Here’s to You

Überlegungen zu einem bewegenden Protestsong von Joan Baez aus den 1970er Jahren.

Von MOSHE ZUCKERMANN

Titelmotiv: Paul Klee: Angelus Novus (1920). Bild: public domain

“Here’s to You” ist ein 1971 veröffentlichter Song, gesungen von Joan Baez, der legendären Figur im US-amerikanischen Politaktivismus der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Komponiert hat ihn der 2020 verstorbene italienische Komponist und Dirigent Ennio Morricone, der – in vielen Genres bewandert – auch die Musik für antifaschistische und sozialistisch gesinnte Filme schrieb.

Gewidmet war der Song, der auch einen Teil des Soundtracks für den Film “Sacco e Vanzetti” bildete, Ferdinando “Nicola” Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide, Angehörige der US-amerikanischen anachistischen Arbeiterbewegung, wurden 1921 in einem zutiefst umstrittenen Prozess des doppelten Raubmordes angeklagt, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Eine massive internationale Protestbewegung versuchte, das Urteil mit dem Argument auszusetzen, es handle sich um einen ideologisch motivierten Justizmord. Vergeblich – am 23. August 1927 wurden die beiden hingerichtet. 50 Jahre später erhielten sie durch den Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, die postume Rehabilitation.

Der von Joan Baez verfasste Text des Songs lautet: “Here’s to you, Nicola and Bart / Rest forever here in our hearts / The last and final moment is yours / That agony is your triumph.” Nicht von ungefähr schrieb jemand in den sozialen Medien beim Hören der historischen Aufnahme von Joan Baez: “Wie kann ein Song von nur vier Zeilen so bedeutungsvoll sein?” Die Verwunderung wächst noch, wenn man bedenkt, dass die herzzerreißend schöne Vertonung dieser Zeilen durch Morricone ganz schlicht gehalten ist und achtmal hintereinander wiederholt wird, freilich mit gesteigertem Tonvolumen und Emphase. Man muss schon sehr an sich halten, um sich dem tiefen emotionalen Effekt dieses Songs zu entwinden, erst recht, wenn man seinen historischen Hintergrund kennt und sich der Gesinnung und dem Kampf der beiden Heroen verpflichtet weiß.

„Joan Baez – Here’s to you, Nicola and Bart“ direkt öffnen

Diese Einstellung teilen freilich nicht alle. Man vergleiche nur die deutschsprachige Wikipedia-Eintragung zum Song mit der englischsprachigen. In letzterer ist man merklich darauf bedacht, die kriminelle Schuld der beiden hingerichteten Anarchisten zu betonen und als erwiesen darzustellen. Ungeachtet der Einsicht, dass der juristische Verstand letztlich jeden zu kriminalisieren vermag, wenn er es darauf anlegt – wer könnte sich schon rühmen, völlig unbescholten zu sein? –, erhebt sich stets die Frage, welches Interesse einem solchen “Gerechtigkeits”-Begehren zugrunde liege.

Was an Sacco und Vanzetti durch die amerikanische Justiz ausgemerzt werden sollte, waren weniger die für schuldig befundenen Träger der (vermeintlich) kriminellen Handlung, als vielmehr ihre politische und soziale Gesinnung. In einer gestählten kapitalistischen Gesellschaftsordnung bildet die rigide Einforderung von Law and Order die formal legitime, gleichwohl manipulativ ideologisierte Maßnahme zur Verfolgung jener, die sich als strukturelle Opfer der Ordnung gegen ebendiese zu empören trachten. Die Staatsmacht ist stets darum bemüht, antiautoritäre “Störenfriede” und idealistische Politaktivisten auszuhebeln. Wenn diese die gesellschaftliche Ordnung nicht wirklich bedrohen, kann man sie mit legalem Demonstrationsrecht und dergleichen gewähren lassen. Zuweilen sind sie auch verführ- und integrierbar. Oft ist die Macht aber bestrebt, ein Exempel zu statuieren; dann bemächtigt sie sich der als “Anarchisten” bzw. “Terroristen” pauschal Apostrophierten, macht ihnen den Prozess und treibt sie gelegentlich in den Suizid oder exekutiert sie einfach. Den Freiheitskämpfern dieser Welt stehen selten die Massen bei. Was sie hoffen dürfen, ist, dass sie für immer in den Herzen jener ruhen werden, für die sie gekämpft haben, dass der letzte und endgültige Augenblick der ihre sein und die Todesqual ihr Triumph bleiben werde.

Vanzetti und Sacco vor Gericht 1923. Bild: Boston Public Library/gemeinfrei

Der Gedanke, dass vergangene Generationen späteren Generationen einen “Auftrag” erteilen, findet sich am deutlichsten in der zweiten These von Walter Benjamins Schrift “Über den Begriff der Geschichte”. Benjamin formuliert dort die Idee einer Verpflichtung der Gegenwart gegenüber den Vergangenen fast explizit. Die zentrale Passage lautet: “Es gibt eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jeder Generation, die vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat.”

Um es genauer zu sagen: Vergangene Generationen “erteilen” den späteren keinen Auftrag im Sinne eines bewussten Mandats, sondern erheben einen Anspruch an sie. Die Gegenwart steht in einer Art Schuld- oder Verantwortungsverhältnis zu den Besiegten, Unterdrückten und Unerlösten der Vergangenheit. Die Lebenden sollen vergangene Niederlagen und verdrängte Möglichkeiten nicht vergessen, sondern im Handeln der Gegenwart “einlösen” oder retten. Benjamin meinte dabei nicht einfache Traditionspflege oder Ahnenverehrung. Der “Auftrag” ist politisch und geschichtsphilosophisch: Die Gegenwart soll die unterdrückte Vergangenheit gegen die Siegergeschichte zur Geltung bringen – in den besagten Geschichtsthesen Benjamins später oft als Rettung der Besiegten gegen den Fortschrittsmythos formuliert.

Bei Ernst Bloch findet sich oft das Zitat “Unsere Enkel fechten’s besser aus”, das aus dem Lied “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen” entnommen ist, einem politischen Lied über den deutschen Bauernkrieg und den Bauernführer Florian Geyer. In der letzten Strophe heißt es sinngemäß: “Geschlagen gehen wir nach Haus, / unsere Enkel fechten’s besser aus.” Das Lied entstand allerdings nicht im 16. Jahrhundert, sondern wurde erst in den 1920er Jahren im Umfeld der Bündischen Jugend gedichtet, den Bauernkrieg rückblickend romantisierend. Das muss hervorgehoben werden, denn die Zeile wird (mithin von Bloch selbst) oft fälschlich direkt den Bauern von 1525 oder Thomas Müntzer zugeschrieben. Es gibt dafür aber keine gesicherte zeitgenössische Quelle aus dem Bauernkrieg.

Die Formulierung wurde später vielfach aufgegriffen – etwa als Buchtitel oder Motto zur Erinnerung an den deutschen Bauernkrieg. Bei Ernst Bloch taucht die Formel in Zusammenhang mit seinem allgemeinen Interesse am Bauernkrieg, besonders aber an Thomas Müntzer auf. Ihm gilt der Satz als eine Art Vermächtnis der geschlagenen Bauern, so etwa in seinem Buch “Thomas Müntzer als Theologe der Revolution” (1921, später überarbeitet). Dort erscheint die Idee des “unerledigten” Bauernkrieges als Hoffnung über die Niederlage hinaus, und in diesem Sinne schreibt er Müntzer diese Losung zu, wie sich der Sekundärliteratur ausdrücklich entnehmen lässt. Historisch gesichert ist das aber nicht. Die nachweisbare Verbreitung der exakten Formulierung findet sich, wie gesagt, erst viel später, insbesondere im Lied “Wir sind des Geyers schwarzer Haufen” aus dem 20. Jahrhundert.

Das Problem der historischen Zuordnung relativiert sich indes, wenn man die oben erwähnte zweite These Benjamins in den Zusammenhang mit der berühmtesten These aus Benjamins Schrift stellt – der neunten These über den “Engel der Geschichte”. Der Zusammenhang ist enger, als es auf den ersten Blick erscheint. In der zweiten These entwickelt Benjamin, wie gesagt, die Idee eines Anspruchs der Vergangenheit an die Gegenwart: Frühere Generationen der Besiegten und Unterdrückten haben eine unerfüllte Hoffnung, auf die spätere Generationen antworten sollen. Geschichte ist deshalb nicht neutraler Fortschritt, sondern eine Verpflichtung.

In der neunten These zeigt Benjamin dann, warum diese Verpflichtung nötig ist. Er beschreibt (angeregt von Paul Klees Bild Angelus Novus) einen Engel, der rückwärts in die Zukunft getrieben wird: Der Engel sieht die Vergangenheit nicht als Kette von Ereignissen, sondern als “eine einzige Katastrophe”, die “unablässig Trümmer auf Trümmer häuft”. Der Sturm, der in seine Flügel bläst und ihn in die Zukunft treibt, sei das, was wir “Fortschritt” nennen. Die moderne Geschichtserzählung feiert den Fortschritt, vergisst dabei aber die Opfer und die Zerstörungen, den dieser Progress mitverursacht hat.

Historisches Denken soll, Benjamin zufolge, die Perspektive der Sieger unterbrechen und die “verschütteten” Hoffnungen der Unterdrückten retten. Daher sein berühmtes Postulat, der Historiker bzw. politisch Handelnde soll Geschichte “gegen den Strich bürsten”: Geschichte nicht aus Sicht der Sieger erzählen, sondern aus der Sicht jener, die verloren haben. Er kritisiert dabei den linearen Fortschrittsglauben und fordert eine materialistische Geschichtsbetrachtung. In der sechsten These seiner Schrift heißt es entsprechend: “Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. […] Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.”

Im Anschluss daran führt er den oft zitierten Kernsatz aus: “Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben.” Die Geschichte der Unterdrückten droht also in Vergessenheit zu geraten. Die herrschende Klasse benutzt die Geschichtsschreibung als Instrument, weshalb sich der materialistisch gesinnte Historiker den im geschichtlichen Moment “aufblitzenden” Erinnerungen stellen muß. In der siebten These gewinnt dieses Postulat an Dringlichkeit: “Es gibt kein Dokument der Kultur, das nicht zugleich ein Dokument der Barbarei ist. Und wie es nicht von sich aus frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in dem es von dem einen an den anderen übergegangen ist. Der historische Materialist distanziert sich daher von ihr, so weit es irgend geht. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.”

Die Erkenntnis, dass Kulturgeschichte untrennbar mit barbarisher Gewalt und Ausbeutung verbunden ist, mündet für Benjamin in die rigorose Forderung, die Geschichte nicht als unproblematische Erfolgsgeschichte der Zivilisation zu lesen, sondern sie “gegen den Strich zu bürsten”, mithin die hegemoniale Geschichtssicht der Herrschenden kraft der Perspektive der historischen Opfer immer wieder kritisch zu hinterfragen.

In den vier Zeilen des Songs von Joan Baez hat sich die Essenz dieses widerständigen Postulats berührend sedimentiert.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 4.7. 2026
Here is to you

Wir danken für das Publikationsrecht.

IG Metaller:innen von Tesla solidarisieren sich mit ihren Kolleg:innen bei VW

Letzte Woche standen über 33 Tausend Mercedes Kolleg:innen vor den Werkstoren. Der Konzern will eine tariflich vereinbarte Zahlung aussetzen. Die Belegschaft soll stattdessen 5 Stunden länger arbeiten, unbezahlt. Produktion soll massiv verlagert werden. Gleichzeitig greift die Polititk u.a. Alterssteilzeit, Renteneintrittsalter und Befristung von Leiharbeit an.

Die Gewerkschaftsspitzen haben auf den wachsenden Unmut in den Betrieben reagiert. Die Stimmung hat einen Siedepunkt erreicht. Einmalig Dampf ablassen reicht da nicht mehr aus. Den meisten ist klar, dass die Proteste nur ein Auftakt sein können. Immer häufiger fällt das Wort „Streik“. In einzelnen Abteilungen haben Kolleg:innen begonnen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Dem Klassenkampf von oben muss mit dem Klassenkanpf von unten begegnet werden. „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik! “ Wer das aber macht, gerät unweigerlich mit dem neuen deutschen Großmachtkurs in Konflikt. Schönreden und Burgfriedenspolitik geraten in die Zwickmühle.

Diese Woche sollen Proteste auch bei VW und anderen Firmen staffinden.

Die bitter notwendige Vernetzung und Solidarisierung kämpferischer Automobilarbeiter:innen zwischen Standorten und Konzernen schreitet unterdessen voran. Hier ein weiteres Beispiel.

Die IG Metaller:innen von Tesla Grünheide (Berlin/Brandenburg) verfassten am 30. Juni die folgende Solidaritätserklärung an ihre Kolleg:innen bei VW :

Liebe Kolleginnen und Kollegen bei VW,

der Aktivenkreis der IG Metall bei Tesla spricht euch seine volle Solidarität in eurem Kampf gegen den drohenden Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen und gegen die drohende Schließung von vier Werken aus.

Wir haben erfahren, dass es bei euch gerade heiße Diskussionen darüber gibt, wie ihr diesem Angriff der Geschäftsleitung entgegentreten wollt. Wir wollen euch ermutigen, eure ganze Kampfkraft in die Waagschale zu werfen. Ihr habt im letzten Jahr zusammen mit den VW-Belegschaften auf der ganzen Welt fast 7 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet. Das sind Werte, die ihr geschaffen habt und die Volkswagen sich wie selbstverständlich angeeignet hat. Weil ihnen diese Ausbeutung nicht genug ist, wollen sie euch jetzt an den Kragen.

Bei Tesla hat die Geschäftsleitung gerade verkündet, dass wir bald 50 Prozent mehr Autos bauen sollen, während die Belegschaft nur um 20 Prozent wächst. Dafür soll die Taktzeit massiv gesenkt werden. Auf die Frage, was wir als Belegschaft von diesen Plänen hätten, bekamen wir die Antwort: „Arbeitsplätze“. Wir sollen für die steigende Ausbeutung auch noch dankbar sein.

Tesla hat große Probleme, die nötigen Fachkräfte für diese Pläne zu finden. Die Geschäftsleitung würde sich sicher freuen, wenn zehntausende VW-Kolleginnen und -Kollegen plötzlich gezwungen wären, ihre Arbeitskraft für weniger Geld und zu schlechteren Bedingungen an Tesla zu verkaufen.

Unser Werksleiter André Thierig tritt offen gewerkschaftsfeindlich auf und wird nicht müde zu behaupten, dass bei VW trotz — oder vielmehr wegen — der starken IG Metall zehntausende Arbeitsplätze abgebaut würden. Damit will er unserer noch jungen und unerfahrenen Belegschaft „beweisen“, dass Gewerkschaften den Kolleginnen und Kollegen nichts bringen.

Also: Beweist ihm und euch selbst, dass eine organisierte Belegschaft in der Lage ist, solche Angriffe auf unsere Zukunft abzuwehren. Wie ihr mit diesem Angriff umgeht, wird eine große Ausstrahlung auf unsere Kolleginnen und Kollegen bei Tesla haben.Auch bei uns wächst immer mehr die Einsicht, dass die Geschäftsleitung nur eine Sprache versteht: Streik! Dann wird sich zeigen, dass wir kein Kostenfaktor sind, sondern diejenigen, die die Werte schaffen.

Solidarische und kämpferische GrüßeEure Kolleginnen und Kollegen der IG Metall bei Tesla.

Zum Hintergrund

Der VW Vorstand plant bis zu 100.000 Stellen (rund 15 Prozent der Belegschaft) zu streichen. Der zuletzt „vereinbarte“ Abbau von Arbeitsplätzen wird damit auf einen Schlag verdoppelt. Zudem stehen vier Werksschließungen in Deutschland (Hannover, Zwickau, Emden, Audi Neckarsulm) zur Diskussion. Außerdem wird über eine Ausgliederung der Kernmarke VW nachgedacht. Das Modellangebot soll dabei von 150 auf unter 100 Fahrzeuge schrumpfen. Der Aufsichtsrat will die Pläne am 9. Juli beraten.

Alles Entgegenkommen, alle Kompromisse, die IG Metall und Belegschaft in den letzten beiden Jahren eingegangen sind, werden mit diesen Plänen zur Makulatur. Was lernen wir daraus?

Achtung. Diese Woche in Berlin: Wedding ohne Waffen! Gemeinsam gegen Krieg! – Aktionstage 10.–12. Juli 2026 – Aktivist:innen aus den Gewerkschaften rufen auf!

GEW Berlin ruft zur Beteiligung an Demonstration gegen Rheinmetall Fabrik im Wedding auf – Kolleg:innen schließt euch an!

Der Landesvorstand der GEW Berlin hat am Montag beschlossen die Mitglieder über die Aktionstage des Berliner Bündnisses gegen Waffenproduktion zu informieren und zur Beteiligung an der Demonstration am Samstag aufzurufen.

Das ist ein begrüßenswerter und konsequenter Schritt. Nicht zuletzt wegen der unmittelbaren Nähe der geplanten Waffenfabrik zur Humboldthain Grundschule ist es wichtig, dass wir uns hier entschieden einmischen. Es kann nicht sein, dass sich Schüler:innen und unsere Kolleg:innen gegen ihren Willen direkt neben einem potentiellen Kriegsziel wiederfinden. 

Einige Kolleg:innen waren geschockt, als sie davon erfuhren das zukünftig Panzermunition neben ihrer Schule produziert werden soll. Sie erzählten, dass erst vor einigen Monaten in der Nähe ihrer Schule eine Weltkriegsbombe entschärft werden musste. Sie wollen nicht in Nachbarschaft zu einer Waffenfabrik lehren.

Hinzu kommt, dass die Komponenten für Panzermunition, die ab Sommer von Rheinmetall in der ehemaligen Pierburg-Fabrik produziert werden sollen, an deutsche Partnerländer geliefert werden. Die Waffen, die dann im Wedding produziert werden, bedrohen also auch das Leben der Familien unserer Kolleg:innen und Schüler:innen:

„So setzt das israelische Militär die Panzermunition von Rheinmetall beim Genozid in Gaza ein. Da es sich um die Standard-Panzermunition der NATO-Staaten handelt, führt die Türkei damit Krieg gegen Kurdistan. Auch Saudi-Arabien nutzt seit über 10 Jahren Rüstungsgüter von Rheinmetall im Krieg gegen den Jemen.“ 

Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion

Antimilitarismus ist Gewerkschaftsgrundsatz: Kommt in den Block der Arbeiter:innen

Alle Kolleg:innen, die den Aufrüstungskurs der Bundesregierung ablehnen, sollten sich am 11. Juli unbedingt an der Demo beteiligen. Ob Gesundheitsarbeiterin, Tramfahrer, Bauarbeiterin oder Metaller. Kommt mit uns auf die Demo und macht sichtbar, dass die Gewerkschaftsbasis den Kriegskurs nicht mittragen wird.

Die DGB-Gewerkschaften müssen den „Elefanten im Raum“ endlich offensiv ansprechen und die Mentalität des Burgfriedens hinter sich lassen. Die Angriffe auf den Sozialstaat und auf gewerkschaftliche Errungenschaften sind alarmierend und müssen durch entschlossene Mobilisierungen und Kampfmaßnahmen beantwortet werden. Wer so tut als hätte der Rüstungswahn nichts mit den Kürzungen zu tun, lebt an der Realität vorbei.

Treffpunkt für Gewerkschafter:innen:

13:45 Uhr bis 14:00 Gesundbrunnen, siehe Plan , linke Seite vor dem Einhgang von DB und S-Bahn Gesundbrunnen, 50 m bis zum Kundgebungsplatz

Wie bei vielen Gewerkschaften hat auch die GEW Berlin eine lange Tradition antimilitaristischer Kämpfe. So streikten in den Achtzigerjahren beispw. Kolleg:innen gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen. 

Kurzinterview mit Barbara Majd Amin auf dem Bundesgewerkschaftstag (2025)

Buchempfehlung: Politischer Streik - Geschichte, Recht und Beispiele

Die AG Frieden in der GEW Berlin setzt sich schon lange für eine konsequente Friedensbildung ein und verzeichnet durch die aktuelle Aufrüstungspolitik momentan wieder vermehrt Zulauf aus den Kollegien.

Die Beschlusslage der GEW Berlin ist auch heute klar. Auf der Landesdelegiertenkonferenz im Sommer 2025 wurde die friedenspolitische Ausrichtung von den Delegierten noch einmal bekräftigt:


Kein Freifahrtschein für die Aufrüstung – Stattdessen Investitionen in die Bildung


[..]„Ein weiteres Aufrüsten wird die bestehenden Kriege und Konflikte nicht lösen, sondern noch verschärfen und gleichzeitig zu erheblichen Umweltschäden führen. Erforderlich sind diplomatische Schritte, um einen neuen Rüstungswettlauf zu verhindern und die bestehenden Kriege zu beenden.“ [..]

Beschluss der Landesdelegiertenversammlung Sommer 2025

GEW unterstützt Schulstreikbewegung

Als GEW Berlin unterstützen wir auch die Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht und stehen klar gegen jede Form von Zwangsdienst. In diesem Zusammenhang kritisiert die GEW Berlin auch die jüngste Kooperationsvereinbarung der SenBJF mit der Bundeswehr, die den Zugang zu den Schulen für das Militär erleichtern soll. 

„Politische Bildung gehört in die Hände dafür ausgebildeter Lehrkräfte, nicht in die Hände von Jugendoffizier*innen. Sie sind Vertreter*innen der Institution Bundeswehr. Wenn sie im Schulkontext einbezogen werden, normalisiert das militärische Perspektiven auf internationale Konflikte“ 

Felicia Kompio (Vorsitzende GEW Berlin)

Beim Podium „Wir sterben nicht für eure Kriege – Gemeinsam gegen Wehrpflicht!“ am Freitag von 10:00-11:30 Uhr wird daher eine aktive Kollegin der AG Frieden u.a. mit Schüler:innen aus den Schulstreikkomitees zur Militarisierung des Bildungsbereichs und Möglichkeiten der Gegenwehr diskutieren. 

Wer sich gegen Kriegs- und Militärwerbung an unseren Schulen und Einrichtungen wehren möchte, dem ist dieses Podium sehr ans Herz zu legen.

Ebenso interessant für Gewerkschafter:innen wird das Podium „Kriegsrelevant: Arbeiten im Zeichen der Militarisierung(Freitag 19:00-20:30). Daran beteiligen sich Arbeiter:innen aus Gesundheit, Logistik, Produktion und Technologie/IT.

Programm: Wedding ohne Waffen [WOW]
Hier der gemeinsame Aufruf aktiver Gewerkschafter:innen von IG Metall, GEW, IG Bau , Verdi, EVG zu den Aktionstagen

Friedensbildung statt Eskalationsspirale

Zur immer wieder aufkommenden Behauptung, Pazifismus passe nicht mehr in die heutige Zeit und mit antimilitaristischen Positionen mache man es sich zu einfach, fand Gökhan Akgün bei einer Veranstaltung zur Militarisierung des Bildungswesens im Februar die richtigen Worte:

»Friedensbildung heißt nicht, die Realität zu verdrängen. Friedensbildung heißt, Konflikte zu verstehen, Ursachen zu analysieren, Perspektiven zu wechseln – und Alternativen zu entwickeln.« 

Gökhan Akgün (Vorsitzender GEW Berlin)

Auch uns ist es als aktive Gewerkschafter:innen wichtig zu betonen, dass sich der Protest selbstverständlich nicht gegen die Kolleg:innen in der Produktion richtet, die aktuell leider keine  Mitsprache darüber besitzen, was unter welchen Bedingungen produziert wird. Wir kritisieren den ungebremsten Rüstungskurs der Regierung und die damit verbundenen sozialen Kahlschlag. 

Mit unseren Steuergeldern werden die Dividenden von Rheinmetall in Rekordhöhen getrieben, während parallel dazu gewerkschaftliche Errungenschaften offen angegriffen werden und bei Bildung, Kultur und Sozialem massiv gekürzt wird.

„So wurden 2025 ganze 3 Milliarden Euro im Haushalt gestrichen. Für 2026/2027 plant der Berliner Senat ca. 280 Millionen Euro weniger für den Bereich „Schule, Jugend und Familie“ und 110 Millionen Euro weniger für Kultur ein. Durch die Kürzungen fallen viele Arbeitsplätze weg.“ 

Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion

Mehr zum Thema:

Friedenspolitische Beschlüsse der DGB Gewerkschaften

Aufruf aktiver Gewerkschafter:innen von IG Metall, GEW, IG Bau , Verdi, EVG zu den Aktionstagen


Kurzbericht: Sozialproteste in Berlin am 27.
Juni 2026

Titelbild: Peter Vlatten, Gewerkschafter:innen am 12. Oktober 2025 beim Protest in Wedding

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