Kopfüber in den Krieg – Gegen Rüstungswahn und mediale Mobilmachung – Rosa Luxemburg Konferenz 2026

Binnen drei Jahren – bis 2029 – soll die BRD »kriegstüchtig« werden, verlangt die deutsche Regierung. Die Ziele sind Russland und die Volksrepublik China. Denn die imperialistische Logik ist an eine Fressgrenze gestoßen: Ohne großen Umverteilungskrieg droht dem Westen ein Hegemonieverlust, denn die Länder der sogenannten Dritten Welt und die BRICS-Staaten nehmen die Vorgaben aus den USA und aus der EU nicht mehr einfach so hin. Dies aber würde den dritten Weltkrieg bedeuten – mit unabsehbaren und katastrophalen Folgen. Die Kriegsertüchtigung der Völker des Westens läuft auf vielen Ebenen – durch soziale Umverteilung in Rüstungsproduktion, durch Hetze und Dämonisierung ausgemachter »Feinde«. Die 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz will schlaglichtartig beleuchten, was das in verschiedenen Ländern bedeutet. Und auch aufzeigen, wie Gegenwehr aussehen kann – durch alternative Medienarbeit, gewerkschaftliche Proteste und zivilgesellschaftlichen Ungehorsam. Die Dinge laufen nicht reibungslos für die Herrschenden. Fallen wir ihnen bei ihren militaristischen Vorbereitungen in den Arm – keinen Menschen und keinen Cent für den dritten Weltkrieg!

Rosa Luxemburg Konferenz 2026

10. Januar 2026 , ab 9:30 bis 20:00 Programm – anschliesend Fete
Wilhlem Studios, Kopenhagenerstr. 60-68, 13407 Berlin

Gesamtmoderation:
Gina Pietsch (Schauspielerin, Sängerin)

Kulturprogramm

»Rumpelkinder – Schmuddelstilzchen«: Andreas Rebers singt Franz J. Degenhardt – mit den Gitarristen André Matov und Samuel Halscheidt

Lamis Ammar (Palästina) Solostück »Mein bedrohliches Gedicht« – autobiographische Aufarbeitung der Inhaftierung der palästinensischen Lyrikerin Dareen Tatour

Jugendpodium
»Nein zur Wehrpflicht!«
Die Militarisierung macht auch vor der Jugend nicht halt: Sie soll mit der Wehrpflicht in die Kasernen gezwungen werden. Vertreter verschiedener Jugendorganisationen diskutieren: Warum soll die Wehrpflicht wieder eingeführt werden? Und vor allem: Wie können wir uns gemeinsam dagegen wehren? Es geht um Aktionen, Zusammenarbeit und klare Kante gegen Wehrpflicht, Militarisierung und Krieg!

Markt der Möglichkeiten
Auf der Konferenz stellen sich linke Gruppen, Verlage und Organisationen vor.

Ab 9.30 Uhr Einlass

Ab 10.30 Uhr Eröffnungskonzert von »Kontrast«

Ab 11 Uhr Vorträge

Wiederbewaffnung und Kriegswirtschaft: Die Rolle einer klassenorientierten Gewerkschaft
Cinzia Della Porta (Italien) Gewerkschafterin

Die Epochenkrise des westlichen Kapitalismus und die politischen Folgen in der BRD
Jörg Goldberg (BRD) Wirtschaftswissenschaftler

Stehen die USA vor einem Bürgerkrieg?
Robert Saleem Holbrook (USA) Direktor des Abolitionist Law Center

Welche Rolle spielen die Medien bei der Militarisierung der Gesellschaft?
Irene Zugasti Hervás (Spanien) Politikwissenschaftlerin und Journalistin
Mit Videobotschaft von Pablo Iglesias (Spanien) Journalist bei Canal Red und Diario Red

Kubas Stellung und Perspektiven in einer multipolaren Welt
Referent(in) aus Kuba

Isreals Krieg gegen die Palästinenser
Francesca Albanese (UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas)

Grußbotschaft von Mumia Abu-Jamal (USA), Autor, politischer Gefangener, eingeleitet durch Noelle Hanrahan (USA), Gründerin von Prison Radio

18.30 Uhr Podiumsdiskussion
Butter statt Kanonen: Was tun gegen Aufrüstung, Militarisierung und Kriegsgefahr?

Der deutsche Staat verordnet sich ein gigantisches Aufrüstungsprogramm, steigert zu diesem Zweck seine Verbindlichkeiten auf dem Anleihenmarkt und kündigt jetzt schon an, wo zugunsten von Tötungsgerät die Mittel zur Unterstützung der Lebenserhaltung zusammengestrichen werden sollen. Kaum regt sich dagegen bisher gesellschaftlicher Widerstand, obwohl die Bevölkerung dieses Landes kein Interesse an Einschnitten in den Sozialstaat und einer dramatisch erhöhten Kriegsgefahr haben kann. Wir wollen diskutieren, warum das so ist und was dagegen unternommen werden kann.
Mit:
Jan Dieren (MdB, SPD)
Tatjana Sambale (DKP-Parteivorstand)
Yusuf As (DIDF)
Nadja Rakowitz (Verein demokratischer Ärzt*innen)
Ulrich Thoden (verteidigungspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag)
Moderation: Daniel Bratanovic, Chefredaktion junge Welt

Es gibt Grund zur Hoffnung, aktuell zum Neuen Jahr "Schiesst sie auf den Mond - Eindrücke zum Jahreswechsel" 

Manifestation Internationale Solidarität

M&R-Kulturpodium mit Jake Romm:
Die Hind Rajab Foundation im Kampf gegen die Rechtlosigkeit der kolonialen Weltordnung. Investigation zu den Tätern, Methoden und Kalkülen des israelischen Genozids in Gaza.
Susann Witt-Stahl (Chefredakteurin M&R) im Gespräch mit Jake Romm (Repräsentant der Hind Rajab Foundation in den USA, Menschenrechtsanwalt und Autor)

20 Uhr Abschluss
Gemeinsames Singen der Internationale

Im Anschluss (20 Bis 22 Uhr)

Fete in der Casa Cuba

Es wird während der Konferenz eine kostenlose Kinderbetreuung angeboten.

Zum Programm, Aktuelles, hier kannst Du Dein Ticket besorgen!

„Die EU verhält sich, als wäre das Einschüchtern der eigenen Bevölkerung ein Ersatz für eine Strategie“

Von FLORIAN RÖTZER

Bild: Dnipro nach einem russischen Angriff am 15.1.2023. Bild: adm.dp.gov.ua/CC BY-4.0

In einem sehr lesenswerten Beitrag des US-online-Magazins TTS befasst sich Jan Olberg mit der in diesem Monat gehaltenen Rede des NATO-Generalsekretäts Mark Rutte, die in den westlichen Medien als großer Weckruf gefeiert wurde. Oberg schreibt: „Die „rote Bedrohung“ ist keine Beschreibung der tatsächlichen Macht Russlands. Die NATO bleibt technologisch überlegen, weit reicher und expansiver als Russland. Doch Rutte besteht darauf, dass die NATO fragil, verwundbar, von der Vernichtung bedroht ist. Diese Umkehrung der Realität ist das Markenzeichen des absurden Theaters: Der stärkere Akteur spielt das Opfer, der schwächere wird als allmächtiger Aggressor dargestellt. Die rote Bedrohung ist ein Bühnengerät, eine Requisite, die die Liturgie der Angst aufrechterhält.“ Für alle, die noch auf ihre eigenen fünf Sinne vertrauen und sich nicht durch das Schüren der Angst kopfscheu machen lassen, ist klar, dass die NATO-Erzählungen völlig an den Realitäten vorbei gehen. Es ist sogar davon auszugehen, dass viele der gerne zitierten „Experten“ nicht mal selber daran glauben. Es geht um die politische Beeinflussung der Bevölkerung im Sinne der Ziele der maßgebenden Eliten. Weil nun dieses Medientheater immer durchsichtiger wird, ist es nicht verwunderlich, wenn nun aus dem Lager westlicher Politik einige davor warnen nicht völlig abzudrehen. Florian Rötzer hat in seinem Artikel solche Warnrufe zum Thema gemacht. (Jochen Gester)

https://thetransnational.substack.com/p/nato-ruttes-berlin-speech-not-about?utm_source=multiple-personal-recommendations-email&utm_medium=email&triedRedirect=true

Tulsi Gabbard, die Direktorin des amerikanischen Geheimdienstes, hat kürzlich dem in der EU kursierenden Narrativ widersprochen, dass Russland, wenn die Ukraine eine Niederlage erleidet, weiter in die EU bzw. die Nato vorrücken würde. Putin wolle, so wird das Narrativ begründet, die Sowjetunion wiederherstellen. Also muss in erster Linie die Ukraine mlitärisch unterstützt werden, um Russland weiter zu beschäftigen und wenn möglich zu schwächen, während man, derart geschützt durch die Ukrainer, die an der Front und im Hinterland sterben, schnellstmöglich aufrüsten muss (Angst vor russischem Angriff kann zu selbsterfüllender Prophezeiung werden).

Gabbard, die bis 2022 demokratische Abgeordnete im Repräsentantenhaus war, wegen kriegstreiberischer Politik aus der Partei austrat und zu Trump wechselte, erklärte, nach den US-Geheimdiensten sei Russland weder in der Lage, die Ukraine zu erobern, noch Europa zu überfallen oder gar zu besetzen. Dazu habe Russland nicht die militärischen Kapazitäten, was eigentlich jedem klar sein sollte, der Kreml würde daher einen größeren Konflikt mit der EU vermeiden wollen. Europäische Politiker und Medien würden Desinformation über angebliche russische Ziele verbreiten, die den Konflikt eskalieren und Trumps Friedensbemühungen untergraben wollen.

Gabbard hat sich bislang als treue Trump-Anhängerin gezeigt, bekannt ist nicht, dass sie größere Schwierigkeiten mit den Geheimdiensten hat. Natürlich könnte man vermuten, dass sie Trumps Versuch, ein Friedensabkommen im russisch-ukrainischen Krieg zu bewirken, schützen will, ebenso Trumps Interessen, mit dem Rohstoff reichen Russland wirtschaftliche Beziehungen aufzunehmen. Aber unvoreingenommenen Beobachtern ist klar, dass Russlands Militär noch lange nach einem Friedensabkommen in den besetzten/annektierten Regionen beschäftigt sein wird und nicht die Möglichkeiten besitzt, EU- oder Nato-Länder anzugreifen oder gar zu besetzen. So verrückt und besessen dürfte Putin nicht sein, der vermutlich vor allem daran interessiert ist, die geopolitische Sicherheit Russlands vor Angriffen zu gewährleisten, wie das die USA auch mit der Trumpdoktrin für das „Hinterland“ und dem „Golden Dome“ verfolgen.

„Statt Realismus – moralische Panik“

Der frühere polnische Ministerpräsident Leszek Miller (2001-2004), ein Sozialdemokrat, der Polen in die EU brachte und als Teil des „Neuen Europas“ unter US-Führung am Irak-Krieg teilnehmen ließ, hat in einem längeren Facebook-Posting die Aussage von Gabbard aufgegriffen und bestätigt. Die „vorherrschende westliche Erzählung“ basiere darauf, dass Putin weitermachen werde; „Diese Erzählung ist politisch bequem, weil sie die Debatte beendet, die Wähler diszipliniert und jede Entscheidung rechtfertigt. Nur ist sie als strategische Analyse einfach lächerlich. Putin kann man vieles nennen: Verbrecher, Diktator, Schurke, aber sicherlich kein Selbstmörder. Ein Staat, der mühsam Krieg gegen die Ukraine führt und dabei enorme Verluste erleidet, bereitet sich nicht auf eine frontale Konfrontation mit der NATO vor – einem Bündnis, das militärisch und wirtschaftlich um ein Vielfaches stärker ist.“

Eine ähnliche Einschätzung werde vom finnischen Regierungschef Alexander Stubb vertreten: „Finnland, das gerade der NATO beigetreten ist, baut seine Strategie nicht auf der These einer unvermeidlichen russischen Invasion des Westens auf, sondern auf Abschreckung, Widerstandsfähigkeit und kühler Berechnung. Ohne Hysterie. Ohne apokalyptische Visionen eines Marsches auf Helsinki oder Warschau.“ Auf Ungarn, auch auf Tschechien und die Slowakei, verweist er nicht.

Miller geißelt die EU und die EU-Regierungen, die das Narrativ von Russland verbreiten, das praktisch schon vor der Tür steht, um die Einheit der EU gegen Russland (und Trump) zu wahren, den Krieg in der Ukraine fortzusetzen und eine angstgetriebene Aufrüstung durchzusetzen. Miller geht mit Gabbard und Stubb davon aus, dass Russland sich nicht auf einen Angriff auf Europa vorbereitet und schreibt: „Vor diesem Hintergrund wirkt die EU-Führung immer grotesker. Statt Realismus – moralische Panik. Statt Analyse der Fähigkeiten – Eskalation der Rhetorik. Statt Politik – Mitteilungen, die so geschrieben sind, als würde Europa morgen Opfer eines Blitzkriegs werden. Die Europäische Union verhält sich, als wäre das Einschüchtern der eigenen Bevölkerung ein Ersatz für eine Strategie. Das Ergebnis? Lächerlichkeit. Denn je lauter die These von einem unvermeidlichen Angriff auf Polen und den Westen wiederholt wird, desto deutlicher wird ihre intellektuelle Leere.“

