Militärstrategie der Bundeswehr: Der immer gleiche Feind

Die Bundeswehr hat jetzt eine Militärstrategie. Christian Klemm hält diese für überflüssig. Er plädiert dagegen für eine Annäherung an Russland

Von Christian Klemm

Photocollage: Jochen Gester

Oft ist von Kontinuitäten in der deutschen Geschichte die Rede. Die Militarisierung ist eine dieser Konstanten, die bis heute besteht. Militär, Waffen und Deutsche – das passt wie der berühmte Arsch auf den Eimer.

Dazu passt eine Meldung von Mitte dieser Woche, die durch die Nachrichtenagenturen und Medien ging. Demnach hat Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die erste Militärstrategie der Bundeswehr vorgestellt. Motto: Jetzt wird geklotzt und nicht gekleckert. Das Ziel der Strategie: Bis 2039 soll die Truppe die stärkste konventionelle Armee Europas werden.

Geplant ist, die Man- und Womanpower der Streitkräfte auf 200 000 aktive Soldaten und 260 000 Reservisten zu erhöhen. Das ist angsteinflößend – und das soll es auch sein. Schluss mit dem Duckmäusertum der Deutschen gegenüber anderen Nato-Partnern, vor allem gegenüber den USA, die seit dem Amtsantritt Donald Trumps wie ein ADHS-Patient mit einem schweren Kokainproblem international Politik machen. Die Bundesrepublik will wieder ein großer Player auf der Weltbühne werden. Und das setzt nach bürgerlichem Verständnis eine schlagkräftige Arme voraus.

Doch die Pistorius’sche Militärstrategie zeigt noch eine andere Kontinuität in der deutschen Historie. Sie erkennt nämlich ausdrücklich einen Feind, und der heißt Russland. Das war im Ersten Weltkrieg nicht anders, als von einer »russischen Dampfwalze« gesprochen wurde, die das deutsche Kaiserreich angeblich zu erdrücken drohte. Später kam der Vernichtungskrieg der Nazis (Stichwort: »Antibolschewismus«), in dem mindestens 20 Millionen Sowjetbürger umkamen. Der Kalte Krieg setzte diese Russenphobie fort: In Westdeutschland ging die Angst um, »der Iwan« würde in die Bundesrepublik einfallen und da sonst was anstellen. Das war natürlich ausgemachter Blödsinn.

Doch für die herrschende Politikerkaste in der Bundesrepublik ist Russland das Reich des Bösen – vor allem, seit Moskau einen erbarmungslosen Bruderkrieg gegen die Ukraine führt. Seitdem wird man in Berlin nicht müde, vor einer Bedrohung aus Russland zu warnen. Doch die ist nicht viel mehr als ein Hirngespinst. Russland hat in jüngster Vergangenheit vor allem Gebietsansprüche im postsowjetischen Raum deutlich gemacht. Zudem wäre eine Invasion russischer Soldaten bei uns nicht machbar – und das aus mehreren Gründen.

Das Personal: Die Staaten der Nato verfügen zusammen über mehr als drei Millionen aktive Soldaten. Russland kommt auf etwa 1,3 bis 1,5 Millionen, wovon ein großer Teil zurzeit in der Ukraine gebunden sein dürfte. Die Technik: In den Bereichen Luftwaffe, Marine und hochpräzise Fernwaffen hat die Nato technologisch einen deutlichen Vorsprung. Das Militärbudget: Die Ausgaben der Länder des westlichen Bündnisses für Kriegsgeräte übersteigen die der Russen um ein Vielfaches.

Das alles weiß auch der russische Präsident Wladimir Putin. Ein Angriff auf Deutschland wäre somit ein Selbstmordversuch Moskaus, denn dann würde der sogenannte Nato-Bündnisfall greifen. »Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird«, heißt es in Artikel 5 des Nordatlantikvertrages. »Sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet.«

Selbst wenn Trump auf die Idee käme, sein Land aus dem Militärbündnis herauszulösen, überträfe die Rest-Nato Russland in fast allen Bereichen. So liegen die kombinierten Budgets der europäischen Staaten (allein Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Polen) in diesem Jahr über dem russischen Militärbudget. Auch die Stärke der Armee ist unterschiedlich: Die europäischen Nato-Partner verfügen über etwa 1,9 Millionen aktive Soldaten. Das sind rund 25 Prozent mehr als in Russland. Auch technologisch ist Europa mit dem Eurofighter, der Rafale und den bereits aus den USA gelieferten F-35-Jets Russland voraus.

