Gegen die neue Heimatfront

Friedensbewegung diskutiert deutsche Kriegspolitik

Von Matthias Rude

Bild: Matthias Rude

Beim jährlichen IMI-Kongress in Tübingen analysierten 150 Teilnehmende eine neue »Militärrepublik« und »Architektur der Repression« in Deutschland. Diesmal ist etwas anders als sonst.

An der Betonwand vor dem Kongress-Saal in Tübingen hängen Graffiti-Schablonen, darauf ist ausgestanzt: »Soldaten sind Mörder«, »Wehrdienst ist Zwangsarbeit«. Gegenüber erstrecken sich in einer langen Reihe Infostände friedenspolitischer, gewerkschaftlicher und linker Organisationen, Parteien und Zeitungen. Unter dem Motto »Militärrepublik? Verweigern!« haben am vergangenen Wochenende mehr als 150 Menschen in der Universitätsstadt lebhaft diskutiert, Flugblätter verteilt und Unterschriften gesammelt. Ausgerichtet hat den Kongress die Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI), die seit 1996 das Wiedererstarken des deutschen Militarismus analysiert und kritisch begleitet.

Für viele Friedensbewegte aus der ganzen Republik ist der Besuch des IMI-Kongresses ein alljährliches Ritual. Doch in diesem Jahr scheinen die Menschen besorgter als sonst. Der Umbau Deutschlands zur »Militärrepublik« sei im vollen Gange, hieß es in der Ankündigung – der Kongress wolle »Wege ausloten, diesen Prozess aufzuhalten«. Kurz vor Kongressbeginn wurde bekannt, dass die Regierungskoalition sich auf ein neues Wehrpflicht-Modell geeinigt hat. Bereits im ersten Referat des Wochenendes machte IMI-Mitbegründer Tobias Pflüger deutlich: Da lässt sich nicht mehr viel aufhalten – man könne sich »der Militärrepublik nur noch verweigern«, so der frühere Europaabgeordnete und derzeitige Mitarbeiter eines Linke-MdB.

Konkrete Praxistipps für die Kriegsdienstverweigerung gab es von Susanne Bödecker von der DFG-VK. Sie berichtete auch von ihrer Arbeit im Stuttgarter Büro der ältesten deutschen Friedensorganisation, wo sich wegen der drohenden Wehrpflicht immer mehr Eltern melden – in Sorge um ihre Söhne.

Praxisbeispiele zeigten, wie sich Widerstand formiert: Tram-Fahrer in München weigern sich, Fahrzeuge mit Bundeswehr-Werbung zu fahren; Initiativen wie »Sagt nein!« bringen Kriegsgegner im gewerkschaftlichen Bereich zusammen. Bündnisse wie »Rheinmetall entwaffnen« oder »Shut Elbit Down« blockieren Rüstungsbetriebe. Die Initiative »Orte der Aufrüstung«, vorgestellt von dem Aktivisten Tobi Rosswog, hat mittlerweile über 50 Orte kartiert, an denen zivile Betriebe oder Infrastruktur in Rüstungsproduktion oder militärische Nutzung überführt werden.

Zunehmend führt ein solcher Protest zu Kollisionen mit Unternehmen und Behörden. Fairouz Qasrawi vom Kollektiv »Decolonial Scholars« berichtete von einer »geschlossenen Architektur der Repression« gegen die Palästina-Solidaritätsbewegung in München, bestehend aus einem ganzen Netzwerk zivilgesellschaftlicher Akteure und staatlicher Stellen. Räume für kritisches Denken und Debatten würden auf diese Weise systematisch geschlossen. Diese »Zensur mit Verwaltungsstempel« sei Teil eines größeren, gefährlichen Trends – hin zu einem Staat, der Grundrechte einschränkt, erklärt Qasrawi.

Mehrfach wurde auf dem Kongress auch der Fall eines Freiburger Schülers angeführt, dem eine Anklage droht, weil er sich im Internet über den Besuch eines Jugendoffiziers an seiner Schule lustig gemacht hatte. »Der Wind, der antimilitaristischen Kämpfern entgegenschlägt, wird rauer«, so Claudia Haydt von der IMI.

Besonders intensiv diskutiert wurde der »Operationsplan Deutschland«, ein knapp 1400 Seiten umfassendes, als geheim eingestuftes Konzept. Nach allem, was bisher bekannt ist, strebt das Militär mit diesem Plan bereits vor dem Eintreten eines sogenannten Spannungs- oder Verteidigungsfalls Zugriff auf zivile Infrastruktur an. Außerdem sei durchgesickert, dass bereits sehr spezifische Pläne vorlägen – beispielsweise zur Frage, wie mit russischen Kriegsgefangenen verfahren werden soll. Der Mythos von der »Parlamentsarmee« lasse sich mit dem »Operationsplan« endgültig zu den Akten legen: Kein Parlamentarier darf Einsicht nehmen.

Während Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall die industrielle Seite des Militarismus verkörpern, findet dieser – subtil und popkulturell kodiert – längst auch im Alltagsbewusstsein statt, wie der Content Creator Simon David Dressler erläuterte. Formate wie die Webserie »Explorers« oder Kooperationen mit Influencern inszenierten das Soldatenleben als Abenteuer und »großen Spaß«. Dressler kritisierte auch die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen: Antimilitaristische Stimmen würden in Talkshows als Feigenblatt präsentiert und gleichzeitig als randständige Meinung dargestellt – obwohl eine Antikriegshaltung eigentlich eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hätte.

»Der Wind, der antimilitaristischen Kämpfern entgegenschlägt, wird rauer.«Claudia Haydt IMI

Die IMI-Tagung, die vom lokalen freien Radio live übertragen wurde und deren Beiträge in Kürze zum Nachhören verfügbar sein werden, machte deutlich: Die Bundesrepublik bereitet sich immer schneller auf einen neuen großen Krieg vor. »Es gibt schon dezidierte Zeitpläne«, erläuterte der Abgeordnetenmitarbeiter Daniel Lücking, der als Soldat selbst Auslandseinsätze im Kosovo und in Afghanistan absolvierte und als Offizier die Bundeswehr verließ. Massenhafte Proteste dagegen lassen noch auf sich warten. Was nötig wäre, um dem deutschen Militarismus endgültig den Nährboden zu entziehen, daran ließ die Vertreterin von »Sagt nein!« beim Abschlusspodium keinen Zweifel: »Revolution ist großartig, alles andere ist Quark«, zitierte sie Rosa Luxemburg.

Erstveröffentlicht im nd v. 18.11. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-11-18/articles/20507053

Wir danken für das Publikationsrecht.

Wieder uneingeschränkte deutsche Waffenlieferungen an Israel – an ein völkermörderisches rechtes Regime

Es fallen wieder alle Hüllen. Das Kalkül: die aufwühlenden Bilder von einem völkervernichtendem Krieg in Gaza treten in den Hintergrund und geraten in Vergessenheit. Die Pharisäer und Geschichtsklitterer sind emsig dabei, die brutale Realität zuzukleistern und das Narrativ wieder im Sinne der imperialen Sieger zurechtzurücken. Vor diesem Hintergrund revidiert nun Kanzler Merz seine seinerzeit halblebige Entscheidung, Waffenlieferungen nach Israel einzuschränken. Was bedeutet – und wir schon immer erwartet haben: unter dem Strich nur Show mit keinerlei Wirkung. Ab sofort gilt wieder: Feuer frei für die uneingeschränkte Unterstützung, auch militärische Ausrüstung für ein uneingeschränkt völkermörderisches Regime.

Die Realität. Eine ausreichende Versorgung mit lebenswichtigen Gütern von GAZA wird weiterhin von Israel blockiert. Täglich bricht Israel den brüchigen Waffenstillstand, täglich überfallen israelisch jüdische Siedler:innen Palestinenser:innen im Westjordanland. Erst gestern meldeten die Nachrichten, dass Israel im Südlibanin UN Blauhelme beschossen hat. Ebenfalls gestern hat Israel in Gaza eine Schule bombardiert – mindestens 13 verletzte Kinder.

„BURNING CHILDREN ALIVE CAN NEVER BE JUSTIFIED.“ Dua Lipa

Kein Schweigen dazu, wie die Bundesregierung all diese Kriegsverbrechen ungeniert unterstützt.

Für den 28. November rufen die italienischen Baisgewerkschaften erneut zu einen landesweiten Solidaritätsstreik mit Palästina auf. Machen wir das zu unserem Vorbild.

Wer und was da von Deutschland unterstützt wird, hat unsere treue Leserin Irmgard Schuster in dem folgenden Post zusammengefasst und in Erinnerung gerufen:

„Seit die jüdischen Geiseln frei sind, ist das Leid der Palästinenser in unseren Medien kein Thema mehr. Gibt es endlich offene Grenzen und ausreichende Versorgung?
Ich übernehme diesen Kommentar aus dem Internet, weil er gut zusammenfasst welche Haltung gegenüber Palästinensern in Israel grosse Unterstützung erfährt:

„Holocaust“, das fordert ein regierungsnaher israelischer Moderator wortwörtlich bezüglich Gaza. In einem Statement stellt der bei Channel 14 arbeitende Fernsehmoderator Elad Barashi die Forderung auf, alle Menschen Gazas sollten „ohne Gewissen und ohne Mitleid“ einfach „abgeschlachtet, zerschlagen, eliminiert und zerschmettert“ werden. Gemeint sind, so Barashi selbst „Kinder und Eltern, Frauen und Mädchen“.
Israels Präsident Isaac Herzog betonte bereits am 14. Oktober, das für ihn „keine unschuldigen Zivilisten“ in Gaza existierten. Die Propagandisten Karoline Preisler teilte im März auf Instagram einen Beitrag, in dem es heißt „es gibt keine unschuldigen in Gaza.“ Auch der ehem. CDU-Kanzlerkandidat und heutige Israel-Lobbyist Armin Laschet sprach im Februar von „sogenannten ‚unschuldigen Zivilisten‘“.

Israels Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir hat unmissverständlich erläutert, was sein Plan für Israel in Gaza ist:
„Zerstören, zerschmettern, abholzen, auslöschen, zermalmen, zertrümmern, verbrennen, grausam sein, bestrafen, ruinieren, zermalmen. zerstören!“ Veröffentlichte er über seinen offiziellen Kanal auf der Plattform X (Twitter).
In einem Interview im Mai 2025 mit dem israelischen Radiosender Reshet Bet beschrieb Yair Golan, Vorsitzender der Israelischen Demokraten-Partei die Kriegsführung Israels im Gazastreifen mit “Krieg gegen Zivilisten, töten von Babys als Hobby, und Vertreibung der Zivilbevölkerung als Ziel.“

Laut UN-Sonderermittler Francesca Albanese ist Gaza dss grösste und schlimmste Konzentrationslager des 21ten Jahrhundert, wo die vertriebenen Zivilisten systematisch gesammelt und angegriffen werden.

Israel blockiert seit März sämtliche humanitäre Hilfe für die belagerte und notleidende Bevölkerung Gazas. Kein Wasser, keine Nahrungsmittel, keine Medizin, kein Treibstoff; nichts darf rein. Ziel Israels ist, die Zivilbevölkerung auszuhungern und zur Vertreibung zu drängen.
Deutschland versucht weiterhin innerhalb der EU, Israel politisch und diplomatisch zu unterstützen. Mehr als ein Drittel der Israelischen Waffenimporte kommt aus Deutschland, im Jahr 2023 sogar mehr als die Hälfte.
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat Haftbefehle gegen Israels Führung wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza erlassen. Der Internationale Gerichtshof (IGH) definiert Israels Besatzung der palästinensischen Gebiete als illegal und als Apartheid. Der UN-Sonderausschuss zur Untersuchung israelischer Praktiken wirft Israel ebenfalls einen Genozid in Gaza vor, auch der Unabhängige UN-Untersuchungsausschuss belegt den Vorwurf des Genozids gegen Israel. Dieser Auffassung folgen auch die Menschenrechtsgruppen Amnesty International und Human Rights Watch.
Das sind alles Fakten und keine Meinungen.“

Titelbild: Collage Peter Vlatten

COP30: Zum Schweigen gebrachte Stimmen

Hitze, Dürre, Überschwemmungen, gallopierende Lebensmittelpreise, geopolitische Verwerfungen – die Klimakrise hat unseren Alltag erreicht. Die indigenen Völker des Amazonas kämpfen auch für uns, wenn sie für den Erhalt des Amazonas kämpfen. Wenn wir mit ihnen solidarisch sind, dann sind wir solidarisch mit unseren eigenen Interessen.

Der Konferenztourismus nimmt immer skurrilere Züge an. Schäbig insgesamt das Auftreten der Bundesregierung auf der COP30. Merz fiel durch beleidigende Bemerkungen gegenüber dem Gastgeberland Brasilien auf und wollte nicht einmal eine von vielen erwartete konkrete Beteiligung Deutschlands am „Tropische-Regenwald-Fonds für die Ewigkeit“ (TFFF, Tropical Forest Forever Facility) zusagen. Brasilianischer Kommentar zu den Entgleisungen von Merz: „Putz dir die Zähne und geh duschen, bevor du über Brasilien sprichst.“ (Peter Vlatten)

16.11.25 – Pedro Pozas Terrados, Pressenza

Die COP30-Klimakonferenz in Belém, Brasilien, wird nicht wegen ihrer Vereinbarungen, die einmal mehr durch Abwesenheit glänzten, in die Annalen eingehen, sondern wegen der symbolischen und physischen Gewalt gegen diejenigen, die eigentlich die wahren Protagonisten hätten sein sollen: die indigenen Völker des Amazonasgebiets.

Während Regierungen, diplomatische Delegationen und Tausende von Beamten die riesige Bühne genossen, die mit Millionen von öffentlichen Geldern errichtet worden war, wurden die Stimmen derer, die seit Jahrhunderten die Wälder schützen und die die Welt nun „retten” will, zum Schweigen gebracht, unterdrückt und aus den Räumen vertrieben, in denen über ihr eigenes Schicksal entschieden wurde.

In der sogenannten „Blauen Zone“, dem Verhandlungszentrum der Veranstaltung, in dem sich Minister, Botschafter und internationale Fachleute aufhielten, war den indigenen Völkern der Zutritt verboten. Der Ort, an dem sie hätten sein sollen – denn es ging um ihr Land, ihr Wasser, ihren Wald, ihre Zukunft – wurde für sie zu einer unzugänglichen, gepanzerten Festung.

Als Dutzende indigene Vertreter – darunter Mitglieder der Völker Munduruku, Yanomami, Kayapó, Xavante, Tikuna, Karipuna, Tembé und Tupinambá – versuchten, die Grenzen dieses politischen Geländes zu überschreiten, versperrten ihnen die Sicherheitskräfte der Vereinten Nationen den Weg. Es kam zu Schubsereien, Handgreiflichkeiten, Geschrei und gesperrten Zugängen. Mindestens ein Wachmann wurde verletzt. Und die historischen Verletzungen? Und die Völker, die seit Jahrhunderten unter Rohstoffabbau, Enteignung und der Zerstörung ihrer Territorien leiden?

„Wir wollten den Ort stürmen, um zu zeigen, welche Völker hier sein sollten”, erklärte Helen Cristine von der Jugendbewegung „Juntos (PSOL)”. Ihre Worte wurden in keinem Podiumsgespräch aufgegriffen, hallten in keinem Mikrofon wider und erreichten kein diplomatisches Ohr. Aber sie blieben in den Augen derer haften, die die Szene sahen: Jugendliche aus dem Amazonasgebiet, die von denselben Menschen hinausgedrängt wurden, die vorgeben, sie zu schützen.

Bevor er weggeführt wurde, rief der Anführer des Volkes der Kayapó, Mekrägnoti, laut und deutlich.

„Sie sprechen über das Klima, aber lassen uns nicht zu Wort kommen. Ohne uns stirbt der Amazonas. Und ohne den Amazonas stirbt die Welt.“

Dieser Widerspruch ist unerträglich geworden. Die COP, die gegründet wurde, um den Planeten zu retten und die Klimakrise zu bekämpfen, hat sich zu einer luxuriösen bürokratischen Maschinerie entwickelt. Sie ist zu einem riesigen Schaufenster geworden, in dem Länder, die die Umwelt verschmutzen, mit dem Finger auf den Klimawandel zeigen. Dabei unterzeichnen sie leere Vereinbarungen, ohne sich echte Verpflichtungen aufzuerlegen, ohne verbindliche Ziele zu formulieren und ohne das geringste Interesse zu zeigen, irgendetwas verändern zu wollen. Es ist ein jährlicher politischer Sommerurlaub: bezahlte Flüge, Luxushotels, Empfänge, diplomatische Abendessen… Und das alles, während der Planet um Hilfe schreit.

Bei dieser COP30, die in dem Land stattfand, das den größten Regenwald der Welt beherbergt, grenzte die Ironie schon an Obszönität. Während in klimatisierten Räumen über „die Lungen der Welt” diskutiert wurde, wurden die Gemeinschaften, die diese Lungen bewohnen, ferngehalten, unterdrückt, überwacht und zensiert. Während Verpflichtungserklärungen unterzeichnet wurden, wurden die Hüter des Waldes wie Eindringlinge behandelt.

Die indigenen Völker prangerten immer wieder an, dass sie aus ihren Gebieten vertrieben, von illegalen Bergbaugesellschaften verfolgt, von Holzmafias ermordet und von unbefugten Eindringlingen in der Landwirtschaft angegriffen werden – ohne dass die UNO, die Regierungen oder die großen Delegationen mehr tun, als leere Reden zu halten. Sie prangerten an, dass die COP weiterhin denselben wirtschaftlichen Interessen dient, die die Umweltzerstörung vorantreiben. Und dennoch wurde ihnen nicht gestattet, auf der Bühne, auf der über das Schicksal des Planeten entschieden wird, das Wort zu ergreifen.

Die Schlussfolgerung ist klar und schmerzlich: Die COPs vertreten nicht mehr die Menschheit. Sie vertreten die Interessen, die uns in diese Katastrophe geführt haben.

Die Klimakrise schreitet voran. Die indigenen Völker sterben. Die Wälder sterben. Die Flüsse werden verschmutzt. Die Welt brennt. Und währenddessen feiert die diplomatische Maschinerie ihren nächsten Veranstaltungsort, ihren nächsten „Klimasommerurlaub”, ihre nächste bezahlte Reise.

In Belém wurde die Wahrheit offenbart: Ohne die indigenen Völker gibt es keinen Amazonas. Und ohne den Amazonas gibt es keine Zukunft.

Internationaler Aufruf

Die indigenen Völker des Amazonas erklären klar und unmissverständlich: Heute muss die Welt mehr denn je Partei ergreifen. Untätigkeit bedeutet Mitschuld.

Sie fordern, dass die UNO eine ständige Vertretung der indigenen Völker mit Stimmrecht in allen COPs einrichtet – nicht als Gäste, nicht als folkloristische Dekoration, sondern als echte Entscheidungsträger.

Sie fordern, dass die sogenannten Blauen Zonen nie wieder für jene geschlossen werden, die die verhandelten Gebiete schützen. Wenn es um den Amazonas geht, müssen die Bewohner:innen des Amazonas die Führung übernehmen.

Sie rufen Regierungen, soziale Bewegungen, Universitäten, Wissenschaftler:innen und die Weltgemeinschaft dazu auf, die Völker der Munduruku, Kayapó, Yanomami, Xavante, Tikuna, Tembé, Qom, Wichi, Peligás, Maouche und Tupinambá sowie alle indigenen Nationen der Welt zu unterstützen. Ihr Kampf ist die letzte Verteidigungslinie gegen den Klimakollaps.

Sie rufen die internationale Zivilgesellschaft dazu auf, jede Form der Repression gegen indigene Völker zu beobachten, zu dokumentieren und öffentlich zu machen. Kein Schweigen mehr. Keine diplomatische Komplizenschaft mehr.

Sie fordern, dass die COP aufhört, ein touristisch-politisches Spektakel zu sein, und sich in einen echten ethischen Raum mit verbindlichen Verpflichtungen und klarer Verantwortung verwandelt.

Belém hinterlässt uns durch ihre Stimmen eine unüberhörbare Botschaft: Es wird keine Lösung der Klimakrise ohne Gerechtigkeit für die indigenen Völker geben. Es wird keine Zukunft ohne ökologische Gerechtigkeit geben.

Es wird keinen Frieden ohne Wahrheit geben. Und diese Wahrheit wurde lautstark verkündet – auch wenn versucht wurde, ihre Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Die COP30-Klimakonferenz in Belém, Brasilien, wird nicht wegen ihrer Vereinbarungen, die einmal mehr durch Abwesenheit glänzten, in die Annalen eingehen, sondern wegen der symbolischen und physischen Gewalt gegen diejenigen, die eigentlich die wahren Protagonisten hätten sein sollen: die indigenen Völker des Amazonasgebiets.

Während Regierungen, diplomatische Delegationen und Tausende von Beamten die riesige Bühne genossen, die mit Millionen von öffentlichen Geldern errichtet worden war, wurden die Stimmen derer, die seit Jahrhunderten die Wälder schützen und die die Welt nun „retten” will, zum Schweigen gebracht, unterdrückt und aus den Räumen vertrieben, in denen über ihr eigenes Schicksal entschieden wurde.

In der sogenannten „Blauen Zone“, dem Verhandlungszentrum der Veranstaltung, in dem sich Minister, Botschafter und internationale Fachleute aufhielten, war den indigenen Völkern der Zutritt verboten. Der Ort, an dem sie hätten sein sollen – denn es ging um ihr Land, ihr Wasser, ihren Wald, ihre Zukunft – wurde für sie zu einer unzugänglichen, gepanzerten Festung.

Als Dutzende indigene Vertreter – darunter Mitglieder der Völker Munduruku, Yanomami, Kayapó, Xavante, Tikuna, Karipuna, Tembé und Tupinambá – versuchten, die Grenzen dieses politischen Geländes zu überschreiten, versperrten ihnen die Sicherheitskräfte der Vereinten Nationen den Weg. Es kam zu Schubsereien, Handgreiflichkeiten, Geschrei und gesperrten Zugängen. Mindestens ein Wachmann wurde verletzt. Und die historischen Verletzungen? Und die Völker, die seit Jahrhunderten unter Rohstoffabbau, Enteignung und der Zerstörung ihrer Territorien leiden?

„Wir wollten den Ort stürmen, um zu zeigen, welche Völker hier sein sollten”, erklärte Helen Cristine von der Jugendbewegung „Juntos (PSOL)”. Ihre Worte wurden in keinem Podiumsgespräch aufgegriffen, hallten in keinem Mikrofon wider und erreichten kein diplomatisches Ohr. Aber sie blieben in den Augen derer haften, die die Szene sahen: Jugendliche aus dem Amazonasgebiet, die von denselben Menschen hinausgedrängt wurden, die vorgeben, sie zu schützen.

Bevor er weggeführt wurde, rief der Anführer des Volkes der Kayapó, Mekrägnoti, laut und deutlich.

„Sie sprechen über das Klima, aber lassen uns nicht zu Wort kommen. Ohne uns stirbt der Amazonas. Und ohne den Amazonas stirbt die Welt.“

Dieser Widerspruch ist unerträglich geworden. Die COP, die gegründet wurde, um den Planeten zu retten und die Klimakrise zu bekämpfen, hat sich zu einer luxuriösen bürokratischen Maschinerie entwickelt. Sie ist zu einem riesigen Schaufenster geworden, in dem Länder, die die Umwelt verschmutzen, mit dem Finger auf den Klimawandel zeigen. Dabei unterzeichnen sie leere Vereinbarungen, ohne sich echte Verpflichtungen aufzuerlegen, ohne verbindliche Ziele zu formulieren und ohne das geringste Interesse zu zeigen, irgendetwas verändern zu wollen. Es ist ein jährlicher politischer Sommerurlaub: bezahlte Flüge, Luxushotels, Empfänge, diplomatische Abendessen… Und das alles, während der Planet um Hilfe schreit.

Bei dieser COP30, die in dem Land stattfand, das den größten Regenwald der Welt beherbergt, grenzte die Ironie schon an Obszönität. Während in klimatisierten Räumen über „die Lungen der Welt” diskutiert wurde, wurden die Gemeinschaften, die diese Lungen bewohnen, ferngehalten, unterdrückt, überwacht und zensiert. Während Verpflichtungserklärungen unterzeichnet wurden, wurden die Hüter des Waldes wie Eindringlinge behandelt.

Die indigenen Völker prangerten immer wieder an, dass sie aus ihren Gebieten vertrieben, von illegalen Bergbaugesellschaften verfolgt, von Holzmafias ermordet und von unbefugten Eindringlingen in der Landwirtschaft angegriffen werden – ohne dass die UNO, die Regierungen oder die großen Delegationen mehr tun, als leere Reden zu halten. Sie prangerten an, dass die COP weiterhin denselben wirtschaftlichen Interessen dient, die die Umweltzerstörung vorantreiben. Und dennoch wurde ihnen nicht gestattet, auf der Bühne, auf der über das Schicksal des Planeten entschieden wird, das Wort zu ergreifen.

Die Schlussfolgerung ist klar und schmerzlich: Die COPs vertreten nicht mehr die Menschheit. Sie vertreten die Interessen, die uns in diese Katastrophe geführt haben.

Die Klimakrise schreitet voran. Die indigenen Völker sterben. Die Wälder sterben. Die Flüsse werden verschmutzt. Die Welt brennt. Und währenddessen feiert die diplomatische Maschinerie ihren nächsten Veranstaltungsort, ihren nächsten „Klimasommerurlaub”, ihre nächste bezahlte Reise.

In Belém wurde die Wahrheit offenbart: Ohne die indigenen Völker gibt es keinen Amazonas. Und ohne den Amazonas gibt es keine Zukunft.

Foto: Pedro Pozas Terrados – KI

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