Gabbards Stellungnahme sei nicht pro-russisch, sie wende sich gegen Illusionen, meint Miller. Sicherheitspolitik würde nicht darin bestehen, „Angst zu schüren, sondern die Fakten nüchtern zu bewerten. Und die Fakten sind, dass Russland gefährlich ist – aber nicht allmächtig. Und dass der Westen, der selbst nicht an seine eigenen Narrative glaubt, nicht mehr wie ein Stratege klingt, sondern wie ein schlechter Propagandist.“

Tatsächlich wäre es höchste Zeit für die europäischen Regierungen, anstatt in hysterische Angst vor Putin und Trump zu verfallen bzw. diese zu instrumentalisieren, mit Ruhe strategische Entscheidungen zu treffen, ohne diese mit falscher, nämlich doppelter Moral aufzuladen, die noch dazu im Inneren die Repression fördert, da alles, was dem Narrativ widerspricht, worauf Miller zurecht hinweist, als prorussisch abgeurteilt und nicht als bedenkenswerter Einwand diskutiert wird.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 26.12. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/die-eu-verhaelt-sich-als-waere-das-einschuechtern-der-eigenen-bevoelkerung-ein-ersatz-fuer-eine-strategie/

Wir danken für das Publikationsrecht

Gefangenschaft endet nicht an Gefängnismauern

Die Methoden und Mechanismen zur Unterdrückung, die Zeki Gökhan in seinem Beitrag in Bezug auf die Erfahrungen mit der Türkei beschreibt, wurden und werden vom Zionismus, seinen Vorhutorganisationen und Unterstützern im Zusammenhang mit dem Völkermord in Gaza in perfektester Weise angewendet und hierzulande mithilfe einer deutschen Staatsräson zur „bedingungslosen Unterstützung Israels“ ( Habeck, Scholz) umgesetzt. Die eigentlichen Gefängnismauern breiten sich aus zu einem unsichtbaren Gefängnis. Die subtilen Unterdrückungsmechanismen im Vor- und Umfeld dieser Mauern können dabei wirkungsvoller sein als die Mauern selbst. Man denke an die Bedrohungen, Diffamierungen und Einschüchterungsversuche von Mitgliedern des internationalen Strafgrichtshofes durch den israelischen Geheimdienst.

Wer in Deutschland in den letzten beiden Jahren Israel wegen dessen Völkermord- und Besatzungspolitik grundsätzlich kritisierte oder für das völkerrechtlich verbriefte Widerstandsrecht der Palästinenser:innen eintrat, musste mit den vielfältigsten Repressalien rechnen. Palästinasolidarische Menschen werden bedroht von gesellschaftlicher Ächtung, von Rufmord, durch Verbot von öffentlichen Auftritten, durch Polizeigewalt und Verhaftungen bis zum Verlust von Aufenthaltsrecht und Vernichtung ihrer beruflichen Existenz. Durch ein solches Bedrohungszenario soll der Protest gegen Menschen- und Völkerrechtsverletzungen zermürbt, vor allem aber auch seine Ausbreitung verhindert werden. (Peter Vlatten)

Zeki Gökhan, 24.Dezember 2025

Über Angst, Zustimmung und unsichtbare Ketten

Die heute in der Türkei bekannt gegebene Zahl von über 433.000 Inhaftierten und Untersuchungshäftlingen ist weit mehr als eine bloße strafrechtliche Statistik. Gefängnisse betreffen nicht nur jene, die hinter Mauern eingesperrt sind, sondern entfalten eine umfassende gesellschaftliche Wirkung. Jede inhaftierte Person lässt Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften und Arbeitskollektive zurück. Auf diese Weise hören Zahlen auf, abstrakt zu sein – sie verwandeln sich in eine psychologische Gefangenschaft von Millionen Menschen.

Dieses Phänomen lässt sich nicht allein durch den physischen Freiheitsentzug erklären. Entscheidend ist vielmehr die Normalisierung, Verinnerlichung und letztlich die Akzeptanz von Unfreiheit als scheinbar unausweichliches Schicksal.

Von offener Gewalt zu unsichtbarer Kontrolle

Moderne Herrschaft funktioniert nicht ausschließlich über Schlagstöcke, Handschellen oder Gefängniszellen. Sie bedient sich subtilerer, leiserer, aber weit nachhaltigerer Mittel. Neben offener Repression entsteht ein Mechanismus, der Denken formt, Handeln vorstrukturiert und den Menschen einflüstert, was möglich und was unmöglich ist.

Gefängnisse sind dabei nur die sichtbare Spitze dieses Systems. Die eigentliche Zielgruppe sind nicht die Inhaftierten selbst, sondern jene draußen:
„Wenn du sprichst, kann dir das passieren.“
„Wenn du dich falsch positionierst, wird dein Leben zerstört.“
„Wenn du schweigst, bist du sicher.“
Diese Botschaften werden weniger durch Urteile vermittelt als durch ihre Einschreibung ins kollektive Gedächtnis.

Die Durchdringung des Alltags mit Angst

Dieses Herrschaftsmodell verwandelt Angst von einem Ausnahmezustand in einen alltäglichen Begleiter. Repression wird nicht mehr nur von außen erwartet – sie wird innerlich mitgetragen.

Eine Lehrerin schweigt im Unterricht. Ein Arbeiter denkt nicht mehr an gewerkschaftliche Organisierung.
Eine Studentin überlegt zweimal, bevor sie etwas teilt. Familien mahnen ihre Kinder: „Mach keinen Ärger, wir wollen keine Probleme.“

So wird physische Haft zu mentaler Selbstzensur. Die Gefängnismauern dehnen sich symbolisch auf die gesamte Gesellschaft aus.

Die Herstellung von Zustimmung: Akzeptierte Notwendigkeit

Die größte Stärke dieses Systems liegt darin, Unterdrückung als legitim und unvermeidbar erscheinen zu lassen. Der Gesellschaft werden ständig bestimmte Narrative vermittelt: „Der Staat muss stark sein.“ „Ordnung erfordert Opfer.“ „Ohne diese Maßnahmen wäre alles noch schlimmer.“

Menschen beginnen, die erlittene Ungerechtigkeit nicht mehr infrage zu stellen, sondern rational zu rechtfertigen. Angst verwandelt sich in Zustimmung. Repression wird als normaler Bestandteil der Ordnung akzeptiert.

An diesem Punkt beschränkt sich Macht nicht mehr auf Zwang – sie produziert Bedeutung. Sie definiert, welches Wort „gefährlich“, welche Forderung „extrem“ und welcher Widerspruch „illoyal“ ist. Die Gesellschaft übernimmt diese Kategorien und reproduziert sie selbst.

Symbolische Ketten und unsichtbare Grenzen

Die wirksamste Form der Gefangenschaft ist jene, deren Ketten unsichtbar sind. Der Mensch glaubt frei zu sein, bewegt sich jedoch innerhalb vorab gezogener Grenzen. Er weiß, welche Themen angesprochen werden dürfen und welche besser unausgesprochen bleiben.

Dieses Wissen ist kein geschriebenes Gesetz, sondern ein soziales Reflexmuster. Niemand muss „verboten“ sagen – alle wissen, wo die Linie verläuft. Darin liegt der tiefste Erfolg der Herrschaft: Zwang in Kontrolle zu verwandeln, Kontrolle in Gewohnheit und Gewohnheit in ein Gefühl von Schicksal.

Gefängnisse sind Mittel, nicht Zweck

Deshalb erklären hohe Inhaftierungszahlen allein nichts. Entscheidend ist, welche Botschaft sie an die Gesellschaft senden. Gefängnisse werden von Orten der Bestrafung zu Instrumenten der Abschreckung und Disziplinierung:
„Wer die Grenze überschreitet, zahlt einen hohen Preis.“ Diese Botschaft richtet sich nicht an die Inhaftierten, sondern an die Freien – und zeigt ihre Wirkung in Schweigen, Rückzug und Anpassung.

Schlussbemerkung: Wahrheit gegen Angst

Doch die Geschichte zeigt ebenso deutlich: Kein System, das auf Angst beruht, ist von Dauer. Angst erzeugt Gehorsam, aber keine Überzeugung. Sie schafft Schweigen, aber keine Legitimität. Und jede unterdrückte Wahrheit kehrt irgendwann mit größerer Wucht zurück.

Wahre Freiheit beginnt nicht nur mit geöffneten Zellentüren, sondern mit einer Gesellschaft, in der Menschen ohne Angst sprechen, Rechte einfordern und Würde über Gehorsam stellen.

Gefangenschaft endet erst dann wirklich, wenn sie nicht nur aus den Zellen, sondern auch aus den Köpfen verschwindet.

Text und Bild Zeki Gökhan

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