wird zu Demonstrationen aufgerufen. Die Rechte mobilisiert eine Hetzkampagne dagegen. Gut zu sehen, wer sich gegen die Interessen der Jugend wendet und sie in die Pfanne haut. Hier das zentrale Positionspapier – Gen Z regelt!

Bundesweiter Protest der Generation Z am 31. Oktober 2026

Wer wir sind

Am 31. Oktober gehen wir als Generation Z in ganz Deutschland auf die Straße – und wir laden euch ein, uns dabei zu unterstützen. Wir sind junge Menschen, die nicht länger zusehen wollen, wie über unsere Zukunft entschieden wird, ohne dass wir gehört werden. In Frankreich, Belgien und Spanien protestieren Jugendliche bereits. Der Funke istb nach Deutschland übergesprungen: Erste Solidaritätsaktionen mit denbSchüler:innenprotesten in Frankreich haben schon stattgefunden.

Was uns bewegt

Wohin wir auch schauen, sehen wir Krisen und kaum eine Perspektive für uns:

  • Kaputte Schulen und Sparkurs: Gespart wird bei Bildung, Sozialem, Kultur und Gesundheit. Suchtkliniken für Jugendliche schließen, Psychotherapie ist für viele kaum noch erreichbar.
  • Steigende Lebenshaltungskosten: Preissteigerungen, hohe Steuern und Armut belasten viele Menschen im Alltag – ihre Sorgen bekommen zu wenig
    Aufmerksamkeit.
  • Ungerechte Lastenverteilung: Die Kürzungen gehen auf unseren Rücken, während Großunternehmen weiter profitieren und Milliarden in Aufrüstung
    fließen.
  • Wehrpflicht und Musterung: Wir sollen für Kriege ausgebildet werden, über die wir nie mitentschieden haben.
  • Mehr Überwachung: Der Überwachungsapparat wird immer weiter ausgebaut.
  • Fachkräftemangel: Er verschärft die Probleme in Schulen, Pflege und Gesundheitsversorgung.

Wofür wir stehen

  1. Überparteilich und gemeinsam: An diesem Tag stellen wir politische Differenzen zurück und stehen gemeinsam für die Menschen ein, nicht für eine Partei. Unsere gemeinsamen Probleme sind wichtiger als das, was uns trennt.
  2. Kritik an der politischen Führung: Wir kritisieren Entscheidungen der Politik, egal welche Partei dahintersteht. Viele Kräfte stellen sich als einzige Lösung dar, obwohl ihre Politik unsere Zukunft gefährdet. Keine Partei steht über den Sorgen der Bevölkerung.
  3. Einheit statt Spaltung: Wir stehen für alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder politischer Meinung. Wir wollen zusammenbringen, statt uns gegeneinander aufbringen zu lassen.
  4. Eine Stimme für die Jugend: Wir Jugendlichen werden vernachlässigt und ignoriert. Das wollen wir ändern.

Was wir wollen

Wir fordern eine Politik, die in Bildung, soziale Sicherheit, Gesundheit un bezahlbares Leben investiert – statt bei der jungen Generation zu sparen. Wir wollen mitbestimmen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird.


Der 31.10. ist erst der Anfang. Dauerhafte Probleme brauchen mehr als einen Protesttag. Wir wollen langfristig etwas verändern und auch danach weitermachen.

Unser Aufruf an euch

Wir suchen Organisationen, Vereine und Initiativen, die unsere Anliegen teilen. Unterstützt uns, indem ihr den Protest am 31. Oktober bekannt macht, mit euren Mitgliedern teilnehmt oder uns mit Erfahrung und Ressourcen helft. Gemeinsam zeigen wir: Ohne uns läuft die Zukunft nicht!

Jetzt ist eure Zeit zu handeln, Genz!

Die „Berliner:innen“ schreiben:

KAPUTTE SCHULEN, WEHRPFLICHT, PREISSTEIGERUNG, SOZIALKÜRZUNG, ÜBERWACHUNG, RECHTSRUCK – ZEIT FÜR WIDERSTAND

Die Krisen des Kapitalismus spitzen sich zu und die Regierenden kürzen lieber am Sozialen und an der Bildung. Dazu kommt aufrüsten, überwachen und tatenlos zusehen, wie der Rechtsruck immer gefährlicher wird. Wir sagen: nicht mit uns!
Wir lassen uns unsere Zukunft nicht kaputtkürzen. Es ist Zeit für echten, solidarischen Widerstand von unten!

GENZ REGELT DAS

P.S.: Am 31.10. ist letzter Schulferientag…

Rechts stellt sich gegen die Jugend. Skandalös der Antrag der Stuttgarter CDU.

Eine Woche vor den angekündigten Protesten der Initiative ,,Gen-Z-regelt“ will die Gemeinderatsfraktion in Stuttgart ein Verbot der dortigen Demonstration prüfen lassen. Schon zuvor hatte der Innenminister von Baden-Württemberg, Manuel Hagel (CDU), die Proteste in die Nähe von Plünderungen in Frankreich gerückt und scharf kritisiert.
Auch andere CDU-Politiker und Medien hatten die Proteste gegen Wehrpflicht, Kürzungen, steigender Überwachung und steigender Lebenshaltungskosten angegriffen.

Laut Bundesinnenministerium stehen zu dem Tag Behörden in Deutschland auch im Kontakt mit der Polizei in Frankreich und Italien. In beiden Ländern hatte es, Berichten zufolge, verdeckte Polizeieinheiten gegeben, die Gewalt provozierten.
Für den 31. Oktober sind mittlerweile in 23 Städten Proteste angekündigt. Laut den Organisatoren sollen sich bereits über 100.000 Menschen für den 31. Oktober angekündigt haben. Die gröẞten Demos finden demnach in Stuttgart, Erfurt und Köln statt.

Wir vom Forum Gewerkschftliche Linke Berlin meinen: Berlin und Hamburg haben da noch viel Luft nach oben.
Es sind aufregende Zeiten. Die Termine überstürzen sich. Schon am Vormittag wird gegen eine eingehegte „linke“ Regierungskoalition [1] https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/kundgebung-31-10-26-was-die-linke-versprochen-hat-und-was-jetzt-im-sondierungspapier-steht/ in Berlin protestiert. Solidarität zählt nur, wenn sie grenzenlos ist. Die Ausgrenzung von Palästinasolidarität ist der Versuch, jeglicher Solidaritätsbewegung das Rückgrat zu brechen. Gerade deshalb auch: kommt zusammen und Auf zum Brandenburger Tor am 31. Oktober!

PS1. Viele fragen sich, wer steckt denn hinter dieser Bewegung GenZ. Es handelt sich wohl eher um eine Graswurzelbewegung. Das kann erfolgreich sein. Das zeigen zum Beispiel die Erfahrungen mit Gaza United. Der Ansatz ist richtig. Antikapitalistisch, sich nicht von der Mitte, schon gar nicht von Rechts vereinnahmen lassen und internationalistisch in die Proteste eingebettet. Die Jugend verliert die Lust an diesem System. Nicht immer ist ein Bündnis mit hunderten alt bekannter Organisationen erfolgreicher. Wenn viele mit den richtigen Auffassungen kommen gilt: Wer wagt gewinnt.

PS2. Die Junge Union Berlin-Mitte will auf die Schülerproteste und Jugendlichen die Bundeswehr hetzen.

„Am 31.10. sollen die sogenannten ‚Schüler‘-Proteste in Berlin stattfinden. Paris hat gezeigt, was Hasser der freiheitlichen, demokratischen Welt anrichten“, schreibt die Jugendorganisation der CDU zu einem Instagram-Beitrag. „Wir fordern, vorsorglich die Bundeswehr zur Verteidigung unserer freiheitlichen Ordnung hinzuzuziehen. Um Terror wie in Paris zu verhindern.“

Damit dürfte klar sein, was den Wehrpflichtigen in Zukunft auch noch blühen könnte: Schießbefehl auf nicht parierende Jugendliche.

PS3. Wer den Kriegskurs unterstützt, ist für ein marodes Bildungssystem mitverantwortlich. Sollte eigentlich jeder und jedem klar sein.

Frankreich: Aufruf von 56 Organisationen zu einem Monat der Mobilisierung gegen jegliche Waffenlieferungen an Israel

Seit drei Jahren findet in Gaza ein Völkermord statt, während sich im Westjordanland die Abriegelung des Gebiets, die ethnische Säuberung, die rasante Kolonisierung und die brutale Unterdrückung durch die israelische Besatzungsmacht beschleunigen. Dieser Völkermord wird insbesondere durch die Entmenschlichung des palästinensischen Volkes und durch die Tatsache ermöglicht, dass zahlreiche Regierungen weltweit Israel völlige Straffreiheit gewähren und gleichzeitig die militärische Zusammenarbeit sowie den Waffenhandel mit Israel zulassen.

