1. Mai 2026: Kriegstüchtig – ohne uns!

Mit Bertha von Suttner auf der 1. Mai-Demo

Wir laden alle ein, mit Bertha von Suttner (s. Titelbild) gegen den Krieg und die Demontage des Sozialstaats, für Abrüstung und internationale Solidarität zu demonstrieren. Natürlich fühlen wir uns auch mit Karl und Rosa verbunden.

Dieser 1. Mai findet stärker denn je unter den Bedingungen staatlich angestrebter „Kriegstüchtigkeit“ statt. Die Wirtschaft soll in eine „Kriegswirtschaft“ umgerüstet werden. Über ein gigantisches Verschuldungsprogramm wird die Rüstungsindustrie zu einer Art Rettungsanker, um die Krise des deutschen Exportmodells zu überwinden. Zukünftig werden es dann 100 000e sein, deren Arbeitsplatz daran gekoppelt ist, dass Kriege geführt und Waffen verschlissen und neu produziert werden. Auch die Jugend soll in olivgrün eingekleidet werden, und statt in der Disko zu feiern und die Welt zu bereisen als Futter für Drohnenschlachten zur Verfügung stehen. Im Jahr 2026 ist auch die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen der neusten Generation vorgesehen, die die Gefahr extrem erhöht, dass Russland auf einen militärisch und wirtschaftlich haushoch überlegenden Gegner mit Erstschlagfähigkeit mit dem Einsatz von taktischen Atomwaffen reagiert. Dazu kommt ein US-Präsident, der schon mal droht ganze Zivilisationen zu vernichten, wenn deren Staatsführungen nicht bereit sind sich zu unterwerfen. Dieser Mann hätte, sollte er weiter Präsident bleiben, das Recht den berühmten roten Knopf zu drücken. Und Deutschland ist wie in den 80er Jahren das zentrale Kriegsgebiet. Es beherbergt die erstrangigen militärischen Ziele und die Regierung des Stationierungslandes hat auf ein Veto verzichtet. Nicht ganz zufällig haben andere europäische NATO-Staaten, die damals Raketen stationiert hatten, dies jetzt abgelehnt. Deutschland ist aktuell bereits auf den 4. Platz beim Länderranking der Weltmilitärausgaben aufgestiegen. Wird diese Entwicklung nicht gestoppt, wird auch vom Sozialstaat nicht viel übrig bleiben. Und das sollte allen klar sein: Dies gilt ebenso für die Gewerkschaften. Und natürlich für alles andere wirklich Wichtige wie dem Kampf gegen die Armut und den Klimawandel. Leben und Überleben in Würde und Freude.

Wir müssen laut und deutlich NEIN sagen und so auch die guten Antikriegstraditionen bewahren, die als Lehre aus der Geschichte auch den Weg in unsere Grundsatzprogramme gefunden haben, jetzt aber in der Politik unserer gewerkschaftlichen Organisation an Wert verloren haben.

Wir treffen uns am 1. Mai ab 11 Uhr am Strausberger Platz. Erkennungszeichen ist das „Die Waffen nieder“-Plakat mit dem Portrait von Bertha von Suttner.

FORUM GEWERKSCHAFTLICH LINKE BERLIN

„Ich fühlte mich wie ein Monster“-Israelische Soldaten über Ihren Einsatz in GAZA

Ein sehr eindringlicher Text der israelischen Zeitung Haaretz gibt Einblicke in die Erfahrungen israelischer Soldat:innen in Gaza.

Hintergrund: Die Geschehnisse holen die Täter:innen, Weggucker:innen und Beteiligten ein. Die Selbstmordrate unter Angehörigen oder Ehemaligen der israelischen Armee ist immens angestiegen. Viele können nicht mehr in den Spiegel schauen. Ihr Schweigen und ihre Tatenlosigkeit macht sie zu Mittäter:innen und gleichzeitig zu Opfern. Nicht wenige, die sich nicht bekennen und aussprechen, werden zu moralisch verkommenen Subjekten. Humaner Sprengstoff, der das soziale Miteinander der gesamten israelischen Gesellschaft bedrohen kann. Hat dieser Staat eine Zukunft? Oder delegitimiert sich dieser Staat nicht ständig selbst und bedroht nicht nur die anderen, die Menschen im Libanon, in Gaza, im Westjordanland, sondern zerstört seine eigenen Bürger und macht sie zu menschlichen Wracks?

Einige äussern sich jetzt öffentlich. Es geht um das, was sie gesehen, getan und miterlebt haben und um die psychischen Folgen davon. Bei ihren öffentliichen Bekenntnissen geht es um mehr als die Überwindung klassischer Traumafolgen wie Schuldgefühle, Scham und Zweifel an sich selbst. Ihre Bekenntnisse sollen auch nicht Gewalt relativieren oder Verantwortung aufheben. Aber sie können helfen zu verstehen, was Krieg mit Menschen macht – auf allen Ebenen.

Yuval sitzt da, kaut an seinen Nägeln und zappelt unruhig mit den Beinen. Es ist Mittag in Tel Aviv, und die Straße ist voller Menschen. Manchmal blickt er sich um und mustert ängstlich die Vorbeigehenden. „Tut mir leid“, sagt er. „Meine größte Angst ist eine Racheaktion.“

Zitate, die für sich selbst sprechen. Auszüge aus einem Beitrag von Tom Levinson in der Zeitung Haaretz, einem der größten und renommiertesten israelischen Presseorgane. Texte die es in der deutschen Mainstreampresse so kaum zu lesen gibt. Texte die das ganze Ausmaß der Barbarei der israelischen Armee erahnen lassen

„Plötzlich riefen mich ein paar Soldaten, also ging ich mit ihnen zum Käfig. Der Palästinenser saẞ dort, gefesselt und mit verbundenen Augen, und schien vor Kälte zu frieren.

