Weidel ante portas! Wie die politische Klasse die AfD voranbringt

Der AfD-Durchmarsch hat Ursachen. Doch danach darf die politische Klasse nicht fragen. Andernfalls müsste sie ihre asoziale Politik einstellen.

Von HANS-PETER WALDRICH

Titelbild: By Phil Nash from Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Gemeint ist die ständige Umverteilung von unten nach oben und die Verunsicherung der dadurch benachteiligten Menschen. Die Rede ist vom System Kapitalismus. Der Kapitalismus ist „wegen der ihm eigenen Struktur… von Grund auf antidemokratisch. Selbst im besten Fall ist die Demokratie in einer kapitalistischen Gesellschaft zwangsläufig begrenzt und schwach.“

Im Grunde ist das ein Gemeinplatz der Kapitalismuskritik. Unendlich oft wurde gezeigt, wie der Kapitalismus eine lediglich „formale“ Demokratie zulässt. Hinter der formalen Fassade werden jene Transaktionen abgewickelt, aus denen die reale Macht hervorgeht und die Machtlosigkeit der Vielen folgt.

Das Zitat stammt aus dem aktuellen Buch der Professorin an der New School for Social Research in New York, Nancy Fraser. Passend lautet der Titel: „Der Allesfresser“. Und tatsächlich gibt es nichts, was der Kannibale Kapitalismus nicht in sich hineinschlingt. Die Demokratie ist für ihn ein Leckerbissen. So lange viele Menschen an die Fassade glauben, kann so getan werden, als existiere hier kein Problem. Von den Kommunen bis zum Bundeskanzleramt: alles Demokratie! Wie kommt es, dass es so viele Menschen anders sehen und sich „Alternativen“ wünschen?

Rechtspopulistische Siege: USA und Russland

Modellfall USA. Da missbraucht ein rechtspopulistischer Lügner die soziale Hilflosigkeit der Wähler für Entscheidungen, mit denen er „Stärke“ demonstriert. Er bedient die Größenfantasien der sozialen Verlierer, die hoffen, dass Gewalt ein probates Mittel darstellt, um „Ordnung“ zu schaffen. Doch hinter dem polternden Demagogen positionieren sich die Oligarchen, die das Demokratiegetue durch eine saftige Plutokratie ersetzen wollen. Sie warten noch auf den Cäsar, der das vorläufig angerichtete Chaos in den Griff nimmt und im Sinne florierender Geschäfte wieder systematisiert.

In spezifischer Abwandlung, aber durchaus als Variante, konnte dieser Prozess der Demokratievernichtung in Russland beobachtet werden. Über Kreditvergabe bestand der Westen darauf, das nominelle Volkseigentum der UdSSR in die Verfügungsmasse von Superreichen zu verwandeln. Unterdessen ist Russland ein abgekartetes Spiel der russischen Elon Musks und Peter Thiels, das von einem Mafiaboss bewacht wird. Die Strukturmerkmale des amerikanischen und des russischen Kapitalismus verwirklichen zwei Modifikationen des gleichen Themas: Uferloser Reichtum schlägt in Macht um, Macht in totale Herrschaft und diese schließlich in Krieg.

Die Brandmauer und die Wut

Hier in Deutschland hat man eine Brandmauer errichtet. Aber sie richtet sich nicht gegen die Machtkonzentration, die der radikale Markt hervorbringt, sondern gegen einfache Menschen, die unter den Folgen leiden. Man bekämpft falsche Meinungen und nicht die Umstände, aus denen sie hervorgehen. Man prügelt die Gebeutelten und nicht diejenigen, die sie in ihre Lage gebracht haben. Das schafft Wut und führt der AfD Sympathisanten zu.

Schauen wir auf die Wähleranalysen. Sie haben etwas mit den realen soziologischen Bedingungen zu tun, die das Verhalten der Menschen durchschnittlich determinieren. Gewählt wird in der Regel nicht aufgrund von weiser Einsicht, sondern als Reflex der sozialen Lage. Die Forschungsergebnisse zeigen das.

Wähler der AfD seien vor allem Menschen, die sich der „gesellschaftlichen Entwicklung regelrecht ausgeliefert fühlen“, so der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer unter Bezug auf die empirischen Daten. Das deckt sich nicht unbedingt mit jenen, die schlecht verdienen oder in sozialer Not sind, aber auch die gehören dazu. Bestimmte soziale Milieus erleben schon lange eine Art Entwurzelung.

Sie haben das Gefühl, dass ihnen das Leben entgleitet und sie die Kontrolle verlieren. Dieser Kontrollverlust wurde auch als „Prekarisierung“ beschrieben und kann besonders drastisch neben den USA auch in Großbritannien beobachtet werden. In Deutschland im Osten mehr als im Westen.

Wie etwa fühlt sich der Lebensalltag eines Leiharbeiters, eines jungen Menschen, der sich von einer befristeten Stelle zur nächsten hangelt, einer Frisörin oder einer alleinerziehenden Mutter an? Wie der eines Rentners, der darum betteln muss, sich ernähren zu können oder Zahnersatz zu bekommen? Wie etwa sollte ein Paketbote das Gefühl entwickeln, Kontrolle auszuüben und sei es auch nur im Hinblick auf die nächsten Monate? Während sich die Mieten auf den Konten von Konzernen ansammeln und in die Portfolios reicher Aktionäre wandern (Vonovia!), erzeugt es bei anderen schlaflosen Nächten, wenn das Wohngeld gekürzt werden soll. Viele Menschen sind nichts als Spielbälle und sie wissen das. Ab und zu ein Kreuzlein malen zu dürfen, tröstet da wenig.

Demokratieentleerung und die Flucht ins Autoritäre

Das Zusammenspiel von Liebedienerei gegenüber dem großen Geld und dem Verlust des Vertrauens in das demokratische Prinzip nennt Heitmeyer „Demokratieentleerung“. Ein „zunehmend autoritärer Kapitalismus verstärkt soziale Desintegrationsprozesse in westlichen Gesellschaften, erzeugt zerstörerischen Druck auf liberale Demokratien und befördert autoritäre Bewegungen und Regime“.

Und dabei geht es um Prozesse, die auf einen Ersatz für die verlorene Kontrolle zielen. Die „Nachfrage nach politischen Angeboten“ der rechtspopulistischen Art ziele darauf ab, „die Kontrolle wieder herzustellen, und zwar durch die Ausübung von Macht und Herrschaft sowie über Ausgrenzung und Diskriminierung bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.“  Ein Team um Heitmeyer konnte in zehnjähriger Längsschnittstudie nachweisen, dass die politisch gewollte oder wenigstens zugelassene soziale Verunsicherung mit der Zunahme von Vorurteilen oder Gewalt gegenüber Schwächeren korreliert.

Und während sich die Parteien (ausgenommen das BSW und die Linkspartei) als Vertretungen einer sozial gesättigten oberen Mittelschicht anbiedern, kommt es zu einem heimlichen Einverständnis zwischen den Absahnern ganz an der Spitze und jenen, die sich noch gesichert fühlen.

Man kann geradezu von einer Kumpanei sprechen: Denn es sind vor allem jene Milieus, die sich gut bedient wissen (man denke z. B. an Beamte des höheren Dienstes), die die Demokratieillusion pflegen und damit verdecken, wo die wirklichen Zentren der Macht liegen. Die Brandmauer ist der Schutzwall des Milieus der Gesättigten, während die Prekarisierten wie in einer anderen Welt leben. Dort ist von Demokratie als einer Staatsform des gerechten Gemeinwohls wenig angekommen. Wer – ohne diesen Hintergrund zu berücksichtigen – auf die AfD einschlägt, fordert zugleich, die sozialen Ungerechtigkeiten zu vergessen und – gefälligst! – die richtige Einstellung zu übernehmen, nämlich die des eigenen Milieus.

Andererseits ist es richtig, dass die AfD keine Lösung sein würde. Wenn Alice Weidel einmal meinte, Margaret Thatcher sei ihr Vorbild, also jene steinharte Funktionärin des großen Geldes und die Erzeugerin der britischen Massenarmut, so kann man sich denken, dass mit dem strikten Gegenteil dessen zu rechnen wäre, was AfD-Wähler sich erhoffen.

Zerrissene Gesellschaften

Worum geht es also? Lassen wir einen der prominentesten Sozialwissenschaftler der alten Bundesrepublik zu Wort kommen, den verstorbene Soziologen Ralf Dahrendorf, der zuletzt die London School of Economics leitete. Ralf Dahrendorf war alles andere als ein Sozialist und favorisierte die FDP, als sie noch als sozial-liberal bezeichnet werden konnte.

„Es ist schwer zu sagen, an welchem Punkt Ungleichheiten, insbesondere des Einkommens, Solidarität in einer Gesellschaft zerstören. Sicher aber ist, dass keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen. In modernen Staatsbürgergesellschaften bedeutet solcher Ausschluss die praktische Leugnung von sozialen Grundwerten. Das heißt aber, dass solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, dass ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten.“

Also: Es ist nicht so sehr die AfD, die die Demokratie zerstört. Die Demokratieentleerung hat schon zuvor stattgefunden und ist das Ergebnis der antisozialen Politik jener, die u.a. die AfD nicht ganz zu Unrecht als „Kartellparteien“ bezeichnet. In den USA ist Trump ein fast schon logisches Produkt der vorausgegangenen Politik und das sowohl der Republikaner wie auch der Demokraten. Wie wäre es sonst möglich gewesen, jene verhängnisvolle Sprengkraft der MAGA-Bewegung zu erzeugen, wäre nicht im langfristigen Vorlauf einiges geschehen, diese Sprengkraft anzuhäufen?

In Deutschland haben die maßgeblichen Parteieliten jenen Verfassungsauftrag konterkariert, der in Artikel 20 der Deutschen Grundgesetzes die soziale Demokratie vorschreibt. Und die sollte weit mehr als ein Almosenstaat sein. Die SPD, die damals im Parlamentarischen Rat (der Versammlung, die das Grundgesetz verabschiedete) das unabdingbar Soziale an der Demokratie weit wirkungsvoller fassen wollte, hat bekanntlich diesen Kern ihres eigenen Programms längst entsorgt.

So geriet in Vergessenheit, dass Demokratie ohne Ausgleich, „Demokratie“, die vielen Menschen Angst macht, „Demokratie“, die systematisch Zugehörige und Ausgeschlossene produziert, sich schließlich selbst abschafft. Zu Beginn der Bundesrepublik war eine pluralistische Gesellschaft der sozialen Gerechtigkeit vorgesehen. Nun geht es in Richtung Plutokratie ohne Gerechtigkeit. Die Hoffnungen auf Demokratie sind enttäuscht worden. „Starke Männer“, hartes Durchgreifen sowie möglicherweise die Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen, erleben eine Wiedergeburt.

Quellen u. a.:

Ralf Dahrendorf: Die Quadratur des Kreises. Ökonomie, sozialer Zusammenhalt und Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/1997.

Nancy Fraser: Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt, 3.. Aufl. Berlin 2023 (editon suhrkamp).

Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I, Berlin 2018 (edition suhrkamp).

Hans-Peter Waldrich: Von Marx zu Kant: Bad Godesberg und der „ethische Sozialismus“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/2009.

Hans-Peter Waldrich: Demokratie und Sozialismus. Westdeutschland und die Ideen der ersten Stunde, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5/2019.

Hans-Peter Waldrich

Dr. Hans-Peter Waldrich ist Politikwissenschaftler (Dipl. sc. pol.). Sein Geld hat er vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980ger-Jahre engagierte er sich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag oder die Blätter für Deutsche und internationale Politik, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 12.8. 2026
Weidel ante Portas!

Wir danken für das Publikationsrecht.

Filmvorführung und Diskussion: „Gleichgeschaltet – Deutschland gegen den Palästina-Kongress“

Veranstaltung „Gleichgeschaltet – Deutschland gegen den Palästina- Kongress“

25. 8. 2026, bUm Paul-Lincke-Ufer 21, 10999 Berlin

Einlass: 18:30 Uhr – Filmbeginn: 19:00 Uhr – Q&A mit Dror Dayan und Panelist:innen: 20:OO Uhr, Tickets

palaestinakongress.de


Im April 2024 hat die Berliner Polizei die geplante dreitägige Konferenz „The Palestine Congress“ gesprengt und verfassungswidrig verboten. Der Film „Gleichgeschaltet – Deutschland gegen den Palästina-Kongress“ zeigt die koordinierte Maschinerie der Zensur und staatlichen Gewalt, mit der Deutschland gegen seine eigenen Regeln verstieß, um die israelischen Gräueltaten in Palästina um jeden Preis zu verteidigen.

Anhand von Interviews mit Organisator*innen, geplanten Redner*innen, Anwält*innen und Journalist*innen wird nicht nur die bedingungslose Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland für den anhaltenden Genozid in Gaza analysiert, sondern auch die breiteren Umstände im Land, als sich Deutschland darauf vorbereitet, wieder ein führender imperialistischer Akteur auf der Weltbühne zu werden – koste es, was es wolle.

Der 40-minütige Film wird am 25.08. seine erste öffentliche Vorführung feiern. Wir laden euch herzlich ein, ihn mit uns zu sehen und anschließend mit dem Filmemacher Dror Dayan und weiteren Gästen seine Inhalte zu diskutieren.

Der Film wird auf Deutsch/Englisch gezeigt. Die anschließende Diskussion findet auf Deutsch statt.

26. 8. 2026, bUm Berlin

Einlass: 18:30 Uhr – Filmbeginn: 19:00 Uhr – Q&A mit Dror Dayan und Panelist:innen: 20:OO Uhr

Tickets

Widerstand und kein Schritt zurück – offener Brandbrief von Mercedes Vertrauensleuten und Betriebsräten an den Vorstand der IG Metall.

Die Stimmung unter den Kolleg:innen in der Automobilindustrie ist vielerorts auf dem Siedepunkt. Mit der Resolution „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“ hatte der Vertrauenskörper von Mercedes Stuttgart Untertürkheim ein landesweit beachetes Signal gesetzt. Die Erklärung hatte ein gewaltiges Echo, nicht zuletzt bei Aktivist:innen und ehrenamtlichen Mitgliedern der IG Metall, insbesondere unter der Jugend.

Es geht um Klassenkampf. Es geht um Politik gegen die Gesamtheit der Interessen und gegen die Zukunft aller Beschäftigten. Diese Politik wird gerade gnadenlos durchgesetzt. Soziale und politische Errungenschaften und ein Leben in Frieden stehen in beispielloser Weise zur Disposition. Nur entschiedener Klassenkampf von unten kann da die Anwort sein.

Die Gewerkschaftsspitzen reagierten mit bundesweiten Protestaktionen.

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch: „mit Verzicht erhalten wir unsere Arbeitsplätze nicht.“ „Gegen die betrieblichen, tariflichen und gesetzlichen Verschlechterungen von Arbeits- und Sozialstandards zugunsten von Rendite und einer extremen Militarisierung“, reichen verbale Drohrituale und Showveranstaltungen nicht mehr aus. „Wir brauchen Flächenstreiks, um die massiven Angriffe abzuwehren.“

Es gibt Fragen, die beantwortet sein wollen. Eine davon ist, wie ernst meint es die eigene Führung damit, den notwendigen Widerstand zu organisieren, um die gegenwärtige Angriffswelle von Kapital und Regierung zurückzuschlagen? Wie ehrlich gehen wir als Gewerkschafter:innen miteinander um?

Vertrauenskörper und Betriebsräte von Mercedes-Benz haben am 3. August 2026 dazu einen „offenen Brief“ an den Vorstand der IG Metall verschickt. Anstoß war eine gemeinsame Erklärung der Vorstände von IG Metall und IG BCE mit dem Unternehmerverband BDI, über die das Handelsblatt berichtete. [1]da der Bericht hinter einer Bezahlschranke liegt, wurde uns der Beitrag in pdf Format zur Verfügung gestellt, damit sich alle Mitglieder ein authentisches Bild machen können

Der IG Metall Vorstand hatte nach unseren Informationen eine kurzfristige Beantwortung zugesagt. Nachdem diese Antwort nun auch nach 10 Tagen nicht vorliegt, ist der Zeitpunkt gekommen, den Brandbrief breit zu veröffentlichen. Es ist das gute Recht aller Gewerkschafter:innen, über grundlegende Kontroversen in den eigenen Organisationen zeitnah informiert zu werden. Intransparenz schafft Mißtrauen und spielt nicht zuletzt der AFD in die Hände.

Über eine Stellungnahme des IG Metall Vorstandes und den weiteren Diskurs werden wir informieren!

Offener Brief an den Vorstand der IG Metall


Betrifft: Gastkommentar im Handelsblatt vom 29.06.2026


In Verantwortung für unsere Mitglieder wenden wir uns mit einem offenen Brief an unsere Organisation und damit auch stellvertretend an den Vorstand der IG Metall.

Liebe Christiane Benner, Jürgen Kerner, Nadine Boguslawski, Ralf Reinstädtler, André Arenz,


Mitte Juni beschlossen die IG Metall Bereichs-Vertrauenskörperleitungen bei Mercedes Untertürkheim eine Resolution, in der sie die aktuelle Politik der Bundesregierung mit klaren Worten beschreiben. Dort heißt es, mit dem angekündigten Stellenabbau, der geplanten Abschaffung des 8-Stunden-Tags und all den weiteren Angriffen auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen hätten die Bosse und ihr Staat uns, den lohnabhängig Beschäftigten, den
Krieg erklärt.

Damit sprechen die Kollegen vielen von uns aus der Seele. Das macht sich nicht nur durch die immense positive Resonanz, sondern auch dadurch bemerkbar, dass andere Standorte und Betriebe nachzogen und ähnliche Resolutionen veröffentlichten. Auch eine Jugendresolution wurde vor einigen Tagen verabschiedet, welche wir sehr begrüßen.

Umso größer waren unser Erstaunen und unsere Empörung, als wir wenige Tage später den Gastkommentar von Christiane Benner gemeinsam mit dem milliardenschweren BDI-Präsidenten Peter Leibinger und dem Vorsitzenden der IGBCE, Michael Vassiliadis, lesen mussten. Wie passt das zusammen, dass unsere Vorsitzende auf der einen Seite einen Gastkommentar gemeinsam mit einem eindeutigen Vertreter der Kapitalseite verfasst und auf der anderen Seite auf der 80 Jahre Feier der IGM Stuttgart vom „Autobahn besetzen“ schwärmt? Mit dem Kapital gemeinsam die Feder zu schwingen und gleichzeitig uns Mitgliedern die Kampfbereitschaft zu predigen hat mit Authentizität nichts zu tun. Wir fragen uns: welche der beiden Seiten spielt uns etwas vor?

Während in der Resolution dazu aufgerufen wird, den Angriffen von Regierung und Unternehmern entschlossen entgegenzutreten, wird in dem gemeinsamen Gastkommentar öffentlich für eine gemeinsame „Agenda“ von Industrieverbänden und Gewerkschaften geworben, „die Kosten senkt […] und Produktivität erhöht.“

Wir sagen es ganz deutlich: Damit spricht unsere Vorsitzende weder in unserem Namen noch im Namen der vielen Tausend aktiven betrieblichen Kolleginnen und Kollegen, die hinter uns stehen.

Was uns zusätzlich verwundert: Warum erscheint dieser Kommentar nur wenige Tage nach der Untertürkheimer Resolution? Ist der Gastkommentar als bewusster öffentlicher Widerspruch zu der Positionierung aus unseren Betrieben gemeint?

Falls ja, würde uns interessieren, welche der Einschätzungen aus der Resolution der Vorstand aus welchem Grund für falsch hält. Und warum dann nicht die direkte Diskussion mit uns an der gewerkschaftlichen Basis gesucht wird, anstatt sich öffentlich gegen uns betrieblich Aktiven und an die Seite unserer Gegner zu stellen.

Wir fragen uns außerdem, was denn die in dem Gastkommentar genannten „ideologischen Gräben“ sein sollen, aus denen „alle herauskommen sollen“. „Alle“? Also auch wir?

Wir denken nicht, dass wir in irgendeinem ideologischen Graben sitzen oder die wirtschaftliche und politische Lage nicht verstehen würden. Wir verteidigen lediglich das, was Generationen von Gewerkschaftern vor uns erkämpft haben. Wir vertreten konsequent unsere Interessen als Beschäftigte, anstatt so zu reden, als säßen Beschäftigte, Gewerkschaften undUnternehmer plötzlich im selben Boot. Und genau diese Haltung erwarten wir auch von der
Vorsitzenden unserer Gewerkschaft.

Besonders irritiert uns dabei ein Satz aus dem Gastkommentar: „Notwendig ist jetzt eine Haltungsänderung im Land. Wir müssen mehr wollen und leisten.“

Millionen Beschäftigte leisten bereits jeden Tag mehr als genug. Sie arbeiten in Schichtsystemen, machen Überstunden, kompensieren Personalabbau, stemmen den Fachkräftemangel und sorgen dafür, dass die Produktion überhaupt läuft. Von einer Gewerkschaftsvorsitzenden hätten wir erwartet, dass sie diese Leistung verteidigt und nicht öffentlich Argumentationsmuster übernimmt, mit denen Arbeitgeber seit Jahren längere Arbeitszeiten, niedrigere Standards und weitere Verschlechterungen begründen.

Mindestens ebenso unverständlich ist die wirtschaftspolitische Argumentation, mit der die „Agenda“ jetzt erklärt werden soll. In jeder Tarifrunde erklärt die IG Metall den Kollegen, dass höhere Löhne die Massenkaufkraft stärken, Arbeitsplätze sichern und die Wirtschaft ankurbeln. Plötzlich soll nun ausgerechnet die Senkung der Massenkaufkraft ein Weg aus der Krise sein? Das widerspricht unserer eigenen Argumentation grundlegend. Wie sollen wir das
den Kollegen glaubwürdig erklären, nachdem wir jahrzehntelang genau das Gegenteil vertreten haben?

Das Absenken der Massenkaufkraft bedeutet weniger Nachfrage, weniger Aufträge und letztlich noch mehr Druck auf unsere Arbeitsplätze. Der Regionale Markt und die Zukunft unserer Kollegen werden mit unseren Zugeständnissen zerstört. Wer behauptet, man könne sich durch Absenkung der Stundenlöhne aus einer Krise herausarbeiten, muss auch der Frage Stand halten können, wie das funktionieren soll. Doch genau diese Antworten bleiben aus.

Wir kennen es doch schon – hinter Vorschlägen wie diesen steht am Ende immer dasselbe: Personalabbau. Die aktuelle Krise in der Automobilindustrie bedeutet für uns weiteren Personalabbau. Auch bei den Zulieferern. Deshalb nutzen die Arbeitgeber jetzt unsere Unsicherheit, um ohne großen Gegenwind Arbeitszeitverlängerungen und weitere Verschlechterungen durchsetzen zu können.

Wir wollen es deshalb noch einmal klar sagen: Die Unternehmerverbände, die Bundesregierung und wir Beschäftigten verfolgen gegenwärtig
offensichtlich sehr unterschiedliche Interessen. Sie wollen auf unseren Kosten ihre Krise überwinden und ihre Profite sichern oder ausweiten. Wir dagegen wollen gute Arbeitsstandards erhalten, soziale Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, Gesundheit und Frieden.

Das „positive Zukunftsbild“, von dem Christiane im Handelsblatt-Kommentar schreibt, ist deshalb nicht einfach eine Frage der „Verbindung von technischer und gesellschaftlicher Innovation“, wie es dort heißt. Es ist letztlich eine Frage gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Also der Frage, welche Interessen sich politisch und wirtschaftlich durchsetzen.

Unsere Interessen werden nicht dadurch verwirklicht, dass wir die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit ausblenden. Sie werden allein durch Arbeitskampf, also durch Protest, Widerstand und notfalls durch Streik durchgesetzt. Nur so können wir die Profitlogik dort zurückdrängen, wo sie unseren Arbeits- und Lebensbedingungen entgegensteht, denn „Unternehmer werden nie zu Menschenfreunden, wenn man sie nicht dazu zwingt.“ (Michael
Moore)

Wenn Källenius meint, Mercedes als Rammbock der Verschlechterung durch die deutschen Betriebe zu jagen, dann müssen wir die Schilder hochhalten und unseren Platz als starke Sturmtruppe endlich wieder aufnehmen!

Deshalb raten wir unserer IG Metall dringend zu Folgendem:

  • Kein Zurückweichen in der kommenden Tarifrunde. Wir wollen und müssen kämpfen.
  • Eine Erhöhung der 35-Stunden-Woche ist nicht verhandelbar. Wie können wir an unserer Glaubwürdigkeit festhalten, wenn wir bereit sind, einen unserer größten tariflichen Erfolge kampflos wieder her zu geben? Jeder Kompromiss, der die Arbeitszeit steigen lässt, ist eine Niederlage, die wir als Gewerkschaft nicht verkraften können.
  • Sollte der Arbeitgeberverband den Manteltarifvertrag kündigen, um seinen Forderungen nach längeren Arbeitszeiten Taten folgen zu lassen, oder sollten Unternehmensvorstände den Arbeitgeberverband verlassen, um uns auf Unternehmensebene anzugreifen, haben wir keine Angst vor einer Eskalation. Die Forderungen der Kapitalseite sind eine Ohrfeige. Es ist jetzt höchste Zeit für uns zu reagieren! Mit der entsprechenden Haltung, auch unserer Führung, können wir diesen Konflikt gewinnen.
  • Kein Schritt zurück! Es sieht so aus, als könnten Mercedes und VW der Rammbock dieser Offensive gegen tarifliche und soziale Standards werden. Sollten wir zurückweichen oder passiv bleiben, werden die Angriffe in vielen anderen, weniger gut organisierten Betrieben umso heftiger ausfallen. Wenn wir den Damm bei Mercedes und VW brechen lassen, dann wird die Flut nicht mehr aufzuhalten sein.
  • Wir wollen keine weiteren Differenzierungsklauseln im Tarifvertrag. Sinn des Flächentarifvertrags ist es, Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu vereinheitlichen und gemeinsame Kämpfe in der gesamten Branche zu ermöglichen. Deshalb ist es falsch, den Tarifvertrag durch immer neue betriebliche Abweichungsmöglichkeiten auszuhöhlen oder gar davon zu sprechen, „die interne Organisationslogik von […] Gewerkschaften [zu] überwinden.“
  • Wir brauchen echte Beteiligung statt fauler Kompromisse! Wenn wir die Kollegen in der Auseinandersetzung mitnehmen, werden sie sich nicht verraten fühlen. In einem Manager-Magazin eine gemeinsame „Agenda“ mit der Kapitalseite anzukündigen ist jedenfalls keine Basisbeteiligung. Beteiligung bedeutet auch nicht, die Belegschaft auf den Hof zu rufen, Protest zu simulieren und sie dann wieder ans Band zu schicken. Unter Beteiligung verstehen wir, dass ihr als unser Vorstand mit uns Beschäftigten in Diskussion geht und uns mitentscheiden lasst. Wir brauchen einen Platz am Tisch und nicht die Kapitalseite.
  • So bald wie möglich braucht es weiteren Protest. Deshalb freut uns, dass es am 21. September einen bundesweiten Automobil-Aktionstag geben soll. Ebenso begrüßen wir die für den 26. September angekündigten DGB-Aktionen gegen Sozialabbau.

Auf gar keinen Fall dürfen unsere Kollegen den Eindruck bekommen, unsere Gewerkschaft protestiere nur mit angezogener Handbremse. Wenn wir den Sozialabbau nicht entschlossen bekämpfen und in der Gesellschaft nicht unmissverständlich deutlich wird, dass die Gewerkschaften eine konsequente Gegenmacht zu Regierung und Kapitalseite sind, dann werden wir zwangsläufig einen weiteren Aufstieg der AfD bekommen. Mit Akzeptanz von Verschlechterungen im Rahmen einer Agenda für den Standort Deutschland tragen wir zu weiterer Unzufriedenheit in der Gesellschaft bei und fördern die Grundstimmung unter denen die AfD weiter anwachsen kann. Menschen wenden sich nicht deshalb nach rechts, weil Gewerkschaften zu kämpferisch sind, sondern weil sie den Eindruck gewinnen, dass niemand ihre sozialen Interessen konsequent vertritt. Die Vergangenheit zeigt, die AfD gewinnt ihre Stimmen nicht durch eigene Leistungen, überzeugende Ideen oder tragfähige Konzepte. Sie lebt davon, als Lautsprecher von Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit zwar keine konkrete Antwort zu formulieren, aber konsequent auf das Versagen etablierter Parteien oder Institutionen wie dem DGB hinzuweisen, um daraus politischen Profit zu schlagen. Wir hören dann immer wieder die gleich Parole: „Die IG Metall hat Euch verraten!“.

Man kann fast froh sein, dass das Handelsblatt in den meisten Betrieben kaum gelesen wird. Sollte dieser Kommentar in der Belegschaft die Runde machen, würden viele Kollegen sich in ihrer Entfremdung nur bestätigt fühlen. Als Gewerkschaft, die eine Kampforganisation sein sollte, ein gemeinsames Statement mit der Kapitalseite zu veröffentlichen ist ein schwerer Fehler. Die Angriffe der Bosse sind für uns alle spürbar – wenn wir jetzt klein beigeben, bedeutet das im Umkehrschluss direkten Zuwachs bei den Rechten. Jeder weitereStimmenzuwachs der AfD ist eine Niederlage für die gesamte Arbeiterbewegung. Können und wollen wir uns das als Gewerkschaft leisten?

Umso unverständlicher ist es, dass in diesem gemeinsamen Auftritt keinerlei Antwort darauf gegeben wird, wie eine solche gemeinsame „Agenda“ den Rechtsruck und den Mitgliederverlust auf unserer Seite aufhalten oder auch nur bremsen soll. Im Gegenteil: „Gemeinsam“ mit dem Kapital bedeutete für uns lohnabhängig Beschäftigte immer, unsere Kampfkraft abzugeben. Es heißt für unsere Gewerkschaft, ihre Unabhängigkeit an den Nagel zu hängen und sich an die Seite derjenigen zu stellen, die den Sozialabbau seit Jahren mit vorantreiben. Diesen Schritt können wir besten willens nicht gehen.

Die Aktionen Ende September müssen stärker sein, als die bisherigen und fortgeführt werden, bis die Unternehmer ihre Forderungen nach der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche vollständig zurücknehmen und die Bundesregierung ihren sozialen Kahlschlag beendet, sowie bereits beschlossene Verschlechterungen zurücknimmt. Dies glaubwürdig vertreten und unsere Kollegen für diese Forderungen mobilisieren können wir aber nur, wenn sich unsere Gewerkschaftsführung nicht gleichzeitig öffentlich an die Seite der Arbeitgeber stellt und deren Argumentation übernimmt.

Wir erleben in unserem Betrieb jeden Tag, dass wir in einer Klassengesellschaft leben. Wir erleben, dass die Interessen von uns lohnabhängig Beschäftigten und die Interessen von Unternehmensleitungen und der Regierung immer häufiger diametral gegenüberstehen. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Chance, aus diesen Konflikten gestärkt hervorzugehen. Als Gewerkschaft, die sich nicht alles gefallen lässt. Als Gewerkschaft, die wieder kämpft. Und als Gewerkschaft, die ihre Stärke aus den Betrieben und den Kollegen bezieht. Die Errungenschaften, die unzählige Kollegen vor uns hart erkämpft haben, dürfen wir uns nicht zahnlos aus der Hand nehmen lassen. Wie Willi Bleicher schon vor uns richtig erkannt hat, sind auch wir der Meinung: „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.“

Lasst uns gemeinsam und mutig in das nächste Rennen gehen – und das, ohne schon von vornherein davon auszugehen, dass wir nicht gewinnen werden. Wir sind überzeugte Gewerkschafter und engagierte Betriebsräte. Gerade deshalb melden wir uns zu Wort und wollen über den Kurs unserer gemeinsamen Organisation diskutieren. Wenn wir in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam etwas bewegen wollen, dann braucht unsere Gewerkschaft keine größere Nähe zu den Vorstandsetagen und Unternehmerverbänden. Sie braucht wieder eine stärkere Verankerung in den Betrieben, bei den Vertrauensleuten, den Betriebsräten und den Kollegen an den Bändern, in den Werkstätten und Büros.

Dort entscheidet sich letztlich die Zukunft unserer Organisation

Mit solidarischen Grüßen
IGM – Vertrauensleute und Betriebsräte in der Mercedes-Benz AG

hier der Link zum Original

Nachbemerkungen:

Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim gehört zu den traditionell kampfstärksten Betrieben der IG Metall. Unter anderem stand die Belegschaft zu meiner Zeit an vorderster Front bei der Erkämpfung der 35-Stundenwoche.

Es ist breite Rückendeckung und Unterstützung für die Positionierungen in dem zitierten Brandbrief angesagt.

siehe auch „Gewerkschaftspolitik in der Rüstungsindustrie – eine Kontroverse in der IG Metall

Bilder: Vertrauensleute IG Metall Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim

References

References
1 da der Bericht hinter einer Bezahlschranke liegt, wurde uns der Beitrag in pdf Format zur Verfügung gestellt, damit sich alle Mitglieder ein authentisches Bild machen können

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