Humanitäre Krise: Millionen auf der Flucht – Rekordzahlen treffen auf Engpass bei der Finanzierung!

19.06.25 – Pressenza Wien

Die Zahl der Menschen, die weltweit durch Krieg und Verfolgung zur Flucht gezwungen wurden, ist erneut angestiegen. Wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in seinem am Donnerstag veröffentlichten Jahresbericht „Global Trends“ mitteilt, waren Ende April 2024 weltweit 122,1 Millionen Menschen auf der Flucht – rund zwei Millionen mehr als im Vorjahr. Hauptursachen für diesen Anstieg sind gewaltsame Konflikte, insbesondere im Sudan, in Myanmar und in der Ukraine.

Während sich immer mehr Menschen gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen, steht die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge vor der größten Finanzierungskrise in der 75-jährigen Geschichte des UNHCR. Als einziger Lichtblick wird im Bericht ein leichter Anstieg der Rückkehrzahlen genannt.

In Österreich entwickelte sich die Lage hingegen in eine andere Richtung: Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Asylanträge deutlich. Mit 22.254 neuen Anträgen wurden weniger als die Hälfte der Anträge des Vorjahres (56.158) registriert.

UN-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi unterstreicht die besorgniserregende globale Entwicklung:
„Wir leben in einer Zeit starker Unbeständigkeit in den internationalen Beziehungen. Die moderne Kriegführung hat eine fragile und erschütternde Situation geschaffen, die von großem menschlichem Leid geprägt ist. Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln, um Frieden zu schaffen und dauerhafte Lösungen zu finden – für Flüchtlinge und für andere Menschen, die gezwungen sind, aus ihrer Heimat zu fliehen.“

Der Bericht differenziert die Zahlen der Vertriebenen: Die Zahl der Flüchtlinge, die eine internationale Grenze überschritten haben, blieb relativ stabil bei 42,7 Millionen. Darunter fallen 31 Millionen Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat, 5,9 Millionen Palästinenserinnen unter dem Mandat des Hilfswerks UNRWA sowie 5,9 Millionen Venezolanerinnen in einer Sonderkategorie.

Deutlich zugenommen hat hingegen die Zahl der Binnenvertriebenen – Menschen, die innerhalb ihres eigenen Landes fliehen mussten. Sie stieg um 6,3 Millionen auf 73,5 Millionen. Darüber hinaus wurden 8,4 Millionen Asylsuchende gezählt – ein Anstieg um mehr als 1,5 Millionen im Vergleich zum Vorjahr.

Besonders dramatisch ist die Lage im Sudan. Dort hat der Krieg die aktuell größte Vertreibungskrise weltweit verursacht: 14,3 Millionen Menschen sind betroffen. Damit hat der Sudan Syrien (13,5 Millionen) als Spitzenreiter abgelöst. Es folgen Afghanistan mit 10,3 Millionen und die Ukraine mit 8,8 Millionen Vertriebenen.

Generell bleibt die Zahl der Binnenvertriebenen in vielen Ländern deutlich höher als die der Flüchtlinge, die internationale Grenzen überschreiten. Im Sudan etwa ist ihre Zahl fast doppelt so hoch. Zudem leben mehr als zwei Drittel der Flüchtlinge weltweit im direkten Nachbarland. 73 Prozent von ihnen finden Schutz in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen, 23 Prozent sogar in Staaten, die zu den ärmsten der Welt zählen. Nur ein kleiner Teil der Vertriebenen gelangt nach Europa. 60 Prozent fliehen überhaupt nicht über die Landesgrenzen hinweg, sondern bleiben innerhalb ihres Heimatlandes.

Besorgniserregend ist die Finanzierungslage: Während sich die Zahl der Vertriebenen in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt hat, stagniert das Budget des UNHCR auf dem Niveau von 2015. Die humanitäre Hilfe ist von massiven Kürzungen betroffen – eine unhaltbare Situation, die den Schutz und die Versorgung von Flüchtlingen erheblich gefährdet.

