Weiße Wunderwelt

US-Außenminister Marco Rubio spricht auf der Münchner Siko

Von TANJA RÖCKEMANN

Die Münchner Sicherheitskonferenz (Siko) passt zu den Verhältnissen wie eine Handgranate in einen Schützengraben. Seit Jahrzehnten ist sie Treffpunkt all jener, die sich um die Zukunft unserer Welt die größten Sorgen machen und genau deshalb keine andere Wahl haben, als sie mit Waffen zu überziehen. In diesen Bemühungen sehen sich die Hüter der globalen Sicherheit allerdings wechselnden Antagonisten gegenüber: Von der Gründung der Siko 1963 an bis 1991 war es naturgemäß die Sowjetunion; in den 1990er Jahren waren es Entwicklungsländer, welche die kapitalistische Globalisierung zu verhindern trachteten; in den 2000er Jahren betrat der Islamismus die Weltbühne (aus Versehen von den USA selbst bewaffnet – na, Schwamm drüber); spätestens seit den 2010er Jahren bedroht die Volksrepublik China die friedliebenden kapitalistischen Metropolen.

In der Rede, die der US-Außenminister Marco Rubio jüngst auf der Siko hielt, geistert die heutige Weltmacht China unbenannt herum wie Lord Voldemort in »Harry Potter«. Zum Kernübel unserer Gegenwart erklärt der fanatische Antikommunist allerdings folgenden Problemkomplex: »Klimakult« und »Massenmigration« zerstören die »nationale Identität« der westlichen Staaten aus ihrem eigenen Inneren heraus, gestützt von der – Achtung, hier kommt der Trump-Twist – »bösartigen Ideologie des Freihandels«, eine »törichte Vorstellung«, die »sowohl die menschliche Natur als auch die Lehren aus über 5000 Jahren aufgezeichneter Menschheitsgeschichte ignoriert«. Rubio kleckert nicht, sondern klotzt: »Tausende Jahre westlicher Zivilisation« stehen auf dem Spiel!

In Wirklichkeit besteht die Gefahr für die Sicherheit dieser planetenzerstörenden »Zivilisationen« natürlich in Dingen wie dem potenziellen Verlust von »Lieferketten-Souveränität«, der Bedrohung von »Wettbewerbsfähigkeit in den Märkten des globalen Südens« und, in geringerem Maße, der »Deindustrialisierung«. Ein Geheimnis ist das alles nicht, Rubio sagt es ja offen. Aber die bürgerliche Herrschaft – zumal in ihrer faschistoiden Form – kommt nicht aus ohne die Aufmöbelung ihres brutalen Materialismus zu vermeintlichen Höhenflügen einer »zivilisierten« Kultur. Anbiedernd trompetet der trumpistische Außenminister also den sichtlich geschmeichelten europäischen Eliten entgegen: »Dieser Kontinent brachte Mozart und Beethoven hervor, Dante und Shakespeare, Michelangelo und Da Vinci, die Beatles und die Rolling Stones. Die Gewölbe der Sixtinischen Kapelle und die Türme des Kölner Doms zeugen nicht nur von der Größe unserer Vergangenheit oder vom Glauben an Gott, der diese Wunder inspirierte – sie verweisen auch auf die Wunder, die uns in der Zukunft erwarten.«

Man merkt es: Das Herrschaftspersonal, das sich alljährlich zur Siko in der Hauptstadt der Bewegung trifft, wird weder klüger noch sympathischer. Die Fressen sind wirklich überhaupt nicht zu ertragen. Immerhin verkünden sie nun selbst das »Ende vom Ende der Geschichte« (Rubio). Vielleicht kann die Linke ja daraus mal irgendwas machen. 

Erstveröffentlicht im nd v. 20.2. 2026 (Abo)
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Carla Hinrichs: Aus Gegenwind wird Rückenwind

»Meine verletzte Generation«: Klimaaktivistin Carla Hinrichs klagt an und macht Mut

Warum beginnt Ihr Buch so martialisch mit der Erstürmung Ihrer Wohnung durch die Polizei am 23. Mai 2023, bei der Sie am Ende gar in die Mündung einer Waffe blicken?

Interview FRANK WILLMANN

Bild: Cover Tropen Verlag

Dieser Tag schlug eine tiefe Kerbe in meineBiografie und markierte zugleich einen Höhepunkt unseres friedlichen Protestes. An kaum einem anderen Tag entlarvte der deutsche Staat sich deutlicher als an diesem, an dem er eine Waffe auf eine Botin der schlechten Nachricht richtete, statt sich der Nachricht zu stellen. Gleichzeitig zeigte sich die unglaubliche Kraft des friedlichen zivilen Widerstands. Tausende Menschen schlossen sich danach den Protesten der Letzten Generation an und brachten die Klimakrise als Gesprächsthema an jeden Küchentisch.

Wie erklären Sie die Tatsache, dass Ihnen und Ihren Mitstreitern, jungen nachdenklichen Menschen, an diesem Tag die »Bildung einer kriminellen Vereinigung« vorgeworfen wurde?

Schon die Monarchen im 19. Jahrhundert und die Nazis nutzten den Vorwurf der »Bildung einer kriminellen Vereinigung«, um die demokratische Opposition zu unterdrücken. Diese Tradition gegenüber jenen, die eine bessere Welt für alle fordern, wird heute gegenüber jungen Menschen, die sich eine Zukunft wünschen, fortgeführt. Unser Protest hat den Finger in die Wunde gelegt. Jeden Tag haben wir gezeigt, dass die Regierung sich nicht an ihre eigenen Gesetze hält. Es ist ein politisches Problem, mit dem wir den Staat konfrontierten. Doch er war damit so überfordert, dass er versuchte, es juristisch zu lösen. Dass das nicht geht, liegt auf der Hand.

Interview

Carla Hinrichs, geboren 1997, ist Klimaaktivistin und Autorin. Sie wuchs in Bremen auf und war bereits während ihrer Schulzeit politisch bei Amnesty International aktiv. 2015 begann sie ein Jurastudium, das sie mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Die Dramatik der Klimakrise motivierte sie, sich stärker für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Ab 2022 engagierte sie sich bei der Letzten Generation, war in Talkshows zu Gast, sprach auf Podien oder kommentierte vor Ort die Proteste. Diese Woche kommen ihre Erinnerungen in den Buchhandel.

Wie sind Sie zur Letzten Generation gestoßen, was waren Ihre Beweggründe?

Mit Begeisterung für die deutsche Verfassung und Demokratie habe ich Jura studiert. Aber was, wenn die Regierung sich nicht an unsere Verfassung hält und in der Klimakrise das Leben aller Menschen in diesem Land gefährdet? Die Geschichte gibt uns für solche Notsituationen den friedlichen Widerstand an die Hand. Meine Entscheidung, bei der Letzten Generation mitzumachen, war keine leichte, aber ich wollte dabei sein, wenn Menschen versuchen, zu retten, was uns lieb ist.

Warum ist es der Letzten Generation aber letztlich nicht gelungen, die Massen zu mobilisieren?

Das staatliche Versagen in der Klimakrise hat immerhin schon Millionen Menschen auf die Straße gebracht. Doch im Ergebnis wurde ein verfassungswidriges Klimaschutzpaket verabschiedet. Die Menschen aus der Enttäuschung, aus diesem tiefen demokratischen Schmerz wieder herauszuholen, ihre Trauer in Wut umzukehren und daraus Kraft zu schöpfen, gelingt nicht von heute auf morgen. Jeden Tag müssen wir uns darum bemühen. Im Hinblick auf die Zukunft ist dieser Wandel unumgänglich.

Sie standen mehrfach vor Gericht und wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Dass ich einmal von einem Gericht verurteilt werden würde, weil ich mich in einer alles und alle bedrohenden Krise auf die Straße gesetzt habe, hätte ich vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten. Inzwischen weiß ich zu gut, wie es sich anfühlt, wenn gegen einen ein Urteil »im Namen des Volkes« gesprochen wird. Es gibt bisher keine rechtskräftig gewordene Geldstrafe gegen mich, aber ohne die Unterstützung meiner Mitmenschen werde ich, wenn diese eingefordert werden sollte, nicht in der Lage sein, zu zahlen.

Wie gelingt es Ihnen, mit dem mörderischen Druck durch rechte Medien und Politiker auf Sie und Ihre Aktionen umzugehen?

Gegenwind beim Protestieren heißt, dass man etwas richtig macht. Natürlich sind manche Drohungen und Einschüchterungen beängstigend und die Gewalt durch Passant*innen und Polizei, die ich auf der Straße erlebt habe, lässt sich nicht ohne Weiteres verarbeiten. Aber wir können aus Gegenwind auch Rückenwind machen. Das habe ich bereits erlebt, und ich glaube, darin wird in Zukunft viel Kraft liegen.

In der Unterzeile Ihres Buches ist von »Verrat« die Rede. Inwiefern verrät uns der Staat, der doch ein Rechtsstaat ist, oder?

Die wissenschaftlichen Fakten sind bekannt und werden ignoriert. Der Staat verspricht Schutz und schützt uns nicht. Er verfolgt friedlichen Protest mit den härtesten Gesetzen und lässt zu, dass unsere Lebensgrundlagen zerstört werden. Wir können dabei zusehen, wie der Rechtsstaat sich auflöst, nicht mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt. Wir müssen genau hinschauen und jeden kleinen Rückschritt abmahnen. Denn zusammengenommen ergibt sich jetzt bereits ein düsteres Bild: Der Rechtsstaat zerbricht.

War die Letzte Generation ohne Fehl und Tadel? Hat nicht auch sie Fehler gemacht?

Die Letzte Generation war ein Versuch: Alles in die Waagschale zu werfen, um alles zu gewinnen. Der Preis ist hoch, den wir dafür bezahlt haben, auf der Straße, in den Gerichtssälen und in den Gefängnissen. Manchmal frage ich mich, ob wir uns noch besser darauf hätten vorbereiten können. Denn niemand sollte mit den Folgen alleine sein. Auch jetzt nicht, da es die Letzte Generation nicht mehr gibt.

Sie wählten bewusst den Weg des gewaltlosen Protests.

Keine Gewalt anwenden zu wollen, ist unser moralisches Gebot. Dahinter steckt auch eine Strategie. Unser Protest richtet sich gegen ein gewaltvolles System. Richtet es seine Gewalt gegen friedlichen Protest, delegitimiert es sich und zwingt die Menschen, sich zu positionieren.

Wäre das Abtauchen im bürgerlichen Wohlfühlkosmos und die Gründung einer Familie für Sie keine Option?

Gibt es diesen Wohlfühlkosmos überhaupt noch? Uns überfluten doch jeden Tag Schreckensnachrichten. Wie sehr muss man seine Augen zukneifen, um darüber hinwegzusehen? Ich persönlich kann das nicht. Nicht nur, weil ich es für falsch halte, das Leid der Welt zu ignorieren und sich wegzuducken, wenn die Geschichte einen braucht, sondern auch, weil ich an der Ohnmacht, angeblich nichts dagegen tun zu können, kaputtgehen würde. Natürlich träume ich an manchen Tagen davon, allem entfliehen zu können, doch nicht zuletzt machen mir das all die Gerichtsprozesse unmöglich.

Was hat es mit dem von Ihnen geforderten Gesellschaftsrat auf sich?

Unser System gleicht immer mehr einer Post-Demokratie. Eine Demokratie darf nicht erstarren, sondern muss sich stets weiterentwickeln, um den Krisen der Zeit begegnen zu können. In repräsentativ ausgelosten Gesellschaftsräten können Entscheidungen unabhängig von Geld und Macht getroffen werden. Sie können abbilden, was die Menschen wirklich wollen, wenn sie zusammenkommen, statt sich immer weiter voneinander zu entfernen, zu trennen.

Was ist die größere Gefahr für den Zusammenhalt der Welt: die Gewitztheit der KI oder die Dummheit von Politikern wie Donald Trump?

Das sind wir – wenn wir reale Bedrohungen als Gewitztheit und Dummheit abtun. Eine angemessene Reaktion auf die Zerstörung der Welt und unseres Gemeinwesens kann nur sein, sich ihr in den Weg zu stellen.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Wild und radikal?

Vielleicht ist »wild und radikal« genau das, was unsere Welt braucht: Radikal die Dinge bei der Wurzel packen und verändern wollen und wild Visionen für unsere Zukunft entwickeln, sich nicht verdummen und einsperren lassen in Zerstörungs-Ideologien. Für beides braucht es Mut. Ich hoffe, dass ich ihn immer wieder finden werde. Im Moment lebt in mir auf jeden Fall noch einiges an Wut und Hoffnung, um den Mut zu schöpfen, mit dem weiterzumachen, was mich bisher anspornte.