Plötzlich holte einer der Soldaten seinen Penis heraus und begann, auf ihn zu urinieren. Er sagte zu ihm: ,Das ist für Be'eri, du Arschloch, das ist für Nova""-der Kibbuz Be'eri und das Nova-Musikfestival, zwei der Orte, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas angegriffen wurden. ,,Niemand konnte aufhören zu lachen. Vielleicht habe ich auch gelacht."

Am nächsten Tag kam ein Shin-Bet-Vernehmer. „,Er war zehn Minuten bei ihm und sagte, es sei nur irgendein Mann, der versuchte, nach Hause in den Norden Gazas zurückzukehren, dass er nichts mit der Hamas zu tun habe, also lieẞen sie ihn gehen", sagt Maya, die wenige Wochen später entlassen wurde. Aber was sie gesehen hatte, blieb bei ihr.

Diese Texte, die in Israel publiziert werden konnten, können angesichts der deutschen Staatsräson für einen Autor in Deutschland existenziell bedrohlich werden. Wenn es nach der hessischen Landesregierung geht, soll in Zukunft in Deutschland derjenige, der das hier geschilderte System der staatlichen Barbarei Israels grundsätzlich kritisiert und infrage stellt, mit Gefängnis bestraft werden. Was sind das für Leute in den deutschen Eliten, insbesodnere in der hessischen Landesregierung, die mit allen Mitteln diese Barbarei zu schützen versuchen und diejenigen zum Schweigen bringen wollen, die sich mit den Opfern solidarisieren? Was für eine Dreistigkeit, unter dem Vorwand von Antisemitismus, antizionische Jüd:innen zu verfolgen, die sich für Völker- und Menschenrecht universell einsetzen!

„Als wir unser Ziel erreichten, wurde mir klar, dass das keine Terroristen waren. Es war ein alter Mann und drei Jungen, vielleicht Teenager. Keiner von ihnen war bewaffnet.
Aber ihre Körper waren von Kugeln durchsiebt; ihre Organe quollen heraus. So etwas hatte ich noch nie aus der Nähe gesehen.

Ich erinnere mich, dass es still war; niemand sagte ein Wort. Dann kam der Bataillonskommandeur mit seinen Leuten, und einer spuckte auf die Körper und schrie: 'So geht es jedem, der sich mit Israel anlegt, ihr Hurensöhne.' Ich war unter Schock, aber ich habe geschwiegen, weil ich ein Versager bin, ein feiger Feigling."
"Das Bild seiner Hilflosigkeit lieẞ mich nicht los. Gedanken nagen ständig an mir- wie konnte ich einfach dastehen und nichts tun? Was sagt das über mich aus?" - Maya

Der Verein „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“, der diese „rechtsextremen“ Zustände anklagt, die in diesen Zeugenaussagen zum Ausdruck kommen, wurde von Verfassungschutz und Bundesinnenministerium als „gesichert extremistisch“ eingestuft. Ein Berliner Gericht hat diese Einstufung jetzt untersagt. [1]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/solidaritaetskundgebung-mit-der-juedischen-stimme-gegen-den-verfassungsschutz/

„Vielleicht will ich auf eine gewisse Weise sterben, um es hinter mich zu bringen. Ich bringe mich nicht um, weil ich es meiner Mutter versprochen habe, aber ich gebe zu, dass ich nicht weiẞ, wie lange ich das noch durchhalte." -Yuval
„,Es hat alles zerstört, was ich über die Armee gedacht habe, alles, was ich über uns gedacht habe, über mich. Wenn wir zu so etwas Schrecklichem fähig sind, ohne dass Zivilisten davon wissen, was passiert dann noch in den Kellern? Welche anderen Geheimnisse verbergen wir?" - Eitan

Allein diese wenigen Textausschnitte zeigen eindringlich auf, was es heißt, „kriegstüchtig“ zu sein, was der Krieg aus unserer Gesellschaft und aus uns selbst macht.

"Sie kommen immer zu zweit - ein Vernehmer und ein Kampfsoldat. Als sie ankamen, standen wir am Eingang des Hauses Wache, und ich konnte das ganze Verhör hören und sehen."

Eitan sagt, dass der Vernehmer dem Gefangenen irgendwann die Hose und Unterwäsche auszog. ,,Er nahm ein paar Kabelbinder und befestigte einen an seinem Penis und einen an seinen Hoden. Er stellte ihm eine Frage, und als er nicht antwortete, zog er die Kabelbinder enger. Sie wiederholten das immer wieder; es wurde wie verrückt geschrien. Er hörte nicht auf zu schreien, als würde seine Seele seinen Körper verlassen.

Am Ende sprach er; alles sprudelte heraus, und der Vernehmer löste die Kabelbinder und brachte ihn zu einerm Lastwagen. Sie müssen ihn in Haft gebracht haben."

Nach dem 2.Weltkrieg hiess es:“ Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.“ Beides ist oft untrennbar miteinander verbunden. Wer „kriegstüchtig“ sein will in einem Land mit einer der größten weltweiten imperial fähigen Militärapparate, muss derjenige nicht zwangsläufig auch „faschismusfähig“ werden?

Eine Operation fand im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza statt. ,,Die ganze Gegend roch nach Tod, nach Leichen", sagt er. Seitdem kann ich den Geruch von verbranntem Fleisch nicht mehr ertragen. „Ich bin Vegetarier geworden. Ich erinnere mich genau an den Moment, als es mich traf, als der Geruch mich an das erinnerte, was ich in Be'eri gerochen hatte.
Da fragte ich mich - was sind wir geworden? Was bin ich geworden? Bis heute habe ich Angst, darauf eine Antwort zu geben.
Kein weiterer Kommentar zu diesen Zitaten. Jeder möge selbst urteilen. Was ist von denen zu halten, die ihre schützende Hand über Täter und Verantwortliche halten und gleichzeitig ein Kesseltreiben gegen alle veranstalten, die diese Barbarei anklagen!

Wir sollen breit geklopft werden, damit wir diese „Drecksarbeit“ demnächst auch selber machen können.

Hier der vollständige Text von Tom Levinson in Haaretz. [2] … Continue reading


Titelbild: Collage Peter Vlatten


Trump und der Zerfall rationaler Politik

Trumps mentale Erkrankung und die Logik des Populismus.

Vorbemerkung der FORUMS-Red: Wer wissen will, warum und wie das Machterhaltsstreben von Fraktionen der herrschenden Klasse in den USA den Irrationalismus produziert und ein verantwortungsloses, unfähiges und hochgefährliches Führungspersonal in Amt und Würden spült, wird hier fündig. Hans-Peter Waldrich ist eine überzeugende Analyse gelungen. Etwas länger, aber lohnend. (JG)

Von KLAUS-PETER WALDRICH

Titelbild: Rawpixel

Verkommt Politik zum demagogischen Illusionstheater, regiert die Inkompetenz. Sie ist die Folge einer Enttäuschung über die Demokratie und des Versuchs interessierter Kreise, diese in die Zustimmung zur Diktatur umzumünzen. Ein psychisch erkrankter Egomane leistet gute Dienste.

Schauen wir uns an, was Trump da veranstaltet: Trump ist ein kranker alter Mann. Statistisch gesehen überlebt er die nächsten fünf Jahre nicht. Wie alle sehr alten Leute wankt er – bildhaft ausgedrückt – am Rand des Grabs dahin, eine Allegorie unserer Endlichkeit. Doch je deutlicher er dem finalen Zusammenbruch entgegen geht, desto dröhnender mimt er den Übermenschen.

Insuffizienz in Dominanz verwandeln

Ein Problem gewiss, aber nicht nur sein privates. Eine beträchtliche Anzahl von US-Wählern will ja, dass jemand ein allgemeines Thema stellvertretend für viele in genau dieser Weise auf öffentlicher Bühne vorführt. Der Titel dieser Veranstaltung könnte so lauten: Wie schafft man es, die eigenen Niederlagen in Überlegenheit zu verwandeln? Wie lügt man sich aus der eigenen Ohnmacht heraus und erlebt sie stattdessen als beispiellose Dominanz?

Ich denke zunächst an die Trump-Wähler im so genannten „Rust Belt“ der USA, dem früheren Manufacturing Belt. Aus einst mittelständischen Arbeitern wurden Verlierer auf der ganzen Linie. Männer, die selbst oder deren Väter stolz darauf waren, Alleinernährer ihrer Familien zu sein, wurden arme Leute, die während der „Bankenkrise“ oft sogar ihre Häuser aufgeben mussten. Zurück blieb das Gefühl, einfach nichts mehr wert zu sein.

Doch wer auch immer regierte, Republikaner oder Demokraten, sie waren kaum am Schicksal derer interessiert, die die negativen Folgen ihrer Politik zu tragen hatten. Das US-System orientierte sich an den Interessen jenes einen Prozents, bei dem sich der Großteil der Vermögen und der Einflussmöglichkeiten angesammelt hatte. Bis zur neoliberalen Wende unter US-Präsident Ronald Reagan 1980 beruhte diese Ungleichverteilung von Geld und Macht immerhin noch auf einem bescheidenen Kompromiss mit den Lohnabhängigen.

Seit Kündigung dieses relativen Ausgleichs hat sich die Umverteilung von unten nach oben extrem beschleunigt. 2022 besaß die untere Hälfte der US-Bevölkerung nur noch einen Anteil von lediglich 2,9 Prozent des Volksvermögens. Ein Drittel der Familien war nicht imstande, unerwartete Ausgaben von 400 Dollar aufzubringen. Jeder dritte Erwachsene hatte eine Zahnbehandlung ausgelassen, weil er sie sich nicht leisten konnte.

Schon lange vegetieren die völlig Verarmten in langen Zeltreihen auf den Gehsteigen der großen Städte oder besitzen nur noch ihr Auto, in dem sie auf Parkplätzen „wohnen“ – und das obwohl sie einem Job nachgehen. Für alle anderen sind sie eine deutliche Drohung, wie heftig der Absturz ins Abseits auch diejenigen überwältigen kann, die noch einigermaßen zurechtkommen.

Trump ist ein Krankheitssymptom

Ohne diese tief gekränkten Menschen gäbe es keinen Donald Trump. So gesehen ist Trump ein Krankheitssymptom. Es zeigt jenen Zustand an, der die soziale Spaltung an einem bestimmten Punkt in die plutokratische Autokratie kippen lässt. Das ist nicht das Endstadium des Kapitalismus, aber seine Verwandlung in die offene Diktatur.

Während in der Phase des Kompromisses mit den Lohnabhängigen ein begrenztes Maß an öffentlicher Kontrolle etwa durch die Parlamente oder die Gerichte möglich war, werden diese institutionellen Hemmungen nun geschreddert. Übrig bleibt die brutale und unverhohlene Dominanz jener Miniminderheit, die sich fast alles, was ein Volk zum Leben braucht, unter den Nagel reißen konnte.

Zur gleichen Zeit sind die USA als Militärmacht weltweit – die genaue Zahl ist unbekannt –  auf über 800 Militäreinrichtungen in mehr als 90 Ländern aktiv und verschleudern den Reichtum des Landes in kriegerischen Unternehmungen. Nicht im Traum verfallen die herrschenden Eliten auf den Gedanken, mit dem gleichen Aufwand an Ressourcen die Armut in den USA anzugehen. Allenfalls um ihre Wählerbasis sind sie besorgt, aber die lässt sich manipulieren, wofür Trumps Massenerfolg ein Beispiel ist. Denn Trump  – hier befindet sich der größte Irrtum seiner Anhänger – ist kein Rebell gegen das Bisherige, er vertritt aus der gleichen Schicht des Geldadels, die zuvor schon bestimmend war, lediglich eine andere Fraktion.

Der neue Irrationalität

Der Moment, in dem dieser Fraktionswechsel stattfindet, trifft auf den Niedergang der US-Hegemonie. Wie ein verendender Riese schlägt die Großmacht um sich. Und deutlich tritt ein Charakterzug des Systems in den Vordergrund, welcher der Richtung der US-Politik ihre grundsätzlich neue Färbung verleiht: ihre Irrationalität.

Dabei verwandelt sich der gesamte politische Prozess in ein Feld von Entscheidungen, das keiner nachvollziehbaren Logik mehr folgt. Die ans Ruder gekommenen Teileliten des Reichtums sind Amateure, die selbst ihre eigenen Interessen kaum mehr sinnvoll zu vertreten verstehen. Die als „erratisch“ bezeichnete Politik Trumps ist nicht nur Ausdruck seiner persönlichen Defizite, sondern zugleich der neuen Orientierungslosigkeit der US-Eliten, die über kein rationales Konzept mehr verfügen.

Diese Irrationalität hat zwei Ebenen: Sie betrifft zum einen die Art, in der das Führungspersonal bestellt wird, zum anderen die Entscheidungsebene selbst. Völlig um ihre Urteilsfähigkeit gebrachte Wähler identifizieren sich mit Kandidaten, die sich durch keinerlei Kompetenzen auszeichnen und die auch nicht vorhaben, ihre Wähler tatsächlich zu vertreten. An die Spitze gelangt eine Negativauswahl aus dem Upperclass-Milieu, die große Politik als Reality-Show inszeniert. Weltpolitik wird zum Spielball eines winzigen Zirkels von Dilettanten, die sich aus Begegnungen auf Golfplätzen kennen und glauben, dass Politik die Fortsetzung geschäftlicher Transaktionen mit anderen Mitteln ist. Auffallend viele Immobilienhaie sind dabei.

So verwandelt sich das Regieren im US-System in eine Veranstaltung, in der nur noch das demagogische Moment zählt, sowie der Machtmissbrauch auf Gegenseitigkeit. Wer Zugang zu jenen Clubs reicher Privatleuten hat, aus denen sich auch die Epstein-Mischpoke rekrutierte, betritt ein Netzwerk, das gewissermaßen jenseits von Gut und Böse operiert und dadurch zusammengehalten wird, dass jeder gegen jeden etwas in der Hand hat, was bei Abweichungen öffentlich gemacht werden könnte. Ähnliche Strukturen sind aus der Mafia bekannt.

Ansonsten gelten die Regeln des PR. Irgendwie ist man immer noch von öffentlicher Zustimmung abhängig. Andererseits kann man dem Wähler als Stimmvieh alles erzählen, vorausgesetzt, es wird im Sinne des Marketings gefällig und mundgerecht verpackt. Überhaupt ist PR jene Methode, mit der sich Irrationalität verkauft. Hier kommt ein Grundzug der Warengesellschaft zum Tragen, nämlich die Unehrlichkeit, ja Verlogenheit des sich Präsentierens am Markt: Trumps Superlativismus ist nichts anderes als eine Methode der Verkaufstechnik. So werden krachende Niederlagen in gewaltige Siege umgelogen. Bekanntlich wird alles oft genug Wiederholte zur unanfechtbaren Wahrheit.

Die Herrschaft der Schlechtesten

Der Prozess der Illusionierung des Politischen beginnt also bei der Auswahl des Führungspersonals. Wer schafft es, sich unter Vorspiegelung welcher Illusionen die Macht zu ergattern? Bereits antike Philosophen wussten, dass die „Demokratie“ – verstanden als ein System, das nicht auf Teilhabe, sondern auf Akklamation beruht – in die Diktatur umschlagen kann. Sind Demagogen in der Lage, das Volk an der Nase herumzuführen, bringt die Akklamationsdemokratie ihre eigene Perversion hervor. Kalkulierte Überredungstechniken spielen dabei eine große Rolle. Nun kippt die Massenzustimmung in die „Ochlokratie“ um, die „Pöbelherrschaft“.  An die Regierung kommen die Ungeeignetsten und Schlechtesten.

Die deutsche Übersetzung „Pöbelherrschaft“ trifft allerdings nur das demagogische Moment. Denn stets erfolgt die Machtergreifung von Volksverführern nicht wirklich im Interesse des „Pöbels“, sondern jener, die die Ochlokratie finanzieren und hinter den Demagogen stehen. Die Ochlokratie nutzt Jubel und Begeisterung breiter Massen im Sinne einer Fiktion. Man denke etwa an die Nürnberger Parteitage der NSDAP.

Wie kam Trump an die Macht?

In diesem Zusammenhang lohnt es sich ein Blick auf jenes Prozedere zu werfen, durch das Trump an die Macht gekommen ist. Bereits seine Kandidatur zeigte, um was es ging. Nämlich um eine Reduktion politischer Komplexität auf ganz wenige Aspekte, die für den demagogischen Effekt brauchbar sind. Die Show, das Illusionstheater beginnt bereits bei der Kandidatur und setzt sich anschließend auf der Regierungsebene fort.

Die Frage lautete: Wie kann Massenzustimmung erzeugt werden, ohne sich mit der realen Fragestellung herumzuschlagen? Die Antwort liegt auf der Hand: Ohne Bedenken verspreche man den Menschen genau dasjenige, was sie sich wünschen, wobei völlig gleichgültig ist, ob man das ernst meint. Ein Kandidat, der sich selbst kaum mit Sachfragen befasst, passt zu diesem Geschäft vorzüglich. Schon auf der Auswahlebene ist Borniertheit ein Vorzug, jedenfalls sofern er mit taktischer Schläue verbunden ist, die die Grundsätze der Massensteuerung berücksichtigt.

Propagandistisch profitieren populistische Kandidaten vor allem von einem Schachzug, der bei ihrer Zielgruppe, den an der bisherigen Politik Verzweifelten einschlägt: nämlich der Vorspiegelung, man sei in Fundamentalopposition und werde alles völlig anders machen. Hier beginnt die Vereinnahmung von Hoffnungen und Sehnsüchten und deren Umwandlung in eine Politik des Gegenteils.

In den USA überraschend ist dabei die Leichtgläubigkeit vieler Anhänger des Populismus, die ernstlich glauben, dass ausgerechnet das Personal aus dem Milieu der Supereichen die Anliegen der kleinen Leute vertreten würde. Während in deren Lebenswelt die Probleme der unteren Schichten einfach nicht vorkommen, geht es der Gruppe um Trump darum, genau diese Paradoxie aufrecht zu erhalten: Die paradoxe Synthese der Armut mit dem Reichtum, vermittelt durch die Illusion eines gemeinsamen Anliegens.

Politik als Betrug

Wie sollte man ein solches System nennen? Statt Ochlokratie vielleicht Plutokratie, Herrschaft des Geldes? Oder – wie gegenwärtig verbreitet – Faschismus? Oder etwa im Sinne Orbans als „illiberale Demokratie“? Wichtiger ist es, den Kern der Angelegenheit zu verstehen: Es geht darum, die Dominanz des Reichtums gegen die Ansprüche der relativ oder absolut Besitzlosen abzusichern. Deren Hoffnungen auf Teilhabe sollen kanalisiert und unschädlich gemacht werden. Die soziale Spaltung hat eine Art Verzweiflung an der „Demokratie“ hinterlassen, und so können Empörung und Wut darüber in Treibstoff für die Diktatur umgewandelt werden.

Nun findet ein regelrechter Betrug statt: Nicht die Integration der Bürgerinnen und Bürger in ein soziales Gemeinwesen, das ja eine Umverteilung voraussetzen würde, also nicht deren Emanzipation in einem Solidarverband des Ausgleichs und der Teilhabe ist beabsichtigt. Ziel ist es

umgekehrt, ihre endgültige Unterwerfung unter jene winzige Schicht zu bewerkstelligen, die aufgrund der kapitalistisch gesteuerten Verteilung von Vermögen und Macht in der Lage ist, die Arbeit aller in ihre eigene Dominanz umzuwandeln. Ein altes Thema – einst von Karl Marx    analysiert, heute etwa von Thomas Piketty – und in den allgemeinen Grundzügen unverändert in diesem Sinn auf Ausbeutung basierend. Dieses System von seinen demokratischen und rechtsstaatlichen Teilelementen zu befreien, ist der Zweck jener „Alternative“, die auch in Deutschland ansteht, ans Ruder zu kommen.

Was war es – um genauer hinzuschauen –, was viele US-Bürger für Trump begeisterte? Die roten Baseballkappen thematisieren es. Es geht um „MAGA“, um „America First“. Doch kaum wird es jemandem gelingen, klar zu bestimmen, was diese Slogans real bedeuten. Es sind politische Leerformeln aus der PR-Kiste: Jeder darf sich darunter vorstellen, was ihm gerade in den Sinn kommt oder sich irgendwie angenehm anfühlt.

Etwa die Begeisterung, wenn eine Ansammlung von Gleichgesinnten „USA“ schreit. Weht ein MAGA-Gefühl durch die Menge, ist die Sorge, den Job zu verlieren, vorübergehend gebannt. Bereitwillig liefert man sich der Aufforderung zum kollektiven Halluzinieren aus. Die Hochstimmung, die das Kollektivereignis auslöst, dürfte ähnlicher Art sein wie zu seiner Zeit beim „Heil Hitler“.

Der Kompensationseffekt

Man kann nach der sozialpsychologischen Funktion solcher Massenstimmungen fragen und inwiefern sie sich für den Machterwerb eignen. Ganz offensichtlich geht es um einen Kompensationseffekt, der in Regierungsgewalt umsetzbar ist. „Greatness“, gewaltige Größe, ist der Wunschtraum vieler, denen die Anerkennung als integrale Teilnehmer des Gemeinwesens verweigert wurde. Aus klein wird groß. Der Tiefenpsychologie Alfred Adler hatte das als „Überkompensation“ bezeichnet. In der Fantasie verwandeln sich Gefühle von Minderwertigkeit in Überlegenheit. Für Adler stand solche Kompensation hinter jedem Machtstreben. Macht über andere haben zu wollen, sah er als Folge einer Zurücksetzung, die nicht eingestanden werden darf.

Die Mobilisierung mittels des Kompensationseffekts bedarf allerdings einer Galionsfigur, die die Botschaft charismatisch verkörpert. Diese Rolle spielt Donald Trump. Dabei ist es gut, wenn solche Figuren den Effekt leibhaftig vorführen können, bevorzugt, wenn sie ihn selbst erlebt haben. Hitler behauptete irreführend, aus der Arbeiterklasse aufgestiegen zu sein. Nach Demütigungen durch seinen prügelnden Vater scheiterte er zunächst mit seiner Absicht, Kunstmaler zu werden und verwandelte diese erniedrigende Ausgangslage in die Grandiosität eines unbändigen Machtstrebens. Dabei war sein Ziel keineswegs, die Arbeiterklasse in eine soziale Demokratie zu integrieren, sondern ihr eine Art Placebo zu verabreichen. Die wichtigste Belohnung, etwa bei Reden vor Arbeitslosen, lautete: Ihr seid die Herrenrasse! Dass diese „Rasse“ gar nicht existierte, spielte keine Rolle.

Bankrotteur und maligner Narzisst

Aus klein also wird groß – allerdings lediglich halluziniert. Und das hat Konsequenzen. Denn wo kollektive Halluzinationen, Wahnvorstellungen bereits dort eine entscheidende Rolle spielen, wo politisches Führungspersonal ausgewählt wird, steht auch die politische Entscheidungsebene selbst in Gefahr, „irre“ zu werden. Die Anbindung an die Wirklichkeit geht verloren.

Schauen wir zunächst, inwieweit der Kompensationseffekt auf Trump selbst zutrifft. Trump ist ein krimineller Bankrotteur, dessen Hauptleistung in der Vermarktung seines Namens und seinen Auftritten im Showgeschäft besteht. Doch wesentlich wichtiger als diese Vergangenheit ist seine psychische Disposition. Bereits 2017 erschien eine Studie über Trump, in der 27 Fachleute für seelische Gesundheit – klinische Psychologen und Psychiater – ihr Urteil abgaben.1 Freilich wussten sie, dass Ferndiagnosen problematisch sind. Andererseits verfügten sie über Kriterien, nach denen jemand beurteilt werden kann, der sich so andauernd redend und handeln auf der Weltbühne produziert. Übereinstimmend lautete die Hauptdiagnose: maligner, also bösartiger Narzissmus.

Das ist nun wirklich keine unbedeutende Diagnose. Bösartige Narzissten tummeln sich im antisozialen und kriminellen Umfeld oder sitzen in der Psychiatrie oder im Knast. Die Genese des malignen Narzissmus wird übereinstimmend in frühen Kränkungen oder Traumata gesehen. Der Narzisst kompensiert diese Erfahrungen der Zurücksetzung ersatzweise durch den Anspruch auf grandiose Überlegenheit. In Trumps Kindheit und Jugend spielte der autoritäre, kalte und fordernde Vater eine bedeutende Rolle. Wahrscheinlich hat Trump niemals liebevolle Wertschätzung und Zuwendung erfahren, was für eine gesunde seelische Entwicklung von grundlegender Bedeutung ist.

Solche Einschätzungen wurden seitdem vielfach wiederholt, unterdessen ergänzt durch die Vermutung, Trump habe einen Schlaganfall erlitten (einen „Mini-Stroke“) oder leide unter beginnender Demenz. Man muss sich hier nicht festlegen, Trumps „Irresein“ ist offensichtlich. Unter politischem Gesichtspunkt stimmt daher zweifellos, was die Psychiater Philip Zimbardo und Rosemary Sword konstatieren: „Wir sind der Auffassung, dass Trump der gefährlichste Mann der Welt ist.“.2

Wie auch immer: Trumps narzisstische Störung schränkt seinen Blick auf die Wirklichkeit erheblich ein. Was ich tue, so seine Überzeugung, ist grundsätzlich genial, alle anderen sind Idioten und haben keine Ahnung. Dementsprechend ist, was Trump auch immer von sich gibt oder entscheidet, gewaltig, beispiellos und nicht zu überbieten. Trump sieht sich als Höhepunkt der Weltgeschichte und das übrigens – worauf Beobachter hinweisen – ohne sich durch Studium, Lesen oder gründliches Zuhören wirklich zu informieren. Wie bei allen Diktatoren traut sich zudem keiner wirklich, ihm Informationen zu liefern, die nicht in sein Wahnbild passen. Solche restlosen Abschottungen gegenüber der Realität erleben Psychiater in Heilanstalten täglich.

Welche Interessen bedient Trump?

Man könnte sich fragen, wessen Interessen Trumps politischer Auftritt eigentlich bedient außer seinen eigenen. Weshalb – sachlich aus der Perspektive der bisher dominanten US-Eliten betrachtet – sollten Grönland oder Kanada zu den USA gehören, wo doch der wirtschaftliche und militärische Einfluss der USA im Hinblick auf diese Gebiete längst auf weit subtilere Weise realisiert sind? Man spricht von Soft Power, die auch ohne martialische Drohungen ihre Ziele erreicht. Trump bevorzugt Brutalität, denn offensichtlich enthält sein Narzissmus eine sadistische Komponente.

Welche Zukunft – um Beispiele für die Absurdität der politischen Vorstellungen Trumps zu wählen – blüht einem „Friedensrat“, der ganz offensichtlich nichts als ein Fanclub Donald Trumps ist? Trump beansprucht den Vorsitz auf Lebenszeit und bestimmt, wer rein darf und wer raus muss. Ein solches Gremium als Konkurrenz zur UNO erinnert eher an das Spielverhalten ahnungsloser Halbwüchsiger, die im Pfadfinderlager „große Politik“ mimen.

Betrachten wir den Irankrieg. Zurecht wird er als völlig planlos kritisiert. Pläne in Kriegen sind grundsätzlich schwer umzusetzen, da zumeist alles ganz anderes kommt, als man denkt. Verschwendet man keinen Gedanken daran, über welche Möglichkeiten der Gegner verfügt, wird alles noch unberechenbarer. Doch dazu müsste man dessen Perspektive einnehmen, ihn also „verstehen“, was ja auch sonst aus der Mode gekommen ist. Stattdessen schwärmen Machthaber immer noch von „Blitzkriegen“, die wie chirurgische Eingriffe mit exakt voraussagbarem Effekt appliziert werden können. Siehe Putin, ein ebenfalls erfolgloser Blitzkrieger.

Denn alle solche Vorstellungen sind Ergebnis von sträflichen Vereinfachungen. Jeder Politikwissenschaftler hätte gesichert mitteilen können, dass noch niemals ein Regimewechsel aus der Luft gelungen ist. Und die Idee, durch die Ermordung von Führungspersonal hier weiterzukommen, ruht auf der Unkenntnis des iranischen Systems. Offenbar schon lange darauf vorbereitet, wurde eine Art Staffelung der Führung vorgenommen. Das Personal der ersten Ebene wurde automatisch durch die zweite Ebene ersetzt und so weiter. Der geringste Sachverstand hätte im Übrigen voraussagen können, dass die Iraner die Straße von Hormus sperren würden. Auch die iranischen Angriffe auf die Goldstaaten lag als Folge glasklar auf der Hand.

„Deals“ statt Diplomatie

Und mit den „Deals“ steht es ebenso. Man könnte Trumps hilflose Versuche, seine Welt der Vereinfachungen bis auf Stammtischniveau auch mit „Verhandlungen“ durchzusetzen, als Folge des allgemeinen Niedergangs der Diplomatie ansehen, was sich ja auch im Hinblick auf den Ukrainekrieg zeigt. Auch Europa – hier durchaus vergleichbar mit Trump – setzt vor allem auf Waffengänge. Ebenfalls von gänzlich unrealistischen Zielen ausgehend, nämlich der fixen Idee, Russland doch noch besiegen zu können. Dass nun schon so lange bestehende Patt an der Front wird einfach nicht zur Kenntnis genommen.

Glaubt man, militärisch alles lösen zu können, wird zunächst gebombt und geschossen, geredet wird nur, um durchzusetzen, was doch nicht mit Bomben erreichbar war. Liederlich ist dabei die Auswahl derer, die behaupten, „Deals“ auf den Weg zu bringen. „Deals“ – ein Wort aus dem Trump-Vokabular – sind etwas ganz anderes als Vereinbarungen auf Augenhöhe. Sie sind grundsätzlich nicht auf Kompromiss angelegt, sondern auf Überwältigung. Hierzu benötigt man keine erfahrenen und ausgebildeten Diplomaten. Es reicht, den Schwiegersohn zu bemühen oder einen Kumpel vom Golfplatz. Amateure überall.

Mit Schadenfreude könnte man nun beobachten, wie die Trump-Administration nicht nur ihre Anhänger unter den „kleinen Leuten“ betrügt, sondern auch die Interessen der hinter ihr stehenden Milliardärseliten. Leute wie Elon Musk, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg. Es ist ja nicht nur der Größenwahn, der alles durcheinanderbringt, sondern die Crux einer jeder Politik, die sich rund um einen egomanen Machthaber gruppiert. Hofschranzen und Jasager verfehlen notwendig jenen Kurs, der unter Berücksichtigung der realen Umstände eingeschlagen werden müsste. Wer zudem durch angeblichen Bürokratieabbau im Stile Musks Institutionen ausschaltet, die noch über Sachverstand verfügten, wird im Nirgendwo landen.

Ein Hohn ist es deshalb, dass in einem Land, das über so viel Wissen und Expertise verfügt, Politik von beratungsresistenten Anfängern praktiziert wird. Und das in einem Moment, in dem sich die Machtverhältnisse auf dem Globus neu ordnen, während zugleich die Interdependenzen zwischen den Akteuren und Gegebenheiten so eng wie nie zuvor sind. Es gibt einfach kein Eingreifen mehr, ohne dass eine Vielzahl von nicht intendierten Folgen auftritt. Da sie sich in Systemzusammenhängen entfalten, sind sie oft völlig überraschend und nur schwer voraussagbar. Doch die Trump-Administration erkennt noch nicht einmal das unmittelbar Voraussehbare.

Verlust der demokratischen Beratungsfunktion

So liegt die Tragik des Niedergangs der formalen Demokratie, also selbst jener demokratischen Anteile, die auch im Rahmen der kapitalistischen Dominanz erhalten werden konnten, im Verlust der demokratischen Beratungsfunktion. Die tendenziell offene Gesellschaft ermöglicht es, Wissen zu generieren und es im Hinblick auf die Staatsführung fruchtbar zu machen. Das ist das Beste, was demokratische Verfahren liefern können.

Sich zu beraten, Experten heranzuziehen, die sich wirklich auskennen, Abwägungen vorzunehmen, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen – nach allem, was wir hören, findet solches Vorgehen in der US-Administration nicht mehr statt. Man befasse sich im Vergleich mit der Art, in der John F. Kennedy während der Kuba-Krise einen ganzen Beraterstab – das Executive Committee of the National Security Council (ExComm) – um sich versammelte. Bei allem Vorbehalt gegenüber dem kolossalen Risiko, das Kennedy einging: Er wusste wenigstens, dass Weltpolitik nicht aus dem Bauch heraus veranstaltet werden kann.

Doch der Wert von Wissen wird vom Populismus grundsätzlich verkannt. Der Kampf Trumps gegen die Universitäten zeigt jenen antiintellektualistischen Zug, der etwa auch bei den Nazis zu beobachten war. Alles was geschieht, muss sich den mentalen Beschränkungen machthungriger Egomanen fügen, für die Reflexion und diskursives Denken Schwäche bedeuten. „Wir reden nicht nur, wir handeln“, könnten sie ausrufen. Übersprungen wird, dass Reden und Handeln schwerlich ohne Denken möglich sind.

Kaum überraschend daher, dass Politik nun zum Blindflug im dichten Nebel wird, bei dem die Instrumente versagen und die Crew es nicht erkennt. Und zwar als Ergebnis einer doppelten Fehlsteuerung: der Auswahl von Führungspersonal im Sinne des Kompensationseffekts und die Übergabe der Entscheidungsbefugnis an Personen, die ihre Anhänger zwar mobilisieren können, zu Regierungsgeschäften aber so wenig taugen wie Gehbehinderte für eine Klettertour im Hochgebirge.

„Er hat die Welt in Händen und den Finger am Atomknopf“

Vielleicht wäre alles nicht gar so schlimm, gäbe es nicht das Atomwaffenproblem. 2016 schrieb die renommierte Psychiaterin und Harvard-Professorin Judith Lewis Herman einen Brief an den damals noch regierenden Barak Obama. Sie drang darauf, dass Trump einer neuropsychiatrischen Untersuchung unterzogen werde, bevor er sein Amt antrete. Der Titel des Beitrags von zwei der psychiatrischen Mitunterzeichner dieses Schreibens in der oben zitierten Publikation lautet bezeichnend: „Er hat die Welt in Händen und den Finger am Atomknopf“3

Auch diese Tatsache ist Ausdruck der in diesem Fall nicht mehr ganz so neuen Irrationalität. Donald Trump gehört zu jenen weniger als zehn Personen, die weltweit alleine darüber entscheiden, ob es zu einem Einsatz von Atomwaffen kommt oder vorläufig nicht. Die Zukunft der Menschheit liegt fast unkontrolliert in ihrer Hand. Während seiner ersten Amtszeit fragte Trump, weshalb die USA eigentlich Atomwaffen besitzen, wenn sie sie nicht anwenden.

Und was meinte er eigentlich, wenn er androhte die iranische Zivilisation ein für alle Mal auszulöschen? Das geht nur mit Atomwaffen und war eine völkerrechtswidrige Drohung mit dem Massenmord. Weiß Trump übrigens, hat er je davon gehört, dass auch eine „kleiner“ Atomkrieg das Ende der Zivilisation auf diesem Globus bedeuten würde?  Diese Frage stellt sich auch im Hinblick auf andere Machthaber in einer Zeit, die Politik zunehmend als Demagogie betreibt. Dagegen würde der Einsatz der gewaltigsten Waffe, die es gibt, der Selbstvergöttlichung von Supernarzissten sehr entgegenkommen.

Jedenfalls wird Trumps moralischer Blindflug, gekoppelt mit der Unfähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, zu einer sprunghaften Weiterverbreitung von Atomwaffen führen. Jeder Diktator hat nun begriffen, dass er ohne Atomwaffen den Überfällen mächtigerer Staaten ausgeliefert ist. Und selbstverständlich hat Trump die Atombombe des Irans nicht etwa gestoppt, sondern langfristig erst so richtig auf den Weg gebracht. Für wen der Tellerrand die absolute Grenze seiner egomanen Welt bedeutet, von dem ist Weitblick nicht zu erwarten.

Aber genau der wäre gefordert, um das Atomwaffenproblem überhaupt erst in den Blick zu bekommen. Davon sind wir auch jenseits von Trumps Amateurpolitik noch sehr weit entfernt. Welche Katastrophen benötigt die Menschheit noch, bevor sie erkennt, was die Stunde geschlagen hat? Und dass die Fortsetzung des internationalen Hauens und Stechens mit Höchstwahrscheinlichkeit in den Untergang führt?

Fußnoten

1 Bandy X. Lee (Hg.): Wie gefährlich ist Donald Trump? 27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie, Gießen 2018.

2 Ebenda, S. 72.

3 Ebenda, S. 171.

Hans-Peter Waldrich

Dr. Hans-Peter Waldrich ist Politikwissenschaftler (Dipl. sc. pol.). Sein Geld hat er vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980er-Jahre engagierte er sich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag oder die Blätter für Deutsche und internationale Politik, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
Mehr Beiträge von Hans-Peter Waldrich →

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 27.4. 2026
Vom Zerfall …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung