Der „Macronismus“ ist am Ende – Das französische Volk begehrt auf und die Ereignisse überstürzen sich!

Der folgende Beitrag von Sebastin Chwala versucht eine umfassendere Lagebeschreibung und zeigt wichtige Hintergründe zu den aktuellen Entwicklungen in Frankreich auf.

Unterdessen spitzt sich der Konflikt immer weiter zu. Wiederbelebt wird die Blockade der Kreisverkehre, um die Logistik der kapitalistischen Wirtschaftsabläufe empfindlich zu stören. Die französische CGT-Gewerkschaft ruft zum Generalstreik auf. Ab dem 5. November sollen flächendeckend Betriebsversammlungen abgehalten werden, um die Beteiligung auch aus den Betrieben und den Widerstand für das Kapital so groß und spürbar wie möglich werden zu lassen.

Trotz der Verbote sind inzwischen für Samstag, den 24. Oktober 667 Aktionen und Demonstrationen geplant. Es werden immer mehr.

Nach der beispiellosen Polizeigewalt gegen Schüler und Gewerkschafter werden in Frankreich jetzt sogar breitflächig Demonstrationen verboten. Und Militär und private Sicherheitskräfte sollen zusätzlich für Ruhe sorgen. Die Obrigkeit kriegt Angst vor dem Volk.

Heute skandierte die Menschenmenge:

Gaza, Gaza: Paris ist mit dir !

Die größte Angst der Staatsmacht ist, dass die Menschen die Zusammenhänge verstehen. Wer einen Genozid aktiv unterstützt, wird nicht plötzlich zum Menschenfreund, wenn es um die eigene Bevölkerung geht. Die maroden Schulen in Frankreich, die Militarisierung in Deutschland, die Altersarmut, die Angriffe auf die Arbeitszeit, die Klimakatastrophe und der Genozid in Gaza sind Ausdruck ein und derselben Politik: Rettung der Kapitalistenklasse vor den Auswirkungen der Krisen ihres eigenen kapitalistischen Systems. Alle Bürden sollen abgewälzt werden! Das Leben wird unbezahlbar. Diese Krise ist international. Der internationale Widerstand wächst!

Vor dem Hintergrund wochenlanger Hetzkampagnen schoss ein rechter Attentäter mit einer Maschinenpistole am Freitag gezielt auf "nicht weiße"  Menschen. Dabei wurde ein junger Mann getötet, mindestens 4 weitere Personen wurden verletzt! 

Am Samstag demonstrierten trotz aller Verbote wieder bis zu 800 Tausend Menschen. Am Abend griff faschistischer Mob unter Schutz der Polizei die Demonstrierenden an, konnte aber zurückgeschlagen werden.

Der „Macronismus“ ist am Ende

Sebastian Chwala, 21 Oktober 2026

Es hatte den Beigeschmack eines bevorstehenden Abgangs, als sich Staatspräsident Emmanuel Macron am vergangenen Sonntagabend per Fernsehansprache an das französische Volk richtete. Nicht nur, dass er sich ganz in schwarz gekleidet hatte – genauso wie einst sein Amtsvorgänger François Hollande, als dieser 2016 aufgrund seiner Unpopularität seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft verkündete. Macron zeigte sich am Sonntag auch noch völlig unfähig, die Gründe der Gewaltexplosionen und Massendemonstrationen am Vortag zu verstehen sowie konkrete Vorschläge an die Demonstrierenden zu machen. Denn neben den sicherlich zum Teil schockierenden Szenen, die sich in vielen Großstädten am Tag zuvor abgespielt hatten, demonstrierten laut Studierendengewerkschaften Hunderttausende, wenn nicht sogar weit über einen Million Menschen ohne Zwischenfälle gegen die fortgesetzte wirtschaftsliberale Agenda des Präsidenten und seines Regierungschefs Lecornu.

Doch ganz entgegen seiner Art überließ Macron die politische Aufarbeitung des 17. Oktober dem Premierminister, während er sich selbst für eine dreitägige Reise in den Nahen Osten verabschiedete. Dem zehn Jahre fast schon autokratisch regierenden Staatschef ist bewusst, dass die Ära seiner marktliberalen Clique zu Ende geht. Dabei hat er es bewusst in Kauf genommen, tiefe Wunden und Verwerfungen in der französischen Gesellschaft zu produzieren. Die Ursachen für den 17. Oktober sind in den Jahren 2017 bis 2025 zu suchen und nicht in angeblichen „links-islamistischen“ Kreisen, die Frankreich überfremden. Dieses Narrativ erinnert in verstörender Weise an die von historischen Faschisten herbeifantasierte „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“.

Die Schülerbewegung ist Teil der „Konvergenz der Kämpfe“

Die Bewertung der Ereignisse des 17. Oktobers außerhalb Frankreichs beginnt bereits mit einem Missverständnis. So wurde im Nachgang der Ereignisse immer von einer Eskalation der Proteste der Schüler gesprochen. Das ist inkorrekt. Der Aufruf, an diesem Tag gegen die unbezahlbaren Lebensverhältnisse zu protestieren, stammte aus dem September, wurde über TikTok verbreitet und blieb lange relativ wenig beachtet. Lanciert wurde er wohl aus dem „Gelbwesten“-Spektrum. Deren ohnehin immer lockere Strukturen sind aber seit Jahren kaum mehr existent, und Aktivitäten waren eigentlich schon nicht mehr zu konstatieren. Dennoch äußerten sich im Vorfeld des 17. Oktobers bekannte Gesichter aus der Hochphase der Gelbwesten in den Jahren 2018/19 in den Medien und empfahlen, an den über 1.000 geplanten Aktionen und Demonstrationen teilzunehmen.

Dabei standen aber weniger innerstädtische Aktionen im Zentrum, sondern volkswirtschaftlich relevante Orte wie Raffinerien, Warenlager oder eben Mautstellen auf den Autobahnen. Oder man besetzte eben, wie man es von den Gelbwesten kennt, Kreisverkehre. Auch die politische Linke, allen voran der Präsidentschaftskandidat der Bewegung und Partei „La France insoumise“ (LFI), Jean-Luc Mélenchon, rief ihre Anhänger auf, sich zu beteiligen. Auch im letzten Jahr hatte es bereits einen Aufruf gegeben, nach den Sommerferien für einen Tag Frankreich zu blockieren, dieser Tag verlief allerdings damals verhältnismäßig unspektakulär.

