Der Parteivorstand der LINKEN hat am 1.MĂ€rz 2025 einen Beschluss mit dem Titel „Ukraine unterstĂŒtzen â China einbinden â Schuldenbremse abschaffen â UNO statt Trump“ gefasst. Dieser Beschluss sorgt fĂŒr kritische Diskussionen und Anmerkungen. Er verstĂ€rkt aus marxistischer Sicht BefĂŒrchtungen zum kĂŒnftigen Kurs der Partei. Hier dreieinhalb DebattenbeitrĂ€ge dazu.
Erstens. Ăffentliche Stellungnahme von Thies Gleiss, selbst Mitglied des Parteivorstandes und Sprecher der Antikapitalistischen Linken, in der er seine Ablehnung des Antrags – glasklar und grundsĂ€tzlich- begrĂŒndet:
Warum ich den Antrag âUkraine unterstĂŒtzen â China einbinden â Schuldenbremse abschaffen â UNO statt Trumpâ nicht unterstĂŒtzt habe.
(1) Der am 01. MĂ€rz 2025 beschlossene und oben genannte Antrag an den Parteivorstand begeht den groĂen politischen Fehler, in der Opposition Regierung spielen zu wollen. Das sollte eine Partei eine Woche nach einem ĂŒberzeugenden Wahlerfolg nicht machen, der den klaren Auftrag erteilt hat, eine schlagkrĂ€ftige und politisch eindeutige Opposition im Parlament und auf der StraĂe zu sein. In Sachen AufrĂŒstung, KriegsertĂŒchtigung, militarisierte AuĂenpolitik und auch bei den haushalts- und finanzpolitischen Verrenkungen der Regierung muss eine solche Opposition ein klares Nein (ohne jedes Ja, wie es schon in der Bibel heiĂt) zu allen VorschlĂ€gen aussprechen. Keine Partei im Bundestag vertritt auch nur annĂ€hernd eine Position, die mit der der LINKEN kompatibel ist.
(2) Der Antrag sieht â im Gegensatz zur Beschlusslage der letzten Parteitage der LINKEN â eine verdrehte Aufstellung der Akteure: Russland als alleiniger Buhmann und Aggressor; die EU als Ausgangspunkt und Garantin einer demokratischen Alternative; die Trump-Regierung als plötzlicher Absonderling von dieser EU-Linie. Daran ist alles falsch und es ergibt sich daraus auch kein Ansatzpunkt einer realistischen linken Oppositionshaltung. Im Kern einer richtigen Analyse der KrĂ€fteverhĂ€ltnisse muss stehen, dass der Ukrainekrieg immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg der groĂen internationalen MĂ€chte wird. Was wird denn anderes aus dem neuen Format der âFriedensverhandlungenâ zwischen den USA und Russland deutlich als diese Schlussfolgerung? In diesem Stellvertreterkrieg gehen die beteiligten globalen Player regelmĂ€Ăig neue und wechselnde Allianzen ein. Das war in einer vergleichbaren Situation vor dem 1. Weltkrieg so, das war auch im Balkankrieg rund um das Dayton-Abkommen so, das war im Lybien- und Irakkrieg so. Es ist ein Gerangel um eine Neuaufteilung der Welt in Markt- und Einflusszonen, bei dem eine linke Partei auf keiner Seite steht, sondern die internationalistische SolidaritĂ€t verteidigt.
(3) Der Antrag fokussiert auch in einer Weise auf âChinaâ, wo wirklich ernsthaft nachgefragt werden sollte: Who is it and what does ist â dieses âChinaâ.
(4) Der Antrag unterwirft sich auch einer Partnerschaft mit âder EUâ, die ja nicht minder harte Akteurin in diesem Stellvertreterkrieg ist. Jedes ZugestĂ€ndnis, dieser EU, ihren Mitgliedsstaaten oder auch nur Deutschland das Recht auf einen Ausbau der Armee â und sei es nur zu âVerteidigungâ â einzurĂ€umen, kann schnell tödlich enden. Eine linke Partei muss der allgemeinen Kriegsvorbereitung stattdessen massiv entgegenstellen. Die Armeen mĂŒssen radikal abgerĂŒstet werden, die Waffen mĂŒssen schweigen, die Kriegsminister mĂŒssen abgelöst werden.
Zweitens. Ausschnitte aus einem Debattenbeitrag von Sebastian Friedrich und Ingar Solty im Freitag, der mehr auf die UmstĂ€nde und HintergrĂŒnde des Beschlusses eingeht!
Die Linke hat die Schuldenbremse immer abgelehnt, weil sie soziale und ökologische Investitionen ermöglichen wollte. Jetzt muss sie sich mit einem Sondervermögen beschĂ€ftigen, das ausschlieĂlich der HochrĂŒstung dient.
Die strategischen wie inhaltlichen Probleme zeigen sich aktuell besonders in der Frage von Krieg und Frieden. Viele, die die Partei gewĂ€hlt oder ihr beigetreten sind, stehen Waffenlieferungen in die Ukraine offen gegenĂŒber â zu einem Zeitpunkt, in dem die ukrainische Regierung den Krieg nur noch durch massivste Zwangsrekrutierungen aufrechterhalten kann und die USA bereits nach einem Weg suchen, den Konflikt einzufrieren. Die Linke steht in dieser Situation unter enormem Druck.
WĂ€hrend des Wahlkampfs betonten Spitzenpolitiker noch, sie wĂŒrden keiner weiteren AufrĂŒstung zustimmen. Doch nun hat der Parteivorstand sich anders positioniert: Statt in dieser historischen Situation die eigene Macht zu nutzen, um eine Politik zu verhindern, die einen verlorenen Krieg auf dem RĂŒcken der ukrainischen Bevölkerung fortsetzt, neues WettrĂŒsten befeuert und dabei Sozialstaat und Demokratie gefĂ€hrdet, zeigte man sich in einem Positionspapier bereit, fĂŒr die Abschaffung der Schuldenbremse zu stimmen. Damit aber ermĂ€chtigt man die HochrĂŒstungs- und Kriegspolitik â wĂ€hrend man die Regierung in reinster Symbolpolitik darum bittet, das auf Kredit bereitgestellte Geld doch bitte nur fĂŒr zivile Zwecke einzusetzen.
Drittens. Unsere eigenen Anmerkungen zu „linken Hoffnungen“ ĂŒber das avisierte Infrastrukturprogramm!
Wer bei diesem Programm fĂŒr Infrastruktur mehr an âSozialesâ denkt, hat das Ganze noch nicht verstanden. Wer genauer hinschaut kann erkennen, daĂ auch der Ausbau der Infrastruktur in weiten Teilen dazu dienen soll, Deutschland kriegstĂŒchtig zu machen. Es sollen nĂ€mlich vorrangig solche BrĂŒcken und StraĂen instand gesetzt werden, damit dort die Panzer nach Osten rollen können. Im Gesundheitswesen sollen Strukturen fĂŒr den Kriegsfall geschaffen bzw. erweitert werden, die eher noch die zivile Gesundheitsversorgung weiter belasten. Besondere Schwerpunkte bilden der Ausbau von Bunkeranlagen, Heimat- und Katastrophenschutz⊠Und so weiter…..und so weiter. Pustekuchen wer sich da echt Nennenswertes fĂŒr den Wohnungsbau, fĂŒr mehr FrauenhĂ€user oder die Renovierung kaputter Schulen erhofft.
Auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz wurde die Richtung klar vorgegeben: Deutschland muss aufgrund seiner geografischen Mittellage mit höchster PrioritĂ€t als militĂ€risches Aufmarsch- und Durchmarschgebiet fit gemacht werden. [1]Handelsblatt 28.1.2025: „Deutschland muss der Rolle als Durchmarschgebiet gerecht werden“
Ein beliebtes WeichspĂŒlargument: Infrastrukuturen wie StraĂen und Schienen usw. dienten ja auch der Zivilgesellschaft. Da lĂ€sst sich nur antworten: Wegen der Panzer wohl mehr StraĂen als Schienen – Kampf um mehr öffentlichen Verkehr war denn da mal. Und es wird wohl kaum halb Deutschland in Zukunft gen Osten in Urlaub fahren wollen.
FĂŒr Militarisierung soll die Schuldenbremse permanent und nach oben hin unbegrenzt gelockert werden. Das Budget fĂŒr Infrastrukutur ist einmalig, begrenzt und ĂŒber bis zu 10 Jahre verteilt. In Summe eine bisher historisch einmalige Neuverschuldung in Höhe von mehr als 2 Billionen Euro.
Ein „linkes Strukturprogramm“ muss die sozialen Verpflichtungen konkret festschreiben: zum Beispiel „mehr Lehrer“ statt mehr Offiziere an den Schulen! Und warum ĂŒberhaupt Schulden, die jeden von uns mit 12000 Euro belasten und mit Zins und Zinseszins von uns zurĂŒckgezahlt werden mĂŒssen? Soziale und ökologische Investitionen sind auch ohne Schulden möglich, wenn man sich das Geld von dort holt, wo es in exorbitanter Höhe angehĂ€uft wird. Das wĂ€re links !! Und wĂŒrde den Parteivorstand der LINKEN von seiner selbst angelegten Zange befreien. Sollen doch diejenigen zahlen, die uns stĂ€ndig abzocken. Dann braucht es auch nicht der Lockerung einer Schuldenbremse. Seit Jahren schon ist zum Beispiel die WiedereinfĂŒhrung der Vermögenssteuer ĂŒberfĂ€llig. So etwas mĂŒsste jetzt offensiv gefordert und fĂŒr den Klassenkampf von unten zur Durchsetzung mobilisiert werden.
Die durch diese Mammutverschuldung losgetretene Inflation trifft dann wieder .. uns alle
Ganz zu schweigen davon, daĂ dieser AufrĂŒstungskurs die Kriegseskalation auf die Spize treibt, bei der am Ende ganz Deutschland erneut mit seiner ganzen Infrastruktur in Schutt und Asche versinken kann.
Aber immerhin, vor allem die Besitzer des militÀrisch-industriellen Komplexes haben sich schwindelig verdient.
Siehe auch: besonders Frauen zahlen fĂŒr den KriegskursViertens. A. Hanbicht empfiehlt der LINKEN ganz pragmatisch, sich ein Besipiel an Izquierda Unida (Spanische Vereinigte Linke) zu nehmen!
IU lehnt die NATO als Lösung fĂŒr die Ukraine ab und setzt sich fĂŒr einen Waffenstillstand unter der FĂŒhrung der UNO ein.
In ihrer traditionellen montĂ€glichen Pressekonferenz zur politischen Lage beklagte (die Sprecherin der Partei) GarcĂa Sempere, dass das gestrige Treffen europĂ€ischer Staats- und Regierungschefs in London â an dem auch der spanische MinisterprĂ€sident Pedro SĂĄnchez teilnahm â eine âhistorische Gelegenheitâ verpasst habe, eine âeigenstĂ€ndige AuĂenpolitik gegenĂŒber den Vereinigten Staaten zu entwickelnâ.
âWir hatten, vielleicht sind wir manchmal naiv, konkrete FriedensvorschlĂ€ge erwartet und gehofft, dass diese kriegerische Rhetorik endlich endet, die nichts anderes bewirkt hat, als einen Konflikt zu verlĂ€ngern, der schon mehr als drei Jahre andauert. Der Krieg wurde nicht durch mehr Waffenlieferungen gelöst, sondern im Gegenteil â er hat mehr Zerstörung, VerwĂŒstung und Leid ĂŒber das ukrainische Volk gebrachtâ, erklĂ€rte sie.
Sie fĂŒgte hinzu, dass es in dieser Zeit zudem âunerlĂ€sslichâ sei, die âVerpflichtungen der Helsinki-Akte und der Charta von Paris der Konferenz ĂŒber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa wiederherzustellen, um einen neuen Rahmen fĂŒr gemeinsamen Frieden und Sicherheit zu schaffenâ.
In Bezug auf die âandauernde zionistische Offensive gegen das palĂ€stinensische Volkâ durch die extremistische Regierung Israels prangerte die IU-Sprecherin an, dass trotz der angeblichen Waffenruhe âdie Ermordung von PalĂ€stinensern nicht aufhörtâ und dass Premierminister Benjamin Netanjahu an diesem Wochenende âdie Aussetzung der humanitĂ€ren Hilfeâ fĂŒr die bereits jetzt unter katastrophalen Bedingungen lebende palĂ€stinensische Bevölkerung im Gazastreifen angekĂŒndigt habe.
ErgÀnzend der link zu einem Beitrag der SOL zum Thema
Titelbild: Collage Peter Vlatten
References
| ↑1 | Handelsblatt 28.1.2025: „Deutschland muss der Rolle als Durchmarschgebiet gerecht werden“ |
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