Die Selbstmordspirale

Linn Stalsberg hat einen zornigen Essay gegen Krieg und Aufrüstung verfasst

Von Stefan Bergholz

Mit welchem Recht maßen sich Staaten und ihre sogenannten Volksvertreter an, Grenzen zu schließen und jungen Männern den Weggang zu verbieten, weil sie nicht sterben wollen oder andere Männer totschießen möchten? So geschehen beispielsweise in der Ukraine jüngst. Und hätten israelische Politiker nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 nicht andere Möglichkeiten gehabt, die Terroristen zu bekämpfen, als unschuldige Zivilisten sterben und leiden zu lassen? Solche Fragen stellt die norwegische Journalistin und Soziologin Linn Stalsberg in ihrem zornigen »Essay über den Frieden«.

»Israel zerstört Gaza, um die Hamas zu zerschlagen. Doch gleichzeitig wird so viel mehr zerstört: die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten in der Zukunft, der Glaube an eine Zweistaatenlösung, das Vertrauen in die Autorität der Vereinten Nationen und das, was wir gern als moderne Idee von Wert und Würde aller Menschen betrachten.« Dies schrieb sie vor der sich jetzt anbahnenden Waffenruhe in Nahost, die hoffentlich halten wird.

Der Titel dieses Buches ist zugleich ein grundsätzliches Bekenntnis: »Krieg ist Verachtung des Lebens«. Verzweifelt fragt sich Stalsberg, wohin die Bewegungen für den Frieden verschwunden sind, die in früheren Jahren Massendemonstrationen organisierten. Sie schaut in die Vergangenheit und vertieft sich in die Geschichte pazifistischer Proteste und Widerstandsformen im 20. Jahrhundert, gibt einen Überblick über Religionen, Ideologien und politische Bewegungen, die für Frieden werben, und zitiert den US-amerikanischen Präsidenten und vormaligen Weltkriegsgeneral Dwight »Ike« Eisenhower, der bei seinem Abschied im Januar 1961 vor dem »militärisch-industriellen Komplex« warnte: »Jedes Gewehr, das hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das ins Wasser gelassen wird, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet einen Diebstahl an jenen, die hungrig sind und nichts zu essen haben, und an jenen, die frieren und keine Kleidung haben.«

Stalsberg geht der Frage nach den gesellschaftlichen Wurzeln der Gewalt nach. Frieden werde kommen, sobald der Kapitalismus abgeschafft sei, hieß es einst in der organisierten Arbeiterbewegung. »Um zu funktionieren, ist der Kapitalismus auf die ständige Nachfrage nach Gütern angewiesen«, schreibt Stalsberg, »und die Rüstungsindustrie hat den Vorteil, dass in einer Welt, in der ständig Kriege geführt werden und in der wir unsere Sicherheit in bewaffnete Hände legen, die Nachfrage nach Waffen niemals versiegt.« Das bedeute nicht, dass der Kapitalismus aktiv Krieg anstrebe, meint die Autorin. »Doch für den Kapitalismus als System sind Krieg oder die Gefahr von Krieg, Aufrüstung und die Rüstungsindustrie wirtschaftliche Vorteile.«

Stalsberg befasst sich mit Kriegspropaganda und Lobbyismus. Sie spricht sich gegen weibliche Wehrpflicht aus. Diese führe nicht zur Frauenbefreiung, sondern stärke eher die Vorherrschaft des Mannes. »Weibliche Wehrpflicht mag gut für die Gleichstellung der Geschlechter sein: gleiche Möglichkeiten, im Krieg zu töten und zu sterben oder als Soldatin eingezogen zu werden. Doch für die Frauenbefreiung, die ein viel höheres Ziel als die Gleichstellung darstellt, bedeutet sie einen erheblichen Rückschlag.« Ein Rückschlag für die Friedensbewegung und »ein Schlag ins Gesicht all jener Frauen, die in der Geschichte für den Frieden eingetreten sind«.

Im vorletzten Kapitel, »Krieg in Zeiten der Klimakrise«, liefert Stalsberg empörende Zahlen: 2022 seien die weltweiten Militärausgaben auf 2240 Milliarden Dollar (knapp zwei Billionen Euro) geschätzt worden und machten damit rund 2,2 Prozent des weltweiten Bruttonationalprodukts aus. »Laut Welternährungsprogramm würden 12 Prozent dieses Betrags ausreichen, um den weltweiten Hunger zu beenden.« Und eine umfassende Studie im Fachjournal »Nature Climate Change« habe ergeben, dass »die Emissionsreduktionen, die erforderlich wären, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten«, etwa jenen Betrag benötigten, der weltweit für Rüstung verbraten wird.

Stalsberg hat ein zorniges Buch gegen den vorlauten Zeitgeist in Aufrüstungszeiten verfasst. Ein Buch, das den Blick wendet, an Friedensfreunde und Kriegsverweigerer erinnert und für die Gegenwart aufrütteln will. Sie setzt auf Vernunft, muss aber in herrschenden Politikerkreisen vor allem Unvernunft registrieren. »Es ist kaum zu begreifen, dass wir in einer Epoche, in der die Welt durch den alles Leben bedrohenden Klimawandel zu kippen droht, riesige Summen für die Entwicklung von Waffen ausgeben, die Menschen und Umwelt zerstören. Es ist, als wäre die Menschheit unbewusst in eine Art Selbstmordspirale geraten, in der Krieg und Klimakrise sich gegenseitig verstärken.«

Linn Stalsberg versucht, gegen weitverbreitete Apathie und Ohnmacht anzuschreiben, die Menschen wachzurütteln. Sie beharrt darauf, dass Kriege nicht im Wesen des Menschen angelegt seien und es in unser aller Hand liege, aufzustehen und sich lauthals zu wehren.

Linn Stalsberg: Krieg ist Verachtung des Lebens. Ein Essay über den Frieden. A. d. Norweg. v. Andreas Donat. Kommode-Verlag, 312 S., geb., 24 €.

Erstveröffentlicht im nd v. 14.10. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194723.abruestung-die-selbstmordspirale.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

So kann es nicht weitergehen

Von Lothar Schröter

Fabian Scheidler wünscht sich Friedens­tüchtigkeit und ist damit in einer Welt der Kriegs­tüchtigen ziemlich einsam

Eine Voraussage vorweg: Dieses Buch wird vermutlich vielen hierzulande nicht genehm sein – nicht den Herrschenden und deren Sprechern in Presse, Funk, Fernsehen und auch nicht in der politikwissenschaftlichen Zunft, vermutlich ebenso einigen Linken nicht. Denn die hier ausgesprochenen Wahrheiten passen nur schwer zur Kriegslogik der einen und zum Opportunismus der anderen.

Fabian Scheidler, Friedenskämpfer und Antimilitarist, zudem ein ökologisch denkender und handelnder Mensch, breitet Fakten aus, die weder den Unionsparteien CDU und CSU noch den bedeutungslosen, aber via Marie-Agnes Strack-Zimmermann umso lautstarker auftretenden Liberalen ins Konzept passen und auch nicht dem Führungspersonal der ihren Ursprung schamlos negierenden, besonders aufrüstungs- und kriegsaffinen Führungsriege der Grünen.

Hingegen hielt es die IG Metall bereits 2009 für angemessen, den 1968 in Bochum geborenen Publizisten und Dramaturgen, der unter anderem viele Jahre für das Grips-Theater in Berlin gearbeitet hat und für Attac tätig war, aufgrund seiner kritischen Texte mit ihrem Otto-Brenner-Preis auszuzeichnen.

Allein schon der Titel dieses Bandes ist sympathisch: »Friedenstüchtig«. Ein klares Bekenntnis wider das inflationär gebrauchte und Hirne vernebelnde Wort der »Kriegstüchtigkeit«, die zu erreichen sei. Und zugleich ein aktueller Beitrag zur Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland.

Erstveröffentlicht im nd v. 18.10. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194844.frankfurter-buchmesse-so-kann-es-nicht-weitergehen.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Link zum Promediaverlag:
https://mediashop.at/buecher/friedenstuechtig/

Von Kürzungen zu #unkürzbar!

Ein Flugblatt am 10. Oktober, dass viele überzeugt. Uns auch. Eine schlüssige Strategie, mit der wir bei unseren Protesten vom Fleck kommen .(Peter Vlatten)

Arbeiterinnenmacht-Flugblatt, Infomail 1294, 10. Oktober 2025

Kürzungen sind für Berliner Kulturschaffende und sozial Arbeitende nichts Neues. Der Senat verfolgt dabei seit Jahren dieselbe Strategie – mit Erfolg. Kürzungen werden angedroht, nach Protesten teilweise zurückgenommen, zwischen den Bereichen hin- und hergeschoben und letztlich doch durchgesetzt. Es wird selektiv verhandelt, und Bereiche werden gegeneinander ausgespielt – Soziales gegen Kultur, Klein gegen Groß. Währenddessen vertröstet der Senat oder informiert gleich gar nicht. Das zeigt Wirkung: Wenn der Senat kürzen wollte, kürzte er. Bisher.

Was können wir dieser Strategie entgegensetzen? Wie werden wir wirklich #unkürzbar?

Zunächst muss man leider bilanzieren: Demonstrationen und Veranstaltungen werden vom Senat einfach in diese Strategie integriert. Lautstarke Versammlungen vor dem Abgeordnetenhaus und Versuche einer medialen Druckkampagne sind dem Senat sicher unangenehm, hinderten ihn jedoch bisher nicht daran, die Axt anzulegen. Einzelne Kürzungsvorhaben wurden zurückgenommen, teilweise in reduzierter Form durchgesetzt.

Schon letztes Jahr wurde gekürzt – doch diese Angriffe sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck der Krise des deutschen Imperialismus und Vorboten eines Generalangriffs auf unsere Lebensbedingungen. Wenn wir dem etwas entgegensetzen wollen, müssen wir uns gut organisieren und vorbereiten!

Wir müssen den Senat endlich dort treffen, wo es wehtut!

Wir sind nicht die Autoindustrie. Wir sind keine Fluglots:innen. Einzelne Arbeitsniederlegungen und symbolische Schließtage bauen keinen Druck auf den Senat auf. Echten Widerstand können wir nur aufbauen, wenn wir wirklich zusammenarbeiten – und uns nicht spalten lassen! Das heißt konkret: Einzelne Projekte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, große Träger nicht gegen kleine. Wenn wir uns spalten lassen, spielt das nur dem Senat in die Hände.

Das heißt: Über Betriebe hinweg, über Bereiche hinweg – mit Solidaritätsstreiks! Denn selbst wenn alle Lehrer:innen, Kulturschaffenden und Sozialarbeiter:innen streiken, wird das nicht reichen. Aber die BVG, die BSR, die Krankenhäuser – sie alle sind indirekt von den Kürzungen betroffen. Wenn wir uns zusammenschließen und gegenseitig stärken, können wir mehr Druck aufbauen als der Senat aushalten kann!

Da müssen wir erst mal hinkommen. Das bedeutet unter anderem: unsere eigenen Kolleg:innen informieren, in anderen Betrieben informieren, Betriebsgruppen aufbauen, unsere Gewerkschaften dazu bringen, eine Kampagne zu starten. All das ist möglich. Die Erzieher:innen haben es uns letztes Jahr vorgemacht!

Das funktioniert nicht ohne eine Koordination aller Anstrengungen gegen die Kürzungsoffensive – mindestens auf berlinweiter, besser auf nationaler Ebene. Ein Aktionsbündnis anstelle mehrerer kleinerer Bündnisse, die unterschiedliche Bereiche vertreten! So brechen wir die Hinhalte- und Spaltungstaktik des Senats!

Geld für Soziales und Kultur statt für Krieg und Aufrüstung!

Wenn wir nicht wollen, dass mehr und mehr weggekürzt wird, müssen wir dabei nicht nur gegen die Kürzungen, sondern auch für konkrete Verbesserungen eintreten – etwa für einen höheren Mindestlohn, kürzere Arbeitszeiten oder bessere Personalschlüssel. Ein Kampf gegen die Kürzungen funktioniert nicht, ohne zu benennen, worin die Gründe für den Kahlschlag im Sozial- und Kulturbereich liegen: Die beispiellose Militarisierung, die derzeit betrieben wird und von der die Reichen weiter profitieren, ist direkt verantwortlich für unsere Misere.

Wir müssen fordern: Geld für Soziales und Kultur statt für Aufrüstung und Krieg – und uns doppelt organisieren! Einerseits gegen die Angriffe des Senats, andererseits in den Gewerkschaften, um gemeinsam für eine Politik ohne Kürzungen und Krieg zu kämpfen, gegen die Politik der Sozialpartnerschaft, die aktuell dort vorherrscht.

Keine Kürzungen, nirgendwo! Erstreiken wir uns unsere Zukunft! Gemeinsam auf die Straße – für ein großes Aktionsbündnis und flächendeckende Mobilisierungen der Gewerkschaften!

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung