Modernisierte Sklavenarbeit, millionenfach, global

Von WERNER RÜGEMER

Werner Rügemer hat einmal wieder in seiner unnachahmlichen Weise tief gegraben und zugesammengetragen, worauf der Reichtum der neuen Milliardäre und anderer Nutznießer des Weltarbeitsssystems letztlich beruht.
(Jochen Gester)

Aufklärung und Widerstand müssen verstärkt und vernetzt werden, als Teil der Friedensbewegung. Ein Aufruf

Von Werner Rügemer

Es gibt eine modernisierte millionenfache Sklavenarbeit, die ständig ausgeweitet und gleichzeitig verdrängt wird. Gegenwärtig stoppt die EU das ohnehin schwache Lieferkettengesetz, mit Unterstützung durch die deutsche Regierung unter dem unchristlichen Bundeskanzler Friedrich Merz, dem Ex-BlackRock-Funktionär.

Diese modernisierte Sklavenarbeit wird für die entwickeltsten Technologien aus den kapitalistischen Staaten, v.a. aus den USA, ausgelagert in arme Staaten aller Kontinente. Dies gilt nicht nur für die Textil- und Nahrungsmittelkonzerne, sondern ungleich mehr etwa für die Produktion der Digitalgeräte wie laptops, Handys, für „Löscharbeiten“ in den (a)sozialen Medien, für e-Autos, für Roboter-Steuerung und KI-tools.[1]

Zucker-Sklavinnen in Indien

Und selbst wenn kurzfristig eine besonders kriminelle Form der Sklavenarbeit bekannt wird, wird sie schnell verdrängt. Hier ein Beispiel: Die indischen Zuckerarbeiterinnen für Coca Cola, Pepsi Cola, Unilever, General Mills.

Der Anfang der Produktionskette für den Zucker in Indien sind kleine Plantagen: Die Arbeiterinnen hausen in den Zuckerfeldern. Die meist ganz jungen Frauen müssen sich ihre Gebärmutter entfernen lassen, damit sie nicht durch Schwangerschaften und Geburt die Arbeit unterbrechen. Die Entfernung der Gebärmutter müssen sie selbst bezahlen und sich dafür verschulden – so bleiben sie zusätzlich erpressbar für Niedrigstlöhne ab 2 Dollar pro Tag.

Korruptes Zertifikate-Geschäft: Bonsucro

Die Käufer des Zuckers wie Coca Cola und Unilever wissen das, deshalb kaufen sie Zertifikate bei professionellen Zertifikat-Ausstellern. Diese bescheinigen: Die Lieferkette genügt „unseren sozialen Standards“. Damit gehen dann Coca Cola, Unilever & Co. vor die Öffentlichkeit: „Wir halten unsere sozialen Standards ein“ – von den konkreten menschenrechtlichen Arbeits- und Sozialrechten der UNO/ILO sprechen sie sowieso nicht.

Im Fall dieser indischen Zuckerarbeiterinnen wurden die wiederholten Zertifikate durch das Zertifikat-Unternehmen Bonsucro ausgestellt. Bonsucro heißt „Guter Zucker“: Bonsucro hat seine Methoden im größten Staat für die Zuckerproduktion entwickelt, in Brasilien, daher auch der Name: Das Zertifizierungs-Unternehmen hat seinen Sitz in London und hat selbst wieder eine Kette von bezahlten Zertifikat-Ausstellern, die in den jeweiligen Staaten wie Indien Inspektionen durchführen, vor Ort.

Korrupte Zertifikat-Lieferkette

Aber was heißt „vor Ort“? Indien ist nach Brasilien der zweitgrößte Staat für die Zuckerproduktion, mit tausenden von kleinen und mittleren Plantagen: Das ist selbst ebenfalls eine Produktions-Kette: Der Begriff „Liefer“kette ist auch hier eine Verharmlosung, denn es geht um schwere körperliche Arbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen.

Wenn ein Bonsucro-Inspekteur ein Zertifikat ausstellen soll, geht er zu einer der Plantagen, die ihm als Vorzeige-Plantage bekannt ist; diese führt den korrupten Inspekteur, nach Voranmeldung, zu einer Plantage, bei der jedenfalls an diesem Tag alles in Ordnung ist: Die Arbeiterinnen lächeln auftragsgemäß freundlich, und der korrupte Vorarbeiter bestätigt: „Sie sind sehr zufrieden“.

Bonsucro ist typisch für solche organisierte Berater-Korruption. Bonsucro begann wie viele ähnliche Firmen als menschenrechtliche non profit-Initiative. Dann wurde sie zunächst vom World Wildlife Fund „unterstützt“, d.h. finanziert, und machte sich im nächsten Schritt, mit dem erworbenen Kapital einer Menschenrechts-Initiative, zu einem profitablen, privaten Unternehmen – wie tausende NGO, die von den Foundations der Gates, Soros, Bloomberg & C. Finanziert werden.

Aufdeckung der Korruption – keine Folgen

Einmal unternahm, ungewöhnlicherweise, eine lokale indische Behörde eine eigene Überprüfung und befragte 82.000 Zuckerarbeiterinnen, fand die geschilderte Art der Sklavenarbeit, daneben auch Kinderarbeit.

Das wurde kurzzeitig zum Skandal, wurde sogar 2024 zweimal in der New York Times berichtet: „How audits missed abuses in India’s fields“, NYT 1.8.2024 und „Revelations roil sugar industry“, NYT 23.8.2024.

Aber diese Aufdeckung verlief in den USA im Sande, wurde in Europa und Deutschland nie bekannt gemacht, weder durch Regierungen, noch durch die EU – aber auch nicht durch die ansonsten so skandalgierigen Leitmedien, auch nicht durch Initiativen, die sich seit Jahren bei „Lieferketten“ engagieren. Oder – was ist mit den Frauen-Bewegungen?

Moderne Sklavenarbeit in den kapitalistischen Metropolen

Moderne Sklavenarbeit gibt es natürlich auch in den kapitalistischen Staaten, in den Metropolen: Von ihnen kommt ja diese Sklavenarbeit, und wird hier unsichtbar gemacht, lügenhaft verleugnet, jedenfalls was das ganze Ausmaß angeht, nicht nur global, sondern auch national. Nur kurz einige Beispiele:

*In der EU wie in Deutschland gilt millionenfache, menschenrechtswidrige Niedrigstlöhnerei etwa für den Bau, Lieferdienste, Security, Gastronomie, Saisonarbeit in der Landwirtschaft, Tourismus, häusliche Pflege. Viele dieser modernen Sklaven und Sklavinnen sind illegal, viele sind legal, zumindest zeitweise: Etwa in Deutschland die hunderttausenden Sex-Arbeiterinnen vor allem aus Osteuropa einschließlich Ukraine und aus Asien – Deutschland wurde  damit das „Bordell Europas“.

*Illegale sind vor allem in den USA vielmillionenfach eine wesentliche Stütze der Wirtschaft, in den körperlich anstrengenden Arbeiten. Sie zahlen Steuern, gleichzeitig werden sie gezielt mit Ausweisung erpresst und in unsichtbarer Niedrigstlöhnerei gehalten. Das ist unter freundlich lächelnden Präsidenten wie Bill Clinton und Barack Obama genauso wie unter ihrem offenen Migranten-Hasser Donald Trump.

*Oder der weltweit größte Taxi- und inzwischen auch Transport-Konzern Uber: Er sucht die vertragslosen Fahrer gezielt in den ärmsten Migranten-Slums der Großstädte, in New York, San Francisco, in Houston, in Paris, in London, in Montreal, in Berlin, in Warschau, in New Delhi, in Köln. Dies ist verbunden mit modernisiertem Rassismus.[2]

KI-Produktion in der „Fabrik Afrika“

Mit der „Globalisierung“ seit den 1990er Jahren wurde ein möglichst großer Teil der industriellen, körperlich anstrengenden Arbeit vor allem nach Asien ausgelagert, in die „Fabrik Asien“. Aber inzwischen wird so auch die „Fabrik Afrika“ ausgebaut. Einige Beispiele:

*Für Content-Moderatoren bei der digitalisierten Steuerung von selbstfahrenden Autos, für Obstpflück- und Ernteroboter bauen die US-Konzerne die „Fabrik Afrika“ aus: Hier werden für zwei Dollar am Tag vertragslose Sklavenarbeiter ausgebeutet – 150 im engen, fensterlosen Raum zusammengestopft.[3]

*Solche Praktiken in afrikanischen Staaten sind schon seit vielen Jahren für „Löscharbeiten“ bei Facebook/Meta, Amazon, Google & Co. üblich, in den social media.[4]

*Der Konzern Scale AI in Silicon  Valley ist gegenwärtig der größte spezialisierte Anbieter von Datenannotierung und KI-Training; Scale AI führt Aufträge aus für Digital- und Software-Konzerne wie Accenture, SAP, Meta, Open AI, Anthrophic, Microsoft, Google, Paypal usw., aber auch für Geheimdienste, für das Weiße Haus und für die US-Army.[5]

e-Autos – zum Beispiel der e-tron von Audi

Seit mehreren Jahren wird auch für die e-Mobilität ein neues globales Netz an Produktionsketten aufgebaut. Bisherige Teile, Materialien und Techniken werden für die e-Autos vielfach nicht mehr gebraucht, dagegen werden neue gebraucht, etwa für die Batterien und die digitalisierte Innenausstattung und die Verkehrssteuerung. Dafür werden dann auch Produktionsketten an neuen Standorten und mit neuen Zulieferfirmen aufgebaut.

Dazu als Beispiel das e-Auto von Audi, der e-tron. Die Endmontage geschieht in Belgien, in Brüssel. Das Auto besteht aus etwa 6.000 Teilen, zusätzlich je nach Standard- oder Luxusausführung noch aus bis zu 6.000 Chips.

Diese vielen tausend Teile kommen von 300 Zulieferunternehmen aus 550 Standorten in 37 Staaten. Diese Staaten wie Taiwan, Tunesien, Rumänien, Singapur, Ungarn, Ukraine, die Philippinen, Thailand, China usw. werden wieder wie bisher, aber neu ausgesucht nach dem Prinzip „Best Cost Country“: Wo sind die Arbeits-, Umwelt-Gesetze und Kontrollen und die  Materialkosten am niedrigsten, wo sind auch die Steuern am niedrigsten oder liegen möglichst in Sonderwirtschaftszonen bei Null?

Und diese 550 Zulieferfirmen sind teilweise selbst wieder Teil einer größeren Produktionskette, etwa für die in der e-Mobilität besonders viel gebrauchten seltenen Erden wie Cobalt und Lithium, die beispielsweise im  Kongo am Anfang der Kette durch Sklavenarbeiter aus der Erde gekratzt  werden.[6]

Apple: Zehntausende Zulieferfirmen

Apple gehört im gegenwärtigen US-geführten Kapitalismus zu den allerreichsten Unternehmen, hinsichtlich der Gewinne und der Aktienwerte. Die größten Apple-Aktionärsgruppen sind die größten Kapitalorganisatoren wie Blackrock und Vanguard. Deren jährliche Milliarden-Gewinne kommen auch aus der globalen, millionenfachen Sklavenarbeit.