Trotz dieser Herausforderungen verzeichnet der Bericht auch hoffnungsvolle Entwicklungen. „Fast zwei Millionen Syrerinnen und Syrer konnten nach mehr als einem Jahrzehnt der Entwurzelung in ihre Heimatorte zurückkehren“, sagte Grandi. Das Land bleibe jedoch labil, und viele Menschen seien auf Hilfe angewiesen, um ihr Leben wieder aufzubauen. Insgesamt kehrten im vergangenen Jahr 9,8 Millionen gewaltsam Vertriebene in ihre Heimat zurück – darunter 1,6 Millionen Flüchtlinge, so viele wie seit über 20 Jahren nicht mehr, und 8,2 Millionen Binnenvertriebene, die zweithöchste je registrierte Zahl.

Allerdings waren viele dieser Rückkehrbewegungen von Unsicherheit, Armut und anhaltenden Konflikten geprägt. Besonders drastisch war die Lage für viele afghanische Rückkehrer*innen, die unter Zwang und in äußerst prekären Bedingungen in ihr Heimatland zurückkehrten. Gleichzeitig kam es in mehreren Regionen erneut zu neuen Vertreibungen, etwa in der Demokratischen Republik Kongo, in Myanmar und im Südsudan.

Abschließend ruft der UNHCR-Bericht eindringlich dazu auf, die weltweite Flüchtlingshilfe nachhaltig zu finanzieren. Die Programme des UNHCR retten tagtäglich Leben und unterstützen Millionen Menschen. Eine Stärkung der sozialen Strukturen und Infrastrukturen in den Hauptaufnahmeländern – vor allem im globalen Süden – sei zudem auch eine Investition in regionale und globale Stabilität.

Der Beitrag ist zuerst erschienen am 19.6.2025 bei Pressenza. Wir danken für die Publikationsrechte!

Titelbild: von Henry Wilkins/VOA, Public domain, via Wikimedia Commons

Antirassistischer Lauf in Barcelona Straßenhändler*innen organisieren sich seit 10 Jahren

05.06.25 – Elisabeth Voß, Pressenza

Am 1. Juni fand in Barcelona ein gut besuchtes antirassistisches Rennen statt, das von Straßenhändler*innen organisiert wurde.

Migrant*innengewerkschaft „Ande Dem“

Vor zehn Jahren gründeten Migrant*innen in Barcelona die Gewerkschaft „Ande Dem“. Der Name kommt aus dem senegalesischen Wolof und bedeutet „gemeinsam gehen“. Die Gründer*innen kamen als Schutzsuchende nach Spanien. Viele von ihnen stammen aus Fischerei-Familien. Aber seit internationale Konzerne das Meer leergefischt haben, gibt es keine Perspektive mehr für sie. So machen sich viele auf den Weg nach Europa. Da sie keine Chance auf ein Visum haben, wagen sie mit dem Ruf „Barça ou barzakh“ (Barcelona oder Tod) den lebensgefährlichen Weg über das Meer.

Wer lebend in Spanien ankommen, werden oft gleich zurückgeschoben oder landen zunächst im Gefängnis. Wer es schafft zu bleiben, darf mindestens drei Jahre lang nicht arbeiten und bekommt keine Unterstützung. Weil die Migrant*innen weder stehlen noch kriminell werden möchten, verkaufen sie an belebten Orten Rucksäcke und Taschen, Schuhe, Kleidung und Sonnenbrillen. Es ist nachgemachte Markenware zu günstigen Preisen, die sie auf ihren Decken, den Mantas, ausbreiten. Denn oft werden sie von der Polizei vertrieben, und dann können sie die Sachen schnell zusammenpacken und weglaufen.

Genossenschaft „Top Manta“

„Gemeinsam gehen“ bedeutet, sich auf einen kollektiven Weg zu machen, die individualisierende Leistungsgesellschaft zu kritisieren und sich stattdessen gemeinsame Perspektiven zu schaffen. So gründeten die auch „Manteros“ genannten Straßenhändler*innen 2017 die Genossenschaft „Top Manta“, unterstützt durch die damalige munizipalistische Stadtregierung und deren Bürgermeisterin Ada Colau. Im Stadtteilzentrum Can Batlló im Bezirk Sants betreibt die Genossenschaft eine Nähwerkstatt und Siebdruckerei.

Mittlerweile 200 Straßenhändler*innen konnten durch die Arbeit dort einen legalen Aufenthaltsstatus bekommen, 15 Mitarbeitende sind fest angestellt. Die Genossenschaft arbeitet nach den Prinzipien der Sozialen Solidarischen Ökonomie und des Fair Trade. In ihrem Laden im Bezirk El Raval sowie in einem Online-Shop verkauft sie mit antirassistischen Bildern und Slogans bedruckte T-Shirts, Hoodies und Umhängetaschen. Es gibt sogar Top Manta-Schuhe.

AGUA – Erstes antirassistisches Rennen in Barcelona

Zum zehnjährigen Jubiläum der Gewerkschaft Ante Dem hat Top Manta am 1. Juni 2025 ein „Erstes antirassistisches Rennen in Barcelona“ organisiert. Die Strecke von fünf Kilometern führte von und zur Plaça Ramon Torres Casanova, wo ein großes Tor aufgebaut war. Der Platz liegt direkt neben der Plaça de Sants, mit der Bühne der Veranstaltung und ein paar Ständen, nicht weit vom Can Batlló.

Die Stadtverwaltung hatte zuerst nur 1.000 Startnummern zugelassen, die jedoch innerhalb kürzester Zeit ausverkauft waren. Mühsam konnten 500 weitere verhandelt werden, die ebenfalls sofort verkauft waren. Die Preisverleihung auf der Bühne wurde von bekannten Künstler*innen und Sportler*innen durchgeführt. Weil nicht der Wettbewerb, sondern die Solidarität im Vordergrund stand, gab es auch einen Preis für die langsamste Person. Etwa 70 Sportvereine, Organisationen und Initiativen unterstützten die Veranstaltung, die mit vielen Tausend Menschen an diesem heißen Tag sehr gut besucht war.

Für den Lauf hatte Top Manta eine Bekleidungskollektion „AGUA Runnning Club“ entworfen. AGUA (span.: Wasser) ist der Warnruf, mit dem sich Straßenhändler*innen gegenseitig warnen, wenn die Polizei kommt, um sie zu vertreiben. So bedeutet er im Alltag „das Startsignal, um loszulaufen und dem institutionellen Rassismus zu entkommen, der uns verfolgt.“ Am 1. Juni wurde dieser Ruf „auch zu einem Symbol für Solidarität und Widerstand.“ Neben Slogans und Reden gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung von Migrant*innen gab es bei der Veranstaltung auch klare Aussagen zur Solidarität mit den Palästinenser*innen, vor allem in Gaza.

Alle Erlöse aus der Veranstaltung werden von Top Manta verwendet, um weiteren Straßenhändler*innen eine legale Existenz zu ermöglichen.

Hoffnung auf breite Mobilisierung

Mit dem Rennen protestierten die Organisator*innen gegen den „alarmierenden Anstieg von Hassreden, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“. Diese Stimmung verorten sie nicht nur bei der extremen Rechten. Sie verwiesen auf „Parallelen zwischen dem aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext und der Zwischenkriegszeit (1918–1939), die zum Aufstieg des Nationalsozialismus und Faschismus in Europa führte.“ Den vielfältigen globalen Krisen möchten sie Narrative und Erfahrungen von Solidarität entgegensetzen, um „kollektive Hoffnung“ und eine „historische und kraftvolle Mobilisierung“ zu schaffen.

Website der Veranstaltung: https://www.cursaantiracista.com/

Mobi-Video, 2 Min., katalanisch m. dt. UT: https://labournet.tv/de/videos/rennen%20barcelona

Der Beitrag von Elisabeth Voß ist am 05.06.25 in Pressenza erschienen, wir danken für das Publikationsrecht, Fotos E. Voß

Kongress der norwegischen Gewerkschaften fordert vollständigen Boykott Israels!

Der Gewerkschaftskongress von LO – LandsOrganisasjonen i Norge – fordert einen vollständigen Boykott Israels! LO ist der größte norwegische Gewerkschaftsbund. Er vereint 26 Einzelgewerkschaften mit hohem Organisationsgrad und über 930.000 Mitglieder.

