Nehmen wir uns ein Beispiel an den italienischen Gewerkschaften

Wir publizieren einen offenen Brief, den die Dresdener Gruppe des Netzwerkes Gewerkschafter:innen für Gaza am Freitag, 28.11., im Rahmen einer Kundgebung anlässlich des Tages der Solidarität mit dem palästinensischen Volk (29.11.) an die in Dresden niedergelassenen DGB-Gewerkschaften zugestellt und veröffentlicht hat.

Liebe Kolleg*innen,

Warum zeigen unsere Gewerkschaften während des Völkermords keine Solidarität mit unseren palästinensischen Kolleg*innen?

Als Gewerkschaftsmitglieder sind wir entsetzt, dass der DGB die israelische Histadrut besucht, aber nicht einmal ein Wort über Solidarität mit der Palästinensischen Gewerkschaftsföderation verliert. Wir sind verärgert, dass die deutschen Gewerkschaften den Völkermord decken. Anstatt mit der Histadrut zu brechen, die seit jeher die rassistische Apartheidspolitik des Staates Israel unterstützt, feierte der DGB im September 50 Jahre Kooperation mit der Besatzung.

Diese israelische Besatzung ist es, die ein grausames Apartheidssystem umsetzt. Die israelische Besatzung sorgte bereits vor dem 7. Oktober 2023 mit der illegalen Blockade des Gazastreifens dafür, dass in Gaza Massenarbeitslosigkeit herrschte. Im Jahr 2022 waren 45,3% der Bewohner*innen Gazas ohne Arbeit. Unter jungen Erwachsenen lag die Arbeitslosigkeit sogar noch höher. Im Westjordanland lag die Arbeitslosigkeit 2022 bei 13 %. Seit dem 7. Oktober 2023 haben es Palästinenser*innen aus dem Westjordanland allerdings noch schwerer Arbeit zu finden, da viele nicht mehr über die Checkpoints, an denen sie tagtäglich schikaniert wurden, nach Israel einreisen können. Die Arbeitslosigkeit im Westjordanland ist daher laut UN-Angaben bis September 2024 auf 32% gestiegen. Aktuell geht das Palästinensische Statistikbüro von 80% Arbeitslosigkeit in Gaza aus (Stand 20.10.25). Insgesamt haben also 50% aller Palästinenser*innen im arbeitsfähigen Alter aktuell keine Arbeit. Wie kann das dem DGB egal sein?

Wie kann die GEW zuschauen, wenn alle Universitäten und Schulen in Gaza dem Erdboden gleichgemacht werden? Wie kann die ver.di sich hinter die gezielte Tötung von Journalist*innen und medizinischem Personal stellen? Warum schweigt die IG-BAU, während im Westjordanland die letzte Saatgutbank zerstört wird? Wieso äußert sich die NGG nicht über die Hungerblockade gegen Gaza?

Wenn sie sich nicht einmal nach zwei Jahren Genozid klar positionieren können, was werden unsere Gewerkschaften wohl tun, wenn wir Mitglieder existenziell bedroht sind?

Als Gewerkschaftsmitglieder fordern wir, dass die deutschen Gewerkschaften es unseren mutigen italienischen Kolleg*innen gleich tun und zu Massenstreiks aufrufen.

Bei uns gibt es die gleichen Probleme wie in Italien, denn wir sehen uns massivem Sozialabbau gegenüber und unser Staat unterstützt den israelischen Staat aktiv. Zuletzt wurden sogar die kurzzeitig ausgesetzten Waffenlieferungen wieder aufgenommen, obwohl in 44 Tagen 500 Verstöße gegen die Waffenruhe durch Israel registriert wurden, die etwa 350 palästinensische Zivilist*innen getötet und hunderte weitere verletzt haben (Stand 23.11.25).

Als Gewerkschaftsmitglieder fordern wir, dass sich alle deutschen Gewerkschaften der internationalen Boykottbewegung anschließen und ihre Verbindungen mit israelischen Gewerkschaften lösen.

Für ver.di und IG Metall liegen bereits Beschlüsse in den internationalen Verbänden vor, die die deutschen Gewerkschaften seit Jahren missachten. Es sind Jahre, in denen Israel Hunderttausende Palästinenser*innen getötet hat. Daran machen unsere Gewerkschaften sich und uns als Mitglieder mitschuldig. Als Gewerkschafter*innen für Gaza wollen wir diese Mitschuld nicht länger tragen!

Als Gewerkschaftsmitglieder fordern wir, dass alle deutschen Gewerkschaften politisch eingreifen.

Einige Kolleg*innen sind bereits wegen ihres Engagements gegen den Genozid entlassen worden. Es gilt sie zu verteidigen und zu zeigen, dass wir als Gewerkschafter*innen wissen, dass nur internationale Solidarität unsere Lebensgrundlage sichern kann.

Nur der internationale Druck der Arbeiter*innen wird den Völkermord stoppen. Nur wenn die Waffen still stehen, nicht produziert und nicht transportiert werden, kann Krieg verhindert werden. Nur gelebte Solidarität wird dazu beitragen, auch bei uns den Sozialabbau und die Militarisierung aufzuhalten.

Arbeiter*innen schießen nicht auf Arbeiter*innen!
Kein Transport für Völkermord!

Gewerkschafter*innen für Gaza Dresden

Es geht auch anders als hierzulande, siehe Report zu Italien "Erneut Proteste und Streiks in ganz Italien gegen Melonis Sozialen Kahlschlag, Kriegshaushalt und Israelunterstützung"
Dokument zur Rede

Titelbild: Gewerkschafter:innen 4 Gaza Dresden

Tod am Arbeitsplatz – Amazon-Mitarbeiter stirbt während Schicht

Am 28.11.2025 gab es weltweit Proteste gegen Amazons Unterstützung von Israels Kriegsverbrechen ebenso wie gegen die massive Missachtung der Rechte und Auspressung seiner Arbeiter:innen. Vor dem Amazon Tower in Berlin fand eine Protestkundgebung statt. Kurz vorher meldete Verdi den folgenden symptomatischen Vorfall.

Tod am Arbeitsplatz – Amazon-Mitarbeiter stirbt während Schicht

Pressemitteilung vom 26.11.2025

Ver.di fordert Aufklärung

Am Dienstag, den 17. November, wurde ein Arbeitnehmer des Amazon Fulfilment-Centers in Erfurt-Stotternheim während der laufenden Frühschicht leblos auf der Toilette aufgefunden. Berichten zufolge soll der Beschäftigte vorher vergeblich versucht haben, sich bei seinem Vorgesetzen krank zu melden. Ver.di fordert Amazon auf, die Umstände dieses Todesfalls aufzuklären und die Arbeitsbedingungen am Standort zu verbessern.

Erst vor etwa zwei Wochen fand eine gemeinsame Aufklärungsaktion von ver.di und den DGB-Projekten „Faire Mobilität“ und „Faire Integration“ vor dem Logistikzentrum statt. Was die Arbeitnehmer in diesem Zuge über die Arbeitsbedingungen bei Amazon in Erfurt berichteten, ist erschütternd.

„Beschäftigte berichten uns von hohen Leistungsanforderungen, Urlaubssperren, fehlenden Lohn bei Krankmeldungen, ständigem Druck bei Unterschreitung willkürlicher Normen. Sie befinden sich zu großen Teilen in befristeten Arbeitsverhältnissen und berichten von Angst vor Arbeitsplatzverlust, wenn sie sich krankmelden oder zu langsam arbeiten“, so Matthias Adorf, Gewerkschaftssekretär bei ver.di für den Fachbereich Handel in Thüringen.

Bei Amazon in Erfurt arbeiten mehrheitlich migrantische Beschäftigte, die meisten davon aus Drittstaaten wie Syrien, Iran, Afghanistan oder afrikanischen Staaten. Hier treffen Arbeitshetze und Druck auf die Existenzängste der migrantischen Beschäftigten mit oft unsicheren Aufenthaltstiteln. Die Beschäftigten fürchten, dass mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes auch ihr Aufenthaltstitel auf dem Spiel stehen könnte. Amazon nutzt diese Situation ohne Skrupel und moralische Bedenken aus.

„Ob diese Arbeitsbedingungen zum vorliegenden Todesfall beigetragen haben, ermittelt hoffentlich die Staatsanwaltschaft. Wir wissen aber sicher, dass die Arbeitsbedingungen bei Amazon, die uns Beschäftigte schildern, krank machen. Die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind für viele, vor allem migrantische Beschäftigte ein toxisches Gemisch aus Angst, Druck und Sanktionen. Die Gewerkschaft ver.di steht an der Seite der Beschäftigten – egal welcher Herkunft. Wir fordern den Arbeitgeber auf, diese Praxis zu beenden“, so Adorf weiter.

Pressekontakt

V.i.S.d.P.:
Oliver Greie
ver.di-Landesbezirksleiter
für Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
für den Inhalt: Jörg Förster

Titelbild: Collage Peter Vlatten, Foto Protest vor dem Amazon Tower in Berlin, 28.November 2025

Generation Antifa in der Offensive

Das Bündnis Widersetzen sorgt für einen leeren Gründungsparteitag der AfD-Jugend

Von John Malamatinas, Gießen

Bild: Klasse gegen Klasse (KgK)

Kurz vor 22 Uhr am Freitagabend auf einem Berliner Bahnhofsparkplatz: Motoren brummen, letzte Thermoskannen werden in Rucksäcke geschoben, Fahnen noch schnell mit Tape geflickt. Dann steigen die Aktivist*innen in ihre Busse. Ziel: Gießen. Auftrag: Den Gründungsparteitag der AfD-Jugend »Generation Deutschland« blockieren.

Der Berliner Konvoi ist Teil eines bundesweiten Blockadekonzepts des Bündnisses Widersetzen, das alle Zufahrten zu den Hessenhallen dichtmachen will. Zum Bündnis gehören Schüler*innenverbände, Gewerkschaften, migrantische Organisationen, Omas gegen Rechts, Kirchen und linke Gruppen.

Während der letzten Pause vor Gießen tauchen zwei Streifenwagen auf und verhandeln mit der Buskoordination. Rund 30 Kilometer vor dem Ziel entfernen sich die Streifenwagen plötzlich – im Bus herrschen Erleichterung und Jubel.

Einsatz für die Demokratie

Kurz vor 6 Uhr morgens am Sonnabend steigen die Aktivist*innen im Dunkeln aus. Mit Stirnlampen, Knicklichtern und Fahnen mit Leuchteffekten formiert sich die Gruppe hinter dem Fronttransparent und macht sich auf den Weg zur Zielkreuzung, wo bereits ein großes Polizeiaufgebot wartet. Als der Zug einen weniger gesicherten Seitenstreifen nutzt, greifen weitere Einsatzkräfte ein und setzen Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Beim Eintreffen des Nord-Konvois kommt es erneut zu massiver Polizeigewalt gegen das Fronttransparent. Minutenlange Auseinandersetzungen folgen.

»Meine erste Amtshandlung heute als parlamentarischer Beobachter: Sanitäter suchen«, sagt Luke Hoß, Bundestagsabgeordneter der Linken, dem »nd«. »Denn nach dem Ausstieg gab es quasi direkt die erste Ladung Pfefferspray. Sich beschwerenden Demonstrant*innen rief ein Polizist noch zu: ›Kommt doch, ich mach sie gerne leer.‹« Laut Hoß kein netter Empfang für Menschen, die sich, »um für unsere Demokratie einzustehen«, mitten in der Nacht auf den weiten Weg gemacht haben.

Noa Sander von Widersetzen berichtet von »vielen mutigen Menschen, die entschlossen waren, gemeinsame Solidarität und Widerstand gegen Faschismus auf die Straße zu tragen.« Gleichzeitig habe Sander »eine Polizei erlebt, die extrem gewaltvoll auf Demonstrant*innen eingeschlagen hat, die nicht nur den Faschist*innen in Gießen den roten Teppich ausgerollt hat, sondern ihnen auch wortwörtlich die Straße freigeprügelt hat.«

Blockaden zeigen Wirkung

Um 10.15 Uhr meldet der Aktionsticker von Widersetzen: »Von 1500 bis 1900 erwarteten Gästen bei der Faschoshow in der Gießener Messehalle sind bisher nur etwa 200 aufgetaucht. Das reicht wohl eher nicht für eine ›Generation Deutschland‹.« An 19 Blockadeorten ist die Anfahrt der AfD blockiert. »Wir lassen nicht zu, dass die AfD eine weitere Generation gewaltbereiter Faschist*innen heranzieht.« Alle wesentlichen Zufahrten sind versperrt.

Tausende Menschen versammeln sich gleichzeitig auf der östlichen Seite der Lahn. Zuvor hatte es Streit um erlaubte Versammlungsorte gegeben, da die Stadt wegen der erwarteten Lage Einschränkungen erließ, darunter ein Demonstrationsverbot westlich der Messehalle. Der Verwaltungsgerichtshof bestätigte schließlich das Sicherheitskonzept der Stadt. Eine kleinere Demonstration mit bis zu 1000 Teilnehmern wurde direkt an der Messe genehmigt.

Viele kamen aus der Region, wie Karl, Schreinermeister aus Ulrichstein im Vogelsberg: »Wir kommen vom Land – dort sehnen sich viele Menschen nach einfachen Antworten. Die AfD bietet solche Scheinlösungen an, die nur plausibel klingen. Wir sind hier, um aufzuklären und zu zeigen: Die AfD liefert keine Antworten. In unserem Ort hat sie mehr als 25 Prozent bekommen.«

Andere legten lange Anreisen zurück, wie Käthe und Jona aus Bielefeld. »Um ein Zeichen gegen die gruselige AfD zu setzen«, sagt Jona. Käthe ergänzt: »Die Auftritte, die man im Internet sieht, machen mir Angst. Ich muss jetzt hier sein und zeigen, dass ich das nicht will.« Auf die Frage, ob ihr Protest in Gießen willkommen sei, erklärt Jona: »Also bei den Bürgern glaube ich schon. Das merkt man und sieht man an den vielen Transparenten. Auch an den Häusern hängen tolle Schilder. Es ist schön bunt.« Zugleich sei die Vorberichterstattung erschreckend: »Eigentlich werden Demos nur ungern zugelassen und viele Möglichkeiten werden genommen.«

Spontandemonstration und Polizeieinsatz

Kurz nach diesen Gesprächen startet auf der anderen Lahn-Seite eine Spontandemonstration von etwa 5000 Menschen. Sie umgehen Polizeisperren und werden erst 300 Meter vor den Messehallen von Hundertschaften und Wasserwerfern gestoppt. Viele junge Menschen bleiben entschlossen und sichtbar direkt am Ort des Geschehens. Der Tag endet für einige mit einem Kraftklub-Konzert, für andere mit der Rückfahrt im Bus.

Widersetzen zeigte sich auf einer Pressekonferenz erschrocken über das Ausmaß der Polizeigewalt. »Auch als die Versammlungen sich schon auflösten und der AfD-Kongress bereits begonnen hatte, eskalierte die Polizei die Situation weiter durch brutale Attacken auf Antifaschist*innen«, heißt es in einer Mitteilung. »Außerdem setzte die Polizei bei eisigen Temperaturen Wasserwerfer ein.« Rieka Becker von Widersetzen erklärt: »Wir haben heute wieder gesehen: Auf den Staat können wir uns im Kampf gegen den Faschismus nicht verlassen.«

Luke Hoß zieht dennoch ein positives Fazit: »Über 50 000 Menschen haben sich heute widersetzt. Das war kein entspannter Tag für die Jungfaschisten und damit ein guter Tag für unsere Gesellschaft.« Auch Sander sprach von einem bedeutenden Signal: Am Samstag habe es »die größten antifaschistischen Blockadeaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben – ein großartiger Erfolg«. Die Bilanz bestätigt dies: Nur 839 der erwarteten 1500 AfD-Delegierten erreichten die Messehalle, darunter nicht einmal die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla pünktlich. Nächste Station von Widersetzen ist der Bundesparteitag der AfD in Erfurt im Juli 2026.

Erstveröffentlicht im nd v. 1.12. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195851.protest-gegen-afd-jugend-generation-antifa-in-der-offensive.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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