Landesparteitag Die Linke Berlin – auf dem Weg zur „roten Metropole“???

Illusionen können gefährlich werden. Ohne beständigen Kampf von unten wird sich nichts ändern. Es rettet uns kein Kaiser noch Tribun … und auch kein Senator in Berlin! Deshalb ist die folgende Auseinandersetzung bitter notwendig. Für Einheit und den Erfolg einer wirklich rebellischen Linken. (Peter Vlatten)

Martin Suchanek. Infomail 1298, 19. November

Die Linke will in Berlin regieren und mit Elif Eralp die nächste Bürgermeisterin stellen. Nichts weniger als eine rote Bastion gegen das neoliberale, militaristische und rassistische Grau der Bundesregierung verspricht die Partei unter dem Titel „Berlin zurückerobern – für eine Rote Metropole“. Detailliert werden manche der Vorschläge u. a. im Beschluss „Soziale Sicherheit und demokratisierte Daseinsvorsorge – für einen radikalen Politikwechsel in Berlin“ beschrieben.

Mit mehr Dynamik und vollmundiger als im letzten Jahrzehnt verspricht Die Linke, sollte sie eine Koalition mit SPD und Grünen nach den Landtagswahlen anführen, einen „echten“ Politikwechsel, ein „rebellisches Regieren“ vom Feinsten. Mit der „roten Metropole“ soll sich alles grundlegend ändern, stellt sie doch nicht weniger vor als eine „Stadt, in der die Menschen bestimmen, wo es langgeht, nicht der Markt. Eine Stadt, in der nicht mehr die Größe des Portemonnaies entscheidet, wie gut man lebt, sondern ein gutes Leben für alle Menschen möglich ist.“

Und wie soll das gehen? Dazu schlägt Die Linke in mehreren Beschlüssen einen Fokus auf folgende Maßnahmen vor.

1. Die Lösung der Wohnungsnot in Berlin

Das soll durch mehrere Maßnahmen erfolgen, u. a. durch ein soziales Wohnbauprogramm, einen Mietendeckel für 380.000 landeseigene Wohnungen und die Verpflichtung für private Vermieter:innen, in mindestens 50 % ihrer Immobilien für dauerhaft bezahlbare Mieten zu sorgen. Gewissermaßen als Krönung des Ganzen verspricht die Partei, dass sie die Umsetzung des Volksentscheids zur Vergesellschaftung von DWE und Co. zur Bedingung einer Koalition machen würde. Das klingt zunächst tatsächlich nach einem längst fälligen Durchbruch. Wie dies allerdings mit dem sehr dehnbaren Begriff einer Vergesellschaftung zu verstehen ist, bleibt unklar. Allerdings – und das sollten alle auch gleich im Hinterkopf haben –: Das E-Wort kommt in keinem der Beschlüsse vor. Statt von Enteignung ist sehr viel vager von Vergesellschaftung und sozialen Verpflichtungen die Rede.

Das ist kein Zufall. Alle wissen, dass die SPD, aber auch die Grünen einer sofortigen Enteignung der Konzerne nicht zustimmen würden – und somit die Koalitionsverhandlungen nur von kurzer Dauer sein könnten. Das Wort „Vergesellschaftung“ wird daher zu einer gängigen Formel, die zwei Funktionen erfüllt. Erstens klingt sie viel radikaler, auch wenn es sich bei Lichte betrachtet um wenig mehr als Mitbestimmung von Mieter:innen und den durchaus unterstützenswerten Ausbau der Rechte von Beiräten usw. handelt. Zweitens ist es in der Substanz viel vager als die Enteignung und erlaubt es so, unter einer scheinradikalen Fassade die Enteignungsfrage zu umschiffen. Die radikale Phrase reduziert das sog. rebellische Regieren mit SPD und Grünen in der Wohnungsfrage auf seinen realen Gehalt, auf einige sozialdemokratische Reformen, die das Privateigentum und die Profitmacherei der Immobilienlobby allenfalls etwas einhegen, in ihrer Substanz aber unberührt lassen. Damit könnten notfalls auch die SPD-Rechte und die Senatsverwaltung gut leben. Und die Spitze der Linkspartei könnte so tun, als hätte sie sich an „rote Linien“ gehalten.

2. Der Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge statt Sozialkürzungen

Neben der Lösung der Wohnungsfrage verspricht Die Linke die Errichtung einer „sozialen Infrastruktur“ der Stadt, was die „Vergesellschaftung“ der landeseigenen Unternehmen beinhalten solle. Diese sollten „demokratisch kontrolliert“ werden, wobei, was positiv zu erwähnen ist, die Kontrolle durch Mitarbeitende und Nutzer:innen extra hervorgehoben wird. Unklar bleibt allerdings, wie diese „Kontrolle“ im Verhältnis zum bürgerlichen Staat, also zum Land Berlin, steht, ob es sich um eine relativ weitgehende Form der Mitbestimmung oder um wirkliche Kontrolle durch die Beschäftigten handeln solle.

Auch hier dient die vage Formulierung dazu, sich radikaler zu geben und zugleich ausreichend Spielraum für etwaige Koalitionsverhandlungen zu haben.

Darüber hinaus verspricht auch Die Linke, was auch schon der letzte rot-grün-rote Senat versprochen hatte – die Wiedereingliederung outgesourcter Bereiche in die landeseigenen Betriebe und die verbindliche Einhaltung von tariflichen Bedingungen für Betriebe, die Aufträge vom Senat oder den Bezirken erhalten sollen.

Das ist alles richtig – allein fehlt es an über alte Versprechen hinausgehenden Forderungen, wie z. B. die entschädigungslose Enteignung von Betrieben, die diese Bedingungen verletzen, und Kampfmaßnahmen zu deren Umsetzung und Kontrolle.

3. Soziale Absicherung statt Repression und Überwachung

In diesen Abschnitten und Anträgen spricht sich Die Linke u. a. gegen die Überwachung sog. „Kriminalitätsschwerpunkte“, gegen rassistische Kontrollen durch die Bullen und gegen KI-gesteuerte Überwachungssysteme im öffentlichen Raum aus.

Stattdessen müssten Versammlungs- und Meinungsfreiheit verteidigt werden, Berlin müsste eine antirassistische Stadt werden, diskriminierende und rassistische Praktiken gehören abgeschafft. Alles gut. Aber alles auch unkonkret, wenn es um politische Knackpunkte wie die Kriminalisierung der Palästinasolidarität, Verbote palästinensischer Organisationen und Einschränkungen des Demonstrationsrechts geht. Hier bleiben die Anträge wortkarg und sprachlos. Eine Entkriminalisierung aller palästinensischen Organisationen und Vereine – im Grunde eine demokratische Minimalforderung – findet sich bei der Linkspartei aus zwei Gründen nicht. Erstens geht das den eigenen rassistischen, zionistischen und proimperialistischen Rechten wie z. B. der sog. progressiven Linken gegen den Strich. Für den innerparteilichen Frieden akzeptiert man letztlich lieber die Polizeirepression. Zweitens weiß auch das Zentrum der Berliner Linkspartei, dass eine Koalition mit SPD und Grünen ausgeschlossen ist, wenn eine Entkriminalisierung von palästinensischen (und anderen auf den sog. Terrorlisten zu findenden Widerstandsorganisationen) als Voraussetzung für eine Regierungsvereinbarung benannt würde.

Es ist daher kein Zufall, dass die Beschlüsse zur „roten Metropole“ und zum „rebellischen Regieren“ kein Wort über die Umsetzung von Bundesgesetzen durch das Land Berlin verlieren. Soll die „rote Metropole“ weiter Flüchtlinge und Migrant:innen abschieben? Soll sie die Sanktionen gegen „verweigernde“ Bürgergeldbezieher:innen umsetzen? Wer bei den Bedingungen für eine etwaige Koalition dazu nichts sagt, sagt in Wirklichkeit alles. Das gern beschworene Miteinander gilt für die Betroffenen rassistischer Abschiebungen oder für die Menschen, die kein Bürgergeld mehr kriegen sollen, offenkundig nicht. Daran ändern auch zehntausende Haustürgespräche nichts.

Widersprüche des „rebellischen Regierens“

Wir wollen hier keineswegs absprechen, dass viele Mitglieder der Linkspartei und auch viele Delegierte zum Parteitag ehrlich Abschiebungen verhindern und das Sanktionsregime gegen die Arbeitslosen stoppen wollen. Aber es liegt in der Logik des „rebellischen Regierens“, das bei Lichte betrachtet eben auch nur eine weitere „linke“ bürgerliche Regierung ist und auch nur sein kann, dass allenfalls verwässerte Reformen rüberkommen, während man gleichzeitig die volle Verantwortung für die Umsetzung der Geschäfte der herrschenden Klasse übernehmen muss. Pointiert bezeichnete Marx die Regierung als geschäftsführenden Ausschuss der herrschenden Klasse – und genau das ist auch der Senat in Berlin. Eine Koalition mit anderen bürgerlichen oder reformistischen Parteien gibt dem vielleicht einen etwas progressiveren Anstrich – mehr aber auch nicht.

Die „rote Metropole“ entpuppt sich als blauäugige Fiktion. Eine Stadt, „in der die Menschen bestimmen, wo es langgeht, nicht der Markt. Eine Stadt, in der nicht mehr die Größe des Portemonnaies entscheidet, wie gut man lebt, sondern ein gutes Leben für alle Menschen möglich ist“, kann es auf Basis des Kapitalismus nicht geben.

Es ist eine alte sozialdemokratische Schimäre, dass die Lebensverhältnisse der lohnabhängigen Massen durch Veränderung der Verteilungsverhältnisse (Wohnung, soziale Sicherung usw.) geändert werden können, wenn gleichzeitig die Eigentumsverhältnisse – das Monopol an den Produktionsmitteln – unangetastet bleiben. Genau das verspricht aber Die Linke und daraus erwachsen alle ihre inneren Widersprüche.

Die Beschlüsse des Parteitags bringen das zum Ausdruck. Einerseits werden einigermaßen radikale Reformen versprochen – ein Ausdruck des Drucks aus der Arbeiter:innenklasse, von den Wähler:innen und aus der Mitgliedschaft. Andererseits wird alles so formuliert, dass es einigermaßen koalitionstauglich, also kompatibel mit SPD und Grünen, ist, denn schließlich kann Eralp nur mit deren Stimmen, wenn überhaupt, Bürgermeisterin werden.

Die reformistische Strategie des rebellischen Regierens drückt sich jedoch nicht nur im Opportunismus gegenüber SPD und Grünen aus. Es offenbart sich auch eine vollkommene Verkennung des bürgerlichen Staatsapparates als Instrument der herrschenden Klasse.

Auf tragikomische Art und Weise verdeutlicht das der Beschluss „Berliner Polizeiausbildungsmodell erhalten statt abschaffen“. Zu Recht lehnt Die Linke die Ausbildung des Führungspersonals der Polizei in einer neu zu schaffenden Polizeiakademie ab. Aber ihre Begründung lässt tief blicken: „Dies würde zu einem Wechsel der Aufsicht von Wissenschaft zu Inneres führen und damit zu einer veränderten Ausbildungslogik. Nicht mehr die Ausbildung zu mündigen und reflektierten Beamt*innen stünde im Zentrum, sondern die Durchsetzung von Law and Order.“

Dass die bisherige Ausbildungslogik „mündige und reflektierte Beamt:innen“ hervorgebracht hätte, gehört zur politischen Märchenstunde des Parteitags. Bei Demonstrationen, Hausdurchsuchungen und im sonstigen rassistischen Überwachungsalltag kann davon keine Rede sein. Ebenso wenig wie „rote Metropole“ als sozialistische Insel in einer Stadt im imperialistischen Deutschland geschaffen werden kann, ebenso wenig kann die bürgerliche Polizei, dieses Herrschaftsinstrument des Kapitals, demokratisiert und reformiert werden. Revolutionär:innen in der Partei müssen diese inneren Widersprüche und damit verbunden den illusionären und utopischen Charakter der reformistischen Strategie der Partei offen angreifen und kritisieren – und zugleich die Diskussion um eine revolutionäre Alternative und Strömung in der Partei beginnen. Ansonsten droht auch die „neue“ Berliner Linkspartei, in einem „neuen“ Regierungsdesaster zu enden.

Nachsatz: im obigen Text haben wir uns mit dem Beschluss des Landespartei zum Genozid in Gaza nicht beschäftigt, dem werden wir einen gesonderten Artikel widmen.

Titelbild:blu-news.org, CCBY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Wichtig: zur aktuellen Auseinandersetzung um die Palästinasolidarität in der Linken: 
"Der Rausschmiss von Ramsis aus der Linken trennt die Spreu vom Weizen – kommt eine Empörungswelle von links?"

Der Beitrag ist am 19.11.2025 erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

#Hambi – #Lützi – #Sündi: Drei kleine Orte, drei große Symbole einer Jahrzehnte währenden Bewegung!!

Zeki Gökhan erzählt in bewegenden Worten die Geschichte, mit welcher strukturellen Gewalt den Konzerninteressen des größten Energiekonzerns in Deutschland Geltung verschafft wurde.

Was bleibt sind die bitteren Lehren, aber auch die solidarischen Erfahrungen aus diesem langjährigen Kampf, was bleibt sind diese Lehren und Erfahrungen zu verbreiten, um beherzter zusammenhalten und illusionsloser weiterkämpfen zu können. Aufgeben ist keine Option. Erzählt diese Geschichte. Überall. (Peter Vlatten)

Drei kleine Orte, drei große Symbole einer Jahrzehnte währenden Bewegung!!

Am Abend des 18. November, als auch die letzten Bäume des Sündenwäldchens fielen, war dies für viele Außenstehende nur eine kurze Meldung, ein nüchterner Satz in der Presse über einen „Räumungseinsatz“.
Doch für uns war es viel mehr: Es war das Echo eines jahrzehntelangen Kampfes, das Ende einer Wegmarke – und zugleich der Beginn einer neuen Phase. Denn die Zerstörung des Sündenwäldchens kann nur verstanden werden, wenn man sie gemeinsam mit den beiden anderen großen Orten unserer Bewegung liest: dem Hambacher Wald und Lützerath.

Diese drei Orte —Hambi, Lützi und Sündi—sind keine bloßen geografischen Punkte.
Sie sind drei Säulen der kollektiven Erinnerung, drei Linien der Beharrlichkeit, drei Brennpunkte einer Bewegung, die über ihre Grenzen hinausgewachsen ist.

HAMBACHER WALD – Mehr als ein Wald: Das erwachte Bewusstsein einer Generation!!

Mehr als elf Jahre lang sind wir im Hambacher Wald durch Regen, Kälte, Hitze, Schlamm und Dunkelheit gegangen. Jedes Baumhaus stand für Entschlossenheit; jede Wurzel war ein Symbol für das Recht auf Leben, das Recht der Natur, einfach zu sein.

Hambi hörte auf, „nur ein Wald“ zu sein. Er wurde zu einem Bewusstsein, zu einem Wert, zu einer Haltung: Wir besitzen diese Erde nicht—wir sind ihre Gäste.

Für diesen Kampf haben wir materielle und ideelle Kosten getragen: Festnahmen, Anzeigen, Verletzungen, schlaflose Nächte, endlose Versammlungen und Kampagnen. Doch all diese Opfer prägten Hambi in der Geschichte der Klimagerechtigkeit.

Und wenn heute „nur“ 10 Prozent des Hambacher Waldes gerettet wurden, dann steckt in jedem Baum dieser 10 Prozent unser Schweiß, unser Mut und unser gemeinsamer Wille.

LÜTZERATH – Mehr als ein Dorf: Die unbesiegbare Moral des Widerstands!!

Als der Kampf nach 2020 von Hambi nach Lützerath wanderte, war dies keine Verlagerung, sondern die natürliche Fortsetzung derselben Linie. Die von RWE erfundene „Energiekrise“-Argumentation sollte Lützerath opfern–doch wir standen dort, weil wir wussten: Hier geht es nicht um ein Dorf, sondern um das Prinzip der Gerechtigkeit selbst.

Lützi wurde zu einem Symbol:

  • ein Knotenpunkt internationaler Solidarität,
  • ein Platz der kollektiven Empörung,
  • ein Lehrbuch der kapitalistischen Energielogik.

Auch in Lützi zahlten wir einen Preis.
Wir standen im Regen und in der Kälte, in Polizeiketten, an Barrikaden, in Momenten voller Hoffnung und voller Schmerz.

Ja – wir konnten Lützerath nicht retten.
Doch Niederlage war es nicht. Es war ein Kapitel, das uns lehrte: Ein verlorener Ort ist keine verlorene Bewegung. Ein zerstörtes Haus ist keine zerstörte Moral.

SÜNDENWÄLDCHEN – Die dritte Front, das dritte Symbol, der dritte Preis!!

Seit über einem Jahr bündelten wir unsere gesamte Kraft im Sündenwäldchen. RWE plante zuerst unter dem Vorwand „Kohle“, dann als angebliche „Energiekrise“ und schließlich mit einer kosmetischen „See-Fantasie“, diesen Wald vollständig zu tilgen. Wir wussten, dass der Angriff kommen würde — doch wir wussten auch, dass unsere Pflicht es war, diesen Angriff politisch, moralisch und gesellschaftlich zu entlarven.

Sündi mag klein wirken, doch wer kämpft, weiß: Die Größe eines Symbols misst sich nicht an der Fläche des Waldes, sondern an der Wahrheit, die er repräsentiert.

Sündi war:

  • die Fortsetzung von Hambi,
  • das Echo von Lützi,
  • und die dritte Säule unserer gemeinsamen Geschichte.

Auch dort zahlten wir Preise — nicht nur wir Aktivist:innen, sondern unzählige Menschen: diejenigen, die Kochen brachten, diejenigen, die in kalten Nächten Tee verteilten, diejenigen, die von weit her kamen, diejenigen, die von ihrem letzten Geld Solidarität schickten, Arbeiter:innen, Studierende, Migrant:innen, Anwohner:innen, Rentner:innen, Künstler:innen…

Es war die Summe vieler kleiner Opfer, die eine große Wahrheit formten.

DAS GEDÄCHTNIS VON KÖRPERN, ARBEIT UND MORAL

Diese drei Orte haben eines gemeinsam:
Sie wurden mit realen menschlichen Kosten verteidigt. Nicht mit Phrasen, nicht mit „Online-Heldentum“, nicht mit symbolischer Empörung – sondern mit echter Präsenz, mit Händen, die Bäume hielten, mit Füßen, die Wege traten, mit Stimmen, die im Regen lauter wurden.

Deshalb sagen wir heute – ohne Groll, nur aus Klarheit: Viele sprechen jeden Tag von Klima, Natur und Gerechtigkeit; aber Ahlak[ETİK] —wie Che Guevara sagte—besteht in der Übereinstimmung von Wort und Tat.

Wir haben diese Übereinstimmung gelebt.
Und wir wissen, wer in schweren Stunden an unserer Seite stand. Wir wissen auch, wer nur aus sicherer Entfernung sprach.

HABEN WIR VERLOREN? NEIN. WIR HABEN VERWANDELT.
Sündi wurde zerstört. Ja. Aber die Symbole von Hambi, Lützi und Sündi leben weiter…

Denn Symbole leben nicht in gefällten Bäumen, sondern in den Menschen, die sich an sie klammern.

Diese drei Orte bilden eine Kette:

  • Hambi hat das Bewusstsein entzündet,
  • Lützi hat den Kampf internationalisiert,
  • Sündi hat die Entschlossenheit geschärft.

Wir haben einen Ort verloren, aber wir haben ein Jahrzehnt an Erfahrung gewonnen.

Und dieses Jahrzehnt kann niemand mehr ungeschehen machen.

SCHLUSSWORT: DER WEG GEHT WEITER
Diese drei Orte lehrten uns:

  • Kein Kampf ist vergeblich.
  • Kein Opfer ist umsonst.
  • Kein Symbol verschwindet – es wandelt sich.
  • Und keine Niederlage bleibt endgültig, solange wir daraus lernen.

Die Zerstörung des Sündenwäldchens hat uns getroffen – aber sie hat unseren Willen geschärft. Wir werden unsere Strukturen verbessern, unsere Fehler erkennen, neue Bündnisse knüpfen und den kapitalistischen Energiekomplex mit noch größerer Klarheit entlarven.

Wir – die Schüler:innen von Hambi,
die Zeug:innen von Lützi, die letzten Verteidiger:innen von Sündi – werden für RWE, für alle Energiekonzerne und ihre politischen Beschützer immer ein Albtraum bleiben.

Und für die Menschen, die an Gerechtigkeit glauben — immer ein Funke Hoffnung.

Denn wir wissen: Die Wahrheit steckt im Detail. Und die Zukunft gehört denen, die die Details sehen.

Zeki Gökhan
Ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages für die Fraktion Die Linke

Titelbild: Foto Mahnwache Lützerath

COP30: Zum Schweigen gebrachte Stimmen

Hitze, Dürre, Überschwemmungen, gallopierende Lebensmittelpreise, geopolitische Verwerfungen – die Klimakrise hat unseren Alltag erreicht. Die indigenen Völker des Amazonas kämpfen auch für uns, wenn sie für den Erhalt des Amazonas kämpfen. Wenn wir mit ihnen solidarisch sind, dann sind wir solidarisch mit unseren eigenen Interessen.

