„Ich fühlte mich wie ein Monster“-Israelische Soldaten über Ihren Einsatz in GAZA

Ein sehr eindringlicher Text der israelischen Zeitung Haaretz gibt Einblicke in die Erfahrungen israelischer Soldat:innen in Gaza.

Hintergrund: Die Geschehnisse holen die Täter:innen, Weggucker:innen und Beteiligten ein. Die Selbstmordrate unter Angehörigen oder Ehemaligen der israelischen Armee ist immens angestiegen. Viele können nicht mehr in den Spiegel schauen. Ihr Schweigen und ihre Tatenlosigkeit macht sie zu Mittäter:innen und gleichzeitig zu Opfern. Nicht wenige, die sich nicht bekennen und aussprechen, werden zu moralisch verkommenen Subjekten. Humaner Sprengstoff, der das soziale Miteinander der gesamten israelischen Gesellschaft bedrohen kann. Hat dieser Staat eine Zukunft? Oder delegitimiert sich dieser Staat nicht ständig selbst und bedroht nicht nur die anderen, die Menschen im Libanon, in Gaza, im Westjordanland, sondern zerstört seine eigenen Bürger und macht sie zu menschlichen Wracks?

Einige äussern sich jetzt öffentlich. Es geht um das, was sie gesehen, getan und miterlebt haben und um die psychischen Folgen davon. Bei ihren öffentliichen Bekenntnissen geht es um mehr als die Überwindung klassischer Traumafolgen wie Schuldgefühle, Scham und Zweifel an sich selbst. Ihre Bekenntnisse sollen auch nicht Gewalt relativieren oder Verantwortung aufheben. Aber sie können helfen zu verstehen, was Krieg mit Menschen macht – auf allen Ebenen.

Yuval sitzt da, kaut an seinen Nägeln und zappelt unruhig mit den Beinen. Es ist Mittag in Tel Aviv, und die Straße ist voller Menschen. Manchmal blickt er sich um und mustert ängstlich die Vorbeigehenden. „Tut mir leid“, sagt er. „Meine größte Angst ist eine Racheaktion.“

Zitate, die für sich selbst sprechen. Auszüge aus einem Beitrag von Tom Levinson in der Zeitung Haaretz, einem der größten und renommiertesten israelischen Presseorgane. Texte die es in der deutschen Mainstreampresse so kaum zu lesen gibt. Texte die das ganze Ausmaß der Barbarei der israelischen Armee erahnen lassen

„Plötzlich riefen mich ein paar Soldaten, also ging ich mit ihnen zum Käfig. Der Palästinenser saẞ dort, gefesselt und mit verbundenen Augen, und schien vor Kälte zu frieren.

Plötzlich holte einer der Soldaten seinen Penis heraus und begann, auf ihn zu urinieren. Er sagte zu ihm: ,Das ist für Be'eri, du Arschloch, das ist für Nova""-der Kibbuz Be'eri und das Nova-Musikfestival, zwei der Orte, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas angegriffen wurden. ,,Niemand konnte aufhören zu lachen. Vielleicht habe ich auch gelacht."

Am nächsten Tag kam ein Shin-Bet-Vernehmer. „,Er war zehn Minuten bei ihm und sagte, es sei nur irgendein Mann, der versuchte, nach Hause in den Norden Gazas zurückzukehren, dass er nichts mit der Hamas zu tun habe, also lieẞen sie ihn gehen", sagt Maya, die wenige Wochen später entlassen wurde. Aber was sie gesehen hatte, blieb bei ihr.

Diese Texte, die in Israel publiziert werden konnten, können angesichts der deutschen Staatsräson für einen Autor in Deutschland existenziell bedrohlich werden. Wenn es nach der hessischen Landesregierung geht, soll in Zukunft in Deutschland derjenige, der das hier geschilderte System der staatlichen Barbarei Israels grundsätzlich kritisiert und infrage stellt, mit Gefängnis bestraft werden. Was sind das für Leute in den deutschen Eliten, insbesodnere in der hessischen Landesregierung, die mit allen Mitteln diese Barbarei zu schützen versuchen und diejenigen zum Schweigen bringen wollen, die sich mit den Opfern solidarisieren? Was für eine Dreistigkeit, unter dem Vorwand von Antisemitismus, antizionische Jüd:innen zu verfolgen, die sich für Völker- und Menschenrecht universell einsetzen!

„Als wir unser Ziel erreichten, wurde mir klar, dass das keine Terroristen waren. Es war ein alter Mann und drei Jungen, vielleicht Teenager. Keiner von ihnen war bewaffnet.
Aber ihre Körper waren von Kugeln durchsiebt; ihre Organe quollen heraus. So etwas hatte ich noch nie aus der Nähe gesehen.

Ich erinnere mich, dass es still war; niemand sagte ein Wort. Dann kam der Bataillonskommandeur mit seinen Leuten, und einer spuckte auf die Körper und schrie: 'So geht es jedem, der sich mit Israel anlegt, ihr Hurensöhne.' Ich war unter Schock, aber ich habe geschwiegen, weil ich ein Versager bin, ein feiger Feigling."
"Das Bild seiner Hilflosigkeit lieẞ mich nicht los. Gedanken nagen ständig an mir- wie konnte ich einfach dastehen und nichts tun? Was sagt das über mich aus?" - Maya

Der Verein „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“, der diese „rechtsextremen“ Zustände anklagt, die in diesen Zeugenaussagen zum Ausdruck kommen, wurde von Verfassungschutz und Bundesinnenministerium als „gesichert extremistisch“ eingestuft. Ein Berliner Gericht hat diese Einstufung jetzt untersagt. [1]https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/solidaritaetskundgebung-mit-der-juedischen-stimme-gegen-den-verfassungsschutz/

„Vielleicht will ich auf eine gewisse Weise sterben, um es hinter mich zu bringen. Ich bringe mich nicht um, weil ich es meiner Mutter versprochen habe, aber ich gebe zu, dass ich nicht weiẞ, wie lange ich das noch durchhalte." -Yuval
„,Es hat alles zerstört, was ich über die Armee gedacht habe, alles, was ich über uns gedacht habe, über mich. Wenn wir zu so etwas Schrecklichem fähig sind, ohne dass Zivilisten davon wissen, was passiert dann noch in den Kellern? Welche anderen Geheimnisse verbergen wir?" - Eitan

Allein diese wenigen Textausschnitte zeigen eindringlich auf, was es heißt, „kriegstüchtig“ zu sein, was der Krieg aus unserer Gesellschaft und aus uns selbst macht.

"Sie kommen immer zu zweit - ein Vernehmer und ein Kampfsoldat. Als sie ankamen, standen wir am Eingang des Hauses Wache, und ich konnte das ganze Verhör hören und sehen."

Eitan sagt, dass der Vernehmer dem Gefangenen irgendwann die Hose und Unterwäsche auszog. ,,Er nahm ein paar Kabelbinder und befestigte einen an seinem Penis und einen an seinen Hoden. Er stellte ihm eine Frage, und als er nicht antwortete, zog er die Kabelbinder enger. Sie wiederholten das immer wieder; es wurde wie verrückt geschrien. Er hörte nicht auf zu schreien, als würde seine Seele seinen Körper verlassen.

Am Ende sprach er; alles sprudelte heraus, und der Vernehmer löste die Kabelbinder und brachte ihn zu einerm Lastwagen. Sie müssen ihn in Haft gebracht haben."

Nach dem 2.Weltkrieg hiess es:“ Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.“ Beides ist oft untrennbar miteinander verbunden. Wer „kriegstüchtig“ sein will in einem Land mit einer der größten weltweiten imperial fähigen Militärapparate, muss derjenige nicht zwangsläufig auch „faschismusfähig“ werden?

Eine Operation fand im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza statt. ,,Die ganze Gegend roch nach Tod, nach Leichen", sagt er. Seitdem kann ich den Geruch von verbranntem Fleisch nicht mehr ertragen. „Ich bin Vegetarier geworden. Ich erinnere mich genau an den Moment, als es mich traf, als der Geruch mich an das erinnerte, was ich in Be'eri gerochen hatte.
Da fragte ich mich - was sind wir geworden? Was bin ich geworden? Bis heute habe ich Angst, darauf eine Antwort zu geben.
Kein weiterer Kommentar zu diesen Zitaten. Jeder möge selbst urteilen. Was ist von denen zu halten, die ihre schützende Hand über Täter und Verantwortliche halten und gleichzeitig ein Kesseltreiben gegen alle veranstalten, die diese Barbarei anklagen!

Wir sollen breit geklopft werden, damit wir diese „Drecksarbeit“ demnächst auch selber machen können.

Hier der vollständige Text von Tom Levinson in Haaretz. [2] … Continue reading


Titelbild: Collage Peter Vlatten


Griechenland: Widerstand gegen Kriegsbeteiligungen und Waffentransporte

Veranstaltung

Griechenland: Widerstand gegen Kriegsbeteiligungen und Waffentransporte

Freitag, 8. Mai 2026, 19.00 Uhr, bUm Paul-Lincke-Ufer 21, 10999 Berlin

Wer etwas über den Widerstand von Arbeiter:innen gegen Krieg und Völkermord aus erster Hand erfahren will, dem können wir vom Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin nur empfehlen, diesen Termin nicht zu verpassen.

Es lädt ein: Gewerkschaftliche Solidaritätsgruppe „Gegen Spardiktate und Nationalismus“

Zwei Hafenarbeiter berichten über ihre Streiks zur Verhinderung von Waffenlieferung an das israelische Apartheid Regime zur Fortsetzung seines Genozid in Palästina – Georgios Gogos, Vorstandsmitglied in der Gewerkschaft der Hafenarbeiter in Piräus und sein Kollege Haris Papavramidis.

Alexandra Pavlou, Mitglied bei BDS Greece, gibt einen Überblick über die Boykott-Bewegung, die mittlerweile auch alle griechischen Inseln erfasst hat.

Maria Tamiolaki, Mitglied in der Ärztegewerkschaft und in der Anti-Nato-Aktion Athen engagiert, verschafft uns eine Übersicht über die Militärstützpunkte in Griechenland und ihre Bedeutung für die aktuellen Kriege von NATO, USA und Israel.

Konstantinos Palaistidis, Mitglied der Basisgewerkschaft Buch und Papier in Athen, wird uns über die Anti-Kriegs-Aktivitäten der Gewerkschaften und ihre Zusammenarbeit mit BDS Greece informieren.

Nach einer Kurzdarstellung über die Situation in Deutschland durch Ulrike Eifler soll es einen Austausch geben über die Frage, wie wir der wachsenden Weltkriegsgefahr entgegentreten können.

Wie lassen sich die gemeinsamen Kontakte dafür nutzen? Hat jemand Interesse am deutsch-griechischen Austausch teilzunehmen?

Solidaritätsgruppe „Gegen Spardiktate und Nationalismus: Unser nächster Besuch Griechenlands findet im Herbst dieses Jahres statt.  “

Titelbild:Veranstalter „Bestreiktes Schiff im Hafen von Piräus Widerstand gegen Kriegsbeteiligungen und Waffentransporte“

Ergänzende Konzertempfehlung

Militärstrategie der Bundeswehr: Der immer gleiche Feind

Die Bundeswehr hat jetzt eine Militärstrategie. Christian Klemm hält diese für überflüssig. Er plädiert dagegen für eine Annäherung an Russland

Von Christian Klemm

Photocollage: Jochen Gester

Oft ist von Kontinuitäten in der deutschen Geschichte die Rede. Die Militarisierung ist eine dieser Konstanten, die bis heute besteht. Militär, Waffen und Deutsche – das passt wie der berühmte Arsch auf den Eimer.

Dazu passt eine Meldung von Mitte dieser Woche, die durch die Nachrichtenagenturen und Medien ging. Demnach hat Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die erste Militärstrategie der Bundeswehr vorgestellt. Motto: Jetzt wird geklotzt und nicht gekleckert. Das Ziel der Strategie: Bis 2039 soll die Truppe die stärkste konventionelle Armee Europas werden.

Geplant ist, die Man- und Womanpower der Streitkräfte auf 200 000 aktive Soldaten und 260 000 Reservisten zu erhöhen. Das ist angsteinflößend – und das soll es auch sein. Schluss mit dem Duckmäusertum der Deutschen gegenüber anderen Nato-Partnern, vor allem gegenüber den USA, die seit dem Amtsantritt Donald Trumps wie ein ADHS-Patient mit einem schweren Kokainproblem international Politik machen. Die Bundesrepublik will wieder ein großer Player auf der Weltbühne werden. Und das setzt nach bürgerlichem Verständnis eine schlagkräftige Arme voraus.

Doch die Pistorius’sche Militärstrategie zeigt noch eine andere Kontinuität in der deutschen Historie. Sie erkennt nämlich ausdrücklich einen Feind, und der heißt Russland. Das war im Ersten Weltkrieg nicht anders, als von einer »russischen Dampfwalze« gesprochen wurde, die das deutsche Kaiserreich angeblich zu erdrücken drohte. Später kam der Vernichtungskrieg der Nazis (Stichwort: »Antibolschewismus«), in dem mindestens 20 Millionen Sowjetbürger umkamen. Der Kalte Krieg setzte diese Russenphobie fort: In Westdeutschland ging die Angst um, »der Iwan« würde in die Bundesrepublik einfallen und da sonst was anstellen. Das war natürlich ausgemachter Blödsinn.

Doch für die herrschende Politikerkaste in der Bundesrepublik ist Russland das Reich des Bösen – vor allem, seit Moskau einen erbarmungslosen Bruderkrieg gegen die Ukraine führt. Seitdem wird man in Berlin nicht müde, vor einer Bedrohung aus Russland zu warnen. Doch die ist nicht viel mehr als ein Hirngespinst. Russland hat in jüngster Vergangenheit vor allem Gebietsansprüche im postsowjetischen Raum deutlich gemacht. Zudem wäre eine Invasion russischer Soldaten bei uns nicht machbar – und das aus mehreren Gründen.

Das Personal: Die Staaten der Nato verfügen zusammen über mehr als drei Millionen aktive Soldaten. Russland kommt auf etwa 1,3 bis 1,5 Millionen, wovon ein großer Teil zurzeit in der Ukraine gebunden sein dürfte. Die Technik: In den Bereichen Luftwaffe, Marine und hochpräzise Fernwaffen hat die Nato technologisch einen deutlichen Vorsprung. Das Militärbudget: Die Ausgaben der Länder des westlichen Bündnisses für Kriegsgeräte übersteigen die der Russen um ein Vielfaches.

Das alles weiß auch der russische Präsident Wladimir Putin. Ein Angriff auf Deutschland wäre somit ein Selbstmordversuch Moskaus, denn dann würde der sogenannte Nato-Bündnisfall greifen. »Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird«, heißt es in Artikel 5 des Nordatlantikvertrages. »Sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet.«

Selbst wenn Trump auf die Idee käme, sein Land aus dem Militärbündnis herauszulösen, überträfe die Rest-Nato Russland in fast allen Bereichen. So liegen die kombinierten Budgets der europäischen Staaten (allein Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Polen) in diesem Jahr über dem russischen Militärbudget. Auch die Stärke der Armee ist unterschiedlich: Die europäischen Nato-Partner verfügen über etwa 1,9 Millionen aktive Soldaten. Das sind rund 25 Prozent mehr als in Russland. Auch technologisch ist Europa mit dem Eurofighter, der Rafale und den bereits aus den USA gelieferten F-35-Jets Russland voraus.

Eine Militärstrategie ist angesichts dieser westlichen Überlegenheit also überhaupt nicht nötig. Viel nötiger dagegen ist eine Annäherung Deutschlands an Russland. So könnte eine Vertrauensbasis zwischen Ost und West neu aufgebaut werden, was das gegenwärtige Wettrüsten überflüssig machte. Zudem würde dadurch das Risiko einer atomaren Auseinandersetzung deutlich geringer. So wie es jetzt ist, besteht weiter die Gefahr, dass irgendein nervöser Finger den roten Knopf betätigt. Und dann verbrennen wir alle im nuklearen Feuer – Russen wie Deutsche. Bundeswehrstrategie hin oder her.

Christian Klemm Foto: nd

Christian Klemm arbeitet seit 2007 beim »nd«. Er ist Leiter des Online-Ressorts nd.aktuell.

Erstveröffentlicht im nd v. 23.4.26
Der immer gleiche Feind

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung