Wedding ohne Waffen! Gemeinsam gegen Krieg! – Aktionstage 10.–12. Juli 2026 – Aktivist:innen aus den Gewerkschaften rufen auf!

In Berlin-Wedding werden demnächst Waffen hergestellt! Der größte Rüstungsproduzent Deutschlands, Rheinmetall, stellt den ehemaligen Automobilzulieferer Pierburg in Berlin derzeit komplett um. Ab Sommer 2026 sollen dort Artilleriegeschosse vom Band laufen – 45 Kilogramm schwere Munition.

Damit wird in Berlin zum ersten Mal seit 1945 wieder Rüstung hergestellt, die überall auf der Welt Krieg und Zerstörung bringt. Gleichzeitig kürzt die Regierung massiv in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur, Mobilität und Klima und setzt arbeitende und erwerbslose Menschen stark unter Druck.

Dieser Entwicklung wollen wir nicht tatenlos zuschauen, sondern unseren Widerstand auf die Straße tragen!

Vom 10. bis 12. Juli finden dazu Aktionstage statt mit einer Großdemonstration als Höhepunkt.

Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin und aktive Gewerkschafter:innen von IG Metall, IG Bau , Verdi sowie der Vorstand GEW Berlin rufen zu den Aktionstagen und zur Teilnahme an der Demonstration auf. Bilden wir gemeinsam einen Gewerkschaftsblock!

Kolleg:innen! Wir rufen dazu auf , die Aktionstage zu unterstützen, zu mobilisieren und persönlich teilzunehmen, insbesondere auch an der Demonstration am 11. Juli. Es geht um ein Signal gegen die Militarisierung der Gesellschaft und die damit verbundenen Angriffe auf unsere gesamten Lebensinteressen.



Treffpunkt Gewerkschafter:innen: 13:45 Uhr bis 14:00 Gesundbrunnen, siehe Plan , linke Seite vor dem Eingang von DB und S-Bahn Gesundbrunnen, 50 m bis zum Kundgebungsplatz


Gewerkschafter:innen und Beschäftigte haben allen Grund, sich den Aktionstagen anzuschliessen.


Die Bundesregierung plant eine Welle von Angriffen auf fast alle sozialen, ökologischen und politischen Standards der arbeitenden Bevölkerung. Selbst hart erkämpfte gewerkschaftliche Errungenschaften wie den 8 Stundentag oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall werden zur Dispoisition gestellt.

Diese Angriffe sind nicht die logische Konsequenz von Demografie und Mathematik, wie der Bundeskanzler auf dem DGB Bundeskongress Anfang Mai unter Buhrufen weiszumachen versuchte. Sie sind vielmehr logische Konsequenz von Militarisierung und „Kriegsertüchtigung“ der gesamten deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, begleitet von einem geopolitischen Konfrontationskurs mit beispielloser Verschuldung, maximaler Profitsicherung auch in Krisenzeiten auf dem Rücken aller arbeitenden Menschen.

Krankenhäuser werden eingestampft, Kasernen und Musterungsstellen aus dem Boden gestampft. Statt Wohnungen werden Bunker, statt Straßenbahnen werden Panzer gebaut.

Dieser Kriegskurs bringt nicht Sicherheit, sondern gefährdet den Frieden. Dieser Kriegskurs kurbelt weder die Wirtschaft an noch bringt er ein Mehr an Arbeitsplätzen. Gesellschaftliche Arbeitskraft wird vergeudet für Produkte, die weder positiven gesellschaftlichen Nutzen noch ökonomische Folgetätigkeiten mit weiteren Arbeitsplätzen bringen.

Wenn Geld Schulen und Krankenhäusern weggenommen wird, um immer neue Waffen zu bezahlen, dann schadet das den Interessen der gesamten arbeitenden Bevölkerung, die zu vertreten die Gewerkschaften verpflichtet sind.


Panzer und Artillerie werden im besten Fall verschrottet, im Schlimmsten Fall zerstören und töten sie. Und machen uns selbst zur Zielscheibe.

Initiativen aus der Belegschaft, Gewerkschaften und Anwohner hatten sich für einen klimafreundlichen Umbau – beispielsweise zur Herstellung von Wärmepumpen oder Teilen für den ÖPNV – starkgemacht. Diese Vorschläge wurden von Politik und Konzern ignoriert. Bei Rüstungsgütern winken staatlich garantierte Aufträge und Extraprofite.

Die DGB-Gewerkschaften müssen den „Elefanten im Raum“ endlich offensiv ansprechen und die Mentalität des Burgfriedens hinter sich lassen. Die Angriffe auf den Sozialstaat und auf gewerkschaftliche Errungenschaften sind alarmierend und müssen durch entschlossene Mobilisierungen und Kampfmaßnahmen beantwortet werden. Wer so tut als hätte der Rüstungswahn nichts mit den Kürzungen zu tun, lebt an der Realität vorbei.

Vorbildlich der Landesverband GEW Berlin, der zur Unterstützung der Aktionstage aufruft

Alle Kolleg:innen, die den Aufrüstungskurs der Bundesregierung ablehnen, sollten sich am 11. Juli unbedingt an der Demo beteiligen. Ob Gesundheitsarbeiterin, Tramfahrer, Bauarbeiterin oder Metaller. Kommt mit uns auf die Demo und macht sichtbar, dass die Gewerkschaftsbasis den Kriegskurs nicht mittragen wird.

Programmpunkte mit Gewerkschaftsverteter:innen am Frreitag, den 10.Juli

10 Uhr „Podium: Wir sterben nicht für eure Kriege – Gemeinsam gegen Wehrpflicht!“ mit Vertreter:innen der GEW und Verdi!

19 Uhr „Podium: Kriegsrelevant: Arbeiten im Zeichen der Militarisierung“ Dafür sind Arbeiter*innen aus Gesundheit, Logistik, Produktion und Technologie/IT eingeladen.

siehe hier das volle Programm!

Aus dem Aufruf des Bündnisses:

Die Reichen wollen Krieg, wir wollen eine Zukunft.

Schulen verfallen. Jugendzentren schließen und jedes vierte Kind in Berlin lebt in Armut. Bezahlbarer Wohnraum ist kaum zu finden. Krankenhäuser kämpfen mit Personalmangel und die Zahl der Tafelbesucher*innen steigt. Trotzdem wird weiter gekürzt. Gleichzeitig gibt die Bundesregierung Milliarden für Kriegsgeräte aus und die Rüstungskonzernen fahren gigantische Gewinne ein. Mit der enormen Aufrüstung und der neuen Wehrpflicht soll Deutschland »kriegstüchtig« gemacht werden. Wohin das führt, können wir aus der Geschichte lernen: zu Tod, Hunger, und Elend.

Krieg beginnt hier!

Während hier Kriege vorbereitet werden, leiden Menschen weltweit. Deutschland ist in eine Vielzahl der Krisen und Kriege verwickelt. Die BRD ist viertgrößter Rüstungsexporteur der Welt und liefert Waffen unter anderem an Israel, die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten. Deutschland beteiligt sich damit am Genozid an den Palästinenser*innen und dem Angriff gegen Kurdistan. Durch die Nutzung des Militärstützpunktes Ramstein ist Deutschland auch mitschuldig am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran.

Waffenproduktion stoppen

Die Umstellung auf Rüstung findet aktuell an vielen Orten statt. Aber auch immer mehr Kolleg*innen positionieren sich gegen die Umwandlung, denn Aufrüstung und Kriegsproduktion richten sich gegen alle Arbeiter*innen hier und international. Die Kriege werden um Ressourcen, Märkte und Handelswege geführt und sind eine unvermeidliche Folge der kapitalistischen Konkurrenz. Wir tragen nur die negativen Folgen. Wir verlangen den Erhalt der Arbeitsplätze, aber eine Umstellung auf eine Produktion, die uns statt den Profite der Reichen dient.

Alle zusammen gegen Faschismus und Krieg

Die ökonomische Unsicherheit, der Reallohnverlust und die Angst vor sozialem Abstieg befeuern die Spaltung der Arbeiter*innen untereinander und verschleiert so die wahren Gründe für Leid und Ungerechtigkeit. Geflüchtete und Migrant*innen werden von der rassistischen Politik in Deutschland zu Sündenböcken erklärt und gegen andere von oben stigmatisierte Gruppen wie Erwerbslose in Stellung gebracht. Aber wir lassen uns nicht spalten, sondern kämpfen gemeinsam und solidarisch gegen die Ursachen von Krise und Krieg. Wenn wir aktiv werden, uns vernetzen und organisieren, können wir uns eine Gesellschaft und ohne Krieg und Ausbeutung erkämpfen!

Fr–So, 10.–12. Juli 2026
Aktionszelt im Volkspark Humboldthain (zentrale Wiese)
Fr, 10. Juli 2026
Protestaktionen zum Mitmachen überall im Wedding. Achtet auf Ankündigungen.
Sa, 11. Juli 2026
Großdemonstration »Wedding ohne Waffen! Gemeinsam gegen Krieg!«
14:00 Uhr, S+U Gesundbrunnen.
Beteiligt euch, bringt eure Ideen und euren Mut ein!
Werden wir zusammen aktiv!
Gemeinsam stoppen wir die Aufrüstung und Kriegspolitik
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Mehr Info zum Thema im Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin
Titelbild:  Peter Vlatten, Gewerkschafter:innen am 12. Oktober 2025 beim Protest in Wedding

Austerität und Militarisierung

27.06.26 – LONDON/PARIS/BRÜSSEL – GERMAN-FOREIGN-POLICY.com

Stark frequentierte internationale Anti-Kriegs-Konferenz in London wendet sich gegen Hochrüstung in Europa und Abriss der Sozialsysteme. Proteste nehmen europaweit zu. Parallel hebelt die EU mit Personensanktionen den Rechtsstaat aus.

Mit internationalen Protesten und Anti-Kriegs-Konferenzen gewinnt eine neue Bewegung gegen die beispiellose Militarisierung in Europa an Fahrt. Bereits am vorvergangenen Sonntag hatten rund 12.000 Menschen in Brüssel unter dem Motto „Welfare, not Warfare“ gegen die Hochrüstung und den zu ihrer Finanzierung gestarteten Abriss der Sozialsysteme in ganz Europa demonstriert. An diesem Samstag folgte eine internationale Anti-Kriegs-Konferenz in London, auf der nahezu 3.000 Menschen aus Europa, Nordamerika und Nah- und Mittelost gleichfalls gegen die brutale Kriegspolitik des Westens sowie den dramatischen Raubbau an Gesundheitswesen, Bildung und Renten protestierten. „Austerität und Militarisierung“ seien „zwei Seiten derselben Münze“, rief der Präsident der britischen Bäckergewerkschaft BFAWU. Für diesen Herbst werden erneut europaweite Proteste angekündigt, so etwa ein Aktionstag der Hafenarbeiter. Mit der Zunahme der Proteste geht eine anschwellende Repression etwa gegen Journalisten einher, die auf Basis der Behauptung, sie kooperierten mit einer feindlichen Macht – mit Russland –, mit EU-Sanktionen attackiert werden. Die EU schafft damit ein flexibles Strafsystem jenseits des Rechtsstaats zur Absicherung ihrer Kriegspolitik.

Internationale Anti-Kriegs-Konferenz

Unter Beteiligung von fast 3.000 Personen aus Europa, Nordamerika und dem Nahen und Mittleren Osten hat am Samstag in London die zweite internationale Anti-Kriegs-Konferenz in Europa innerhalb von nur neun Monaten stattgefunden. Schon am 5. Oktober 2025 waren mehr als 4.000 Aktivisten in Paris zusammengekommen, um auf einem internationalen Treffen gegen den Krieg gegen die beispiellose derzeitige Militarisierung in ganz Europa zu protestieren. Zu der Londoner Folgeveranstaltung waren außer individuellen Teilnehmern Delegationen von Aktivisten aus rund 20 Ländern angereist. Recht stark vertreten waren vor allem Gewerkschaften, darunter Unison, die mit über 1,4 Millionen Mitgliedern größte Einzelgewerkschaft Großbritanniens; die kämpferische britische Eisenbahnergewerkschaft RMT; aus Frankreich die großen Gewerkschaften CGT sowie Force ouvrière; aus Italien die CGIL sowie weitere Gewerkschaften aus den genannten wie auch anderen Ländern. Organisiert worden war die Konferenz von der Stop the War coalition, die Ende September 2001 zum Kampf gegen den damals bevorstehenden Krieg in Afghanistan gegründet worden und an der Organisation der Demonstration gegen den bevorstehenden Irakkrieg am 15. Februar 2003 beteiligt war; damals gingen eine Million Menschen, vielleicht gar deutlich mehr, in London gegen den Krieg auf die Straße.

Zwei Seiten derselben Münze

Konkret richteten sich die Beiträge auf der Konferenz zum einen gegen die gegenwärtigen Kriege, die mehrheitlich von den USA und zum Teil auch Israel geführt werden – die Kriege gegen Iran und den Libanon, im Gazastreifen; gegen den US-Überfall auf Venezuela und die Verschleppung von Präsident Nicolás Maduro und gegen die militärische US-Drohpolitik gegen Kuba, aber auch gegen die Kriege im Sudan, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sahel. Nicht weniger prangerten diverse Redner die Hochrüstung in der EU an, so etwa das 800 Milliarden Euro schwere EU-Programm Rearm Europe. „Wir wollen keinen US-Imperialismus, und wir wollen keinen europäischen Imperialismus“, äußerte etwa Lindsey German, Gründungs- und bis heute führendes Mitglied der Stop the War campaign. Viele Redner stellten den unlösbaren Zusammenhang der Militarisierung mit dem Komplettabriss der sozialen Sicherheitssysteme heraus, der zur Zeit in ganz Europa stattfindet; „Austerität und Militarisierung“ seien lediglich „zwei Seiten derselben Münze“, hielt etwa Ian Hodson, Präsident der Bakers, Food and Allied Workers‘ Union (BFAWU) fest und konstatierte mit Blick darauf, dass die Regierung des scheidenden Premierministers Keir Starmer unter anderem Geld für Rollstuhlfahrer gekürzt hatte, um die Rüstung zu finanzieren: „Menschen mit Behinderung zahlen für den Krieg!“[1]

Europaweite Proteste

Der Londoner Anti-Kriegs-Konferenz ging eine zunehmende Zahl an nationalen wie auch internationalen Protesten gegen die Militarisierung voraus. In Deutschland protestierten vor allem Schülerinnen und Schüler in inzwischen drei Schulstreiks gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht.[2] In Belgien fanden in den vergangenen eineinhalb Jahren 15 landesweite Demonstrationen mit teilweise 100.000 Teilnehmern statt, die sich besonders gegen die harte Austeritätspolitik der belgischen Regierung, aber auch gegen die Hochrüstung richteten, die die Austeritätspolitik in ihrem aktuellen Umfang erst erforderlich macht.[3] Am 14. Juni wurde in Brüssel die erste europaweite Großdemonstration gegen die Militarisierung der EU abgehalten; dem Aufruf des Bündnisses Stop ReArm Europe und der belgischen Kampagne Stop Militarisation unter dem Motto „Welfare, not Warfare“ folgten rund 12.000 Personen. Schon am 6. Februar hatten sich Zehntausende in über 20 Häfen vor allem am Mittelmeer an Protesten der Hafenarbeiter gegen die Militarisierung der EU im Allgemeinen und gegen die Nutzung von Häfen für die Kriegslogistik im Besonderen beteiligt.[4] Im Herbst sollen die Proteste fortgesetzt werden – unter anderem mit einem Aktionstag der Hafenarbeiter im Oktober und einem Wochenende gegen Militarisierung im November.

Die angebliche „fünfte Kolonne“

Die Zunahme der Proteste gegen die Kriegsvorbereitung der europäischen Regierungen wird schon jetzt mit anschwellender Repression beantwortet. Auf der Londoner Anti-Kriegs-Konferenz wurde auf in der Geschichte stets wiederkehrende Bestrebungen staatlicher Stellen hingewiesen, Kriegsgegner als „fünfte Kolonne“ gegnerischer Länder zu diffamieren und sie als angebliche Parteigänger des Feindes zu sanktionieren. Im vergangenen Jahr ist die EU mit Zustimmung unter anderem der Bundesregierung dazu übergegangen, Bürger europäischer Staaten mit Personensanktionen zu attackieren. Niemand in der EU darf mit den Betroffenen Geschäfte welcher Art auch immer machen; ihre Bankkonten sind gesperrt; ihnen ist es nicht erlaubt, Geld zu verdienen. Zu den Betroffenen zählt etwa der deutsche Journalist Hüseyin Doğru, der mit seiner Frau und mit drei kleinen Kindern als „humanitäres Zugeständnis“ 506 Euro im Monat erhält, die er maximal ausgeben darf, von denen die fünfköpfige Familie also leben muss.[5] Mittlerweile haben die Behörden nicht nur Doğrus eigenes Bankkonto, sondern auch dasjenige seiner Mutter gesperrt. Identische Sanktionen hat die EU mittlerweile auch gegen den in Brüssel lebenden Schweizer Publizisten Jacques Baud und gegen die auf dem afrikanischen Kontinent lebende schweizerisch-kamerunische Aktivistin Nathalie Yamb verhängt. Allen ist gemein, dass sie keine Straftat begangen haben, aber sich auf die eine oder andere Weise gegen die EU-Aggressionen gegen Russland wenden.[6]

Jenseits des Rechtsstaats

Mit den Sanktionen hat die EU faktisch ein extralegales Strafsystem geschaffen, das ihr hilft, missliebige Personen nach Belieben auszuschalten – dies genau dann, wenn rechtsstaatliche Mittel sich nicht anwenden lassen, weil die betreffenden Personen sich nichts zuschulden kommen lassen haben. Gegen die Verhängung der Sanktionen gegen Doğru ist vor kurzem eine Petition gestartet worden. Die Maßnahme „kann nur als eine versuchte Einschüchterung von unabhängigen Journalisten und als Angriff auf die Meinungsfreiheit angesehen werden“, heißt es in der Petition: „Wir erleben die Wiederkehr politischer Justiz.“[7] Ein Gutachten, das die ehemalige Richterin am Europäischen Gerichtshof Prof. Dr. Ninon Colneric und die Juristin Prof. Dr. Alina Miron von der Universität Angers verfasst haben, stelle fest, „dass die EU-Sanktionensregelungen gegen geltendes EU-Recht verstoßen“, heißt es weiter: „Die EU benutzt [die Sanktionen] gezielt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen.“ Damit drohe sie „in Rechtlosigkeit abzugleiten“. Die Rechtlosigkeit nimmt dabei parallel zur Militarisierung und zum Abriss der Sozialsysteme zu.

[1] Ein Mitschnitt der Konferenz findet sich auf youtube.com/live/YOVqOJ1iU58 .

[2] S. dazu „Rechtzeitig Widerstand leisten“.

[3] S. dazu „Die Zeche für beides zahlen“.

[4] Jörg Kronauer: Kriegshäfen unter Beobachtung. junge Welt 09.02.2026.

[5] Matthias Monroy: Hüseyin Doğru: Bank sperrt auch Konten seiner Mutter. nd-aktuell.de 28.05.2026.

[6] S. dazu Meinung wird gemacht und Der Krieg im Innern.

[7] #freedogru. free-dogru.com

Der Beitrag ist am 27. Juni 2026 bei German Foreign Policy erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

Titelbild: Foto Peter Vlatten

Der vergessene Beginn eines Vernichtungskriegs

Deutschland erinnert nur dann an die Opfer der eigenen Verbrechen in der Vergangenheit, wenn es daraus Kapital für seine Politik in der Gegenwart und Zukunft schlagen kann. Sowjetische Opfer haben in der BRD nie gezählt.

Von PETER NOWAK

Titelbild: Drei Männer begraben während der Belagerung von Leningrad Hungertote auf dem Wolkowo-Friedhof in den Tagen des Massensterbens, Oktober 1942. Bild: Ria Novosti Archiv/CC BY-SA-3.0

Am 22. Juni 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Es war der Beginn eines Vernichtungskriegs gegen die Bevölkerung der Sowjetunion. Der Historiker Dietrich Eichholtz fasste die mörderischen Folgen so zusammen: „Der Rassismus in seiner brutalsten und umfassendsten Form diente als ‚Begründung‘ für die Ermordung und Aushungerung von Millionen und für die Vertreibung (‚Aussiedlung‘) von Dutzenden Millionen Slawen und Juden, schließlich auch für die Ausbeutung von Millionen verschleppter Männer und Frauen als Arbeitssklaven in Deutschland und innerhalb der Wehrmacht.“

Die Aushungerung der Bevölkerung in der Sowjetunion war eine zentrale Strategie der NS-Planer. Die Blockade Leningrads war ein bewusster Hungerkrieg gegen eine Millionenstadt. Auch die Ermordung hunderttausender sowjetischer Kriegsgefangener durch Verhungernlassen oder Erschießen war Teil dieses deutschen Mordprogramms.  Mit dem berüchtigten Kommissarbefehl sollte die Liquidierung der sowjetischen Führungskräfte auf allen Ebenen vorangetrieben werden.

Daher müsste man denken, dass für den selbsternannten Aufarbeitungsweltmeister Deutschland dieser 22. Juni 1941 ein wichtiger Tag der Erinnerung und des Gedenkens ist. Schließlich verbinden sich mit diesen Tag alle Verbrechen des deutschen NS-Faschismus: dazu gehörten der eliminatorische Antisemitismus, ein mörderischer Antikommunismus, der in der NS-Sprache zum jüdisch-bolschewistischen Feind wurde, und ein Rassismus gegen die slawische Bevölkerung. Die Kombination aus den unterschiedlichen Versatzstücken des NS-Ideologie sorgte dafür, dass es genügend willige Vollstrecker in der Wehrmacht und ihren Verbündeten gegeben hat, die erst dafür sorgten, dass die mörderischen Pläne zur Vernichtung von Millionen Menschen umgesetzt werden konnten. Eine Erinnerungspolitik müsste daher diesem 22. Juni 1941 eine zentrale Bedeutung beimessen. Doch die Realität rund um den 22. Juni 2026 sieht ganz anders aus.

Vom Sinn der deutschen Erinnerungspolitik

Es gibt weder Sondersitzungen im Bundestag, es gibt keine Ansprachen der letzten Überlebenden der SS-Mordpläne oder von deren Angehörigen. Auch in den Medien spielte der 85. Jahrestag des Beginns des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion keine Rolle. Es gab im Deutschlandfunk zumindest an prominenter Stelle keine Sendung dazu. Dafür erinnerten einen Tag später gleich mehrere Beiträge an den 10ten Jahrestag der Abstimmung über den Brexit in Großbritannien. Da wird deutlich, wo die Prioritäten liegen.

Die Frage, warum der selbsternannte Gedenkweltmeister Deutschland so wenig Wert auf Erinnerungen an den 22. Juni 1941 legt, ist schnell beantwortet. Deutschland erinnert nur dann an die Oper der eigenen Verbrechen in der Vergangenheit, wenn es darauf Kapital schlagen kann für seine Politik in der Gegenwart und Zukunft. Sowjetische Opfer haben in der BRD nie gezählt und zählen schon gar nicht, wenn es heute gilt, wieder kriegsfähig gegen Russland zu werden.

Schwarzer Rauch über Moskau: Revanche für die Niederlage am 9. Mai 1945

So inspizierte Bundeskriegsminister Pistorius, der anders als sein Kollege in den USA noch unter der irreführenden Bezeichnung Verteidigungsminister am 22. Juni 2026 die erste größere Übung der Bundeswehr-Panzerbrigade im Osten Litauens, also  auf ehemaligen sowjetischen Gebiet nahe an der Grenze zu Russland.  85 Jahre nach dem mörderischen Überfalls Deutschlands und anderer Hilfswilliger ist dieser Besuch eine Kampfansage. Deutschland rückt vor auf ehemaliges sowjetisches Gebiet und zeigt mit dem Datum, dass es auf historische Empfindsamkeiten keine Rücksicht mehr nehmen braucht.

Der deutsche Imperialismus wird von den Nachfolgeorganisationen jener Hilfswilligen gestützt, die bereits 1941 zu Unterstützern des deutschen Drangs nach Osten wurden. Es waren Nationalisten aus den baltischen Staaten ebenso wie aus der Ukraine, die sich zeitweise mit Hitlerdeutschland verbündeten, weil sie gemeinsame Gegner hatten, Juden, Russen und Kommunisten.  Mit dem Vormarsch der Roten Armee flohen diese Kräfte ins Deutsche Reich. Im Kalten Krieg wurden aus den Naziverbündeten schnell Kämpfer gegen Bolschewismus.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion kam die Stunde dieser prodeutschen Nationalisten. In den baltischen Ländern hatten sie bald die Mehrheit. In der Ukraine dauerte der interne Machtkampf bis 2014. Bis dahin hatten sich die prorussische, neutralistische und prodeutsche bzw. EU-Fraktion Machtkämpfe geliefert. Mit dem Maidan-Umsturz 2014 setzte sich letztere mit kräftiger Unterstützung von Deutschland und anderen EU-Staaten durch.  Mit der Ausschaltung großer Teile ukrainischen Opposition wollten sie ihre Herrschaft stabilisieren. Hier wurden die Weichen gestellt für den Konflikt mit den russischen Nationalisten um Putin, der schließlich zum Einmarsch der russischen Armee und den aktuellen Krieg führte.

Diese Vorgeschichte ist notwendig, um den Konflikt zu verstehen, bedeutet allerdings keine Parteinahme auf einer Seite des Konflikts. Denn auf beiden Seiten stehen nationalistische Kräfte, die  viel von der Ehre des jeweiligen Volks schwadronieren, das sie real im Krieg verheizen, wie die immensen Opfer im russisch-ukrainischen Stellungskrieg auf beiden Seiten zeigen.

Wie Deutschland seine Geschichte entsorgt

So sehr es sich verbietet, sich in dem Konflikt zweier nationalistischer Bewegungen auf eine Seite zu stellen, so wichtig ist es aber zu benennen, wie Deutschland den Konflikt nutzt, um seine Geschichte zu entsorgen.  Gedenken an sowjetische Opfer des deutschen Vernichtungskriegs waren in der BRD schon immer ein Fall für den Verfassungsschutz wie die Initiative Blumen für Stuckenbrock, die sich um das Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen bemühte, die auf dem Platz in Ostwestfalen litten und starben.

Seit den 1980er Jahren gab es viele Geschichtsinitiativen von unten, die an vielen Orten auch den sowjetischen Opfern gedenken wollten. Sie wehrten sich dagegen, dass sie einfach alle unter dem Label „die Russen“ unsichtbar gemacht werden sollten. Sie erinnerten an den historischen Fakt, dass in der Roten Armee Menschen aus den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen kämpften, die in der Sowjetunion lebten. Eine wichtige Rolle nahmen dort die ukrainischen Soldaten ein, die auch eine wesentliche Rolle bei der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz spielten.

Spätestens nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine ging die Entsorgung der deutschen Verbrechensgeschichte mit Riesenschritten voran. Kaum jemand redet noch die über die multinational aufgestellte Rote Armee, jetzt waren es wieder die Russen und die waren schon lange das Feindbild. So ist es natürlich ein besonderer Triumph des deutschen Revanchismus, das Zeigen sowjetischer Symbole ausgerechnet rund um den 9. Mai zu verbieten

Neuer deutscher Geschichtsrevisionismus

Wozu die Reste der deutschen Wehrmacht auch mit Hilfe des Wehrwolfs und der Hitlerjugend nicht mehr in der Lage war, erledigten jetzt deutsche Gerichte. Sowjetische Symbole sind am Tag der Befreiung  nicht erlaubt. Das ist eines von vielen Beispielen für den neuen deutschen Geschichtsrevisionismus. Wenn dann der ehemalige Neonazi und heutige Berater im ukrainischen Verteidigungsministerium Serhi Sternenko am 9. Mai 2026 auf seinem Telegram-Kanal kundtat, dass „Russen kein Recht auf Leben haben, sie Leiden und Tod verdient haben“, zeigt sich, dass hier Kräfte am Werk sind, die Rache nehmen wollen für die Niederlage vom 9. Mai 1945.  Dieser Prozess hat sich in den letzten Jahren so massiv beschleunigt, wie es auch die größten Pessimisten nach 1989 nicht für möglich gehalten wurde.

Dass in der Ukraine die NS-Verbündeten von einst wieder geehrt werden, die auch viele polnische Menschen ermordeten, führte zum Eklat zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Präsidenten. In Deutschland aber wird jede Kritik daran in die Nähe von Landesverrat für Putin gerückt.  Denn längst ist das offizielle Credo ausgegeben: Deutschland wird in der Ukraine verteidigt. Jeder Treffer von ukrainischen Drohnen auf russischem Gebiet wird in den meisten deutschen Medien  gefeiert. Da geht es nicht nur um den militärischen Widerstand eines überfallenen Landes. In Deutschland zumal ist es auch ein Stück Revanche der Nachgeborenen im Spiel, die der Roten Armee, die in Westdeutschland immer nur die Russen genannt wurde, nie verziehen haben, dass sie am 9. Mai 1945 das NS-Regime zur bedingungslosen Kapitulation zwangen.

Was in der Ukraine an rechtem Nationalismus bis hin zum Faschismus längst wieder etabliert ist, kann als Pilotprojekt  für andere europäische Länder dienen. Auch Linksliberale, die in Deutschland so leidenschaftlich die Brandmauer gegen die AfD verteidigen, schweigen zu der Kooperation mit dem ukrainischen Ultrarechten oder verteidigen sie sogar offensiv. Dabei wäre eine Entnazifizierung in der Ukraine angebracht. Aber nicht im Sinne Putins und mit Waffen, sondern von einer Zivilgesellschaft, die beispielsweise das Gedenken an berüchtigte Antisemiten und Naziverbündete verhindern will.  Es stellt sich schon die Frage, warum selbst manche erklärte Linken nicht den Mut haben, die faschistischen Tendenzen in der Ukraine genau so klar zu benennen und zurückzuweisen wie bei allen anderen  Staaten.

„Russland ist nicht unser Feind“

Es gab kleine Initiativen, die am 85. Jahrestag des Beginns des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion erinnerten. Dazu gehörte eine Gedenkveranstaltung der Linksfraktion im Bundestag zum 85. Jahrestag oder am 20. Juni 2026 eine Kundgebung unter dem Motto „Russland ist nicht unser Feind“. Dort wurden, oft polemisch zugespitzt, einige Fakten benannt, die hierzulande reichen, um jemand als Putin-Freund abzustempeln.

Doch auf der Kundgebung wurde eine deutsch-russische Freundschaft beschworen, bei der ebenfalls die Geschichte geklittert wird. Auf einem Transparent stand die Parole „Wir vergessen nie – Russland ist unser Freund“ unter einem Foto, das sowjetische Soldaten mit der berühmten Gulaschkanone zeigte, aus der nach der Zerschlagung des NS 1945 die Berliner Bevölkerung verköstigt wird.  Hier wird die Rote Armee mit den Russen gleichgesetzt und damit unterschlagen, dass dort ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen kämpften, die auf dem Boden der Sowjetunion lebten. Auf dem Foto als Grundlage für das Transparent könnten ukrainische Soldaten ebenso zu sehen sein wie aus vielen anderen Regionen. Viele Jahrzehnte versuchten progressive Initiativen, die Erzählung von den Russen, die 1945 Berlin eroberten, mit historischen Fakten zu widerlegen. Da ist es fatal, wenn jetzt auch manche, die sich der gesellschaftlichen Linken zurechnen, diesen Mythos bedienen.

Dagegen gilt es deutlich zu machen, dass das nationalistische Regime unter Putin nicht mit der Sowjetunion gleichzusetzen ist und  auch nicht mit der Roten Armee, die Hitler-Deutschland besiegte. Solche historische Mythologisierung erschwert Bündnisse mit emanzipatorischen Kräften in allen osteuropäischen Ländern und im Exil, die sich gegen Nationalismus, Antisemitismus und Militarismus auf allen Seiten engagieren. Die Initiative Post-sowjetische Linke, in der sich in Deutschland lebende Migranten aus verschiedenen osteuropäischen Ländern organisieren,  ist dafür ein gutes Beispiel.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 27.6. 2026
Der vergessene Beginn …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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