Der „Macronismus“ ist am Ende – Das französische Volk begehrt auf und die Ereignisse überstürzen sich!

Der folgende Beitrag von Sebastin Chwala zeigt wichtige Hintergründe zu den aktuellen Entwicklungen in Frankreich auf.

Unterdessen spitzt sich der Konflikt immer weiter zu. Die französische CGT-Gewerkschaft ruft zum Generalstreik auf. Ab dem 5. November sollen flächendeckend Betriebsversammlungen abgehalten werden, um die Beteiligung auch aus den Betrieben und den Widerstand für das Kapital so groß und spürbar wie möglich werden zu lassen.

Trotz der Verbote sind inzwischen für Samstag, den 24. Oktober 667 Aktionen und Demonstrationen geplant. Es werden immer mehr.

Nach der beispiellosen Polizeigewalt gegen Schüler und Gewerkschafter werden in Frankreich jetzt sogar breitflächig Demonstrationen verboten. Und Militär und private Sicherheitskräfte sollen zusätzlich für Ruhe sorgen. Die Obrigkeit kriegt Angst vor dem Volk.

Heute skandierte die Menschenmenge:

Gaza, Gaza: Paris ist mit dir !

Die größte Angst der Staatsmacht ist, dass die Menschen die Zusammenhänge verstehen. Wer einen Genozid aktiv unterstützt, wird nicht plötzlich zum Menschenfreund, wenn es um die eigene Bevölkerung geht. Die maroden Schulen in Frankreich, die Militarisierung in Deutschland, die Altersarmut, die Angriffe auf die Arbeitszeit, die Klimakatastrophe und der Genozid in Gaza sind Ausdruck ein und derselben Politik: Rettung der Kapitalistenklasse vor den Auswirkungen der Krisen ihres eigenen kapitalistischen Systems. Alle Bürden sollen abgewälzt werden! Diese Krise ist international. Der internationale Widerstand wächst!

Letzte Meldung. Vor dem Hintergrund wochenlanger Hetzkampagnen wurde ein Mensch bei einem faschistischen Anschlag erschossen, mindestens 4 weitere Personen wurden verletzt! 
Der „Macronismus“ ist am Ende

Sebastian Chwala, 21 Oktober 2026

Es hatte den Beigeschmack eines bevorstehenden Abgangs, als sich Staatspräsident Emmanuel Macron am vergangenen Sonntagabend per Fernsehansprache an das französische Volk richtete. Nicht nur, dass er sich ganz in schwarz gekleidet hatte – genauso wie einst sein Amtsvorgänger François Hollande, als dieser 2016 aufgrund seiner Unpopularität seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft verkündete. Macron zeigte sich am Sonntag auch noch völlig unfähig, die Gründe der Gewaltexplosionen und Massendemonstrationen am Vortag zu verstehen sowie konkrete Vorschläge an die Demonstrierenden zu machen. Denn neben den sicherlich zum Teil schockierenden Szenen, die sich in vielen Großstädten am Tag zuvor abgespielt hatten, demonstrierten laut Studierendengewerkschaften Hunderttausende, wenn nicht sogar weit über einen Million Menschen ohne Zwischenfälle gegen die fortgesetzte wirtschaftsliberale Agenda des Präsidenten und seines Regierungschefs Lecornu.

Doch ganz entgegen seiner Art überließ Macron die politische Aufarbeitung des 17. Oktober dem Premierminister, während er sich selbst für eine dreitägige Reise in den Nahen Osten verabschiedete. Dem zehn Jahre fast schon autokratisch regierenden Staatschef ist bewusst, dass die Ära seiner marktliberalen Clique zu Ende geht. Dabei hat er es bewusst in Kauf genommen, tiefe Wunden und Verwerfungen in der französischen Gesellschaft zu produzieren. Die Ursachen für den 17. Oktober sind in den Jahren 2017 bis 2025 zu suchen und nicht in angeblichen „links-islamistischen“ Kreisen, die Frankreich überfremden. Dieses Narrativ erinnert in verstörender Weise an die von historischen Faschisten herbeifantasierte „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“.

Die Schülerbewegung ist Teil der „Konvergenz der Kämpfe“

Die Bewertung der Ereignisse des 17. Oktobers außerhalb Frankreichs beginnt bereits mit einem Missverständnis. So wurde im Nachgang der Ereignisse immer von einer Eskalation der Proteste der Schüler gesprochen. Das ist inkorrekt. Der Aufruf, an diesem Tag gegen die unbezahlbaren Lebensverhältnisse zu protestieren, stammte aus dem September, wurde über TikTok verbreitet und blieb lange relativ wenig beachtet. Lanciert wurde er wohl aus dem „Gelbwesten“-Spektrum. Deren ohnehin immer lockere Strukturen sind aber seit Jahren kaum mehr existent, und Aktivitäten waren eigentlich schon nicht mehr zu konstatieren. Dennoch äußerten sich im Vorfeld des 17. Oktobers bekannte Gesichter aus der Hochphase der Gelbwesten in den Jahren 2018/19 in den Medien und empfahlen, an den über 1.000 geplanten Aktionen und Demonstrationen teilzunehmen.

Dabei standen aber weniger innerstädtische Aktionen im Zentrum, sondern volkswirtschaftlich relevante Orte wie Raffinerien, Warenlager oder eben Mautstellen auf den Autobahnen. Oder man besetzte eben, wie man es von den Gelbwesten kennt, Kreisverkehre. Auch die politische Linke, allen voran der Präsidentschaftskandidat der Bewegung und Partei „La France insoumise“ (LFI), Jean-Luc Mélenchon, rief ihre Anhänger auf, sich zu beteiligen. Auch im letzten Jahr hatte es bereits einen Aufruf gegeben, nach den Sommerferien für einen Tag Frankreich zu blockieren, dieser Tag verlief allerdings damals verhältnismäßig unspektakulär.

Zwar kam es am 17. Oktober zu diversen Blockaden, wo die Gelbe Weste als getragenes Symbol wieder sichtbar wurde. Doch insgesamt spielten klassische „Gelbwesten“ nur eine untergeordnete Rolle an diesem Tag. Es dürfte allerdings ihrer „neutralen“ parteipolitischen Rolle innerhalb des linken Spektrums zu verdanken sein, dass der Tag trotz fehlender zentraler organisierender Kräfte und eher spontan zustande gekommenen Demorouten ein Erfolg wurde, da es gelang, die in Frankreich so oft beschworene „convergence de lutte“, also das Zusammenfließen von Menschen aus zahlreichen gesellschaftlichen Sektoren auf der Straße zu erreichen. Getragen wurden die Proteste zwar von vielen Demonstrierenden aus dem Bildungsbereich, aber nicht nur von Schülern, sondern auch den Bildungsgewerkschaften. Diese protestieren seit bald einem Monat dafür, dass mehr Geld in die Hand genommen wird, um Schulgebäude in Stand zu setzten und mehr Lehrkräfte eingestellt werden.

Doch über allem schwebt die Forderung, die 2018 in Kraft getretene „Reform“ des Hochschulzugangs wieder zurückzunehmen. Seit damals müssen sich Abiturienten zentral auf einer Onlineplattform bewerben, die die Bewerbungen an die Wunschuniversitäten weiterleitet, wo schließlich anhand der eingereichten Dossiers der Bewerber über die Vergabe der begrenzten Studienplätze entschieden wird. Viele Abiturienten sind bereits mangels ausreichender familiärer oder schulischer Unterstützung nicht in ausreichendem Maße in der Lage, diese Bewerbungsunterlagen richtig zu erstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass die letztendlich entscheidenden Kriterien für die Studienplatzvergabe unklar und intransparent sind. Es ist ein offenes Geheimnis, dass all zu oft der Wohnort und die Schule den Ausschlag für den Zuschlag geben und nicht die schulische Leistung bzw. die eingereichten Unterlagen, die ohnehin kaum von den Auswahlkommissionen gelesen werden. Zu dieser unklaren Verteilungsstruktur der Studienplätze kommt der ebenfalls verschärfte Leistungsdruck in den letzten beiden Jahren der Oberschule (Lycée) hinzu. War es vor dem „Macronismus“ üblich, dass für die Abiturnote allein die Noten der Abiturprüfungen zählen, werden jetzt auch noch alle Noten der letzten beiden Schuljahre mit einberechnet. Da sich die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe „spezialisieren“, also Neigungsfächer wählen müssen, fühlen sich viele junge Menschen durch den Druck, vermeintlich unveränderbare Lebensentscheidungen treffen zu müssen, überfordert und brechen zusammen. Für deren Unterstützung steht den Schulen eigentlich Fachpersonal zur Verfügung, doch auch diese Stellen bleiben vielfach unbesetzt.

