Quartalsprognosen sind Fakten, Umweltschäden Ideologie

Wissenschaftliche Fakten zu Umweltschäden zu nennen, gilt als ideologisch. Zahlen sind nur als Renditeprognosen erwünscht, sagt Melanie Jäger-Erben.

08me-29072026-tschüss jaeger eben

Es gibt einen Satz, den ich als Vertreterin sozial-ökologischer Forschung sehr oft höre: »Das ist mir jetzt zu ideologisch, wir wollen doch lieber bei den Fakten bleiben.« Gemeint sind dann aber nicht wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen klimaschädlichen Wirtschaftens oder fehlender Investitionen in Daseinsvorsorge und Bildung, sondern Quartalszahlen, messbare Wettbewerbsvorteile oder Exportraten.

Es ist eine eigentümliche Art von Faktenliebe: Zahlen gelten nur dann als seriös, wenn sie sich in Umsatz, Rendite oder Standortlogik übersetzen lassen. Alles andere, wie die Zunahme beschädigter Böden, bröckelnde Infrastrukturen, wachsende Ungleichheit und Einsamkeit, wird dann plötzlich zur Meinung, zum Aktivismus, zur Ideologie. Als müsste Wissenschaft erst den Segen der Bilanzbuchhaltung erhalten, bevor sie als realitätsnah gelten darf.

Melanie Jaeger-Erben

Prof. Melanie Jaeger-Erben lehrt Technik- und Umweltsoziologie an der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg.

Dabei sind oft diejenigen ideologisch, die sich am unpolitischsten geben. Denn neoliberale und konservative Politiken naturalisieren ein bestimmtes Ordnungsmuster: Wettbewerb statt Kooperation, Verwertung statt Vorsorge, Marktlogik statt Gemeinwohl, Hierarchie statt Teilhabe. Diese Ordnung wird als »normal« ausgegeben, ist aber nicht weniger ideologisch als sozial-ökologische Positionen, sondern nur besser als Sachzwang getarnt.

Die Folgen dieser vermeintlichen Neutralität lassen sich inzwischen täglich besichtigen. Klimapolitische Maßnahmen werden zurückgenommen, weil sie angeblich die Wirtschaft belasten. Förderprogramme für Demokratie und zivilgesellschaftliches Engagement verschwinden, weil der Staat sparen oder sich »neutraler« verhalten müsse. All das wird selten als ideologische Entscheidung bezeichnet. Dabei ist sie nicht nur ideologisch, sondern vor allem auch kurzsichtig. Sie betrachtet politische Entscheidungen wie Quartalsberichte. Was kostet etwas heute? Nicht: Was kostet es morgen, wenn wir es unterlassen? Wer Klimaschutz verzögert, bezahlt Ernteausfälle, Gesundheitskosten und zerstörte Infrastruktur. Wer Demokratieförderung streicht, investiert gleichzeitig in den gesellschaftlichen Nährboden für Radikalisierung, Verschwörungserzählungen und autoritäre Bewegungen.

Ganz nüchtern betrachtet sind sozial-ökologische Logiken viel eher eine Art politischer Neopragmatismus. Ein Pragmatismus, der Entscheidungen nicht nach ihrer Wirkung bis zur nächsten Wahl bewertet, sondern danach, welche Wirkungen sie in fünf, zehn oder dreißig Jahren auslösen. Denn soziale und ökologische Ressourcen sind die Voraussetzung jeder funktionierenden Wirtschaft. Solidarität ist kein moralischer Luxus. Sie ist die Infrastruktur demokratischer Gesellschaften.

Es ist daher müßig, sozial-ökologisch orientierte Argumente ständig gegen den Vorwurf der Ideologie verteidigen zu müssen. Die spannendere Frage lautet ohnehin: Welche Ideologie behauptet eigentlich immer noch, man könne auf einem zerstörten Planeten eine florierende Wirtschaft betreiben? Oder mit wachsender Ungleichheit stabile Demokratien organisieren?

Mit diesen Fragen möchte ich mich mit meiner Kolumne von den »nd«-Leser*innen verabschieden. Ich habe drei Jahre lang gerne meine Gedanken und Beobachtungen auf diesem Wege geteilt und danke »nd« herzlich für diese Möglichkeit. Machen Sie es gut und bleiben Sie kritisch!

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Es gibt einen Satz, den ich als Vertreterin sozial-ökologischer Forschung sehr oft höre: »Das ist mir jetzt zu ideologisch, wir wollen doch lieber bei den Fakten bleiben.« Gemeint sind dann aber nicht wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen klimaschädlichen Wirtschaftens oder fehlender Investitionen in Daseinsvorsorge und Bildung, sondern Quartalszahlen, messbare Wettbewerbsvorteile oder Exportraten.

Es ist eine eigentümliche Art von Faktenliebe: Zahlen gelten nur dann als seriös, wenn sie sich in Umsatz, Rendite oder Standortlogik übersetzen lassen. Alles andere, wie die Zunahme beschädigter Böden, bröckelnde Infrastrukturen, wachsende Ungleichheit und Einsamkeit, wird dann plötzlich zur Meinung, zum Aktivismus, zur Ideologie. Als müsste Wissenschaft erst den Segen der Bilanzbuchhaltung erhalten, bevor sie als realitätsnah gelten darf.

Melanie Jaeger-Erben

Prof. Melanie Jaeger-Erben lehrt Technik- und Umweltsoziologie an der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg.

Dabei sind oft diejenigen ideologisch, die sich am unpolitischsten geben. Denn neoliberale und konservative Politiken naturalisieren ein bestimmtes Ordnungsmuster: Wettbewerb statt Kooperation, Verwertung statt Vorsorge, Marktlogik statt Gemeinwohl, Hierarchie statt Teilhabe. Diese Ordnung wird als »normal« ausgegeben, ist aber nicht weniger ideologisch als sozial-ökologische Positionen, sondern nur besser als Sachzwang getarnt.

Die Folgen dieser vermeintlichen Neutralität lassen sich inzwischen täglich besichtigen. Klimapolitische Maßnahmen werden zurückgenommen, weil sie angeblich die Wirtschaft belasten. Förderprogramme für Demokratie und zivilgesellschaftliches Engagement verschwinden, weil der Staat sparen oder sich »neutraler« verhalten müsse. All das wird selten als ideologische Entscheidung bezeichnet. Dabei ist sie nicht nur ideologisch, sondern vor allem auch kurzsichtig. Sie betrachtet politische Entscheidungen wie Quartalsberichte. Was kostet etwas heute? Nicht: Was kostet es morgen, wenn wir es unterlassen? Wer Klimaschutz verzögert, bezahlt Ernteausfälle, Gesundheitskosten und zerstörte Infrastruktur. Wer Demokratieförderung streicht, investiert gleichzeitig in den gesellschaftlichen Nährboden für Radikalisierung, Verschwörungserzählungen und autoritäre Bewegungen.

Ganz nüchtern betrachtet sind sozial-ökologische Logiken viel eher eine Art politischer Neopragmatismus. Ein Pragmatismus, der Entscheidungen nicht nach ihrer Wirkung bis zur nächsten Wahl bewertet, sondern danach, welche Wirkungen sie in fünf, zehn oder dreißig Jahren auslösen. Denn soziale und ökologische Ressourcen sind die Voraussetzung jeder funktionierenden Wirtschaft. Solidarität ist kein moralischer Luxus. Sie ist die Infrastruktur demokratischer Gesellschaften.

Es ist daher müßig, sozial-ökologisch orientierte Argumente ständig gegen den Vorwurf der Ideologie verteidigen zu müssen. Die spannendere Frage lautet ohnehin: Welche Ideologie behauptet eigentlich immer noch, man könne auf einem zerstörten Planeten eine florierende Wirtschaft betreiben? Oder mit wachsender Ungleichheit stabile Demokratien organisieren?

Mit diesen Fragen möchte ich mich mit meiner Kolumne von den »nd«-Leser*innen verabschieden. Ich habe drei Jahre lang gerne meine Gedanken und Beobachtungen auf diesem Wege geteilt und danke »nd« herzlich für diese Möglichkeit. Machen Sie es gut und bleiben Sie kritisch!

Erstveröffentlicht im nd v. 29.7. 2026
Fakten und Ideologien

Wir danken für das Publikationsrecht.

„Kleine weiße Friedenstaube“ – Erika Schirmer wird 100 Jahre alt

Am 31.07.2026 wird Erika Schirmer 100 Jahre alt und sie wird diesen Tag nutzen, die 100 Jahre Revue passieren zu lassen.

Aus ihrer Feder stammt das bekannteste und beliebteste ( bis heute in vielen Varianten gespielte) Kinder- und Friedenslied: "Kleine weiße Friedenstaube"

Dieses Lied entstand 1949 in Nordhausen. Damals war Erika Schirmer Kindergärterin. Und es gab ein Plakat zum Pariser Weltfriedenskongress 1949, auf dem eine Zeichnung von Pablo Picasso zu sehen war, einer Taube. Und aus diese Taube wurde später die berühmte Friedenstaube.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf“Widerstaendig.de“ veröffentlicht.

Gesundheit ist ein Menschenrecht« – aber wer zahlt dafür?

Arztmobil und Stadtambulanz versorgen täglich Wohnungslose in Berlin – doch die Finanzierung der wichtigen Arbeit steht auf wackligen Beinen.

Von David Rojas Kienzle

Titelbild: Caritas Berlin

Eigentlich findet in der Levetzowstraße im Berliner Stadtteil Moabit eine Presseveranstaltung der Berliner Caritas und der Berliner Stadtmission statt. Die beiden Organisationen stellen die Arbeit des Arztmobils und der mobilen Straßenambulanz vor und bekommen feierlich eine Spende über 21 000 Euro des Pharmaunternehmens Bayer übergeben. Aber einer der Experten für die Arbeit ist kurzzeitig nicht ansprechbar. Ein Mann benötigt Unterstützung und Olaf Schüßler, Leiter des Caritas-Arztmobils, überprüft seinen Blutzucker, während der Rest der Anwesenden Interviews gibt.

Die Konsultation ist eine von 1800, die das Arztmobil der Caritas jedes Jahr macht. Der Kleinbus ist an vier Tagen die Woche unterwegs und bietet an verschiedenen Orten der Stadt medizinische Versorgung an, vor allem für Obdachlose. »Wir machen keine Notfallmedizin«, erklärt Schüßler gegenüber »nd« im Gespräch. Das Arztmobil bietet hausärztliche Versorgung für Menschen, die es selber nicht in eine Praxis schaffen oder keine Krankenversicherung haben. Der niedrigschwellige Zugang ist zentral in der Arbeit. Patient*innen dürfen in allen Zuständen kommen. »Und wenn sie uns mal anbrüllen, dann ist das eben so«, sagt Schüßler. »Man braucht manchmal ein dickes Fell, aber wir sind eben alle Überzeugungstäter.«

Schüßler selbst ist kein Arzt, sondern Sozialarbeiter und Rettungssanitäter. Aber bei den Fahrten sind immer ausgebildete Mediziner*innen dabei – alle ehrenamtlich. Angestellt sind für die Arbeit Sozialarbeiter*innen und »wirklich überzeugte Krankenschwestern«, wie Schüßler sagt. Neben der medizinischen Versorgung – oft geht es dabei um normale Probleme, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemwegserkrankungen, sehr häufig aber auch um Wundversorgung – können die Sozialarbeiter*innen über die Arbeit mit dem Mobil eine Beziehung zu den wohnungslosen Menschen aufbauen. »Das ist eine sehr intime Arbeit. Das bedeutet, dass wir einen Zugang haben, den andere Sozialarbeitende nicht haben«, sagt Schüßler. Das sei die Basis, um die Menschen wieder ins Regelsystem zu bringen.

Dass die mobile ärztliche Versorgung ein wichtiger Teil der Unterstützungsarbeit für Wohnungslose ist, bestätigt auch Elfriede Brüning gegenüber »nd«. Sie leitet die Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose von der Berliner Stadtmission und der Caritas. Soziale Arbeit komme bei Wohnungslosen oft nicht so gut an. Deswegen sei der andere Zugang so wichtig. Mindestens genauso wichtig: Mit den mobilen Angeboten können Menschen erreicht werden, die es sonst nicht zu Beratungsstellen schaffen. »Wir bekommen öfters Anrufe von Bürger*innen, die wahrnehmen, dass Menschen auf der Straße Hilfe benötigen«, sagt Brüning. Dann könne man die mobilen Teams zu den Menschen schicken.

Erstveröffentlicht im nd v. 28.7. 2026
Gesundheit – aber wer zahlt dafür

Wir danken für das Publikationsrecht.

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