Unter anderem spricht sich LO für einen kompletten wirtschaftlichen Boykott Israels aus. 240 Delegierte stimmten dafür, 69 dagegen. [1]https://youtu.be/itDZmj5wksY?si=DlOyCL8VOeIh8Ng6

LO verlangt, dass sich der staatliche norwegische Pensionsfonds, norwegische Unternehmen und Finanzinstitute ab sofort aus Firmen zurückziehen, die die israelische Besatzungs- und Kriegspolitik gegen Palästina unterstützen oder dazu wirtschaftlich beitragen.

Ausserdem fordert LO, dass in Norwegen ein rechtliches Verbot solcher Handelsbeziehungen und Investitionen eingeführt wird. Die norwegische Regierung soll sich dafür einsetzen, dass Israel die Besatzung palästinensischer Gebiete und die Blockade Gazas beendet.

Foto: UNISON (vergleichbar der deutschen Verdi) Mitarbeiter:innen in Portsmouth, Grossbritanien

Falls die Besatzung bis September 2025 nicht beendet ist, wird LO darauf hinarbeiten, dass Norwegen eine internationale wirtschaftliche Boykottinitiative startet.

LO hatte sich bereits einige Jahre zuvor wegen der anhaltenden Besatzungspolitik für einen „ökonomischen, kulturellen und akademischen Boykott Israels“ ausgesprochen [2]https://taz.de/Israel-Boykott-in-Norwegen/!5406341/

Mit LO positionert sich ein weiterer nationaler Gewerkschaftsverband eindeutig gegen die Völkermord- und Besatzungspolitik Israels, erklärt sich mit Palästina solidarisch und erwartet spürbare Konsequenzen seitens der eigenen Regierung.

Vor einigen Wochen berichteten wir bereits unter dem Titel: „Trades Union Congress (TUC) untertstützt Palästina Aktionstag in ganz Grossbritanien !“

Es wird einsam um die DGB Funktionäre. Neben den internationalen Gewerkschaftsverbänden - siehe u.a. " Wir stehen für Frieden und Gerechtigkeit  - Erklärung von industriAll",  "International Transport Workers’ Federation (ITF) schließt sich UN nach Forderung für einen sofortigen Waffenstillstand an!", [3]Europäische Gewerkschaften fordern die Aussetzung des Assoziierungsabkommens der EU mit Israel [4] US Gewerkschaften: Keine Fortsetzung der Unterstützung dieser Tragödie  [5]Die Gewerkschaften in den USA brechen ihr Schweigen zu Palästina - nehmen mit dem TUC nun auch alle großen nationalen Gewerkschaftsverbände weltweit eine klare internationalistische Haltung gegen die kriegsverbrecherische Politiik Israels ein und verurteilen den Genozid in GAZA.

Einzelne Gewerkschaften verschiedener Länder gehen weit über die Forderungen nach Waffenstillstand und Aufhebung der Blockade von Gaza hinaus, greifen eigenhändig zu Boykottmassnahmen oder fordern wie die französische CGT oder jetzt der norwegische Verband LO, was in Deutschland die Staatsräson auf den Plan rufen würde, massiv Sanktionen gegen Israel.

Insbesondere die Transportarbeiter:innen weltweit und in Europa von Griechenland über Italien bis Spanien und Irland behinderten immer wieder wirksam die Logistik nach Israel. Wir berichteten von einzelnen dieser Aktionen: Schwedische Hafenarbeitergewerkschaft beschließt Blockade von Kriegsmaterial oder US Hafenarbeiter boykottieren Militärgüter nach Israel !

Die internationale Gewerkschaftsbewegung wurde zum gewichtigen Teil der internationalistischen Friedensbewegung und Palästinasolidarität.

Als einzige Ausnahme von Gewicht hüllt sich der deutsche DGB – trotz vieler friedenspolitischer Initiativen seitens der aktiven Gewerkschaftsbasis – in Schweigen. Die unrühmliche deutsche Geschichte mit dem Holcaust sollte aber gerade Deutsche Gewerkschafter:innen verpflichten, jedem Genozid weltweit entgegenzutreten und Völker- und Menschenrecht in ganz besonderer Weise zu verteidigen.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

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