Macrons Polizeigewalt betrifft nun die ganze Gesellschaft – nicht nur spezifische Gruppen

Völlig unerträglich ist die Situation in den verarmten vorstädtischen Regionen der Großstädte besonders Paris. Deshalb begannen die Schülerproteste auch hier, schwappten aber durch die sozialen Medien auf das ganze Land über, weil ein Großteil der Probleme auch die Schulen der Mittelklassen betrifft. Ein Solidarisierungseffekt mit den Altersgenossen setzte ein, die besonders im sogenannten „Banlieu“ einer harten alltäglichen Polizeigewalt ausgesetzt sind. Dabei spielt die BAC (brigade anti-criminalité) eine große Rolle; eine Zivilpolizei, die Straftaten schon im Keim ersticken soll, allerdings oftmals nach rassistischen Kriterien Kontrollen durchführt, Strafgelder verhängt und Verhaftungen durchführt. Sie ist Teil eines Polizeisystems, das sich gegenüber den Bürgern durch eine unverhältnismäßige Gewalt auszeichnet.

Dies ist kein Zufall, denn die französischen Polizisten sind dazu ausgebildet, Proteste und Widerstand gegen den Staat klein zu halten. Ein Großteil der Strukturen entstand währen der Phase der französischen „Entkolonialisierung“ und diente dazu, Menschen, die im „metropolitanen“ Frankreich lebten, aber Wurzeln in den Kolonien hatten, davon abzuhalten, ihre sichtbare Unterstützung des Prozesses zu zeigen. Polizeiarbeit war also immer in erster Linie geben migrantische Menschen gerichtet und in deren Wohnvierteln konzentriert.

Mit dem Beginn der „macronitischen“ Ära und seiner vertikalen und autoritären Ausübung des höchsten Staatsamts wurden dieser immer weiter aufgerüstete Apparat vermehrt auch gegen die „weiße“ Bevölkerungsmehrheit eingesetzt. Verstörend bleiben die Erinnerungen an die Gelbwestenperiode mit ihren tausenden Verhafteten und Verstümmelten. Zahlreiche Protestbewegungen mussten die Bekanntschaft mit Bereitschaftspolizisten, BAC, Motoradbrigaden und sonstigen Sondereinsatzkommandos machen. Der „Macronismus“ schaffte derweil faktisch die Vermögenssteuer ab, führte effektlose Steuerkreditprogramme ein, die Arbeitsplätze schaffen sollten, aber nur die Staatskasse belasteten, verschärfte die Regeln für den Erhalt und Arbeitslosengeld und Grundsicherung, kürzte die Leistungen der Krankenversicherung und erhöhte das Renteneintrittsalter. Mit der Hilfe der Sozialdemokratie verabschiedete der „Macronismus“ in den letzten beiden Jahren massive Sparhaushalte.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der aktuelle Haushaltsentwurf, der noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll, sieht erneut Kürzungen in Höhe von 43 Milliarden Euro vor. Sogar lebenswichtige Medikamente gegen Brustkrebs sollen in Zukunft nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden. Und natürlich sollen wieder 1.500 Lehrer weniger im Schuldienst arbeiten. Das wären dann schon 10.000 Lehrkräfte weniger als zu Macrons Amtsantritt. Frankreichs Schuldenproblematik beruht aber nicht aus einem „zu viel“ an sozialen Leistungen, sondern massiver Umverteilung in die Kassen seiner Milliardäre.

Macron, der seine Kritiker gerne mal als zurückgebliebene Gallier bezeichnete, und immer die Aura eines abgehobenen neureichen Pariser Millionärs besaß, zog über die Jahre immer mehr die Wut der Franzosen auf sich, die sich aber auch hilflos fühlten, wenn es darum ging, seine „Reformen“ zu verhindern. So wurde die Rentenreform von 2023 ganz ohne jede demokratische Legitimation am verfassungsrechtlich schwachen Parlament vorbei, per Verordnung eingeführt, obwohl Millionen Menschen über Wochen dagegen demonstrierten. Auch die bedingungslose Unterstützung des Ukraine-Krieges hat zu einer wachsenden Steigerung der Lebenshaltungskosten im Land geführt, Extraprofite der großen Konzerne wurden kaum eingeschränkt. Und bis heute weigert sich der „Macronismus“ die Vermögenden zur Finanzierung des Gemeinwesens mit heranzuziehen, während die öffentliche Infrastruktur zerfällt oder weggespart wird.

Es sind besonders jungen Menschen, die die Folgen dieser Politik spüren und denen jede ernsthafte Perspektive genommen wird, wenn der Staat sich allein als Schutzorgan der Villenbesitzer versteht. Und es zeigt seine gleichzeitig die programmatische Schwäche, wenn man sich nicht besser zu helfen weiß, als die legitimen Proteste der Jugend mit Gewalt niederzuschlagen zu wollen. Es produziert aber auch jene Bilder von „urbaner Gewalt“, die politisch wenig nützlich oder nachvollziehbar scheinen – so lassen sich jene hunderttausende Menschen in den Hintergrund rücken, die am vergangenen Samstag trotzt stundenlangen Bedrängens durch die Polizei „friedlich“ geblieben sind. Allerdings ist es ja eben auch jene fast traumatische Hilflosigkeit der „macronitischen“ Jahre, die Menschen dazu bringt, einmal ohnmächtig um sich zu schlagen. In der Hoffnung wenigstens kurzzeitig die Staatsmacht in die Knie zu zwingen und „befreite Räume“ zu schaffen.

Jean-Luc Mélenchon ist Hoffnungsträger der Bewegungen

Diese Hoffnung wandelt sich schnell, wenn der Staat ohnmächtig und brutal zurückschlagt und jenen „Casseurs“ (Zerstörern), deren soziale Zusammensetzung entgegen den rechten Hetzern und konformistischen Journalisten, sehr heterogen zusammengesetzt ist und nicht aus „barbarischen islamistischen Banden“ (Eric Zemmour) besteht, in Schnellverfahren nicht selten ohne stichhaltige Beweise zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Den Groll in der Gesellschaft senken diese Maßnahmen nicht. Tatsächlich ist die Protestbewegung dieser Tage in Frankreich ethnisch nicht ganz so weiß, wie andere politische Bewegungen und es stimmt, dass die Vorstädter präsenter sind. Dies hat auch mit der politischen Ermutigung durch LFI und Jean-Luc Mélenchon zutun, die die verarmten Menschen als Teil eines „Neuen Frankreichs“ sehen, bestehend aus jungen, prekären Menschen aller Ethnien.

Für die politische Rechte, die lieber die rassistische Karte spielt, und Menschen mit historischen migrantischen Wurzeln zum Sündenbock für die Folgen der eigenen antisozialen Politik machen will, ist dies natürlich unvorstellbar. LFI und Mélenchon sind deshalb zum roten Tuch für das Establishment geworden, das hinter jeder Verschwörung gegen den Staat vermutet wird. LFI soll nicht nur die Randalen vom letzten Samstag orchestriert haben, sondern natürlich auch die Schülerinnen und Schüler auf die Straßen getrieben haben. Außerdem pilgere Mélenchon jährlich heimlich in rote Terrorcamps, so der rechte Präsidentschaftskandidat David Lisnard. Laut Medien wollte der Premierminister Mélenchon sogar für seine angeblich lenkende Rolle der Schülerproteste rechtlich belangen lassen. Verbotsforderungen gibt es auch.

Natürlich sind die Vorwürfe alle Unsinn. Von der Hand zu weisen ist die Popularität Mélenchons besonders bei den Schülerinnen und Schülern aber nicht. Er ist der einzige Spitzenpolitiker, der ohne Widerworte in deren Reihen akzeptiert und dort auch gefeiert wird. Mélenchons Rolle als Antipode zum politischen Einheitsbrei der übrigen Kräfte hat ihn laut allen Umfragen als Anwärter auf die Stichwahlen zum Amt des Präsidenten gemacht. Getragen wird seine Kandidatur von den Jungwählern.

Derweil bastelt der französische Staat weiter daran, die politischen Mobilisierungen im Land zu unterbinden. Während teilweise nächtliche Ausgangssperren gelten, plant man für den nächsten von den Gelbwesten angekündigten Demonstrationstag am nächsten Samstag, nun in Paris sogar das Militär aufmarschieren zu lassen. Und den jungen Menschen könnte man ja wieder mal die sozialen Medien kappen. Die Eskalationsspirale dreht sich also weiter.

Wir danken Sebastian Chwala für das Publikationsrecht.

Titelbild: Collage Peter Vlatten mit KI generiert.

Petition: „Kommunalisiert endlich die S-Bahn Berlin!“.

Liebe Freundinnen und Freunde einer guten Bahn für alle,

öffentliche Verkehrsangebote sind Daseinsvorsorge. Alle müssen die Möglichkeit haben, ohne Auto von A nach B zu kommen. Für größere Entfernungen geht das am besten per Zug, auch im Nahverkehr spielen Züge und S-Bahnen eine wichtige Rolle. Leider hat sich eine Verkehrspolitik breitgemacht, nach der ein sogenannter Wettbewerb zwischen Zugbetreibern vorteilhaft sein soll. Versprochen werden dauerhaft günstigere Preise und mehr Angebote in der Fläche. Untersuchungen zeigen, dass die Realität nach 30 Jahren Wettbewerb anders aussieht: Die Kosten der Ausschreibungen sind immens, gleichzeitig erhält die öffentliche Hand oft schlechte Qualität, es fehlen Züge, es gibt zu wenig Personal, Lohndumping, Insolvenzen. Und das, ohne viel korrigieren zu können – die Verträge laufen meist 15 Jahre.

Ein abschreckendes Beispiel ist die S-Bahn Berlin. Mit fast 500 Millionen Personen befördert der Nahverkehrsriese 7,7-mal so viele Reisende pro Jahr wie die Deutsche Bahn im Fernverkehr. Doch leider haben die dogmatischen Wettbewerbsvorgaben der jüngsten Ausschreibung für die Entwicklung der S-Bahn und vor allem für die Kundinnen und Kunden schwerwiegende Folgen. Immer mehr Züge fallen aus, daher musste die S-Bahn für das Jahr 2025 der Hauptstadt 54 Millionen Euro zurückzahlen, doppelt so viel wie noch 2024. Im neuen Fahrplan müssen sogar Verbindungen gestrichen werden, weil Züge fehlen. Bei der Ausschreibung gab es mehr als zwanzig Terminverschiebungen, und daher verzögert sich auch die Lieferung neuer S-Bahnen um mindestens fünf Jahre. Die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt, das bedeutet: Pro Milliarde Euro können später nur halb so viele Menschen S-Bahn fahren.

In Berlin wurden diese Probleme mittlerweile erkannt, das ergab eine Podiumsdiskussion von Bahn für Alle im Juni, bei der unter anderem die Linke, die Grünen und die SPD vertreten waren. Statt einer Fortsetzung der Privatisierung war mehrfach von der Möglichkeit einer Kommunalisierung die Rede. Nun haben gerade diese drei Parteien beschlossen, über eine mögliche Koalition miteinander zu verhandeln. Wir haben einen Aufruf gestartet: "Kommunalisiert endlich die S‑Bahn Berlin!" Dieser Punkt muss unserer Meinung nach in den Koalitionsvertrag. Unterstützen Sie die Petition mit Ihrer Unterschrift! Helfen Sie mit, einen großen Nahverkehrsbetreiber dem ruinösen Wettbewerb zu entziehen. Das könnte Vorbild werden für eine bessere Organisation des Nahverkehrs in ganz Deutschland.

Hier geht es zur Petition: "Kommunalisiert endlich die S-Bahn Berlin!".

Herzlich grüßen
für das Bündnis Bahn für Alle
und das Aktionsbündnis EINE S-Bahn für ALLE


Carl Waßmuth | Katrin Kusche

PS: Zum Vormerken: Am 28. Januar 2027 um 19 Uhr veranstaltet Bahn für Alle einen Online-Vortrag zum Thema Wettbewerb und Liberalisierung im Bahnverkehr. Referent ist Prof. Dr. Tim Engartner.

PPS: Anfang Oktober erschien die zweite Auflage unserer vierseitigen Zeitung "Berliner S-Bahn: Gemeingut statt Goldesel", die sich mit dem Thema der Kommunalisierung der Berliner S-Bahn befasst. Es sind noch Exemplare vorrätig. Bestellen Sie kostenlose Zeitungen zum Verteilen unter info@bahn-fuer-alle.de.

PPPS: Leiten Sie unsere Mail an Bahn-Freundinnen und -Freunde weiter.

Dieser Beitrag erchien zu erst in „Eine S-Bahn für alle„

Beitragsfoto: ingmue1957, Eisenbahnfest Oberschöneweide 21.03.2015

Leben oder lohnen

Wie die Bedürfnisse der Investoren dem Wunsch nach Bezahlbarkeit zuwiderlaufen – und was die Politik daraus macht

Von Stephan Kaufmann

Titelbild: Mit KI erstellte Collage

In Berlin könnte ein rot-grün-roter Senat Wohnraum vergesellschaften, um das Gut Wohnen bezahlbarer zu machen. Dagegen bricht ein Sturm der Entrüstung los. »Hört auf damit!«, wetterte der Bundeskanzler. In Frankreich, Italien und Spanien gehen Massen auf die Straße, um für die Bezahlbarkeit des Lebens zu demonstrieren. Dagegen geht die Staatsgewalt mit aller Härte vor.

Ausgangspunkt ist in beiden Fällen ein Widerspruch zwischen den Lebensbedürfnissen der Menschen und den Renditeanforderungen der Investor*innen. Aus Sicht der Regierungen stellt sich damit die Frage: Wie gewinnt man das Vertrauen der Bevölkerung und gleichzeitig das Vertrauen der Geldgeber*innen, an dem das heilige Wirtschaftswachstum hängt?

Die Vergesellschaftung von Wohnraum träfe nicht nur die großen Wohnungskonzerne und ihre Aktionäre, sondern auch den Standort Deutschland insgesamt. Denn sie wäre ein Eingriff in die Eigentumsrechte der Investoren und damit ein »schwerer Vertrauensbruch«, so das Münchener Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo). Dadurch würde die »institutionelle Qualität des Wirtschaftsstandorts nachhaltig beschädigt«.

Grenze zum Sozialismus

Das Ifo gibt damit zu Protokoll, dass das Vertrauen der Investoren in eine – im Vergleich mit anderen Geldanlagen – angemessene Kapitalrendite die Basis des Wohlstands ist oder kurz gesagt: Aller Wohlstand, alle Arbeitsplätze, Einkommen und Steuereinnahmen hängen davon ab, dass jemand an seiner Erzeugung verdient. An diesem Prinzip rüttelt die Vergesellschaftung, weswegen der Ökonom Stefan Kofner hier »die symbolische Grenze« zwischen Sozialismus und Sozialdemokratie überschritten sieht.

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Eine Krise der »Bezahlbarkeit« des Lebens herrscht auch in anderen Ländern – den USA, Italien oder Frankreich. Laut Umfragen fehlen den Franzosen im Durchschnitt 500 Euro pro Monat, um ihre Ausgaben bequem zu decken, was sie anfällig für plötzliche Veränderungen ihrer wirtschaftlichen Lage macht. Sie gehen also auf die Straße, protestieren – und beschädigen damit das Vertrauen der Investoren in den Standort Frankreich. Sichtbar wird dies derzeit durch die steigenden Zinsen, die Anleger vom französischen Staat für neue Schulden verlangen. Das ist ein Problem. »Anhaltend höhere Zinssätze führen zu einem allmählichen Anstieg der Finanzierungskosten für den Staat, die Unternehmen und die privaten Haushalte«, erklärt die niederländische Großbank ING.

Beeinträchtigt wird das Vertrauen der Investoren in Frankreich nicht so sehr durch die materiellen Schäden, die im Zuge der Proteste entstehen. Sondern durch die Sorge, dass die Regierung in Paris ihre Bevölkerung nicht unter Kontrolle hat. Diese Kontrolle wäre aber nötig, um Kürzungen bei staatlichen Leistungen und Sozialausgaben durchzusetzen – der aktuelle Haushaltsentwurf für 2027 sieht Maßnahmen in Höhe von 43 Milliarden Euro vor, um das Defizit zu senken.

»Die Regierung muss sowohl die Bevölkerung als auch die Märkte zufriedenstellen.«Commerzbank

Alternativ zu Kürzungen könnte die Regierung auch auf den privaten Reichtum zugreifen. Schließlich liegt in Frankreich der Anteil der Millionäre an der Bevölkerung höher als in Deutschland. Und laut dem Ökonomen Thomas Piketty war Frankreichs Netto-Gesamtvermögen – also die Summe aus privaten und öffentlichen Vermögenswerten abzüglich privater und öffentlicher Schulden – noch nie so hoch wie heute. »Mit anderen Worten: Frankreich war noch nie reicher«, schreibt Piketty im Wirtschaftsmagazin »Surplus«. Doch die französische Regierung lehnt eine weitere Besteuerung ab, würde sie doch die Attraktivität des Landes als Investitionsziel im Vergleich etwa mit Deutschland weiter schmälern.

Ein Ausweg aus dem Dilemma bestünde in einer Erhöhung der staatlichen Verschuldung Frankreichs. Die aber wird von den Finanzmärkten bereits als zu hoch bewertet, eine Ausweitung liefe zudem den EU-Schuldenregeln zuwider. Damit hat »der Staat fast keinen Spielraum, um mit zusätzlichen Ausgaben oder Steuersenkungen auf die Proteste zu reagieren«, erklärt die ING. Ohne Zugeständnisse wiederum könnte es ihm schwerfallen, die Ruhe wiederherzustellen. »Jeder Versuch, die Spannungen durch Maßnahmen zu entschärfen, die die öffentlichen Finanzen weiter schwächen, könnte wiederum die Bedenken der Investoren verstärken und die französischen Kreditkosten in die Höhe treiben.«

Mit den Protesten stehe die Regierung nun vor einem »heiklen Balanceakt«, so die Commerzbank. »Sie muss sowohl die Bevölkerung als auch die Märkte zufriedenstellen.« Ein ähnliches Problem sieht die Bank in Deutschland, auch hier gebe es eine »erodierende politische Stabilität«. In Frankreich fehlten der Regierung inzwischen die »Mehrheiten für die notwendige Haushaltskonsolidierung und für Reformen etwa bei der Rente«. In Deutschland verfüge die Koalition aus Union und Sozialdemokraten zwar noch über eine knappe Mehrheit, aber wirtschaftspolitisch sei sie zerstritten. »Entsprechend schafft die Bundesregierung bei dringend notwendigen Reformen keinen Durchbruch.«

Drohende »Unregierbarkeit«

Auch hierzulande muss sich die Regierung also entscheiden, wessen Bedürfnisse sie befriedigt – die der Investor*innen oder die der Lohnabhängigen. »Offenbar hat die Bundesregierung noch keine Strategie, wie sie langfristig positiv wirkende Maßnahmen durchsetzen will, die in weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt werden«, kommentiert Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut. Dennoch müsse sie die geplanten Reformen jetzt durchsetzen, »selbst wenn dies möglicherweise zu Stimmenverlusten bei den zwischenzeitlich anstehenden Landtagswahlen führt«. Dies allerdings dürfe nicht zu einer »Unregierbarkeit der Bundesrepublik insgesamt führen«.

Politik der Mitte hat die Krise der Bezahlbarkeit hervorgebracht und will sie nun per Kürzungen und Reformen verschärfen, um das Vertrauen der Investor*innen zu gewinnen und das Wachstum zu stärken. Die Schuld an den Protesten gibt die Regierung in Paris daher nicht sich, sondern dem linken Spektrum – es betreibe eine »unverantwortliche Eskalation« der Lage und missbrauche die Wut der Schüler für »parteipolitische Zwecke«, sagte Frankreichs Premier Sébastien Lecornu. Die französische Rechte ihrerseits präsentiert sich als Hüterin von Ruhe und Ordnung und ausgeglichenen Staatsfinanzen: Marine Le Pen verspricht harte Sparmaßnahmen und ein hartes Vorgehen gegen die Proteste: »Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit. Ohne Autorität gibt es keine Gerechtigkeit«, sagte die rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin diese Woche.

Bezahlbarkeit oder Investitionsrendite – auch die deutsche Bundesregierung macht deutlich, auf wessen Seite sie sich schlägt. Auf ihrem »Investitionsgipfel« diese Woche rollte sie den »roten Teppich für Investments« aus und empfing eine große Anzahl internationaler Unternehmen und Geldgeber, vom US-Chiphersteller Nvidia über Amazon bis Microsoft. 230 Milliarden Euro an Investitionszusagen sind dabei laut Merz gemacht worden. »Ich bin den Investoren für ihr Vertrauen in unser Land dankbar«, sagte der Bundeskanzler. »Wir wollen und wir werden diesem Vertrauen gerecht werden.«

Wie das konkret aussieht, stellte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche klar: Als Investitionshindernisse nannte sie die Sozialversicherungssysteme, deren Kosten Arbeit verteuerten. Zudem versprach sie einen flexibleren Arbeitsmarkt, einen gelockerten Kündigungsschutz und längeres Arbeiten sowie die Senkung der Energiekosten.

Die Maßnahmen zeigen, was die erwünschten Investitionen sind: keine Geschenke, sondern eine Forderung an die Gesellschaft. Diese Forderung bezifferte diese Woche Ingrid Hengster, Deutschland-Chefin des Investment Banking der britischen Bank Barclays: »Je nach Sektor nennen internationale Investoren Renditen zwischen sechs und zwölf Prozent«, sagte sie im Gespräch mit dem Nachrichtendienst »Table.Briefings«. Bei riskanteren Investments lägen die Erwartungen noch darüber. Besonders wichtig sei ihr, dass die geplante Rentenreform umgesetzt werde. »Wenn das nicht kommt, wäre es ein Debakel«, so Hengster. Die Reform sei ein Signal an internationale Investoren, dass es Deutschland ernst meine.

Proteste am Wochenende

Obwohl die französische Regierung örtliche Ausgangssperren angekündigt hat, sind für das kommende Wochenende erneut in mehreren Städten Demonstrationen angekündigt. Die Gelbwesten-Bewegung will in Paris auf die Straße gehen. Die Gewerkschaft CGT hat angekündigt, sich den Protesten anzuschließen.

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Erstveröffentlicht am 22.10. 2026 im nd
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