Zwar kam es am 17. Oktober zu diversen Blockaden, wo die Gelbe Weste als getragenes Symbol wieder sichtbar wurde. Doch insgesamt spielten klassische „Gelbwesten“ nur eine untergeordnete Rolle an diesem Tag. Es dürfte allerdings ihrer „neutralen“ parteipolitischen Rolle innerhalb des linken Spektrums zu verdanken sein, dass der Tag trotz fehlender zentraler organisierender Kräfte und eher spontan zustande gekommenen Demorouten ein Erfolg wurde, da es gelang, die in Frankreich so oft beschworene „convergence de lutte“, also das Zusammenfließen von Menschen aus zahlreichen gesellschaftlichen Sektoren auf der Straße zu erreichen. Getragen wurden die Proteste zwar von vielen Demonstrierenden aus dem Bildungsbereich, aber nicht nur von Schülern, sondern auch den Bildungsgewerkschaften. Diese protestieren seit bald einem Monat dafür, dass mehr Geld in die Hand genommen wird, um Schulgebäude in Stand zu setzten und mehr Lehrkräfte eingestellt werden.

Doch über allem schwebt die Forderung, die 2018 in Kraft getretene „Reform“ des Hochschulzugangs wieder zurückzunehmen. Seit damals müssen sich Abiturienten zentral auf einer Onlineplattform bewerben, die die Bewerbungen an die Wunschuniversitäten weiterleitet, wo schließlich anhand der eingereichten Dossiers der Bewerber über die Vergabe der begrenzten Studienplätze entschieden wird. Viele Abiturienten sind bereits mangels ausreichender familiärer oder schulischer Unterstützung nicht in ausreichendem Maße in der Lage, diese Bewerbungsunterlagen richtig zu erstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass die letztendlich entscheidenden Kriterien für die Studienplatzvergabe unklar und intransparent sind. Es ist ein offenes Geheimnis, dass all zu oft der Wohnort und die Schule den Ausschlag für den Zuschlag geben und nicht die schulische Leistung bzw. die eingereichten Unterlagen, die ohnehin kaum von den Auswahlkommissionen gelesen werden. Zu dieser unklaren Verteilungsstruktur der Studienplätze kommt der ebenfalls verschärfte Leistungsdruck in den letzten beiden Jahren der Oberschule (Lycée) hinzu. War es vor dem „Macronismus“ üblich, dass für die Abiturnote allein die Noten der Abiturprüfungen zählen, werden jetzt auch noch alle Noten der letzten beiden Schuljahre mit einberechnet. Da sich die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe „spezialisieren“, also Neigungsfächer wählen müssen, fühlen sich viele junge Menschen durch den Druck, vermeintlich unveränderbare Lebensentscheidungen treffen zu müssen, überfordert und brechen zusammen. Für deren Unterstützung steht den Schulen eigentlich Fachpersonal zur Verfügung, doch auch diese Stellen bleiben vielfach unbesetzt.

Macrons Polizeigewalt betrifft nun die ganze Gesellschaft – nicht nur spezifische Gruppen

Völlig unerträglich ist die Situation in den verarmten vorstädtischen Regionen der Großstädte besonders Paris. Deshalb begannen die Schülerproteste auch hier, schwappten aber durch die sozialen Medien auf das ganze Land über, weil ein Großteil der Probleme auch die Schulen der Mittelklassen betrifft. Ein Solidarisierungseffekt mit den Altersgenossen setzte ein, die besonders im sogenannten „Banlieu“ einer harten alltäglichen Polizeigewalt ausgesetzt sind. Dabei spielt die BAC (brigade anti-criminalité) eine große Rolle; eine Zivilpolizei, die Straftaten schon im Keim ersticken soll, allerdings oftmals nach rassistischen Kriterien Kontrollen durchführt, Strafgelder verhängt und Verhaftungen durchführt. Sie ist Teil eines Polizeisystems, das sich gegenüber den Bürgern durch eine unverhältnismäßige Gewalt auszeichnet.

Dies ist kein Zufall, denn die französischen Polizisten sind dazu ausgebildet, Proteste und Widerstand gegen den Staat klein zu halten. Ein Großteil der Strukturen entstand währen der Phase der französischen „Entkolonialisierung“ und diente dazu, Menschen, die im „metropolitanen“ Frankreich lebten, aber Wurzeln in den Kolonien hatten, davon abzuhalten, ihre sichtbare Unterstützung des Prozesses zu zeigen. Polizeiarbeit war also immer in erster Linie geben migrantische Menschen gerichtet und in deren Wohnvierteln konzentriert.

Mit dem Beginn der „macronitischen“ Ära und seiner vertikalen und autoritären Ausübung des höchsten Staatsamts wurden dieser immer weiter aufgerüstete Apparat vermehrt auch gegen die „weiße“ Bevölkerungsmehrheit eingesetzt. Verstörend bleiben die Erinnerungen an die Gelbwestenperiode mit ihren tausenden Verhafteten und Verstümmelten. Zahlreiche Protestbewegungen mussten die Bekanntschaft mit Bereitschaftspolizisten, BAC, Motoradbrigaden und sonstigen Sondereinsatzkommandos machen. Der „Macronismus“ schaffte derweil faktisch die Vermögenssteuer ab, führte effektlose Steuerkreditprogramme ein, die Arbeitsplätze schaffen sollten, aber nur die Staatskasse belasteten, verschärfte die Regeln für den Erhalt und Arbeitslosengeld und Grundsicherung, kürzte die Leistungen der Krankenversicherung und erhöhte das Renteneintrittsalter. Mit der Hilfe der Sozialdemokratie verabschiedete der „Macronismus“ in den letzten beiden Jahren massive Sparhaushalte.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der aktuelle Haushaltsentwurf, der noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll, sieht erneut Kürzungen in Höhe von 43 Milliarden Euro vor. Sogar lebenswichtige Medikamente gegen Brustkrebs sollen in Zukunft nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden. Und natürlich sollen wieder 1.500 Lehrer weniger im Schuldienst arbeiten. Das wären dann schon 10.000 Lehrkräfte weniger als zu Macrons Amtsantritt. Frankreichs Schuldenproblematik beruht aber nicht aus einem „zu viel“ an sozialen Leistungen, sondern massiver Umverteilung in die Kassen seiner Milliardäre.

Macron, der seine Kritiker gerne mal als zurückgebliebene Gallier bezeichnete, und immer die Aura eines abgehobenen neureichen Pariser Millionärs besaß, zog über die Jahre immer mehr die Wut der Franzosen auf sich, die sich aber auch hilflos fühlten, wenn es darum ging, seine „Reformen“ zu verhindern. So wurde die Rentenreform von 2023 ganz ohne jede demokratische Legitimation am verfassungsrechtlich schwachen Parlament vorbei, per Verordnung eingeführt, obwohl Millionen Menschen über Wochen dagegen demonstrierten. Auch die bedingungslose Unterstützung des Ukraine-Krieges hat zu einer wachsenden Steigerung der Lebenshaltungskosten im Land geführt, Extraprofite der großen Konzerne wurden kaum eingeschränkt. Und bis heute weigert sich der „Macronismus“ die Vermögenden zur Finanzierung des Gemeinwesens mit heranzuziehen, während die öffentliche Infrastruktur zerfällt oder weggespart wird.

Es sind besonders jungen Menschen, die die Folgen dieser Politik spüren und denen jede ernsthafte Perspektive genommen wird, wenn der Staat sich allein als Schutzorgan der Villenbesitzer versteht. Und es zeigt seine gleichzeitig die programmatische Schwäche, wenn man sich nicht besser zu helfen weiß, als die legitimen Proteste der Jugend mit Gewalt niederzuschlagen zu wollen. Es produziert aber auch jene Bilder von „urbaner Gewalt“, die politisch wenig nützlich oder nachvollziehbar scheinen – so lassen sich jene hunderttausende Menschen in den Hintergrund rücken, die am vergangenen Samstag trotzt stundenlangen Bedrängens durch die Polizei „friedlich“ geblieben sind. Allerdings ist es ja eben auch jene fast traumatische Hilflosigkeit der „macronitischen“ Jahre, die Menschen dazu bringt, einmal ohnmächtig um sich zu schlagen. In der Hoffnung wenigstens kurzzeitig die Staatsmacht in die Knie zu zwingen und „befreite Räume“ zu schaffen.

Jean-Luc Mélenchon ist Hoffnungsträger der Bewegungen

Diese Hoffnung wandelt sich schnell, wenn der Staat ohnmächtig und brutal zurückschlagt und jenen „Casseurs“ (Zerstörern), deren soziale Zusammensetzung entgegen den rechten Hetzern und konformistischen Journalisten, sehr heterogen zusammengesetzt ist und nicht aus „barbarischen islamistischen Banden“ (Eric Zemmour) besteht, in Schnellverfahren nicht selten ohne stichhaltige Beweise zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Den Groll in der Gesellschaft senken diese Maßnahmen nicht. Tatsächlich ist die Protestbewegung dieser Tage in Frankreich ethnisch nicht ganz so weiß, wie andere politische Bewegungen und es stimmt, dass die Vorstädter präsenter sind. Dies hat auch mit der politischen Ermutigung durch LFI und Jean-Luc Mélenchon zutun, die die verarmten Menschen als Teil eines „Neuen Frankreichs“ sehen, bestehend aus jungen, prekären Menschen aller Ethnien.

Für die politische Rechte, die lieber die rassistische Karte spielt, und Menschen mit historischen migrantischen Wurzeln zum Sündenbock für die Folgen der eigenen antisozialen Politik machen will, ist dies natürlich unvorstellbar. LFI und Mélenchon sind deshalb zum roten Tuch für das Establishment geworden, das hinter jeder Verschwörung gegen den Staat vermutet wird. LFI soll nicht nur die Randalen vom letzten Samstag orchestriert haben, sondern natürlich auch die Schülerinnen und Schüler auf die Straßen getrieben haben. Außerdem pilgere Mélenchon jährlich heimlich in rote Terrorcamps, so der rechte Präsidentschaftskandidat David Lisnard. Laut Medien wollte der Premierminister Mélenchon sogar für seine angeblich lenkende Rolle der Schülerproteste rechtlich belangen lassen. Verbotsforderungen gibt es auch.

Natürlich sind die Vorwürfe alle Unsinn. Von der Hand zu weisen ist die Popularität Mélenchons besonders bei den Schülerinnen und Schülern aber nicht. Er ist der einzige Spitzenpolitiker, der ohne Widerworte in deren Reihen akzeptiert und dort auch gefeiert wird. Mélenchons Rolle als Antipode zum politischen Einheitsbrei der übrigen Kräfte hat ihn laut allen Umfragen als Anwärter auf die Stichwahlen zum Amt des Präsidenten gemacht. Getragen wird seine Kandidatur von den Jungwählern.

Derweil bastelt der französische Staat weiter daran, die politischen Mobilisierungen im Land zu unterbinden. Während teilweise nächtliche Ausgangssperren gelten, plant man für den nächsten von den Gelbwesten angekündigten Demonstrationstag am nächsten Samstag, nun in Paris sogar das Militär aufmarschieren zu lassen. Und den jungen Menschen könnte man ja wieder mal die sozialen Medien kappen. Die Eskalationsspirale dreht sich also weiter.

Wir danken Sebastian Chwala für das Publikationsrecht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten mit KI generiert.

Frankreich: Aufruf von 56 Organisationen zu einem Monat der Mobilisierung gegen jegliche Waffenlieferungen an Israel

Seit drei Jahren findet in Gaza ein Völkermord statt, während sich im Westjordanland die Abriegelung des Gebiets, die ethnische Säuberung, die rasante Kolonisierung und die brutale Unterdrückung durch die israelische Besatzungsmacht beschleunigen. Dieser Völkermord wird insbesondere durch die Entmenschlichung des palästinensischen Volkes und durch die Tatsache ermöglicht, dass zahlreiche Regierungen weltweit Israel völlige Straffreiheit gewähren und gleichzeitig die militärische Zusammenarbeit sowie den Waffenhandel mit Israel zulassen.

Diese Komplizenschaft ermöglicht es Israel, die gesamte Region in Schutt und Asche zu legen, aber auch seine eigenen, an der Zivilbevölkerung „kampferprobten“ Militärtechnologien in den Rest der Welt zu exportieren. Obwohl Emmanuel Macron und seine aufeinanderfolgenden Minister das Gegenteil behaupten oder versuchen, die Tatsachen herunterzuspielen, exportiert Frankreich jedes Jahr im Durchschnitt militärisches Material im Wert von 20 Millionen Euro nach Israel, ganz zu schweigen von zivil-militärisch doppelt nutzbarem Material oder Software – unter Verstoß gegen internationale Verträge

(Waffenhandelsvertrag, den Frankreich zudem unterzeichnet hat…) und gegen Resolutionen der Vereinten Nationen (insbesondere die vom 18. September 2024, für die Frankreich sogar gestimmt hat). Unabhängig davon, ob dieses Material als angeblich „defensiv“ oder „offensiv“ eingestuft wird, wird es dazu genutzt, die Straffreiheit Israels zu festigen und ihm die Begehung eines Völkermords zu ermöglichen.

Im April 2026 belegte der Bericht von „People’s Embargo for Palestine“, von „Palestinian Youth Movement“ und „Urgence Palestine“ – im Anschluss an mehrere Enthüllungen von „Disclose“ und Recherchen von Bürgerinitiativen – (1) , dass der französische Staat seit Oktober 2023 mehr als 525 Lieferungen von Militärmaterial an Israel genehmigt hat: Munition, Teile für Kampfdrohnen, für den Nachtkampf, für gepanzerte Fahrzeuge, für Kanonen … All dieses Material ist notwendig, damit die von Israel eingesetzten Waffen tödlich wirken können.

Bis heute haben unsere Organisationen mehr als 75 Unternehmen identifiziert, die rüstungsbezogene Beziehungen zu Israel unterhalten (Exporte, Importe, verschiedene Kooperationen …). Diese nach Israel gelieferten Waffenkomponenten werden über Straßen, Häfen und Flughäfen transportiert. Auch hier entscheiden sich Unternehmensleitungen dafür, diese Aufträge anzunehmen und auszuliefern, und setzen sich dabei über das Gewissen der Beschäftigten, die Stellungnahmen der Gewerkschaften, die Warnungen der Zivilgesellschaft und das Völkerrecht hinweg.

Trotz der Lügen der französischen Regierungen, die sich in den letzten drei Jahren abgewechselt haben, und des schuldhaften Schweigens der Unternehmensführungen ist es durch die Mobilisierung der Bevölkerung gelungen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, die Teilnahme israelischer Unternehmen an bestimmten Rüstungsmessen ganz oder teilweise zu verbieten, und ein erstes Unternehmen wurde gezwungen, den Export von Teilen für Militärdrohnen einzustellen.

Wir danken allen, die sich in den letzten drei Jahren in Solidarität mit dem palästinensischen Volk und für die Beendigung des Waffenhandels zwischen Frankreich und Israel engagiert haben.

Die Gewerkschaften haben durch ihre Stellungnahmen, ihre Weigerung, Waffen zu verladen, ihre Kundgebungen oder Streiks dazu beigetragen, Druck auf ihre mitschuldigen Arbeitgeber und den französischen Staat auszuüben. Wir sind überzeugt, dass wir nur dank des Zusammenschlusses von Arbeitnehmer*innen, politischen Kräften und zivilgesellschaftlichen Bewegungen Erfolg haben und diesem Handel ein Ende setzen können.

Diese Unternehmen, die Israel bewaffnen, sind im gesamten Staatsgebiet, in allen Departements ansässig. Der Völkermord wird ganz in unserer Nähe vorbereitet. Deshalb rufen wir alle Mitglieder unserer Organisationen, Vereine, Kollektive, Gewerkschaften und politischen Parteien, die das palästinensische Volk unterstützen, sowie alle Menschen mit Gewissen dazu auf, sich im Oktober 2026 an einem Aktionsmonat gegen die Bewaffnung Israels in ganz Frankreich zu beteiligen.

Diese Aktionen können vor Ort vielfältige Formen annehmen, mit dem Ziel, Verbindungen zu den Beschäftigten und ihren Gewerkschaften zu knüpfen, Druck auf die Verantwortlichen dieser Unternehmen auszuüben oder die aktive Komplizenschaft Frankreichs beim Völkermord in Palästina anzuprangern. Weitere Aktionen könnten im gleichen Zeitraum in ganz Europa stattfinden. Gemeinsam haben wir die Macht, jegliche militärische Zusammenarbeit und jeglichen Waffenhandel zwischen Frankreich und Israel zu beenden!

Initiiert von:
Association France Palestine Solidarité (AFPS) – BDS France – SAIF – Urgence Palestine (UP)

Unterzeichner

Gewerkschaften
CGT, CNT, Confédération Paysanne, FSE, FSU,
UNEF, Union syndicale Solidaires, Sud aérien,
CGT STMicroelectronics, Syndicat des avocats de France

Verbände und Organisationen der Zivilgesellschaft

Association des Travailleurs Maghrébins de France (ATMF), AJPO, APPEL-Égalité, Argenteuil Solidarité Palestine, Aser, ATTAC France, FASTI, Femmes plurielles, Forum Palestine Citoyenneté, JURDI, Mouvement pour une alternative non violente (MAN), Survie, Tsedek !, Union juive française pour la paix (UJFP)

Politische Parteien

Association nationale communiste (ANC), Génération.s, L’Après, Les Écologistes, LFI (La France Insoumise), NPA-L’Anticapitaliste,
PCF (Französische Kommunistische Partei), PIR (Partei der Indigenen der Republik), PM (Perspectives musulmanes), Le Poing Levé, Ökologische Revolution für das Lebendige (REV), RCGA (Kooperatives Netzwerk der alternativen Linken), UCL (Libertäre Kommunistische Union), Verts Populaires

Bürgerinitiativen

Blouses Blanches pour Gaza, CJACP, CMPK (Mobilisierungsgruppe Paris für Kanaky), Kollektiv Solidarität mit Palästina Martigues, Kollektiv 69 zur Unterstützung des palästinensischen Volkes, Kollektiv für den Libanon, Studierende mit Gaza, Extinction Rebellion, Krieg gegen den Krieg, Journalisten in Solidarität mit Gaza, KESSEM, Marseille Gaza Palästina (MAGPAL), Wir alle, Reporter in Solidarität, Samidoun, Les Soulèvements de la Terre, Union Palestine Marseille, Akademiker mit Gaza, Vietnam Dioxin, Young Struggle

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(1) SiG-Red.: Untersuchungsbericht, 60 Seiten S.auch: – https://www.embargoforpalestine.com/press
https://agencemediapalestine.fr/blog/2026/04/07/exportations-militaires-francaises-vers-israel-deux-ans-et-demi-de-mensonges/

https://disclose.ngo/en/investigations/french-arms

https://www.france-palestine.org/Appel-de-56-organisations-a-un-mois-de-mobilisation-contre-tout-transfert-d

Übersetzung: SiG-Redaktion, https://www.sand-im-getriebe.org/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Arbeiterrechte sind Menschenrechte. Über kapitalistische Ausbeutung, Sweatshops, Widerstand und die Grundwerte des Arbeitnehmerschutzes.

Von JOHN GRAVERSGAARD

Titelbild: IPS Journal

Im sogenannten liberalen Westen werden Menschenrechte als Eckpfeiler der Demokratie gepriesen, doch werden sie dabei in einer eingeschränkten Form verstanden. Arbeitnehmerrechte werden oft ausgeklammert, da diese Rechte das Wirtschaftssystem und die Ausbeutung am Arbeitsplatz in Frage stellen. Das Hauptproblem ist jedoch die kapitalistische Ausbeutung, und diese findet in verschiedenen politischen Systemen statt, hier auch in China, seit das Land sich der Marktwirtschaft geöffnet hat. Überall auf der Welt gibt es sogenannte „Sweatshops“, in denen Arbeitnehmer erniedrigt und ausgebeutet werden. Millionen Menschen leben unter prekären Arbeitsbedingungen, wobei Wanderarbeiter eine leichte Beute für Ausbeutung sind. Dieser Artikel fordert einen gesellschaftlichen Wandel, der die Demokratie am Arbeitsplatz sowie das Recht der Arbeitnehmer auf Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz unterstützt.

Globaler Niedriglohnkapitalismus

Mit der Globalisierung des kapitalistischen Systems und der Entwicklung von globalen Lieferketten und Transportsystemen wird ein immer größerer Anteil der in den reichen Ländern konsumierten Produkte im globalen Süden – früher als Dritte Welt bezeichnet – hergestellt. Dies lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bedingungen der sogenannten „Sweatshop-Arbeit“, bei der Arbeiter*innen lange Stunden und Tage für einen mageren Lohn schufteten, während ihre Gesundheit und Sicherheit ernsthaft bedroht waren. Historisch gesehen war es ein langer Kampf, diese Themen anzusprechen – ein Kampf, der bis heute andauert. Sweatshop-Arbeit ist seit den Anfängen des Kapitalismus die Norm, und wir können viel aus den Kämpfen der Arbeiterklasse in diesen Sweatshops lernen, die darum kämpft, als Menschen mit Seele und Körper respektiert zu werden.

Transnationale Konzerne, deren Wirtschaftsleistung größer ist als die vieler Länder, haben die Produktion von relativ hochlohnenden, oft gewerkschaftlich organisierten Betrieben in den reichen Ländern in sehr niedriglohnende, im Grunde unregulierte und gewerkschaftsfreie Betriebe im Globalen Süden verlagert. Sie vergeben ihre Produktion an Auftragnehmer, Subunternehmer und Sub-Subunternehmer – wobei die Betriebe untereinander um maximale Wettbewerbsvorteile durch niedrige Produktionskosten konkurrieren. „Subunternehmer sind wie Vorarbeiter, die im Auftrag der großen Monopole die Arbeiter der Welt zusammentreiben und auf sie als Schlüssel zur neuen Struktur imperialistischer Superausbeutung durch Vertragsarbeit setzen“ und „transnationale Konzerne sind in der Lage, Arbeiter in den reichen, entwickelten imperialistischen Ländern in einen direkten Lohnwettbewerb um jeden einzelnen Arbeitsplatz mit Arbeitern in armen, unterentwickelten Niedriglohnländern auf einer weltweiten, unaufhörlichen Ebene gegeneinander auszuspielen“ (Goldstein, 2008). Innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich die Größe der für die Ausbeutung verfügbaren weltweiten Arbeiterklasse. Entscheidend waren dabei die Öffnung Chinas für ausländisches Kapital und der Zusammenbruch der UdSSR. Goldstein zufolge: „China hat eine sozialistische Revolution durchlaufen und ein exzessives und gefährliches Wachstum des Kapitalismus zugelassen, übt aber nach wie vor weitreichende Kontrolle darüber aus, was imperialistische Konzerne tun dürfen und was nicht.“

Mit dem Wachstum der multinationalen Konzerne explodierte die internationale Mobilität des Kapitals. Dies machte die Superausbeutung der Arbeitskräfte in der Peripherie zu einer systematischeren Realität. Im Gegensatz zur relativen globalen Unbeweglichkeit der Arbeitskräfte führte dies – zusammen mit „verbesserten Kommunikations- und Transporttechnologien … dazu, dass in den Exportzonen der Dritten Welt dieselben Technologien und Produktionsprozesse eingeführt wurden, wie sie im Zentrum der Weltwirtschaft existierten“ (Foster & Clark, 2026).

Die Realität ist ein sich vertiefender ungleicher Austausch, der durch die neoliberale Globalisierung und die Entwicklung globaler Wertschöpfungsketten als dominierende Realität der globalen Produktion noch verstärkt wird. Die Lohnunterschiede haben zugenommen, und „die Lohnunterschiede zwischen Arbeitnehmern im Globalen Norden und im Globalen Süden sind weitaus größer als die Unterschiede in ihrer Produktivität … Bis zum 21. Jahrhundert hatten multinationale Konzerne im Zentrum der Weltwirtschaft den Großteil der industriellen Beschäftigung in den Globalen Süden verlagert und praktizierten dabei Verträge zu marktüblichen Bedingungen, wodurch die Produktion an unabhängige Zulieferer ausgelagert wurde. Hier konnten Großkonzerne die niedrigen Löhne der Arbeiter ausnutzen, während sie gleichzeitig einen Teil ihrer direkten Produktionskosten externalisierten und ihre Mitschuld am Betrieb von Ausbeuterbetrieben und an Umweltverschmutzung verringerten … Der Monopolkapitalismus hatte die extreme Ausbeutung der Arbeitskräfte in der Peripherie ermöglicht, wobei die Arbeiter im Globalen Süden ebenso produktiv waren wie ihre Kollegen im Norden und zudem extremen Kontrollen ausgesetzt waren, um den Output zu maximieren“ (Foster & Clark, 2026).

China als Beispiel

Die Soziologin Anita Chan hat uns tiefe Einblicke in die Ausbeutung von Arbeitskräften in einer sich globalisierenden Wirtschaft mit Schwerpunkt auf China gewährt. Sie forschte in China, das sich wirtschaftlichen Reformen geöffnet hatte und ausländische Unternehmen zur Ansiedlung von Produktionsstätten einlud. Ihre Ergebnisse sind in ihrem Buch „China’s workers under assault. The exploitation of labor in a Globalizing Economy“ (2001) nachzulesen. Sie dokumentiert den Widerstand der Arbeiter sowie Verstöße in Bezug auf Zwangsarbeit, körperliche Züchtigung und körperliche Übergriffe, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, das Recht auf Arbeit, das Recht auf gewerkschaftliche Organisation und kollektive Maßnahmen sowie Zwangsarbeit im Ausland.

Ihre Studie gewährt einen seltenen Einblick in die Situation in den Fabrikhallen und darin, wie die Arbeiter die Marktreformen und ausländische Arbeitgeber erlebt haben. Bemerkungen, die ich für äußerst relevant halte und die einen Aufruf an alle fortschrittlichen Kräfte darstellen, weltweit für Arbeitnehmerrechte zu kämpfen – und wie Chan anmerkt, handelt es sich hierbei um ein globales Problem:

„Westliche Menschenrechts-NGOs haben sich traditionell mit einem sehr engen Spektrum von Rechten befasst, die hauptsächlich zivilrechtlicher und politischer Natur sind, und innerhalb dieses Spektrums richtet sich die Aufmerksamkeit auf politische Dissidenten, die wegen ihrer Überzeugungen inhaftiert sind. Arbeiter, die in Fabriken eingesperrt sind, Tag und Nacht für niedrige Löhne schuften und unzureichende Verpflegung sowie kaum Ruhezeiten erhalten, fallen nicht in den Bereich der Menschenrechte. Diese Herabstufung der Rechte gewöhnlicher Arbeiter ist ein universelles Problem und nicht auf China beschränkt.“ Damit sollen die enormen Anstrengungen zur Armutsbekämpfung in China, die beispiellos in der Geschichte sind, keineswegs herabgewürdigt werden. Aber wir dürfen niemals vergessen, einen Blick auf die tatsächlichen Bedingungen der Arbeiter in den Fabriken zu werfen.

Eine weitere zentrale Quelle mit aktuelleren Informationen über die Ausbeutung von Arbeitern in China ist das deutsche „Forum Arbeitswelten“ mit einem Blog von Karsten Weber: Forum Arbeitswelten Blog.

Das Forum erläutert seinen Auftrag wie folgt: „Ziel des gemeinnützigen Vereins Forum Arbeitswelten ist es, das gegenseitige Verständnis und den Austausch über die Arbeitswelten in China und Deutschland zu entwickeln und zu vertiefen. Das Forum möchte Räume für grenzüberschreitende Kontakte an der Basis und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen schaffen und fördern, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Dazu gehören der Erfahrungsaustausch bei der Bewältigung soziokultureller und wirtschaftlicher Herausforderungen, die Entwicklung alternativer Zukunftsvisionen sowie die Initiierung von Veränderungsprozessen im globalen Kontext.

Das Forum strebt danach, nicht nur physische, sondern auch ideologische, politische und institutionelle Grenzen zu überbrücken. Es ist offen und unabhängig und setzt die Achtung unterschiedlicher Meinungen sowie die Bereitschaft zur Diskussion voraus. Eine zentrale Methode des Forums sind persönliche Begegnungen und Diskussionen zwischen den Betroffenen und Beteiligten. Das Forum setzt sich aus Mitgliedern verschiedener deutscher Organisationen, wie beispielsweise Labournet Germany, zusammen und arbeitet eng mit der in Hongkong ansässigen Organisation Globalization Monitor zusammen“.

Die von ausländischen Unternehmen ausgebeuteten Niedriglohnarbeiter in China haben zu Arbeitsunruhen und Streiks geführt, und im Jahr 2006 wollte die chinesische Regierung die Rolle der Gewerkschaften zugunsten der Arbeitnehmer stärken. Barboza (2006) von der „International Herald Tribune“ berichtete, dass dies auf Proteste seitens der amerikanischen Wirtschaft stieß.

Chefs, die das Sagen haben!

Anita Chan hat die Arbeitsbedingungen in China untersucht und beobachtet, und sie berichtet von einer traurigen Situation in den Fabriken ausländischer Eigentümer in der Provinz Putian. Hier ist eines der schlimmsten Beispiele: Die Schuhfabriken gefährden die Arbeiterinnen durch giftige Kohlenwasserstoffe. Seit 1984 wird Putian von einer großen Zahl ausländisch finanzierter Schuh- und Lederunternehmen überschwemmt. 70.000 junge Frauen aus nah und fern sind in diese „Schuhstadt“ gekommen, um Arbeit zu finden. Sie verdienen nur einen Hungerlohn und arbeiten zehn Stunden oder mehr am Tag in hoher Konzentration giftiger Dämpfe.

„Was sie erwartet, sind Gesundheitsschäden oder sogar der Tod“, wenn sie in Fabriken ohne Belüftung arbeiten und in Klebstoffdämpfen versinken. Diese organischen Giftdämpfe lassen sich wirksam kontrollieren, um die Gefahr für Arbeiter und Umwelt zu minimieren. Benzol, Toluol und Xylol sind gefährliche Chemikalien, die beim Einatmen gesundheitsschädlich sind, doch es gibt einfache Möglichkeiten, sie zu kontrollieren. Mit einer begrenzten Investition lassen sich die nationalen Expositionsgrenzwerte leicht einhalten. Chan schreibt: „Die Chefs der meisten Schuhfabriken werden keinen lächerlichen Betrag aus ihren prall gefüllten Geldbörsen entnehmen, um Reinigungsanlagen zu installieren. Sie nutzen alle möglichen Ausreden, um die Sache hinauszuzögern und sich der Verantwortung zu entziehen“ (S. 86). Die Arbeiterinnen wissen nicht, wie sie sich schützen können, und wissen auch nicht, dass die Arbeit in einer derart giftigen Umgebung eine Verletzung ihrer Rechte darstellt. „Sie sind sanftmütige Opferlämmer“ (S. 87).

Dieses brutale kapitalistische Regime ist die „faule Frucht“ in Chinas Öffnung für ausländische Unternehmen, und in Putian sind die meisten davon taiwanesisch. Es gibt nur schwache oder gar keine Vorschriften, und die Anziehung von Kapital stand im Mittelpunkt. Eine strenge Kontrolle würde Unternehmen vertreiben. Chan dokumentiert die passive Rolle der Stadtverantwortlichen und das Fehlen wirksamer Maßnahmen zum Schutz der Sicherheit und Gesundheit der Arbeiterinnen. „Jedes Jahr werden 100 Millionen Paar Schuhe von den Händen einiger tausend Arbeiterinnen hergestellt. Wäre da nicht ihr stilles Opfer, könnten die Führungskräfte nicht stolz auf die Wirtschaftsindikatoren sein. Auch sie brauchen eure Fürsorge und euren Schutz“ (S. 96).

Ein extremes Beispiel ist der Brand in der Spielzeugfabrik Zhili in Shenzhen am 19. September 1993. Dabei kamen 87 Arbeiter ums Leben und 45 wurden schwer verletzt. Der Vorfall fand in der Hongkonger Presse und innerhalb Chinas große Beachtung. Eine Gewerkschaftszeitung des ACFTU (Allchinesischer Gewerkschaftsbund) konnte die Tragödie vor Ort untersuchen. Anita Chan zitiert den Artikel (S. 106), in dem die lokale Regierung dafür kritisiert wurde, die Brandschutz- und Bauvorschriften vernachlässigt zu haben, und für die Katastrophe verantwortlich gemacht wurde: „einseitige Betonung des Investitionsklimas ohne Rücksicht auf die Sicherheit der Arbeiter sowie zu große Nachgiebigkeit gegenüber Hongkonger Unternehmen“.

Die Öffnung Chinas zur Marktwirtschaft hat somit der brutalen kapitalistischen Ausbeutung Tür und Tor geöffnet, wobei ausländische Unternehmen und Sonderwirtschaftszonen von billigen Arbeitskräften profitieren. Dies steht im Gegensatz zu den Parolen des sozialistischen Chinas über die Rechte der Arbeiter. Eine fast schon natürliche Folge sind Arbeitskonflikte und Streiks, bei denen Arbeitnehmer versuchen, ihre Rechte auf Gesundheit und Sicherheit zu verteidigen. Der wirtschaftliche Aufschwung der asiatischen Volkswirtschaften und Chinas wird als Wunder angesehen, doch für viele Millionen Menschen sieht die Realität anders aus. Und wie Chan (1998) erwähnt, ist China nicht einmal das schlimmste Beispiel. Es ist jedoch eine Tatsache, dass grundlegende Arbeitnehmerrechte unter Verstoß gegen das chinesische Arbeitsrecht verletzt werden.

Eine Geschichte des Kampfes

Der Klassenkampf der Arbeiterklasse um Respekt und Anerkennung als Menschen ist so alt wie die Geschichte der Arbeiterklasse selbst. Sozialistische Ideen waren nicht nur mit Forderungen am Arbeitsplatz verbunden, sondern auch mit der Vision und Forderung nach einer Regierung, die die Forderungen der Arbeiter in den Vordergrund stellte. Die Industrialisierung schuf eine Klasse von Industriearbeitern, die unter schrecklichen, entwürdigenden Bedingungen arbeiteten. Lange und intensive Arbeitszeiten führten dazu, dass das Leben der Arbeiter kurz und qualvoll war.

Reformideen kamen auch aus Wirtschaftskreisen, da die körperliche und geistige Zermürbung der Arbeiter ihre Gewinne bedrohte. Marx erwähnt in „Das Kapital“ auch die fortschrittliche Rolle der Fabrikinspektoren, die die elenden Zustände in den Fabriken Großbritanniens dokumentierten. Eine entscheidende treibende Kraft waren jedoch die Arbeiterinternationale, wobei die Zweite Internationale 1890 die Forderung nach einem Achtstundentag vorbrachte.

Die Arbeiterfrage stand auch auf der Tagesordnung der Versailler Konferenz im Jahr 1919 nach dem Ersten Weltkrieg, auf der 19 Grundsätze verabschiedet wurden. Einige davon hatten direkte Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden der Arbeiter. Im Jahr 1919 wurde in Washington, D.C., die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) gegründet – eine dreigliedrige Organisation, in der Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichberechtigt stimmberechtigt waren. Die Hauptthemen waren damals lange Arbeitszeiten und Arbeitslosigkeit. Nach dem Massensterben der Arbeiter auf den Schlachtfeldern gab es Versprechen und die Hoffnung, dass Frieden weniger Not für die Arbeiter bedeuten würde.

Kürzere Arbeitszeiten, so schreibt Alcock (1971, S. 42), „würden die Lebenserwartung des Arbeiters verlängern. Wenn er zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeitete, würde seine Lebenserwartung nur etwa zehn Jahre betragen. Zweitens erhöhte die Verkürzung der Arbeitszeit die verfügbare Zeit für Freizeit, Familienleben und Bildung. Drittens hatten sich die Arbeiter während des Krieges von dem Glauben tragen lassen, dass sie im Frieden mit einer Arbeitszeitverkürzung belohnt würden … Die Arbeitnehmervertreter betrachteten den Achtstundentag als zentrales Anliegen, d. h. acht Stunden Arbeit pro Tag für alle, an sechs Tagen in der Woche, mit der möglichen Ausnahme des Samstags, an dem es sich um einen Vier-Stunden-Tag handeln könnte“.

Arbeitgeber und Regierungen lehnten dies ab und sprachen sich für die Notwendigkeit von Flexibilität aus, und so ist es auch heute noch: In vielen Ländern müssen Arbeitnehmer um die Sicherung ihres Rechts auf Erholung kämpfen.

Das Streben nach Arbeitnehmerrechten hat eine lange Geschichte, doch die kapitalistische Globalisierung hat die Aufmerksamkeit der Medien auf den globalen Süden und die Lieferketten gelenkt, die die Verbrauchermärkte in den reichen Ländern versorgen. Verbrauchergruppen, Gewerkschaften, NGOs und Studenten starteten Kampagnen, wie beispielsweise die Anti-Nike-Kampagne. Mit Chinas Beitritt zur WTO und zum Weltmarkt rückten die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in China, insbesondere in ausländischen und Joint-Venture-Unternehmen, in den Fokus. Eine Entwicklung, die wir in vielen Ländern des Globalen Südens, aber auch in den reichen Ländern beobachten, wie beispielsweise bei den Maquiladoras in den USA (siehe Garrett Brown, 2008, 2016 und 2017).

Kernrechte und Nicht-Kernrechte

Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) ist ein dreigliedriges Gremium und hat 1998 eine Erklärung über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit verabschiedet. Die fünf Prinzipien lauteten:

  1. Vereinigungsfreiheit
  2. Das Recht auf gewerkschaftliche Organisation und Tarifverhandlungen.
  3. Ein Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung.
  4. Keine Zwangs- oder Sklavenarbeit.
  5. Ein Diskriminierungsverbot.

Die ersten beiden Grundsätze bilden einen Eckpfeiler für den Schutz der Rechte der Arbeitnehmer. Sie sind Mittel, die es den Arbeitnehmern ermöglichen, ihre Rechte zu verteidigen. Doch in einem kapitalistischen System, in dem die Kapitalakkumulation im Vordergrund steht, werden alle möglichen Hindernisse geschaffen, um eigenständiges Handeln von Arbeitnehmern zu unterbinden, das nicht von den Behörden oder offiziellen, staatlich unterstützten Gewerkschaften genehmigt wurde. Dies ist in allen politischen Systemen üblich und keine Besonderheit von Ländern wie China.

Anita Chan (1998) weist auf die Unzulänglichkeit der fünf grundlegenden Arbeitsrechte hin. Sie können die Notlage von Millionen von Arbeitnehmern in China und im Globalen Süden nicht lindern. Anita Chan sagt, wir müssten uns in Richtung von Nicht-Kernstandards bewegen, die genauso wichtig sind wie die Kernstandards. Ich würde sagen, sie sind von zentraler Bedeutung, da sie Fragen von Leben und Tod betreffen. Diese Nicht-Kernstandards sind laut Chan:

– eine Begrenzung der maximal zulässigen Arbeitszeit (der Kampf für einen Acht-Stunden-Arbeitstag hat eine lange Geschichte), die Gewährleistung des Rechts auf Erholung, das Verbot körperlicher Züchtigung sowie die Festlegung strenger internationaler Standards für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz.

Diese Rechte oder Standards dürfen nicht als Verhandlungsmasse zugunsten von Profiten und internationalen Handelsabkommen herhalten. Es ist ein Aufruf für Würde und Arbeitnehmerrechte als Menschenrechte im Kampf gegen den globalen neoliberalen Kapitalismus. Schlechte Arbeitsbedingungen treiben Arbeitnehmer weltweit an den Rand des Abgrunds, auch angesichts des enormen Anstiegs von Wanderarbeitern mit wenigen oder gar keinen Rechten (Ness, 2023). Mike Davis (2018) verweist auf Marx, der in den „Grundrissen“ zur Frage der Messung von Reichtum schrieb: „Das Maß des Reichtums ist dann in keiner Weise mehr die Arbeitszeit, sondern vielmehr die verfügbare Zeit.“

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John Graversgaard ist politischer Aktivist

Quellen:

Anita Chan: Chinas Arbeiter unter Beschuss. Die Ausbeutung der Arbeitskräfte in einer sich globalisierenden Wirtschaft. N.Y. 2001.

Anita Chan: Arbeitsnormen und Menschenrechte: Der Fall der chinesischen Arbeiter unter dem Marktsozialismus. Human Rights Quarterly, Bd. 20, Nr. 4, Nov. 1998

David Barboza: Unternehmen kämpfen gegen China wegen des Arbeitsrechts. International Herald Tribune, 13. Okt. 2006, ebenfalls zitiert in Domenico Losurdo: Wenn die Linke fehlt. Köln. 2017.

Antony Alcock: Geschichte der Internationalen Arbeitsorganisation, London, 1971

John Bellamy Foster & Brett Clark: Einleitung zur überarbeiteten Auflage von Arghiri Emmanuels „Unequal Exchange“. Monthly Review, Bd. 77, Nr. 8, Jan. 2026.

„Forum Arbeitswelten“, ein Blog von Karsten Weber: Forum Arbeitswelten Blog

Fred Goldstein: Niedriglohnkapitalismus. 2008

Garrett Brown: Echte Arbeitnehmerbeteiligung – Ein unverzichtbarer Schlüssel zu wirksamer globaler Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, 2008.

https://share.google/VS8lSM5orDQCZENFj

Garrett Brown: Globale Lieferketten immer noch voller Ausbeuterbetriebe (2016).

https://scienceblogs.com/thepumphandle/2016/09/21/global-supply-chains-still-full-of-sweatshops

Maquiladora Health & Safety Support Network https://share.google/2RdFkn0zs3tZy3q7Q

Aktuelle Daten zu den Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten, Ausgabe September 2017

https://scienceblogs.com/thepumphandle/2017/09/21/latest-data-on-working-conditions-in-global-supply-chains-september-2017-edition

Immanuel Ness: Migration als wirtschaftlicher Imperialismus. Wie internationale Arbeitsmobilität die wirtschaftliche Entwicklung in armen Ländern untergräbt. 2023.

Mike Davis: Alte Götter, neue Rätsel. Marx’ verlorene Theorie, 2018

Erstveröffentlicht in countercurrents
https://countercurrents.org/2026/09/workers-rights-are-human-rights-on-capitalist-exploitation-sweatshops-resistance-and-the-core-values-in-worker-protection/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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