Aktive Mittagspause gegen KĂŒndigungswelle

Bild: Screenshot eines Youtube-Videos des JKH Berlin


V E R.D I P R E S S E I N F O R M A T I O N

JĂŒdisches Krankenhaus Berlin - 24. September: Aktive Mittagspause gegen KĂŒndigungswelle

Am Dienstag, den 24. September organisieren die BeschĂ€ftigten des JĂŒdischen Krankenhaus Berlin (JKB) mit ihrer Gewerkschaft ver.di eine aktive Mittagspause. Mit der Aktion protestieren die BeschĂ€ftigten gegen die KĂŒndigung von ĂŒber 70 Pflegehelfer*innen, die die GeschĂ€ftsfĂŒhrung angekĂŒndigt hat.

Die GeschĂ€ftsfĂŒhrung reagiert mit der KĂŒndigung auf eine VerĂ€nderung der Finanzierungsregeln fĂŒr die KrankenhĂ€user auf Bundesebene. Danach dĂŒrfen Pflegehelfer*innen nicht mehr ĂŒber das sogenannte Pflegebudget abgerechnet werden.
ver.di kritisiert die angekĂŒndigten KĂŒndigungen scharf. Denn die Pflegehelfer*innen haben eine wichtige Funktion in der Arbeitsteilung auf den Stationen. Die von ihnen bisher ĂŒbernommenen Aufgaben, mĂŒssten von den verbliebenen BeschĂ€ftigten ĂŒbernommen werden. Dies wĂŒrde die Arbeitsbelastung in einer ohnehin schon angespannten Situation weiter verschĂ€rfen. Die entlassenen BeschĂ€ftigten sollen teilweise ĂŒber einen externen Dienstleister wieder eingestellt werden, teilweise im Haus durch neu Eingestellte mit anderer Qualifikation ersetzt werden. Weiterbildungsangebote fĂŒr die jetzt von KĂŒndigung Bedrohten sind seitens des JKB nicht gemacht worden. ver.di bezweifelt, dass ĂŒber dieses Modell wirklich Geld eingespart werden kann. ver.di fordert auch das Land Berlin, das im Kuratorium des JKB vertreten ist, auf, seinen Einfluss geltend zu machen, um die KĂŒndigungen zu verhindern.

Die KĂŒndigungen sind nach Ansicht von ver.di eine Folge einer verfehlten Krankenhausfinanzierung. Denn nur fĂŒr einen kleinen Teil der BeschĂ€ftigten – die ausgebildeten PflegekrĂ€fte “am Bett” - werden ĂŒber das “Pflegebudget” die realen Personalkosten von den Krankenkassen ĂŒbernommen. Statt diese Regelungen auf alle Berufsgruppen auszuweiten, wird der Kreis der BeschĂ€ftigten, die ĂŒber das Pflegebudget abgerechnet werden können, immer weiter eingegrenzt. Das JKB steht auch deshalb unter finanziellem Druck, weil es einen Neubau, fĂŒr dessen Finanzierung eigentlich das Land Berlin hĂ€tte aufkommen mĂŒssen, zu weiten Teilen aus eigener Tasche zahlen muss.

“Es kann nicht sein, dass die BeschĂ€ftigten immer wieder die Zeche zahlen mĂŒssen fĂŒr die verfehlte Krankenhauspolitik. Was am JKB passiert ist nur ein Beispiel dafĂŒr, was insgesamt in der Krankenhauspolitik bundesweit und hier in Berlin schieflĂ€uft. Voll in den Stationsablauf integriertes Personal soll auf die Straße gesetzt werden, weil die Bundespolitik die Finanzierungsbedingungen verschlechtert. Wir schließen nicht aus, zu Sozialtarifverhandlungen aufzufordern.“ erklĂ€rt die stellvertretende ver.di-Landesfachbereichsleiterin fĂŒr den Bereich Gesundheit Gisela Neunhöffer.

„Ich arbeite am JKB seit ĂŒber 20 Jahren. Ich bin unfassbar enttĂ€uscht und traurig, dass man so mit uns umgeht. Ich erwarte, dass sich Politik, die GeschĂ€ftsfĂŒhrung, meine Gewerkschaft ver.di sich mit uns an einen Tisch setzen und wir eine Lösung finden“, erklĂ€rt Senem Akbas , Krankenpflegehelferin, die von KĂŒndigung bedroht ist.

Die aktive Mittagspause findet statt,
am Dienstag, den 24.September 2024
um 11:00 Uhr,
Ort: Iranische Straße vor dem VerwaltungsgebĂ€ude des JKB

“Wir fordern Euch auf, eine eindeutig antirassistische und internationalistische Position zu beziehen.”

Den Kriegskurs erfolgreich bekÀmpfen, das verlangt letztlich, sich mit den arbeitenden Menschen breit zusammenzuschliessen. Antirassistisch und internationalistisch.

Parlamentarische Erfolge gegen den Kriegskurs werden niemals ausschlaggebend dazu fĂŒhren, dass die Zeitenwende zurĂŒckgedreht werden kann. Auch die wesentlich stĂ€rkere Friedensbewegung vor mehreren Jahrzehnten konnte die Stationierung der Mittelstreckenraketen nicht verhindern. Dazu hĂ€tte es neben Massendemonstrationen schlagkrĂ€ftiger politischer Streiks bedurft, die den mit dem Kriegskurs verbundenen Kapitalinteressen nachhaltig weh tun.

Wer die Menschen mit migrantischem Hintergrund vor den Kopf stĂ¶ĂŸt, erweist dem Friedenskampf einen BĂ€rendienst. Rassismsus treibt die Spaltung der Arbeitenden voran. In meinem ehemaligen Automobilwerk mit ĂŒber 40 000 BeschĂ€ftigten arbeiten Menschen aus 187 Nationen zusammen. Nur wer die 187 Finger zu einer Faust zusammenballt, hat die Kraft die Dinge progressiv zu verĂ€ndern. Die Friedensbewegung muss mit allen imperialen und hegemonialen Bestrebungen im eignen Land konsequent brechen. Dazu gehört untrennbar eine klare Absage an Rassismus und Rechtspopulismus! Nur so wird der 3.Oktober zu einer nachhaltigen Kampfansage an die Zeitenwende. Gestalten wir ihn antirassistisch und internationalistisch.

Jede Mobilisierung und AufklĂ€rung gegen Militarismus und Kriegseskalation ist anerkennenswert. SelbstverstĂ€ndlich mĂŒssen auch bĂŒrgerliche und konservative Menschen in einem breiten FriedensbĂŒndnis einbezogen werden. Aber bitte mit gleichem Respekt fĂŒr alle. Und man sollte diejenigen, die am Ende die Kohle aus dem Feuer holen mĂŒssen, nicht ans Schienbein treten. Das wĂ€re – um ein beliebtes Neuwort zu verwenden – schlichtweg „unvernĂŒnftig“.

Wer zurecht den rassistisch-nationalistischen Banderakult unter Selensky in der Ukraine brandmarkt, aber gleichzeitig die Migrationsfeindlichkeit im Inland fördert, macht sich ebenso unglaubwĂŒrdig wie alle, die hier laut Antifa rufen, aber gleichzeitig die menschenrechts- und völkerrechtswidrige zionistische Politik Israels in PalĂ€stina verharmlosen oder sogar unterstĂŒtzen.

Unser Motto lautet „Wir ziehen nicht in Eure Kriege – grenzenlose SolidaritĂ€t!“ Wir publizieren hierzu im Folgenden einen eindringlichen Appell der Sol. Er bezieht sich auf die BSW ErklĂ€rung „Solingen muss eine Zeitenwende in der Fluchtlingspolitik bringen„.

Wir halten einen offenen Diskurs fĂŒr dringend geboten. Wir sehen uns am 3.Oktober in Berlin.

Offener Brief an Mitglieder des BĂŒndnis Sahra Wagenknecht

An: Friederike Benda, Judith Benda, Ali Ai-Dailami, Sevim Dagdelen, Andrej Hunko, Christian Leye

Liebe Genossinnen und Genossen,

wir schreiben Euch an, weil wir als Mitglieder der Sozialistischen Organisation SolidaritĂ€t (Sol und frĂŒher teilweise der SAV) Euch in den letzten Jahren und Jahrzehnten als Sozialist*innen und Internationalist*innen kennengelernt bzw. wahrgenommen haben. Mit manchen von Euch haben wir in der WASG und/oder der Linkspartei, in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen gemeinsam debattiert, gestritten und gekĂ€mpft, nicht zuletzt auch gegen Rassismus, Rechtspopulismus und Neofaschismus.

Wir schreiben Euch an, weil wir nicht glauben können und wollen, dass Ihr den Kurs von Sahra Wagenknecht und des BSW in der Asyl- und Migrationspolitik tatsĂ€chlich unterstĂŒtzt. Wir wollen Euch auffordern, dazu Position zu beziehen und auch im BSW fĂŒr antirassistische und internationalistische Positionen zu kĂ€mpfen.

Die VerschĂ€rfungen der Asylgesetze, die nach dem Attentat von Solingen in Windeseile von der Ampelregierung mit UnterstĂŒtzung der CDU beschlossen wurden, markieren einen gefĂ€hrlichen Rechtsruck der herrschenden Politik. Sie werden keinen Beitrag dazu leisten, auch nur einen Anschlag rechts-islamistischer Terroristen zu verhindern, aber fĂŒhren dazu, dass die Diskriminierung von Muslimen/Muslimas und Migrant*innen und die Gefahr von Übergriffen und Morden an ihnen zunimmt und sich Neonazis und Rechtsextreme weiter aufbauen und radikalisieren. Gleichzeitig erhöhen sie die Gefahr, dass Muslime und Muslimas in die Arme reaktionĂ€rer KrĂ€fte wie Islamischer Staat und anderer Dschihadisten getrieben werden.

Die Ausweitung polizeilicher Befugnisse, wie sie zum Beispiel hinsichtlich verdachtsunabhĂ€ngiger Kontrollen diskutiert werden, wird nicht nur UnterstĂŒtzer*innen des rechten politischen Islam treffen, sondern alle Migrant*innen und potenziell auch Linke, Gewerkschafter*innen, Umweltaktivist*innen, die PalĂ€stina-SolidaritĂ€tsbewegung und viele andere.

Leider gehört Sahra Wagenknecht mittlerweile zu den Taktgeber*innen von VerschÀrfungen beim Asyl- und Migrationsrecht. Und das nicht erst seit Solingen.

Seit Jahren tĂ€tigt Sahra Wagenknecht Aussagen, die migrationsfeindlich sind und die die Spaltung innerhalb der Arbeiter*innenklasse vertiefen. Ob ihre Bezeichnung des Asylrechts als „Gastrecht“ nach der Kölner Silvesternacht, ob die Herstellung eines kausalen Zusammenhangs von Zuwanderung und Gewalt („Unkontrollierte Einwanderung fĂŒhrt zu unkontrollierter Gewalt“), Forderungen nach LeistungskĂŒrzungen fĂŒr Asylbewerber*innen oder die Ausweitung der Zahl sogenannter sicherer Drittstaaten.

Das KalkĂŒl, der AfD durch eine Übernahme von rechtspopulistischen Positionen in der Asyl- und Migrationspolitik Stimmen abzujagen, ist weder bei der Europawahl noch bei den Landtagswahlen in Sachsen und ThĂŒringen aufgegangen. Ihr werdet dem nun vielleicht entgegnen, dass ohne den BSW-Antritt die AfD noch mehr Stimmen erhalten hĂ€tte. DafĂŒr gibt es keine belastbaren Fakten. Aber selbst wenn dem so wĂ€re, kann es doch nicht das Ziel von Linken und Antirassist*innen sein, die StĂ€rkung der AfD dadurch zu bremsen, selbst migrant*innenfeindliche Positionen einzunehmen.

Denn die Wirkung von Sahra Wagenknechts Positionen und Rhetorik ist, dass das Narrativ von AfD und CDU/CSU, die Migration sei ursĂ€chlich verantwortlich fĂŒr soziale MissstĂ€nde oder Gewalt, bedient wird, dadurch die lohnabhĂ€ngige und sozial benachteiligte Bevölkerung entlang nationaler und religiöser Linien gespalten wird und Widerstand gegen die sozialen MissstĂ€nde und die herrschenden kapitalistischen VerhĂ€ltnisse so erschwert wird.

Wir finden es falsch, dass Ihr eine Partei gegrĂŒndet habt, die sich von den sozialistischen Traditionen der Arbeiter*innenbewegung, in der Die Linke zumindest ihrem Programm nach steht, abgewendet hat und die die MĂ€r von der sozialen Marktwirtschaft propagiert. Eine Partei, die nicht mehr, die Klassen- und Systemfrage formuliert. Eine Partei, die eine stark zentralistische Struktur aufweist, (zumindest bisher) keine breite Mitgliederpartei ist, die eine Stellvertreter*innenpolitik betreibt und nicht den Aufbau von klassenbezogener Selbstorganisation und Massenmobilisierungen in den Mittelpunkt ihres Tuns stellt. Wir können nachvollziehen, dass Euch die in der Linkspartei existierenden Positionen fĂŒr eine militĂ€rische UnterstĂŒtzung des ukrainischen Regimes und des Staats Israels in den gegenwĂ€rtigen Kriegen in diesen beiden Regionen empören, wenn wir auch der Meinung sind, dass der Antikriegsbewegung mehr geholfen gewesen wĂ€re, den notwendigen Kampf dazu auch innerhalb der Linken auszufechten.

Aber wir können nicht nachvollziehen, dass Ihr zu den migrant*innen- und asylfeindlichen Positionen, die Sahra Wagenknecht vertritt, schweigt. Mit Eurem Schweigen macht Ihr Euch mitverantwortlich fĂŒr die Verschiebung der gesellschaftlichen Diskurse und Stimmungen zu diesen Themen nach rechts und fĂŒr den RĂŒckenwind, den die AfD und auch militante Neonazis dadurch erhalten.

Wir fragen Euch, wie Ihr zu diesen Positionen des BSW steht und fordern Euch – in ErwĂ€gung, dass Ihr sie eigentlich nicht unterstĂŒtzt – dazu auf, innerparteilich, aber auch öffentlich dagegen Position zu beziehen und Euch fĂŒr das Recht auf Asyl, gegen Abschiebungen (nicht nur nach Afghanistan und Syrien), weitere AsylrechtsverschĂ€rfungen und Ausweitung staatlicher Kompetenzen einzusetzen und eine eindeutig antirassistische und internationalistische Position zu beziehen.

Sozialistische GrĂŒĂŸe

Sascha Staničić, Sol-Bundessprecher und Mitglied der Linken und AKL

Ursel Beck, Mitglied im Vorstand des Linke Ortsverband Stuttgart-Bad Cannstatt, Delegierte zum Bundesparteitag der Linken

Frank Redelberger, Stadtrat fĂŒr Die Linke in Lemgo

Wolfram Klein, Mitglied im Vorstand des Linke Ortsverband Stuttgart-Bad Cannstatt und des Landessprecher*innenrats der AKL Baden-WĂŒrttemberg

Martin Löber, ver.di-Betriebsrat* in Köln und aktiv in der AG B&G der Linke Kreisverbands Köln

Christian Walter, ehemlaiger LandesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Linksjugend[‘solid] NRW

Max Klinkner, ehemaliges Mitglied des LSPR der Linksjugend[‘solid] Rheinland-Pfalz

Jasper Proske, ehemaliger Stadtrat fĂŒr Die Linke in Mainz

Katja Sonntag, GewerkschaftssekretÀrin* und ehemalige Delegierte zum Linke Bundesparteitag

René Arnsburg, Mitglied im Landesbezirksvorstand von ver.di Berlin-Brandenburg* und Linke-Mitglied

Alexandra Arnsburg,Mitglied im verdi Landesbezirksfachbereichsvorstand A Berlin-Brandenburg, ver.di Landesfrauenrat*

Jens Jaschik, ehemaliges Mitglied im LSPR der Linksjugend[‘solid] NRW

Tristan Kock, ehemaliges Mitglied des Linke-Kreisvorstands Borken

Die Attacke von VW und ihre HintergrĂŒnde

Die Ereignisse bei VW haben fĂŒr die arbeitenden Menschen in Deutschland Signalwirkung. Sie sind ein Anschlag auf die Lebensstandards der unmittelbar Betroffenen des Konzerns. Aber auch ein Drohpotential fĂŒr alle BeschĂ€ftigen im Metallbereich und darĂŒber hinaus auf die gesamte arbeitende Klasse. Zum Auftakt der Tarifrunde vonseiten des Kapitals perfekt getimt. Die Kapitalseite versucht unsere Köpfe zu vernebeln, zu spalten und falsche Spuren zu legen, was die Ursachen des Konflikts betrifft. Umso wichtiger ist, dass wir dem unserere eigenen Analysen und Perspektiven entgegenstellen. Und HandlungsspielrĂ€ume zur Gegenwehr aufzeigen. Hier ein weiterer wichtiger Gastbeitrag zum Linken Diskurs ĂŒber VW. (Peter Vlatten)

Mattis Molde, Infomail 1263, 6. September 2024

VW kĂŒndigt Massenentlassungen und Werksschließungen an. Der Konzernvorstand hĂ€lt drastische Einschnitte fĂŒr notwendig und der Vorstand des Markenbereichs VW hat gedroht, die bis 2029 geltende BeschĂ€ftigungssicherung aufzukĂŒndigen. Das ist ein Schlag gegen die Arbeiter:innenklasse, ihren bestorganisierten und -bezahlten Teil.

Ausserdem zum Diskurs VW aktuell: "Kampfansage des Kapitals"

Eine genaue Zahl steht noch nicht im Raum, aber es geht wohl um mehr als 10.000 Stellen, alles andere wĂ€re auch mit Abfindungen etc. regelbar. Werksschließungen drohen, ganze StĂ€dte und Regionen in den Ruin zu treiben. Die AufkĂŒndigung der BeschĂ€ftigungssicherung stellt die gesamten bisherigen Gepflogenheiten des Umgangs zwischen Unternehmen und Arbeiter:innen in dieser lange als privilegiert geltenden Branche in Frage. All das hat mit der Besonderheit der Autoindustrie zu tun und spezieller noch mit VW.

Autokonzerne

Personalabbau ist ĂŒberall in der Industrie ein Thema, Sparprogramme sind es auch. Es gibt in Deutschland eine Wirtschaftskrise, die besonders die Industrie betrifft und noch spezieller die Autoindustrie. Neu ist, dass ĂŒber Entlassungen und Werksschließungen bei einem der großen drei deutschen Endhersteller, VW, BMW, Daimler, geredet wird, die schon lange nicht mehr von Entlassungen betroffen waren. Bei VW in Deutschland gab es noch nie welche. Bei Werken von auslĂ€ndischen Konzernen wie Ford oder Opel ist das anders und erst recht bei den Autozulieferunternehmen. Auch die großen deutschen Konzerne letzterer, die zugleich alle globale Bedeutung haben, Bosch, Continental und Mahle, machen seit der Coronakrise verschĂ€rft Werke dicht und schrecken nicht vor Massenentlassungen zurĂŒck. ZF hat diese lange vermieden, aber vor kurzem auch den Abbau von 14.000 ArbeitsplĂ€tzen angekĂŒndigt.

Dass die Großen Drei bislang ausgenommen waren, hat drei GrĂŒnde:

  • Sie haben als riesige Monopole genug Profite, um Personalabbau mit Abfindungen und Altersteilzeit zu gestalten. Im FrĂŒhjahr wurden die letzten Zahlen des VW-Konzerns bekannt: Wer weniger als fĂŒnf Jahre in der niedrigsten Tarifgruppe tĂ€tig war, kann laut SPIEGEL nach einer internen Tabelle mit einer Abfindung von 17.700 Euro rechnen. Bei einer Betriebszugehörigkeit von mehr als 20 Jahren erhöht sich die Zahlung fĂŒr BeschĂ€ftigte derselben Gruppe auf 117.700 Euro. BeschĂ€ftigte der sogenannten „Tarif Plus“-Gruppe, der höchsten Stufe bei Volkswagen, wĂŒrden zwischen 60.700 und 404.700 Euro erhalten. Das Angebot galt fĂŒr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich zwischen 29. April und 31. Mai fĂŒr das Programm meldeten. Wer sich innerhalb von zwei Wochen mit VW auf einen Aufhebungsvertrag geeinigt hat und mehr als 5 Jahre im Unternehmen arbeitet, erhĂ€lt zudem eine sogenannte TurboprĂ€mie von 50.000 Euro. [1]https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/vw-sparprogramm-volkswagen-zahlt-bis-zu-450000-euro-abfindung/ar-AA1nvMe9?ocid=feedsansarticle
  • Sie haben fĂŒr den deutschen Imperialismus nicht nur wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch politisch-strategische. Der Automobilbau wurde nach dem 2. Weltkrieg als BeschĂ€ftigungsmotor in Westdeutschland forciert und gilt seither als SĂ€ule der auf Export orientierten Wirtschaft, da die Autoindustrie eine zentrale Rolle fĂŒr die Position Deutschlands auf dem Weltmarkt und in der Kette der fĂŒhrenden imperialistischen Staaten spielt. Profite aus Autos – aber auch aus den Branchen Maschinenbau, Chemie oder RĂŒstung – sichern nicht nur „unsern Wohlstand“, sondern auch die politische Dominanz in Europa. Hohe ExportĂŒberschĂŒsse bringen Verschuldung. Schuldner:innen sind erpressbar. Wir erinnern an Griechenland.
  • In den Autokonzernen ist die Sozialpartner:innenschaft sowohl der BetriebsrĂ€te als auch der IG Metall aufs Höchste entwickelt. Das belegen unter anderem die langfristigen VertrĂ€ge zur BeschĂ€ftigungssicherung, die entweder als Betriebsvereinbarung (Betriebsrat und GeschĂ€ftsfĂŒhrung) oder als TarifvertrĂ€ge (Einbeziehung der IG Metall) abgeschlossen werden. In ihnen werden ZugestĂ€ndnisse seitens der BetriebsrĂ€te wie Zustimmung zu begrenztem „sozialvertrĂ€glichen“ Personalabbau, Ausgliederungen von bestimmten Bereichen, die langfristig in Niedriglohnsektoren ĂŒberfĂŒhrt werden, begrenzter Lohnverzicht gegen eine BeschĂ€ftigungsgarantie, also den Ausschluss betriebsbedingter KĂŒndigungen vereinbart.
Sozialpartner:innenschaft und GeklĂŒngel ohne Ende

VW nahm insofern eine Sonderstellung ein, weil sich anfangs der Bund am Aufbau beteiligte. VW war von den Nazis gegrĂŒndet worden, um sowohl ein Massenauto – den KĂ€fer – herzustellen als auch MilitĂ€rfahrzeuge auf hohem industriellen Niveau zu fertigen. Dazu verwendeten die Nazis die beschlagnahmten Gewerkschaftsvermögen, was dann nach dem Krieg den Gewerkschaften und BetriebsrĂ€ten zusĂ€tzliche Rechte verschaffte. So darf kein Werk im Inland ohne Zustimmung der Arbeit„nehmer“vertreter:innen im Aufsichtsrat geschlossen werden. (Inland heißt ĂŒbrigens bei VW nach wie vor Westdeutschland; die ostdeutschen Werke unterliegen auch nicht dem Haustarifvertrag des VW-Konzerns).

Eine besondere Stellung von VW gegenĂŒber den anderen Autokonzernen besteht auch in der StaatsnĂ€he: 1960 wurde VW zwar privatisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, aber das Land Niedersachsen hĂ€lt immerhin noch 20 % Anteile. Diese besondere Stellung bezieht sich auf die Marke VW. Neben dieser gibt es im VW-Konzern, der VW-AG, noch weitere Markenbereiche wie Audi, Skoda, Porsche oder die Nutzfahrzeuge.

Diese Sozialpartner:innenschaft zeigt sich auch darin, dass seit Monaten die Betriebsratsspitze ĂŒber immer neue Sparprogramme verhandelt und diese GesprĂ€che hinter dem RĂŒcken der Belegschaft erst angesichts der AufkĂŒndigung der BeschĂ€ftigungssicherung bis 2029 eingestellt hat.

Ein anderer Aspekt der besonders engen Kollaboration der BetriebsrĂ€te und der IG Metall im VW-Konzern sind die unglaublich hohen GehĂ€lter, die die SpitzenbetriebsrĂ€te erhalten. SpektakulĂ€re Spitze dĂŒrfte sein, dass der frĂŒhere VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Osterloh von VW – durch Boni – bis zu 750.000 Euro in einem Jahr erhalten hat (Die Zeit, Mai 2017). Er erweist sich als wĂŒrdiger Nachfolger von Klaus Volkert, der nicht nur Ă€hnlich viel Geld kassierte, sondern auch UrlaubsflĂŒge und eine Edelprostituierte vom VW-Vorstand bezahlt bekam. Der damalige Personalvorstand, also derjenige, der diese Zahlungen gewĂ€hrte, war Herr Hartz – ein- und derselbe, nach welchem die Sozialabbaugesetze der Agenda 2010 benannt sind.

Der Clash

Das VW-Management hatte diesen Schritt vorbereitet. So titelte der NDR am 27.11.2023:  â€žVolkswagen stimmt Belegschaft auf Stellenabbau ein“. Im April 2024 wurden die Abfindungsangebote erhöht, wie wir oben beschrieben haben. Im Juni 2024 gab es Meldungen, dass der „freiwillige“ Abbau nicht reichen wĂŒrde.

Warum war dieser Angriff in den Augen des Managements nötig? Die BegrĂŒndungen der Manager:innen fĂŒr das verschĂ€rfte „Sparprogramm“ lautet, dass so das Kapital fĂŒr die Entwicklung neuer Autos beschafft werden soll. Die Zahlen weisen aber auf etwas anderes hin: Der Gesamtkonzern, also die VW-AG, ist keineswegs pleite. Im Jahr 2023 wurde ein operativer Gewinn von 22,5 Milliarden Euro erzielt, die Marke VW trug  dazu 3,5 Milliarden bei. Was Wirtschaftsfachleute, die Gewerkschaft, der Betriebsrat und die Bosse nicht in Frage stellen, sind die 16 Milliarden, die 2023 an die AktionĂ€r:innen ausgeschĂŒttet worden sind.

Belegschaft und die BetriebsrĂ€te erhöht, um immer neue ZugestĂ€ndnisse zu erreichen? Fest steht, dass jetzt ein Bruchpunkt erreicht worden ist. Die Kapitalseite will mehr, als der Betriebsrat hergeben kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Die Belegschaft kann sich nicht mehr darauf ausruhen, dass Betriebsrat, IG Metall und Unternehmen das „Beste fĂŒr alle“ vereinbaren, was schon lange immer mehr zulasten der Belegschaften der Zuliefer:innen, der WerksvertrĂ€gler:innen, der Leiharbeiter.innen und der auslĂ€ndischen Belegschaften ging.

Zur Belegschaftsversammlung in Wolfsburg erschienen 25.000, 10.000 mussten vor der Halle warten. Mit Sicherheit ist das weit mehr als die ĂŒbliche Beteiligung an Betriebsversammlungen. Plakate, Fahnen und Pfeifen waren nicht zu ĂŒberhören und -sehen. Ganz offensichtlich haben viele BeschĂ€ftigte verstanden, was dieser Angriff bedeutet. FĂŒr die Werke in Braunschweig, Hannover, Kassel und Sachsen, dort also Zwickau, Chemnitz und Dresden, sind eher noch stĂ€rkere Reaktionen zu erwarten.

Was jetzt?

Was auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg klar wurde: Der Betriebsrat und die IG Metall haben keine andere Strategie fĂŒr die Situation als die Fortsetzung ihrer Partner:innenschaft mit den Bossen.

Auf der Pressekonferenz am 4.9. nach dem Briefing durch das Konzernmanagement, die bezeichnenderweise mitten im AutolĂ€rm auf dem WerksgelĂ€nde stattfand, Ă€ußerten sich die VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und der IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger. Beide beeilten sich, ihre GesprĂ€chsbereitschaft zu betonen und möglichst schnell mit dem Unternehmensvorstand in Verhandlungen einzutreten. Sie befĂŒrchten, dass die angedrohte KĂŒndigung der TarifvertrĂ€ge ihnen den Spielraum fĂŒr Verhandlungen einengen wĂŒrde, da sie ja RĂŒcksicht auf die „Friedenspflicht“ nehmen mĂŒssten. BĂŒrokrat:innenlogik!

Sie wiesen auf die machtvolle Kundgebung der Betriebsangehörigen hin, die ihre Kampfbereitschaft bekundet haben. Die beiden Sprecher:innen wichen aber Ă€ngstlich jeder nĂ€heren AusfĂŒhrung ĂŒber eine Mobilisierung der Belegschaften aus.

Auch der anwesende Bundesarbeitsminister Heil erklĂ€rte, dass nun die „Stunde der Betriebs-und Sozialpartnerschaft“ geschlagen habe und den Kontroversen die SchĂ€rfe nehmen mĂŒsse, denn es gehe um mehr als nur VW: „Deutschland muss Autoland bleiben.“

IG-Metall-FĂŒhrung, Betriebsratsspitze, SPD, sie alle wollen also den alten Weg fortsetzen, den die Konzernspitze aufgekĂŒndigt hat. Sie wollen sein Scheitern nicht wahrhaben. Sie betteln im Grunde darum, zu Verhandlungen zurĂŒckzukehren, die ja immer nur zu weiteren Opfern, Arbeitsplatzverlusten, Auslagerungen etc. gefĂŒhrt haben.

Dass der Klassenverrat schon vorprogrammiert ist, zeigt die Reaktion der IG-Metall-Spitze. Erste Vorsitzende Christiane Benner ließ am Rande einer tarifpolitischen Konferenz in Hannover durchblicken, welche Verhandlungslösung sich die GewerkschaftsbĂŒrokratie vorstellt. Eine Vier-Tage-Woche wie schon bei der VW-Krise 1994 könne die Option sein. Mit der ArbeitszeitverkĂŒrzung sollten die Standorte gerettet werden. Verschwiegen wurde dabei, dass dies um den teuren Preis von drastischen finanziellen Einbußen fĂŒr die Werksangehörigen erkauft worden war und diese als Vorleistung der Arbeiter:innen auch heute vorausgesetzt werden wĂŒrden.

Wie kÀmpfen?

Alle, die den richtigen Schluss aus dem Angriff des Konzerns ziehen und kĂ€mpfen wollen, mĂŒssen auch aus dem Verhalten von Betriebsratsspitze und IGM-FĂŒhrung die richtigen SchlĂŒsse ziehen:

Sie werden alle Aktionen immer nur dazu nutzen, um die Bosse wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. „Verhandlungsbegleitende Aktionen“ nennen sie das. Dann rennen wir wieder in die Sackgasse, in die sie uns heute schon gefĂŒhrt haben.

Das heißt erstens, dass die Belegschaft die Kontrolle ĂŒber den Kampf bekommen muss. Es braucht Aktionskomitees, die von ihr direkt gewĂ€hlt werden. NatĂŒrlich können und sollen das auch Betriebsratsmitglieder und Vertrauensleute sein, aber die sollen nach ihrer FĂ€higkeit gewĂ€hlt werden, Aktionen bis hin zum Streik zu organisieren. Die BeschĂ€ftigten, vor allem die IG-Metall-Mitglieder mĂŒssen auch lernen, selbst Verantwortung zu ĂŒbernehmen: Nicht einfach die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen bei Wahlen abhaken, sondern diese auch kontrollieren und gegebenenfalls abwĂ€hlen! Sonst werden wir erleben, dass nach paar Aktionen, die mit kraftvollen Drohungen enden, plötzlich nichts mehr passiert, weil die Herren und Damen Verhandler:innen was ausgedealt haben. Zweitens mĂŒssen alle Verhandlungen öffentlich sein und ĂŒber VorschlĂ€ge mĂŒssen alle BeschĂ€ftigten abstimmen können.

FĂŒr was kĂ€mpfen?

Es ist klar, dass das Dogma durchbrochen werden muss, dass die AktionĂ€r:innen eine fette Dividende brauchen und die Belegschaften dazu noch die Profite fĂŒr Entwicklung und Erneuerung der Produktion erwirtschaften sollen oder mit Arbeitsplatzverlust oder mehr Arbeitsdruck bezahlen.

Also: Kein Opfer fĂŒr die AktionĂ€r:innen! Das verbindet sich gut mit der Forderung nach ArbeitszeitverkĂŒrzung als Ausgleich fĂŒr den AuftragsrĂŒckgang. NatĂŒrlich bei vollem Monatslohn, genau das können die gigantischen Gewinne finanzieren, statt in die Taschen derer zu wandern, die gar nicht fĂŒr das Geld arbeiten.

Das löst aber noch nicht das Problem, was in den Werken denn zukĂŒnftig produziert werden soll. Die BR-Vorsitzende Cavallo beschuldigt das Management, die Fehler verursacht zu haben, die zu dieser Situation gefĂŒhrt haben. Außenstehende erklĂ€ren entweder, dass VW den Zug zur E-MobilitĂ€t verschlafen habe, oder raten zur RĂŒckkehr zum Verbrenner. Diese Diskussion lĂ€sst zweierlei außer Acht:

  • VW will weiter Autos bauen, aber weniger. ÜberkapazitĂ€ten werden in Deutschland, nicht bei den internationalen Töchtern gestrichen. Jetzt zu fordern, diese im Ausland oder in den ostdeutschen Werken zu sreichen, wĂ€re ein fataler Fehler, der schon oft in diesen Konzernen begangen wurde. Die Belegschaft von Ford Saarlouis hat sich z. B. auf einen Konkurrenzkampf mit Ford Valencia eingelassen, in dem beide sich gegenseitig unterboten haben, statt gemeinsam die Kraft fĂŒr eine Zukunft einzusetzen. Das Management hat sich gefreut. Saarlouis wird Stand heute dichtgemacht.
  • Ob Verbrenner oder E-Antrieb, die in Deutschland gebauten Autos sind generell alle grĂ¶ĂŸer und schwerer als nötig. Sie sind Hindernisse auf dem Weg zur Verkehrswende. Diese allerdings wird auch nicht dadurch kommen, dass jetzt ein VW-Werk schließt, wĂ€hrend man z. B. neuen Wald in Brandenburg abholzt, um Teslas zu bauen, die ebensolche Klimakiller sind.

Der Kampf bei VW kann aber die Chance eröffnen, die BeschĂ€ftigung zu sichern durch den Bau von Fahrzeugen und Transportsystemen, die klimaschonend und zukunftstauglich sind: Schienenfahrzeuge im Nah- und Fernverkehr, kleine leichte Stadtfahrzeuge oder intelligente Lösungen fĂŒr den Stadtrandbereich.

DafĂŒr sollten in einem ersten Schritt alle Werke, die VW nicht mehr will, entschĂ€digungslos enteignet werden und zusammen mit denen anderer Konzerne (z. B. Ford Saarlouis, Werke von ZF, Bosch, Continental, Mahle, GKN 
) die Entwicklung und Produktion solcher Systeme beginnen, bezahlt vom Staat, kontrolliert von den BeschĂ€ftigten und Fachleuten aus der Klimabewegung.

Ausserdem zum Diskurs  VW aktuell: "Kampfansage des Kapitals" 

Die IG Metall muss also die SolidaritĂ€t aller Automobilarbeiter:innen gegen diesen Angriff organisieren. DarĂŒber hinaus ist eine Konferenz aller bedrohten Belegschaften nötig, um fĂŒr eine Transformation/Konversion unter Arbeiter:innenkontrolle zu kĂ€mpfen. Die IG Metall muss die SolidaritĂ€t aller Autoarbeiter:innen organisieren – aber das wird nur dann im notwendigen Ausmaß geschehen, wenn Vertrauensleute und aktive Kolleg:innen dies in den Gewerkschaftsgliederungen und auf Betriebsversammlungen einfordern und selbst Kontakte zu anderen Belegschaften organisieren.

Der Beitrag ist ursprĂŒnglich erschienen am 6.September. Zum Originalartikel hier….

Wir danken fĂŒr die Publikationrechte.

Titelbild : eigene Fotocollage

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