Europas Friedensbewegung keimt wieder auf

Großdemonstration in Brüssel

Bei einer Großdemonstration wurde in Brüssel der »Kriegsertüchtigung« Europas der Kampf angesagt. Auf der breiten Partizipation von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft kann aufgebaut werden. Das Motto: »Wir werden eure Kriege nicht bezahlen«

Von Daniel Kopp, Brüssel

Forum-Red: Diese Demonstration war für die Entwicklung eines antimilitaristischen Kurses innerhalb der europäischen Gewerkschaftsbewegung sehr wichtig. Deshalb werfen wir nochmal einen Blick zurück. (JG)

Bilder: Beatrix Sassermann

Eine Kollegin schrieb über ihre Eindrücke auf der Demo in Brüssel:

Es war eine tolle Demo gestern in Brüssel, so kreativ und lebendig – und irgendwann kam auch noch die Sonne raus. Allein die vielen Sprachen haben mich begeistert, immer 2-3 aus Belgien selbst. Es waren Gewerkschafter*innen aus B, GB, F (SUD), I für mich erkennbar, sowohl Einzelgewerkschaften Metaller, Eisenbahner … als auch der belgische Gewerkschaftsbund FTGB mit kämpferischen Parolen. Schwer vorzustellen, dass der DGB … Deutsche haben wir nicht wahrgenommen, mir wurde noch von einer Frau aus Berlin berichtet, so dass wir nicht nur gefühlt zu zweit da waren. Die angegebenen 12.000 waren es sicher nicht, aber auch nicht 3000, die die Polizei angegeben hat. Viel Solidarität mit Palästina, radikalen iranischen Frauen und klar, Verriss von Donald und Benjamin und den EU-Institutionen – eine sehr angenehme Atmosphäre. Die Polizei war sehr dezent im Hintergrund oder zur Regelung des Verkehrs aktiv. Nur Nahe der Europäischen Institutionen sah man welche in Bereitschaftsmontur stehen. 

»Der Krieg tötet den Frieden« war ein Motto bei der Demonstration am 14. Juni in Brüssel, die von einem breiten Bündnis aus Zivilgesellschaft und der Europäischen Linken organisiert wurde.

»Welfare, not Warfare« – unter diesem Slogan zog ein Protestmarsch aus ganz Europa am 14. Juni in Brüssel durch die Straßen rund um den Nordbahnhof und das EU-Viertel. Der Slogan steht sinngemäß für »Sozialstaat statt Kriegsertüchtigung«.

Eine Koalition von Friedensorganisationen, der Frauenbewegung, zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Oxfam, Gewerkschaften wie Belgiens sozialistischem und christdemokratischen Gewerkschaftsbund oder der italienischen CGIL sowie die Europäische Linke – ein Zusammenschluss aus 40 linken Parteien – hatten etwa 12 000 Menschen für die wohl größte Anti-Aufrüstungsdemonstration in der jüngeren Geschichte mobilisiert.

Linke Prominenz am Rednerpult

Auf der Demonstration sprachen der ehemalige Labour-Chef Jeremy Corbyn, die Generalsekretärinnen der beiden belgischen Gewerkschaften, Selena Carbonero Fernandez und Marie-Hélène Ska sowie weitere Vertreter des breiten, zivilgesellschaftlichen Bündnisses. Immer wieder sah man auf der Demonstration den Slogan: »Wir werden eure Kriege nicht bezahlen«.

Weder die Route noch der Zeitpunkt waren dabei ein Zufall: Die Protestierenden richteten sich kurz vor dem nächsten EU-Gipfel in der belgischen Hauptstadt am 18. und 19. Juni gegen das 800-Milliarden-Euro schwere Aufrüstungspaket der EU mit dem nicht allzu subtilen Namen »ReArm Europe« (Europa wieder bewaffnen). Das steht im breiteren Kontext des Fünf-Prozent-Ziels der Nato, das unter Druck der USA unter Präsident Donald Trump vor einem Jahr abgesegnet wurde.

Belgiens Regierung am Pranger

Einerseits kritisiert das Bündnis, dass diese massive Aufrüstung auf Kosten des Sozialstaats und der öffentlichen Daseinsvorsorge geht. So finden in Belgien seit Amtsantritt der rechten Regierung unter Premier De Wever vor 20 Monaten Demonstrationen, Generalstreiks und viele weitere Aktionen der noch starken belgischen Arbeiterbewegung gegen die Austeritätspolitik statt.

Die Regierung betont wiederholt, dass kein Geld für die Renten, Lohnerhöhungen oder Investitionen in den öffentlichen Sektor vorhanden sei, investiert aber 34 Milliarden Euro in die Aufrüstung über die nächsten Jahre. Belgien ist damit das europäische Land, in dem die Militärausgaben relativ am stärksten angestiegen sind. Dieser Widerspruch zwischen Sozialstaat und Kriegstüchtigkeit, der schon von Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Dezember 2024 klar benannt wurde, animiert die sozialen Mobilisierungen der vergangenen Monate.

Das belgische Bündnis »Stop Militarisation«, das die Demonstration am Sonntag mitorganisiert hatte, schrieb in ihrem Aufruf: »Wir sind gegen die Pläne der EU, weitere 800 Milliarden Euro für Rüstung auszugeben – Geld, das den Sozialdiensten, dem Gesundheitswesen, der Bildung, der Arbeit, der Friedenskonsolidierung, der internationalen Zusammenarbeit, einem gerechten Übergang und der Klimagerechtigkeit entzogen wird. So wie in Belgien, wo massive Einsparungen im Sozialbereich als notwendig dargestellt werden, während zusätzliche Militärausgaben ohne Diskussion durchgehen.«

Deutschland im Zentrum des EU-Imperialismus

Deutschland schien diesem Widerspruch nach Antritt der Regierung unter Friedrich Merz noch zu entkommen, als sowohl Militärausgaben und soziale und grüne Investitionen versprochen wurden. Doch in der Realität wird mit dem nun angedrohten Abbau des Sozialstaats dieser Konflikt auch in Deutschland zuspitzen.

Die andere Kritik der Protestierenden richtete sich an die Gefahr eines neuen europäischen Imperialismus, in dem sich Europa – mit Deutschland im Zentrum – auch für Militärinterventionen in der Sahelzone und anderorts vorbereitet, um strategische Ressourcen zu kontrollieren. Im belgischen Fall zeigen Analysen, dass nur ein kleiner Teil der eingekauften militärischen Ausrüstung tatsächlich der Verteidigung dient.

In jedem Fall war dieser erste Aufschlag einer wieder aufkeimenden Friedensbewegung ein Hoffnungsschimmer im europäischen Aufrüstungswahn. Die breite Partizipation von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft sind die Bausteine einer starken sozialen Bewegung.

Die größte Massendemonstration in der Geschichte der belgischen Hauptstadt Brüssels brachte 400 000 Menschen im Oktober 1983 gegen die Stationierung US-amerikanischer Pershing-II-Raketen in Westeuropa auf die Straße. Ein Aktivist, der damals und am Sonntag auf der Straße war, berichtete dazu: »Auf unserer ersten Demonstration waren wir 200 Leute.« Diese Perspektive können sich die 12 000 Demonstranten zu Herzen nehmen.

Erstveröffentlicht im nd v. 15.6. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1200401.grossdemonstration-in-bruessel-europas-friedensbewegung-keimt-wieder-auf.html?sstr=Europas|Friedensbewegung

Wir danken für das Publikationsrecht.

Nationalistische Dummheit

Kommentar

Mit dem Ausschluss von Russisch aus den Minderheitensprachen beweist Kiew einmal mehr, dass es von europäischen Werten nicht viel hält, meint Daniel Säwert

Collage: Jochen Gester

Wolodymyr Selenskyj hat einen Lauf. Pünktlich zur Entscheidung der Europäischen Union, offiziell Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine und Moldau einzuleiten, beweist der ukrainische Präsident, dass sein Land noch weit entfernt ist von europäischen Werten.

Nachdem Selenskyj Ende Mai einen Ultranationalisten und Nazi-Kollaborateur mit allen Ehren bestatten ließ und einer Armeeeinheit den Ehrentitel einer Judenschlächtertruppe aus dem Zweiten Weltkrieg verlieh, legte der ukrainische Präsident gleich die nächste nationalistische Dummheit nach.

Am Freitag unterzeichnete Selenskyj einen Erlass, der Russisch in der Ukraine aus der Charta der Regional- und Minderheitensprachen ausschließt. Angeblich diene der Schritt dem »Schutz des ukrainischen Sprachraums« und den »europäischen Verpflichtungen« der Ukraine, schrieb der Parlamentsvorsitzende Ruslan Stefantschuk auf Facebook. Die Sprache eines Aggressorstaates dürfe nicht geschützt werden, so Stefantschuk weiter.

Selenskyj und seine Regierung liefern damit nicht nur eine erneute Steilvorlage für Moskaus Propaganda, sie greifen auch direkt die eigene Bevölkerung an. Gut die Hälfte der Bevölkerung ist russischsprachig. Und glaubt man den Berichten verschiedener Ombudspersonen, erlebt das Russische eine kleine Renaissance in der Ukraine. Eine Reaktion auf den nationalistischen Kurs der Regierung oder eine Notwendigkeit, um Nachrichten lesen zu können, die nicht aus dem Kiewer Propagandaapparat stammen? Eine wissenschaftlich fundierte Erklärung gibt es weiterhin nicht. Klar ist: Die von oben ausgegebene Losung, Ukrainer sei nur, wer Ukrainisch spricht, gilt für die Menschen nicht.

Dennoch will die Regierung mit allen Mitteln das multikulturelle und multi­ethnische Land zu einem Nationalstaat in seinem schlimmsten Sinne umformen. Viele, vor allem diejenigen, die sich als Geflüchtete im Ausland aufhalten, dürften diesem Weg nicht folgen wollen. Wer will schon in so ein Land zurück­kehren?

Kiews Idiotie in ihrem Lauf aber halten weder Ochs noch Esel auf. Und schon gar nicht Brüssel. Bisher hat sich die EU nicht zur Verletzung der Minderheitencharta geäußert. Und sie wird es öffentlich auch nicht tun. Dabei hat Budapest gerade gezeigt, dass Druck auf Kiew doch wirken kann. Ungarns neuer »Heilsbringer« Péter Magyar hatte nach seinem Wahlsieg betont, sich weiter für die Rechte der ungarischen Minderheit einzusetzen. Am Sonnabend unterzeichnete Kiew die entsprechenden Garantien.

Dass man mit dem Minderheitenschutz souverän umgehen kann, beweist zudem der andere Beitrittskandidat Moldau. Obwohl man sich von Moskau bedroht fühlt, gibt es in der Hauptstadt Chișinău an vielen Orten Aushänge und Wegweiser auf Russisch (und nicht nur), mit dem Hinweis, dass Moldau die Charta der Regional- und Minderheitensprachen achtet.

Erstveröffentlicht im nd v. 13.6.2026
Nationalistische Dummheit

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“ – eine Resolution der IG Metall Vertrauensleute Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim

Belegschaften wachen auf. Erst Ford Köln, jetzt ruft einer der stärksten IG Metall Vertrauenskörper (Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim) zum Widerstand auf. Gegen sozialen und politischen Kahlschlag und Militarisierungskurs.

Es geht um Klassenkampf. Es geht um Politik gegen die Gesamtheit der Interessen und gegen die Zukunft der Beschäftigten. Diese Politik wird gerade gnadenlos durchgesetzt. Unsere sozialen und politischen Errungenschaften und ein Leben in Frieden stehen zur Disposition, wenn wir uns nicht wehren.

Die Antwort kann nur politischer Widerstand sein der gesamten arbeitenden Klasse und Bevölkerung.Eine andere Wahl gibt es nicht. Die Vertrauensleute der IG Metall Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim haben jetzt dazu mit einer Resolution ein Signal gesetzt. Es ist ein politisches Kurzprogramm, das möglichst vielen Vertrauenskörpern und Belegschaften als Blaupause dienen kann, um den besonders wirksamen Widerstand in den Betrieben, aber auch darüber hinaus, zu formieren.

Hier die Resolution im Wortlaut:

Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik !

Die Bosse wollen Klassenkampf? Können sie haben !

Fast kein Tag vergeht, an dem nicht ein Unternehmen ankündigt, zu entlassen oder auf unsere Kosten ,sparen“ zu müssen.
Die Krise ist allgegenwärtig.
Und die Bosse wollen uns dafür bezahlen lassen.

Auch die Regierung tut nichts für uns. Sie will den gesetzlichen 8-Stunden-Tag abschaffen. Wir sollen länger arbeiten für das gleiche Geld oder sogar für noch weniger. Zusätzlich plant sie die ,,Rente mit 70″.

Wir sollen arbeiten, bis wir sterben. Das Bürgergeld wird zur sogenannten ,,Grundsicherung“. Wir sollen also gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten.

