„Nationale Souveränität“ vs „soziale Emanzipation“- eine Debatte

Motiv: Geschichtswerkstatt des DGB Herne

Am 11. Janaur haben wir an dieser Stelle einen Artikel von Raul Zelik veröffentlicht. Sein Titel „Keine Illusionen über Venezuelas Regierung“ (https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/63430-2/) In diesem Artikel geht es dem Autor darum, zu begründen, warum die politische Verfasstheit der Maduro-Regierung einen erfolreichen Kampf gegen die Aggression des US-Imprialismus erschwert. Sie hat den akzeptierten Meinungskorridor und den Raum für die Wahrnehmung von Bürgerrechten eingeschränkt und geht teils drakonisch gegen die Opposition vor. Beileibe nicht nur gegen die putschistische Rechte sondern auch gegen die Linke. So wurde z.B. die KP nicht mehr zu den Wahlen zugelassen. Die Postchavisten haben einen Großteil ihrer Unterstützung in der Bevölkerung verloren. Am Schluss dieses Artikels zog der nd-Autor daraus eine strategische Schlussfolgerung. Zelik schrieb: „Wieder einmal zeigt sich, dass die »Verteidigung der nationalen Souveränität« zur Durchsetzung sozialer Rechte in Zeiten eines alles dominierenden kapitalistischen Weltmarkts kein geeignetes Mittel mehr ist.“ Dies führt im Anschluss zu heftigen Diskussionen innerhalb der Redaktion. Benedikt aus der Forumsredaktion formulierte seine Kritik daran in einem eigenen Artikel: sein Credo: „Ohne nationale Souveränität geht es nicht.“ (https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/ohne-nationale-souveraenitaet-geht-es-nicht/)

In dieser Aussage war sich die Redaktion einig. Ich habe mich daraufhin erneut an Raul gewandt mit der Bitte seine Position in einem weiteren Beitrag etwas ausführlicher zu begründen. Dieses Anliegen wurde in der nd-Redaktion diskutiert und als Ergebnios haben wir nun zwei weitere Artikel bekommen, die auch über die folgenden Links zu lesen sind. Pablo Flock votierte für „Staatensouveränität verteidigen“ und Raul Zelik ergänzte Flocks Ausführungen mit dem Artikel „Grönland den Eisbären“. Dabei will er diesen Artikel nicht als Widerspruch zu Flocks Artikel verstehen sondern den Horizont der Debatte ausweiten.

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197054.voelkerrecht-staatensouveraenitaet-verteidigen.html?sstr=Flock

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197058.voelkerrecht-groenland-den-eisbaeren.html?sstr=Gr%C3%B6nland|den|Eisb%C3%A4ren

Zustimmend bezugnehmend auf die indisch-kanadische Soziologin Nandita Sharma schreibt Raul Zelik: „Wer meine, dass sich mit der Stärkung nationaler Souveränität soziale Rechte durchsetzen ließen, habe nicht verstanden, »was es mit der Ordnung der Nationalstaaten auf sich hat«. Statt für Staaten zu kämpfen, die dann – hoffentlich – eine ökologischere oder sozialere Politik machen, sollte man besser gleich Bewegungen aufbauen, die grenzüberschreitend für diese Ziele kämpfen.“

Ich denke, dass es hier nicht um ein Entweder/Oder geht, sondern dass beide Zielsetzungen zwar konfliktbeladen sind, jedoch unverzichtbar sind. Die Überwindung der ernüchternden politischen Bilanz der sozialrevolutionären Bewegungen, die Raul Zelik zu Recht zieht, lassen sich nicht einfach dadurch überwinden, in dem man das Kampffeld der nationalen Staatlichkeit ignoriert oder verlässt. Denn nach bald 200 Jahren Geschichte der modernen Arbeiterbewegung gibt es wenig begründeten Anlass anzunehmen, sie könnte sozusagen in einem Ruck auf der internationalen Ebene die Nationalstaaten begraben und den Kommunismus realisieren. Bereits im Kommunistischen Manifest schrieben Marx/Engels: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden“ (MEW 4, 473). Das Kampffeld des Nationalstaats bleibt auch weiterhin der Hebel der Selbstermächtigung, denn hier liegt der entscheidende Rechtsrahmen, der politisch und kulturell die Klassenkämpfe strukturiert. Und es ist von Vorteil, wenn dieses Kampffeld nicht noch durch Herrschaftsansprüche anderer imperialer Mächte besetzt wird, was natürlich besonders bei neokolonioalen Abhängigkeitsverhältnissen wie im Beispiel Venezuelas eine Rolle spielt. Natürlich kann man nicht der Politik einer herrschenden Klasse folgen, die im Namen der „nationalen Souveränität“ gerade auf die Machtausweitung und Einschränkung der Souveränität anderer Staaten abzielt wie das beim EU-Diskurses zur Frage der nationalen Souveränität offensichtlich der Fall ist.

Das eigentliche Problem ist eher die mangelnde internationalistische Einbettung dieser Kämpfe, die unverzichtbar ist, das gemeine Klasseninteresse zu definieren und es in der Standortkonurrenz und in Zeiten kriegerischer Aufhetzung zu verteidigen. Die Arbeiterinternationalen I-IV waren ja – trotz Misserfolgen und Scheitern – bedeutende Anläufe, eine solche gemeinsame Orientierung zu ermöglichen. Die Wiederaufnahme dieser Anstrengungen scheint mir auch heute recht alternativlos. Hier sollten sich alle organisieren, für die gemeinsame Klasseninteresse und keine nationalen Identitäten entscheidend sind. Der Kern eines solchen Ankers könnte aus den realen Kämpfen hervorgehen. Gleichzeitig müssen unterschiedliche politische Zugänge ermöglicht und verteidigt werden. Das Praxisfeld dürfte sich dann in der Bandbreite bewegen, die zwischen der Politik der nationalen Sektionen des Internationalen Gewerkschaftsbundes, die sich mehrheitlich national vereinnahmen lassen und politisch-ideologisch enger ausgerichten Basisnetzwerken liegen, die zwar internalistisch verlässlich sind, aber nur beschränkte Einflussmöglichkeiten haben. Vielleicht kann uns auch die „Kanonen statt Butter-Politik der herrschenden Klassen dabei behilflich sein, hier Fortschritte zu erzielen. Wie, das lässt sich z.B. sehr gut an der Politik der Partei der Arbeit Belgiens verfolgen.

Ein hoffnungsvoller Aufbruch in diese Richtung war ja auch die globalisierungskritische Bewegung der 90er und Nullerjahre dar, die jedoch letztlich auseinanderfiel und keine bleibende Struktur schaffen konnte. Die kommunikativen Voraussetzungen dafür sind angesichts der heute verfügbaren Übersetzungswerkzeuge besser denn je.

Francesca Albanese und die Würde der Intelligenz: wenn eine Universität sich weigert, sich zu beugen

Der Kontrast könnte nicht größer sein: in Deutschland wird sie verfolgt, in Belgien wird sie geehrt. Vor fast genau einem Jahr wurden in Deutschland der UN Menschrechtsbeauftragten für Palästina Francesca Albanese von Uni zu Uni die Räumlichkeiten für ihren Vortrag verweigert. Wir schrieben damals: „Deutsche Behörden verhindern Auftritte einer Repräsentantin der UNO unter dem Vorwand der Antisemitismusbekämpfung. Bewaffnete Polizei dringt bei Ersatzveranstaltung in Räume einer Tageszeitung ein.“ Ganz anders jetzt in Belgien, wie der folgende Beitrag schildert. (Peter Vlatten)

Claudia Aranda, Pressenza, 29 Januar 2026

In Zeiten von systematischer Einschüchterung, von Schweigen als Mittäterschaft und von institutioneller Feigheit ist die gemeinsame Entscheidung der Universitäten von Vrije-Brüssel, Antwerpen und Gent, Francesca Albanese einen Ehrendoktortitel zu verleihen, keine routinemäßige akademische Geste. Es ist eine Stellungnahme. Es ist eine ethische Bestätigung. Und vor allem ist es eine Erklärung intellektueller Unabhängigkeit in einem globalen Klima, in dem es zu einem riskanten Akt geworden ist, die Wahrheit zu sagen.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben diese drei flämischen Universitäten – allesamt europäische Benchmark-Institutionen in der Forschung, im Völkerrecht, in den Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften – gemeinsam beschlossen, in einer feierlichen Zeremonie am 2. April in Antwerpen die höchste akademische Auszeichnung an eine Juristin zu verleihen, deren beruflicher Werdegang mit seltener Kohärenz die Werte verkörpert, für die die Universität als solche steht: Strenge, Ehrlichkeit, Mut und Dienst am Gemeinwohl. Das ist weder Zufall noch ein symbolisches Zugeständnis. Es handelt sich um einen Zusammenschluss auf höchstem intellektuellem Niveau, der sich entschieden hat, mit einer einzigen Stimme zu sprechen.

Francesca Albanese ist eine Völkerrechtsanwältin mit einer soliden, umfangreichen und höchst angesehenen Karriere im Bezug auf das Themengebiet der Menschenrechte. Bevor sie 2022 die Stellung als Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Menschenrechtslage in den besetzten palästinensischen Gebieten übernahm, arbeitete sie mehr als ein Jahrzehnt als Rechtsberaterin und Expertin in verschiedenen UN-Gremien, spezialisiert dabei auf humanitäres Völkerrecht, Zivilschutz, Zwangsvertreibungen und staatliche Verantwortung. Ihr Mandat wurde 2025 erneuert, eine ausdrückliche Anerkennung ihrer fachlichen Fähigkeiten und der Unabhängigkeit, mit der sie eine Funktion ausübte, die politischem Druck besonders ausgesetzt war.

Die offiziellen Statements der Universitäten sind klar und deutlich. In ihrer gemeinsamen Erklärung unterstreichen die Institutionen das „außergewöhnliche Engagement von Francesca Albanese für den Schutz der Menschenrechte und die Stärkung des Völkerrechts“ sowie ihre Fähigkeit, ihr Mandat „mit beruflicher Unabhängigkeit und juristischer Strenge in Kontexten extremer Polarisierung“ auszuüben. Das ist kein inhaltsleeres Lob: Es ist eine zutreffende Beschreibung einer Karriere, die auf Fakten, auf Recht und Verantwortung basiert.

Für die Vrije Universität Brüssel hat deren Rektor darauf hingewiesen, dass die Universität angesichts von Ungerechtigkeiten kein neutraler Raum sei, sondern ein Ort, an dem kritisches Denken frei von äußerem Druck fortbestehen muss. Die Universität Antwerpen betonte, dass diese gemeinsame Anerkennung eine von allen geteilte Überzeugung zum Ausdruck bringt: dass die Wissenschaft eine soziale Verantwortung trägt, der sie sich nicht entziehen kann, wenn Völkerrecht systematisch verletzt wird. Die Universität Gent betonte ihrerseits, dass die Ehrung von Albanese das Prinzip honoriert, dass Forschung und Analyse von Rechtsangelegenheiten nicht Einschüchterungskampagnen oder bedingten politischen Interessen untergeordnet werden können.

Dieser letzte Punkt ist nicht unbedeutend. Denn auf die Bekanntgabe der Promotion folgte, wie zu erwarten war, eine Verleumdungsoffensive durch zionistische Organisationen, die als politische Lobbyisten und nicht als akademische Akteure agieren. Wir reden nicht von Religionsgemeinschaften oder kulturellen Identitäten. Wir sprechen hier von organisierten politischen Strukturen, die seit Jahren versuchen, jede Stimme, die die Verbrechen des Staates Israel und die koloniale und gewalttätige Natur des zionistischen Projekts in seiner aktuellen Form dokumentiert, entweder zu diskreditieren, zum Schweigen zu bringen oder aus der Öffentlichkeit auszuschließen.

Das Muster ist vertraut und grobschlächtig: Verzerrung von Aussagen, unbegründete Anschuldigungen, Druck auf die Medien, verschleierte Drohungen gegen Einrichtungen, moralische Erpressung durch den instrumentalisierten Vorwurf des Antisemitismus. Nichts davon hält einer ernsthaften Analyse stand. Und nichts davon hat ausgereicht, um drei Eliteuniversitäten zum Rückzug zu bewegen. Im Gegenteil: Sie haben ihre Entscheidung klar bekräftigt und die abgrundtiefe Kluft zwischen strikter intellektueller Arbeit und dem schmutzigen Spiel derjenigen offengelegt, die Einschüchterung mit Argumentation verwechseln.

Der Hintergrund dieses Streits ist nicht abstrakt. Er ist konkret. Er ist menschlich. Er ist blutig. Die von Francesca Albanese den Vereinten Nationen vorgelegten Berichte stellen eine der schwerwiegendsten und sorgfältigst belegten Dokumente über die Zerstörung Gazas dar. Darin erklärt die Berichterstatterin, dass wenn man nicht nur direkte Todesfälle durch Bombenanschläge und Militärangriffe, sondern auch indirekte Todesfälle durch erzwungenen Hunger, durch den Zusammenbruch des Gesundheitssystems, durch die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur, durch Dehydrierung, durch vermeidbare Krankheiten und durch massive Zwangsvertreibungen betrachtet, die tatsächliche Zahl der getöteten Palästinenser sich auf mindestens 680.000 Menschen beläuft, eine Zivilbevölkerung, die überwiegend aus Kindern, Frauen und älteren Menschen bestand.

Diese Zahl ist nicht rhetorisch. Es ist keine Propaganda. Sie ist das Ergebnis der Anwendung von rechtlichen und epidemiologischen Standards, die historisch zur Bewertung der Sterblichkeit in Massenvernichtungskontexten verwendet wurden. Und sie ist zudem eine konservative Zahl. Albanese selbst hat ausdrücklich betont, dass die Unmöglichkeit, die Toten präzise zu zählen – auf Grund von unter Trümmern begrabenen Leichen, vernichteter Unterlagen, zerstörter Krankenhäuser – Teil des Verbrechens selbst sei. Völkermord tötet nicht nur: er löscht aus.

Angesichts dieser Realität ist die Reaktion der zionistischen Organisationen, die heute versuchen, diese akademische Anerkennung zu sabotieren, keine Verteidigung von Ethik oder der Bewahrung von historischer Erinnerung. Es ist die Reaktion eines politischen Apparats, der sich selbst angesichts der Beweise entlarvt, herausgefordert und zunehmend isoliert sieht. Es ist die symbolische Gewalt derer, die die Fakten nicht widerlegen können und stattdessen denjenigen angreifen, der sie benennt.

Die Antwort der belgischen Universitäten ist daher von großer Bedeutung. Sie belohnen nicht eine Meinungsäußerung. Sie würdigen ein Berufsleben, das dem Recht, der strikten Forschung und der Verteidigung der grundlegendsten Prinzipien internationaler Rechtmäßigkeit gewidmet ist. Sie sagen unmissverständlich, dass die Universität sich nicht politischem Mobbing oder moralischer Erpressung beugt. Sie erinnern uns daran, dass Wissen nicht vor der Macht kapituliert, wenn Macht Verbrechen begeht.

Francesca Albanese ist weder eine vorübergehende Erscheinung noch eine kurzzeitige Provokateurin. Sie ist eine solide Juristin, eine ernsthafte Forscherin und eine internationale öffentliche Dienerin, die bereit ist, vieles in Kauf zu nehmen, indem sie ausspricht, was viele lieber zum Schweigen bringen. Und deshalb wird sie heute angegriffen. Und genau deshalb wird sie geehrt.

Weder das ganze Geld noch all der Einfluss noch die gesamte Desinformationsmaschinerie dieser Verbrecher, die heute Gaza verwüsten, werden in der Lage sein, eine ehrliche Stimme zum Schweigen zu bringen, und noch viel weniger, ihre Brillanz auszulöschen. Denn wenn Intelligenz zusammen mit ethischen Werten ausgeübt wird und die Universität sich an den Grund ihrer Existenz erinnert, findet die Wahrheit immer ihren richtigen Standpunkt.

Und diesmal wird sie von einer Gemeinschaft höchsten akademischen Niveaus getragen, die beschlossen hat, nicht wegzusehen.

Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.

Der Beitrag von Claudia Aranda wurde bei Pressenza, 29 Januar 2026 veröffentlicht. Wir danken für das Publikationsrecht.

Claudia Aranda
Chilenische Journalistin, spezialisiert auf Semiotik und politische Analyse. Internationale Analystin mit Schwerpunkt auf der prospektiven Analyse sozialer Prozesse. Sie lebt in Montreal, Québec, und berichtet für Pressenza über die aktuellen Nachrichtenfelder der Agentur sowie über zeitgenössische philosophische Debatten im Rahmen der Analyse unterschiedlicher aktueller Ereignisse. Dabei liegt ihr Fokus auf Menschenrechten, Geopolitik, bewaffneten Konflikten, Umweltfragen und technologischer Entwicklung. Humanistin und Aktivistin für gerechte Anliegen

Titelbild: cc Wikipedia

OFFENER BRIEF DES GORKI-THEATERS ZU ROJAVA

SOLIDARITÄT MIT ROJAVA!

NEWSLETTER DES GORKI-THEATERS

In Solidarität mit unserer Kollegin und Künstlerin Zehra Doğan und den Menschen in Rojava veröffentlichen wir ihren folgenden Offenen Brief. Er verweist auf die massiven Angriffe und die immense Gewalt, der die Bevölkerung der kurdischen Selbstverwaltungszone Rojava durch die syrische Armee und islamische Milizen aktuell ausgesetzt ist.

Zehra Doğan ist vielfach ausgezeichnete Künstlerin und Journalistin. Ihre Werke wurden u.a. in der Londoner Tate Modern, auf der Berlin Biennale und zuletzt beim 7. Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE: THE RED HOUSE gezeigt, wo ihrer Arbeit mehrere Ausstellungsräume gewidmet waren. Aufgrund eines ihrer Bilder, das türkische Militärfahzeuge in der von Türken und Kurden umkämpften Stadt Nusaybin als Skorpione darstellte, war sie fast drei Jahre in der Türkei inhaftiert. Nachdem der Kassationsgerichtshof ihre Verurteilung als Fehlentscheidung erkannt hatte und neue Haftbefehle erlassen wurden, sah sich Zehra Doğan gezwungen, ins Exil zu gehen. Seit 2021 ist sie Artist in Residence am Gorki.


Aufruf an die Kulturinstitutionen in Deutschland:

SOLIDARITÄT MIT ROJAVA! Das Volk von Rojava führt in Syrien einen Zivilisationskampf.

Es ist ein Kampf gegen dschihadistischen Fanatismus, die Barbarei des IS und die Aggression des Regimes – ein Kampf für Aufklärung, Fortschritt, Freiheit und die Befreiung der Frauen von patriarchaler Unterdrückung.

Die seit 2012 in Rojava aufgebaute pluralistisch demokratische Gesellschaftsordnung, die auf solidarischem Zusammenleben beruht und eine ehemals feudale Region transformiert hat, ist akut bedroht.

Seit dem 6. Januar hat die sogenannte »Syrische Nationale Armee«, bestehend aus dem IS und ähnlichen dschihadistischen Strukturen, ausgehend von Aleppo eine systematische Offensive gegen die Autonome Region Rojava begonnen. Das kurdische Volk, das den IS durch entschlossenen militärischen Widerstand zurückgedrängt hat, sieht sich nun Angriffen von Kräften ausgesetzt, die das humanitäre Völkerrecht missachten und schwere Menschenrechtsverletzungen begehen. Vor den Augen der Welt werden Widerstandskämpfer*innen enthauptet, Frauen ermordet und ihre Körper von Dächern geworfen, Häuser geplündert, Leichen verbrannt. Nicht nur die Bevölkerung, sondern ein gesellschaftliches Lebensmodell, das Vorbild für die gesamte Region sein könnte, soll ausgelöscht werden.

Sollte dieser Angriff erfolgreich sein, wären nicht nur Kurd*innen betroffen, sondern auch Alevit*innen, Drus*innen, Christ*innen, Jesid*innen, säkulare Muslim*innen in der Region – und vor allem die Frauenrevolution, die sich dem patriarchalen System widersetzt, wäre bedroht. Es bestünde die Gefahr, dass die Region erneut dem IS und seiner Ideologie ausgeliefert wird. In diesem Sinne ist der existenzielle Widerstand Rojavas, der sowohl mit dem Einsatz des eigenen Lebens und dem Errichteten von Barrikaden, als auch durch die Dokumentation der Barbarei mit Filmen oder der Malerei geleistet wird, nicht nur der Widerstand der Kurd*innen, sondern der Widerstand der Menschheit, der Zivilisation und der Kunst.

Angesichts dieser Situation bedeutet politisches Schweigen faktisch, den IS und vergleichbare Akteure indirekt zu legitimieren.

Über Jahre hinweg haben Kunst- und Kulturinstitutionen in Europa und insbesondere in Deutschland, die sich selbst als »Orte kritischen Denkens« verstehen, ihre Türen für die kurdische Freiheitsbewegung, die Revolution von Rojava und ihre Künstler*innen geöffnet. Es wurden Diskursveranstaltungen, Ausstellungen, Performances organisiert, die ihren Kampf dokumentierten und ihre Werke zeigten.
Heute ist es dringender denn je, dass diese Institutionen den Widerstand unterstützen, sich mit Rojava solidarisieren und konkrete Beiträge leisten.

Mögliche Solidaritätsaktionen sind unter anderem: die Aufnahme früherer Programme mit Bezug zu Rojava, die Organisation von Spendenkampagnen und Solidaritätsveranstaltungen, Online-Formate mit kulturellen Akteur*innen aus Rojava, um ihren Kampf in den öffentlichen Fokus zu rücken, die Entwicklung gemeinsamer Projekte mit Künstler*innen aus Rojava, die Veröffentlichung von Erklärungen durch Kunstinstitutionen, die sich klar zur Frauenrevolution in Rojava und zum Widerstand gegen die repressive Ideologie bekennen. Wir laden alle Kulturinstitutionen und Künstler*innen in Deutschland dazu ein, uns bei der Umsetzung dieser Bemühungen zu unterstützen und mit uns zusammenzuarbeiten. Eine klare Haltung zugunsten des Freiheitskampfes wird heute nicht nur das Volk von Rojava stärken, sondern auch zur Zurückdrängung des patriarchalen Fundamentalismus in der Region, zur Befreiung der Frauen und zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen.

Kontakt:
officeforpoliticalartaffairs@gmail.com

Nachrichten aus dem Gebiet:
https://rojavainformationcenter.org/
https://english.anf-news.com/ 

Spenden:
https://heyvasor.com/de/spende/
SOLIDARITY WITH ROJAVA!In solidarity with our colleague and artist Zehra Doğan and with the people of Rojava, we are publishing her following open letter. It highlights the ongoing attacks and severe violence currently affecting the population of the Kurdish self-administered region of Rojava, carried out by the Syrian army and Islamist militias.

Zehra Doğan is an award-winning artist and journalist. Her works have been exhibited, among other venues, at Tate Modern in London, the Berlin Biennale, and most recently at the 7th Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE: THE RED HOUSE, where several exhibition spaces were dedicated to her work. She was imprisoned in Turkey for nearly three years after one of her paintings depicted Turkish military vehicles as scorpions in the city of Nusaybin, a site of conflict between Turkish and Kurdish forces. After the Court of Cassation ruled that her conviction had been based on an error of judgment and new arrest warrants were issued, Zehra Doğan was forced into exile. Since 2021, she has been an artist in residence at the Gorki.
Call to Cultural Institutions in Germany:SOLIDARITY WITH ROJAVA!The people of Rojava are fighting a war for civilization in Syria. It is a battle against jihadist fanaticism, the barbarism of ISIS, and regime aggression—a fight for enlightenment, progress, freedom, and the liberation of women from patriarchal oppression.

The pluralistic democratic society built in Rojava since 2012, which is based on solidarity and has transformed a formerly feudal region, is under acute threat. 

Since January 6th, the so-called »Syrian National Army«, consisting of ISIS and similar jihadist structures, has launched a systematic offensive against the Autonomous Region of Rojava, starting from Aleppo. The Kurdish people, who pushed back ISIS through determined military resistance, now face attacks from forces that disregard international humanitarian law and commit grave human rights violations. Before the eyes of the world, freedom fighters are being beheaded, women are being murdered and their bodies thrown from roofs, houses are being looted, and corpses are being burned. It is not only the population but a model of a new society — one that could serve as a blueprint for the entire region — that is to be extinguished.

Should this attack succeed, it would not only affect Kurds but also Alawites, Druze, Christians, Yazidis, and secular Muslims in the region—and above all, it would pose an immanent threat to the women’s revolution resisting the patriarchal system. There is a danger that the region will once again be surrendered to ISIS and its ideology. In this sense, Rojava’s existential resistance—waged through the risking of lives and the building of barricades, as well as through the documentation of barbarism via film and painting—is not only the resistance of the Kurds, but the resistance of humanity, civilization, and art itself.

In light of this situation, political silence effectively amounts to indirectly condoning ISIS and comparable actors.

For years, art and cultural institutions in Europe, and particularly in Germany, which define themselves as »spaces for critical thinking«, have opened their doors to the Kurdish freedom movement, the Rojava revolution, and its artists. Panels, exhibitions, and performances have been organized to document their struggle and showcase their work.

Today, it is more urgent than ever that these institutions support the resistance, stand in solidarity with Rojava, and make concrete contributions.

Possible acts of solidarity include: Reviving past programs related to Rojava. Organizing fundraising campaigns and solidarity events. Hosting online formats with cultural actors from Rojava to bring their struggle into the public focus. Developing joint projects with artists from Rojava. Publishing statements by art institutions that clearly commit to the women’s revolution in Rojava and the resistance against this repressive ideology. We are open to support and cooperation with all cultural institutions and artists in Germany to implement these efforts. A clear stance in favor of the freedom struggle today will not only empower the people of Rojava but also contribute to pushing back patriarchal fundamentalism in the region, liberating women, and democratizing society.

Contact:
officeforpoliticalartaffairs@gmail.com

News from the region:
https://rojavainformationcenter.org/
https://english.anf-news.com/ 

Donations:
https://heyvasor.com/de/spende/

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung