La Nation Tartuffe

Von Stefan Nold

Bild: Screenshot eines You Tube Videos der DW

Kürzlich habe ich in einem Nebensatz geschrieben, die USA hätten die Nordstream-Pipelines gesprengt. [1] „Alarm, Alarm!“ läuten da die Glocken der Faktenchecker. Hatte nicht im August 2024 die Tagesschau exklusiv gemeldet, der Generalbundesanwalt habe im Juni 2024 in dieser Angelegenheit einen Haftbefehl gegen den in Polen wohnhaften Ukrainer Wolodymyr Z. erlassen?

Leider hat sich der zwischenzeitlich in die Ukraine abgesetzt und ist dort für die deutsche Justiz nicht mehr erreichbar, wohl aber für die Tagesschau: „In einem kurzen Telefonat am Dienstag zeigte sich Z. überrascht von dem Vorwurf. Er bestritt, an den Anschlägen auf Nord-Stream beteiligt gewesen zu sein.“ Recherchen ergaben „zumindest keine direkten Verbindungen zum ukrainischen Militär oder zu Geheimdiensten.“ [2]

Seither ist es still geworden um Herrn Z., der zusammen mit zwei anderen auf der Segeljacht „Andromeda“ in 70 – 90 Meter Tiefe drei Stahlrohre von 1,15 Meter Durchmesser, 45 mm Wandstärke plus 109 mm Betonmantel in die Luft gesprengt haben soll. [3] Hut ab! Da hätte selbst James Bond Schwierigkeiten gehabt. Das war wohl eher eine Ente, die die Bundesregierung mal kurz durchs Sommerloch hat watscheln lassen – ganz exklusiv für die Tagesschau.

In einer Anhörung vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat der renommierte US-Professor Jeffrey Sachs (Columbia University) dargelegt, nur ein staatlicher Akteur mit entsprechendem Know-how und einem Zugang zur Ostsee habe die Möglichkeit gehabt, solch einen Anschlag auszuführen und nannte dabei Russland, die Vereinigten Staaten, Polen, Norwegen, Deutschland, Dänemark und Schweden. [3] Die Ukraine habe weder die technischen Möglichkeiten noch den Zugang zur Ostsee und hatte zu dem Zeitpunkt „ganz andere Prioritäten“ [4]. Anfangs stand die russische Spur hoch im Kurs. Danach hätte Russland die eigenen, mit sehr viel Mühe gegen heftigsten Widerstand der USA errichteten Pipelines gesprengt, um den Anschlag der Ukraine in die Schuhe zu schieben, oder um Regressforderungen zu entgehen, die es aber ohnehin nicht zahlen würde. [4] Das ist eine These, die selbst für westliche Medien so steil ist, dass sie derzeit nicht weiter verfolgt wird.

Somit kommen nur NATO-Staaten als Täter in Frage. Von ihnen haben neben Norwegen vor allem die USA das stärkste Motiv: Die US-Gaskonzerne versorgen nun Europa mit ihrem umweltschädlichem gefrackten Gas und verdienen dabei Milliarden. Seymour Hersh, der durch viele aufsehenerregende Enthüllungen Weltruhm erlangte, hat in einem Bericht plausibel dargelegt, wie die Aktion ausgeführt wurde. [5] Man wirft ihm vor, nur eine Quelle verwendet zu haben und „Verschwörungstheorien“ zu bedienen. [4] Nach dem was Julian Assange und andere durchmachen mussten, sollten wir froh sein, dass sich überhaupt jemand aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten gegenüber Hersh geäußert hat.

Vor allem aber: Joe Biden hatte in einer Pressekonferenz ein halbes Jahr zuvor angekündigt, den Nordstream-Pipelines „ein Ende zu setzen.“ [6] – und das nach einer erstaunten Rückfrage einer Journalistin – immerhin geht es um die kritische Infrastruktur eines Bündnispartners – noch einmal bestätigt. Unser Bundeskanzler stand daneben, widersprach nicht und verzog keine Miene. Das hatte etwas von dem ikonischen Foto von 1979, als der damalige Generalsekretär der UdSSR Leonid Breschnew unserem Oberindianer aus Pankow durchs Maul knutschte. [7] Wir sind wieder mal die „Jawoll“-Nation. [8]  Vorbei die Zeit als Bundeskanzler Helmut Schmidt das deutsch-russische Erdgas-Röhren-Geschäft gegen erbitterten Widerstand der USA selbstbewusst mit den Worten durchdrückte: „Da können andere noch soviel quaken.“ [9]

Es bleibt dabei: Nach derzeitigem, öffentlich bekannten Stand der Ermittlungen haben die USA auf Anweisung ihres Präsidenten Joe Biden mit einer akribisch geplanten Sabotageaktion eine kritische Infrastruktur eines seiner engsten Bündnispartners in die Luft gesprengt, um der eigenen Industrie einen strategischen Vorteil zu verschaffen.

Es ist wie in der Komödie von Molière, in der die USA als Schwindler und Heuchler Tartuffe brilliert, während Deutschland die Rolle des treudoofen Orgon übernommen hat, der den Überredungskünsten Tartuffes unterliegt und ihm freudig sein gesamtes Hab und Gut überschreibt. Erst als er, unter einem Tisch versteckt, mitbekommt, wie Tartuffe ihm die Frau ausspannen will, kommt er zu Verstand. [10] Bei Molière gibt‘s ein Happy End, der Schwindler wird verhaftet; der Depp kommt mit dem Schrecken davon. Für Deutschland sieht es weniger gut aus.

Erstveröffentlich im Overton Magazin v. 8.11. 2024
https://overton-magazin.de/top-story/la-nation-tartuffe/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Quellen:

[1] Nold, Stefan (3.11.2024) Pumpernickel statt Panzer. Overton-Magazin. Buchkomplizen GmbH: Köln.
https://overton-magazin.de/top-story/pumpernickel-statt-panzer/

[2] Berwander, Manuel u.a. (14.8.2024) Erster Haftbefehl wegen Nordstream-Anschlägen. ARD: Hamburg. https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/nordstream-172.html

[3] Sachs, Jeffrey (21.2.2023) Briefing to the United Nations Security Council on the Nordstream pipeline: „The destruction of the Nord Stream pipelines required a very high degree of planning, expertise, and technological capacity. The Nord Stream 2 pipelines are a marvel of engineering (see, for example, here and here). Each section of pipe is rolled steel of 4.5 cm thickness, and with a pipeline internal diameter of 1.15 meters. The pipe is encased in concrete of 10.9 cm thickness. The weight of each section of concrete-encased pipe is 24 metric tons. The Nord Stream 2 pipelines, some 1,200 kilometers in length, contain around 200,000 pipes. The pipelines sit on the sea floor. Destroying a pipeline of heavy rolled steel, encased in concrete, at the depth of 70- 90 meters, requires highly advanced technologies for transportation of the explosives, diving to install the explosives, and detonation. To do so undetected, in the exclusive economic zones of Denmark and Sweden, adds greatly to the complexity of the operation. As a number of senior officials have confirmed, an action of this sort must have been carried out by a state-level actor. Only a handful of state-level actors have both the technical capacity and access to the Baltic Sea to have carried out this action. These include Russia, the United States, the United Kingdom, Poland, Norway, Germany, Denmark, and Sweden, either individually or in some combination. Ukraine lacks the necessary technologies, as well as access to the Baltic Sea.” https://www.jeffsachs.org/recorded-lectures/f4rsfnzw9rbdx2tz2n38lfgsctsbc8 Siehe auch https://press.un.org/en/2023/sc15206.doc.htm

[4] Dornblüth, Gesine (19.8.2023) Nordstream Pipeline Wer steckt hinter dem Anschlag? Deutschlandradio: Köln. https://www.deutschlandfunk.de/nord-stream-pipelines-anschlag-100.html

[5] Hersh, Seymour (8.2.2023) How America took out the Nordstream pipeline. https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream

[6] Biden, Joe (7.2.2022) Pressekonferenz mit Olaf Scholz im Weißen Haus. Bericht: Andrea Shalal und Rosalba O’Brien: If Russia invades Ukraine, there will be no Nord Stream 2, Biden says https://www.reuters.com/business/energy/if-russia-invades-ukraine-there-will-be-no-nord-stream-2-biden-says-2022-02-07/ Reuters: London Video: LIVE: Biden and German Chancellor Olaf Scholz Hold Joint Press Conference https://www.youtube.com/watch?v=quEbUA1ldmE (Minute 11:30 – 12:00) Bloomberg Quicktake: New York (USA).