Carla Hinrichs: Meine verletzte Generation. Wie der Staat uns alle verrät. Tropen-Verlag, 272 S., br., 18 €. Buchpremiere mit der Autorin an diesem Mittwoch im Filmtheater Colosseum, Gleimstraße 33, 10437 Berlin (19.30 Uhr).

Erstveröffentlicht im nd v. 17.2. 2026
Meine verletzte Generation

Wir danklen für das Publikationsrecht.

Wenn in Davos die Barbarei im Maßanzug tafelt – Menschheit, Freiheit und Mitwelt auf der Speisekarte des digital-technokratischen Faschismus

Von Andreas Buderus

Collage: Jochen Gester

In Davos, dort wo Glasfassaden und Helikopterlandeplätze die Illusion einer sauberen, beherrschbaren Welt erzeugen, versammeln sich jedes Jahr jene, die über Kapital, Kriege, Lieferketten und Schuldenströme entscheiden. Sie sprechen über Nachhaltigkeit, Sicherheit, Resilienz, während unter ihnen eine Welt aus zerbombten Städten, überfüllten Lagern und ausgebrannten Landschaften liegt. Einer von ihnen, der kanadische Premierminister Mark Carney, formulierte am 20. Januar 2026 in dieser Kulisse eine Wahrheit, die man sonst nur in zynischen Floskeln hört: Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte[1]. Das war kein Ausrutscher, kein Fauxpas kurz vor dem abendlichen Festgelage, sondern die nüchterne Selbstbeschreibung einer Ordnung, die sich ihrer eigenen Brutalität bewusst geworden ist und sie zunehmend nicht mehr zu cachieren für erforderlich hält. Davos ist der Tisch. Der Rest der Welt ist das Menü.

Die kapitalistische Produktionsweise hat die Welt vollständig durchdrungen. Es gibt keinen Außenraum mehr, in dem sie nicht wirkt, keinen Winkel, in dem sich Leben ihrer Logik entziehen könnte. Alles ist Ware, alles ist Arbeitskraft, alles ist potenziell verwertbar – und wo Verwertung nicht mehr gelingt, wird verwaltet, ausgesondert oder vernichtet. Diese Produktionsweise ist nicht an ihr Ende gekommen, aber sie ist an ihre historische Schranke gestoßen. Sie kann sich nicht mehr durch Ausdehnung reproduzieren, sondern nur noch durch Zerstörung. Aufrüstung, Krieg, Vertreibung, soziale Eliminierung und ökologische Verwüstung sind keine Fehlentwicklungen eines an sich vernünftigen Systems – sie sind die Erscheinungsweise, in der sich ein erschöpftes Akkumulationsregime heute noch erhält, so lange es irgend geht oder die ausgebeuteten und unterdrückten Massen es noch weiter gewähren lassen.

In diesem Stadium ist Barbarei keine Ausnahme mehr, sondern Form.

Sie ist der Modus, in dem das Kapital jene Teile der Welt bearbeitet, die nicht mehr integriert werden können. Überflüssige Regionen, überflüssige Menschen, überflüssige Leben – nicht weil sie keinen Wert hätten, sondern weil sie keinen Wert mehr realisieren. Die globale Ordnung besteht zunehmend nicht aus Integration, sondern aus Zonen: Zonen der Verwertung und Zonen der Vernichtung, Zonen der Akkumulation und Zonen der Entsorgung. Das Mittelmeer, die mexikanische Wüste, die Lager an den Rändern Europas, die belagerten Städte des globalen Südens, die zerbombten Regionen imperialer Stellvertreterkriege – sie sind keine Tragödien am Rand der Welt, sie sind die Welt, wie sie heute funktioniert.

Der militaristische Kontroll- und Überwachungsstaat ist die politische Form dieses Zustands, aber er ist es nicht erst heute. Er entstand als bürgerlicher Nationalstaat aus den Revolutionen des 18. Jahrhunderts, aus der amerikanischen und der französischen, aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, aus dem Versprechen, dass die Gewalt des Souveräns an Recht gebunden und die Freiheit des Individuums garantiert sei. Dieser Staat war von Anfang an Klassenstaat, aber er war ein Klassenstaat in der Form der allgemeinen Freiheit: Eigentum, Vertrag, Person, Öffentlichkeit, Wahlen, Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative. Die bürgerliche Freiheitsverfassung war keine bloße Täuschung, sie war die reale politische Form einer Produktionsweise, die formell freie Arbeitskräfte, garantierte Eigentumstitel (an den Produktionsmitteln), Vertragsfreiheit und Rechtssicherheit (für die Besitzenden) brauchte, um sich durchzusetzen.

