Austerität und Militarisierung

27.06.26 – LONDON/PARIS/BRÜSSEL – GERMAN-FOREIGN-POLICY.com

Stark frequentierte internationale Anti-Kriegs-Konferenz in London wendet sich gegen Hochrüstung in Europa und Abriss der Sozialsysteme. Proteste nehmen europaweit zu. Parallel hebelt die EU mit Personensanktionen den Rechtsstaat aus.

Mit internationalen Protesten und Anti-Kriegs-Konferenzen gewinnt eine neue Bewegung gegen die beispiellose Militarisierung in Europa an Fahrt. Bereits am vorvergangenen Sonntag hatten rund 12.000 Menschen in Brüssel unter dem Motto „Welfare, not Warfare“ gegen die Hochrüstung und den zu ihrer Finanzierung gestarteten Abriss der Sozialsysteme in ganz Europa demonstriert. An diesem Samstag folgte eine internationale Anti-Kriegs-Konferenz in London, auf der nahezu 3.000 Menschen aus Europa, Nordamerika und Nah- und Mittelost gleichfalls gegen die brutale Kriegspolitik des Westens sowie den dramatischen Raubbau an Gesundheitswesen, Bildung und Renten protestierten. „Austerität und Militarisierung“ seien „zwei Seiten derselben Münze“, rief der Präsident der britischen Bäckergewerkschaft BFAWU. Für diesen Herbst werden erneut europaweite Proteste angekündigt, so etwa ein Aktionstag der Hafenarbeiter. Mit der Zunahme der Proteste geht eine anschwellende Repression etwa gegen Journalisten einher, die auf Basis der Behauptung, sie kooperierten mit einer feindlichen Macht – mit Russland –, mit EU-Sanktionen attackiert werden. Die EU schafft damit ein flexibles Strafsystem jenseits des Rechtsstaats zur Absicherung ihrer Kriegspolitik.

Internationale Anti-Kriegs-Konferenz

Unter Beteiligung von fast 3.000 Personen aus Europa, Nordamerika und dem Nahen und Mittleren Osten hat am Samstag in London die zweite internationale Anti-Kriegs-Konferenz in Europa innerhalb von nur neun Monaten stattgefunden. Schon am 5. Oktober 2025 waren mehr als 4.000 Aktivisten in Paris zusammengekommen, um auf einem internationalen Treffen gegen den Krieg gegen die beispiellose derzeitige Militarisierung in ganz Europa zu protestieren. Zu der Londoner Folgeveranstaltung waren außer individuellen Teilnehmern Delegationen von Aktivisten aus rund 20 Ländern angereist. Recht stark vertreten waren vor allem Gewerkschaften, darunter Unison, die mit über 1,4 Millionen Mitgliedern größte Einzelgewerkschaft Großbritanniens; die kämpferische britische Eisenbahnergewerkschaft RMT; aus Frankreich die großen Gewerkschaften CGT sowie Force ouvrière; aus Italien die CGIL sowie weitere Gewerkschaften aus den genannten wie auch anderen Ländern. Organisiert worden war die Konferenz von der Stop the War coalition, die Ende September 2001 zum Kampf gegen den damals bevorstehenden Krieg in Afghanistan gegründet worden und an der Organisation der Demonstration gegen den bevorstehenden Irakkrieg am 15. Februar 2003 beteiligt war; damals gingen eine Million Menschen, vielleicht gar deutlich mehr, in London gegen den Krieg auf die Straße.

Zwei Seiten derselben Münze

Konkret richteten sich die Beiträge auf der Konferenz zum einen gegen die gegenwärtigen Kriege, die mehrheitlich von den USA und zum Teil auch Israel geführt werden – die Kriege gegen Iran und den Libanon, im Gazastreifen; gegen den US-Überfall auf Venezuela und die Verschleppung von Präsident Nicolás Maduro und gegen die militärische US-Drohpolitik gegen Kuba, aber auch gegen die Kriege im Sudan, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sahel. Nicht weniger prangerten diverse Redner die Hochrüstung in der EU an, so etwa das 800 Milliarden Euro schwere EU-Programm Rearm Europe. „Wir wollen keinen US-Imperialismus, und wir wollen keinen europäischen Imperialismus“, äußerte etwa Lindsey German, Gründungs- und bis heute führendes Mitglied der Stop the War campaign. Viele Redner stellten den unlösbaren Zusammenhang der Militarisierung mit dem Komplettabriss der sozialen Sicherheitssysteme heraus, der zur Zeit in ganz Europa stattfindet; „Austerität und Militarisierung“ seien lediglich „zwei Seiten derselben Münze“, hielt etwa Ian Hodson, Präsident der Bakers, Food and Allied Workers‘ Union (BFAWU) fest und konstatierte mit Blick darauf, dass die Regierung des scheidenden Premierministers Keir Starmer unter anderem Geld für Rollstuhlfahrer gekürzt hatte, um die Rüstung zu finanzieren: „Menschen mit Behinderung zahlen für den Krieg!“[1]