Anmerkung: Die Antwort von Präsident Biden auf die Frage nach Nord Stream 2 lautete nach dem Bericht von Reuters und den im Netz verfügbaren Video-Aufnahmen: “If Russia invades, that means troops and tanks crossing the border of Ukraine again, then there will be no longer Nord Stream 2. We will bring an end to it.” Im Wortprotokoll der Bundesregierung steht: „Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die Grenze zur Ukraine überquert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben.” Der zweite entscheidende Satz der Video-Aufnahme wurde im Wortprotokoll der Bundesregierung weggelassen, obwohl er zwar leise, aber deutlich zu hören ist. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-und-dem-praesidenten-der-vereinigten-staaten-von-amerika-biden-am-7-februar-2022-in-washington-2003648

[7] Bossu, Régis (5.10.19179) Le Baiser. (Der Kuss) Der sozialistische Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker in Berlin anlässlich des 30-jährigen Bestehens der DDR. Grundlage für das Bild an der Berliner Mauer von Dimitry Vrubel https://rarehistoricalphotos.com/socialist-fraternal-kiss-leonid-brezhnev-erich-honecker-1979/

[8] Szijjártó, Péter (10.10.2024) St. Petersburg, Internationales Gasforum. Armin Coeper ZDF: „Can we understand your participation here as another provocation against Brussels and the EU?“  Péter Szijjártó: „No. Try to behave in a polite and respectful way towards Hungria. This is first. And try to make an attempt to understand. All right? Try not to show your disrespect to other countries. Of what kind of provocation are you speaking about? This is a sovereign, a sovereign right of a country to decide on what events the ministers participate and on what not. We are not a Jawohl-nation, okay? So you cannot dictate us. No one, nor the German government nor the greens in Germany, okay?“ https://dert.site/kurzclips/video/222185-wir-sind-keine-jawoll-nation/

[9] Meyer-Larsen, Werner (21.3.1982) Der unverziehene Strang nach Osten. DER SPIEGEL: Hamburg. https://www.spiegel.de/wirtschaft/der-unverziehene-strang-nach-osten-a-7e646f14-0002-0001-0000-000014337181

[10] Molière (1669) Le Tartuffe, Acte IV, Scène V et VI. Aus: Molière, Oeuvres complètes II, S. 257 – 345. Ausgabe Garnier-Flammarion 1965: Paris.

3 Tage sozialistisch kulturelles „unframe Festival“

Das unframe Festival ist ein dreitägiges sozialistisch-kulturelles Festival im Oyoun in Berlin mit verschiedenen Themen auf Englisch und Deutsch.

Ich kann dieses Festival nur jedem richtig ans Herz legen.

Nach der ersten Trumpwahl hatte ich geschrieben. „Die Welt ist aus den Fugen geraten. Die Welt schreitet voran in Richtung Konfrontation und kapitalistische Barbarei. Und der Neoliberalismus wie der Neokolonialismus bereiten den Boden dazu.“

Wie soll man die Situation da heute beschreiben? Etwa so? „Der israelische Vernichtungskrieg in Gaza führt uns inzwischen tagtäglich vor Augen, was diese auf die Spitze getriebene kapitalistische Barbarei tatsächlich bedeutet. Was uns allen blüht, wenn wir dem nicht rigoros Einhalt gebieten! Aber wie?“

Der von Trump nominierte Verteidigungsminister erklärt uns gerade:
„Zionismus und Amerikanismus sind die FRONTLINIEN der westlichen Zivilisation und Freiheit in unserer heutigen Welt.“

Nicht wenige fühlen sich von der Entwicklung geradezu überrollt. Da tut es Not. Da tut es gut. Sich auszutauschen. Erklärungen zu finden. Perspektiven auszuloten. Programm und Redner sind hochkarätig und vielfältig. Auch kulturell kannst Du Kraft tanken, Solidarität verspüren, leben, schmecken.

ein solches unframe Festival sollte zur Nachahmung in anderen Städte empfohlen werden 

Den Ort, das Oyoun mit seinen Betreibern will die Politik endgültig plattmachen. Der sozialistisch demokratische sowie antiimperialistische, antifaschistische und konsequent antirassistische Diskurs soll unterbunden werden. Ein Grund mehr, sich den Termin vom 22. bis zum 24. November vorzumerken, hinzugehen und sich zu solidarisieren.

