Kampagne: Du hast keine Wahl. Organisier dich lokal!

Die Stadtteilkomitees Berlin (Neukölln, Wedding, Lichtenberg) haben zur Berlin-Wahl eine Kampagne gestartet mit dem Titel „Du hast keine Wahl. Organisier dich lokal!“

Die ansprechend designten Plakate und eine Broschüre können in den Stadtteilbüros abgeholt werden und sind auf der Kampagnenseite downloadbar: 

keinewahl.org
Wir spiegeln hier den Kampagnentext samt der 3 Kernforderungen:

Stadtteilkomitees Berlin

Berlin wählt 2026

Es stehen mal wieder Wahlen an. Am 20. September wählen wir in Berlin das Abgeordnetenhaus (AGH). Und wieder hören wir wie vor jeder Wahl aus verschiedenen Mündern, das es diesmal zukunftsweisend, jetzt wirklich eine Richtungswahl sei – einige reden sogar davon, dass „unsere Demokratie“ in Gefahr sei.

Was natürlich stimmt, ist die katastrophale Lage, in der wir uns in Berlin befinden: Wir können unsere Mieten kaum noch zahlen, unsere Löhne stagnieren oder sinken, Busse und Bahnen sind, salopp gesagt, am Arsch, das Gesundheits- und Bildungssystem wird immer schlechter, die Einschränkung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit nimmt immer erschreckendere Ausmaße an – die Liste lässt sich noch lange fortführen.

„Wählt uns“ – und es bleibt wie immer!

Wem haben wir all dass zu verdanken, wer ist verantwortlich für diesen Zustand? Es sind die selben Akteure, die vor jeder Wahl dazu aufrufen, doch bitte sie zu wählen, damit es diesmal wirklich besser wird. Es sind die selben Parteien, die uns in diese Misere getrieben haben:

Die GRÜNEN sind von einer Friedenspartei zum treibenden Faktor der Kriegstreiberei geworden. Ihren ökologischen Anspruch finden wir – wenn überhaupt – nur noch in erneuerbaren Energien für Panzer.

Die SPD ist in Berlin seit jeher die Lieblingspartei der Immobilienlobby. Seit Jahren versuchen sie auf der Landesebene – und aktuell auch im Bund – alles mögliche, um die Vergesellschaftung von großen Konzernen zu verhindern.

Und die LINKE, die den Volksentscheid DWE zwar befürwortet, ist mitverantwortlich dafür, das es diesen überhaupt braucht. Als Juniorpartner der SPD hat die damalige PDS nämlich vor 20 Jahren einen Großteil der landeseigenen Wohnungen zu einem Spottpreis verscherbelt.

Von der CDU kann man im Gegensatz dazu wenigstens behaupten, sich stets treu geblieben zu sein. Ob Zäune um den Görlitzer Park, die Bekämpfung der Forderungen der Berliner Kita-Erzieher:innen oder die Hetze gegen Migrant:innen: Law & order, Arbeiterfeindlichkeit und Rassismus sind in die DNA dieser Partei eingeschrieben.

(Nicht) Wählen – und was dann?

Es ist ihre Politik, die verantwortlich ist für mehr Armut, mehr Überwachung und mehr Gewalt auf den Straßen unserer Stadt. Es ist ihre Politik, die autoritär und neoliberal ist. Es ist ihre Politik, die überhaupt erst den Nährboden bereitet hat für den Aufstieg der rechtsextremen AfD.

Was dennoch auch stimmt: Es ist nicht einfach irrelevant, wer in der Regierung sitzt. Ein sozialdemokratischer Senat unter Führung der Partei die LINKE könnte theoretisch punktuelle Verbesserungen durchsetzen. Die Geschwindigkeit, mit der wir gerade gesellschaftlich in den Abgrund rasen, könnte zumindest etwas abgebremst werden.

Es geht uns auch nicht darum, zu einem Wahlboykott aufzurufen. Aber unabhängig davon, ob du nicht wählen gehst oder bei jeder Wahl irgendwo ein Kreuz machst: eine langfristige und grundlegende Veränderung wird nicht in den Parlamenten durchgesetzt werden.

Erst recht kann man sich nicht alleine gegen Krieg, gegen Sozialabbau und Lohndrückerei, gegen die autoritäre Zuspitzung und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen wehren. Nur zusammen können wir uns wehren – nur zusammen können wir Alternativen aufbauen.

Organisier dich lokal!

Deshalb organisieren wir uns gemeinsam in der Nachbarschaft. Unser Ziel ist nicht kompliziert: Nur wenn wir uns zusammenschließen, können wir unsere Interessen durchsetzen. Und je mehr Menschen im Alltag an einem Strang ziehen, desto eher können wir etwas erreichen!

Unsere Kampagne zur Berliner-AGH Wahl 2026 steht deshalb unter dem Motto „Du hast keine Wahl – organisier dich lokal“. Wir mischen uns ein, wir sind im Kiez präsent, wir kämpfen gemeinsam für unsere Rechte, unsere Interessen und unsere Zukunft!

Wir fordern:

1. Den DWE-Volksentscheid umsetzen und Anmeldung für alle!
2. Die Vergesellschaftung sozialer Bereiche statt Kürzungen!
3. Die Rücknahme des Polizeigesetzes und ein Ende der Waffenproduktion!

Komm vorbei und mach mit — holen wir uns Berlin zurück!

Illustrationen und Text:
Stadtteilkomitees Berlin

Die Stadtteilbüros finanzieren ihre Angebote komplett selbst, um politisch unabhängig arbeiten zu können.

Spenden:
Kollektiv e.V.
IBAN: DE57 4306 0967 1096 6167 05
BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: „Spende“

Oder hier: Spendenlink

Fairer Lohn und mehr Sicherheit für Lieferdienstfahrer

Australien setzt neue ILO-Standards für Gig-Worker um. Auch in der EU bewegt sich etwas

Von ROBERT LENZ

In Australien erhalten Fahrer für Lieferdienste wie Uber Eats und Door Dash ab dem 17. August eine Mindestvergütung für die »engagierte Zeit« zwischen Auftragsannahme und Ausführung der Lieferung. Das entschied vor wenigen Tagen das Arbeitsgericht »Fair Work Commission« (FWC). Michael Kaine, Sekretär der Transportarbeitergewerkschaft TWU, nannte die neuen Standards »weltweit führend«. Arbeitsministerin Amanda Rishworth von der Labor-Partei sagte nach dem Entscheid der FWC: »Diese Anordnung ist ein wichtiger Schritt zur Umsetzung von Australiens weltweit führenden Schutzmaßnahmen für Gig-Worker.«

Der Begriff »Gig« stammt aus der Musikszene und bezeichnet einzelne Engagements. Im modernen Arbeitsmarkt steht er für kurzzeitige, einzelne Kleinaufträge und Gelegenheitsjobs. Der Wert der globalen Gig-Wirtschaft wird auf über 820 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Die Mindestvergütung für die Lieferdienstfahrer down under beträgt ab sofort 31,30 australische Dollar (19,16 Euro) und liegt damit über dem Mindestlohn von 26,44 Dollar. Zudem haben sie jetzt Anspruch auf eine Arbeitsunfallversicherung.

Die Anordnung der FWC hat eine Vorgeschichte. Unmittelbarer Anlass waren die im Juni 2026 von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) völkerrechtlich verbindliche beschlossenen Beschäftigungsstandards für Gig-Worker. Allerdings hatten sich in Australien schon 2024 die TWU als Vertretung der Gig-Arbeiter zusammen mit den Plattformen Door Dash and Uber Eats für die Einführung von Beschäftigungsstandards stark gemacht.

Laut der Weltbank gibt es weltweit bis zu 435 Millionen Gig-Arbeiter, die bei Wind und Wetter sowie unter großem Druck der Lieferdienstunternehmen möglichst schnell die Bestellungen liefern müssen. Durch den Zeitdruck sind sie einem großen Unfallrisiko ausgesetzt. So kamen seit 2017 in Australien 25 Lieferdienstfahrer ums Leben.

In China überfahren Lebensmittellieferanten und Kurierfahrer häufig rote Ampeln und missachten Geschwindigkeitsbegrenzungen. Dieses Verhalten ist größtenteils auf knappe Fristen und das strenge algorithmische Management der Plattformen zurückzuführen, die Fahrer für verspätete Lieferungen bestrafen. Um den Zeitdruck und damit das Unfallrisiko zu senken sollen in der Volksrepublik in Zukunft den Fahrern immerhin Wartezeiten an roten Ampeln gutgeschrieben werden.

In der EU gibt es derzeit gut 500 digitale Arbeitsplattformen, über die mehr als 28 Millionen Menschen beschäftigt sind. Die meisten davon sind formal selbstständig. Es wird jedoch vermutet, dass darunter etwa 5,5 Millionen Scheinselbstständige sind, die nach geltendem Recht einen formellen Arbeitnehmerstatus haben müssten. Mit einer im März 2024 beschlossenen Richtlinie hat die EU die Rechte der Gig-Arbeiter gestärkt. Neben Frankreich hatte sich allerdings Deutschlands damalige Ampel-Regierung auf Druck der FDP bei der Abstimmung enthalten.

Mit dem Gesetz will die EU durch die Umkehr der Beweislast falsche Selbstständigkeit stoppen. Wenn die Fahrer von Lieferdiensten und App-Taxis durch Apps stark gelenkt werden, gelten sie als Angestellte. Bis zum Beweis des Gegenteils durch die Plattformen haben sie Anspruch auf Mindestlohn, Urlaub und Schutz bei Krankheit. Als weiteres Novum erhalten Gewerkschaften Zugang zu diesen digitalen Kommunikationskanälen.

Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) arbeitet dem Vernehmen nach intensiv an der Umsetzung der EU-Richtlinie. Viel Zeit dafür hat die mit großen Themen wie Rentenreform beschäftigte und als SPD-Ko-Vorsitzende unter dem zunehmenden Druck der Genossen stehende Politikerin dafür nicht mehr. Die von der EU gesetzte Frist zur Übernahme der Richtlinie in nationales Recht läuft am 2. Dezember 2026 ab. Die Arbeitsrechtlerin Amélie Sutterer-Kipping schrieb im Februar 2026 im Mitgliedermagazin der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung: »Die neue EU-Richtlinie schwächt die Macht der Algorithmen. Es bleibt abzuwarten, wie Deutschland diese Regelung in nationales Recht umsetzt.«

Erstveröffentlicht im nd v. 15.8. 2026
Fairer Lohn und mehr Sicherheit …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Filmpremiere: Jeder Acker, jede Fabrik

Ideen für eine notwendige Revolution

Das Medien-Kollektiv Labournet TV veröffentlicht im September den Film „Jeder Acker, jede Fabrik: Ideen für eine notwendige Revolution“. Die Vorpremiere findet am 26. August um 20:30 auf dem Rio Reiser Platz in Berlin statt, open air und in Anwesenheit der Filmemacher:innen und einiger Protagonist:innen.

Über das Projekt schreiben die Macher:innen:

Die Art und Weise, wie wir unser Leben produzieren, ist dumm, gefährlich und grausam. Es ist an der Zeit über eine Revolution nachzudenken, die die Gesellschaft grundlegend verändert.

Wir haben Genoss*innen zu den revolutionären Momenten der 1970er Jahre befragt. Wir haben mit Leuten gesprochen, die sich derzeit an Debatten über eine neue Produktionsweise beteiligen. Wir haben dutzende Arbeiter*innen interviewt, die sich aktuell auf Gemüseäckern, in Umspannwerken, Krankenhäusern oder U-Bahnschächten zur Wehr setzen.

In “Jeder Acker, jede Fabrik” entwickeln wir aus all diesen Stimmen ein konkretes Bild davon, wie der Übergang in eine post-kapitalistische Gesellschaft aussehen könnte. – Für alle, die ihren Kopf nicht in den Sand stecken wollen.

Um die Diskussion zu vertiefen und erste organisatorische Schritte zu machen, laden wir Euch im Herbst 2027 zu einer Konferenz ein – watch this space! – Hier könnt ihr unseren Newsletter abonnieren.

Der Film ist eine gemeinsame Produktion von AngryWorkers und Labournet TV.

Alle bundesweiten Termine, der Trailer und Infos über Möglichkeiten das Projekt zu unterstützen auf: 

www.jederacker.de
Auf der Webseite von Labournet TV finden sich aktuell 940 FILME AUS DER ARBEITER*INNEN-BEWEGUNG AUS 69 LÄNDERN. 

Das Projekt lebt von Spenden und Fördermitgliedschaften.

Wir produzieren Streikvideos und Kinofilme und bauen ein Online-Archiv für Filme aus der Arbeiter*innenbewegung auf. Im Zentrum steht die Situation der Lohnabhängigen, ihre Selbstorganisierung, Streiks und Klassenkämpfe und die Frage, wie wir Macht von unten aufbauen.

Labournet TV

Titelbild: Labournet TV

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