Die Zahl der für Apple eingesetzten Sklavenarbeiter ist unbekannt, sie wird von Apple selbst verheimlicht. Keine staatliche Aufsichtsbehörde kümmert sich darum. Im Geschäftsbericht 2020 referiert Apple selbst eine Teil-Überprüfung von 1.121 Zulieferfirmen in 53 Staaten. In diesen Zulieferfirmen haben 21 Millionen Beschäftigte eine Aufklärung über ihre Rechte erhalten, heißt es.[7]

Diese sehr niedrigen Rechte entsprechen nicht den menschenrechtlichen Arbeitsrechten der UNO und der ILO. Die von Apple selbst definierten Arbeits-Rechte besagen etwa: Pro Woche dürfen bis 60 Stunden gearbeitet werden; alle 7 Tage gibt es einen Ruhetag; die Löhne sollen „angemessen“ sein.

Wie die Einhaltung dieser wenigen, niedrigen und hinsichtlich der Löhne diffusen Rechte überprüft wird, berichtet Apple nicht. Apple bevorzugt solche Staaten bzw. Regionen und Sonderwirtschaftszonen, in denen keine Kontrollen stattfinden.

Apple: Zehntausende Zulieferer

Apple hat „globale Lieferketten mit zehntausenden von zuliefernden Unternehmen auf nahezu allen Kontinenten… und mehr als 800 Zulieferer in Deutschland“.[8] Wenn also Apple einmal, wie erwähnt, etwa ein Zehntel seiner Zulieferfirmen überprüft hat und dort 21 Millionen Menschen  beschäftigt waren, so könnten es also insgesamt ein Mehrfaches an Sklavenarbeitern sein, meist Sklavenarbeiterinnen, die letztlich für Apple arbeiten.

Ein Jahrzehnt lang, seit Beginn 2009, hat Apple seine iPhones zuerst in China herstellen lassen. Denn dort waren die Löhne sehr niedrig,  entsprechend der postkolonialen Ausgangslage. Sie wurden und werden aber schrittweise und nachhaltig angehoben, auch aufgrund von Protesten und Streiks, die dann vom Staat unterstützt wurden, gegen den heftigen Widerstand von Apple & Co.[9]

Deshalb flieht Apple seit einem Jahrzehnt so schnell wie möglich aus China: Wichtigste Alternative mit einem unerschöpflichen Reservoir vieler Millionen arbeitsloser armer junger Frauen ist Indien. Deshalb werden die iPhones seit der Variante iPhone 12 immer mehr in Indien hergestellt. Jetzt ist Apple beim iPhone 17.

Weltführer für moderne Sklavenarbeit: Foxconn & Co.

Apple hat keine einzige eigene Fabrik für die Herstellung seiner zahlreichen Digitalgeräte, auch nicht für die iPhones. Apple beauftragt dafür die drei größten Auftragsfertiger der Welt im Bereich der Mikroelektronik- und Digital-Industrie: Das sind die Konzerne Foxconn, Pegatron und Wistron.

Sie haben ihren Sitz in Taiwan. Im US-Protektorat Taiwan wurde seit den 1980er Jahren zunächst unter Kriegsrecht im Auftrag der Silicon Valley-Konzerne die modernste industrielle Sklavenarbeit entwickelt.

Danach haben Foxconn, Pegatron und Wistron immer mehr Filialen in anderen Staaten eingerichtet: In Japan, Südkorea und zunächst vor allem in China, aber von da jetzt flüchtend nach Vietnam, auf die Philippinen, nach Thailand, Laos – vor allem aber im großen Stil nach Indien.[10]

Der Foxconn-Konzern: Sklavenarbeit in Taiwan entwickelt

Foxconn ist der größte Konzern Taiwans mit 1,7 Millionen eigenen Angestellten.

Das zunächst in Taiwan selbst unter Kriegsrecht entwickelte Modell der modernsten industriellen Sklavenarbeit wird dort auch heute, in kleinerem Umfang, weiter beibehalten, auch in dortigen Chipsfabriken.

Gegenwärtig sind in Taiwan etwa 830.000 Arbeitsmigranten eingesetzt. Sie werden angeworben aus ärmeren asiatischen Staaten wie den Philippinen, Vietnam, Indonesien und Thailand. Sie haben gegenüber den regulären Beschäftigten in Thailand, auch gegenüber den Foxconn-Beschäftigten, einen minderwertigen Status:

*Sie hausen zu zwölft in Hochbett-Zimmern

*Sie dürfen sich nicht gewerkschaftlich organisieren

*Der Arbeitsvertrag läuft drei Jahre und wird nur bei Wohlverhalten verlängert

*Sie zahlen in das Rentensystem ein, müssen aber Taiwan vor Antritt der Rente verlassen.[11]

Dieses ausgefeilte, zunächst in Taiwan entwickelte Muster wurde und wird von Foxconn, Pegatron und Wistron global exportiert. Sie organisieren seitdem ein wachsendes, unsichtbares Millionenheer an Sklavenarbeitern, global.

Foxconn hat die wichtigen Aufträge für die Digitalgeräte westlicher Konzerne: Für Laptops, Handys, Kopfhörer, Grafikkarten, multifunktionelle Armbanduhren, Sprechautomaten (z.B. Alexa), Platinen, Netzteile, Konnektoren, Kühlkörper, Gehäuse, Spielekonsolen, mainboards. Die Aufträge kommen v.a. von den US-Digitalkonzernen, neben Apple von Nvidia, Microsoft, Facebook/Meta, Hewlett Packard, Dell, Intel, Amazon, Alphabet/Google, Cisco, Motorola, Netflix usw., natürlich auch für das Militär.

Das Muster: Foxconn & Co halten die Sklavenarbeiter in Tag und Nacht überwachten Massenunterkünften. Die Sklaven werden in  Mehrbettzimmern untergebracht, vielfach mit Mehrstock-Betten, in  Wohnkomplexen mit vielen tausend Sklaven. Die Wohnkomplexe sind von der Außenwelt abgetrennt und dürfen nur mit besonderer Erlaubnis verlassen werden. Die Benutzung von Handys ist verboten.

Foxconn besorgt auch das Essen und organisiert die täglichen Transporte von der Massenunterkunft zur Fabrik. Gearbeitet wird im Drei-Schichten-Betrieb, auch am Samstag.

iPhones für Apple in Indien

Dieses Muster wird heute vor allem in Asien praktiziert, vor allem im bevölkerungsreichsten Staat der Erde, Indien, der zugleich über das weltweit größte Reservoir an arbeitslosen, armen und jungen Menschen verfügt, auch Frauen, die für die körperliche Arbeit bevorzugt werden.

Indien hat keinen einheitlichen Mindestlohn. Er beginnt bei 2,16 $ pro Tag und geht bis etwa 9 $, je nach Teilstaat, Region und Sonderwirtschaftszone, dann auch unterschieden nach Branchen und Status der Beschäftigten. Kontrollen finden in der Regel nicht statt: Die indische Regierung wirbt um Arbeitsplätze – dabei spielt nur die Zahl eine Rolle.

Junge Frauen: 88 Cent pro Stunde, mit Abzügen

Die meisten Fabriken in Indien betreibt Foxconn im Hindu-Teilstaat Tamil Nadu, und dort in der Sonderwirtschaftszone der Stadt Chennai.

Die Arbeiter der unteren Ränge sind ausschließlich Frauen, vor allem junge Frauen zwischen 18 und 23 Jahren. Sie werden durch beauftragte Agenturen aus den besonders armen Regionen Indiens herangeholt. Diese jungen Frauen werden von armen Familien gerne abgegeben.

Foxconn zahlt einen Stundenlohn von 88 US-Cent: Die werden aber nur zum Teil ausgezahlt. Denn davon werden die Kosten für die schlechte Verpflegung, für die Massenunterkunft und für die täglichen Bustransporte abgezogen.

Krank und ausgetauscht nach drei Jahren

Der Drei-Schicht-Betrieb, die Kasernierung, die extrem eingeschränkten sozialen Beziehungen, die schlechte Gesundheitsversorgung, das billige Essen, die täglichen Hin- und Her-Transporte zwischen Unterkunft und Fabrik, auch nachts – all dies macht die Frauen krank, erschöpft, zermürbt. Deshalb werden sie nach wenigen Jahren ausgetauscht, und die Arbeits-Agenturen schaffen neue junge arme Frauen heran.[12]

Dagegen können sich die Arbeiterinnen nicht wehren. Sie dürfen keiner Gewerkschaft angehören. Mehrheitlich haben sie keinen Arbeitsvertrag. Aber Gewerkschaften von außerhalb haben z.B. 2021 einen Streik von mehreren tausend der insgesamt 17.000 Arbeiterinnen einer Foxconn-Fabrik in Chennai unterstützt: Die Arbeiterinnen verließen unerlaubt die Fabrik und blockierten Straßen. Daraufhin wurden die Massenunterkünfte etwas verbessert.

Trump: Produktion in die USA zurückholen! Aber Apple folgt nicht

Diese Art der Globalisierung wurde seit den 1990er Jahren durch die US-Regierungen gefördert, vor allem durch die Präsidenten der Demokraten-Partei, also William Clinton, Barack Obama und Joe Biden.

Zuletzt hatte Biden 2024 dazu ein Abkommen mit dem indischen Ministerpräsidenten Modi geschlossen: So baute Foxconn in Chennai ein neues, 12stöckiges Hochhaus, mit Mehrbettzimmern für 37.000 junge Frauen. Wegen der Proteste haben die Zimmer jetzt nur noch 6 Betten und keine Mehrstockbetten mehr.[13]

US-Präsident Trump hat Apple aufgefordert, die Produktion der iPhones und der anderen Geräte in die USA zu holen – aber Konzerne wie Apple haben kein Problem, die Forderungen „ihres“ Präsidenten zu mißachten.

Sie haben seine Wahlkämpfe und dann auch seine Antrittsfeier als Präsident mitfinanziert. So geht die Sklaverei weiter, wie auch in den USA selbst.

iPhones: Zusätzliche Umweltzerstörung

Neben der Sklavenarbeit kommen die Apple-Gewinne auch aus der Umweltzerstörung. Apple organisiert bei den iPhones die geplante Obsoleszenz: Jedes Jahr seit dem Start 2009 bringt Apple eine neue, oft noch teurere Version des iPhone heraus, mit ein paar neuen technologischen Reizen.

Die gegenwärtige Version heißt Apple iPhone 17, mit den Varianten 17 Pro, 17 Pro Max, iPhone Air und iOS26. Es werden dabei die bisher verwendeten Materialien entwertet, irgendwo teilweise recycelt, aber es werden für das neue, mehrheitlich gleiche Gerät zusätzlich neue Materialien global beschafft, wie am bekanntesten das von Sklavenarbeitern ausgegrabene Kobalt aus dem Kongo undsoweiter.

US-Kapitalisten in Apple und Foxconn

Die Sklavenarbeit von Apple/Foxconn ist eine Organisationsform des modernsten, reichsten und brutalsten, des US-geführten Kapitalismus:

*Die größten Kapitalorganisatoren aus den USA sind die führenden  Aktionäre von Apple, also BlackRock, Vanguard & Co., die auch die führenden Aktionärsgruppen z.B. in der gesamten Digital-, Rüstungs-, Fracking- und Energieindustrie sind.

*Aber BlackRock, Vanguard & Co sind inzwischen auch, neben den Foxconn-Gründern aus Taiwan, führende Aktionäre von Foxconn.

Und das bleibt auch so, unabhängig davon, wie der US-Präsident heißt.

Ukraine: Wiederaufbau mit Mindestlohn 1,23 Euro

Unter US-Präsident wurde BlackRock Koordinator für den „Wiederaufbau“ der Ukraine. Blackrock-Chef Laurence Fink schwärmte  deshalb beim Weltwirtschaftsforum 2023 in Davos: Wir glauben an den Sieg der Ukraine, und nach dem Krieg wird die Ukraine „ein Leuchtfeuer in der Welt für die Kraft des Kapitalismus“.[14]

Und BlackRock-Chef Fink gehört auch 2026 zum Ukraine-Verhandlungsteam von US-Präsident Donald Trump. Im nächsten Jahrzehnt soll BlackRock für das „kapitalistische Leuchtfeuer“ 800 Milliarden US-Dollar in der Ukraine investieren bzw. koordinieren, auch für die neueste, jetzt auch weiter kriegserprobte Drohnen-Technologie.[15]

Für diesen „Wiederaufbau“ versprachen Trump/BlackRock auch viele neue Arbeitsplätze. Deshalb wurde zum 1. Januar 2026 der gesetzliche Mindestlohn in der Ukraine erhöht: Jetzt beträgt er 1,23 Dollar pro Stunde.

Wie die moderne Sklavenarbeit bekannt machen, bekämpfen?

Die moderne Sklavenarbeit gehört zum noch aggressiver gewordenen, kriegsvorbereitenden und kriegsführenden, US-geführten westlichen Kapitalismus, der damit noch aggressiver investiert: Ukraine, Gaza…

Gleichzeitig gehört zur herrschenden Lügen-Produktion, daß diese Sklavenarbeit tabuisiert, verschwiegen wird: Nicht nur von den Konzernen und ihren Aktionären, sondern auch von den Regierungen, von der EU, auch von den etablierten Gewerkschaften.

Aber in Indien und allen betroffenen Staaten sind Gewerkschaften, linke Parteien und Initiativen aktiv, auch international vernetzte Gewerkschaften wie UNIA, IndustriALL und UNI Global in der Schweiz.

Solche Initiativen gibt es praktisch in allen Staaten, auch in den USA genauso wie in den armen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.

In Deutschland ist seit vielen Jahren labournet Germany aktiv, das Dortmunder Gewerkschaftsforum, die Hamburger Gewerkschafts-Linke und andere. Solche gibt es auch in EU-Staaten, in West wie Ost, Nord und Süd.[16]

Sie alle lassen sich über das Internet in Sekundenschnelle finden, agieren aber weithin für sich. Also: Wie sind gemeinsame Aktionen möglich? Sie würden sich gleichzeitig gegen die Kriege, Kriegsvorbereitungen und regime changes richten, die gegenwärtig von der US-Regierung unter Donald Trump angeführt und von ihren folgsamen Mit-Tätern wie dem deutschen BlackRock-Kanzler mitvollzogen werden.

Kampf für Arbeits- und Sozialrechte und dabei auch der Kampf gegen die ausufernde moderne Sklavenarbeit – sie gehören zum Kampf für Frieden, Demokratie, Sicherheit!

Anmerkungen:

[1] Zur ständigen Modernisierung immer neuer Formen der Sklavenarbeit durch die USA, die als Sklavenstaat gegründet wurden, siehe: Werner Rügemer: Verhängnisvolle Freundschaft, 4. Auflage Köln 2024; auch in englischer, französischer, spanischer Ausgabe, demnächst auch griechisch und chinesisch.

[2] Sophie Bernard: Uber Usés. Le Capitalisme racial de platforme à Paris, London et Montreal, Paris 2023

[3] James Muldoon u.a.: Feeding the Machine. The Hidden Human Labour Powering AI, Edinburgh 2024

[4] Klicks zum Hungerlohn: Was Google und Co. verschweigen, https://www.arbeit-wirtschaft.at 4.12.2024

[5] Michael Bird / Nathan Schepers: Ausbeutung in der Tech-Branche: Giga-Geschäft außer Kontrolle, taz 22.5.2025

[6] Serie Transformation VII: In Einzelteilen um die Welt, Der Spiegel 6.8.2022

[7] Apple: 2001 Annual Progress Report 2021, Seite 7

[8] Apple setzt auf deutsche Präzisionsrbeit, FAZ 17.5.2023

[9] Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, 4. ergänzte Auflage Köln 2024, Seite 275ff.; das Buch ist auch in englischer, französischer, italienischer, russischer und chinesischer Ausgabe verfügbar.

[10] Apple zieht weiter nach Asien. Indien und Thailand als Gegengewicht zu China, FAZ 14.4.2023

[11] Felix Lill: Schandflecken auf Mikrochips. Deutsche Autokonzerne beziehen Halbleiter zum großen Teil aus Taiwan, Amnesty Journal 1/2026

[12] Werkbank Asien: „Traditionelle Sklaven wurden besser behandelt“. Die Foxconn-Produktion für Apple in Indien, Interview mit Werner Rügemer, Deutsche Wirtschafts-Nachrichten 29.6.2024

[13] Werner Rügemer: Arbeit und Kapital – und gaanz viel Kultur dazwischen, nachdenkseiten.de 12.2.2024

[14] https://kyivpost.com 20.01.2023

[15] Art of the (peace) deal: Ukraine teases $800 billion economic peace plan to keep Trump on side, The Kyiv Independent 08.01.2026

[16] Werner Rügemer: Imperium EU: ArbeitsUnrecht, Krise, neue Gegenwehr. Köln 2020; englisch: Imperium EU: Labor Injustice, Crisis, new Resistances, Hamburg 2022

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Der Autor:

Werner Rügemer, * 1941, Dr. phil., Publizist und interventionistischer Philosoph. Er veröffentlicht seit den 1980er Jahren zum politisch-moralischen Verfall der US-Gesellschaft, zum extremen Gegensatz von Arm und Reich, zur Verflechtung von Militär, Geheimdiensten und Hightech, zu Umweltzerstörung und Gesundheitsschäden für die migrantischen Niedrigstlöhner.

Entnommen vom Gewerkschaftsforum in Dortmund
https://gewerkschaftsforum.de/modernisierte-sklavenarbeit-millionenfach-global/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Haltung zeigen! Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft weltweit – Demo 17.1.2026

zum 16. Mal findet kommenden Samstag die „widerständige“ Demo „Wir haben es satt“ statt.

Samstag, 17.01.26 | 12 Uhr | Brandenburger Tor| Berlin

Nach der LL Demo hoffentlich auch dieses Jahr wieder ein weiterer erfrischender antikapitalistischer -sozial, ökologisch, internationalistischer – Aufschlag im Januar!

Das agrarindustrielle System wälzt seine wahren Kosten auf die gesamte Gesellschaft ab. Eine bäuerliche, agrarökologische Landwirtschaft ist der „gemeinwohlorientierte“ Gegenentwurf. Sie wäre die Grundlage für ein umweltverträgliches, gerechtes und krisenfestes Ernährungssystem, das uns alle und zukünftige Generationen sicher mit gesunden Lebensmitteln versorgen kann – ohne Tieren, Umwelt und Klima zu schaden.

Über eine Milliarde Kleinbäuer:innen sorgen weltweit für die Ernährung der Menschheit. Sie ächzen unter der Knute der Agrarindustrie und der großen Chemie- und Handelskonzerne. Gleichzeitig leidet ihre Landwirtschaft unter Kriegen, Umweltkattrastrophen sowie Landraub und gezielter Zerstörung traditioneller ertragreicher Agrarkulturen (wie zum Beispiel in Palästina).

Aber nicht nur die Kleinbäuer:innen werden erschüttert. Auch wir, die Verbraucher:innen in den großen Industrieländern, die im öffentlichen Dienst und der Industrie arbeitenden Menschen, werden von den Großkonzernen geschröpft und mit ungesunden Lebensmitteln überschütttet. Eine Fastfood Ernährungskultur drückt die Krankheitskosten nach oben und die Lebenserwartungen nach unten. Die ökologischen Folgen fallen schleichend über uns her und sind in ihrer Langzeitwirkung verheerend.

Die Lebensmittelpreise sind in Deutschland seit 2020 um bis 35 Prozent gestiegen, weitgehend sockelwirksam. Das trifft vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, die prozentual mehr von ihrem Geld für Essen ausgeben müssen. Die Löhne und Gehälter der aktuell sich im Tarifkampf befindenden Kolleg:innen von Verdi und GEW aus den Länderverwaltungen und den Bildungsbereichen sind im gleichen Zeitraum lediglich um ca. 6 bis 7 Prozent gestiegen. In anderen Tarifbranchen sieht es kaum viel besser aus. Wenig bis gar nichts haben von den Preissteigerungen die eigentlichen Produzenten, vor allem die Kleinbäuer:innen. Letztere erhalten nicht einmal kostendeckende Preise für ihre Produkte. Jedes Jahr müssen allein in Deutschland rund 2.600 landwirtschaftliche Höfe dicht machen.

Es ist eine große Lügengeschichte, dass nachhaltige ökoloisch verträgliche Landwirtschaft mit möglichst großer Direktvermarktung für uns Endverbraucher teurer wäre und keine Versorgungssicherheit bieten würde. Das Gegenteil ist der Fall. Landarbeiter:innen und Kleinbäuer:innen haben diametral entgegengesetzte Interessen zu Großagrariern. Schliessen wir uns gegen die Agrarindustrie und deren Lobby zusammen!

Aufruf zur 16. „Wir haben es satt!“-Demo am 17.01.2026

Haltung zeigen! Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft weltweit!

Wir leben in einem System, in dem die Agrarindustrie profitiert, während die bäuerliche und ökologische Landwirtschaft verliert.  

Auf der einen Seite stehen Milliarden-Gewinne von Agrochemiekonzernen, Patente auf Saatgut und Investor*innen, die mit Ackerland spekulieren. Der Umbau der Tierhaltung stockt – und es gibt keine verpflichtende und umfassende Haltungskennzeichnung, obwohl sich die meisten Menschen für mehr Transparenz aussprechen. Die industrialisierte Tierhaltung heizt wiederum die Klimakrise weiter an: Das aktuelle Ernährungssystem ist weltweit für mehr als ein Drittel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zugleich setzt die Agrarindustrie auf Gentechnik und vereinfachte Pestizidzulassungen – und gefährdet damit unsere natürlichen Lebensgrundlagen.

uf der anderen Seite stehen Bäuer*innen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, weil Lebensmittelindustrie und Einzelhandel die Preise diktieren. Das Höfesterben hält ungehindert an: Jedes Jahr schließen rund 2.600 landwirtschaftliche Betriebe. Ähnlich dramatisch ist die Situation im Lebensmittelhandwerk, etwa für Bäckereien. Gleichzeitig kosten Lebensmittel in Deutschland heute etwa 30 Prozent mehr als 2021. Millionen Menschen können sich kein gesundes Essen leisten, und die Schlangen vor den Tafeln werden immer länger. Weltweit können sich 2,3 Milliarden Menschen nicht ausreichend ernähren – und mehr als 670 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger.

Dieses System schadet Mensch, Tier und Natur – und treibt die Klimakrise voran.

UND WAS MACHT DIE BUNDESREGIERUNG?

Sie knickt ein vor den Interessen der Agrarkonzerne. Sie streicht die Förderung für den Umbau von Ställen und die höheren Kosten von besserer Tierhaltung. Gleichzeitig verschleppt sie die Einführung eines staatlichen Kennzeichens für tierische Produkte. So verhindert sie Transparenz für Verbraucher*innen und Planungssicherheit für landwirtschaftliche Betriebe – während weiterhin massenhaft minderwertiges Fleisch produziert wird und Tiere darunter enorm leiden.

Sie beugt sich dem Willen der Industrie- und Chemie-Lobby. Sie opfert den Schutz unseres Trinkwassers im Hauruckverfahren, indem sie Regelungen abschafft, die der Überdüngung unserer Böden vorbeugen sollen. Wenn sie von Bürokratieabbau und Wettbewerbsfähigkeit spricht, meint sie den Abbau von Klima-, Umwelt- und Tierschutz – und schaut zu, wenn notwendige Fördergelder in der EU-Agrarpolitik zusammengestrichen werden.

Sie duckt sich weg, wenn es um wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung des Hungers weltweit geht. Stattdessen kürzt sie das Geld für Entwicklungszusammenarbeit und bleibt untätig, wenn Menschen der Zugang zu Land und Nahrungsmitteln verwehrt wird. Gleichzeitig setzt sie sich für bilaterale Handelsabkommen wie das EU-Mercosur-Abkommen ein, das Abholzung, Ausbeutung und Umweltzerstörung in Ländern des Globalen Südens bedeutet.

Das haben wir satt!

Jetzt müssen Landwirtschaftsminister Rainer und die Bundesregierung HALTUNG ZEIGEN!

Wir fordern:

  • Bauernhöfe statt Agrarindustrie! Agrarförderung nur noch für bäuerliche und ökologischere Betriebe – nicht für Tierfabriken und Agrarkonzerne.
  • Transparenz statt Täuschung! Kennzeichnung von Haltungsbedingungen und Gentechnik – auf allen Lebensmitteln, ob im Handel oder in der Außer-Haus-Verpflegung.
  • Klima-, Umwelt- und Tierschutz statt Lobbyinteressen! Kein Rückbau von Standards, sondern Investitionen in eine zukunftsfähige Landwirtschaft.
  • Gerechtigkeit statt Konzernmacht! Faire Preise für Verbraucher*innen und Erzeuger*innen – Stopp des Preisdiktats durch den Lebensmitteleinzelhandel.
  • Solidarität statt Spaltung! Mehr Geld für Entwicklungszusammenarbeit und die Überwindung des Hungers – für eine sozial gerechte Agrarwende weltweit.

Gemeinsam gehen wir auf die Straße!

Bäuer*innen und Verbraucher*innen, Stadt und Land, bio und konventionell, Tierhalter*innen und Veganer*innen. Kommt zur „Wir haben es satt!“-Demo!

Samstag, 17.01.26 | 12 Uhr | Brandenburger Tor| Berlin

Titelbild: Bündnis WHES Demo

New York: „Schützen wir unsere Nachbarn vor ICE!“

Eine besondere Art von Weihnachtsgeschichte, ein Netzwerk von Nächstenliebe, die sich Solidarität von „denen da unten“ nennt.

Inzwischen sollen es 66 000 von ICE gesetzte Migrat:innen sein, die dieses Jahr Weihnachten im Knast verbringen! 

17.12.25 – Marina Serina, Pressenza

Gerade hat es aufgehört zu schneien. Das ist die schönste Zeit in der Stadt, wenn die Schneedecke noch unberührt ist und wir Fußgänger den Spuren der anderen folgen. Eingehüllt ins eisige Weiße durchqueren wir den kleinen Park unseres Viertels, um zum Eingang der U-Bahn zu gelangen. Dort steht eine kleine, warm eingepackte und lächelnde ältere Dame. Sie bietet eine durchsichtige Plastiktüte an, die einen Informationsflyer und eine Pfeife enthält, und sagt zu allen: „Schützen wir unsere Nachbarn vor ICE!” Der Klang ist derselbe – ICE –, aber er bezieht sich nicht auf gefährliche Eiszapfen, sondern auf etwas viel Tödlicheres: die Immigration and Customs Enforcement (ICE), die berüchtigte Einwanderungsbehörde, die seit Trumps Amtsantritt für Angst und Schrecken in den amerikanischen Städten sorgt.

Der Flyer ist ein regelrechtes Mini-Handbuch mit Anweisungen. Er erklärt, wie man einen ICE-Beamten erkennt und wie man sich verhalten soll. Am wichtigsten ist es, bereit zu sein, Informationen zu sammeln. Wie viele es sind. Was sie tun. Wohin und in welche Richtung sie sich bewegen. Wie sie gekleidet sind. Ob sie Sturmhauben und kugelsichere Westen tragen. Zeitpunkt der Sichtung. Welche Ausrüstung sie mit sich führen (Waffen, Handschellen, Schlagstöcke usw.). Wenn man in Sicherheit ist, das heisst wenn sie einen nicht sehen, sollten Fotos und Videos gemacht werden. Leiten Sie die gesammelten Daten schließlich an das Netzwerk des Viertels weiter (die Nummer der Hotline des Netzwerks ist angegeben).

Der Abschnitt über die Pfeife ist wirklich rührend und hätte einen Platz im Dadaismus-Museum verdient, gäbe es eines. Er erläutert zwei Codes.

Code Nummer 1: „bwii! bwii! bwii!” Wiederholtes Pfeifen bedeutet, dass der ICE in der Gegend gesichtet wurde und man wachsam sein sollte.

Code Nr. 2: „bwiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii !!! Ein lautes und anhaltendes Pfeifen bedeutet, dass der ICE eine Festnahme durchführt. Es herrscht höchste Alarmstufe und der Rechtsdienst ist bereit, aktiviert zu werden. Die Nummer ist natürlich im Handbuch angegeben.

Wie ich nehmen auch die anderen Passanten das Anti-ICE-Kit begeistert entgegen. Ich frage mich, ob wir jemals die Gelegenheit und die Gelassenheit haben werden, es zu benutzen. Ich weiß es nicht. Ich verhehle nicht, dass ich gerne dabei wäre, wenn es einer Gruppe von Bürgern, bewaffnet mit Trillerpfeifen, gelingt, die Schläger des ICE zu überlisten und ihre Nachbarn, Geschäfte und Straßen zu schützen. Denn das sind die Opfer des ICE: der freundliche Herr, der dich grüßt, während er das Laub zusammenharkt, die Dame, die die Haustreppen reinigt und netterweise dein Paket annimmt, während du im Urlaub bist, das Mädchen, das in deiner Lieblingsgaststätte bedient, der Junge, der dir in der Cocktailbar an der Ecke den perfekten Margarita mixt, der Junge, der dir deine Einkäufe nach Hause bringt, die Mutter des neuen Freundes deines Sohnes und so weiter – Männer, Frauen, Familien, die Millionen anderen gleichen und sich unter sie mischen; Menschen, die seit einem Jahr in Angst leben, als illegale Migranten entdeckt zu werden.

Mir ist bewusst, dass die Anti-Einwanderungspropaganda in Italien und anderswo behauptet, die Vereinigten Staaten seien aufgrund der Nachlässigkeit der Demokraten – die zwar nachlässig und träge sind, aber aus anderen Gründen – von Millionen Einwanderern überflutet worden, die selbstverständlich alle hässlich, schmutzig und böse sind. Und dass die Trump-Regierung endlich das tut, was auch wir tun sollten: Sie in ihre Heimat zurückschicken. Schade nur, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, denn dies ist ihre Heimat. Viele der von der ICE Verfolgten leben seit dreißig oder vierzig Jahren dauerhaft in den Vereinigten Staaten. Sie arbeiten, verdienen Geld, zahlen Steuern, mieten Häuser, fahren Auto, besitzen Bankkonten und schicken ihre (amerikanischen) Kinder zur Schule. Verstehen Sie also, was es bedeutet, wenn die ältere Dame sagt: „Schützen wir unsere Nachbarn”?

Vielleicht fragen sich einige Leser:innen, warum diese Menschen sich nicht legal niederlassen. In Italien finden viele Illegale eine Arbeit mit Vertrag und beginnen einen mühsamen, langen und schwierigen Weg der Legalisierung. Dieser führt im Laufe der Zeit – und leider nur für wenige – zur Einbürgerung, wenn sie ihre Zukunft im Belpaese aufbauen wollen. In den Vereinigten Staaten ist das nicht der Fall. Vielleicht ist es ein puritanisches Erbe, aber wer sein Einreisevisum hat ablaufen lassen, kann sich nicht rehabilitieren, sondern muss das Land verlassen. Es gibt jedoch einen legalen Weg, um den Einwanderungsprozess von vorne zu beginnen: sich zum Militärdienst melden! Entweder du selbst als Illegaler oder dein Sohn bzw. deine Tochter können diesen Weg wählen, sobald sie volljährig sind. Sie können für ein Vaterland sterben, das sie nicht will.

Ich glaube nicht, dass ich jemals die Genugtuung erleben werde, die ICE-Beamten auf dem Feld in die Flucht zu schlagen. Ich weiß, dass die Jagd auf Illegale im Fernsehen und in den Boulevardzeitungen weiterhin als gerecht und notwendig dargestellt wird. Aber ich weiß auch, dass es eine neue, wache Menschheit gibt, die von Tag zu Tag wächst. Sie organisiert sich still und leise, um Widerstand zu leisten, sich gegenseitig zu helfen und ihre schwächsten sowie in Not geratenen Mitglieder zu unterstützen. Ich weiß auch, dass das Phänomen der gegen die ICE aufbegehrenden Stadtviertel keine Ausnahme in Brooklyn und New York City ist, weil Zohran Mamdani zum Bürgermeister gewählt wurde, sondern sich wie ein Lauffeuer in den wichtigsten Städten des Landes ausbreitet. In Südkalifornien, das von der ICE und sogar von der Nationalgarde schikaniert wird, haben sich Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern angewöhnt, sich vor großen Kaufhäusern wie Office Depot, Target usw. zu versammeln. So haben sie, wenn die ICE gesichtet wird, Zeit, die Mitarbeitenden im Laden zu warnen.

Not macht erfinderisch, Not lässt Gemeinschaft entstehen und schweißt sie zusammen. Es spielt keine Rolle, ob wir jemals die Gelegenheit haben werden, die Pfeife zu benutzen. Wahrscheinlich werden wir weiterhin machtlos gegenüber den Übergriffen der ICE sein. Aber wir wissen, dass dies nicht für immer so sein wird. Allein der Besitz dieser Pfeife und ihre Mitführung in der Hand- oder Hosentasche bedeutet die Möglichkeit der Befreiung einer ganzen sozialen Gruppe, ja sogar mehr: der menschlichen Gemeinschaft, die ihrem Namen alle Ehre macht, die sich gegen Barbarei auflehnt und sich gegen diejenigen wehrt, die uns in eine primitive und brutale Gesellschaft zurückversetzen wollen.

Die Übersetzung aus dem Italienischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

Der Beitrag von Marina Serina, Pressenza ist 17.12.2025 erschienen. Wir danken für das Publikationsrecht.

Fotos: aus Pressenza

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