Eine Militärstrategie ist angesichts dieser westlichen Überlegenheit also überhaupt nicht nötig. Viel nötiger dagegen ist eine Annäherung Deutschlands an Russland. So könnte eine Vertrauensbasis zwischen Ost und West neu aufgebaut werden, was das gegenwärtige Wettrüsten überflüssig machte. Zudem würde dadurch das Risiko einer atomaren Auseinandersetzung deutlich geringer. So wie es jetzt ist, besteht weiter die Gefahr, dass irgendein nervöser Finger den roten Knopf betätigt. Und dann verbrennen wir alle im nuklearen Feuer – Russen wie Deutsche. Bundeswehrstrategie hin oder her.

Christian Klemm Foto: nd

Christian Klemm arbeitet seit 2007 beim »nd«. Er ist Leiter des Online-Ressorts nd.aktuell.

Erstveröffentlicht im nd v. 23.4.26
Der immer gleiche Feind

Wir danken für das Publikationsrecht.

Ein Lied für Esther (Bejarano)

Das Verharren vor Denkmälern kann uns nicht vor Faschismus schützen und wäscht auch Schweigende, Wegschauende von ihrer Tatenlosigkeit gegenüber den aktuellen Verbrechen gegen das Menschenrecht nicht rein! Ein aussergewöhnliches, notwendiges Kunstereignis gerade heute, welches „Erinnerungskultur“ vom Kopf auf die Füße stellt! (Peter Vlatten)

Candice Breitz

A Song for Esther

  • Musik
  • Performance
Sa 6.6.2026, 19:30 / HAU1 tickets ab 12 €
So 7.6.2026, 19:30 / HAU1 tickets ab 12 €

Stresemannstraße 29, 10963 Berlin

Englisch /  mit deutschen Übertiteln 

“A Song for Esther” wurde im Dialog mit der Familie Bejarano geplant.

Welche Handlungsmöglichkeiten haben Künstler*innen und Musiker*innen in Zeiten von Völkermord und Unterdrückung? Ein Jahrhundert nach der Geburt der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano reflektiert dieses konzeptionelle Konzert die anhaltende Wirkung ihres widerständigen Vermächtnisses – sowohl als Aktivistin als auch als Musikerin – für die Gegenwart.

“A Song for Esther” ist ein Akt des Gedenkens, der die Abwesenheit von Esther Bejarano markiert – ein vergängliches Mahnmal in Form eines Konzerts. Auf Einladung der Künstlerin Candice Breitz würdigt ein außergewöhnliches Line-up von Musiker*innen die unermüdliche antifaschistische Aktivistin und Musikerin:

Neben Breitz werden am Abend Lie Ning, Rasha Nahas, Polly Ott, Aeham Ahmad, Lili Sommerfeld, Dejan Jovanović + Oana Cătălina Chiţu, Die Anstalt, Lurje Judelman Shneyveys und das Sialan String Quartet auftreten. Als besondere Gäste des Abends werden Joram Bejarano und Kutlu Yurtseven von der Hip-Hop-Band Microphone Mafia dabei sein, die über tausend Konzerte mit Esther gespielt hat – das letzte davon nur wenige Wochen vor ihrem Tod im Alter von 96 Jahren.

Esther wurde 1924 als Tochter einer jüdischen Familie im Saarland geboren. Im Alter von 18 Jahren wurde sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie begriff kurz nach ihrer Ankunft, dass die brutale Schwerstarbeit, zu der sie gezwungen wurde, ganz auf ihre Auslöschung abzielte. Als sie für die Mitwirkung im “Mädchenorchester” des Vernichtungslagers vorgeschlagen wurde, sah sie eine Möglichkeit, dem sicheren Tod zu entkommen.

Wie Esther später erklärte, verdankte sie ihr Überleben letztendlich dem Umstand, dass sie der Dirigentin des Orchesters ein bestimmtes Lied vorspielen konnte. Während der unvorstellbar düsteren Aufnahmeprüfung sollte sie beweisen, dass sie den zuckersüßen Kriegsschlager “Bel Ami” auf dem Akkordeon beherrschte, einem Instrument, das sie noch nie zuvor gespielt hatte. Aus purer Verzweiflung quetschte Esther mithilfe ihrer Klavierkenntnisse das eingängige Lied aus dem Akkordeon.

Nach dem Holocaust wollte Esther siebzig Jahre lang nichts von “Bel Ami” wissen. Gegen Ende ihres Lebens kehrte sie jedoch – zur Überraschung vieler – zu dem Lied zurück und nahm es in ihr Repertoire für Hunderte von Konzerten auf. Auf die Frage, warum sie immer wieder zu diesem zutiefst traumatischen Moment zurückkehrte, der ihr Schicksal bestimmt hatte, beschrieb Esther ihre Darbietung von “Bel Ami” als einen “Akt der Rache”. Für sie war das Lied ein Symbol dafür geworden, dass sie die albtraumhafte Erfahrung, von Nazi-Deutschland buchstäblich instrumentalisiert worden zu sein, überwunden hatte.

Angesichts des weltweit erstarkenden Faschismus bietet “A Song for Esther” einen flüchtigen Ort für verkörperten Widerstand. Am Abend des Konzerts werden alle beteiligten Musiker*innen und Bands einen einzigen Song spielen, der nichts mit ihrem üblichen Repertoire zu tun hat. Als Künstler*in kann man sich das Instrument oder das zu spielende Lied nicht immer aussuchen. Und doch birgt der Moment der Aufführung ein politisches sowie ein kreatives Potenzial.

Titelbild: Candice Breitz aus dem Programm

Sa 6.6.2026, 19:30 / HAU1 tickets 
So 7.6.2026, 19:30 / HAU1 tickets

Stresemannstraße 29, 10963 Berlin

Englisch /  mit deutschen Übertiteln 

Spielplan & Tickets

Künstlerkonferenz mit Esther, 9.6.2019, Erinnerungsfoto Ingo Müller

Wallstreet Journal:“Deutschland erfindet sich neu als Waffenfabrik.“

Nun hat es auch das Wallstreet Journal festgestellt und berichtet:

Während die Automobil- und Schwerindustrie schwächeln, lenkt Berlin Fabriken, Arbeiter und Kapital in Richtung Wiederbewaffnung Europas.

Angesichts des Zusammenbruchs seines Exportmodells schwenkt Deutschland von Autos auf Kanonen um – und versucht, den industriellen Niedergang in einen Rüstungsboom zu verwandeln. [1]https://www.wsj.com/world/europe/germany-is-reinventing-itself-as-a-weapons-factory-990ad18d

Der Autozulieferer Schaeffler ist ein Beispiel für diesen Wandel. Vorstandschef Klaus Rosenfeld sagt laut „Wall Street Journal“: „In Deutschland wird viel gejammert. Wenn alle nur klagen, dass alles furchtbar ist, dann wird nichts funktionieren. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln.“ Sein Konzern baut inzwischen Motoren für Drohnen, Systeme für Panzerfahrzeuge und Teile für Militärflugzeuge. [2]https://www.focus.de/politik/ausland/deutschland-erfindet-sich-neu-als-waffenfabrik-europas_44d0ab5a-fa56-41a0-9b83-f7854f6e6bcd.html Ein Beispiel von vielen.

Wovon das Wallstreet Journal nicht berichtet. Es hapert in Deutschland immer noch mit der Begeisterung für Militär und Krieg. Kein Wort über Initiativen wie das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion, das gegen Produktionsstätten von Waffen mobilisiert, die die Hauptstadt zur Zielscheibe machen.

Nach dem 2.Weltkrieg hiess es noch. Es ist eine der wichtigsten Lehren: nie wieder einen alles dominierenden militärisch industriellen Komplex in Deutschland zuzulassen. Denn ein solcher Komplex, das ist die Lehre, mutiert zur ökonomischen Basis von Faschismus und Krieg. Und was für ein Aufschwung? Produkte, die töten, braucht niemand zum Leben.

Martin Sonneborn, die Partei, kommentiert:

Deutschland, Motor der europäischen Fertigungsindustrie, steckt in seiner längsten Stagnationsphase seit dem II. Weltkrieg. Merz`Antwort: Er will aus Deutschland eine gigantische, bummsgefährliche Waffenfabrik machen. Schon wieder? Haben Sie das bei ihm bestellt? Wir auch nicht, Smiley.

DEUTSCHLAND? WAFFEN?? KRIEG???
Wir sagen mal so: Was könnte dabei schon schiefgehen????

Was soll denn do scho schiefganga?

Co tu może pójść nie tak?!

Qu’est-ce qui pourrait bien mal tourner?!

What could possibly go wrong?!

Hvad kunne der dog gå galt?!

Hva kan vel gå galt?!

Wat zou er nou mis kunnen gaan?!

Wat kéint schonn falsch goen?!

Шта би могло поћи по злу?!

Τι θα μπορούσε να πάει στραβά;

Что тут может пойти не так?!

(In der Reihenfolge ihres Auftretens in WK II)

Damit diese Frage nicht wieder gestellt werden muss. Beteilige Dich an den Aktionstagen des Berliner Bündnisses gegen Waffenproduktion vom 10. bis 11 Juli. Was klein anfängt, muss groß werden. Alle Infos dazu hier!

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung