Aktuelle Erklärung der baskischen Gewerkschaft LAB zu Volkswagen!

Die baskische Gewerkschaft LAB bekennt sich angesichts der aktuellen „Kapitaloffensive“ zur internationlen Solidarität und zum gemeinsamen gewerkschaftlichen Kampf bei VW über Ländergrenzen hinweg. Wir fügen hinzu: wer sich dem Diktat des VW Vorstands beugt, wird nichts gewinnen, hat nur eine Perspektive: die nächste Angriffswelle. LAB erklärte am 3.September 20226

„Wir von LAB möchten unsere Solidarität und Unterstützung für die Volkswagen-Arbeiter in Deutschland zum Ausdruck bringen, die gegen die Pläne des Konzernmanagements protestieren, Arbeitsplätze abzubauen, Werke umzustrukturieren und die Zukunft von Tausenden von Arbeitsplätzen zu gefährden.

Wir stehen weder vor einer einfachen Unternehmensanpassung noch einer isolierten Entscheidung von Volkswagen. Wir stehen vor einer neuen Offensive des Kapitals, das darauf abzielt, die Arbeiterklasse dazu zu bringen, die Kosten der Widersprüche eines Industriemodells zu tragen, das auf Rentabilität, Wettbewerb und der Anhäufung von Gewinnen basiert.

Seit Jahrzehnten organisieren große multinationale Konzerne die Produktion auf internationaler Ebene und suchen ständig nach niedrigeren Kosten, höheren Gewinnen und besseren Bedingungen für den Wettbewerb. Europas große Automobilunternehmen haben weit weniger investiert als ihre globalen Wettbewerber und höhere Gewinne erzielt. Jetzt wollen sie, dass die Arbeiterklasse den Preis für dieselbe Strategie zahlt.

Volkswagen ist ein multinationales Unternehmen mit einem umfangreichen Produktionsnetzwerk in ganz Europa. Seine Anlagen sind über Produktionsketten, Investitionen, Modelle und Komponenten miteinander verbunden. Daher können Entscheidungen, die in Deutschland getroffen werden, direkte Auswirkungen auf andere Werke innerhalb des Konzerns haben, darunter Volkswagen Navarra in Landaben.

Kapital kann von einem Territorium zum anderen wechseln, die Kosten vergleichen und entscheiden, wo es investieren soll. Die Arbeitnehmer müssen genau das Gegenteil tun: sich über Grenzen hinweg organisieren und koordinieren. Wir wollen keinen Wettbewerb zwischen Deutschland und dem Baskenland oder zwischen dem Baskenland und anderen europäischen Gebieten darüber, wer bereit ist, schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, um die Produktion zu halten.

Volkswagen Navarra zu verteidigen bedeutet auch, alle Werke und Arbeitskräfte im gesamten Konzern zu verteidigen. Und die Verteidigung der deutschen Arbeiterklasse muss unsere Solidarität beinhalten.

Die Situation bei Volkswagen ist Teil einer tieferen Krise, die die europäische Industrie betrifft. Die Europäische Union spricht von strategischer Autonomie, Energiewende, Reindustrialisierung und Wettbewerbsfähigkeit. Doch während riesige Mengen an öffentlichen Ressourcen für die Unterstützung großer Unternehmen eingesetzt werden, wird von der Arbeiterklasse erwartet, dass sie die Last der Entlassungen, der Unsicherheit und des Verlusts von Rechten trägt.

Bei LAB befürworten wir eine radikal andere industrielle Transformation. Der Energie- und Technologiewandel kann nicht als Vorwand genutzt werden, um Arbeitsplätze zu zerstören oder Industriekapazitäten abzubauen. Die Transformation der Industrie muss zusammen mit der Arbeiterklasse durchgeführt werden, die menschenwürdige Beschäftigung, Arbeitnehmerrechte und soziale Kontrolle über strategische Entscheidungen gewährleistet.

Wir brauchen industrielle Souveränität und die Fähigkeit zu entscheiden, was wir produzieren, wie wir sie produzieren und welchem Zweck die Produktion dient. Die Industrie kann nicht ausschließlich den Bedürfnissen der Märkte und Aktionäre untergeordnet werden.

Wir akzeptieren nicht, dass die Aufrüstung und Militarisierung der Wirtschaft als Ausweg aus der europäischen Industriekrise dargestellt wird. Die Arbeitnehmer sollten sich nicht zwischen Arbeitslosigkeit und Kriegsführung entscheiden müssen. Die Reaktion auf die Industriekrise kann nicht darin bestehen, zivile Fabriken und Produktionskapazitäten zu transformieren, um ein Wettrüsten anzuheizen, von dem vor allem die großen wirtschaftlichen und militärischen Interessen profitieren.

Wir wollen eine Industrie, die darauf ausgerichtet ist, die Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen, menschenwürdige Arbeitsplätze zu garantieren und eine nachhaltige Zukunft aufzubauen, nicht eine Wirtschaft, die dem Krieg und den Profiten großer Unternehmen untergeordnet ist.

Daher fordern wir:

  • Die Beibehaltung aller Arbeitsplätze und Volkswagen Werke.
  • Ein Ende der Schließungen, Entlassungen und Umsiedlungen.
  • Die Verteidigung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen in allen Werken der Gruppe.
  • Ein Ende des Wettbewerbs zwischen Arbeitern, Umwelt und Stamndorten.
  • Eine Industriepolitik, die eine stabile, qualitativ hochwertige Beschäftigung garantiert.
  • Einen gerechten technologischen und energiewirtschaftlichen Wandel, der nicht auf Kosten der Arbeiterklasse erfolgt.
  • Ablehnung der Militarisierung der Industrie und der Umwandlung der Zivilwirtschaft in eine Kriegswirtschaft.

Titelbild: LAB

Polizei löst friedliche Blockade gegen Kriegsmaschinerie brutal auf!

Deutschland rüstet auf und kürzt in allen anderen Lebensbereichen! „Zeitenwende“ bedeutet: die Weichen werden auf Großmacht und „Kriegstüchtigkeit“ gestellt. „Friedenstüchtig“ und „Sozial“, das war gestern.

Gegen diesen Kurs wendet sich ein mehrtägiges Camp von „Rheinmetall Entwaffnen“ in Köln. Es trägt den Protest direkt vor die Tore der Fabriken, in denen die Waffen gebaut werden, direkt vor die Zentralen, von denen aus Krieg und Militarisierung gemanagt sowie die Profite aus Krieg und Waffen in schwindlige Höhen getrieben werden.

Im Rahmen dieser Campaktionen blockierten am Donnerstag über 200 Aktivist:innen die Lüttich-Kaserne in Köln-Longerich. Die Kaserne ist eine zentrale Stelle für die Verwaltung der Bundeswehr. Hier werden die Menschen rekrutiert, die für den Kriegskurs gebraucht werden. Von hier wird die „Wehrpflicht“ verwaltet. Von hier gehen nach ganz NordrheinWestfalen die Musterungsbescheide aus. Hier werden die Strafen und Busbescheide gemanagt, die an die jungen „Männer“ geschickt werden, die sich der Kriegsmaschinerie entziehen.

Upgrade 5.9.2026:  Polizei dringt massiv in die Abschlussdemo und schlägt wild auf Demonstrat:innen ein. Anschließend werden wie letztes Jahr hunderte eingekesselt. Die Zahl der Verletzten steigt. 

Es ist unglaublich, wie dieser Staat mit Demonstrant:innen umgeht, die widerständig, aber friedlich gegen diese Zentralstelle der Bundeswehr gestern protestierten und die Anliegen hundert Tausender junger Menschen und ihrer Eltern zum Ausdruck brachten. Sitzblockaden aus Protest, die niemanden gefährden, sind rechtlich absolut zulässig!

Die für den Sanitätsdienst des Camps zutändige  Sanitätsgruppe Süd-West e.V. berichtet:

Nach ca. 1,5 Stunden erklärte die Polizei die Versammlung für aufgelöst und begann die weiterhin bestehende Blockade zu räumen. Die geräumten Menschen wurden erkennungsdienstlich behandelt. In Sichtweite unserer Teams wurde dabei seitens der Polizeikräfte vor Ort mehrfach auf die an der Blockade teilnehmenden Menschen eingeschlagen mit dem Ziel, diese aus der Blockade zu entfernen. Mehrere Menschen wurden dabei verletzt, in sechs Fällen war eine anschließende Krankenhausbehandlung nötig

In zwei Fällen ließen die Einsatzkräfte der Polizei die anwesenden Sanitäter*innen nicht zu der verletzten Person durch.

In einem Fall wurde lautstark von den Teilnehmenden der Blockade nach Sanitäter*innen gerufen. Wir versuchten, zu der verletzten Person zu gelangen, wurden dabei jedoch von der Polizei aufgehalten.

(….)

Wir verurteilen, dass unsere Einsatzkräfte in mehreren Fällen nicht zu Patient*innen durchgelassen wurden

Die Behinderung von medizinischer Hilfeleistung, insbesondere von medizinischem Personal, ist eine Missachtung minmaler humanistischer Grundsätze und Ausdruck einer weltweiten Verrohung. Selbst für Kriegsgebiete schreibt die Genfer Konvention den ungehinderten Zugang von medizinischem Personal zu Verletzten vor – auch des Gegners. Innerhalb Deutschland verstoßen Polizisten, wenn sie Sanitäter:innen oder Notärzte behindern, Verletzten zu helfen, gegen ihre Pflichten. Schon letztes Jahr kam es zu ähnlich massiven Polizeiübergriffen und Verstößen. Wir berichteten! Die Verantwortlichen wurden damals aufgeklärt. Konsequenzen dieses Jahr? Offensichtlich keine.

Der Einsatzleiter der Kölner Polizei Frank Wißbaum gab sich im Kölnerstadtanzeiger „demokratisch“, sogar „selbstkritisch“:

Es gibt Dinge, die die Polizei selbst erkannt hat, die im vergangenen Jahr vielleicht nicht so gut waren: Es hat zu lange gedauert, bis für die eingeschlossene Gruppe Toiletten oder Wasser verfügbar waren.

Aber wie sah die Praxis gestern am Donnerstag aus? Demonstrierende, die sich untergehackt hatten, wurden – laut etlichen Berichten und Bildmaterial – brutal aus der Blockade gezogen. Dann überzog die Polizei ihre hilflosen Opfer mit weiterer Gewalt.

So wurden Menschen auf den Boden geworfen und teils mehrere Polizist:innen knieten sich auf ihre Körper – immer wieder auch auf den Kopf und Nacken. Eine Teilnehmerin wurde brutal auf den Boden geworfen und ihre Hände ohne Grund hinter ihrem Rücken mit Kabelbinder gefesselt.

Ein Demonstrant wurde regungslos an beiden Armen über den Boden gezerrt , während eine Regenjacke ihm die Atemwege versperrte. Eine weitere Aktivistin verlor ebenfalls das Bewusstsein, während sie von Polizist:innen über den Boden gezogen wurde. Ganze anderthalb Minuten war sie ohne Bewusstsein, mehrere Polizisten knieten über ihr und überprüften ihre Puls, ließen dennoch keine Demosanitäter:innen zu ihr und holten keine andere medizinische Hilfe dazu. Eine weitere Person musste wegen ihrer Verletzungen ins Krankenhaus gefahren werden……

aus einem Report von perspektive online

So sieht also die Reaktion dieses Staates aus, wenn die Betrügereien mit der „Freiwilligkeit“ nicht mehr fruchten. Auch Presseleute sollen behindert worden sein.

Tragt die Erfahrungen aus Köln in die ganze Republik. Machen wir die weiteren Proteste gegen Wehrpflicht und Militarisierung diesen Herbst auch zu Tribunalen über das repressive Verhalten dieses Staates. Wo solche Repression am Ende hinführt, macht ein Blick in die Ukraine deutlich. Dort werden die wehrfähigen Männer auf offener Straße gekidnappt und an die todbringende Front verschleppt.

„Wir wollen Arbeitsplätze. Und keine Bundeswehreinsätze!“ , „Wir zahlen nicht für Eure Krisen und Kriege!“ „Der Jugend eine Zukunft“. Das sind klare Ansagen von Schüler:innen und Arbeiterjugendlichen. Wenn die Antwort von Kapital und Staat nur noch „sozialer Kahlschlag“, „Polizeiknüppell“ und „Soldat“ heißt, wen wundert es da, wenn immer mehr Betroffene die Wut erfasst.

Antikriegscamp von „Rheinmetall entwaffnen“ in Köln. Sie brauchen Solidarität aus dem Hinterland. Von uns allen. Wir werden weiter berichten!

Kommentar | Die Drohne war nur der Zünder

Von: Sabiene Jahn

Forum-Red.: Man wünschte sich, es gäbe noch zahlreiche Journalist:innen in den Medien mit Reichweite, die den Mut und das Know hätten, sich ein Bild von politischen Ereignissen zu machen, das sich nicht in den mainstream beugt sondern das Ergebnis eigener und offener Recherchen ist, wie es die Autorin hier vorexerziert. (JG)

Titelbild: Screenshot tagesschau

Ein missglückter Anschlag erklärt nicht, warum Berlin Konsulate und Kulturkanäle kappt. Wer den Blick hebt, sieht eine Ukraine unter militärischem, personellem und finanziellem Druck, eine veränderte russische Kriegführung und ein Deutschland, das immer tiefer in die ukrainische Rüstungs- und Nachschubstruktur hineinrückt. Die Drohne zwischen Leipzig und Halle an der Saale detonierte nicht. Politisch war ihre Sprengkraft jedoch bemerkenswert.

Noch bevor der Flughafen Leipzig/ Halle zur großen deutschen „Russland-Attribution“ wurde (1), hatte die Bundesregierung eine bemerkenswerte Verantwortungsformel entwickelt. Ende August fragte die AfD-Fraktion nach mehreren ukrainischen Angriffsdrohnen, die auf dem Weg zu Zielen in Russland in Finnland und den baltischen Staaten gelandet oder abgestürzt waren. Die Frage war naheliegend. Wer trägt die Verantwortung, wenn die Ukraine eine Waffe startet und diese anschließend im Luftraum eines NATO-Staates auftaucht? Die Antwort der Bundesregierung ist lesenswert. (20)

Russland trage für Luftraumverletzungen an der NATO-Ostflanke „die volle Verantwortung“. Ukrainische Flugkörper seien dagegen „nachweislich“ keine vorsätzlichen Angriffe auf die betroffenen Staaten gewesen. Ihre technischen Fehlfunktionen seien „mutmaßlich auf bewusste russische Störmaßnahmen“ des GPS zurückzuführen. Am Ende folgt daraus ein erstaunlich eindeutiger Satz. Auch für Schäden, die ukrainische Flugkörper in Drittstaaten verursachen, trage Russland die politische Verantwortung, sofern russische elektronische Kriegführung ursächlich sei. Man muss diese Logik einen Augenblick auf sich wirken lassen. (20)

Die Ukraine schickt eine Angriffsdrohne nach Russland. Russland versucht, die angreifende Waffe elektronisch abzuwehren. Die Drohne verliert möglicherweise ihre Navigation und fliegt in einen Nachbarstaat. Politisch verantwortlich ist nach Berliner Lesart wiederum Russland. Mit anderen Worten, funktioniert die russische Abwehr schlecht, ist Russland militärisch verwundbar. Funktioniert sie gut und die ukrainische Waffe kommt vom Kurs ab, wächst Russlands politische Verantwortung. Das ist eine bemerkenswert komfortable Konstruktion.

Noch eigentümlicher wird sie, wenn man liest, auf welcher eigenen Erkenntnisbasis Berlin diese Eindeutigkeit herstellt. Die Bundesregierung erklärt in derselben Drucksache, sie erhalte Informationen über Vorfälle bei Verbündeten über das NATO-Meldewesen. Ein Teil davon sei geheim. Zugleich sei es nicht Aufgabe der Bundesregierung, detaillierte nationale Ermittlungen der NATO- und EU-Staaten zu einzelnen Fällen einzuholen oder selbst zu bewerten. Man habe schlicht keinen Anlass, an den veröffentlichten Informationen der jeweiligen Behörden zu zweifeln. (20)

Berlin kündigt Abkommen

Finnland kam bei praktisch derselben technischen Ausgangslage zu einer erheblich nüchterneren Schlussfolgerung. Helsinki bestreitet russisches GPS-Jamming überhaupt nicht. Verteidigungsminister Antti Häkkänen erklärte jedoch, die Ukraine müsse ihre Angriffe so planen, dass bekannte russische Störmaßnahmen nicht dazu führten, dass ukrainische Waffen in finnischen Luftraum gerieten. Auch unbeabsichtigte Verletzungen seien nicht akzeptabel. Wer eine Waffe losschickt, muss also einkalkulieren, dass der Gegner versucht, sie abzuwehren. (21)

Es zeigt zwei vollkommen unterschiedliche Arten, Verantwortung zu denken. Finnland fragt, wer hat die Waffe gestartet, und was musste der Betreiber bei der Einsatzplanung vorhersehen? Berlin fragt offenbar zuerst, welche russische Handlung lässt sich noch in die Kausalkette einfügen?

Und dann liegt wenige Wochen später eine Sprengstoffdrohne auf dem Flughafen Leipzig/ Halle, in unmittelbarer Nähe einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine. Am 1. September erklärt die Bundesregierung Russland zum Verantwortlichen. Es folgten Maßnahmen, die weit über die Sicherung eines Flughafens hinausreichen. Das letzte russische Generalkonsulat in Bonn soll schließen, neue Sanktionen werden vorbereitet, Einreiseregeln verschärft, und Berlin kündigt das Abkommen über das Russische Haus. (2)

Moskau weist die Anschuldigungen vehement zurück. Inzwischen berichten deutsche Medien über zwei identifizierte Tatverdächtige mit „Russland-Bezügen“. Schon dieser Begriff klingt präziser, als er ist. Ein derartiger Bezug sagt zunächst wenig über Nationalität, Auftraggeber oder staatliche Steuerung aus. Hinzu kommen Berichte über mögliche nachrichtendienstliche Verbindungen. Öffentlich belegt wurde diese Verbindung bislang nicht. Was für die entscheidende Behauptung fehlt, ist das, worauf es politisch ankommt – die nachvollziehbare Brücke von Tatverdächtigen, Bauteilen und Tatmustern zu einem Auftrag russischer staatlicher Stellen. (2)

Besonders eigentümlich ist, wie die Bundesregierung diese Lücke kommuniziert. Noch am 31. August hatte Regierungssprecher Stefan Kornelius angekündigt, eine Attribution werde erst vorgenommen, wenn sie „umfassend schlüssig“ sei, „in sich ruht und für sich spricht“. Auf die naheliegende Nachfrage, ob das bedeute, dass die Öffentlichkeit anschließend auch Beweise zu sehen bekomme, antwortete er, „das überlasse ich nach der Attribuierung dann Ihrem Urteil.“ Auf die erneute Frage nach Beweisen verwies er darauf, dass staatsanwaltliche Ermittlungen schließlich dazu dienten, Beweise „zu sichern und zu sammeln“. (18)

Einen Tag später war die Attribution da. Die angekündigte Schlüssigkeit wurde allerdings nicht konkreter. Der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer erklärte, es gebe „drei Dimensionen“, die eindeutig nach Russland wiesen. Erstens Tatmuster und verwendete Materialien – Drohne, Sprengstoff und Technik –, zweitens polizeiliche Ermittlungen und drittens Erkenntnisse deutscher Nachrichtendienste und ihrer internationalen Partner. Das Beachtenswerte folgte danach. Jede dieser drei Dimensionen hätte nach Angaben der Bundesregierung für sich allein bereits für eine „klare Attribuierung in Richtung Russland“ ausgereicht. (22)

Wer nun erwartete, dass drei voneinander unabhängige Beweisstränge auch drei besonders anschauliche Belege hervorbringen würden, wurde enttäuscht. Auf wiederholte Nachfrage nannte Meyer keine konkreten Details. Die polizeilichen Ermittlungen liefen noch, bei Nachrichtendiensterkenntnissen gelte Geheimschutz, und bei Tatmustern blieb es bei der Feststellung, dass sie zu bereits bekannten russischen Operationen passten. Das RND fasste die Lage beinahe unfreiwillig komisch zusammen – die Regierung sei sich „dreifach sicher“ – weitere konkrete Beweise nannte sie jedoch nicht. (22)

Hier liegt das Problem. Zwischen dem Schutz solcher Informationen und der vollständigen Unsichtbarkeit jener Verbindung, auf deren Grundlage ein anderer Staat öffentlich zum Auftraggeber erklärt wird, liegt ein erheblicher Raum. Und trotzdem folgen daraus die Schließung eines Generalkonsulats, weitere Sanktionen, verschärfte Einreisemaßnahmen und die Kündigung einer kulturellen Vereinbarung, deren Folgen für das Goethe-Institut die Bundesregierung wenige Wochen zuvor selbst beschrieben hatte. (1) (2)

Der Elefant steht längst im Raum. Die Leipziger Drohne ist möglicherweise nur das Ereignis, an dem plötzlich alle über seinen Schatten sprechen. 

Der russische Militärexperte Rustem Klupow legt für Leipzig eine logische Gegenhypothese vor. Klupow ist Held der Russischen Föderation und Afghanistanveteran und erklärte gegenüber Pravda.ru, der Anschlagsversuch könne Kiew genutzt haben, um Deutschland stärker in den Krieg hineinzuziehen und erneut Druck in der Taurus-Frage aufzubauen. Die technische Unzulänglichkeit des Vorgangs mache ihn skeptisch. Ein russischer Dienst, der eine der wertvollen ukrainischen Antonow-Transportmaschinen tatsächlich vernichten wolle, hätte aus seiner Sicht wirkungsvollere Möglichkeiten und wenig Interesse daran, mit einem dilettantisch wirkenden Anschlagsversuch auf deutschem Boden die deutsche Öffentlichkeit gegen Russland zu einen. Seine Kernfrage lautet daher, wem nützte diese Form des Scheiterns? (3)

Im Juni 2026 verweigerte die Bundesregierung im Bundestag weiterhin Angaben zu einer möglichen Lieferung und begründete dies mit der notwendigen Vertraulichkeit über ukrainische militärische Fähigkeiten. Bereits im März hatte Friedrich Merz erklärt, die Ukraine verfüge inzwischen über eigene weitreichende Waffen, teilweise mit deutscher Hilfe. Zusätzliche Taurus-Systeme seien deshalb nicht mehr das einzige Maß strategischer Reichweite. Parallel baut Deutschland seine eigene weitreichende Schlagfähigkeit aus. Im Juli kündigte Merz den Kauf amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper an. Anfang September wurde außerdem ein israelisches LORA-System mit rund 500 Kilometern Reichweite erfolgreich getestet. Taurus NEO soll folgen. Deutschland bewegt sich militärisch also gerade selbst in eine neue Reichweitenklasse. (4) (5)

Gleichzeitig steht ein umfassendes deutsch-ukrainisches Abkommen über die gemeinsame Entwicklung von Drohnen, Raketen und Software kurz vor dem Abschluss. Deutschland finanziert bereits 50.000 ukrainische Shrike-Angriffsdrohnen und 15.000 Strila-Abfangdrohnen. Deutsche und ukrainische Unternehmen bauen gemeinsame Produktionsstrukturen auf. Damit verändert sich die Rolle der Bundesrepublik. Deutschland liefert nicht mehr allein aus vorhandenen Depots. Es finanziert Produktion, entwickelt gemeinsam, baut industrielle Kapazitäten auf und wird Bestandteil einer langfristigen ukrainischen Rüstungsarchitektur. (6)

Leipzig/ Halle ist in diesem Zusammenhang kein beliebiger deutscher Flughafen. Der Standort ist für ukrainische Schwertransporte und militärische Logistik relevant. Ein Anschlag dort trifft jene Grauzone, in der sich zivile Infrastruktur und militärischer Nachschub überlagern. Und in dieser Grauzone verändert Russland derzeit seine Kriegführung in der Ukraine – nicht in den Städten der EU. Russland hat aber die Rechnung verändert. (2)

Russland hat die Rechnung verändert

Alexander Mercouris und Alex Christoforou haben in ihrer Sendung von „The Duran“ vom 1. September einen Vorgang beschrieben, der interessanterweise wenig vorkommt. Russland greift Kiew nicht mehr in großen Wellen mit langen Pausen dazwischen an. Mercouris spricht von Angriffen „Nacht für Nacht, Tag für Tag“. Die Kontinuität sei das eigentlich Neue.  Am nächsten Tag war daraus bereits der siebte Angriffstag in Folge geworden. Russland setzte Raketen und eine wachsende Zahl strahlgetriebener Drohnen ein. In Odessa wurden Energieanlagen getroffen, rund 350.000 Haushalte verloren zeitweise die Stromversorgung. An der Donau wurden Hafen- und Grenzanlagen beschädigt. Die technische Entwicklung dahinter ist bemerkenswert. (7) (23)

Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR bezifferte die russische Produktionsplanung für August auf 11.000 Angriffsdrohnen verschiedener Typen. Die Produktion werde zunehmend auf die strahlgetriebenen Geran-4 und Geran-5 umgestellt. Bei einer jüngeren Angriffswelle habe deren Anteil bereits etwa 50 Prozent betragen. Die ukrainische Aufklärung erklärt selbst, dass dafür schnellere Abfangdrohnen oder Flugabwehr kurzer Reichweite benötigt werden. (8)

Mercouris beschreibt den praktischen Unterschied sehr anschaulich. Die älteren Geran-Systeme flogen vergleichsweise langsam und niedrig. Die neuen Modelle besitzen Düsenantriebe, erreichen größere Höhen und höhere Geschwindigkeiten und können nach seiner Darstellung steiler auf Ziele stoßen. Dadurch wird nicht nur das Abfangen schwieriger. Die Ukraine muss für relativ preiswerte Angriffsmittel zunehmend kostspieligere oder technisch anspruchsvollere Abwehr einsetzen. Das ist industrielle Mathematik. Und weitere Systeme kommen hinzu. (7)

Die S 8000 Banderol verbindet Eigenschaften einer Drohne mit denen eines einfachen Marschflugkörpers. Hinzu kommt Dan-T, ein neues russisches System mit ungefähr 500 Kilometern Reichweite. Der Wissenschaftler Wladimir Brovkin widmet ihm in seinem jüngsten Podcast besondere Aufmerksamkeit. Der russische Name „Дань“ bedeutet etwa „Tribut“ oder „Abgabe“. Brovkin liest darin einen durchaus russischen Sarkasmus gegenüber europäischen Debatten über spätere Reparationszahlungen. Falls Europa Tribut wünsche, könne Moskau ihn offenbar auch in flugfähiger Form liefern. Hinter der Pointe steht ein ernster militärischer Gedanke. Ein weiteres relativ preiswertes aber hochwirksames System, das in großer Zahl produziert und gegen eine begrenzte ukrainische Luftverteidigung eingesetzt werden kann. (9) (25)

Brovkin beschreibt diese Veränderung als Verbindung defensiver und offensiver Anpassung. Russland baut dichter gestaffelte Drohnenabwehr, experimentiert mit Maschinenwaffen, Abfangdrohnen, elektronischen Gegenmaßnahmen und anderen Interzeptoren. Gleichzeitig steigt die Masse russischer Angriffssysteme. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger der Name einer einzelnen neuen Rakete. Russland versucht offenbar, den ukrainischen Vorteil billiger Langstreckendrohnen auf zwei Wegen zu neutralisieren. Durch bessere Abwehr zu Hause und durch einen erheblich erhöhten Druck auf die Infrastruktur, aus der ukrainische Angriffe gespeist werden. (9)

Das russische Verteidigungsministerium nennt dabei Rüstungsbetriebe, Lager, Treibstoffdepots, Reparaturwerke, Eisenbahninfrastruktur und Häfen als Ziele. Mercouris beschreibt in seinen Sendungen denselben Zusammenhang.  Firepoint-Produktionsstätten in Kiew, Lokomotivwerke, Hafenstromversorgung in Odessa, Lager in Tschornomorsk, Bahnstrecken, Fährverbindungen und Übergänge Richtung Rumänien. Das operative Muster lässt sich aus unterschiedlichen ukrainischen Berichten erkennen. Am 1. September wurden Hafenanlagen und der Grenzübergang Orliwka zu Rumänien getroffen. Die Ukraine musste den Übergang zeitweilig schließen. (7) (10)

Aus Odessa kommt noch ein weiterer Hinweis. Die „Kyiv Post“ berichtete Anfang September über den mutmaßlich ersten Einsatz einer KAB-Gleitbombe gegen die Stadt selbst. Sollte sich der Einsatz bestätigen, würde Russland eine weitere schwere und vergleichsweise preisgünstige Waffenklasse gegen den südlichen Logistikraum ausweiten. Und dort beginnt für Kiew ein Problem. (28)

Kyrylo Budanow formulierte Ende August eine Zahl: „Wir können nicht weniger als 30.000 Menschen pro Monat mobilisieren.“Dies sei das Minimum, erklärte der Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, um „das zu halten, was wir haben“. Mercouris und Christoforou lesen sie als Hinweis auf die Größenordnung der ukrainischen personellen Abnutzung. 30.000 neu Mobilisierte bedeuten nicht automatisch 30.000 Gefallene. Die Zahl umfasst Ersatz für Tote, Verwundete, Dienstunfähige, Desertionen, Rotation und den Aufbau weiterer Einheiten. Die Größenordnung ist enorm. Und dazu kommt das Geld. (7) (11)

Der neue ukrainische Verteidigungsminister Jewhenij Chmara beziffert das Loch im Militärhaushalt auf 27 Milliarden Dollar. Kiew möchte deshalb einen Teil der für 2027 vorgesehenen EU-Gelder früher erhalten. Die Europäische Union hat der Ukraine für 2026 und 2027 insgesamt 90 Milliarden Euro zugesagt. Die Ukraine braucht also gleichzeitig Menschen, Luftverteidigung, Geld und sichtbare militärische Wirkung. Dieser letzte Punkt ist politisch entscheidend. (12)

Langstreckenangriffe auf russische Raffinerien, Öllager, Häfen und Infrastruktur besitzen nicht nur militärischen Wert. Sie demonstrieren gegenüber europäischen Geldgebern, dass Kiew weiterhin in der Lage ist, Russland Kosten aufzuerlegen. Brovkin stellt diese Verbindung her, die ukrainische Drohnenstrategie müsse auch als Demonstration gegenüber den westlichen Finanziers verstanden werden. (9)

Kiew benötigt zusätzliche Mittel, um russische Abwehr zu überwinden und tiefer in Russland zu wirken. Deutschland wiederum hat sich lange gegen die Lieferung eines eigenen weitreichenden Systems gesträubt. Klupows These, Leipzig könne als Hebel dienen, Berlin in dieser Frage weiterzuschieben, ist verständlich. 

Der Taurus-Leak von 2024 hatte erhebliche Wellen geschlagen. In dem abgehörten und anschließend veröffentlichten Gespräch diskutierten hochrangige Bundeswehroffiziere vergleichsweise offen, wie Ziel- und Missionsdaten für einen möglichen ukrainischen Taurus-Einsatz erstellt und übertragen werden könnten. Dabei wurde sogar erwogen, ein Datenfile nach Polen zu schicken und die Übergabe dort zu organisieren. Als mögliches Ziel war auch die Krim-Brücke Gegenstand der Planung. Jetzt gewinnt diese damalige Reichweiten- und Beteiligungsdebatte erneut an Aktualität. (3) (4)

Naheliegend ist die Feststellung, dass ein russischer Anschlag auf einen ukrainischen Militärtransport in Deutschland jene Argumentation stärkt, die seit Jahren größere deutsche Reichweite fordert,  Russland habe den Konflikt längst auf deutsches Territorium getragen, also müsse Deutschland seine Zurückhaltung aufgeben. Das ist der politische Nutzen eines solchen Vorgangs. Wer ihn verursacht hat, bleibt eine andere Frage. (3) (4)

Nicht jeder Kurzschluss führt nach Moskau

Noch aufschlussreicher wird die gegenwärtige Nervosität bei zwei anderen Anschlägen. Am 1. September versuchten Unbekannte bei Turnow-Preilack in Brandenburg, mit selbstgebauten, silvesterraketenähnlichen Vorrichtungen leitfähiges Material in Höchstspannungsleitungen zu schießen. Zwei Kurzschlüsse gelangen. Ein Block des Kraftwerks Jänschwalde fiel zeitweise aus. Wenige Stunden später geschah bei Bergheim in Nordrhein-Westfalen etwas sehr Ähnliches. Dort gingen nach einem gezielt herbeigeführten Kurzschluss mehrere Braunkohleblöcke vom Netz. Wer in diesen Tagen nur einen Hammer besitzt, sieht überall russische Nägel. (13)

Die Ermittler tun das bisher ausdrücklich nicht. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann verweist auf zwei naheliegende Richtungen. Fremdstaatlich gesteuerte Sabotage und das linksextreme Spektrum. Herbert Reul nennt für Nordrhein-Westfalen dieselben Möglichkeiten. Nichts davon sei bisher ausgeschlossen. Das ist interessant, weil die betroffenen Anlagen eine zweite, völlig andere politische Geschichte besitzen. (13)

Jänschwalde ist ein Braunkohlekraftwerk. Anschläge auf Stromnetze und Energieanlagen gehören seit Jahren zum Aktionsspektrum radikaler Klima- und linksextremer Gruppen. Im Januar 2026 legte ein Anschlag auf die Berliner Stromversorgung Teile des Südwestens der Hauptstadt lahm. 45.000 Haushalte sowie mehr als 2.200 Unternehmen waren betroffen. Der Generalbundesanwalt führt ein Verfahren gegen Unbekannt. Nach seiner Antwort an den Bundestag besteht der Anfangsverdacht, Mitglieder einer „Vulkangruppe“ könnten verantwortlich sein. Bis heute ist dieser Fall öffentlich nicht aufgeklärt. (14)

Die improvisierten Abschussvorrichtungen bei Jänschwalde und Bergheim müssen deshalb keineswegs zum ukrainischen Krieg gehören. Vielleicht tun sie es. Vielleicht gehören sie zu einem bekannten inländischen Sabotagemilieu. Vielleicht soll diese Unsicherheit erzeugt werden. Eine Erkenntnis ist wichtiger. Wenn innerhalb weniger Stunden ein russisches Narrativ über Leipzig, ein Anschlag auf ein Kohlekraftwerk und ein weiterer Angriff auf ein Umspannwerk in denselben Nachrichtenstrom geraten, entsteht sehr schnell ein einziges Bedrohungsbild, obwohl die Täter keineswegs dieselben sein müssen. Hier müsste Politik besonders präzise sein, anstattdessen wird der politische Raum gerade sehr eng.

Leipzig lieferte den Anlass

Die schärfste deutsche Reaktion auf Leipzig ist die kulturelle. „Das Russische Haus“ ist Kino, Konzertsaal, Sprachschule, Bibliothek und Ausstellungsort. Vor allem ist seine rechtliche Stellung mit dem Goethe-Institut in Moskau verknüpft. Das wusste die Bundesregierung ganz genau. (1)

Bereits am 10. August, lange vor der offiziellen Zuweisung des Leipziger Anschlags, erklärte das Auswärtige Amt, man überprüfe „umfassend und kontinuierlich“ die völkervertragliche Grundlage des Russischen Hauses. Zwei bilaterale Abkommen seien zu beachten. Russisches Haus und Goethe-Institut seien „unmittelbar miteinander verbunden“. Ein Vorgehen gegen das eine habe unmittelbare Folgen für das andere. Berlin musste die Idee einer Schließung nach Leipzig nicht erst entwickeln. Die Option wurde bereits geprüft. Leipzig lieferte den Anlass. Damit wurde aus der Drohne tatsächlich ein Zünder. (1)

Am 3. September zog Moskau die erwartete Konsequenz. Aussenminister Sergej Lawrow kündigte die Schließung der Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg an. Seine Begründung war ebenso knapp wie unerfreulich. Berlin habe den Schritt bewusst getan und damit faktisch das Ende seiner eigenen kulturellen Präsenz in Russland herbeigeführt. (19)

Präsident Wladimir Putin erhob seinerseits einen schweren Vorwurf bei einer Pressekonferenz in Bischkek zwei Tage zuvor.  Auf die Frage des russischen Journalisten Alexander Junaschew, wie er die deutschen Vorwürfe und Maßnahmen bewerte, verwies Putin zunächst auf die innenpolitische Lage Friedrich Merz’. Dann fragte er selbst rhetorisch, „Und wo sind die Beweise? Nun, da hat man eben „Beweise untergeschoben.“ Und führte weiter aus, „Die Lage des Kanzlers ist innenpolitisch schwierig. Er genießt nicht das Vertrauen der Bürger … Unternehmen schließen, Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze, der Lebensstandard sinkt.“ Dann erklärte er sinngemäß, dies lasse sich politisch durch die Notwendigkeit erklären, eines „aggressiven Russlands“ entgegenzutreten. (19)

Die Entscheidung fällt tatsächlich in eine mehrmonatige Phase außerordentlicher innenpolitischer Schwäche. Die Bundesregierung erreicht im ARD-DeutschlandTrend nur noch 13 Prozent positive Bewertungen. 85 Prozent äußern sich kritisch. Friedrich Merz selbst kommt auf 14 Prozent Zustimmung. Reuters beschreibt gleichzeitig einen besonders starken ostdeutschen Gegensatz in der Russlandpolitik. Viele Menschen in den neuen Ländern verbinden mit Russland eine andere biografische Erfahrung als große Teile der westdeutschen Bevölkerung. Das macht das Russische Haus politisch sensibel. (17) (24)

Die Verbindung zwischen Deutschen und Russen wird damit nicht nur auf Regierungsebene reduziert. Sie wird in jene Räume hinein gekappt, die für schlechte Zeiten eigentlich geschaffen wurden. Für Sprache, Kultur, Bildung und persönliche Kontakte. Das Auswärtige Amt erklärte noch am 10. August über das Goethe-Institut in Moskau, man müsse versuchen, „die wenigen Leute, die wir dort noch erreichen können“, mit dem verbliebenen Angebot durch diese Zeit zu bringen – „in der Hoffnung, dass irgendwann einmal eine andere Zeit kommt“. Drei Wochen später nimmt Berlin in Kauf, diesen verbliebenen Kanal zusätzlich zu gefährden. Das ist keine automatische Folge einer Drohne. Es ist eine verlogene Politik. (1)

Und hier fällt ein anderer Vorgang auf. CIA-Direktor John Ratcliffe reiste Ende August nach Moskau und traf Vertreter der russischen Nachrichtendienste. Noch deutlicher wurde das beim G20-Finanzministertreffen. Anton Siluanow saß erstmals seit 2022 wieder persönlich am Tisch. US-Finanzminister Scott Bessent führte ein bilaterales Gespräch mit ihm. Die Amerikaner machten zugleich deutlich, dass wirtschaftliche Normalisierung an Fortschritte im Ukrainekrieg gebunden sei. Reden und Druck schließen sich also offenbar nicht aus. Die Europäer reagierten anders. (26) (27)

Lars Klingbeil wollte nicht gemeinsam mit Siluanow für das traditionelle Gruppenfoto posieren. Währenddessen trifft Putin Narendra Modi, Xi Jinping, Recep Tayyip Erdoğan und weitere Staatschefs. Modi fordert öffentlich ein Ende des Krieges und hält gleichzeitig die Beziehungen zu Russland aufrecht. Russland ist wirtschaftlich und militärisch keineswegs isoliert. Wenn Russland militärisch stärker agiert, die Ukraine mehr Geld und Personal benötigt und Washington zugleich wieder direkte Kanäle zu Moskau öffnet, wächst der Druck auf jene europäischen Regierungen, die ihren bisherigen Kurs fast vollständig auf eine langfristige russische Schwächung ausgerichtet haben. Wladimir Brovkin nennt diese Entwicklung, „Von der Verdrängung zur Panik: Selenskyj und die EU“. (27) (9)

Manchmal schreibt Symbolpolitik sich selbst

Und dann noch ein Detail, das mir auffiel. Im April 2026 unterzeichneten Deutschland und die Ukraine eine umfassende strategische Partnerschaft. Unter der unscheinbaren Rubrik „zwischenmenschliche Kontakte“ findet sich darin die Einweihung eines ukrainischen Generalkonsulats in Dresden. Viele wissen, Wladimir Putin versah dort von 1985 bis 1990 seinen Dienst als KGB-Offizier. Niemand muss unterstellen, Kiew habe seinen neuen konsularischen Standort nach dieser Biografie ausgewählt. Die Geschichte an sich erledigt den schwarzen Humor auch ohne Regieanweisung. Manchmal schreibt Symbolpolitik sich selbst. (15) (16)

Das ist der Elefant, der im Raum steht, weniger die eine einzelne Drohne. Die Bundesrepublik befindet sich in einem Übergang. Vom Waffenlieferanten zum industriellen und logistischen Bestandteil einer langfristigen ukrainischen Kriegsfähigkeit. Gleichzeitig wird die militärische Lage schwieriger, die Finanzierung teurer, der gesellschaftliche Rückhalt der Bundesregierung noch schwächer. In einer solchen Lage besitzt ein Anschlag wie Leipzig außerordentlichen politischen Wert.

Er kann Zurückhaltung delegitimieren und neue Sanktionen rechtfertigen. Das ist der Grund, weshalb man weniger auf den Zünder schauen sollte als auf das, was längst darum herum aufgebaut wurde und nun zusehends verloren geht. 

Quellen und Anmerkungen: (abgerufen am 3. Sep 2026)

1.) Auswärtiges Amt, Regierungspressekonferenz vom 10. August 2026. Die Bundesregierung erklärte bereits vor der späteren Attribution von Leipzig, die völkervertragliche Grundlage werde „umfassend und kontinuierlich“ überprüft. Russisches Haus und Goethe-Institut seien unmittelbar miteinander verbunden. https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/regierungspressekonferenz-2782764
2.) Reuters, 2. September 2026. Aktueller Stand zu Leipzig, den deutschen Maßnahmen und den identifizierten Tatverdächtigen mit „Russland-Bezügen“: https://www.reuters.com/world/eu-some-eu-states-summon-russian-embassy-officials-over-leipzig-drone-attack-2026-09-02/
3.) Rustem Klupow/ Pravda.ru, 31. August 2026. Klupows Gegenhypothese. Leipzig als möglicher Hebel für zusätzlichen Druck auf Berlin, insbesondere in der Taurus-Frage: https://military.pravda.ru/news/2398491-leipzig-airport-drone-provocation-analysis/
4.) Deutscher Bundestag, Juni 2026. Die Bundesregierung verweigerte Angaben zu einer möglichen Taurus-Lieferung wegen der Vertraulichkeit ukrainischer militärischer Fähigkeiten. Merz hatte zuvor erklärt, die Ukraine verfüge bereits über selbst entwickelte weitreichende Waffen, teilweise mit deutscher Unterstützung https://dserver.bundestag.de/btd/21/065/2106571.pdf; https://www.nachdenkseiten.de/?p=112023
5.) Reuters, Juli/September 2026. Deutschland beschafft Tomahawk-Systeme, testet LORA und baut seine eigene Fähigkeit zum weitreichenden Präzisionsschlag aus: https://www.reuters.com/world/merz-says-germany-agreed-acquire-us-tomahawk-missiles-2026-07-09/; https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/germany-successfully-tests-israeli-ballistic-missile-officials-say-2026-09-02/
6.) Reuters, 2. September 2026. Deutsch-ukrainische Zusammenarbeit bei Drohnen, Raketen und Software; Finanzierung von Shrike- und Strila-Drohnen sowie gemeinsamer Produktionsstrukturen: https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/ukraine-is-finalising-drone-deal-with-germany-zelenskiy-says-2026-09-02/
7.) The Duran, Alexander Mercouris und Alex Christoforou, 1. September 2026. Analyse der kontinuierlichen russischen Angriffe auf Kiew, neuer Geran-Systeme, der Luftverteidigung und der ukrainischen Mobilisierung: www.youtube.com/watch?v=8YCKYUFc-Bw&t=2s
8.) Ukrainischer Militärgeheimdienst HUR/ Ukrainska Pravda, 10. August 2026. Russische Produktionsplanung von 11.000 Angriffsdrohnen im August, zunehmende Umstellung auf strahlgetriebene Geran-4 und Geran-5: https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/08/10/8048080; https://www.rbc.ua/rus/news/rf-vikonue-plan-raketah-pauza-obstrilah-navryad-1786309469.html
9.) Wladimir Brovkin, „Putins Plan für die Ukraine enthüllt“. Beschreibung von Dan-T und der russischen technologischen Anpassung: https://www.youtube.com/playlist?list=PLYwxLRyAc_LWkpfiGgb6vt89dGQY85Rv_
10.) Reuters/Kyiv Post, 1.–2. September 2026. Russische Angriffe auf Odessa, Hafen- und Grenzinfrastruktur sowie mögliche erstmalige KAB-Einsatz gegen die Stadt: https://www.reuters.com/world/russia-hits-port-export-facilities-ukraines-odesa-region-kyiv-says-2026-09-01
11.) Ukrainska Pravda, 28. August 2026. Budanows Aussage, die Ukraine müsse mindestens 30.000 Menschen monatlich mobilisieren, um den vorhandenen Personalstand zu halten: https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/08/28/8050796/
12.) Reuters, 30. August 2026. Finanzierungslücke von rund 27 Milliarden Dollar im ukrainischen Militärhaushalt und Forderung nach vorgezogenen EU-Geldern: https://www.reuters.com/world/europe/ukraine-defence-chief-pledges-clear-war-plan-win-early-loan-release-2026-08-30
13.) Tagesschau, 1.–2. September 2026. Sabotage an Stromnetzen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Die Ermittler prüfen ausdrücklich sowohl fremdstaatliche Sabotage als auch Linksextremismus: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/sabotage-umspannwerk-brandenburg-100.html
14.) Deutscher Bundestag, 3. März 2026. Ermittlungsstand zum Berliner Stromanschlag vom Januar: Verfahren gegen Unbekannt, Anfangsverdacht gegen Mitglieder einer „Vulkangruppe“: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1151310
15.) Bundesregierung, 14. April 2026. Deutsch-ukrainische strategische Partnerschaft einschließlich der Einweihung des ukrainischen Generalkonsulats in Dresden, Seite 13: https://www.bundesregierung.de/resource/blob/974430/2420616/2810b1a2113c7d4687e75b47251397bc/2026-04-14-erklaerung-deutsch-ukranische-regierungskonsultationen-deutsch-data.pdf?download=1
16.) Bundesarchiv. Dokumentiert Putins KGB-Tätigkeit in Dresden 1985 bis 1990 und seinen MfS-Hausausweis:  https://www.bundesarchiv.de/nachricht/hausausweis-war-uebliche-praxis
17.) Reuters, Ende August/Anfang September 2026. Zur innenpolitischen Schwäche der Bundesregierung und zur unterschiedlichen Wahrnehmung Russlands in Ost- und Westdeutschland: https://www.reuters.com/commentary/breakingviews/german-political-funk-threatens-timid-recovery-2026-08-28
18.) https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/regierungspressekonferenz-vom-31-august-2026-2451006; www.youtube.com/watch?v=b134arrXFOE
19.) https://mxstat.me/channel/@kremlininfo; https://www.interfax.ru/russia/1112567; http://kremlin.ru/events/president/news/80665; https://currently.att.yahoo.com/att/russia-close-goethe-institut-branches-021943045.html
20.) Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7725 vom 25. August 2026, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage zu Luftraumverletzungen, ukrainischen Drohnen und russischer elektronischer Kampfführung: https://dserver.bundestag.de/btd/21/077/2107725.pdf
21.) Yle, 5. Mai 2026. Verteidigungsminister Antti Häkkänen zu ukrainischen Drohnen im finnischen Luftraum und zur Pflicht Kiews, russische Störmaßnahmen bei der Operationsplanung einzukalkulieren: https://yle.fi/a/74-20224248
22.) RND, 2. September 2026. Zur Argumentation der Bundesregierung mit den „drei Dimensionen“ und zur weiterhin nicht öffentlichen konkreten Beweislage: https://www.rnd.de/politik/nach-anschlag-in-leipzig-so-wollen-deutschland-und-die-eu-den-druck-auf-moskau-erhoehen-4RMORCLFCBCKTLLAWMXAENLO64.html
23.) Reuters, 2. September 2026. Siebter Tag nahezu ununterbrochener Angriffe auf Kiew, Stromausfall für mehr als 350.000 Haushalte in der Region Odessa: https://www.reuters.com/world/europe/russian-attacks-damage-infrastructure-ukraines-odesa-official-says-2026-09-02/
24.) Infratest dimap, ARD-DeutschlandTrend August 2026. 13 Prozent positive Regierungsbewertung, 85 Prozent Kritik und 14 Prozent Zustimmung für Friedrich Merz: https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2026/august/
25.) Ukrainska Pravda, 17. August 2026. Technische Angaben zur S 8000 Banderol:https://www.pravda.com.ua/eng/articles/2026/08/17/8049064/
26.) Reuters, 27. August 2026. Bestätigung des Treffens von CIA-Direktor John Ratcliffe mit russischen Nachrichtendienstvertretern in Moskau: https://www.reuters.com/world/europe/russias-foreign-spy-chief-confirms-he-held-talks-with-cia-director-moscow-2026-08-27/
27.) Reuters, 31. August 2026. G20-Finanzministertreffen in Asheville, Teilnahme Anton Siluanows, Gespräch mit Scott Bessent und europäische Reaktionen: https://www.reuters.com/business/finance/europeans-bristle-russias-return-g20-2026-08-31/
28.) Kyiv Post, 1. September 2026. Bericht über den mutmaßlich erstmaligen KAB-Einsatz gegen Odessa selbst (noch nicht bestätigt): https://www.kyivpost.com/post/83487

Erstpubliziert auf GlobalBridge v. 3.8. 2026
https://globalbridge.ch/die-drohne-war-nur-der-zuender/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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