Europaweite Proteste

Der Londoner Anti-Kriegs-Konferenz ging eine zunehmende Zahl an nationalen wie auch internationalen Protesten gegen die Militarisierung voraus. In Deutschland protestierten vor allem Schülerinnen und Schüler in inzwischen drei Schulstreiks gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht.[2] In Belgien fanden in den vergangenen eineinhalb Jahren 15 landesweite Demonstrationen mit teilweise 100.000 Teilnehmern statt, die sich besonders gegen die harte Austeritätspolitik der belgischen Regierung, aber auch gegen die Hochrüstung richteten, die die Austeritätspolitik in ihrem aktuellen Umfang erst erforderlich macht.[3] Am 14. Juni wurde in Brüssel die erste europaweite Großdemonstration gegen die Militarisierung der EU abgehalten; dem Aufruf des Bündnisses Stop ReArm Europe und der belgischen Kampagne Stop Militarisation unter dem Motto „Welfare, not Warfare“ folgten rund 12.000 Personen. Schon am 6. Februar hatten sich Zehntausende in über 20 Häfen vor allem am Mittelmeer an Protesten der Hafenarbeiter gegen die Militarisierung der EU im Allgemeinen und gegen die Nutzung von Häfen für die Kriegslogistik im Besonderen beteiligt.[4] Im Herbst sollen die Proteste fortgesetzt werden – unter anderem mit einem Aktionstag der Hafenarbeiter im Oktober und einem Wochenende gegen Militarisierung im November.

Die angebliche „fünfte Kolonne“

Die Zunahme der Proteste gegen die Kriegsvorbereitung der europäischen Regierungen wird schon jetzt mit anschwellender Repression beantwortet. Auf der Londoner Anti-Kriegs-Konferenz wurde auf in der Geschichte stets wiederkehrende Bestrebungen staatlicher Stellen hingewiesen, Kriegsgegner als „fünfte Kolonne“ gegnerischer Länder zu diffamieren und sie als angebliche Parteigänger des Feindes zu sanktionieren. Im vergangenen Jahr ist die EU mit Zustimmung unter anderem der Bundesregierung dazu übergegangen, Bürger europäischer Staaten mit Personensanktionen zu attackieren. Niemand in der EU darf mit den Betroffenen Geschäfte welcher Art auch immer machen; ihre Bankkonten sind gesperrt; ihnen ist es nicht erlaubt, Geld zu verdienen. Zu den Betroffenen zählt etwa der deutsche Journalist Hüseyin Doğru, der mit seiner Frau und mit drei kleinen Kindern als „humanitäres Zugeständnis“ 506 Euro im Monat erhält, die er maximal ausgeben darf, von denen die fünfköpfige Familie also leben muss.[5] Mittlerweile haben die Behörden nicht nur Doğrus eigenes Bankkonto, sondern auch dasjenige seiner Mutter gesperrt. Identische Sanktionen hat die EU mittlerweile auch gegen den in Brüssel lebenden Schweizer Publizisten Jacques Baud und gegen die auf dem afrikanischen Kontinent lebende schweizerisch-kamerunische Aktivistin Nathalie Yamb verhängt. Allen ist gemein, dass sie keine Straftat begangen haben, aber sich auf die eine oder andere Weise gegen die EU-Aggressionen gegen Russland wenden.[6]

Jenseits des Rechtsstaats

Mit den Sanktionen hat die EU faktisch ein extralegales Strafsystem geschaffen, das ihr hilft, missliebige Personen nach Belieben auszuschalten – dies genau dann, wenn rechtsstaatliche Mittel sich nicht anwenden lassen, weil die betreffenden Personen sich nichts zuschulden kommen lassen haben. Gegen die Verhängung der Sanktionen gegen Doğru ist vor kurzem eine Petition gestartet worden. Die Maßnahme „kann nur als eine versuchte Einschüchterung von unabhängigen Journalisten und als Angriff auf die Meinungsfreiheit angesehen werden“, heißt es in der Petition: „Wir erleben die Wiederkehr politischer Justiz.“[7] Ein Gutachten, das die ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof Prof. Dr. Ninon Colneric und die Juristin Prof. Dr. Alina Miron von der Universität Angers verfasst haben, stelle fest, „dass die EU-Sanktionensregelungen gegen geltendes EU-Recht verstoßen“, heißt es weiter: „Die EU benutzt [die Sanktionen] gezielt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen.“ Damit drohe sie „in Rechtlosigkeit abzugleiten“. Die Rechtlosigkeit nimmt dabei parallel zur Militarisierung und zum Abriss der Sozialsysteme zu.

[1] Ein Mitschnitt der Konferenz findet sich auf youtube.com/live/YOVqOJ1iU58 .

[2] S. dazu „Rechtzeitig Widerstand leisten“.

[3] S. dazu „Die Zeche für beides zahlen“.

[4] Jörg Kronauer: Kriegshäfen unter Beobachtung. junge Welt 09.02.2026.

[5] Matthias Monroy: Hüseyin Doğru: Bank sperrt auch Konten seiner Mutter. nd-aktuell.de 28.05.2026.

[6] S. dazu Meinung wird gemacht und Der Krieg im Innern.

[7] #freedogru. free-dogru.com

Der Beitrag ist am 27. Juni 2026 bei German Foreign Policy erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild: Foto Peter Vlatten

Der Geist ist aus der Flasche: Mercedes Arbeiter:innen im Werk Bremen legen eine „Pause“ ein!

Irgendwann ist das Maß voll. Bei Mercedes Benz.

Ein Einsparprogramm jagt das nächste. Verlagerungen in Richtung Osteuropa. An den Stammbelegschaften wird gesägt, auf Leiharbeiter:innen wird verstärkt zurückgegriffen. Werksschliessung in Südafrika. In Ankündigung: Keine sofortige Lohnfortzahlung bei Krankheit und 5 Stunden mehr arbeiten ohne zusätzlichen Lohn.

Gleichzeitig verschlingt das schuldenfinanzierte Aufrüstungsprogramm die Hälfte des Staatshaushalts. In der Konsequenz bedeutet das: Sozialer Kahlschlag auf allen Gebieten. Steigende Beiträge und Gebühren, längere Lebensarbeitszeit, sinkende Renten und eine angeheizte Inflation, die die Realeinkommen auffrisst.

Und jetzt als Sofortmaßnahme: die tarifliche Sonderzahlung für 90.000 der rund 108.000 Beschäftigten soll für dieses Jahr gestrichen werden.

Dass es unter den Automobilarbeiter:innen brodelt, hat sich schon lange abgezeichnet.

Die Warnzeichen aus den Mercedes Belegschaften häufen sich. In Berlin Marienfelde forderten über 400 Kolleg:innen von der IG Metallführung eine konsequentere Mobiliserung zum Kampf gegen die Angriffe. Letzte Woche verabschiedeten die Vertrauensleute Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim eine Resolution mit dem Titel „„Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“ .

Am Ende der letzten Woche sind Kolleg:innen im Werk Bremen jetzt zur Tat geschritten. Am Freitag hiess es in einem Flugblatt:

Moin Kollegen der Spätschicht!
Die Frühschicht empfängt euch heute nicht in voller Stärke: Über 500 Kollegen der Halle 9 haben in der Mittagspause beschlossen, dass unsere Kinder Hitzefrei haben und wir uns kümmern müssen.
Die Überhitzung liegt an den Forderungen des Vorstands an uns:

Wir sollen länger arbeiten

und die Löhne sollen gekürzt werden.

Zeitgleich wird in der Regierung über Rente mit 70 und weiteren massiven Kürzungen im Bereich Gesundheit, Rente, Bildung,… diskutiert.

Nicht mit uns!!!

Schickt eure Vertrauensleute zur Versammlung um 13:30 Uhr!

Damit auch ihr diskutieren könnt, ob sich Hitzefrei nicht auch für euch lohnt:

Bei 36°C auf einem Freitag Nachmittag

Aktuell hat uns die Meldung erreicht. Auf den Widerstand der Kolleg:innen folgte auf der Stelle die Repression des Konzerns. Es sollen Abmahnungen ausgesprochen worden sein. Das geht alle Kolleg:innen im ganzen Konzern an. Das verlangt eine geschlossene Antwort.

Alle Abmahnungen sind sofort zurückzunehmen!

Das Management jammert, daß die Kapitalrendite auf 4,1 Prozent gesunken sei. Wenn die Arbeiter:innen zur Bank gehen erhalten sie unter 2 und bestenfalls zwischen 2 und 3 Prozent. In der Realität erleben sie, wie ihre Realeinkommen sinken. Deshalb erst recht:

Auszahlung der tariflich vereinbarten Sonderzahlung sofort.

Was meinten die Vertrauensleute von Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim noch? „Die Bosse wollen Klassenkampf? Könnnen sie haben!“ Wurde jetzt dazu angepfiffen? Wird nicht mehr nur auf ein Tor geschossen, sondern auf beiden Seiten „gespielt“? Und schon wissen sich die Bosse nicht anders zu helfen als mit Abmahnungen zu foulen. Rote Karte dafür.

Der Geist ist aus der Flasche. Sorgen wir dafür, daß er nicht wieder eingefangen wird. Dafür muss aber dringend eine geordnete und geschlossene Mannschaftsaufstellung her. Mit Vernetzung in die Tiefe der Belegschaften hinein und über die Standorte hinweg.

Mehr aktuell zu Mercedes: „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“ – eine Resolution der IG Metall Vertrauensleute Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim"

Titelbild: screenshot, Quelle VK MB UT

Vor 85 Jahren: Faschistischer Vernichtungswahn überrollt die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 hat das faschistische «Großdeutsche Reich» die Sowjetunion überfallen – vertragsbrüchig, aber dennoch angekündigt. Es folgte ein Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen ein Land, den es vorher so nicht gab. Dahinter standen allerdings auch westliche Interessen, über die heute kaum geredet wird.

Von THILO GRÄSER

Persönliche Anmerkung: In diesem Artikel wird auf das Buch von Peter Scherer „Freie Hand im Osten“ verwiesen. Peter kam über den SDS zur IG Metall und wurde dort Leiter der Zentralbibliothek. Er war studierter Geograf und wusste seine Kenntnisse für das Verständnis imperialistischer Politik anzuwenden. Ich konnte ihn noch persönlich kennenlernen, da ich ihn zur Wendezeit eingeladen hatte, sein Buch auf einer Veranstaltung der IG Metall Augsburg vorzustellen. Scherer ist ein gutes Beispiel dafür, welche intellektuellen Ressourcen die IG Metall-Vorstandsverwaltung einmal hatte. Es kommt Wehmut auf. (JG)

Titelbild: Nicht alle Einwohner der von der deutschen Wehrmacht eroberten Gebiete haben sich einfach ergeben, es kam an vielen Orten zu Partisanengruppierungen. Mit diesen gingen die Deutschen aber besonders hart um, wie dieses Bild zeigt …

Mit insgesamt 3,6 Millionen Soldaten, 3.500 Panzern und 2‘700 Flugzeugen überfiel die faschistische deutsche Wehrmacht gemeinsam mit verbündeten Truppen aus Rumänien, Finnland, Ungarn und der Slowakei am 22. Juni 1941 die Sowjetunion. Der vor 85 Jahren als „Unternehmen Barbarossa“ begonnene deutsche Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg sollte nach Vorstellungen der Wehrmachtsgeneräle nur wenige Wochen dauern. Daraus wurde nichts: Er forderte bis zu seinem offiziellen Ende am 8. Mai 1945 allein auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Tote. „Der deutsche Angriff erfolgt, ohne dass zuvor politische und/oder ökonomische Forderungen an die Sowjetunion gestellt worden wären“, schrieb der Historiker Erich Später 2015 in seinem Buch „Der dritte Weltkrieg – Die Ostfront 1941 – 1945“. 

Der Autor wies darauf hin, dass die faschistischen Pläne, die Sowjetunion zu unterwerfen und zu zerschlagen, „auf einem breiten Konsens innerhalb der herrschenden deutschen Eliten“ beruhten. Die deutschen Machteliten in Wirtschaft, Verwaltung und Militär hätten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik nicht aufgehört, „über eine erneute Offensive nachzudenken“. Das Gebiet der Sowjetunion sei wegen seiner Rohstoffe und Absatzmärkte sowie billigen Arbeitskräften zum Ziel der deutschen Expansion geworden. Dabei sei es um eine „autarke Großraumwirtschaft“ statt einer stärkeren internationalen Verflechtung gegangen. Das wurde auch mit dem „Generalplan Ost“ vorbereitet und zumindest teilweise umgesetzt. Später dazu:

„Mit dem Vormarsch der Deutschen Wehrmacht und SS in der Sowjetunion realisiert sich im gesamten deutschen Machtbereich das radikalste Programm zur vollständigen Vernichtung eines Teils der Menschheit, das jemals erdacht und geplant wurde.“

Allgemein gilt, dass der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 begann, als das Großdeutsche Reich Polen überfiel und das Land gemeinsam mit der Sowjetunion aufteilte. Meist wird die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages weggelassen: Zuvor hatte Moskau lange Zeit versucht, gemeinsam mit den westlichen Staaten eine kollektive Sicherheitspolitik gegenüber dem faschistischen Deutschland zu gestalten. Das sei spätestens mit dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 gescheitert, wie unter anderem Historikerin Bianka Pietrow-Ennker in dem 2000 veröffentlichten Sammelband „Präventivkrieg. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion“ feststellte.

Nützliche Faschisten

„Wir waren das letzte europäische Land, das einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen hat“, erklärte der russische Historiker und Politiker Wjatscheslaw Nikonow dazu in einem Interview im Mai 2020. Er ist der Enkel des früheren sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der 1939 den sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrag unterschrieb.

„Das Problem war, dass England und Frankreich wollten, dass die Sowjetunion und Hitler-Deutschland gegeneinander kämpfen. Zu diesem Zweck haben sie alles getan. Es gab eine regelrechte Beschwichtigungspolitik gegenüber dem aggressiven Deutschland. Gleichzeitig erweckten sie den Anschein von Verhandlungen mit der Sowjetunion. Aber niemand wollte ein Abkommen mit uns schließen.“

Doch nicht nur England und Frankreich hatten ein großes Interesse an einem sowjetisch-deutschen Krieg. Werner Rügemer schrieb dazu in seinem Buch „Verhängnisvolle Freundschaft – Wie die USA Europa eroberten“ unter anderem, die US-Führung habe mit dem Münchener Abkommen die Hoffnung geteilt, „es werde zwischen Deutschland und Russland zu einem Krieg der gegenseitigen Vernichtung kommen“. Das habe damals der führende US-Stratege des 20. Jahrhunderts, Walter Lippmann, erklärt. Dass der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen das Land im Osten von Beginn an zu den Plänen der deutschen Faschisten gehörte, war lange vorher bekannt. 

„In seinem Buch ‹Mein Kampf› (1. Band 1925) hatte Hitler, für jedermann zu lesen, die programmatische Erklärung abgegeben: ‚Der Kampf gegen die jüdische Weltbolschewisierung erfordert eine klare Einstellung zur Sowjetunion (…) Wir weisen den Blick nach dem Land im Osten (…) Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland denken.‘“ 

Das schrieb der Historiker Fritz Fischer 1992 in seinem Buch „Hitler war kein Betriebsunfall“. Der Überfall traf die Sowjetunion „umso härter, als die Moskauer Führung trotz zuverlässiger Warnungen von innen und außen bis zum letzten Tag auf dem fatalen Fehler beharrte, ihre Truppen im Westen davon abzuhalten, eine wirksame Verteidigung aufzubauen“, stellte der Historiker Dietrich Eichholtz 2011 fest.

Bittere Erkenntnisse

„Dass es zwischen uns und dem faschistischen Deutschland zum Krieg kommen würde, unterlag für mich nicht dem geringsten Zweifel“, erinnerte sich der sowjetische Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Konstatin Simonow. Er ist bekannt unter anderem durch die Trilogie „Die Lebenden und die Toten“ über den Krieg. „Seit dem Jahr 33, seit Reichstagsbrand und Dimitroff-Prozess schien meiner Generation die Auseinandersetzung mit dem Faschismus unvermeidlich“, schrieb der 1915 Geborene in seinem letzten, 1979 verfassten Buch „Aus der Sicht meiner Generation – Gedanken über Stalin“, das 1988 erstmals erscheinen konnte und 1990 auf Deutsch veröffentlicht wurde. Auch der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag habe diese Gewissheit nicht beseitigen können, wenn er auch beruhigte: „Allerdings bestand die Meinung, bis dahin wär’s noch ziemlich weit, der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und England würde lange dauern, erst danach, irgendwann, würden wir mit dem Faschismus zusammenprallen.“ 

Das Buch enthält auch einen Text aus dem Jahr 1965, in dem sich Simonow über die Rolle Stalins im Krieg äußerte. Darin widerspricht er der Vorstellung, Stalin hätte nur auf die frühen Warnungen vor einem deutschen Angriff, unter anderem von Richard Sorge, hören müssen. Dann hätte der Überfall die Sowjetunion nicht so schwer getroffen und nicht zu den großen Anfangsverlusten geführt, meinen manche. Der Schriftsteller erinnerte an den Terror, der 1937/38 auch die Rote Armee erfasste und dem zahlreiche erfahrene Kommandeure zum Opfer fielen. „Ohne das Jahr 37 wären wir im Sommer 41 unstrittig in jeder Hinsicht stärker gewesen“, so Simonow. Selbst 1940 und 1941 habe der „Wahn der Verdächtigungen und Anschuldigungen“ angehalten.

Das habe dazu geführt, dass hochrangige Militärs verhaftet und ermordet wurden. Der offizielle Grund: Sie hätten den Gerüchten von angeblichen feindseligen Absichten Deutschlands Glauben geschenkt. Selbst der vorherige Generalstabschef und der Volkskommissar für Rüstung waren zu Kriegsbeginn in Haft, beschrieb Simonow das Klima in der Sowjetunion kurz vor dem faschistischen Überfall.

Der wurde in Moskau in den ersten Stunden als Provokation und nicht als Beginn des Krieges gesehen. Das schrieb Alexander Nekritsch in dem Buch „Genickschuss – Die Rote Armee am 22. Juni 1941“. In diesem setzte er sich 1965 mit den Gründen für die militärischen Misserfolge der sowjetischen Armee in der Anfangsphase des Krieges auseinander. Erst am Abend des Juni-Tages 1941 seien den eigenen Truppen Gegenschläge gegen die einfallende faschistische Wehrmacht befohlen worden. „Innerhalb von wenigen Stunden hatte das gesamte Leben der UdSSR abrupt eine neue Richtung erhalten“, schrieb Nekritsch über die Folgen des Kriegsbeginns. „Der Krieg war da, ein grausamer und schonungsloser Krieg.“ Viele hätten sich freiwillig zur Roten Armee gemeldet:„Der Wunsch aller fand in der lakonischen Schlagzeile der Prawda vom 23. Juni 1941 seinen Ausdruck: ‚Der Faschismus wird vernichtet werden.‘“

Westliche Interessen

Zur Wahrheit des 22. Juni 1941 gehört das Interesse der führenden Kräfte im Westen an dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Bevor sie später mit dem überfallenen Land die Anti-Hitler-Koalition bildeten, hofften sie, dass das auch mit ihrer Hilfe wieder aufgerüstete Deutschland als „Bollwerk gegen den Bolschewismus“ dient. Auf diese Rolle hatte bereits 1920 der US-amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen hingewiesen. In seiner 1920 veröffentlichten Rezension des Buches von John Maynard Keynes «Die ökonomischen Folgen des Friedens» über den Versailler Vertrag beschrieb Veblen klar, worum es bei dem Vertrag eigentlich ging: Nämlich „das reaktionäre Regime in Deutschland wiederherzustellen und es zu einem Bollwerk gegen den Bolschewismus zu machen“.

Die «zentrale und verbindlichste Bestimmung» des Vertrages und des Völkerbundes sei «eine uneingestandene Klausel» gewesen, „durch welche sich die Regierungen der Großmächte zur Unterdrückung Sowjetrusslands zusammentun“. Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges hätten das seit 1917 kommunistische Russland als Bedrohung ihres eigenen grundlegenden Systems gesehen. Dieses funktionierte längst auf Grundlage der „Eigentümerschaft in Abwesenheit“, wie Veblen es nannte, was wir heute als Herrschaft des Finanzkapitals durch Aktien- und Fondsbesitz und andre Formen kennen.

Veblen machte darauf aufmerksam, dass die nach außen gegen Deutschland streng wirkende Vertragskonstruktion in Wirklichkeit von einer „bemerkenswerten Nachsicht“ bestimmt sei, „die auf eine Art von betrügerischer Nachlässigkeit hinausläuft“. Das hätten sich vor allem die britischen Vertreter in Versailles ausgedacht, mit dem Ziel, Deutschland nicht so sehr zu lähmen, „dass das kaiserliche Establischment in seinem Kampf gegen den Bolschewismus im Ausland oder den Radikalismus im Inland wesentlich geschwächt wird“. Die deutsche Oberschicht sollte verschont bleiben und das Elend der Kriegsfolgen nur die einfachen Deutschen treffen, erkannte Veblen. Der Zorn der Unterschicht sollte dann der Nährboden sein, auf dem die herrschenden Kreise in Deutschland im Sinne ihrer westlichen Gesinnungsgenossen ein reaktionäres, antibolschewistisches Regime errichten konnten. 

„In ihrem Bestreben, die bestehende politische und wirtschaftliche Ordnung zu sichern – die Welt für eine Demokratie der Investoren sicher zu machen – haben sich die Staatsmänner der Siegermächte auf die Seite der kriegsschuldigen deutschen abwesenden Eigentümer und gegen deren untergebene Bevölkerung gestellt.“

Zu diesem Urteil kam Veblen Jahre, bevor der Faschismus sich in Deutschland breit machte und 1933 an die Macht gehievt wurde. Danach zeigte sich der Westen gegenüber dem deutschen Faschismus weiterhin sehr nachsichtig und ließ ihm fast alles durchgehen: von der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes 1936 über die Annexion der Tschechoslowakei 1938 bis hin zum Überfall auf Polen 1939. Das wird allgemein als Appeasement-Politik aufgrund wirtschaftlicher Interessen oder gar des Friedenswillens gedeutet, hatte aber handfeste ideologische Motive. 

Gemeinsamer Feind

Der Historiker und Gewerkschafter Peter Scherer schrieb dazu 1989 in seinem Buch „Freie Hand im Osten – Ursprünge und Perspektiven des Zweiten Weltkrieges“: „Nicht der Vertreter des deutschen Imperialismus wurde zwischen 1935 und 1938, ja bis 1940 hinein, von Großbritannien und Frankreich hofiert, sondern der Kommunistenfresser und Antibolschewik. Ihm hätten sie ganz Ost- und Südosteuropa ausgeliefert, wenn er sich nur auf diese Rolle des ‹Exterminators›, des politischen Kammerjägers und Massenmörders hätte beschränken lassen.“

Hitler sei der garantierte Krieg gegen Sowjetrussland, an dem auch die westlichen Mächte interessiert gewesen seien. Die russische Revolution 1917 habe anders als von ihren deutschen Finanziers gedacht, „innerhalb weniger Wochen ein Loch in die Landkarte des Imperialismus, das sich so schnell nicht mehr schließen sollte“, gebrannt. Das konnten sie Russland und später der Sowjetunion nie verzeihen. „Die imperialistische Welt sieht sich aus der Basis des europäischen Kontinents heraus in Frage gestellt“, so Scherer über die Folgen. 

„Es lag nahe, dieser Bedrohung im Maßstab ihrer geographischen Dimension entgegenzuarbeiten: im Osten mit Japan gegen die Revolution in China, im Westen mit Deutschland gegen die Sowjetunion.“

Scherer zitierte aus der US-Zeitung New York Herald Tribune vom 12. Oktober 1939, die kurz nach dem polnischen Zusammenbruch schrieb:  „Die Frage besteht nicht darin, wo die Grenzen Deutschlands, Polens oder der Tschechoslowakei verlaufen. Die Frage besteht darin, wo in Europa die Grenze gegen die Verbreitung des Bolschewismus verläuft.“

Der Autor erinnerte auch daran, dass die Westmächte selbst dann nicht Deutschland angriffen, als die faschistische Wehrmacht am 10. Mai 1940 ihren „Westfeldzug“ begann. Es habe nicht schon 1939 einen Zusammenbruch der Wehrmacht gegeben, weil „die rund 110 französischen und englischen Divisionen im Westen sich während des Polenfeldzuges gegenüber den 23 deutschen Divisionen völlig untätig verhielten“. Das bestätigte der ehemalige Chef des Wehrmachtsführungsamtes, Alfred Jodl, vor dem Internationalen Militärgerichtshof 1946 in Nürnberg.

Dafür hatten die Westmächte begonnen, Expeditionskorps gegen die Sowjetunion aufzustellen, die im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 in Narvik, Petsamo und Murmansk landen sollten. Ebenso wurde in London und Paris geplant, die sowjetischen Erdölgebiete von Baku und Batumi zu bombardieren. Es blieb bei den Plänen. Scherer machte auf die zunehmende Rolle des US-Kapitals hinter der britischen Politik aufmerksam und zitierte den US-Senator und späteren US-Präsidenten Harry Truman. Der hatte am 24. Juni 1941, zwei Tage nach dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion, gegenüber der Zeitung New York Times erklärt [1]:  „Sehen wir, dass Deutschland gewinnt, so müssen wir Russland helfen, wird aber Russland gewinnen, so müssen wir Deutschland helfen, und auf diese Weise sollen sich nur möglichst viele totschlagen.“

Antikommunistische Russophobie

Der Überfall am 22. Juni vor 85 Jahren war „keine spezifisch deutsche Aktion“, stellte Scherer klar. Briten, Franzosen, Tschechen, Japaner, Amerikaner und 1920 auch Polen hätten sich schon daran versucht, „das bedrohliche Loch zu stopfen“, welches das kommunistische Russland und dann die UdSSR „in die Landkarte des Imperialismus gerissen hatte“. Hitler habe als „ideeller Gesamtimperialist“ gehandelt, es aber nicht vermocht, „der imperialistischen Führungsmacht Großbritannien ihren Segen zu seinem Kreuzzug abzuringen“ – die auch das Interesse gehabt habe, dass der Konkurrent Deutschland geschwächt wird oder gar untergeht. Mit Blick auf das Verhalten der Westmächte schrieb Scherer:

„Die Zeit nach Barbarossa kam nicht und die Westmächte zogen es endgültig vor, den deutschen Konkurrenten mehr zu fürchten als den Bolschewismus, der ihnen auf Jahre hinaus ein nützlicher Verbündeter sein sollte.“

Zugleich gaben sie ihre antikommunistische Russophobie nicht auf: „Deutschland wurde nach Meinung der US-Regierung und ihres Emissärs Allan Dulles 1943 für ‚Ordnung und Wiederaufbau‘ hinter einem neuen antibolschewistischen ‹sanitären Riegel› vorgesehen.“

Einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion hat unlängst der Historiker Jochen Hellbeck mit seinem Buch „Ein Krieg wie kein anderer“ geleistet (von Klaus von Raussendorf für die NachDenkSeiten rezensiert). Darin macht er ebenfalls darauf aufmerksam, dass es auch ein ideologischer Krieg gegen den „Weltfeind Nr. 1“ war, wie nicht nur die deutschen Faschisten die Sowjetunion sahen. Hellbeck will „der UdSSR den ihr gebührenden Platz in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs und des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zurückgeben“. Die Sowjetunion habe „nicht nur als Versuchslabor für die deutsche Politik des Massenmordes“ fungiert. Sie sei „auch die entscheidende Staatsmacht, die das Dritte Reich besiegte,“ gewesen.

Hellbeck schreibt gegen den seit langem im Westen und insbesondere in der Bundesrepublik verbreiteten Geschichtsrevisionismus an. Diesen will er einer eigenen „Revision“ unterziehen, „und zwar nicht nur der Geographie der nationalsozialistischen Gewalt, sondern auch ihrer Chronologie“. Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion werde nach wie vor nicht als der entscheidende Schauplatz des Krieges betrachtet. Der Autor macht auf die Ursache dafür aufmerksam: „Der Antikommunismus des Westens ist der Grund dafür, dass die Sowjetunion in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs eher als Täter denn als Opfer beschrieben wird.“ 

An diesem Punkt treffen sich wieder die Interessen der einstigen deutschen Faschisten und jener im Westen, die bis heute Russland im Visier haben. Wie einst Deutschland dient nun die Ukraine samt Faschisten als Bollwerk gegen das heutige, nicht mehr kommunistische Russland – bis zum letzten Ukrainer. Wenn auch der „Bolschewismus“ Geschichte ist, ist Russland immer noch der Feind: Weil es bis heute nicht bereit ist, sich einfach dem Westen unterzuordnen. Wie damals wird auch dieser Versuch scheitern, den aber viele Menschen auf beiden Seiten mit dem Leben bezahlen. Die Interessen dahinter sind die gleichen wie vor mehr als 100 Jahren beim Ersten Weltkrieg und vor mehr als 80 Jahren beim Zweiten Weltkrieg. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

(Red. GlobalBridge) Um sich eine Vorstellung zu machen, mit welcher unmenschlichen Brutalität die deutschen Truppen in der Sowjetunion vorgegangen sind, empfehlen wir – nicht zum ersten Mal – den Film «Komm und sieh!», der hier mit deutschen Untertiteln angesehen werden kann. (cm)

[1] Turner Catledge, «Our Policy Stated», New York Times, June 24, 1941, pp. 1, 7

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge v. 24.6. 2026
Faschistischer Vernichtungswahn …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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