Die Veranstalter schreiben in ihrer Einladung:

Wir laden ein, etwas über politische Ideen zu lernen und sich darüber auszutauschen. Erleben Sie mit uns ein Wochenende voller Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops, Livemusik, Filmvorführungen, Essen, Basar und mehr

Hier kann man das vollständige Programm finden!

Wir freuen uns, eine Reihe inspirierender Redner vorstellen zu dürfen, die ihre Perspektiven, ihr Fachwissen und ihre Visionen in die Veranstaltung einbringen. Wir laden ein, sich zu beteiligen und nachzudenken.

Wir freuen uns, ein vielfältiges Angebot an Vorträgen und Podiumsdiskussionen präsentieren zu können, die die Neugier wecken, zum Dialog anregen und das Verständnis vertiefen sollen.

Das Festival ist eine Nonprofit Veranstaltung

Schicke deinen selbst berechneten Ticketpreis an unser Paypal-Konto: 
tickets@unframefestival.com mit folgenden Angaben: Vorname, Nachname, E-Mail. Du erhältst dann eine Bestätigung per E-Mail. Falls du nur für 1 oder 2 Tage kommen möchtest, kannst du den Ticketpreis nach deiner eigenen Einschätzung anpassen.

✉️ Kontakt

Hier geht es direkt zur Seite der Veranstalter

Haben Sie Fragen, Kommentare oder benötigen Sie Hilfe? Kontaktieren Sie uns per E-Mail unter hi@unframefestival.com – wir sind für Sie da ✌️

Ampel-Aus: Vorwärts in die Vergangenheit?

Mit dem Ampel-Aus stehen wir vor der Wahl zwischen national-konservativer Konterrevolution und echter links-grüner Politik

Von Klaus Dörre

Bild: Screeshot Collage Christian Lindner

Das Ende der Ampel-Koalition in Berlin fällt mit zwei Ereignissen zusammen, deren politische Bedeutung kaum zu überschätzen ist: dem Comeback Donald Trumps und der Prognose des EU-Beobachtungsprogramms Copernicus, dass die 1,5-Grad-Schwelle bei der Erderhitzung 2024 »ziemlich sicher« überschritten wird.

Beginnen wir mit den Berliner Ereignissen. Ungeachtet der öffentlich ausgetragenen Fehde um den Stil des Koalitionsbruchs gilt: Das Ampel-Aus war überfällig. Die Dreier-Allianz hatte sich anfangs als Koalition präsentiert, die bei der Umsetzung der Agenda 2030, auf die sich die Weltstaatengemeinschaft geeinigt hatte, eine Vorreiterrolle beanspruchte. Aussichten auf grünes Wachstum und eine ökologisch erneuerte Wirtschaft einten Koalitionäre, die allerdings gegensätzliche Strategien verfolgten. Grüne und SPD setzten auf einen Staat, der Märkte als ideeller Gesamtkapitalist selbst schafft. Das geht nicht ohne Planung und vor allem nicht ohne öffentliche Investitionen in Milliardenhöhe, die mit der Schuldenbremse nicht zu realisieren sind.

Die FDP favorisierte hingegen das politische Arsenal eines marktgetriebenen Finanzkapitalismus. Ließen sich die programmatischen Gegensätze anfangs noch überbrücken, traten sie mit dem Ukraine-Krieg, dem Wegfall von billigem russischen Gas, der Inflation und den Wohlstandsverlusten vor allem der unteren Einkommenshälfte offen hervor. Fortan wirkte die FDP wie eine Opposition auf der Regierungsbank. Wahlpolitisch ist ihr das schlecht bekommen: Die Freidemokraten müssen trotz unverhältnismäßig großer medialer Präsenz um ihre parlamentarische Existenz fürchten.

Deshalb hat sich die Führungsriege der FDP mehrheitlich zu einem Befreiungsschlag entschlossen, der – zu Recht – zu einer politischen Richtungsentscheidung aufruft. Das Lindner-Papier für eine »Wirtschaftswende Deutschland« ist tatsächlich eine Scheidungsurkunde, deren Umsetzung Grünen und SPD die politische Selbstaufgabe abverlangt hätte. Die FDP will die Unternehmenssteuern senken und Investitionen in Bundeswehr, Infrastruktur und Digitalisierung durch Einsparungen beim Klimaschutz und beim Bürgergeld ermöglichen. An die Stelle einer »vertikalen Industriepolitik« soll eine marktbasierte, technologieoffene Angebotspolitik treten. Die besondere Förderung erneuerbarer Energien soll beendet werden, die vermeintliche »Überregulierung« etwa durch ein Tariftreue- und ein Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gestoppt und die Arbeitszeit verlängert werden. Beim Klimaschutz soll Deutschland nicht länger »Vorreiter«, sondern »Vorbild« sein, unter anderem durch »Abschaffung von unnötigen klimapolitischen Regulierungen und Subventionen« und Auflösung des Klima- und Investitionsfonds (KTF).

Das Lindner-Papier plädiert letztendlich für eine sozial-ökologische Konterrevolution. Es ist prokapitalistisch, aber in wichtigen Aussagen nicht mehr neoliberal. Zwar entspricht es der alten Utopie des Kapitals, der zufolge eine möglichst regelungsfreie Wirtschaft ein Optimum an Wachstum und Wohlstand garantiere. Aber es ruft zugleich nach einem starken Staat. Das gilt neben den Rüstungsplänen vor allem für das ohnehin rigide Migrationsregime, das laut Lindner-Papier weiter verschärft werden soll. Wie Grenzkontrollen und Abschreckung von Migranten zu einem Wirtschaftsmodell passen, das zumindest innerhalb der EU auf Freizügigkeit und grenzüberschreitender Mobilität beruht, bleibt ein Geheimnis der FDP-Führungsriege. Kein Wunder, dass der Verkehrsminister mit seinem Parteiaustritt der Lindner-Crew indirekt staatspolitische Verantwortungslosigkeit bescheinigt.

Um es klar zu sagen: Was die FDP-Führungsriege vorschlägt, bedeutet eine Annäherung an eine national-konservative Politik, die große Schnittmengen nicht nur mit der Merz-Söder-Union, sondern auch mit der AfD enthält. Darin liegt die eigentliche politische Herausforderung: Gelingt einem national-konservativen Block, dessen inhaltliche Grenzen zur extremen Rechten immer durchlässiger werden, der Sprung an die Macht? Oder kommt es zu einer echten Nachhaltigkeitswende, die klarstellt, dass Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt bei Ausblendung sozialer Gerechtigkeit nicht zu haben sind?

Statt verpassten Chancen zur Einigung hinterherzutrauern und zu postulieren, dass eine Einigung selbst unter Wahrung der Schuldenbremse möglich gewesen wäre, wie Robert Habeck argumentiert, sollte die gesellschaftliche und politische Linke innerhalb wie außerhalb der Regierung die anstehende Richtungsentscheidung ernst nehmen.

Dazu wäre im ersten Schritt zu korrigieren, was vor allem für die Grünen einen Genickbruch bedeutete. Die grüne Politik leidet nicht nur an einem Vermittlungsproblem, und längst nicht alle Fehler sind auf die Führungsschwäche des Kanzlers zurückzuführen. Das Hauptproblem der rot-grünen Koalitionäre ist, so die Wahrnehmung vieler, dass sie ökologische Nachhaltigkeitsziele unter Ausblendung sozialer Gerechtigkeit betrieben haben. Wo ist das Klimageld geblieben? Welche Sicherheitsgarantien gibt es für jene, die beim Umbau der Industrie ihre Jobs verlieren werden? Wie verhalten sich Krieg und geplante Aufrüstung zu ökologischer Nachhaltigkeit? Diese Fragen haben die rot-grünen Koalitionäre unbeantwortet gelassen. Nicht das sozial-ökologische Umbauprogramm mit seinen Themen ist ihr Hauptproblem, sondern die Inkonsequenz, mit der sie es vorangetrieben haben.

Deshalb liegt die Chance einer linken Opposition jenseits von Rot-Grün nicht in der Vermeidung oder gar in der affektgesteuerten Abwertung ökologischer Zielsetzungen, wie sie sich auch beim BSW findet. Für ökologische Großgefahren wie den Klimawandel gilt: Werden sie zeitweilig verdrängt, schlagen sie etwa in Gestalt von Wetterextremen umso heftiger auf die Gesellschaften auch der reichen Länder zurück. Die Unwetter, die in der spanischen Region Valencia Hunderte das Leben kosteten, deuten die Zustände an, wenn wir – wie gegenwärtig wahrscheinlich – auf ein 2,4- oder gar ein 2,8-Grad-Erderhitzungsszenario zusteuern.

Was AfD, CDU/CSU und FDP wollen, bedeutet unnötigen Zeitverlust und höhere Kosten für den sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft. Die Neue Volksfront in Frankreich hat trotz aller internen Streitigkeiten gezeigt, was dem entgegenzusetzen ist: »Tax the Rich!« und Nutzung der Einnahmen für den sozial-ökologischen Umbau lautet ihr Programm, mit dem sie als Siegerin aus den zurückliegenden Parlamentswahlen hervorgegangen ist. Dass der gesellschaftliche Reichtum auch in Deutschland gerechter verteilt werden könnte, meint hierzulande nahezu jeder und jede. Doch kaum jemand glaubt, der Linken könnte eine Umverteilung von den Stärksten zu den Schwachen wirklich gelingen. Deshalb konnte die extreme Rechte die Oben-unten-Konflikte in Auseinandersetzungen zwischen »Innen« und »Außen«, zwischen »autochthoner« Bevölkerung und vermeintlich integrationsunwilligen Migranten umdeuten.

Ethnisierende Deutungen der sozialen Frage sind in Teilen der Bevölkerung inzwischen fest verankert. Umso wichtiger ist, dass diese mittels besserer Politik allmählich wieder an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Linke kann nur erfolgreich sein, wenn sie sich zur politischen Trägerin einer Nachhaltigkeitsrevolution macht, die ökologische und soziale Zielsetzung gleich gewichtet. Eine solche Zielsetzung ist die einzig zukunftstaugliche Antwort auf jene Weltordnung, die mit Donald Trump neu entstehen wird.

Dem erwartbaren Neomerkantilismus der USA und der geplanten Exportoffensive Chinas – wieder einmal – allein mit den Kräften des Marktes begegnen zu wollen, ist lächerlich. Die CO2-Bepreisung, wie sie Liberale und Konservative befürworten, bietet Anschauungsunterricht: Sind die CO2-Preise zu niedrig, haben sie für Unternehmen keine Lenkungswirkung; sind sie zu hoch, belasten sie vor allem die unteren und mittleren Einkommensschichten und treiben diese in die ausgebreiteten Arme der ökologischen Konterrevolution.

Dagegen hilft nur eine linke Politik, die utopischen Überschuss mit politischem Realismus verbindet. Dazu gehört, dass gängige Feindbilder korrigiert werden. Die Linke jenseits der Ampel hatte sich lange auf einen grünen Kapitalismus eingeschossen, dessen Verwirklichung nun in den Sternen steht. Das hat die transformierende Linke unfähig gemacht, die radikale Rechte im tagespolitischen Geschäft erfolgreich zu bekämpfen. Dass die AfD bei den zurückliegenden EU- und Landtagswahlen jeweils mit Abstand stärkste Arbeiterpartei wurde, ist ein Alarmsignal. Werden die Signale gehört, dann kann die Zukunft – wenn auch noch nicht bei den kommenden Bundestagswahlen und keineswegs zwingend innerhalb bestehender Parteigrenzen – links-grün sein.

Erstveröffentlicht im nd v. 9./10.11
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1186639.regierungskrise-ampel-aus-vorwaerts-in-die-vergangenheit.html?sstr=Klaus|D%C3%B6rre

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung