KZ Buchenwald vor 85 Jahren: Solidarität unter Lebensgefahr

Wie Häftlinge im KZ Buchenwald 1941 sowjetischen Kriegsgefangenen halfen und was dies für den späteren Lagerwiderstand bedeutete

Von SABINE STEIN

Titelbild: Gedenkstätte Buchenwald

Mitte August 1992 fiel auf dem Appellplatz von Buchenwald ein Strauß roter Rosen vom Himmel – aus einem von 16 russischen Militärhubschraubern, die das Gelände der Gedenkstätte überflogen. Einer von ihnen stand für einen Moment in der Luft, bevor er die Blumen abwarf; fast genau auf den Gedenkstein, der seit 1954 an das Kriegsgefangenenlager für die sowjetischen Soldaten erinnert. An den Blumen war ein handgeschriebener Zettel befestigt. Seine Übersetzung: »Ewiges Gedenken den Häftlingen von Buchenwald. Heute, am 12. August 1992, schicken wir Euch – nach Russland fliegend – einen letzten Gruß und verneigen uns ein letztes Mal vor Euch. Die Piloten des selbständigen Hubschrauberregiments ›Nohra‹. Der Regimentskommandant Oberst Nikolaj Safronov«.

Der Rosenstrauß steht für die lebendige Erinnerung in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion an den Widerstand, den Häftlinge aus ganz Europa in Buchenwald leisteten. Boris Filatov, ein ehemaliger Häftling, drückte es im April 1967 in einem Radiobeitrag so aus: »Buchenwald, das ist der Ort faschistischer Grausamkeiten, aber Buchenwald ist auch das Symbol des Mutes (…).«

Eine gemeinsame Widerstandserfahrung war eine spontane Solidaritätsaktion für die ersten Rotarmisten in Buchenwald am 18. Oktober 1941. Hierzu sei daran erinnert, dass Hitler seinen Generälen bereits über zwei Monate vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion klargemacht hatte, dass der kommende Krieg gegen die Sowjets nur als Weltanschauungskrieg zu führen sei, in dessen Verlauf »die jüdisch-bolschewistische Intelligenz« vernichtet werden müsse. Dieser Anordnung, als »Kommissarbefehl« bekannt geworden, leisteten Wehrmachtseinheiten tausendfach Folge und gingen weit darüber hinaus. In Gefangenenlagern nahe der Front wurde nach Staats- und Parteifunktionären, nach führenden Personen der Wirtschaft, Angehörigen der Intelligenz und Juden gefahndet.

Tausende wurden erschossen, Zehntausende verhungerten. Erste Kontingente sowjetischer Kriegsgefangener erhielt die SS bereits im Oktober 1941 zum sogenannten Arbeitseinsatz. Sie sollten auf verschiedene Konzentrationslager verteilt werden – ein klarer Bruch des Völkerrechts erreichte damit eine neue Stufe. Die Einweisung in die KZ erfolgte zunächst geheim. Eine erste kleine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener erreichte Buchenwald am 16. September 1941. Sie wurde unmittelbar nach Ankunft ermordet.

Geheime Mordaktionen

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Im Oktober 1941 wurde in Buchenwald die sogenannte Genickschussanlage eingerichtet. Sie befand sich außerhalb des Lagers im ehemaligen Pferdestall der Kommandantur. Die Gefangenen wurden dort nach einer fingierten ärztlichen Begutachtung an eine Messlatte gedrückt. Durch einen Schlitz in der Wand erhielten sie einen Pistolenschuss in den Hinterkopf. Die Toten wurden umgehend eingeäschert. Ihre Asche wie auch die Erkennungsmarken schüttete man in die Kanalisation. Die Marken blieben als Ganzes erhalten. Bei Grabungen auf dem Gelände der Gedenkstätte kommen solche Marken immer wieder zutage. Sie sind Belege für den Massenmord und bergen wenigstens eine geringe Chance, die Identität der Erschossenen zu ermitteln.

Am 18. Oktober 1941 wurden die Blockältesten ans Tor gerufen. Sie erfuhren, dass ein Transport sowjetischer Kriegsgefangener erwartet wird und sie verantwortlich seien, die Lagerstraße abzuriegeln, damit die Gefangenen keine Verbindung mit Häftlingen aufnehmen können. Es wurde mehrfach betont, dass bei Zuwiderhandlung schwere Strafen drohen. Zur Durchsetzung des Befehls bestimmte die SS die kommunistischen Blockältesten Kurt Leonhardt, Kurt Wabbel und den Österreicher Sepp Schuhbauer.

Erinnerungspolitik

Angesichts einer neuerlichen Welle der Diffamierung des von Kommunisten geführten Häftlingswiderstands setzen die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald und Nachfahren auf die Vermittlung von Fakten. Diese widersprechen den Darstellungen unter anderem von Ines Geipel in ihrem als »Roman-Essay« deklarierten Buch »Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung« (S. Fischer Verlag, 2026) über »rote Kapos«, die angeblich Opfer und Täter zugleich gewesen sein sollen. Im LAG-Mitteilungsblatt »Die Glocke vom Ettersberg« widerlegt der Historiker Ulrich Schneider Geipels Darstellungen über konkrete politische Gefangene und konstatiert, die Autorin reproduziere »faktisch die Erzählungen des Kalten Kriegs und der Abwicklungszeit der DDR«.

Auf dem Güterbahnhof in Weimar trafen an diesem Tag 2000 sowjetische Kriegsgefangene ein. Die SS nahm sie mit Schlägen in Empfang und trieb sie auf die Straße zum Ettersberg. Alexej Jewgenewitsch Lysenko erinnerte sich 1974: »Uns quälte furchtbarer Hunger, kalter Herbstregen, das Leben unter freiem Himmel, Schmutz, tausende von Läusen, brachten uns in den ersten Monaten unserer Gefangenschaft zur völligen Erschöpfung. (…). Langsam bewegen wir uns durch die Straße aufwärts unter dem Gebrüll der Begleitsoldaten, unter Schüssen, Kolbenschlägen und dem Bellen der Hunde.« 1991 Rotarmisten trafen lebend ein – neun von ihnen lagen, unterwegs erschossen, am Straßenrand.

Alexej Lysenko: »Es war schon fast dunkel, da erschienen bei uns an der Abgrenzung Leute in seltsam gestreifter Kleidung. Sie trugen Schüsseln und Thermobehälter mit Suppe. Und was für Suppe! Richtig heiß, gesalzen (…) Hundert Tage hatte ich so etwas nicht gesehen. Wer seine Suppe aufgegessen hatte – wir aßen sie nicht, wir schlürften sie gierig hinunter – bekam einen Nachschlag«.

»Die deutschen Politischen riskierten viel, verloren fast alles – aber gewannen an Glaubwürdigkeit.« Richard Kucharczyk Überlebender des KZ Buchenwald

Am Morgen führten die beauftragten Blockältesten Wabbel, Leonhardt und Schuhbauer die Soldaten truppweise in das Häftlingsbad beim Kammergebäude zur Desinfektion. Im Anschluß an das Duschen, nach langem Warten im Freien, liefen die Kriegsgefangenen zwischen den Holz- und Steinbaracken hindurch zum separierten Sonderlager. Dann geschah etwas, was mit Worten schwer zu beschreiben ist, erzählte der ehemalige Häftling Richard Kucharczyk 30 Jahre später einem Journalisten. »Als uns bekannt wurde, dass die Gefangenen durch unsere Barackenstraße mußten, da sammelten wir in aller Eile alles, was aufzutreiben war: Brot, den letzten Zigarettenstummel, der für den Sonntag bestimmt war, Lappen, die karge Marmeladenration, eine Scheibe Wurst. (…) Ungeachtet des SS-Verbotes strömten die Häftlinge aus ihren Blocks. (…) Jeder versuchte irgend etwas zu geben.«

Brutale Bestrafung

Zum ersten Mal kam es zu einer offenen Massenaktion gegen einen SS-Befehl. Am nächsten Tag erhielt das gesamte Lager als Strafe einen Tag Essenentzug. Angeordnet vom Schutzhaftlagerführer Florstedt. »Am Ende sagte er: Zur Abschreckung für die anderen, die es noch wagen sollten, sich solidarisch mit den Feinden der Welt zu erklären, erhält jeder 25 Stockschläge und kommt in die Strafkompanie, in den Steinbruch. Sollte es nochmal einer wagen, sich den eingezäunten Blöcken zu nähern, dann blüht ihnen dasselbe wie den drei roten Schweinehunden!«, gab Kurt Leonhardt 1957 zu Protokoll. Er, Wabbel und Schuhbauer mussten mit zerschlagenem Gesäß und heruntergezogenen Hosen auch noch Kniebeugen machen. Das Sonderlager für die Rotarmisten wurde in der Folge hermetisch abgeriegelt, es wurden Bewachungsmannschaften aus den Reihen der »Kriminellen und Asozialen« geschaffen.

»Dennoch setzten die politischen Häftlinge in den folgenden Tagen ihre Hilfe fort«, berichtet Otto Sepke. »Die Häftlingsbekleidungskammer gab heimlich zusätzliche Kleidungsstücke aus, die Küche fand Wege, Brot und zusätzliche Lebensmittel in das Kriegsgefangenenlager zu schmuggeln.«

Gleichwohl folgten monatelange Repressionen der SS gegen die politischen Häftlinge. Die Lagerführung tauschte Lagerälteste, Vorarbeiter, Blockälteste und Stubendienste gegen »Grüne« aus, so genannt wegen des grünen Winkels für die Gruppe der Kriminellen.

Walter Krämer und seinen Stellvertreter Karl Peix aus dem Häftlingskrankenbau ließ Florstedt in den Bunker werfen. Nach einigen Tagen wurden beide im Außenlager Goslar »auf der Flucht erschossen« (November 1941). Über 50 politische Häftlingsfunktionäre wurden im März 1942 in einem Sonderkommando, als Teil der Strafkompanie, zusammengefasst. Zu diesem gehörten auch die Kommunisten Wabbel, Leonhardt und Schuhbauer. Durch geschicktes Agieren der Politischen gelang im Juli 1942 die Auflösung des Sonderkommandos.

Nach der Solidaritätsaktion vom Oktober 1941 geriet das über Jahre mühsam aufgebaute illegale Netzwerk des kommunistischen Lagerwiderstandes in eine tiefe Krise. Die deutschen Politischen riskierten viel, verloren fast alles – aber gewannen an Glaubwürdigkeit. Diese bildete das Fundament, auf dem sich der militärische Widerstand gründete. Mit dem Eintreffen der sowjetischen Kriegsgefangenen, die nur kämpfend das Lager verlassen wollten, reifte auch bei den deutschen Politischen der Gedanke, sich mit Waffen zur Wehr zu setzen.

Aufstandsplanung

Mitte 1942 entstand der Plan, sich auf das mögliche Lagerende vorzubereiten. Bereits Anfang des Jahres existierte ein internationales Netzwerk. Die sowjetischen Kriegsgefangenen hatten bereits ein eigenes militärisch-politisches Zentrum gebildet, das sich 1943 mit dem der zivilen sowjetischen Häftlinge zusammenschloss.

Strenge Regeln der Konspiration wurden festgelegt und auf deren Einhaltung geachtet. Die Führung des internationalen militärischen Netzwerks lag ausschließlich und allgemein anerkannt bei den deutschen Kommunisten. Die ausschließlich illegal beschafften Waffen kamen auf unterschiedlichsten Wegen in das Lager: aus den Rüstungswerken am Lager, nach dem Bombenangriff am 24. August 1944 oder aus den Beständen der SS. Ende März 1945 verfügte der militärische Untergrund über 188 Gruppen mit Kämpfern aus elf Nationen.

Am 6. April kam der offizielle Befehl zur Räumung des Lagers. Die Funktionshäftlinge spielten auf Zeit, um die Evakuierung zu verzögern. Am 7. April begannen die Todesmärsche von Buchenwald. Am 8. April setzten die Häftlinge des militärischen Untergrunds mit einem illegalen Sender einen Hilferuf an die US-Truppen ab. Die sowjetischen Kriegsgefangenen drängten darauf, einen Aufstand zu beginnen, erreichten aber keine Mehrheit. Am 10. April verließen sie in geschlossener Formation von mindestens 600 Mann und mit Hieb- und Stichwaffen in den Taschen das Lager. Mit ihnen auch Polen und Tschechen – im Ganzen mehr als die Hälfte des militärischen Netzwerks.

Am Vormittag des 11. April befahl SS-Lagerkommandant Pister den Lagerältesten Hans Eiden zu sich und teilte mit, die SS würde sich mittags zurückziehen, Eiden solle das Lager mit den verbliebenen 21 000 Häftlingen später an die US-Armee übergeben. Die Untergrundorganisation der Häftlinge war aufs Höchste alarmiert: Sollte es ein Massaker geben? Sie mobilisierte ihre militärischen Widerstandsgruppen.

Gegen 13 Uhr kamen die ersten amerikanischen Panzer, 90 Minuten später hatte das 37. Bataillon der 4. US-Panzerdivision die SS besiegt und war nach Osten weitergefahren. In der folgenden Stunde übernahmen die Widerstandsgruppen das Lager und hissten die weiße Fahne. Buchenwald war befreit. Im Bericht an den Nachrichtendienst der Abteilung für psychologische Kriegsführung der US-Armee, verfasst von einer Gruppe ehemaliger Häftlinge unter Leitung von Eugen Kogon von Anfang Mai 1945 heißt es: »Niemals hätte das KL Buchenwald soviel Positives in dieser Hölle der SS erlebt, niemals wäre es am Ende zu einem beachtlichen Teil noch gerettet worden, wenn es der zähen, todesverachtenden Arbeit politisch führender Menschen unter den Lagerinsassen nicht gelungen wäre, sich im Laufe der Jahre doch durchzusetzen.«

Sabine Steinwar bis 2022 Archivarin der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, den sie auf dem 15. Treffen der Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen am 12. April hielt. Der vollständige Text ist auf der Webseite der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (lag-buchenwald-dora.de) abrufbar. Zitate ohne Quellenangabe stammen aus dem Buchenwald-Archiv.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.5. 2026
KZ Buchenwald vo 85 Jahren …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Gedenken auf politischem Minenfeld

Vor dem 81. Jahrestag der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers herrscht Streit über die offizielle Teilnahme des rechten Kulturstaatsministers

Von JANA FRIELINGHAUS

Tittelbild: Gedenkstätte in Buchenwald: Photo Marko Milivojevic. Pixnio

Vorbemerkung Forums-Red.: In der Tat gibt es keinen vertretbaren Grund, warum es sich in der Gedenkstätte in Buchenwald verbietet, auch hier über gegenwärtige Kriegsverbrechen zu diskutieren. Auf den Schwur von Buchenwald kann sich eine solche Abwehrhaltung jedenfalls nicht berufen. Und dies geht schon gar nicht durch Repräsentanten einer Regierung, die sich im Nahen Osten zum Komplizen eines Genozids gemacht hat. (JG)

Gedenkstätten auf Arealen ehemaliger Konzentrationslager sind vermehrt Attacken von rechts ausgesetzt. Vornehmlich im digitalen Raum, aber auch vor Ort werden Verbrechen des Naziregimes an Kommunisten, Juden und vielen anderen Gruppen verharmlost oder geleugnet, Opfer werden verhöhnt. So auch die KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar.

Derzeit ist die Einrichtung mit einer anderen Gruppe konfrontiert, die aus Sicht der Gedenkstättenleitung das Gedenken an die Zehntausenden Opfer der Nazidiktatur missbraucht: der Kampagne »Kufiyas in Buchenwald«. Die wird von Gedenkstättenchef Jens-Christian Wagner mit Worten kritisiert, die klingen, als halte er sie für genauso gefährlich wie die Nazis.

Die Mitglieder der Gruppe haben erklärt, in der deutschen Erinnerungskultur im Allgemeinen und in Buchenwald im Besonderen werde der Universalismus des Schwurs der Überlebenden von Buchenwald nicht ernst genommen, ja sogar »verraten«. Dieser meine, dass Deutschland gegen jedes Menschenrechtsverbrechen aufstehen müsse, also auch gegen Israels Kriegsführung in Palästina. An einem Ort des Gedenkens an den Völkermord der Nazis werde »ein gegenwärtiger Völkermord geleugnet und verdrängt«, heißt es.

»Hinter Kufiyas in Buchenwald stehen Hamas-nahe und stalinistische Organisationen, die versuchen, ihre menschenfeindliche und antisemitische Ideologie über das Thema vermeintlicher Palästina-Solidarität zu verbreiten.« Jens-Christian Wagner Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Das schreibt die unter anderem von der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, dem International Jewish Antizionist Network und einer Kleingruppe namens Kommunistische Organisation getragenen Kufiya-Kampagne in einer Erklärung. Darin begründet sie, warum sie am Sonntag, dem Tag des offiziellen Gedenkens an die Befreiung des Konzentrationslagers, vor dem Gedenkstättengelände eine Mahnwache abzuhalten plant. Bei dieser wollen die Demonstrierenden auch Kufiyas, also palästinensische Halstücher, tragen. Das sorgte für große Empörung. Auch die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora und die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora / Freundeskreis e.V., in denen auch Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen organisiert sind, äußerten scharfe Kritik.

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Die zuständige Versammlungsbehörde hatte den »Kufiyas in Buchenwald« unterdessen eine Kundgebung am geplanten Ort untersagt und ihnen stattdessen den Theaterplatz in Weimar zugewiesen. Die Initiative reichte dagegen vor dem Verwaltungsgericht Weimar einen Eilantrag ein. Dieses erklärte die Entscheidung der Versammlungsbehörde aber am Donnerstagnachmittag für rechtmäßig. Die beabsichtigte Verknüpfung des Gedenkens in Buchenwald mit »aktuellen Verbrechen« verletze die Würde der Opfer der Nazis. Im geplanten Tragen von Kufiyas sieht das Gericht den Versuch, die Gedenkstätte »als Vehikel zu nutzen, um andere politische Auffassungen zu transportieren«. Gegen die Entscheidung kann Beschwerde beim Thüringer Oberverwaltungsgericht eingelegt werden.

Diese Woche hatte auch der Bundesbeauftragte gegen Antisemitismus, Felix Klein, die geplante Veranstaltung scharf verurteilt und angekündigt, zwecks Unterstützung der Gedenkstättenleitung selbst am Gedenken an die Befreiung des Lagers teilzunehmen.

»Berechtigte Kritiken an der Gedenkstättenleitung können und müssen artikuliert werden, aber in anderer Form und mit dem Ziel der Klärung.« Aus einer Stellungnahme der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora

Klein will seine Teilnahme an der Gedenkfeier auch als »Zeichen der Solidarität« mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verstanden wissen. Der Politiker, der zuletzt durch den Entzug des Deutschen Buchhandlungspreises für drei als links geltende Geschäfte für Empörung gesorgt hatte, wird in Buchenwald am Sonntag ein Grußwort sprechen. Die beiden Lagergemeinschaften hatten Weimer aufgefordert, auf diesen Auftritt zu verzichten.

In einem offenen Brief an ihn monieren die Vorsitzende der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, Katinka Poensgen, und der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora, Horst Gobrecht, dieser habe mehrfach das Zitat von Heinrich Heine »Der Taufschein ist die Eintrittskarte zur europäischen Kultur« benutzt. Das bedeute »für viele der ehemaligen Häftlinge des Lagers Buchenwald – und auch uns als Nachkommen und politischen Nachfolgern von Überlebenden, dass wir aus ihrer Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören«.

Dagegen begrüßte Gedenkstättendirektor Wagner den Auftritt Weimers ausdrücklich. »In Zeiten des weltweiten Rechtsrucks und vielfacher Angriffe auf die Gedenkstättenarbeit und die reflexive Erinnerungskultur setzt Kulturstaatsminister Weimer mit seiner Teilnahme an der Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Lagerbefreiung in Buchenwald ein sehr wichtiges Zeichen der Unterstützung unserer Arbeit«, erklärte er.

In den vergangenen Wochen befassten sich Wagner und der Sprecher der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Thüringen (SGBM), Rikola-Gunnar Lüttgenau, in der Öffentlichkeit fast ausschließlich mit vermeintlichen Angriffen von links und markieren sie in einer Weise, die durch deren Äußerungen nicht gerechtfertigt ist. So behauptete Wagner im Deutschlandfunk, hinter der Kufiya-Gruppe stünden »Hamas-nahe und stalinistische Organisationen«, die versuchten, »ihre menschenfeindliche und antisemitische Ideologie über das Thema vermeintlicher Palästina-Solidarität zu verbreiten«. Und Lüttgenau bescheinigte der Gruppe im Gespräch mit dem MDR eine »menschenfeindliche Agenda«.

Demgegenüber wirkt die Kritik der Lagerarbeitsgemeinschaft sachlicher. Sie mahnt in einer Stellungnahme, in Zeiten massiver Angriffe von rechts auf die antifaschistische Gedenkkultur bedeute Antifaschismus, »den gemeinsamen Hauptgegner ins Visier zu nehmen und nicht eine öffentliche Kampagne gegen die Gedenkstättenleitung zu initiieren«. Weiter heißt es darin: »Berechtigte Kritiken an der Gedenkstättenleitung können und müssen artikuliert werden, aber in anderer Form und mit dem Ziel der Klärung.«

In dem Positionspapier fordert die Arbeitsgemeinschaft indes auch, »die Besonderheit des KZ Buchenwald« herauszustellen, dass »das Internationale Lagerkomitee und die Illegale Militärorganisation unter Führung von Kommunisten verschiedener Nationalitäten« die Selbstbefreiung des Lagers »unter den Bedingungen der heranrückenden US-Streitkräfte« vollbracht hätten. Zudem dürfe das Gedenken nicht »auf den Holocaust am jüdischen Volk beschränkt werden, sondern muss der Tatsache Rechnung tragen, dass die Kommunisten und die ehemalige Sowjetunion mit über 30 Millionen Toten die größte Opfergruppe darstellen«.

Kommunist war auch der Großvater des bekannten Comedians, Autors und Schauspielers Hape Kerkeling, der in diesem Jahr Hauptredner auf der Buchenwalder Gedenkveranstaltung sein wird. Hermann Kerkeling hatte am 3. März 1933 mit einem Genossen Flugblätter gegen das NS-Regime verteilt. Zwei Tage später wurde er wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« verhaftet. Als die Buchenwalder frei waren, hatte Hermann Kerkeling neun Jahre Zuchthaus und drei Jahre KZ überlebt. In den 1950er und 1960er Jahren stellte er Anträge auf Amnestie und Entschädigungen und bekam wie viele andere so gut wie nichts, während Kriegsverbrecher umstandslos Zusatzrenten erhielten.

Erstveröffentlicht vom nd v. 10.4. 2026
Auf einem politischen Minenfeld …

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¡Franco ha muerto! – Franco ist tot!

Ein politischer Filmabend mit Gästen, Diskussionen, Wein und Tapas

Von Ulrike Kumpe

Vor 50 Jahren starb Europas letzter faschistischer Diktator: Francisco Franco. Im Berliner Lichtblick-Kino gibt es aus diesem Anlass am 20. November einen thematischen Filmabend.

Angesichts des Wiedererstarkens des Faschismus in Europa veranstalten das Berliner Lichtblick-Kino und der Filmverleih Sabcat Media am 20. November, Francos 50. Todestag, einen Filmabend zum spanischen Faschismus. Aus unterschiedlichen Perspektiven, kuratiert von Hansi Oostinga und Elisa Rosi, beleuchten vier Filme den historischen Kontext.

Alle Attentate scheiterten

Mit der Dokumentation »Attentate auf Franco – Widerstand gegen einen Diktator« (2016) unter der Regie von Daniel Guthmann und Joachim Palutzki beginnt der spannende Filmabend. Der 45-minütige Dokumentarfilm beschäftigt sich mit den über 20 Versuchen, Franco zu ermorden. Alle Attentate scheiterten. Mit über 80 Jahren starb Franco im hohen Alter, nachdem er die Regierungsgeschäfte bereits zwei Jahre zuvor abgegeben hatte. Zeit seiner autoritären Herrschaft hatte der Diktator Angst um sein Leben. Die Einblicke des Films in den Repressionsapparat spiegeln diese Angst vor seinem Volk wider. Die einstigen Franco-Attentäter Octavio Alberola und Stuart Christie geben Auskunft.

Mit dem Übergang vom Faschismus zur Demokratie verabschiedete das neue spanische Parlament, dass im Juni 1977 gewählt wurde, ein folgenschweres Amnestiegesetz. Es amnestierte nicht nur die unzähligen politischen Gefangenen des Franco-Regimes, sondern gleichermaßen alle Täter des Völkermordes vom Putsch 1936 bis zum tatsächlichen Ende der Diktatur im Juni 1977. In Spanien führte dies in den 2000er Jahren zu der absurden Situation, dass der ermittelnde Richter auf Grundlage dieses Amnestiegesetzes selbst ins Kreuzfeuer der Justiz geriet. Der Dokumentarfilm »Franco vor Gericht: Das spanische Nürnberg?« (2018) unter der Regie von Dietmar Post und Lucía Palacios, die am Abend im Lichtblick-Kino anwesend sein werden, handelt von dem Bemühen, doch noch Verurteilungen zu erreichen. Im Zentrum des Geschehens steht die argentinische Justiz. Diese kann aufgrund eines besonderen Gesetzes Opfer des Franco-Regimes unterstützen. Ab 2010 beginnen diese Klage einzureichen. Seither gibt es Bemühungen Täter des Regimes zu ermitteln und ihnen den Prozess zu machen.

Befreit vom autoritären System

Während sich die ersten beiden Dokumentarfilme unmittelbar mit Franco und den Tätern des spanischen Faschismus beschäftigen, geht es in den darauffolgenden Filmen um die Zeit nach dem faschistischen Regime. Befreit vom autoritären System Francos schien für einen kurzen historischen Moment alles möglich. »El Entusiasmo« (2018) unter der Regie von Luis E. Herrero handelt von diesem Augenblick der Befreiung. Der Weg war frei für neue gesellschaftliche Entwicklungen. Er war frei für eine Jugend, die vieles nachzuholen hatte: Gegenkultur, Arbeitskämpfe, Feminismus, sexuelle Befreiung und vieles mehr. Die historische anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT schien hierfür ein passender Rahmen zu sein und erlebte eine Renaissance. Sie organisierte Treffen mit Hunderttausenden Teilnehmern, Libertäre Tage, Streiks und Widerstand. Zeitzeuge Felipe Orobón wird vor Ort sein.

Unbewältigte Wahrheiten

Abgerundet wird der Abend mit dem Spielfilm »Madres Paralelas – Parallele Mütter« (2020) unter der Regie von Pedro Almodóvar. Zwei Frauen, Janis (Penélope Cruz) und Ana (Milena Smit), erwarten beide ihr erstes Kind. Sie lernen sich zufällig im Krankenhaus kurz vor der Geburt kennen. Die wenigen Worte, die sie in diesen Stunden austauschen, schaffen eine sehr enge Verbindung zwischen den beiden. Sie entwickelt sich eher zufällig und verkompliziert ihre Lebensläufe auf entscheidende Weise. Pedro Almodóvars modernes Melodram erzählt auf raffinierte und unerwartete Weise von den Nachwehen der Franco-Zeit. Es verbindet die Geschichte zweier ungleicher Mütter mit dem kollektiven Bürgerkriegstrauma Spaniens zu einem ernsthaften Familiendrama über schockierende Entdeckungen und unbewältigte Wahrheiten.

Francos Tod symbolisiert nicht nur das Ende einer historischen Phase, sondern erinnert zugleich an den Beginn des dunkelsten Kapitels der europäischen Geschichte. Gerade heute, wo die Monster der Vergangenheit zurückzukehren scheinen, ist es wichtig, an dieses Datum zu erinnern. Daher gibt es eine Reihe von Unterstützer*innen: neben der Botschaft von Spanien, die unabhängige Basisgewerkschaft FAU Berlin, der Verein Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939, KFSR e.V., die Berliner VVN-BdA, das Café Libertad Kollektiv sowie der auf mediterrane Produkte spezialisiert Supermarkt »Mitte Meer«. Bei Wein, Tapas und Gesprächen kann gemeinsam ein Blick auf Kontinuitäten, die versäumte Aufarbeitung und vertane Chancen geworfen werden. Mit Kino LichtblickFilmabend

17.30 Uhr Dokumentarfilm »Attentate auf Franco – Widerstand gegen einen Diktator« 18.15 Uhr Dokumentarfilm »Franco vor Gericht: Das spanische Nürnberg?« (OmU); in Anwesenheit des Regie-Teams Dietmar Post und Lucía Palacios 20.30 Uhr Dokumentarfilm »El Entusiasmo« (OmU) mit Zeitzeuge Felipe Orobón 22 Uhr Spielfilm »Madres Paralelas – Parallele Mütter« (OmU)

Am 20. November im Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, 10435 Berlin; Vorstellung 17.30 Uhr: 7 Euro; alle weiteren Vorstellungen jeweils 9 Euro.

Erstveröffentlicht am 13.11. 2025 im nd (Abo)
https://www.nd-aktuell.de/abo/

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