Gefangenschaft endet nicht an Gefängnismauern

Die Methoden und Mechanismen zur Unterdrückung, die Zeki Gökhan in seinem Beitrag in Bezug auf die Erfahrungen mit der Türkei beschreibt, wurden und werden vom Zionismus, seinen Vorhutorganisationen und Unterstützern im Zusammenhang mit dem Völkermord in Gaza in perfektester Weise angewendet und hierzulande mithilfe einer deutschen Staatsräson zur „bedingungslosen Unterstützung Israels“ ( Habeck, Scholz) umgesetzt. Die eigentlichen Gefängnismauern breiten sich aus zu einem unsichtbaren Gefängnis. Die subtilen Unterdrückungsmechanismen im Vor- und Umfeld dieser Mauern können dabei wirkungsvoller sein als die Mauern selbst. Man denke an die Bedrohungen, Diffamierungen und Einschüchterungsversuche von Mitgliedern des internationalen Strafgrichtshofes durch den israelischen Geheimdienst.

Wer in Deutschland in den letzten beiden Jahren Israel wegen dessen Völkermord- und Besatzungspolitik grundsätzlich kritisierte oder für das völkerrechtlich verbriefte Widerstandsrecht der Palästinenser:innen eintrat, musste mit den vielfältigsten Repressalien rechnen. Palästinasolidarische Menschen werden bedroht von gesellschaftlicher Ächtung, von Rufmord, durch Verbot von öffentlichen Auftritten, durch Polizeigewalt und Verhaftungen bis zum Verlust von Aufenthaltsrecht und Vernichtung ihrer beruflichen Existenz. Durch ein solches Bedrohungszenario soll der Protest gegen Menschen- und Völkerrechtsverletzungen zermürbt, vor allem aber auch seine Ausbreitung verhindert werden. (Peter Vlatten)

Zeki Gökhan, 24.Dezember 2025

Über Angst, Zustimmung und unsichtbare Ketten

Die heute in der Türkei bekannt gegebene Zahl von über 433.000 Inhaftierten und Untersuchungshäftlingen ist weit mehr als eine bloße strafrechtliche Statistik. Gefängnisse betreffen nicht nur jene, die hinter Mauern eingesperrt sind, sondern entfalten eine umfassende gesellschaftliche Wirkung. Jede inhaftierte Person lässt Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften und Arbeitskollektive zurück. Auf diese Weise hören Zahlen auf, abstrakt zu sein – sie verwandeln sich in eine psychologische Gefangenschaft von Millionen Menschen.

Dieses Phänomen lässt sich nicht allein durch den physischen Freiheitsentzug erklären. Entscheidend ist vielmehr die Normalisierung, Verinnerlichung und letztlich die Akzeptanz von Unfreiheit als scheinbar unausweichliches Schicksal.

Von offener Gewalt zu unsichtbarer Kontrolle

Moderne Herrschaft funktioniert nicht ausschließlich über Schlagstöcke, Handschellen oder Gefängniszellen. Sie bedient sich subtilerer, leiserer, aber weit nachhaltigerer Mittel. Neben offener Repression entsteht ein Mechanismus, der Denken formt, Handeln vorstrukturiert und den Menschen einflüstert, was möglich und was unmöglich ist.

Gefängnisse sind dabei nur die sichtbare Spitze dieses Systems. Die eigentliche Zielgruppe sind nicht die Inhaftierten selbst, sondern jene draußen:
„Wenn du sprichst, kann dir das passieren.“
„Wenn du dich falsch positionierst, wird dein Leben zerstört.“
„Wenn du schweigst, bist du sicher.“
Diese Botschaften werden weniger durch Urteile vermittelt als durch ihre Einschreibung ins kollektive Gedächtnis.

Die Durchdringung des Alltags mit Angst

Dieses Herrschaftsmodell verwandelt Angst von einem Ausnahmezustand in einen alltäglichen Begleiter. Repression wird nicht mehr nur von außen erwartet – sie wird innerlich mitgetragen.

Eine Lehrerin schweigt im Unterricht. Ein Arbeiter denkt nicht mehr an gewerkschaftliche Organisierung.
Eine Studentin überlegt zweimal, bevor sie etwas teilt. Familien mahnen ihre Kinder: „Mach keinen Ärger, wir wollen keine Probleme.“

So wird physische Haft zu mentaler Selbstzensur. Die Gefängnismauern dehnen sich symbolisch auf die gesamte Gesellschaft aus.

Die Herstellung von Zustimmung: Akzeptierte Notwendigkeit

Die größte Stärke dieses Systems liegt darin, Unterdrückung als legitim und unvermeidbar erscheinen zu lassen. Der Gesellschaft werden ständig bestimmte Narrative vermittelt: „Der Staat muss stark sein.“ „Ordnung erfordert Opfer.“ „Ohne diese Maßnahmen wäre alles noch schlimmer.“

Menschen beginnen, die erlittene Ungerechtigkeit nicht mehr infrage zu stellen, sondern rational zu rechtfertigen. Angst verwandelt sich in Zustimmung. Repression wird als normaler Bestandteil der Ordnung akzeptiert.

An diesem Punkt beschränkt sich Macht nicht mehr auf Zwang – sie produziert Bedeutung. Sie definiert, welches Wort „gefährlich“, welche Forderung „extrem“ und welcher Widerspruch „illoyal“ ist. Die Gesellschaft übernimmt diese Kategorien und reproduziert sie selbst.

Symbolische Ketten und unsichtbare Grenzen

Die wirksamste Form der Gefangenschaft ist jene, deren Ketten unsichtbar sind. Der Mensch glaubt frei zu sein, bewegt sich jedoch innerhalb vorab gezogener Grenzen. Er weiß, welche Themen angesprochen werden dürfen und welche besser unausgesprochen bleiben.

Dieses Wissen ist kein geschriebenes Gesetz, sondern ein soziales Reflexmuster. Niemand muss „verboten“ sagen – alle wissen, wo die Linie verläuft. Darin liegt der tiefste Erfolg der Herrschaft: Zwang in Kontrolle zu verwandeln, Kontrolle in Gewohnheit und Gewohnheit in ein Gefühl von Schicksal.

Gefängnisse sind Mittel, nicht Zweck

Deshalb erklären hohe Inhaftierungszahlen allein nichts. Entscheidend ist, welche Botschaft sie an die Gesellschaft senden. Gefängnisse werden von Orten der Bestrafung zu Instrumenten der Abschreckung und Disziplinierung:
„Wer die Grenze überschreitet, zahlt einen hohen Preis.“ Diese Botschaft richtet sich nicht an die Inhaftierten, sondern an die Freien – und zeigt ihre Wirkung in Schweigen, Rückzug und Anpassung.

Schlussbemerkung: Wahrheit gegen Angst

Doch die Geschichte zeigt ebenso deutlich: Kein System, das auf Angst beruht, ist von Dauer. Angst erzeugt Gehorsam, aber keine Überzeugung. Sie schafft Schweigen, aber keine Legitimität. Und jede unterdrückte Wahrheit kehrt irgendwann mit größerer Wucht zurück.

Wahre Freiheit beginnt nicht nur mit geöffneten Zellentüren, sondern mit einer Gesellschaft, in der Menschen ohne Angst sprechen, Rechte einfordern und Würde über Gehorsam stellen.

Gefangenschaft endet erst dann wirklich, wenn sie nicht nur aus den Zellen, sondern auch aus den Köpfen verschwindet.

Text und Bild Zeki Gökhan

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