Aussetzung der europäischen Beziehungen zu Israel: „Kein Handel mit Kriminellen!“

Unterschriftenkampagne
„Wir fordern angesichts Israels Menschenrechtsverletzungen die vollständige Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel.“

Innerhalb eines Jahres müssen 1 Million Unterschriften gesammelt werden, damit eine „Volkskonsultation“ dem Europäischen Parlament vorgelegt werden kann. Schon nach 3 Tagen haben über 300 000 Menschen unterschrieben.

Besatzungspolitik und Völkermord sind längst nicht gestoppt.

Wir rufen jeden auf, sich der Kampagne anzuschliessen, um den Druck zu erhöhen, dass „Bussiness as usual“ mit Israel endlich aufhört.

Hier kannst du auf der Plattform „Europäische Bürgerinitiative – Zentrales Online-Sammelsystem“ unterschreiben

Die Initiative Koalition Justice for Palestin schreibt auf ihrer Website

„Laut der Europäischen Kommission ist der Staat Israel für die beispiellose massenhafte Tötung und Verletzung von Zivilistinnen und Zivilisten sowie für die massenhafte Vertreibung der Bevölkerung und die systematische Zerstörung von Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen in Gaza verantwortlich [1]. Israel blockiert zudem die Bereitstellung humanitärer Hilfe; dieses Vorgehen könnte als Aushungern als Methode der Kriegsführung angesehen werden. Israel bricht mit zahlreichen Regeln und Verpflichtungen des Völkerrechts und leistet der Anordnung des Internationalen Gerichtshofs [2], das Verbrechen des Völkermords zu verhindern, nicht Folge.

Und doch hat die EU ihr Assoziierungsabkommen mit Israel, ein Eckpfeiler der bilateralen Zusammenarbeit zwischen der EU und Israel in den Bereichen Handel, Wirtschaft und Politik, noch immer nicht ausgesetzt.

Die EU-Bürgerinnen und -Bürger dürfen nicht mehr hinnehmen, dass die EU ein Abkommen aufrechterhält, das einen Staat legitimiert und finanziert, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen begeht.

Daher fordern wir die Kommission auf, dem Rat einen Vorschlag für die vollständige Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel vorzulegen.

[1] Europäischer Auswärtiger Dienst, Vermerk des Büros des EU-Sonderbeauftragten für Menschenrechte, 20. Juni 2025, https://euobserver.com/eu-and-the-world/ar0246a0da.

[2] Internationaler Gerichtshof, Anordnung vom 26. Januar 2024, https://www.icj-cij.org/node/203447.

Connewitz – sollten sich Linke auf Antideutsche fokussieren?

Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin hatte zur Teilnahme an der Demonstration letzten Samstag in Leipzig Connewitz gegen „Antideutsche“ und deren Terror gegen Linke, die sich mit Palästina solidarisieren, mit aufgerufen. Als linke Gewerkschafter:innen erklärten wir:

  • wer Israel und seine aktuelle Politik mit dem „Judentum“ gleichsetzt, missachtet die Meinung der Mehrheit der Jüd:innen weltweit und leistet auf perfide Weise echtem Antisemitismus Vorschub,
  • wer Menschen diffamiert, die die Politik der rechtsextrem durchtränkten Netanyahu Regierung und zionistischen Bewegung kritisieren, ist weder Antifa noch links,
  • wer Menschen kriminalisiert oder sogar körperlich attackiert, die sich mit den Palästinenser:innen solidarisieren, die Völkerrecht und Menschenrecht uneingeschränkt einfordern und einen Genozid verurteilen, macht sich selbst mit Rechtsextremisten gemein.

Kern der „antideutsch“ genannten Strömung unter Linken ist, dass sie die Verteidigung des „Wertewestens“ zum Maßstab „linker“ Realpolitik gegen eine ansonsten weitgehend „faschistische Welt“ erklären. Hardcore Antideutsche agieren dabei immer offener als militante Verfechter insbesondere der Polititk der USA und Israels. Zunehmend wenden sie sich aggressiv gegen alle Linken, die diese imperialistische Politik ablehnen.