Diese Komplizenschaft ermöglicht es Israel, die gesamte Region in Schutt und Asche zu legen, aber auch seine eigenen, an der Zivilbevölkerung „kampferprobten“ Militärtechnologien in den Rest der Welt zu exportieren. Obwohl Emmanuel Macron und seine aufeinanderfolgenden Minister das Gegenteil behaupten oder versuchen, die Tatsachen herunterzuspielen, exportiert Frankreich jedes Jahr im Durchschnitt militärisches Material im Wert von 20 Millionen Euro nach Israel, ganz zu schweigen von zivil-militärisch doppelt nutzbarem Material oder Software – unter Verstoß gegen internationale Verträge

(Waffenhandelsvertrag, den Frankreich zudem unterzeichnet hat…) und gegen Resolutionen der Vereinten Nationen (insbesondere die vom 18. September 2024, für die Frankreich sogar gestimmt hat). Unabhängig davon, ob dieses Material als angeblich „defensiv“ oder „offensiv“ eingestuft wird, wird es dazu genutzt, die Straffreiheit Israels zu festigen und ihm die Begehung eines Völkermords zu ermöglichen.

Im April 2026 belegte der Bericht von „People’s Embargo for Palestine“, von „Palestinian Youth Movement“ und „Urgence Palestine“ – im Anschluss an mehrere Enthüllungen von „Disclose“ und Recherchen von Bürgerinitiativen – (1) , dass der französische Staat seit Oktober 2023 mehr als 525 Lieferungen von Militärmaterial an Israel genehmigt hat: Munition, Teile für Kampfdrohnen, für den Nachtkampf, für gepanzerte Fahrzeuge, für Kanonen … All dieses Material ist notwendig, damit die von Israel eingesetzten Waffen tödlich wirken können.

Bis heute haben unsere Organisationen mehr als 75 Unternehmen identifiziert, die rüstungsbezogene Beziehungen zu Israel unterhalten (Exporte, Importe, verschiedene Kooperationen …). Diese nach Israel gelieferten Waffenkomponenten werden über Straßen, Häfen und Flughäfen transportiert. Auch hier entscheiden sich Unternehmensleitungen dafür, diese Aufträge anzunehmen und auszuliefern, und setzen sich dabei über das Gewissen der Beschäftigten, die Stellungnahmen der Gewerkschaften, die Warnungen der Zivilgesellschaft und das Völkerrecht hinweg.

Trotz der Lügen der französischen Regierungen, die sich in den letzten drei Jahren abgewechselt haben, und des schuldhaften Schweigens der Unternehmensführungen ist es durch die Mobilisierung der Bevölkerung gelungen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, die Teilnahme israelischer Unternehmen an bestimmten Rüstungsmessen ganz oder teilweise zu verbieten, und ein erstes Unternehmen wurde gezwungen, den Export von Teilen für Militärdrohnen einzustellen.

Wir danken allen, die sich in den letzten drei Jahren in Solidarität mit dem palästinensischen Volk und für die Beendigung des Waffenhandels zwischen Frankreich und Israel engagiert haben.

Die Gewerkschaften haben durch ihre Stellungnahmen, ihre Weigerung, Waffen zu verladen, ihre Kundgebungen oder Streiks dazu beigetragen, Druck auf ihre mitschuldigen Arbeitgeber und den französischen Staat auszuüben. Wir sind überzeugt, dass wir nur dank des Zusammenschlusses von Arbeitnehmer*innen, politischen Kräften und zivilgesellschaftlichen Bewegungen Erfolg haben und diesem Handel ein Ende setzen können.

Diese Unternehmen, die Israel bewaffnen, sind im gesamten Staatsgebiet, in allen Departements ansässig. Der Völkermord wird ganz in unserer Nähe vorbereitet. Deshalb rufen wir alle Mitglieder unserer Organisationen, Vereine, Kollektive, Gewerkschaften und politischen Parteien, die das palästinensische Volk unterstützen, sowie alle Menschen mit Gewissen dazu auf, sich im Oktober 2026 an einem Aktionsmonat gegen die Bewaffnung Israels in ganz Frankreich zu beteiligen.

Diese Aktionen können vor Ort vielfältige Formen annehmen, mit dem Ziel, Verbindungen zu den Beschäftigten und ihren Gewerkschaften zu knüpfen, Druck auf die Verantwortlichen dieser Unternehmen auszuüben oder die aktive Komplizenschaft Frankreichs beim Völkermord in Palästina anzuprangern. Weitere Aktionen könnten im gleichen Zeitraum in ganz Europa stattfinden. Gemeinsam haben wir die Macht, jegliche militärische Zusammenarbeit und jeglichen Waffenhandel zwischen Frankreich und Israel zu beenden!

Initiiert von:
Association France Palestine Solidarité (AFPS) – BDS France – SAIF – Urgence Palestine (UP)

Unterzeichner

Gewerkschaften
CGT, CNT, Confédération Paysanne, FSE, FSU,
UNEF, Union syndicale Solidaires, Sud aérien,
CGT STMicroelectronics, Syndicat des avocats de France

Verbände und Organisationen der Zivilgesellschaft

Association des Travailleurs Maghrébins de France (ATMF), AJPO, APPEL-Égalité, Argenteuil Solidarité Palestine, Aser, ATTAC France, FASTI, Femmes plurielles, Forum Palestine Citoyenneté, JURDI, Mouvement pour une alternative non violente (MAN), Survie, Tsedek !, Union juive française pour la paix (UJFP)

Politische Parteien

Association nationale communiste (ANC), Génération.s, L’Après, Les Écologistes, LFI (La France Insoumise), NPA-L’Anticapitaliste,
PCF (Französische Kommunistische Partei), PIR (Partei der Indigenen der Republik), PM (Perspectives musulmanes), Le Poing Levé, Ökologische Revolution für das Lebendige (REV), RCGA (Kooperatives Netzwerk der alternativen Linken), UCL (Libertäre Kommunistische Union), Verts Populaires

Bürgerinitiativen

Blouses Blanches pour Gaza, CJACP, CMPK (Mobilisierungsgruppe Paris für Kanaky), Kollektiv Solidarität mit Palästina Martigues, Kollektiv 69 zur Unterstützung des palästinensischen Volkes, Kollektiv für den Libanon, Studierende mit Gaza, Extinction Rebellion, Krieg gegen den Krieg, Journalisten in Solidarität mit Gaza, KESSEM, Marseille Gaza Palästina (MAGPAL), Wir alle, Reporter in Solidarität, Samidoun, Les Soulèvements de la Terre, Union Palestine Marseille, Akademiker mit Gaza, Vietnam Dioxin, Young Struggle

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(1) SiG-Red.: Untersuchungsbericht, 60 Seiten S.auch: – https://www.embargoforpalestine.com/press
https://agencemediapalestine.fr/blog/2026/04/07/exportations-militaires-francaises-vers-israel-deux-ans-et-demi-de-mensonges/

https://disclose.ngo/en/investigations/french-arms

https://www.france-palestine.org/Appel-de-56-organisations-a-un-mois-de-mobilisation-contre-tout-transfert-d

Übersetzung: SiG-Redaktion, https://www.sand-im-getriebe.org/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Friede den Privilegierten?

Europa muss den eigenen Bedeutungsverlust anerkennen.

Von Tsafrir Cohen

Es herrscht Krieg in Europa. Seit bald fünf Jahren stehen wir mit unseren Partner:innen der vom Krieg geplagten Bevölkerung in der Ukraine zur Seite. Seit bald fünf Jahren ringen wir bei medico darum, uns der sich ausbreitenden Logik des Krieges zu widersetzen. Vergebens. Denn dem deutschen Diskurs der Gegenwart fehlt – wie der jüngst verstorbene Jürgen Habermas entsetzt feststellen musste – jedes „Moment des Erschreckens vor den Folgen eines jeden Kriegs“. Stattdessen erleben wir die schleichende Normalisierung des Ausnahmezustands. Krieg wird nicht mehr als das absolut letzte, verzweifelte Mittel der Politik verstanden, sondern als valides Instrument der Geopolitik. Ob in der Ukraine, im Iran oder in Venezuela: Militärische Gewalt wird zur legitimen Währung im internationalen System, das internationale Recht wird ungeniert unterwandert.

Es ist eine dystopische Zeitenwende. Der Krieg der Gegenwart erscheint auch deshalb führbar, weil die algorithmische Präzision von Killerdrohnen und künstlicher Intelligenz suggeriert, dass er ein zunehmend automatisiertes Geschehen ist. Diese neue Dimension des Kriegs schafft eine maximale Anonymisierung und eine historisch beispiellose Distanz zwischen militärischen Entscheider:innen und ihren Gegner:innen – und der Zivilbevölkerung. Die Folgen lassen sich in Gaza beobachten: eine technisierte Kriegsführung, die das Leiden der Menschen in die Abstraktion einer virtuellen Realität verbannt und genau dadurch den massenhaften Tod von Zivilist:innen ermöglicht. 

In der Ukraine ist es ganz anders und doch gleich, denn überall ist der Krieg für die Betroffenen mitnichten ein unpersönliches Computerspiel. Das Grauen findet seinen Ausdruck in den Hunderttausenden, die an der Front ums Leben kommen; in ihren trauernden Angehörigen; in den Millionen Geflüchteten und Binnenvertriebenen, deren Dasein bei sinkender internationaler Solidarität immer prekärer wird; in dem verzweifelten Versuch junger Männer, sich dem Krieg zu entziehen.

Ein deutscher Offenbarungseid

Der russische Überfall auf die Ukraine hat in Deutschland eine Kriegslogik in Gang gesetzt, die sich längst von ihrem Ursprung – der Solidarität mit den Angegriffenen – entfernt hat. Aufrüstung dient zur Modernisierung einer ins globale Hintertreffen geratenen deutschen Industrie und ist Legitimationsbeschafferin einer politischen Klasse, der zu den globalen Herausforderungen der Klimakatastrophe und der wachsenden sozialen Ungleichheit nichts mehr einfällt. Warfare statt Welfare. Krieg statt Wohlfahrt. Von Abrüstung und Diplomatie keine Spur. 

Wie Schlafwandelnde schlittern wir immer weiter in eine Aufrüstungsspirale, deren Folgen irreparabel sein können. Abwägende Stimmen sucht man in dieser neuen bellizistischen Welt vergebens. Wer nicht mitmacht, und sei es der ehemalige Fraktionsvorsitzende der regierenden SPD, Rolf Mützenich, wird ignoriert oder marginalisiert.

Auch für die EU ist der Ukraine-Krieg zum Paradigma geworden, mit dem man den politischen Umbau legitimiert. Nicht mehr ein wohlfahrtsstaatliches, sondern ein hochgerüstetes Europa steht auf dem Plan der Eliten. Dabei geht es nicht mehr nur um die russische Gefahr, sondern um ein Europa, das in der regellosen Wolfswelt mit neuer militärischer Stärke bestehen soll. In Milo Raus Theaterstück „Antigone im Amazonas“ mahnt der indigene Philosoph Ailton Krenak: „Es hängen Zeichen über unseren Köpfen“. Er liest sie als Zeichen des Untergangs. Er bezweifelt, dass die Europäer:innen mit ihrem Bedeutungsverlust, dem Untergang eines Selbstverständnisses der Überlegenheit umgehen können. Seine Zweifel sind berechtigt. Wie oft haben wir auf diesem Kontinent, von dem die Kolonisierung, der industrielle Massenmord und zwei Weltkriege ausgingen, geglaubt, dass wir aus diesen Verbrechen geläutert hervorgehen und etwas gelernt hätten?

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ein Europa, das keine Alternative zur Militarisierung sieht, verspielt neben dem Frieden auch die Demokratie und die Errungenschaften der letzten 80 Jahre, die in mühsamen Kämpfen, in heftigen Debatten und schwierigen Verständigungsprozessen erarbeitet wurden. Die Angst vor den russischen Kriegsdrohungen bis hin zum Atombombeneinsatz ist nachvollziehbar. Aber geht es hier wirklich nur um die Angst vor einem militärischen Angriff aus Moskau? Oder auch um eine Überlegenheitsfantasie, die mit dem antirussischen Feindbild legitimiert wird? Der russische Revanchismus treffe auf einen „ziemlich orientierungslosen“ Westen, der sich über seinen „relativen Abstieg“ keine Rechenschaft ablege und „regressiv an einem überholten politischen Selbstverständnis“ festhalte, sagte Habermas zwei Jahre vor seinem Tod.

Heute verstehen wir zwar, dass die Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, zu Ende geht. Aber glauben wir nicht trotzdem an die Möglichkeit ihrer Wiederherstellung? An eine Vorstellung eines sehr europäischen Friedens, eines Friedens derer, die das Recht auf Ausbeutung des Rests der Welt besitzen? Ist es nicht dieser Frieden, den man auch regelbasierte Ordnung unter westlicher Hegemonie nennen kann, den wir zurückhaben wollen – wenn nötig mit kriegerischen Mitteln? Aber das ist kein Frieden für alle. Es ist ein Frieden der Privilegierten gegen den Rest der Welt. Um das zu begründen, bemühen wir große Worte und viel Moral. Im Kern: Wir müssen gewinnen, weil wir die Guten und die anderen die Bösen sind.

Handeln aus dem Abseits

Bisher gelingt es nicht, aus dieser Logik auszutreten. Zu sehr hat man der Öffentlichkeit weisgemacht, dass entweder der Sieg über Putin oder aber der russische Angriff auf die NATO unmittelbar bevorsteht. Und dass nur ein Sieg den Frieden bringt. Ukrainische Kampfdrohnen in Moskau führen zu Drohnen auf dem Leipziger Flughafen – und umgekehrt? Die nächste Eskalationsstufe ist gezündet. Es ist erstaunlich, dass es trotz der europäischen Geschichte keine Idee davon gibt, wie schnell das alles in etwas Unkontrollierbares umschlagen kann.

Eine Abkehr von der Kriegslogik beginnt damit, dass wir verstehen, dass sie nicht alternativlos ist und dass wir uns von der realexistierenden Machtlosigkeit nicht beugen lassen müssen. Statt uns ohnmächtig abzuwenden, sollten wir genau hinschauen. Radikale Zeugenschaft ist durchaus mit Risiken behaftet, erst recht wenn sie auch politisch handelt. Die beiden zu Tode gekommenen Demonstrant:innen in Minneapolis, die einen Einsatz der paramilitärischen ICE-Truppen gegen Migrant:innen aufzuhalten versuchten, sind ein Beispiel. Die älteren Demonstrant:innen von Palestine Action, die reihenweise in britischen Gefängnissen landen, ein anderes. Ihre Blockaden und Sachbeschädigung an für Israel bestimmten Waffen sind aus Sicht des Staates Terrorismus. 

Von den Menschen in der Ukraine und in Russland, die sich dem Krieg auf vielfältige Weise entziehen, lässt sich ebenso lernen. Wer die Videos verfolgt, wie Passant:innen in der Ukraine junge Männer vor der Zwangsrekrutierung schützen, kann verstehen, wie der Widerstand einzelner zum Moment einer gemeinsamen Verweigerung werden kann.

Dabei herrscht jenseits des politischen Berlins auch hierzulande kaum Kriegsbegeisterung. Die Bundesregierung hat neulich die Zahlen zur Kriegsdienstverweigerung zur Verschlusssache erklärt. Die Einsicht der jungen Generation in die Abscheulichkeiten des Krieges, die ihren Ausdruck auch in den bundesweiten Schüler:innenstreiks gegen die Wehrpflicht findet, soll nicht andere anstecken. Zum Glück haben sich die bundesrepublikanischen Lebenswelten viel enger mit der Welt verknüpft als noch vor einigen Jahrzehnten. Millionen Freundschaften, familiäre und Liebesbeziehungen kennen keine nationalen oder ethnischen Grenzen: Viele Deutsche – ob mit oder ohne Migrationsgeschichte – sind in der Welt zu Hause und wollen kein Leben ohne diese Welt.

Frieden lässt sich heute nur internationalistisch denken. Er umfasst das gleiche Recht auf ein Leben in Frieden für alle Bewohner:innen dieser Erde. Dafür müssen wir hierzulande unsere Überlegenheitsfantasien verlernen. Eine jedwede Friedensordnung beginnt bei denen, die am verletzlichsten sind: bei den Menschen in den Kriegs- und Ausgrenzungszonen, bei der geschundenen Natur. Die Alternative zu dieser neuen, vielleicht utopisch scheinenden Ordnung ist der Krieg, der sich in jeden Winkel des Planeten ausbreitet. Alternativlos ist also nur der Frieden.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 03/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Tsafrir Cohen (Foto: Christoph Boeckheler)

Tsafrir Cohen ist Geschäftsführer von medico international. Bis 2014 war er hier für Projektkoordination und Öffentlichkeitsarbeit zu Israel und Palästina zuständig. Danach hat er bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Regionalbüros geleitet: zunächst Israel, dann Großbritannien und Irland. (Foto: Christoph Boeckheler)

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Wir danken für das Publikationsrecht.

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