Doch schon auf den Barrikaden der französischen Revolution zeigte sich der Riss, der durch diese Ordnung lief. Während die bürgerliche Klasse Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit proklamierte, fragten die Handwerker*innen, Tagelöhner*innen und Arbeiter*innen, deren Körper die Revolution trugen: wessen Freiheit, wessen Gleichheit, wessen Brüderlichkeit? Sie begriffen, dass eine Freiheit, die auf Eigentum, Markt und Lohnarbeit gründet, nicht die Freiheit aller ist, sondern die Freiheit der Besitzenden, ihre Macht unter dem Schutz des Rechts auszuüben. Diese Frage wurde nicht theoretisch gestellt, sondern praktisch – und sie wurde nicht beantwortet, sondern niedergehalten.

Als zweiundachtzig Jahre später die Pariser Kommune diesen Zweifel in politisch aufständiges Handeln und die Wirklichkeit der ersten sozialistischen Verfasstheit verwandelte, als Arbeiter*innen, Handwerker*innen und Kleinbürger begannen, über Produktion, Verwaltung und Militär selbst zu verfügen, antwortete der bürgerliche Staat nicht mit Debatte, sondern mit Massaker; über 30.000 Communard*innen – Frauen, Männer und Kinder –  wurden erschlagen und erschossen, 40.000 Pariser*innen wurden verhaftet, über 4.000 davon nach Neu-Kaledonien deportiert – ohne Aussicht, je zurückzukehren. Das Alles in trauter Zusammenarbeit der keine zwei Monate vorher noch im Krieg miteinander befindlichen kapitalistischen Staaten Preußen und Frankreich. Eigens und ausschließlich zum Zwecke der Niederschlagung der Pariser Commune ließ Preußen mehrere 10.000 französische Kriegsgefangene frei, gestattete entgegen den Vereinbarungen des Friedensvertrags – dass die Truppen der Versailler Regierung zur Niederschlagung der Kommune von 40.000 auf 120.000 Mann aufgestockt werden durften, verzichtete zudem darauf, durchzusetzen, dass die verbleibenden französischen Regierungstruppen hinter die Loire – und damit weit ab von Paris – verlegt wurden und gab außerdem die Zusage, dass für die Einkesselung und Bekämpfung des revolutionären Paris mit einer aktiven Unterstützung preußischer Truppen zu rechnen sei. Und nicht zuletzt wurde eine erste Ratenzahlung der Kriegsentschädigung bis zur Niederwerfung der Kommune ausgesetzt.[2] Während der ´semaine sanglante´, der Blutigen Woche, vom 21. bis 28. Mai 1871 standen etwa 120.000 bis 130.000 Soldaten der französischen Regierungstruppen den Communard*innen gegenüber.[3] Hier zeigte sich mit brutaler Klarheit, was die bürgerliche Freiheitsverfassung wert ist, sobald nicht nur der Versuch unternommen wird „die Staatsmacht von einer Fraktion der herrschenden Klassen an die andere zu übertragen, sondern eine Revolution )stattfindet(, um diese abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft selbst zu zerbrechen“ [4], also die Verfügungsgewalt der Besitzenden selbst ernsthaft in Frage gestellt wird: Sie wird suspendiert, und die nackte Gewalt tritt an ihre Stelle.[5]

Was sich heute als autoritärer Kriegsstaat, als illiberale Demokratie, als offene Kleptokratie in den Vereinigten Staaten, in Russland, in der Türkei, in Ungarn in vielen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas entfaltet, ist nicht der Verrat an einem einst reinen Ideal, sondern die späte Offenbarung eines Widerspruchs, der von Anfang an in den bürgerlichen Revolutionen angelegt war. Die Verfassung bleibt, die Rechte bleiben, die Wahlen bleiben formal überwiegend unangetastet – aber die reale Macht verlagert sich in exekutive, militärische und ökonomische Kommandostrukturen. Der Staat nennt sich noch demokratisch, während er sich als Apparat der imperialen Konkurrenz, der sozialen Selektion und der inneren wie äußeren Kriegsführung organisiert. Die bürgerliche Freiheit wird nicht abgeschafft, sie wird entkernt – und dort, wo sie den Besitzenden gefährlich wird, mit Gewalt außer Kraft gesetzt.

Was heute als autoritäre Verrohung, als illiberale Demokratie, als Sicherheitsstaat oder als technokratische Härte erscheint, ist historisch nichts anderes als eine neue Phase dessen, was im 20. Jahrhundert Faschismus hieß. Auch damals war der Faschismus nicht das Gegenteil der bürgerlichen Ordnung, sondern ihre extremste Form in einer Phase, in der die kapitalistische Produktionsweise in eine existenzielle Krise geraten war. Der historische Faschismus war die Antwort der herrschenden Klassen auf eine Situation, in der die liberale Staatsform die Reproduktion des Kapitals nicht mehr garantieren konnte. Weltkrieg, totale Mobilisierung, rassistische Kategorisierung und offene Eliminationspolitik gehörten von Beginn an zu seiner Funktionsweise. Die Shoah und der Porajmos waren nicht Ausnahmen, sondern die radikalste Zuspitzung einer Ordnung, die ganze Bevölkerungen aus der Menschheit ausschloss, um sich selbst zu stabilisieren.

Der heutige Faschismus trägt eine andere Oberfläche. Er ist technokratisch, klinisch, digitalisiert. Er marschiert nicht in Kolonnen, sondern in Datenbanken. Er schießt und eliminiert nicht aus Ideologie, sondern aus Sicherheitslogik. Er spricht nicht von Vernichtung, sondern von Risiko, nicht von Feinden, sondern von Gefährdern. Doch seine Funktion ist dieselbe: die Verwaltung einer Welt, in der immer mehr Menschen für die kapitalistische Verwertung überflüssig werden. Lager, Grenzregime, Pushbacks, Sanktionsökonomien, Drohnenkriege und gezielte Tötungen sind die zeitgenössischen Formen dessen, was früher Deportation, Zwangsarbeit und Vernichtung hieß.

Und dennoch kehrt auch die offene, terroristische Form zurück. Wenn bewaffnete ICE-Einsatzkräfte in den Vereinigten Staaten Menschen auf offener Straße erschießen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden; wenn im Iran zehntausende Protestierende getötet werden, verschwinden, in Gefängnissen sterben oder hingerichtet werden; wenn in Russland paramilitärische Einheiten Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner jagen, schlagen und verschleppen, dann ist das keine Abweichung vom Rechtsstaat, sondern seine imperiale Wahrheit. Gewalt wird nicht mehr nur angedroht, sie wird exekutiert. Der Staat zeigt, dass er nicht nur ordnet, sondern tötet. Die Eliminierung ist heute selektiver, algorithmischer, effizienter – aber nicht weniger real.

In dieser Ordnung wird Freiheit nicht abgeschafft – sie wird funktionalisiert. Sie existiert weiterhin als Recht, als Versprechen, als moralische Selbstbeschreibung des Systems. Doch sie meint nicht mehr die Fähigkeit, über das eigene Leben zu verfügen, sondern nur noch die Möglichkeit, sich innerhalb vorgegebener Zwänge zu bewegen. Frei ist, wer wählen darf – zwischen Produkten ohne wirklichen Gebrauchswert, zwischen zunehmend entfremdenden Jobs, zwischen Krediten, zwischen politischen Angeboten, die alle dieselbe Ordnung bestätigen. Frei ist, wer sagen darf, was er denkt – solange er nichts in Frage stellt, was diese Ordnung trägt. Frei ist, wer sich bewegen darf – solange er dorthin geht, wo Arbeit, Kontrolle oder Krieg auf ihn warten.

Wer mehr will als diese Freiheit, wer nicht nur wählen, sondern entscheiden möchte, stößt an eine unsichtbare Wand. Die wirklichen Entscheidungen – über Produktion, Krieg, Ressourcen und Leben – werden anderswo getroffen. „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.“ Dieses zeitgenössische politische Sprichwort bringt in einer brutalen Metapher zum Ausdruck, was hier längst Realität ist: Macht ist kein moralischer Zustand, sondern ein Verhältnis von Verfügung und Ausgeliefertsein. Wer nicht dort sitzt, wo über Wertschöpfung, militärische Gewalt, Rohstoffflüsse und geopolitische Ordnungen entschieden wird, wird nicht gehört – er wird diszipliniert, verwertet oder entsorgt.

Es ist bezeichnend, dass diese Metapher längst nicht mehr nur von unten, sondern auch von oben benutzt wird. Als Mark Carney in Davos erklärte, mittlere Mächte müssten zusammenstehen, weil „wer nicht am Tisch sitzt, auf der Speisekarte steht“, sprach er eine Wahrheit aus, die das System selbst nicht mehr leugnen kann: Die selbsternannte ´regelbasierte Weltordnung´ ist längst zerfallen, und was an ihre Stelle getreten ist, ist nackte Machtpolitik, ökonomische Erpressung, Blockbildung und militärische Drohung. Staaten, die sich nicht in diese Machtgeometrien einfügen oder keine eigene Durchsetzungsfähigkeit entwickeln, werden nicht respektiert, sondern behandelt – als Objekte fremder Interessen, als verfügbare Zonen von Arbeit, Ressourcen und geopolitischem Zugriff.

In dieser Diagnose ist Carney bemerkenswert ehrlich. Er benennt die Barbarei nicht als Ausnahme, sondern als den realen Modus der Weltordnung. Doch seine Schlussfolgerung bleibt innerhalb derselben Logik gefangen. Seine Antwort auf das ´Menü´ ist nicht dessen Abschaffung, sondern ein besserer Platz am Tisch. Strategische Autonomie, Blockkooperation, geopolitische Selbstbehauptung – all das ist nichts anderes als die Anpassung an eine Ordnung, die bereits als Ordnung der Verwüstung erkannt wurde. Die Frage, wer überhaupt das Recht hat, diesen Tisch zu errichten, und nach welchen Kriterien dort entschieden wird, bleibt unangetastet. So wird aus einer zutreffenden Diagnose der Barbarei eine staatsstrategische Anleitung zu ihrer effizienteren Verwaltung.

Die neoliberale Phase dieser Ordnung hat diese Entmachtung verinnerlicht. Sie hat die Menschen gelehrt, sich selbst als Projekt zu behandeln, als Kapital, als Ware. Erfolg erscheint als persönliches Verdienst, Scheitern als individuelle Schuld. So wird der gesellschaftliche Zwang zur Konkurrenz in die Psyche eingeschrieben. Aus der Angst vor dem Abstieg wird Wut, aus der Ohnmacht Aggression, aus der Vereinzelung der Wunsch nach Ordnung. Der autoritäre Charakter ist keine historische Anomalie, er ist die seelische Form einer Gesellschaft, die ihre Subjekte systematisch überfordert und gegeneinander ausspielt.

Wenn dann die nationale Fahne gehisst wird, wenn „Sicherheit“ versprochen, wenn „Ordnung“ beschworen wird, wenn von „inneren“ und „äußeren“ Feinden die Rede ist, dann trifft das auf ein emotional vorbereitetes Terrain. Der Hass richtet sich nicht gegen das System, das zerstört, sondern gegen jene, die am schwächsten sind: Geflüchtete, Arme, Queers, Frauen, Kinder und Jugendliche, Andersdenkende. Die Barbarei wird nach innen getragen, während sie nach außen mit Drohnen, Bomben, Sanktionen und Blockaden organisiert wird. Der Krieg, der anderswo geführt wird, kehrt als Militarisierung des Alltags zurück: als Polizei, als Überwachung, als Ausnahmegesetz, als moralischer Zwang zur Loyalität. Selbst in der sich selbst als ´politischen Mitte´ etikettierenden Politikdarsteller*innenkaste wird diese Verschiebung inzwischen offen ausgesprochen. In seiner Regierungserklärung vom 29. Januar 2026 erklärte Kriegskanzler Friedrich Merz, Europa müsse „die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen“, um in einer „Welt der Großmächte“ die „eigenen Interessen durchsetzen“ zu können.[6]

Wenn Aufrüstung und Kriegsvorbereitung zur Führungsleistung erklärt und Machtpolitik zur politischen Normalität erhoben wird, erscheint Militarisierung nicht mehr als Ausnahme, sondern als vernünftige Staatsräson. Die Sprache der Sicherheit wird zur Sprache der Verfügung — und der Alltag beginnt, sich nach ihr zu richten.