Hannes Draeger versucht in dem folgenden Beitrag eine detailiertere Bestandsaufnahme dieses als „links“ getarnten Phänomens. Die „Antideutschen“ als Gralshüter des Wertewestens verlieren mit dessen Verlust an Glaubwürdigkeit selbst an Einfluss. Das ist ermutigernd. Als Vorkämpfer der deutschen Staatsräson mutieren sie für immer mehr Menschen erkennbar zu „Ultradeutschen“. Allerdings erledigt sich das Problem „Antideutsche“ mit dem Gang der Geschichte nicht von selbst. In ihren Hochburgen wie Leipzig Connewitz oder auch in Teilen der Lobbyhauptstadt Berlin haben sie sich strukturell festgesetzt. Nicht zu unterschätzen ist, dass sie staatlicherseits und auch von Strömungen wie dem Zionismus systematisch abgestützt werden.

Connewitz – sollten sich Linke auf Antideutsche fokussieren?

Hannes Draeger, die Linke NRW, 18.Januar 2026

Der große Knall blieb gestern in Connewitz aus. Springerpresse, Sicherheitsbehörden und andere Kräfte der Staatsräson malten im Vorfeld ein Horrorszenario gewalttätiger Auseinandersetzungen an die Wand.

Durchweg wurden die Gruppen, die die Demonstration „Antifa means: Free Palestine“ als Reaktion auf gewalttätige Übergriffe auf palästinasolidarische Menschen in Connewitz organisierten, als „böse“ und „gewalttätig“ geframt. Dabei war kaum noch zu unterscheiden, ob die Vorwürfe von staatlicher Seite oder von sogenannten „antideutschen“ Gruppen ins Feld geführt wurden. Für das „Conne Island“, ein autonomes Zentrum, in dem vor gar nicht langer Zeit noch für den Freiwilligendienst bei der israelischen Armee geworben wurde, war die Demonstration „linksautoritär“, für die Sprecherin des sächsischen Verfassungsschutzes „dogmatisch“. Wie immer durfte auch der Vorwurf des Antisemitismus nicht fehlen. All das hätte widerspruchslos auf ein gemeinsames Flugblatt gepasst. Die Demonstration selbst – und das kann nur Menschen überraschen, die nie an palästinasolidarischen Demonstrationen teilgenommen haben – zeigte ein Bild, das der Stimmungsmache im Vorfeld in keiner Weise entsprach. Von einer aggressiven Gewaltdemonstration konnte keine Rede sein. Selbst die Polizei sprach im Anschluss von einer friedlichen Demonstration. Sie war – ebenso wenig überraschend – jung, migrantisch und weiblich geprägt.

Die Frage, ob eine solche Demonstration in einem eher linken Stadtteil mit Stoßrichtung gegen die Dominanz antideutscher Gruppen in Connewitz dazu geeignet ist, die reale Komplizenschaft der Bundesregierung mit der rechten Regierung in Israel unter Druck zu setzen, muss unter Linken solidarisch diskutiert werden. Ich bin hier skeptisch. Lange Zeit waren Antideutsche ein reales Hindernis für den Aufbau von Palästinasolidarität in Deutschland und stifteten zudem erhebliche ideologische Verwirrung – auch an der sozialen Front. Der Aufstieg der Antideutschen erklärt sich aus einer langen Phase des Niedergangs der gesellschaftlichen Linken in den 1990er Jahren, in der zynische Theorieansätze, die sich gegen die Mehrheit der Bevölkerung richteten, stetig an Einfluss gewannen.

Heute jedoch – nicht zuletzt nach der „Zusammen für Gaza“-Demonstration mit 100.000 Menschen in Berlin – finden wir andere Bedingungen vor als in den 2000er und 2010er Jahren. Die Risse, die der Völkermord in Gaza bei jungen, fortschrittlichen Menschen in Deutschland hinterlassen hat, sind tief und für das Establishment und seine ideologischen Apparate nicht leicht zu schließen. Um die imperialen Absichten der Bundesrepublik zu verschleiern, wurde über Jahrzehnte das Narrativ aufgebaut, Deutschland verteidige demokratische Werte und Menschenrechte in der Welt. Diese Argumentationsmuster konnten im Kontext des Ukraine-Krieges („Autokratie“ versus „Demokratie“) weit in linksliberale und aktivistische Milieus hineinwirken, verloren jedoch angesichts des für alle sichtbaren Handelns der Bundesregierung – zunächst der Ampel, nun unter Merz – im Zusammenhang mit dem Völkermord in Gaza ihre Ausstrahlungskraft.

In den vergangenen drei Jahren hat sich an der Grundverfassung der gesellschaftlichen Linken in Deutschland mehr verändert als in den zwanzig Jahren zuvor. Ich kenne niemanden Linken unter 25 mehr, der oder die sich noch von antideutschen Deutungsmustern angezogen fühlt. Dazu beigetragen hat auch die internationale Dimension der Auseinandersetzung. Die weltweite Bewegung gegen den Völkermord in Palästina ist links geprägt, diesseits wie jenseits des Atlantiks. Überall gerät sie in einen scharfen Gegensatz zur globalen Rechten – von Trump in den USA über Meloni in Italien bis hin zur AfD und der Springerpresse in Deutschland.

Bedenkt man, dass viele der heute Mitte-20-Jährigen ihren Politisierungsmoment während der ersten Trump-Präsidentschaft und des Aufstiegs der AfD in Deutschland erlebten, lässt sich erahnen, welchen Rückstoß der Schulterschluss der globalen Rechten mit der Netanyahu-Administration auch für die Palästina-Solidarität in Deutschland hatte. Hinzu kam, dass 2021 die Black-Lives-Matter-Bewegung nach Deutschland überschwappte und mit ihr eine stärkere Selbstorganisation der migrantischen Linken, die begann, die „(anti)deutschen Zustände“ in linken Szene aufzubrechen. Die Zeitenwende und all ihre Widersprüche tragen ihrerseits dazu bei, dass herrschende Erklärungsmuster ins Wanken geraten sind.

Es gibt zwei Fehler, die Linke im Umgang mit den Antideutschen machen können. Der erste besteht darin, ihre Wirkung auf den alltäglichen Kampf gegen die Komplizenschaft der Bundesregierung zu überschätzen und sich an ihnen abzuarbeiten. Ja, es kann frustrierend sein zu beobachten, wie sich Springer und Antideutsche die Klinke in die Hand geben, um Gruppen zu diffamieren, die für Palästina auf die Straße gehen. Andererseits gilt: So paradox es klingt, der konkrete Aktionsradius antiimperialistischer Politik vor Ort ist trotz Repression und Medienkampagnen größer geworden als in den 2010er Jahren. Waren ASten und autonome Zentren in vielen Städten lange Zeit Hochburgen der Antideutschen, ist vieles ins Rutschen geraten – insbesondere in westdeutschen Universitätsstädten. Gleiches gilt für innerorganisatorische Diskussionen bei den Jusos, der Grünen Jugend und erst recht innerhalb der Partei Die Linke. Darüber hinaus erstarken rotorientierte autonome und marxistisch geprägte Kleingruppen, an denen es sicher manches zu kritisieren gibt, nicht jedoch ihre Solidarität mit den Palästinenser*innen. Diese veränderte Gemengelage innerhalb der gesellschaftlichen Linken ist nicht von der Entwicklung in der Gesamtbevölkerung zu trennen. So lehnen etwa 80 Prozent der Bevölkerung Waffenlieferungen nach Israel ab. Sich dieser Mehrheit stärker zuzuwenden, Organisations- und Veranstaltungsangebote zu machen und zugleich zu überlegen, welche Debatten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung vorangetrieben werden können, erscheint mir in den meisten Fällen klüger, als sich auf die Antideutschen zu fokussieren. Deren Zukunft – sollte ihre Theorietradition dieses Jahrzehnt überhaupt überleben – ist außerhalb, nicht innerhalb der gesellschaftlichen Linken vorgezeichnet. Die ideologische Verschmelzung antideutscher Positionen mit der liberalen Mitte und mit Kräften rechts davon hat sich in den vergangenen zwei Jahren massiv beschleunigt.

Dennoch – und das ist der zweite Fehler, den Linke im Umgang mit den Antideutschen machen können – wäre es falsch, das Ganze als kindischen innerlinken Konflikt abzutun oder so zu tun, als existiere das Problem überhaupt nicht. Hier komme ich zu einem Aspekt, der bislang zu wenig ausgesprochen wurde. Führende Organisationen und Kader der Antideutschen bewegen sich in dramatischen Schritten ideologisch auf die extreme Rechte zu. Anfangs waren es nur vereinzelte Theoretiker, die die „Seiten“ wechselten. So hielt der antideutsche „Vordenker“ Felix Perrefort jahrelang Vorträge in antideutschen Strukturen. Heute publiziert er bei Nius und der AfD-nahen Achse des Guten. Oder der inzwischen verstorbene Thomas Maul, der im antideutschen Conne Island in Connewitz Vorträge hielt, nachdem er die AfD in einem öffentlichen Facebook-Post als „die einzige Stimme der Restvernunft im Bundestag“ bezeichnet hatte. Rückblickend waren dies Vorboten und keine Betriebsunfälle. Wer sich heute in den Tiefen einschlägiger Twitter-Accounts antideutscher Gruppen umsieht, erkennt schnell, in welche Richtung es geht: MAGA-Quellen zur Stützung der eigenen Aussagen, Nachrufe auf Charlie Kirk, Migrant*innen als Feindbild – um nur einige Stichpunkte zu nennen.

Es ist davon auszugehen, dass sich dieses Milieu in den kommenden Jahren in einen liberaleren Teil und einen Teil ausdifferenzieren wird, der den ideologischen Schulterschluss mit der extremen Rechten auch praktisch vollzieht. Letzteren sollten Linke im Blick behalten, ohne sich in der Palästina-Solidaritätsarbeit oder der allgemeinen Oppositionsarbeit auf die Antideutschen zu fixieren und sich dabei zu verzetteln. Denn die zentrale Aufgabe bleibt, die Bundesregierung zu einem Kurswechsel in der Israel-Politik zu zwingen. Dafür müssen nicht Szenetreffs gewonnen werden, sondern vor allem die Präsenz in Betrieben, Schulen und Nachbarschaften gestärkt werden.

Kommentar auf FB von L. G.

Sehr interessante Gedanken. Aber vielleicht musste die Demo in Leipzig 1x stattfinden, um die Antideutsche Querfront öffentlich zu zeigen. Aufgrund der Demo wird vermutlich in vielen (West-)Kreisen der Linkspartei über das Thema überhaupt mal richtig diskutiert. Leider fällt es vielen GenossInnen immernoch schwer sich klar zu positionieren.

Palästinasolidarität ist in der Bevölkerung Anschlussfähig. Darauf sollte primär gesetzt werden. Da hast du vermutlich recht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten

Amerikas Wende zum Faschismus

Von: Patrick Lawrence

(Red.GlobalBridge) Globalbridge ist keine Plattform, wo historische Vergleiche mit Übertreibungen aufgezeichnet werden. Patrick Lawrence, unser Kolumnist in den USA, macht aber darauf aufmerksam, dass Donald Trumps Regierungsstil sich tatsächlich mehr und mehr dem damaligen – italienischen – Faschismus annähert. (cm)

Seitdem ein Beamter der Einwanderungs- und Zollbehörde Renee Good am 7. Januar auf einer Straße in Minneapolis erschossen hat, sind die sozialen Medien täglich mit Videos über das gesetzwidrige Verhalten dieser bewaffneten Miliz gefüllt, die seit Beginn der Kampagne der Trump-Regierung gegen Einwanderer einen Tag nach Donald Trumps Amtsantritt vor einem Jahr nächste Woche im Einsatz ist. Nachdem ich Dutzende dieser Videos gesehen habe, von denen eines schlimmer und brutaler ist als das andere, habe ich keinen Zweifel daran, dass die Trump-Regierung die ICE in eine paramilitärische Truppe verwandelt hat, wie sie in fernen Diktaturen seit langem üblich sind. Viele Menschen, die jetzt gegen die Präsenz der ICE in US-Städten protestieren, bezeichnen sie als „Amerikas Gestapo”. Noch vor ein paar Monaten hätte ich dies als Übertreibung abgetan. Nun scheint es an der Zeit, diesen Begriff genauer zu betrachten.

Renee Good war 37 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und fungierte als Rechtsbeobachterin der ICE-Operation in Minneapolis, als sie dreimal beschossen wurde und am Steuer ihres Autos starb. Seitdem sind Millionen von Amerikanern, darunter viele gewählte Amtsträger, in einer nationalen Bewegung namens „ICE Out for Good“ auf die Straße gegangen, deren mitfühlendes Wortspiel niemandem entgangen ist. Anstatt diese Konfrontation zwischen Bürgern und einer offensichtlich außer Kontrolle geratenen Bundesbehörde zu entschärfen, hat die Trump-Regierung jede Gelegenheit genutzt, um sie zu verschärfen. 

Hier ist Stephen Miller, Trumps stellvertretender Stabschef und eine einflussreiche Persönlichkeit im Weißen Haus, am 13. Januar bei Fox News, dem erzkonservativen Fernsehsender:

Zitat:
«An alle ICE-Beamten: Sie genießen bei der Ausübung Ihrer Pflichten Immunität auf Bundesebene. Jeder, der Hand an Sie legt oder versucht, Sie aufzuhalten oder zu behindern, begeht eine Straftat. Sie genießen Immunität bei der Ausübung Ihrer Pflichten, und niemand – kein Stadtbeamter, kein Staatsbeamter, kein illegaler Einwanderer, kein linker Agitator oder inländischer Aufständischer – kann Sie daran hindern, Ihre gesetzlichen Verpflichtungen und Pflichten zu erfüllen. Das Justizministerium hat klargestellt, dass Beamte, die diese Grenze überschreiten und sich der Behinderung oder der kriminellen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten oder gegen ICE-Beamte schuldig machen, vor Gericht gestellt werden.»
Ende Zitat.

Sechs Tage nach dem Mord an Renee Good kommt Millers absichtlich bedrohliche Warnung einer Ermächtigung für ICE-Beamte gleich, auf Demonstranten zu schießen, die gegen die drakonischen Maßnahmen der Behörde protestieren. In diesem Sinne behaupten Trump und sein Kabinett von Außenseitern – ungebildet, ohne Kenntnis der Verfassung und der Gesetze – trotz einer Fülle von eindeutig lesbaren Videobeweisen weiterhin, dass der ICE-Beamte, der Renee Good getötet hat, in Notwehr gehandelt habe. Scharfsinnige Menschen zitieren nun die berühmte Zeile aus Orwells 1984: „Die Partei sagte dir, du sollst die Beweise deiner Augen und Ohren ablehnen. Das war ihr letzter, wichtigster Befehl.“ Was der britische Schriftsteller vor 77 Jahren vorausschauend vorausgesehen hat, ist heute in Amerika bittere Realität. 

Diese Krise, die das Trump-Regime tatsächlich herbeigeführt hat, dürfte sich in den kommenden Monaten noch verschärfen. Seit Mitte 2025 führt das Heimatschutzministerium aggressive Werbekampagnen durch, um viele Tausende neuer ICE-Beamte zu rekrutieren. Diese Kampagnen setzen stark auf „Patriotismus“, „nationale Sicherheit“ und die Präsenz „gefährlicher Krimineller“ in amerikanischen Städten. „Dies ist ein entscheidender Moment in der Geschichte unseres Landes“, sagte Kristi Noem, Ministerin für Innere Sicherheit und zweifellos die dümmste unter den Rowdys in Trumps Kabinett, als sie die neue Rekrutierungskampagne vorstellte. „Gemeinsam müssen wir unser Heimatland verteidigen.“

Ich weiß nicht, wie die USA Anfang 2026, wenn Trump das zweite Jahr seiner zweiten Amtszeit beginnt, von der anderen Seite des Atlantiks aus aussehen. Und ich bin mir der schweren Last bewusst, die der Begriff „Faschismus“ unter Europäern mit sich bringt. Aber es scheint mir an der Zeit zu sein, zu dem Schluss zu kommen, dass Amerika auf dem Weg zu seiner eigenen Version dieser Ideologie ist, wenn seine angeblichen Führer sie nicht bereits in allem außer dem Namen durchsetzen. 

„Faschismus“ und „faschistisch“ sind Trumps Gegnern seit seinem Amtsantritt im Weißen Haus im Jahr 2017 nur allzu leicht über die Lippen gekommen, insbesondere, aber nicht nur unter Liberalen mit undiszipliniertem Geist und zu geringem Geschichtsverständnis. Ich habe lange dagegen protestiert: Alarmistische Übertreibungen tragen nie dazu bei, die aktuelle Lage zu klären. Aber die zunehmend aggressiven ICE-Operationen in US-Städten in den letzten Monaten – vor den Unruhen in Minneapolis gab es solche in Los Angeles, New York, Chicago, New Orleans, Charlotte (North Carolina) und Portland (Oregon) – veranlassen mich zu einer Neubewertung.

Bestimmte Merkmale des faschistischen Staates sind seit langem vorhanden. Die Einheit des Staates und der großen Wirtschaftsstrukturen ist ein offensichtliches Beispiel dafür. Seit vielen Jahren ist nicht mehr zu erkennen, wo die Bundesregierung aufhört und die mächtigsten amerikanischen Unternehmen beginnen. Während seiner zweiten Amtszeit ist Trump sogar so weit gegangen, Bundesinvestitionen in Unternehmen zu lenken, die als wesentlich für die wirtschaftliche Zukunft Amerikas angesehen werden. „Faschismus sollte besser als ‚Korporatismus‘ bezeichnet werden, da er die Verschmelzung von staatlicher und unternehmerischer Macht darstellt“, soll Mussolini mehrfach gesagt haben. Ich glaube nicht, dass eine solche Verschmelzung in den USA vollständig ist, aber sie ist derzeit sehr nahe. 

Ich befasse mich hier mit anderen Merkmalen des Faschismus als den strukturellen. Ich befasse mich mit dem, was Il Duce als Fragen des Geistes und der Ethik bezeichnete.

So begann Mussolini seinen berühmten Essay „Die Doktrin des Faschismus“ aus dem Jahr 1932:

Zitat:
«Wie alle soliden politischen Konzepte ist der Faschismus Aktion und Gedanke; Aktion, in der die Doktrin immanent ist, und Doktrin, die aus einem bestimmten System historischer Kräfte entsteht, in das sie eingebettet ist und auf das sie von innen heraus einwirkt. Er hat daher eine Form, die mit den Gegebenheiten von Zeit und Raum korreliert.»
Ende Zitat.

Wie treffend beschreiben diese Zeilen die Vorgehensweise des Trump-Regimes. Die Ideologie des Regimes ist immanent – unausgesprochen, implizit in seinem Handeln enthalten. Was es tut, wird von den unmittelbaren Umständen eines bestimmten Moments an einem bestimmten Ort diktiert. 

Und weiter in Mussolinis Essay:

Zitat:
«Der Staat, wie er vom Faschismus konzipiert und verwirklicht wird, ist eine spirituelle und ethische Einheit zur Sicherung der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Organisation der Nation, eine Organisation, die in ihrem Ursprung und Wachstum eine Manifestation des Geistes ist …

Der faschistische Staat drückt den Willen aus, Macht auszuüben und zu befehlen. Hier verkörpert sich die römische Tradition in einer Vorstellung von Stärke. Imperiale Macht, wie sie von der faschistischen Doktrin verstanden wird, ist nicht nur territorial, militärisch oder kommerziell, sondern auch spirituell und ethisch … »
Ende Zitat.

Es ist genau diese Irrationalität von Trumps Bewegung, die die ICE nun gründlich und daher furchterregend öffentlich zur Schau stellt. Dies, der Verzicht auf jegliche Vernunft, ist es, was Trump und alle Manifestationen seines Regimes, darunter auch die ICE, mit Mussolinis Italien gemeinsam haben. Wer sich eine ICE-Operation in einem der zahlreichen Videos in den sozialen Medien ansieht, wird sofort erkennen, dass viele dieser Beamten vor Hass und Ressentiment strotzen, jenem kollektiven Gefühl der Unterlegenheit und unterdrückten Neid, das benachteiligte soziale Gruppen seit langem zum Handeln motiviert. Wenn man dies einmal verstanden hat, sollte klar sein, dass die Exzesse einer ICE-Operation unterschwellig beabsichtigt sind: Sie sind als Machtdemonstrationen gedacht, als Ausdruck einer gerechten Irrationalität, die sich der Vorrangstellung von Stärke und Aktion verschrieben hat. 

Mit anderen Worten: Das Gesetz ist rational. Und wie Trump kürzlich deutlich gemacht hat, hat er keine Verwendung für das Gesetz, sondern nur für seine eigene „Moral“ – sein Wort, unverkennbar, für Mussolinis „Ethik“. Wir können also verstehen, dass die Missbräuche des Gesetzes und der Bürgerrechte, die man in den Videos sehen kann, ebenfalls absichtlich sind. Das Gesetz zählt nicht: Die Macht eines schwer bewaffneten ICE-Beamten ist alles, was zählt.

Mussolini neigte bekanntermaßen zur Manipulation von Bildern, wie Studenten des Faschismus, mit großem „F“, oft bemerken. Er verstand die Macht der Bilder, um das Bewusstsein der Bevölkerung zu kontrollieren. Auch das ist typisch für Trump. Derzeit gibt es – nach akzeptierten Schätzungen – etwa 14 Millionen illegale Einwanderer in den USA. Gibt es irgendwelche Zweifel daran, dass diese oft gewalttätigen, von Tür zu Tür durchgeführten ICE-Operationen alle von ihnen entfernen können? Dieser Gedanke ist absurd. Was zählt, ist das Bild der ICE in Aktion. 

Der Begriff „Faschismus“ kann im amerikanischen Kontext irreführend sein. Er kann Menschen zu der falschen Annahme verleiten, dass sich die Ereignisse von vor einem Jahrhundert wiederholen. Diese Sichtweise ist nicht hilfreich. Der aktuelle Moment in der amerikanischen Geschichte ist beispiellos, auch wenn er viele Ähnlichkeiten mit vergangenen Ereignissen in der Geschichte anderer Länder aufweist.

Der Faschismus in Amerika trägt keine schwarzen Hemden, Reithosen und Reitstiefel. Er trägt lächerliche Cowboyhüte und dazu passende Stiefel. Es handelt sich um ein sui generis-Phänomen. Seine Ideologie ist in seinem täglichen Handeln immanent, genau wie vor einem Jahrhundert in Italien. Aber die amerikanische Variante ist ein ganz eigenes Wesen, ein Punkt, der nicht übersehen werden sollte. Kristi Noem hat in einem Punkt bemerkenswerterweise Recht. Dies scheint ein entscheidender Moment in der amerikanischen Geschichte zu sein.

Zum Originalartikel von Patrick Lawrence in US-englischer Sprache.

Erstveröffentlicht auf GlobalBridge
https://globalbridge.ch/amerikas-wende-zum-faschismus/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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