Israels tödliche Hilfsfallen für hungernde Gaza-Bewohner

Seit 2. März 2025 hat kein LKW mit Hilfsgütern einer Hilfsorganisation den Grenzübergang von Ägypten nach Gaza überquert. Die israelische Regierung hat geschworen kein Wasser, keine Nahrung, keine Medikamente und keinen Treibstoff für Generatoren in den Gazastreifen zu lassen. Diese Politik ist eine Entscheidung für den qualvollen Tod von 2 Millionen Menschen. Israels Finanzminister Smotrich erklärte „die Tore der Hölle für den Gazastreifen zu öffnen“ und die Enklave „vollständig zu säubern“. Vor 2 Tagen hat der israelische Regierungschef Netanjahu sogar jede unzureichende Feigenblatt-„Hilfe“ für den Gazastreifen eingestellt, da der rechtsextreme Finanzminister Smotrich damit drohte die Koalition platzen zu lassen. Netanjahu hat einmal mehr bewiesen, dass er für den eigenen Machterhalt über Leichen geht. Deutsche Politiker des Nachfolgestaats des Naziregimes schütteln gerne seine Hand.

Palästinasolidarität Ist eine Sache der Gewerkschaften! Der palästinensische Gewerkschaftsbund hat alle internationalen Gewerkschaften zu dringender Solidarität aufgerufen. Im Gazastreifen wird der größte Völkermord seit dem Holocaust durchgeführt. In einer Welt, in der zwei Millionen Menschen einfach vernichtet werden können, ist kein Leben und keine Gewerkschaftsorganisation sicher. Für unsere Zukunft muss die Gewerkschaftsbewegung den Tätern und ihren Komplizen hierzulande in den Arm fallen. Folgen wir dem Beispiel der italienischen, griechischen und schwedischen Hafenarbeiter: keine Waffen, keine Munition, keine Motoren für Israels mörderische Kriegsmaschine!

Wir danken 972 Magazine, einem unabhängigen und gemeinnützen Magazine, dass gemeinsam von palästinensischen und israelischen Journalisten betrieben wird, für die Publikationsrechte. Wir danken auch dem Active Stills Collective für die bewegenden Fotos. Wir danken auch den mutigen Journalisten für ihren Augenzeugenbericht Der Bericht kann hier im Original gelesen werden.

Ahmed Ahmed ist das Pseudonym eines Journalisten aus Gaza-Stadt, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte.

Die Tribute von Panem“: Israels tödliche Hilfsfallen für hungernde Gaza-Bewohner

Bei fast täglichen israelischen Massakern an Lebensmittelausgabestellen wurden allein im vergangenen Monat über 400 Palästinenser getötet. Überlebende berichten, wie sie über Leichen stiegen, um an einen Sack Mehl zu gelangen: „Welche Wahl haben wir?“

Von Ahmed Ahmed und  Ibtisam Mahdi  20. Juni 2025

In den frühen Morgenstunden des 11. Juni, noch vor Sonnenaufgang, warteten der 19-jährige Hatem Shaldan und sein 23-jähriger Bruder Hamza in der Nähe des Netzarim-Korridors im zentralen Gazastreifen auf Hilfslastwagen. Sie hofften, mit einem Sack Weißmehl für ihre fünfköpfige Familie zurückkehren zu können. Stattdessen brachte Hamza den Leichnam seines jüngeren Bruders, eingehüllt in ein weißes Leichentuch, mit. 

Aufgrund der israelischen Blockade hatte die Familie Shaldan fast zwei Monate lang praktisch ohne Nahrung gelebt und war in einem Klassenzimmer im Osten von Gaza-Stadt zusammengepfercht, das einst als Notunterkunft diente. Ihr Haus, einst in der Nähe gelegen, wurde im Januar 2024 durch einen israelischen Luftangriff vollständig zerstört. 

Gegen 1:30 Uhr schlossen sich die beiden Brüder Dutzenden hungernden Palästinensern in der Al-Rashid- Straße entlang der Küste an, nachdem sie gehört hatten, dass Lastwagen mit Mehl in den Gazastreifen einfahren würden. Zwei Stunden später hörten sie Rufe: „Die Lastwagen kommen!“, unmittelbar gefolgt vom Lärm israelischen Artilleriefeuers. 

„Der Beschuss war uns egal“, erzählte Hamza dem +972 Magazine. „Wir rannten einfach auf die Lichter der Lastwagen zu.“  Doch im Chaos der Menge wurden die Brüder getrennt. Hamza gelang es, einen 25 kg schweren Sack Mehl zu ergattern. Als er zum vereinbarten Treffpunkt zurückkehrte, war Hatem nicht da.  „Ich rief ihn immer wieder an, aber er ging nicht ran“, sagte Hamza. „Es tat mir im Herzen weh. Ich sah, wie Leichen zu mir gebracht wurden. Ich konnte einfach nicht glauben, dass mein Bruder darunter sein könnte.“ 

Stunden nach Hatems Verschwinden erhielt Hamza einen Anruf von einem Freund: In lokalen WhatsApp- Gruppen war ein Foto einer nicht identifizierten Leiche aufgetaucht, aufgenommen im Al-Aqsa- Märtyrerkrankenhaus in Deir al-Balah im Zentrum von Gaza. Hamza schickte einen Cousin – einen Tuk-Tuk-Fahrer –, um nachzusehen. „Eine halbe Stunde später rief er mit zitternder Stimme zurück. Er sagte mir, es sei Hatem.“

Als Hamza das hörte, verlor er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, wurde ihm Wasser ins Gesicht geschüttet. Er eilte ins Krankenhaus, wo ein Mann, der bei demselben Artillerieangriff verwundet worden war, erklärte, was passiert war: Hatem und etwa 15 andere hatten versucht, sich im hohen Gras zu verstecken, als israelische Panzer das Feuer eröffneten.  „Hatem wurde von Granatsplittern in die Beine getroffen“, sagte der Mann. „Er blutete stundenlang. Hunde umkreisten ihn. Als schließlich weitere Hilfstransporter eintrafen, halfen Menschen, die Leichen auf einen davon zu laden.

Insgesamt wurden an diesem Morgen 25 Palästinenser getötet , die in der Al-Rashid-Straße auf Hilfslastwagen warteten. Hamza brachte Hatems Leiche zurück nach Gaza-Stadt und begrub ihn neben ihrer Mutter, die im August 2024 von einem israelischen Scharfschützen getötet worden war. Ihr älterer Bruder Khalid, 21, war Monate zuvor bei einem Luftangriff im Januar gestorben, als er auf seinem Pferdewagen verwundete Zivilisten evakuierte.

„Hatem war der Lichtblick unserer Familie“, sagte Hamza. „Nachdem wir unsere Mutter und Khalid verloren hatten, wurde er jedermanns Liebling – auch meine Großmutter und meine Tanten. Er besuchte sie und half ihnen. Meine Großmutter brach zusammen, als sie seinen Leichnam sah. Sie weint immer noch.“  Hatem war gelernter Autozubehör-Mechaniker und träumte davon, ein eigenes Geschäft zu eröffnen. „Er war freundlich und großzügig und liebte Kinder; er schenkte ihnen immer Süßigkeiten“, sagte Hamza. „Alle, die ihn kannten, kamen zu seiner Beerdigung. Möge Gott die Besatzung dafür zur Rechenschaft ziehen, dass sie uns das Leben geraubt hat, nur weil wir aus Gaza kommen.“

Fast täglich Massaker

Während sich die Aufmerksamkeit der Welt auf den Krieg zwischen Israel und dem Iran richtet – und Israel gleichzeitig Internet- und Telekommunikationsdienste kappt und Millionen Palästinensern eine effektive Medien- und Informationssperre auferlegt – haben sich Israels Angriffe auf die hungernden, auf Hilfe wartenden Gaza-Bewohner nur noch verstärkt. 

Nachdem zwei Monate lang kein einziger Tropfen Lebensmittel, Medikamente oder Treibstoff nach Gaza gelangt war, wurde seit Ende Mai wieder ein Rinnsal Weißmehl und Konserven zugelassen. Der Großteil davon ging an Standorte in Rafah und im Netzarim-Korridor, die von der Gaza Humanitarian-Foundation (GHF) verwaltet und von privaten amerikanischen Sicherheitskräften und israelischen Soldaten bewacht werden. Seit dem 10. Juni treffen auch kleinere Lieferungen mit Hilfslastwagen des Welternährungsprogramms (WFP) ein. 

Doch der Hunger nimmt zu, und die Menschen warten nicht mehr, bis die Lastwagen sicher an den israelischen Truppen vorbeigefahren sind. Stattdessen stürmen sie sofort auf sie zu, sobald sie auftauchen, und versuchen verzweifelt, alles zu ergattern, was sie kriegen können, bevor die Vorräte versiegen. Zehntausende versammeln sich an den Verteilungspunkten, manchmal schon tagelang im Voraus, und viele gehen mit leeren Händen nach Hause.

Hungernde Zivilisten versammeln sich in riesigen Menschenmengen und warten auf die Erlaubnis, sich nähern zu dürfen. In vielen Fällen eröffneten israelische Soldaten das Feuer auf die Massen – und sogar während der Verteilung selbst. Dutzende wurden getötet, als sie versuchten, ein paar Kilo Mehl oder Konserven für die Heimreise zu sammeln – eine Aktion, die die Palästinenser als „Hungerspiele“ bezeichnen. 

Seit dem 27. Mai wurden laut Mahmoud Basel, Sprecher des Gaza-Zivilschutzes, weit über 400 Palästinenser getötet und über 3.000 verletzt, während sie auf Hilfe warteten. Der tödlichste Angriff auf Hilfssuchende ereignete sich am 17. Juni, als israelische Streitkräfte Panzergranaten, Maschinengewehre und Drohnen auf eine Menge Palästinenser in Khan Younis abfeuerten. Dabei wurden 70 Menschen getötet und Hunderte verletzt.  Die spärliche Hilfe, die nach Gaza gelangt, reicht bei weitem nicht aus, um selbst die grundlegendsten Bedürfnisse zu decken. Viele Bewohner sind daher gezwungen, Lebensmittel von anderen zu kaufen, die an den Verteilungsstellen Lebensmittel ergattern konnten und diese nun in dem verzweifelten Versuch, sich andere lebensnotwendige Dinge leisten zu können, weiterverkaufen.

„Menschen wurden getötet, aber alle rannten weiter, um Mehl zu holen.“

Am Tag nach dem Massaker in der Al-Rashid-Straße, bei dem Hatem Shaldan ums Leben kam, versammelten sich noch größere Menschenmengen an derselben Stelle, darunter auch der 17-jährige Muhammad Abu Sharia, der mit vier Verwandten angereist war. Die wenigen Hilfstransporter, die in dieser Woche eintrafen, gaben den hungernden Familien einen Funken Hoffnung. 

Abu Sharia lebt mit seiner neunköpfigen Familie in ihrem teilweise zerstörten Haus im Süden von Gaza-Stadt. Er ist der einzige Sohn von sechs Schwestern. „Meine Familie wollte mich zuerst nicht gehen lassen“, sagte er. „Aber wir hungern seit zwei Monaten.“ Um 22 Uhr machte er sich auf den Weg zur Al-Rashid-Straße, wo sich Menschenmengen im Sand nahe dem Ufer versammelt hatten und auf Hilfslastwagen warteten. Mit gedämpfter Stimme warnten die Menschen: „Bleiben Sie hinter den Lastwagen. Laufen Sie nicht vor – Sie könnten zerquetscht werden.“Abu Sharia war schockiert über das, was er sah. „Ältere Menschen, Frauen, Kinder, alle warteten nur auf Mehl.“ Dann, ohne Vorwarnung, fielen um sie herum Artilleriegeschosse.  Panik brach aus. Einige flohen. Andere, wie Abu Sharia, rannten auf die Lastwagen zu. „Menschen wurden getötet und verwundet, aber niemand blieb stehen. Alle rannten einfach weiter, um das Mehl zu holen.“  Es gelang ihm, eine Tasche zu greifen, die neben einer Leiche lag. Doch er schaffte es nur wenige Meter weit, bevor ihn eine Bande von vier Männern mit Messern umzingelte und drohte, ihn umzubringen, wenn er die Tasche nicht herausgeben würde. Er ließ sie los. 

Er hoffte immer noch, einen anderen Lastwagen zu erreichen, und wartete noch Stunden. Dann sah er Menschen rufen: „Weitere Hilfe ist da!“ Die Lastwagen rollten heran und wurden kaum langsamer, als die Menschenmassen sie umringten. „Ich sah, wie ein Mann unter einen [Lastwagen] fiel und sich den Kopf zerquetschte.“ Da die Krankenwagen aus Angst vor israelischen Luftangriffen zu weit entfernt waren, wurden die Verletzten und Toten mit Eselkarren und Tuk-Tuks weggeschleppt.

Abu Sharia war der Einzige aus seiner Großfamilie, der einen Sack Mehl mitbringen konnte. Seine Familie, die sich große Sorgen machte, war erleichtert, ihn zu sehen. Sie backten sofort Brot und teilten es mit Verwandten.  „Niemand riskiert sein Leben auf diese Weise, es sei denn, er hat keine andere Wahl“, sagte er. „Wir gehen, weil wir verhungern. Wir gehen, weil es nichts anderes gibt.“

„Ein junger Mann wurde in zwei Hälften gesprengt. Anderen wurden Gliedmaßen abgerissen.“

Yousef Abu Jalila, 38, war früher auf humanitäre Hilfe des WFP angewiesen, um seine zehnköpfige Familie zu ernähren. Doch seit über zwei Monaten ist kein solches Hilfspaket mehr eingetroffen, und die Preise für das Wenige, was noch auf den Märkten übrig ist, sind in die Höhe geschossen.  Jetzt, nachdem ihr Haus im Viertel Sheikh Zayed während des Einmarsches der israelischen Armee in den Norden Gazas im Oktober 2024 zerstört wurde, leben sie in einem Zelt im Al-Yarmouk-Stadion im Zentrum von Gaza-Stadt. Gegenüber +972 sagte er: „Meine Kinder schreien und sagen, sie hätten Hunger, und ich habe nichts, womit ich sie ernähren könnte.“ 

Da es weder Weißmehl noch Reste von Konserven gibt, bleibt Abu Jalila nichts anderes übrig, als sich an den Hilfsverteilungsstellen zu melden oder auf die Hilfslastwagen zu warten. „Ich weiß, dass ich möglicherweise einer von denen bin, die beim Versuch, Essen für meine Familie zu besorgen, getötet werden“, sagte Abu Jalila gegenüber +972. „Aber ich gehe, weil meine Familie hungert.“

Am 14. Juni verließ Abu Jalila mit einer Gruppe von Nachbarn das Zeltlager, nachdem Gerüchte gehört hatten, dass Hilfstransporter im Gebiet des Reitclubs im Nordwesten des Gazastreifens eintreffen könnten. Als er dort ankam, war er überrascht, Tausende andere anzutreffen, die hofften, Lebensmittel für ihre Familien mitzubringen.  Im Laufe der Stunden drängte sich die Menge immer näher an eine israelische Militärposition heran. Dann explodierten ohne Vorwarnung mehrere israelische Artilleriegranaten mitten in der Versammlung.  „Ich weiß immer noch nicht, wie ich das überlebt habe“, sagte Abu Jalila. „ Dutzende Menschen wurden
getötet , ihre Körper zerfetzt. Viele andere wurden verletzt.“

 In dem Chaos flohen einige in Panik, während andere sich beeilten, die Toten und Verletzten auf Eselskarren zu laden, da weder Krankenwagen noch Autos in der Nähe waren. „Ein junger Mann wurde in zwei Hälften gesprengt; anderen wurden Gliedmaßen abgerissen“, erinnerte sich Abu Jalila. „Das waren unschuldige, unbewaffnete Menschen, die nur versuchten, an Nahrung zu kommen. Warum wurden sie auf diese Weise getötet?“  Erschüttert und mit leeren Händen lief Abu Jalila vier Stunden lang mit zitternden Beinen zurück nach Gaza. Als er das Zelt erreichte, warteten seine Kinder bereits draußen. „Sie hofften, ich würde Essen
mitbringen“, sagte er. „Ich wünschte, ich könnte sterben, anstatt die Enttäuschung in ihren Augen zu sehen.“

Er schwor, nie wieder zurückzukehren. Doch da er nichts mehr hat, um seine Familie zu ernähren, und seitdem auch keine Hilfe mehr verteilt wurde, weiß er, dass er es noch einmal versuchen muss.

„Wir wussten, dass wir sterben könnten. Aber welche Wahl haben wir?“

Ähnliche Massaker ereigneten sich im südlichen Gazastreifen. Der 44-jährige Zahiya Al-Samour konnte kaum noch stehen, nachdem er über zwei Kilometer gerannt war, während er vor einem israelischen Angriff auf Menschenmengen floh, die sich im Stadtteil Tahlia im Zentrum von Khan Younis versammelt hatten, um Hilfe zu holen.  Sie rang nach Luft und sagte zu +972: „Mein Mann ist letztes Jahr an Krebs gestorben. Ich kann nicht für meine Kinder sorgen. Es gibt kein Essen mehr im Haus, seit der Blockade und dem Stopp der Hilfslieferungen, die uns während des Krieges am Leben gehalten haben.“

Getrieben von ihrer Verzweiflung machte sich Al-Samour in der Nacht des 16. Juni auf den Weg nach Tahlia, in der Hoffnung, zu den Ersten in der Schlange für die ankommenden Hilfslastwagen zu gehören. Zusammen mit Tausenden anderen kampierte sie am Straßenrand. Doch am nächsten Morgen, als die Menschen in der Nähe der Al-Rashid-Straße warteten, regnete es plötzlich Panzergranaten auf die Menge und tötete über 50 Menschen.  „Ich sah, wie Menschen Gliedmaßen verloren und ihre Körper zerfetzt wurden“, erzählte sie. „Drei meiner Nachbarn aus Al-Zaneh [nördlich von Khan Younis] wurden getötet. Ihre Leichen waren nicht wiederzuerkennen.“

Obwohl sie unverletzt davonkam, ist das Trauma noch immer spürbar. „Mein Herz zittert immer noch“, sagte sie. „Ich sah Menschen sterben, während andere auf Eselskarren verbluteten; es gab keine Krankenwagen.“  Sie kehrte mit leeren Händen in das Zelt zurück, das sie in Al-Mawasi aufgebaut hatte, nachdem die
israelische Armee die Räumung ihres Viertels angeordnet hatte. „Meine Kinder haben Hunger“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Sie warten darauf, dass ich ihnen Essen bringe. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll.“

Im Nasser-Krankenhaus erholt sich der 22-jährige Mohammad Al-Basyouni von einer Schusswunde am Rücken. Er wurde am 25. Mai angeschossen, als er im Stadtteil Al-Shakoush in Rafah versuchte, Lebensmittel zu sammeln.  „Ich wachte im Morgengrauen auf und verließ mein Zuhause [im Gebiet Fash Farsh, zwischen Rafah und
Khan Younis] mit einem einzigen Ziel: Mehl für meinen kranken Vater zu holen“, erzählte er +972. „Meine Mutter flehte mich an, nicht zu gehen, aber ich bestand darauf. Wir hatten nichts zu essen. Mein Vater ist krank, und wir brauchten Hilfe.“

„Ich bin gegen 6 Uhr morgens losgefahren, und kurz nach meiner Ankunft brach ein Schusswechsel aus“, erzählte Al-Basyouni. „Auf der Flucht wurde ich getroffen – ein Scharfschütze schoss mir in den Rücken.“ Er wurde mit einem Tuk-Tuk in den OP gebracht. „Ich habe überlebt, andere nicht. Manche kamen inLeichensäcken zurück.“ Er hielt inne und fügte dann leise hinzu: „Wir wussten, dass wir sterben könnten. Aber welche Wahl haben wir? Hunger ist tödlich. Wir wollen, dass Krieg und Belagerung enden. Wir wollen, dass dieser Albtraum vorbei ist. Ich kam verwundet zurück und brachte nichts mit nach Hause. Jetzt hat mein kranker Vater seinen einzigen Ernährer verloren.“

„Wir sahen aus wie Tiere, die darauf warteten, dass der Futterplatz öffnet“

Obwohl der 48-jährige Mahmoud Al-Kafarna nach seiner Vertreibung mit seiner Familie aus Beit Hanoun im Zentrum von Gaza-Stadt lebt, machte er sich am 15. Juni auf den Weg zu dem von GHF betriebenen Hilfszentrum im äußersten Südwesten von Khan Younis.  Er musste stundenlang zu Fuß nach Nuseirat gehen und fuhr dann mit dem Tuk-Tuk nach Fash Farsh, einem bekannten Treffpunkt für Essenssuchende. Er und andere wanderten von 19:30 Uhr bis 2:30 Uhr morgens und suchten schließlich Schutz in der Mu’awiyah-Moschee, bis der israelische Kontrollpunkt öffnete.

Im Morgengrauen näherten sie sich einer von israelischen Streitkräften bewachten Sandbarriere. Hinter der Barriere bellte eine Stimme durch einen Lautsprecher: „Das Hilfszentrum ist geschlossen. Es gibt keine Verteilung. Sie müssen nach Hause gehen.“  Al-Kafarna blieb wie viele andere an Ort und Stelle – er war mit diesen Taktiken zur Ausdünnung der Menschenmengen vertraut. Dann kamen die Drohungen: „Geht, oder wir eröffnen das Feuer“, gefolgt von Beschimpfungen wie „Ihr Hunde“.  Noch bevor sie ihre Warnung ausgesprochen hatten, eröffneten israelische Streitkräfte das Feuer aus ihrer etwa einen Kilometer von der versammelten Menge entfernten Stellung. „Kugeln flogen über die Köpfe hinweg“, berichtete Al-Kafarna. „Dutzende wurden getroffen. Niemand konnte den Kopf heben.“ Einigen
Jugendlichen gelang es, die Verletzten in eine nahegelegene Einrichtung des Roten Kreuzes zu evakuieren, doch viele überlebten nicht .

Als eine halbe Stunde später eine zweite Durchsage den Zutritt erlaubte, drängte die Menge nach vorn. Sie rannte zwei Kilometer mit erhobenen Händen und weißen Säcken – eine Geste der Kapitulation. Dann liefen er und andere noch zwei Kilometer am Kontrollpunkt vorbei, der von schwer bewaffneten privaten Auftragnehmern bewacht wurde.  „Sie sind genau so, wie Hollywood sie darstellt: bis an die Zähne bewaffnet, mit dunklen Sonnenbrillen und kugelsicheren Westen mit der amerikanischen Flagge, Ohrhörern hinter den Ohren und direkt auf unsere nackte Brust gerichtet“, erinnerte sich Al-Kafarna. „Sie schießen auf den Boden unter den Füßen jedes Menschen, der sich der Hilfstruppe nähert, die hinter einem Hügel stationiert ist, auf dem sie stationiert ist.“

Als sie endlich den Hilfsgütervorrat hinter einem Hügel erreichten, „herrschte Chaos“, erinnerte sich Al- Kafarna. „Keine Ordnung, keine Gerechtigkeit, nur noch Überleben.“  Um nicht niedergetrampelt oder angegriffen zu werden, trugen die Menschen Messer oder bewegten sich in koordinierten Gruppen. „Sobald man eine Kiste schnappte, leerte man sie in seine Tasche und rannte los. Wer stehen blieb, wurde ausgeraubt oder überfahren.“ 

Was hat er mit nach Hause genommen? „Zwei Kilo Linsen, etwas Pasta, Salz, Mehl, Öl, ein paar Dosen Bohnen.“ Al-Kafarna hielt inne, die Augen schwer. „War es das wert? Die Kugeln, die Leichen, da Kriechen durch den Tod? So tief sind wir gefallen, bettelnd ums Überleben unter vorgehaltener Waffe.“ „Wir sahen aus wie Tiere, die in einem Stall ohne Moral und Mitgefühl auf die Öffnung der Futterstelle warten“, fuhr er fort. „Der Hunger hat uns dazu getrieben, Nahrung aus den Händen unserer Feinde zu suchen – Nahrung, die in Demütigung und Schande gehüllt ist – nachdem wir einst in Würde gelebt hatten.“

Als Reaktion auf diesen Artikel erklärte ein Sprecher der israelischen Armee: „Die israelischen Streitkräfte erlauben den amerikanischen Zivilorganisationen (GHF), bei der Verteilung von Hilfsgütern an die Bevölkerung Gazas unabhängig zu agieren und setzen sich für eine sichere und kontinuierliche Verteilung gemäß internationalem Recht ein.“ Der Sprecher fügte hinzu: „ Das operative Vorgehen in den Gebieten der Hauptzufahrtswege zu den Verteilungszentren wird von systematischen Lernprozessen der israelischen Streitkräfte begleitet. In diesem Rahmen haben die israelischen Streitkräfte kürzlich Anstrengungen unternommen, diese Gebiete durch die Errichtung von Zäunen, die Aufstellung von Beschilderungen, die Öffnung zusätzlicher Zufahrtswege und andere Maßnahmen neu zu organisieren. “

Titelbild: Palästinenser tragen einen Verletzten weg, der von israelischem Feuer getroffen wurde, als sie in der Al-Rashid-Straẞe nahe dem Netzarim-Korridor versuchten, Nahrungsmittelhilfe zu holen, 16. Juni 2025. (Yousef Zaanoun/ActiveStills)

Der Bericht kann hier im Original gelesen werden.

Sag mir, wo du stehst – Linkspartei und Gaza

Einmal mehr zeigte sich der Januskopf der Linkspartei in Kriegs- und Friedensfragen. Schade angesichts des großen Engagements vieler Mitglieder, dem Kriegskurs die Stirn zu bieten. Auf der großen Demonstration am 21.Juni in Berlin waren sie Teil des großen Bildes, sich mit den Palästinenser:innen insbesondere in Gaza zu solidarisieren! (Peter Vlatten)

Sag mir, wo du stehst

Linkspartei und Gaza

Von Nick Brauns, junge Welt , 27.6.2025

Bei der bislang größten deutschen Demonstration für Gaza am vergangenen Sonnabend in Berlin war endlich auch die Partei Die Linke sichtbar mit Lautsprecherwagen, Fahnen und Bannern dabei. Zuvor hatte ihre Fraktion im Bundestag sich in einem Antrag für den Zugang von humanitärer Hilfe nach Gaza und einen Waffenexportstopp nach Israel starkgemacht.

Doch schon drei Tage nach der Berliner Demonstration stimmte die Linke im sächsischen Landtag gemeinsam mit allen anderen Fraktionen bei Enthaltung der AfD gegen den Antrag des BSW: »Deutsche Waffenexporte nach Israel stoppen – humanitäre Hilfe für die Palästinenser in Gaza ermöglichen«. Der Linke-Abgeordnete Stefan Hartmann begründete die Ablehnung seiner Fraktion damit, dass ein Bundesland keine Außenpolitik zu betreiben habe – ein Argument, das bei proisraelischen oder proukrainischen Bekundungen in der Landespolitik bezeichnenderweise nie vorgebracht wird. Hartmanns Ablenkungsmanöver: Das BSW habe im übrigen ja auch Russlands Angriff auf die Ukraine nicht verurteilt.

Mitte des Monats hatten die Delegierten des sächsischen Linke-Landesparteitags – übrigens ebenso wie ihre Genossen in Thüringen – bereits moniert, dass eine Mehrheit auf dem Bundesparteitag (gegen den Willen des Vorstands) für die Annahme der Jerusalem Declaration of Antisemitism votiert hatte. Damit setze sich die Linke »dem Vorwurf aus, jüdische Perspektiven und die Bedrohungssituation für Juden*Jüdinnen in Deutschland nicht ernst zu nehmen«. Macht sich da wer einen von Lobbyisten der rechtsextremen Netanjahu-Regierung erhobenen Vorwurf zu eigen?

Zweifelsohne ist vielen Linke-Mitgliedern die Solidarität mit Palästina internationalistische Herzensangelegenheit. Und die Forderung nach einem Stopp der Waffenlieferungen an Israel wird inzwischen von einer breiten Mehrheit von 73 Prozent der Bevölkerung getragen. Doch innerhalb der Partei findet eine kleine Zahl von »Antideutschen« – besser sollte man diese nichtjüdischen Zionisten als Ultradeutsche bezeichnen – wie die Landtagsabgeordneten Juliane Nagel und Katharina König-Preuß in Sachsen und Thüringen oder der Brandenburger Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner Rückendeckung bei einer opportunistischen Mehrheit in den Partei- und Fraktionsführungen. Dort weiß man, dass das Bekenntnis zur Staatsräson bedingungsloser Israelsolidarität die Eintrittskarte zum Mitspielen im erstrebten bürgerlichen Parteienklub ist.

Mit ihrem Zickzack aber isoliert sich die Linkspartei weiter von den palästinasolidarischen linken Kräften in Europa und weltweit. Wie sang doch der Oktoberklub? »Sag mir, wo du stehst / Und welchem Weg du gehst / Zurück oder vorwärts, du musst dich entschließen / Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück / Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen / Denn, wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück.«

Der Beitrag von Nick Brauns ist im Original in der jungen Welt am 27.Juni 2025 unter dem Titel „Sag mir wo, Du stehst“ erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

Donnerstag, 3. Juli 2025, 19:00 Uhr
EU-Wahrheitsregime kontra Pressefreiheit
Arbeitsverbot und Ächtung: Deutsche Journalisten landen auf Russland-Sanktionsliste. Was tun?!

Diskussionsveranstaltung mit:
Florian Warweg (Nachdenkseiten), Roberto de Lapuente (Overton-Magazin), Tilo Gräser (Hintergrund), Nick Brauns (junge Welt)
Moderation: Rüdiger Göbel

Die Veranstaltung wird auf jungewelt.de gestreamt.

Beginn: 19.00 Uhr, Einlass ab 18.30 Uhr
Eintritt: 10 € (ermäßigt: 5 €)

Wir bitten um Anmeldung unter maigalerie@jungewelt.de oder unter 030/53 63 55-54.

Titelbild: Peter Vlatten

Von „Differenziertheit“ zu Diffamierung – Kritik am Statement der Linksjugend [’solid]

Ein Beitrag zum linken Diskurs über Palästinasolidarität, Israelkritik und Antisemitismus! Eine differenziertere Klärung der Begrifflichkeiten und Strömungen in der Bewegung tut Not. Ebenso: was ist dazu zu tun? Zur Grundpositionierung der Redaktion im Israel Palästina Konflikt siehe hier! (Peter Vlatten)

Urs Hecker, ursprünglich veröffentlicht auf www.onesolutionrevolution.de, Infomail 1285, 17. Juni 2025

Die Linksjugend [’solid] bzw. ihr Bundessprecher:innenrat hat am 31.05. ein Statement auf ihrem Instagram-Kanal hochgeladen, in welchem sie der Palästinasolidaritätsbewegung in Deutschland strukturellen Antisemitismus unterstellt. Dabei wird – in für die deutsche Öffentlichkeit typischer Manier – keine Trennlinie zwischen „Israelhass“, Antizionismus und Antisemitismus gezogen. Anlass für das Statement war das Attentat auf zwei Mitarbeiter:innen der israelischen Botschaft in Washington, D. C., von dem die Linksjugend [’solid] eine direkte Verbindung zu Parolen der Palästinasolidaritätsbewegung in „deutschen Großstädten“ zieht. Damit ist sie nicht nur klar auf Linie der deutschen Staatsräson, sie fungiert auch als Stichwortgeber von „links“, um die Repression, welche die Palästinasolidarität aktuell massiv „in deutschen Großstädten“ erfährt, zu rechtfertigen.

Im Folgenden wollen wir uns das Statement genauer anschauen und zum einen herausarbeiten, wie gegen diese Haltung eine Opposition in der Linksjugend [’solid] aufgebaut werden könnte, und zum anderen, wie sich Revolutionär:innen überhaupt gegenüber der Palästinasolidaritätsbewegung verhalten sollten.

Antizionismus oder Antisemitismus

Durch das gesamte Statement zieht sich eine Argumentationslinie, in der Antizionismus, also Opposition zu Israel als siedlerkolonialem Projekt, und Antisemitismus miteinander vermischt oder in eins gesetzt werden. Von Beginn an wird „Hass auf Israel und auf Zionist:innen“ mit Antisemitismus und antisemitischer Gewalt in Verbindung gebracht. Parolen wie „Globalize the Intifada“ und „Zionists not welcome“, welche auf Demos gerufen oder an Universitäten geschmiert werden, seien Ausdruck eines „antisemitischen Vernichtungswahns“, da die Aktivist:innen Israel und Zionist:innen als weltbeherrschend und per se als „das Böse“ ansehen würden. Solche Parolen seien sogar mittelbar für das Attentat in Washington und antisemitische Gewalt verantwortlich.

Parolen wie „Globalize the Intifada“ oder „Zionists not welcome“ und Antizionismus im Allgemeinen sind natürlich nicht antisemitisch, da Juden und Jüdinnen und Israel eben nicht identisch sind. Vielmehr fördert diese Vermischung der Begriffe gerade Antisemitismus und macht Juden und Jüdinnen allgemein für die Verbrechen Israels mitverantwortlich. Dass der zionistische Apartheidstaat, der aktuell einen Genozid ausübt, gehasst und als Feind wahrgenommen wird, ist völlig richtig und legitim. Ebenso wie der Kampf gegen die Imperialist:innen, welche ihn außenpolitisch unterstützen und für ihre Interessen einsetzen.

Mit ihrer Argumentation reiht sich die Linksjugend [’solid] in die Propaganda ein, dass der Zionismus tatsächlich mit dem jüdischen Volk und Glauben identisch sei und Angriffe auf ihn deshalb antisemitisch. Nicht nur das: Auch für die deutsche rassistische Medienlandschaft und Politik, die seit jeher die Palästinasolidaritätsbewegung als antisemitisch diffamieren, um so die Repression zu rechtfertigen, liefert die Linksjugend Argumentationshilfe von „links“. Neben Springer und Tagesschau redet jetzt auch sie von angeblich strukturell antisemitischen Demonstrationen in deutschen Großstädten, die für Attentate wie das in Washington verantwortlich seien.

Auch wenn man im Lippenbekenntnis die Gewalt Israels verurteilt, hilft man so objektiv der staatlichen und rassistischen Repression und Hetze gegen die Palästinasolidaritätsbewegung. Das alles entbehrt vor dem Hintergrund des Genozids jeglicher „Differenziertheit.

Zum Attentat in D. C.

Als Anlass für diese Diffamierungen nimmt sich die Linksjugend [’solid] das Attentat in Washington, D. C. Der Attentäter fuhr hier von Chicago nach Washington, um eine Veranstaltung für israelische Diplomat:innen auszukundschaften und daraufhin anzugreifen. Dabei tötete er zwei Mitarbeiter:innen der israelischen Botschaft. Das Attentat in Washington war also nicht antisemitisch, da der Täter gezielt Mitarbeiter:innen der israelischen Botschaft und nicht Juden und Jüdinnen per se angriff. Auch sollte hier erwähnt werden, dass eines der Opfer nicht jüdisch war.

Das Attentat stellt auch keine „Zäsur“ dar, wie die Linksjugend [’solid] behauptet. In einem Genozid, in dem Israel über 70.000 Menschen direkt ermordet hat, Hunderttausende vom Hungertod durch die israelische Blockade bedroht sind und Millionen vertrieben werden, stellt die Ermordung zweier Mitarbeiter:innen dieses Staates sicher kein neues Level an Gewalt und Verrohung dar.

Trotzdem lehnen wir den Anschlag ab. Terrorismus und Attentate liefern keine Perspektive für einen effektiven Kampf gegen Unterdrückung und haben in der Geschichte entsprechende Bewegungen geschwächt. Nur die gemeinsame bewusste Aktion der Arbeiter:innen und Unterdrückten in Palästina und im restlichen Nahen Osten, unterstützt durch die Arbeiter:innenklasse in den imperialistischen Zentren, kann den zionistischen Apartheidstaat und den ihn stützenden Imperialismus bezwingen. Keine noch so entschlossene und radikale Einzelaktion kann hier eine Abkürzung liefern. Stattdessen fungieren sie als Rechtfertigung für die Repression, verbrennen die entschlossensten Aktivist:innen und führen die Bewegung in eine Sackgasse.

Dieser individuelle Aktionismus und Terrorismus sind dabei oft Ausdruck der Marginalisierung und Perspektivlosigkeit einer Bewegung, in der Aktivist:innen aber unbedingt und zu Recht etwas verändern wollen. Genau hier könnte die Linksjugend [’solid] ansetzen und zusammen mit der Anbindung an breitere Teile der Jugend und Arbeiter:innenklasse eine linke Perspektive für die Bewegung aufwerfen. Sie reiht sich, wie oben erwähnt, aber lieber hinter Springer und den deutschen Staat ein, um der Bewegung an sich Antisemitismus vorzuwerfen.

Palästinasolidarität und Antisemitismus

Wenn man tatsächlich an der Palästinasolidaritätsbewegung teilnimmt und die Statements der verschiedenen Akteur:innen verfolgt, ist klar, dass diese zwar ein Sammelbecken von verschiedenen (klein-)bürgerlichen Ideologien (Nationalismus, Postkolonialismus, Islamismus) und einigen revolutionär auftretenden Kräften, in der Mehrheit aber klar nicht antisemitisch ist. Hass auf Israel und den Zionismus ist dabei natürlich weit verbreitet, aber auch angesichts von Generationen andauernder Unterdrückung, Vertreibung und Genozid mehr als gerechtfertigt. Wenn Antisemitismus in der Bewegung auftaucht, dann meistens aus berechtigtem Hass auf den Unterdrücker Israel, welcher dann aber fälschlicherweise mit Juden und Jüdinnen insgesamt in Verbindung gebracht wird. Das ist genau der Gegensatz zu einigen Nazis, die aufgrund ihres Antisemitismus vorgeben, Palästina zu unterstützen. Dass der Antisemitismus überhaupt in der Lage ist, in der Bewegung Raum zu finden, liegt auch an der Dominanz der verschiedenen bürgerlichen Ideologien in der Palästinasolidaritätsbewegung, die nicht in der Lage sind, die Unterdrückung durch Israel in die Totalität des imperialistischen Weltsystems einzufügen. Das macht den Antisemitismus nicht weniger gefährlich, natürlich in erster Linie für Juden und Jüdinnen, aber auch für den Kampf gegen den Genozid. Zu wissen, wie er entsteht, ist dabei eine notwendige Voraussetzung, um ihn überhaupt bekämpfen zu können.

Er ist zumindest nicht so zu bekämpfen, indem man der Palästinasolidaritätsbewegung und dem Widerstand grundsätzlich die Solidarität entzieht. Der Kampf gegen Unterdrückung, Besatzung und Genozid ist gerechtfertigt und notwendig. Vom Standpunkt der bedingungslosen Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand aus kann über die Ursachen der Unterdrückung, ihrer westlichen Unterstützung und über Perspektiven im Kampf diskutiert werden. Hier kann die Einordnung ins imperialistische Weltsystem erfolgen und dabei kann stets die falsche Gleichsetzung von Judentum und Zionismus aufgezeigt werden. Die Linksjugend macht das genaue Gegenteil, indem sie diese falsche Gleichsetzung reproduziert, um sie gegen die Palästinasolidaritätsbewegung zu richten. Damit hilft sie nicht nur der Repression gegen diese, sondern stärkt auch antisemitische Sichtweisen in ihr.

Aufgabe linker Kräfte

Die Aufgabe linker Kräfte im Verhältnis zur Palästinasolidaritätsbewegung ist also eine fundamental andere. Als Erstes muss uns klar sein, dass es eben nicht unsere Aufgabe ist, besonders „differenziert“ von außen zuzuschauen und dabei die Aktionen der einzelnen Akteur:innen isoliert nach moralischen Maßstäben hier in Deutschland zu bewerten. Für uns muss klar sein, dass der Gewalt in Palästina ein Unterdrückungsverhältnis zugrunde liegt, welches im imperialistischen Weltsystem und konkret im Siedlerkolonialstaat Israel begründet ist. Alle Gewalt rührt letztendlich aus diesem Unterdrückungsverhältnis. Zusätzlich sei noch die Asymmetrie im Kräfteverhältnis zwischen der Atommacht Israel plus ihrer imperialistischen Unterstützer:innen und dem palästinensischen Widerstand erwähnt und die damit verbundene Möglichkeit, Gewalt auszuüben. Es ist Israel, das de facto einen Genozid ausübt, es ist Israel, das vernichtet.

Aus diesem Verständnis folgt, dass wir klar Stellung beziehen auf der Seite der Unterdrückten, der Palästinenser:innen. Dass wir ihr Recht auf Widerstand anerkennen, ohne diese Unterstützung dabei von der moralischen Bewertung einzelner Aktionen oder Gruppen abhängig zu machen. Diese Intervention muss aber auch erfolgen! Zum einen im Praktischen, indem wir im Rahmen unserer Kräfte Aktionen durchführen und unterstützen und so einen Beitrag zur Bewegung leisten, aber auch im Theoretischen, um die Unterdrückung im imperialistischen Weltsystem einordnen zu können und so den Weg zu ihrer Überwindung zu finden. Dabei müssen wir auch die verschiedenen bürgerlichen Ideologien, die im Widerstand und der Solidaritätsbewegung vorhanden sind, kritisieren und ihre Dominanz herausfordern. Es ist deshalb auch wichtig, Kritik an der Hamas und ihrer fehlgeleiteten Strategie zur Befreiung Palästinas anzubringen, allerdings immer auf der Grundlage der grundsätzlichen Unterstützung des palästinensischen Widerstands.

Unser Ziel ist es also, möglichst breit im Widerstand gegen Zionismus und Imperialismus zusammenzuarbeiten. Dabei müssen wir aber gleichzeitig unsere politische und organisatorische Unabhängigkeit bewahren, um nicht unseren Klassenstandpunkt den verschiedenen bürgerlichen Akteur:innen unterzuordnen. Deswegen fordern wir die antiimperialistische Einheitsfront, also die Aktionseinheit aller Kräfte, die sich gegen den zionistischen Apartheidstaat und den Imperialismus stellen, bei gleichzeitiger Freiheit der Kritik an- und untereinander.

Opposition in der Linksjugend [’solid]

Dass die Führung der Linksjugend [’solid] sich hier so opportunistisch zeigt, ist kein Zufall, sondern unter anderem Ausdruck des ideologischen Einflusses durch die Bürokratie der Linkspartei.

Dieser Einfluss führt dazu, dass sie, obwohl sie selbst weniger bürokratisch geprägt ist als die Linkspartei, deren opportunistisches Schwanken zu Palästina und reformistisches Programm mitträgt.

Gegen das Statement der Linksjugend-[’solid]-Leitung haben verschiedene Landesverbände, Basisgruppen und der BAK-Klassenkampf Kritik veröffentlicht. Das begrüßen wir ausdrücklich und es spricht sicher hunderten Genoss:innen in der Linksjugend [’solid] aus der Seele, die die Diffamierung der Palästinabewegung und die Vermischung von Antizionismus und Antisemitismus nicht mittragen wollen. Diese haben sich auch zahlreich Luft in der Kommentarspalte verschafft, bis sie dann geschlossen wurde. Diese Kritik ist wichtig! Zu sagen, was ist, ist immer noch die revolutionärste Tat.

Es ist aber auch notwendig, dem einen organisatorischen und programmatischen Ausdruck zu geben. Dazu ist es sinnvoll, sich innerhalb der Linksjugend [’solid] zu einer revolutionären Fraktion zusammenzuschließen. Das ist notwendig, um nicht nur zufällig im organisationsinternen Kampf einmal auf der einen und einmal auf der anderen Seite zu stehen, sondern um die Kräfte zu bündeln, gemeinsam zu intervenieren und einen echten inhaltlichen/programmatischen Pol in der Linksjugend [’solid] bilden zu können.

Diese Fraktion muss darum kämpfen, den Opportunist:innen die Führung der Linksjugend [’solid] zu entziehen. Dabei wird die Frage zum Verhältnis zur Palästinasolidaritätsbewegung eine entscheidende Rolle spielen.

Wenn ihr Mitglied bei der Linksjugend seid und unsere Kritik teilt oder auch als Basisgruppe dem zustimmt, dann kommt auf uns zu (schreibt uns einfach eine DM) und lasst uns darüber diskutieren, wie diese notwendigen Schritte im Verband gegangen werden können, um Diffamierung und Opportunismus entschlossen entgegenzutreten und die Linksjugend zu einer Kraft zu machen, welche reale Veränderung erkämpfen kann!

Hier könnt ihr den Beitrag der Linksjugend [’solid] nachlesen: https://www.instagram.com/p/DKRHaTUt62h/?img_index=1

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