Der Konferenztourismus nimmt immer skurrilere Züge an. Schäbig insgesamt das Auftreten der Bundesregierung auf der COP30. Merz fiel durch beleidigende Bemerkungen gegenüber dem Gastgeberland Brasilien auf und wollte nicht einmal eine von vielen erwartete konkrete Beteiligung Deutschlands am „Tropische-Regenwald-Fonds für die Ewigkeit“ (TFFF, Tropical Forest Forever Facility) zusagen. Brasilianischer Kommentar zu den Entgleisungen von Merz: „Putz dir die Zähne und geh duschen, bevor du über Brasilien sprichst.“ (Peter Vlatten)

16.11.25 – Pedro Pozas Terrados, Pressenza

Die COP30-Klimakonferenz in Belém, Brasilien, wird nicht wegen ihrer Vereinbarungen, die einmal mehr durch Abwesenheit glänzten, in die Annalen eingehen, sondern wegen der symbolischen und physischen Gewalt gegen diejenigen, die eigentlich die wahren Protagonisten hätten sein sollen: die indigenen Völker des Amazonasgebiets.

Während Regierungen, diplomatische Delegationen und Tausende von Beamten die riesige Bühne genossen, die mit Millionen von öffentlichen Geldern errichtet worden war, wurden die Stimmen derer, die seit Jahrhunderten die Wälder schützen und die die Welt nun „retten” will, zum Schweigen gebracht, unterdrückt und aus den Räumen vertrieben, in denen über ihr eigenes Schicksal entschieden wurde.

In der sogenannten „Blauen Zone“, dem Verhandlungszentrum der Veranstaltung, in dem sich Minister, Botschafter und internationale Fachleute aufhielten, war den indigenen Völkern der Zutritt verboten. Der Ort, an dem sie hätten sein sollen – denn es ging um ihr Land, ihr Wasser, ihren Wald, ihre Zukunft – wurde für sie zu einer unzugänglichen, gepanzerten Festung.

Als Dutzende indigene Vertreter – darunter Mitglieder der Völker Munduruku, Yanomami, Kayapó, Xavante, Tikuna, Karipuna, Tembé und Tupinambá – versuchten, die Grenzen dieses politischen Geländes zu überschreiten, versperrten ihnen die Sicherheitskräfte der Vereinten Nationen den Weg. Es kam zu Schubsereien, Handgreiflichkeiten, Geschrei und gesperrten Zugängen. Mindestens ein Wachmann wurde verletzt. Und die historischen Verletzungen? Und die Völker, die seit Jahrhunderten unter Rohstoffabbau, Enteignung und der Zerstörung ihrer Territorien leiden?

„Wir wollten den Ort stürmen, um zu zeigen, welche Völker hier sein sollten”, erklärte Helen Cristine von der Jugendbewegung „Juntos (PSOL)”. Ihre Worte wurden in keinem Podiumsgespräch aufgegriffen, hallten in keinem Mikrofon wider und erreichten kein diplomatisches Ohr. Aber sie blieben in den Augen derer haften, die die Szene sahen: Jugendliche aus dem Amazonasgebiet, die von denselben Menschen hinausgedrängt wurden, die vorgeben, sie zu schützen.

Bevor er weggeführt wurde, rief der Anführer des Volkes der Kayapó, Mekrägnoti, laut und deutlich.

„Sie sprechen über das Klima, aber lassen uns nicht zu Wort kommen. Ohne uns stirbt der Amazonas. Und ohne den Amazonas stirbt die Welt.“

Dieser Widerspruch ist unerträglich geworden. Die COP, die gegründet wurde, um den Planeten zu retten und die Klimakrise zu bekämpfen, hat sich zu einer luxuriösen bürokratischen Maschinerie entwickelt. Sie ist zu einem riesigen Schaufenster geworden, in dem Länder, die die Umwelt verschmutzen, mit dem Finger auf den Klimawandel zeigen. Dabei unterzeichnen sie leere Vereinbarungen, ohne sich echte Verpflichtungen aufzuerlegen, ohne verbindliche Ziele zu formulieren und ohne das geringste Interesse zu zeigen, irgendetwas verändern zu wollen. Es ist ein jährlicher politischer Sommerurlaub: bezahlte Flüge, Luxushotels, Empfänge, diplomatische Abendessen… Und das alles, während der Planet um Hilfe schreit.

Bei dieser COP30, die in dem Land stattfand, das den größten Regenwald der Welt beherbergt, grenzte die Ironie schon an Obszönität. Während in klimatisierten Räumen über „die Lungen der Welt” diskutiert wurde, wurden die Gemeinschaften, die diese Lungen bewohnen, ferngehalten, unterdrückt, überwacht und zensiert. Während Verpflichtungserklärungen unterzeichnet wurden, wurden die Hüter des Waldes wie Eindringlinge behandelt.

Die indigenen Völker prangerten immer wieder an, dass sie aus ihren Gebieten vertrieben, von illegalen Bergbaugesellschaften verfolgt, von Holzmafias ermordet und von unbefugten Eindringlingen in der Landwirtschaft angegriffen werden – ohne dass die UNO, die Regierungen oder die großen Delegationen mehr tun, als leere Reden zu halten. Sie prangerten an, dass die COP weiterhin denselben wirtschaftlichen Interessen dient, die die Umweltzerstörung vorantreiben. Und dennoch wurde ihnen nicht gestattet, auf der Bühne, auf der über das Schicksal des Planeten entschieden wird, das Wort zu ergreifen.

Die Schlussfolgerung ist klar und schmerzlich: Die COPs vertreten nicht mehr die Menschheit. Sie vertreten die Interessen, die uns in diese Katastrophe geführt haben.

Die Klimakrise schreitet voran. Die indigenen Völker sterben. Die Wälder sterben. Die Flüsse werden verschmutzt. Die Welt brennt. Und währenddessen feiert die diplomatische Maschinerie ihren nächsten Veranstaltungsort, ihren nächsten „Klimasommerurlaub”, ihre nächste bezahlte Reise.

In Belém wurde die Wahrheit offenbart: Ohne die indigenen Völker gibt es keinen Amazonas. Und ohne den Amazonas gibt es keine Zukunft.

Internationaler Aufruf

Die indigenen Völker des Amazonas erklären klar und unmissverständlich: Heute muss die Welt mehr denn je Partei ergreifen. Untätigkeit bedeutet Mitschuld.

Sie fordern, dass die UNO eine ständige Vertretung der indigenen Völker mit Stimmrecht in allen COPs einrichtet – nicht als Gäste, nicht als folkloristische Dekoration, sondern als echte Entscheidungsträger.

Sie fordern, dass die sogenannten Blauen Zonen nie wieder für jene geschlossen werden, die die verhandelten Gebiete schützen. Wenn es um den Amazonas geht, müssen die Bewohner:innen des Amazonas die Führung übernehmen.

Sie rufen Regierungen, soziale Bewegungen, Universitäten, Wissenschaftler:innen und die Weltgemeinschaft dazu auf, die Völker der Munduruku, Kayapó, Yanomami, Xavante, Tikuna, Tembé, Qom, Wichi, Peligás, Maouche und Tupinambá sowie alle indigenen Nationen der Welt zu unterstützen. Ihr Kampf ist die letzte Verteidigungslinie gegen den Klimakollaps.

Sie rufen die internationale Zivilgesellschaft dazu auf, jede Form der Repression gegen indigene Völker zu beobachten, zu dokumentieren und öffentlich zu machen. Kein Schweigen mehr. Keine diplomatische Komplizenschaft mehr.

Sie fordern, dass die COP aufhört, ein touristisch-politisches Spektakel zu sein, und sich in einen echten ethischen Raum mit verbindlichen Verpflichtungen und klarer Verantwortung verwandelt.

Belém hinterlässt uns durch ihre Stimmen eine unüberhörbare Botschaft: Es wird keine Lösung der Klimakrise ohne Gerechtigkeit für die indigenen Völker geben. Es wird keine Zukunft ohne ökologische Gerechtigkeit geben.

Es wird keinen Frieden ohne Wahrheit geben. Und diese Wahrheit wurde lautstark verkündet – auch wenn versucht wurde, ihre Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Die COP30-Klimakonferenz in Belém, Brasilien, wird nicht wegen ihrer Vereinbarungen, die einmal mehr durch Abwesenheit glänzten, in die Annalen eingehen, sondern wegen der symbolischen und physischen Gewalt gegen diejenigen, die eigentlich die wahren Protagonisten hätten sein sollen: die indigenen Völker des Amazonasgebiets.

Während Regierungen, diplomatische Delegationen und Tausende von Beamten die riesige Bühne genossen, die mit Millionen von öffentlichen Geldern errichtet worden war, wurden die Stimmen derer, die seit Jahrhunderten die Wälder schützen und die die Welt nun „retten” will, zum Schweigen gebracht, unterdrückt und aus den Räumen vertrieben, in denen über ihr eigenes Schicksal entschieden wurde.

In der sogenannten „Blauen Zone“, dem Verhandlungszentrum der Veranstaltung, in dem sich Minister, Botschafter und internationale Fachleute aufhielten, war den indigenen Völkern der Zutritt verboten. Der Ort, an dem sie hätten sein sollen – denn es ging um ihr Land, ihr Wasser, ihren Wald, ihre Zukunft – wurde für sie zu einer unzugänglichen, gepanzerten Festung.

Als Dutzende indigene Vertreter – darunter Mitglieder der Völker Munduruku, Yanomami, Kayapó, Xavante, Tikuna, Karipuna, Tembé und Tupinambá – versuchten, die Grenzen dieses politischen Geländes zu überschreiten, versperrten ihnen die Sicherheitskräfte der Vereinten Nationen den Weg. Es kam zu Schubsereien, Handgreiflichkeiten, Geschrei und gesperrten Zugängen. Mindestens ein Wachmann wurde verletzt. Und die historischen Verletzungen? Und die Völker, die seit Jahrhunderten unter Rohstoffabbau, Enteignung und der Zerstörung ihrer Territorien leiden?

„Wir wollten den Ort stürmen, um zu zeigen, welche Völker hier sein sollten”, erklärte Helen Cristine von der Jugendbewegung „Juntos (PSOL)”. Ihre Worte wurden in keinem Podiumsgespräch aufgegriffen, hallten in keinem Mikrofon wider und erreichten kein diplomatisches Ohr. Aber sie blieben in den Augen derer haften, die die Szene sahen: Jugendliche aus dem Amazonasgebiet, die von denselben Menschen hinausgedrängt wurden, die vorgeben, sie zu schützen.

Bevor er weggeführt wurde, rief der Anführer des Volkes der Kayapó, Mekrägnoti, laut und deutlich.

„Sie sprechen über das Klima, aber lassen uns nicht zu Wort kommen. Ohne uns stirbt der Amazonas. Und ohne den Amazonas stirbt die Welt.“

Dieser Widerspruch ist unerträglich geworden. Die COP, die gegründet wurde, um den Planeten zu retten und die Klimakrise zu bekämpfen, hat sich zu einer luxuriösen bürokratischen Maschinerie entwickelt. Sie ist zu einem riesigen Schaufenster geworden, in dem Länder, die die Umwelt verschmutzen, mit dem Finger auf den Klimawandel zeigen. Dabei unterzeichnen sie leere Vereinbarungen, ohne sich echte Verpflichtungen aufzuerlegen, ohne verbindliche Ziele zu formulieren und ohne das geringste Interesse zu zeigen, irgendetwas verändern zu wollen. Es ist ein jährlicher politischer Sommerurlaub: bezahlte Flüge, Luxushotels, Empfänge, diplomatische Abendessen… Und das alles, während der Planet um Hilfe schreit.

Bei dieser COP30, die in dem Land stattfand, das den größten Regenwald der Welt beherbergt, grenzte die Ironie schon an Obszönität. Während in klimatisierten Räumen über „die Lungen der Welt” diskutiert wurde, wurden die Gemeinschaften, die diese Lungen bewohnen, ferngehalten, unterdrückt, überwacht und zensiert. Während Verpflichtungserklärungen unterzeichnet wurden, wurden die Hüter des Waldes wie Eindringlinge behandelt.

Die indigenen Völker prangerten immer wieder an, dass sie aus ihren Gebieten vertrieben, von illegalen Bergbaugesellschaften verfolgt, von Holzmafias ermordet und von unbefugten Eindringlingen in der Landwirtschaft angegriffen werden – ohne dass die UNO, die Regierungen oder die großen Delegationen mehr tun, als leere Reden zu halten. Sie prangerten an, dass die COP weiterhin denselben wirtschaftlichen Interessen dient, die die Umweltzerstörung vorantreiben. Und dennoch wurde ihnen nicht gestattet, auf der Bühne, auf der über das Schicksal des Planeten entschieden wird, das Wort zu ergreifen.

Die Schlussfolgerung ist klar und schmerzlich: Die COPs vertreten nicht mehr die Menschheit. Sie vertreten die Interessen, die uns in diese Katastrophe geführt haben.

Die Klimakrise schreitet voran. Die indigenen Völker sterben. Die Wälder sterben. Die Flüsse werden verschmutzt. Die Welt brennt. Und währenddessen feiert die diplomatische Maschinerie ihren nächsten Veranstaltungsort, ihren nächsten „Klimasommerurlaub”, ihre nächste bezahlte Reise.

In Belém wurde die Wahrheit offenbart: Ohne die indigenen Völker gibt es keinen Amazonas. Und ohne den Amazonas gibt es keine Zukunft.

Foto: Pedro Pozas Terrados – KI

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