Von Stefan Nold
Bild: Screenshot eines You Tube Videos der DW
Kürzlich habe ich in einem Nebensatz geschrieben, die USA hätten die Nordstream-Pipelines gesprengt. [1] „Alarm, Alarm!“ läuten da die Glocken der Faktenchecker. Hatte nicht im August 2024 die Tagesschau exklusiv gemeldet, der Generalbundesanwalt habe im Juni 2024 in dieser Angelegenheit einen Haftbefehl gegen den in Polen wohnhaften Ukrainer Wolodymyr Z. erlassen?
Leider hat sich der zwischenzeitlich in die Ukraine abgesetzt und ist dort für die deutsche Justiz nicht mehr erreichbar, wohl aber für die Tagesschau: „In einem kurzen Telefonat am Dienstag zeigte sich Z. überrascht von dem Vorwurf. Er bestritt, an den Anschlägen auf Nord-Stream beteiligt gewesen zu sein.“ Recherchen ergaben „zumindest keine direkten Verbindungen zum ukrainischen Militär oder zu Geheimdiensten.“ [2]
Seither ist es still geworden um Herrn Z., der zusammen mit zwei anderen auf der Segeljacht „Andromeda“ in 70 – 90 Meter Tiefe drei Stahlrohre von 1,15 Meter Durchmesser, 45 mm Wandstärke plus 109 mm Betonmantel in die Luft gesprengt haben soll. [3] Hut ab! Da hätte selbst James Bond Schwierigkeiten gehabt. Das war wohl eher eine Ente, die die Bundesregierung mal kurz durchs Sommerloch hat watscheln lassen – ganz exklusiv für die Tagesschau.
In einer Anhörung vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat der renommierte US-Professor Jeffrey Sachs (Columbia University) dargelegt, nur ein staatlicher Akteur mit entsprechendem Know-how und einem Zugang zur Ostsee habe die Möglichkeit gehabt, solch einen Anschlag auszuführen und nannte dabei Russland, die Vereinigten Staaten, Polen, Norwegen, Deutschland, Dänemark und Schweden. [3] Die Ukraine habe weder die technischen Möglichkeiten noch den Zugang zur Ostsee und hatte zu dem Zeitpunkt „ganz andere Prioritäten“ [4]. Anfangs stand die russische Spur hoch im Kurs. Danach hätte Russland die eigenen, mit sehr viel Mühe gegen heftigsten Widerstand der USA errichteten Pipelines gesprengt, um den Anschlag der Ukraine in die Schuhe zu schieben, oder um Regressforderungen zu entgehen, die es aber ohnehin nicht zahlen würde. [4] Das ist eine These, die selbst für westliche Medien so steil ist, dass sie derzeit nicht weiter verfolgt wird.
Somit kommen nur NATO-Staaten als Täter in Frage. Von ihnen haben neben Norwegen vor allem die USA das stärkste Motiv: Die US-Gaskonzerne versorgen nun Europa mit ihrem umweltschädlichem gefrackten Gas und verdienen dabei Milliarden. Seymour Hersh, der durch viele aufsehenerregende Enthüllungen Weltruhm erlangte, hat in einem Bericht plausibel dargelegt, wie die Aktion ausgeführt wurde. [5] Man wirft ihm vor, nur eine Quelle verwendet zu haben und „Verschwörungstheorien“ zu bedienen. [4] Nach dem was Julian Assange und andere durchmachen mussten, sollten wir froh sein, dass sich überhaupt jemand aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten gegenüber Hersh geäußert hat.
Vor allem aber: Joe Biden hatte in einer Pressekonferenz ein halbes Jahr zuvor angekündigt, den Nordstream-Pipelines „ein Ende zu setzen.“ [6] – und das nach einer erstaunten Rückfrage einer Journalistin – immerhin geht es um die kritische Infrastruktur eines Bündnispartners – noch einmal bestätigt. Unser Bundeskanzler stand daneben, widersprach nicht und verzog keine Miene. Das hatte etwas von dem ikonischen Foto von 1979, als der damalige Generalsekretär der UdSSR Leonid Breschnew unserem Oberindianer aus Pankow durchs Maul knutschte. [7] Wir sind wieder mal die „Jawoll“-Nation. [8] Vorbei die Zeit als Bundeskanzler Helmut Schmidt das deutsch-russische Erdgas-Röhren-Geschäft gegen erbitterten Widerstand der USA selbstbewusst mit den Worten durchdrückte: „Da können andere noch soviel quaken.“ [9]
Es bleibt dabei: Nach derzeitigem, öffentlich bekannten Stand der Ermittlungen haben die USA auf Anweisung ihres Präsidenten Joe Biden mit einer akribisch geplanten Sabotageaktion eine kritische Infrastruktur eines seiner engsten Bündnispartners in die Luft gesprengt, um der eigenen Industrie einen strategischen Vorteil zu verschaffen.
Es ist wie in der Komödie von Molière, in der die USA als Schwindler und Heuchler Tartuffe brilliert, während Deutschland die Rolle des treudoofen Orgon übernommen hat, der den Überredungskünsten Tartuffes unterliegt und ihm freudig sein gesamtes Hab und Gut überschreibt. Erst als er, unter einem Tisch versteckt, mitbekommt, wie Tartuffe ihm die Frau ausspannen will, kommt er zu Verstand. [10] Bei Molière gibt‘s ein Happy End, der Schwindler wird verhaftet; der Depp kommt mit dem Schrecken davon. Für Deutschland sieht es weniger gut aus.
Erstveröffentlich im Overton Magazin v. 8.11. 2024
https://overton-magazin.de/top-story/la-nation-tartuffe/
Wir danken für das Publikationsrecht.
Quellen:
[1] Nold, Stefan (3.11.2024) Pumpernickel statt Panzer. Overton-Magazin. Buchkomplizen GmbH: Köln.
https://overton-magazin.de/top-story/pumpernickel-statt-panzer/
[2] Berwander, Manuel u.a. (14.8.2024) Erster Haftbefehl wegen Nordstream-Anschlägen. ARD: Hamburg. https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/nordstream-172.html
[3] Sachs, Jeffrey (21.2.2023) Briefing to the United Nations Security Council on the Nordstream pipeline: „The destruction of the Nord Stream pipelines required a very high degree of planning, expertise, and technological capacity. The Nord Stream 2 pipelines are a marvel of engineering (see, for example, here and here). Each section of pipe is rolled steel of 4.5 cm thickness, and with a pipeline internal diameter of 1.15 meters. The pipe is encased in concrete of 10.9 cm thickness. The weight of each section of concrete-encased pipe is 24 metric tons. The Nord Stream 2 pipelines, some 1,200 kilometers in length, contain around 200,000 pipes. The pipelines sit on the sea floor. Destroying a pipeline of heavy rolled steel, encased in concrete, at the depth of 70- 90 meters, requires highly advanced technologies for transportation of the explosives, diving to install the explosives, and detonation. To do so undetected, in the exclusive economic zones of Denmark and Sweden, adds greatly to the complexity of the operation. As a number of senior officials have confirmed, an action of this sort must have been carried out by a state-level actor. Only a handful of state-level actors have both the technical capacity and access to the Baltic Sea to have carried out this action. These include Russia, the United States, the United Kingdom, Poland, Norway, Germany, Denmark, and Sweden, either individually or in some combination. Ukraine lacks the necessary technologies, as well as access to the Baltic Sea.” https://www.jeffsachs.org/recorded-lectures/f4rsfnzw9rbdx2tz2n38lfgsctsbc8 Siehe auch https://press.un.org/en/2023/sc15206.doc.htm
[4] Dornblüth, Gesine (19.8.2023) Nordstream Pipeline Wer steckt hinter dem Anschlag? Deutschlandradio: Köln. https://www.deutschlandfunk.de/nord-stream-pipelines-anschlag-100.html
[5] Hersh, Seymour (8.2.2023) How America took out the Nordstream pipeline. https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream
[6] Biden, Joe (7.2.2022) Pressekonferenz mit Olaf Scholz im Weißen Haus. Bericht: Andrea Shalal und Rosalba O’Brien: If Russia invades Ukraine, there will be no Nord Stream 2, Biden says https://www.reuters.com/business/energy/if-russia-invades-ukraine-there-will-be-no-nord-stream-2-biden-says-2022-02-07/ Reuters: London Video: LIVE: Biden and German Chancellor Olaf Scholz Hold Joint Press Conference https://www.youtube.com/watch?v=quEbUA1ldmE (Minute 11:30 – 12:00) Bloomberg Quicktake: New York (USA).
Anmerkung: Die Antwort von Präsident Biden auf die Frage nach Nord Stream 2 lautete nach dem Bericht von Reuters und den im Netz verfügbaren Video-Aufnahmen: “If Russia invades, that means troops and tanks crossing the border of Ukraine again, then there will be no longer Nord Stream 2. We will bring an end to it.” Im Wortprotokoll der Bundesregierung steht: „Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die Grenze zur Ukraine überquert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben.” Der zweite entscheidende Satz der Video-Aufnahme wurde im Wortprotokoll der Bundesregierung weggelassen, obwohl er zwar leise, aber deutlich zu hören ist. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-und-dem-praesidenten-der-vereinigten-staaten-von-amerika-biden-am-7-februar-2022-in-washington-2003648
[7] Bossu, Régis (5.10.19179) Le Baiser. (Der Kuss) Der sozialistische Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker in Berlin anlässlich des 30-jährigen Bestehens der DDR. Grundlage für das Bild an der Berliner Mauer von Dimitry Vrubel https://rarehistoricalphotos.com/socialist-fraternal-kiss-leonid-brezhnev-erich-honecker-1979/
[8] Szijjártó, Péter (10.10.2024) St. Petersburg, Internationales Gasforum. Armin Coeper ZDF: „Can we understand your participation here as another provocation against Brussels and the EU?“ Péter Szijjártó: „No. Try to behave in a polite and respectful way towards Hungria. This is first. And try to make an attempt to understand. All right? Try not to show your disrespect to other countries. Of what kind of provocation are you speaking about? This is a sovereign, a sovereign right of a country to decide on what events the ministers participate and on what not. We are not a Jawohl-nation, okay? So you cannot dictate us. No one, nor the German government nor the greens in Germany, okay?“ https://dert.site/kurzclips/video/222185-wir-sind-keine-jawoll-nation/
[9] Meyer-Larsen, Werner (21.3.1982) Der unverziehene Strang nach Osten. DER SPIEGEL: Hamburg. https://www.spiegel.de/wirtschaft/der-unverziehene-strang-nach-osten-a-7e646f14-0002-0001-0000-000014337181
[10] Molière (1669) Le Tartuffe, Acte IV, Scène V et VI. Aus: Molière, Oeuvres complètes II, S. 257 – 345. Ausgabe Garnier-Flammarion 1965: Paris.