Das Gesundheitssystem wird kaputtgespart und medizinische Versorgung zunehmend zu einem Privileg für Reiche.Das Geld was in den Sozialkassen durch die Sparmaẞnahmen fehlt, flieẞt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.

Bessere Politik braucht unseren gewerkschaftlichen und politischen Kampf! Deshalb warten wir nicht, bis uns jemand bittet zu protestieren. Wir fangen damit an!

Sich selbst leidtun, auf eine vermeintliche ,Alternative für Deutschland“ hoffen oder Bitten und Betteln bei der Regierung hilft nicht.

Bessere Politik braucht unseren gewerkschaftlichen und politischen Kampf! Deshalb warten wir nicht, bis uns jemand bittet zu protestieren. Wir fangen damit an!

  • Wir diskutieren wieder stärker politisch mit unseren Kolleg:innen vor Ort im Betrieb. ,,Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“ ·
  • Wir nutzen alle sich uns bietenden Gelegenheiten, um die Bosse und ihre Regierung zu kritisieren. Zukünftig gibt es keine Betriebsversammlung, keine Betriebsratssitzung, keine Gewerkschaftsversammlung ohne politische Diskussion.
  • Auch wenn wir zu Beginn wenige oder gar allein sind; wenn wir die Stimme erheben und Haltung zeigen, werden wir mehr werden.
  • Sobald wir spüren, dass die Stimmung in unserer Belegschaft reif dafür ist, werden wir im Betrieb und in unserer Stadt Protest organisieren. ·
  • Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und verlangen so bald wie möglich, Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft zu organisieren. Bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen sich zieren, dann machen wir das selbst.

Eine Resolution der Vertrauensleute Mercedes Benz Untertürkheim.

Video. Der IG Metall Vertrauenskörper MB Untertükrheim setzt seine Pläne um und mobilisiert per social media die Belegschaft

Die Vertrauensleute in der IG Metall sind das eigentliche gewerkschaftliche Bindeglied zwischen IG Metall und Belegschaft. Sie sind gleichzeitig gewerkschaftliche Aktivist:innen, Vorkämpfer und Sprecher:innen der Kolleg:innen. Es freut mich besonders, dass mein eigener Vertrauenskörper diese Rolle aktiv annimmt und wieder an die widerständige Tradition zu meiner Zeit zurückfindet. Die Initiative hat Vorbildcharakter für die gesamte IG Metall.

Das Mercedes Benz Werk Stuttgart Untertükrheim gehört mit ca. 22 000 Kolleg:innen zu den größten Automobilwerken der Republik. Nach den zuletzt bekannten Zahlen umfasst der Vertrauenskörper ca. 600 bis 700 aktive Kolleg:innen. Der IG Metall Organisationsgrad soll bei mindestens ca. 70 Prozent – etwa 16 000 Beschäftigten – liegen. Die Vertrauenskörperleitung (VKL) besteht aus einem Vorsitzende(n) und 3 bis 4 Stellvertreter:innen. Neben der Vollversammlung mit 600 bis 700 Vertrauensleuten gibt es ein Zwischenplenum, bestehend aus der VkL und den gewählten Leitungsgrenien der Vertrauensleute aus den verschiedenen Werksbereichen. Von diesem Zwischenplenum mit 70 anwesenden Personen wurde die Resolution verfasst und verabschiedet!

Unseren Vertrauensleuten in den Mercedeswerken Berlin Brandenburg sei empfohlen, sich mit den Untertürkerheimern zusammenzuschließen! „Unser Standort heißt Solidarität.“ Es muss Schluss damit sein, dass die Bosse uns gegenseitig ausspielen!

Mehr aktuell zu Mercedes: Der Geist ist aus der Flasche: Mercedes Arbeiter:innen im Werk Bremen legen eine „Pause“ ein!
aktuell 
Jetzt reicht’s! Komm zur Demo! Offensiv gegen den sozialen Kahlschlag!

Die Resolution im Original als Flyer und Share Pic

Das Video stammt vom IG Account Vk Mercedes Benz Stuttgart Untertürkheim. Es wurde von uns auf YouTube übertragen. Es ist so besser unabhängig von IG verwendbar. Sowohl dieser Beitrag als auch das Video dürfen mit Quellenangaben und link (zu dieser Seite) übernommen und verbreitet werden.

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