Tatsächlich ist die Welt längst zu einer einzigen gedeckten Tafel geworden. Nicht für alle, sondern für jene, die über Kapital, Militär, Technologie und Kredit verfügen. Die einen verhandeln über Märkte, Rohstoffe, Kriegszonen und Lieferketten – die anderen tauchen darin nur als Zahlen, Risiken, Migrationsströme oder Kollateralschäden auf. Wer nicht am Tisch sitzt, steht nicht nur auf der Speisekarte, er ist bereits zerlegt, portioniert, kalkuliert. Die imperiale Ordnung kennt keine Subjekte, nur Verwertungsobjekte und Sicherheitsprobleme. Freiheit heißt in ihr nichts anderes mehr als die Freiheit, sich unter den Starken zu behaupten – oder von ihnen verwertet zu werden.

Die Freiheit, die hier verteidigt wird, ist die Freiheit der Ordnung, nicht die Freiheit der Menschen. Sie ist das Recht, sich dem zu fügen, was notwendig genannt wird. Sie ist die juristische Form einer materiellen Unfreiheit. Die Arbeiter*innen und Handwerker*innen, die einst auf den Barrikaden der Französischen Revolution und der Commune standen, hatten ein anderes Verständnis. Für sie war frei, wer möglichst viele Möglichkeiten hatte – nicht abstrakte Rechte, sondern reale Spielräume des Lebens. Wer Brot hatte, Zeit, Sicherheit, Würde. Wer nicht jeden Tag neu gezwungen war, sich zu verkaufen. Dieses Verständnis ist radikal, weil es die Frage der Freiheit nicht von der Frage der Macht trennt.

Eine (Welt-) Gesellschaft, in der wenige über die Produktionsmittel, die Gewaltapparate und die Ressourcen verfügen, während die Mehrheit gezwungen ist, sich diesen Bedingungen zu unterwerfen, ist nicht frei – egal wie viele Rechte sie verteilt. Sie ist eine Gesellschaft der formalen Freiheit und der realen Unfreiheit. Und in dem Moment, in dem diese Ordnung in ihre imperialistische Krise eintritt, verwandelt sich diese Unfreiheit in Barbarei. Die Maske fällt. Der Krieg wird offen geführt. Die Zerstörung wird zur Pflicht. Die Gewalt wird zur Moral.

Doch selbst in dieser Konstellation ist nichts abgeschlossen. Barbarei ist kein Naturzustand, sondern eine historische Form. Sie existiert nur, solange sie reproduziert wird – in Fabriken, in Rüstungsbetrieben, in Logistikketten, in Datenströmen, in Gehorsam, in Angst. Freiheit beginnt dort, wo diese Reproduktion unterbrochen wird. Wo Menschen nicht mehr nur reagieren, sondern verweigern. Wo sie nicht mehr auf der Speisekarte stehen, sondern den Tisch in Frage stellen. Wo Gleichheit, materielle Sicherheit, demokratische Verfügung und die Weigerung, sich an Entmenschlichung zu beteiligen, nicht als Moral, sondern als politische Praxis begriffen werden.

In einer Welt, in der Krieg zur Geschäftsgrundlage geworden ist und Menschen zu verwaltendem Material, bedeutet Freiheit nichts anderes als die kollektive Fähigkeit, dieser Logik final ein Ende zu setzen oder zu verrecken.

Anmerkungen:

[1] https://www.jungewelt.de/artikel/516553.regierungserkl%C3%A4rung-merz-tr%C3%A4umt-von-macht.html

[2] file:///C:/Users/andreas/Downloads/Marx%20Lehrbriefe%20-%20Serie%20C%2014%20-%20Die%20Pariser%20Kommune%201871.pdf

[3] https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Artikel/1-21_Onl-Publ_Kurze_Geschichte.pdf

[4] K. Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 541f.

[5] https://perspektive-kommunismus.org/2021/03/18/neue-broschuere-die-pariser-kommune-1871/

[6] https://www.jungewelt.de/artikel/516553.regierungserkl%C3%A4rung-merz-tr%C3%A4umt-von-macht.html

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Der Autor:

Andreas Buderus ist Gewerkschaftsaktivist und Mitinitiator der gewerkschaftlichen Basisinitiative ´SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden´

Gespiegelt aus Gewerkschaftsforum Dortmund
Wenn in Davos …

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