»Doykeit« statt Israel

Linke Juden kritisieren den Zionismus schon seit 100 Jahren. Die Berliner Gruppe »Jewish Bund« will an diese internationalistische Tradition anknüpfen

Im Oktober 2023 besetzten israelkritische jüdische Gruppen die Central Station in New York, um einen Waffenstillstand in Gaza zu fordern. Foto: Wikimedia Commons

Sich mit dem Jewish Bund zum Interview zu verabreden, ist gar nicht so einfach. Vor dem Gespräch will die Gruppe erst einmal intern diskutieren, was sie als gemeinsame Position vertreten möchte. Und auch als wir uns nach längerem Vorlauf endlich in einem Berliner WG-Wohnzimmer gegenübersitzen, legen Damya (37) und Shmuel (31) großen Wert darauf, dass es nicht um sie beide gehen soll. »Wir möchten lieber allgemein im Namen der Gruppe sprechen«, sagt Shmuel, der aus einer Familie aschkenasischer Juden stammt, in Kanada geboren wurde und seinen Lebensunterhalt in Berlin als Forscher verdient. »Jüd*innen werden in der deutschen Öffentlichkeit so oft als Intellektuelle wahrgenommen und herumgereicht. Wir finden, dass es an kollektiven Stimmen fehlt.«

Damya, die in einer Community nordafrikanischer Juden in Jerusalem aufgewachsen ist und seit 2012 in Berlin lebt, spricht deshalb erst einmal über die Zusammensetzung ihrer Gruppe. »Einige kommen aus 48«, sagt sie – und verwendet damit einen Begriff für Israel, der sofort ihre Distanz gegenüber dem Staat deutlich machen soll. »Oder aus anderen siedlerkolonialen Kontexten wie den USA, Kanada oder Südafrika. Der Rest der Gruppe ist aus europäischen Ländern. Irgendeinen familiären Bezug zur israelischen Gesellschaft hat zwar jede, aber viele sind weder dort geboren noch haben sie die israelische Staatsangehörigkeit.« Im Unterschied zur Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost oder den Israelis for Peace, die in Berlin seit zwei Jahren fast jede Woche vor dem Auswärtigen Amt gegen deutsche Waffenlieferungen demonstrieren, arbeitet der Jewish Bund nicht ausschließlich zum palästinensisch-israelischen Konflikt. Die Gruppe vertritt in einem umfassenderen Sinne antikoloniale und antinationale Positionen.

»Wir haben uns 2021 gegründet«, erzählt Damya. »Ein paar von uns waren in einer Gruppe namens Jewish Antifa aktiv und haben für die 1.-Mai-Demonstration mobilisiert. Weil wir erlebt haben, dass eigentlich alle migrantischen Gruppen, mit denen wir arbeiten, als antisemitisch diffamiert wurden, haben wir überlegt, uns als jüdische Menschen zu organisieren.«

Eines der zentralen Ziele des Jewish Bunds ist also, sichtbar zu machen, dass proisraelische und jüdische Positionen nicht identisch sind. »Außerdem verstehen wir uns als abolitionistische Gruppe«, erklärt Damya »Wir kämpfen gegen Grenzregime, menschenfeindliche Asylpolitik, Rassismus, die Rolle der Polizei – und eben aus internationalistischer Perspektive.«

Die Tradition des Bundismus

Mit ihrem Namen spielt die Gruppe auf den Bundismus an, eine Tradition jüdischer sozialistischer Organisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Polen, Litauen und Russland existierte damals der Algemeyne Yidishe Arbeter Bund, der jüdische Arbeiter*innen gegen Ausbeutung und Antisemitismus zu organisieren versuchte und gleichzeitig das zionistische Projekt eines jüdischen Staates als reaktionäres und koloniales Vorhaben bekämpfte.

Ganz unmittelbar funktioniert die Traditionslinie aber nicht. »Wir haben nach einem Namen gesucht, der einen Bezug zum jüdischen Radikalismus herstellt«, erklärt Damya. »Der jüdische Arbeiterbund existierte in verschiedenen Ländern und vertrat unterschiedliche sozialistische Positionen. Es gab also nicht einen Bund.« Und Shmuel ergänzt: »Eine Position des Arbeiter-Bundes, die wir auf jeden Fall teilen, ist die Ansicht, dass ein jüdischer Ethno-Staat kein Befreiungsprojekt für Jüd*innen sein kann und im Kampf gegen Antisemitismus ungeeignet ist.«

Allerdings lägen die Unterschiede zum historischen Arbeiter-Bund auf der Hand. »Das war eine gewerkschaftliche Organisierung«, erklärt Shmuel. »Der Arbeiter-Bund organisierte Streiks unter jüdischen Belegschaften. Es ist klar, dass es das in Deutschland in dieser Form heute nicht geben kann.« Aber nicht etwa, weil Jüd*innen heute ökonomisch privilegiert seien und unter Beschäftigten keine Rolle mehr spielten, stellt Damya klar. »Viele Jüd*innen in Deutschland leben unter prekären Bedingungen – vor allem diejenigen, die aus der UdSSR eingewandert sind.« Nur anders als vor 100 Jahren arbeiteten sie eben nicht mehr in bestimmten Bereichen, weshalb eben auch der alte Organisierungsansatz nicht mehr geeignet sei.

Jewish Bund / Allgemeiner Jüdischer Arbeiter-Bund

Der Jewish Bund ist eine unabhängige Selbstorganisierung jüdischer Menschen in Berlin. Die Gruppe, die sich als antikolonial und antirassistisch versteht, organisierte in den letzten Jahren gemeinsam mit anderen migrantischen Organisationen Aktionen gegen Abschiebungen, Solidaritätsveranstaltungen für Opfer polizeilicher Repression und eine Gedenkdemonstration zum rechten Anschlag in Hanau.
 
Der Arbeiter-Bund sei aber keineswegs die einzige jüdisch-antizionistische Tradition, auf die man sich beziehe, verweist Shmuel auf seine Erfahrungen in Nordamerika. »Einige von uns kommen aus Ländern, wo sich Juden seit den 1960er Jahren in antizionistischen Organisationen engagieren. Mit der israelischen Besatzungspolitik ist die Bedeutung dieser Ansätze stark gewachsen.«

Auf die Frage, ob sich nicht dennoch eine überwältigende Mehrheit ihrer Angehörigen und Bekannten mit Israel identifizierten, geben Damya und Shmuel eine differenzierte Antwort. »Über 60 Prozent der Jüd*innen, die in der Welt leben, kommen nicht aus Israel und haben nie dort gelebt«, betont Damya. Selbstverständlich sei eine linke Zionismuskritik, wie sie ihre Gruppe vertrete, nicht repräsentativ für diese Menschen. Aber dass sich Jüd*innen aufgrund des Antisemitismus automatisch positiv auf Israel beziehen, könne man eben auch keineswegs behaupten. »Dass so wenig über jüdischen Antizionismus gesprochen wird, ist Ergebnis einer Politik von oben«, meint Damya. »Eine linke Kritik an Israel wird systematisch unsichtbar gemacht – auch wenn sie jüdisch ist.«

Koloniale Perspektive auf Palästina

Aber lässt sich überhaupt von »dem« Zionismus sprechen, frage ich. Zwischen dem Kulturzionismus Martin Bubers, der Palästina als jüdische Heimstatt betrachtete und die Gründung von Kibbuzim propagierte, dem politischen Zionismus, dem es in erster Linie um die Staatsgründung ging, und dem Suprematismus der israelischen Mehrheitsgesellschaft heute bestünden doch beträchtliche Unterschiede.

Über diese Frage hätten sie zuletzt auch ausführlich diskutiert, antwortet Damya. Sicherlich habe es schon vor dem Zionismus ein spirituelles Motiv »Zion« gegeben. Doch die siedlerkoloniale Form, die der Staat Israel annahm, habe diese Bezüge materiell unmöglich gemacht. Shmuel ergänzt: »Der Zionismus entstand im 19. Jahrhundert, als Kolonialismus und antijüdischer Rassismus einen Höhepunkt erlebten. Ich glaube, wir müssen das ähnlich bewerten wie Widersprüche in der Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. In der waren sexistische und koloniale Positionen ja auch sehr präsent.«

Der Zionismus habe zwar versucht, eine Antwort auf den europäischen Antisemitismus zu formulieren, sei dabei dem europäischen Ethnonationalismus aber verhaftet geblieben, resümiert Shmuel nach einer kurzen Pause. »Der Zionismus war von Anfang an eine koloniale Bewegung. Anfangs hatte er einige sozialistische Aspekte – die heute tot sind. Aber seine Perspektive auf Palästina war immer kolonial. So wie es bei den meisten europäischen Bewegungen der Zeit der Fall war.«

»Die Perspektive des Zionismus auf Palästina war immer kolonial. So wie bei den meisten europäischen Bewegungen seiner Zeit.« Shmuel   Jewish Bund

Die in Deutschland verbreitete Vorstellung, dass Israel ein linkes Projekt gewesen sei, will Damya auch nicht unwidersprochen stehen lassen. »Die Kibbuzim waren gemeinschaftlich organisiert – aber für wen? Ihr Projekt beruhte darauf, Ressourcen unter europäischen Siedlern zu teilen. Für mich ist das keine sozialistische Idee.«

Und wie bewerten sie die sozialistischen Pläne für einen jüdischen Staat, erkundige ich mich. Ende der Zwanzigerjahre schuf die stalinistische Sowjetunion an der Grenze zu China eine jüdische Republik, die als Alternative zum Projekt in Palästina verstanden wurde.

Für Damya ist die Antwort klar: »War das ein Platz für Juden oder ein Ghetto? Ein jüdischer Ethno-Staat kann den Antisemitismus nicht bekämpfen. Ich bin in einem Ethno-Staat aufgewachsen, und er hat mein Leben nicht sicherer gemacht.« Shmuel ist derselben Ansicht: »Warum kämpfen Linke nicht für das Recht von Jüd*innen, hier zu leben, sondern verteidigen einen anderen Staat, in dem wir leben sollen? Die Umsiedlung von Menschen ist immer ein rassistisches Projekt.«

In diesem Zusammenhang verweisen die beiden auf einen Begriff, der im Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund eine zentrale Rolle spielte: »Doykeit« oder »Doikayt« (jiddisch für »Hiersein«). Statt einen jüdischen Nationalismus zu erfinden, so die Sozialist*innen Anfang des 20. Jahrhunderts, solle man Nationalismen kritisieren und sich dort organisieren, wo man lebe. Gerade weil dieser Ansatz vom Antisemitismus bekämpft werde, sei es so wichtig, Bündnisse mit anderen von Rassismus betroffenen Gruppen aufzubauen, denen ebenfalls das Bleiberecht abgesprochen werde.

Für den Jewish Bund ist Antisemitismus kein Sonderfall, sondern eine weitere Form von Rassismus. Deshalb finde sie die Gleichsetzung jüdischer und israelischer Interessen auch so unerträglich, sagt Damya. »Sie macht es uns unmöglich, uns mit anderen rassifizierten Gruppen zusammenzuschließen.«

Der deutsche Wahnsinn

Ihre Lage als linke Jüd*innen in Deutschland empfinden die beiden als zunehmend absurd. »Auf dem Handy sehen wir im Livestream, wie Israel einen Genozid verübt«, sagt Shmuel. »Gleichzeitig erzählen uns deutsche Medien und Behörden, es sei antisemitisch, den Staat Israel grundsätzlich zu kritisieren.«

Damya nickt. »Das Ganze läuft auf die Argumentation hinaus, dass wir, um Juden sein zu können, Mörder werden müssen. Wenn wir als Jüd*innen Israel kritisieren, wird uns unser Jüdischsein abgesprochen und wir als ›Selbsthasser‹ abgestempelt. Für mich ist gerade das komplett antisemitisch.«

Ich frage, ob die Gruppe Opfer staatlicher Antisemitismusbekämpfung in Deutschland geworden ist. Doch auch bei diesem Thema versuchen sie, jeden Exzeptionalismus zu vermeiden. »Wie alle, die in Deutschland auf Demos gehen, erleben auch wir Polizeigewalt«, meint Shmuel. »Auch dann, wenn wir Demos als jüdische Gruppe angemeldet haben.« Aber natürlich seien sie weniger betroffen als palästinensische Menschen, die noch mal ganz anders in rassistische Raster passen.

Die meisten linken Juden standen dem Zionismus um 1900 ablehnend gegenüber. Der Jüdische Arbeiter-Bund kämpfte für sozialistische Politik und gleiche Rechte für alle.
Die meisten linken Juden standen dem Zionismus um 1900 ablehnend gegenüber. Der Jüdische Arbeiter-Bund kämpfte für sozialistische Politik und gleiche Rechte für alle. Foto: Wikimedia Commons

Für den Jewish Bund lässt sich Repression aber auch nicht auf Polizeigewalt bei Demonstrationen reduzieren. Noch viel gravierender ist die Migrationspolitik. Auch hier seien arabische Genoss*innen unmittelbarer bedroht. Doch auch Mitglieder des Jewish Bund spürten die Gewalt des Ausländerrechts. »Mehr als die Hälfte von uns hat keine EU-Papiere – das heißt, wir können jederzeit Visaprobleme bekommen.« Und natürlich droht auch Jüd*innen der Verlust eines Jobs oder einer Forschungsförderung, wenn sie antizionistische Positionen vertreten.

Ein jüdischer Ethno-Staat kann den Antisemitismus nicht bekämpfen. Ich bin in einem Ethno-Staat aufgewachsen, und er hat mein Leben nicht sicherer gemacht. Damya   Jewish Bund

Für den Jewish Bund ist klar, dass es der staatlichen Antisemitismusbekämpfung nicht um jüdische Menschen und deren Sicherheit geht, sondern um geopolitische und ökonomische Interessen. Israel sei ein strategischer Verbündeter der USA und Deutschlands in Nahost, sagt Shmuel. »Der Antisemitismusvorwurf ermöglicht es, jede Debatte zu beenden. Wenn man etwas als antisemitisch bezeichnet, muss man nicht weitersprechen. Dann spielt keine Rolle mehr, was in Gaza oder der Westbank geschieht.«

Gleichzeitig halten die beiden den Antisemitismus in Deutschland aber weiterhin für eine sehr reale Gefahr. »Der rechtsextreme Anschlag 2019 in Halle ist das beste Beispiel dafür«, sagt Shmuel. »Und er hat ja auch gezeigt, wie untrennbar der Antisemitismus mit anderen Formen von Rassismus verbunden ist.« Doch als Abolitionistinnen setzen sie nicht auf staatliche Formen der Antisemitismusbekämpfung. »Rassismus wird institutionell produziert, und deswegen haben wir vom Staat in dieser Hinsicht auch nichts zu erwarten.«

Auch Damya ist sich sicher, dass der gegen migrantische Communitys gerichtete Antisemitismus-Diskurs ganz andere Ziele verfolgt als den Schutz jüdischer Menschen. »Verbote, Kriminalisierung und eine verschärfte Einwanderungspolitik dienen allein zur Umsetzung rassistischer Politik. Du brauchst dir nur anzuschauen, wie selbst die AfD die Bekämpfung des Antisemitismus für sich beansprucht.«

Und wie bewerten sie die »antideutsche« Linke, die den Antisemitismus für einen zentralen Aspekt der deutschen Mehrheitsgesellschaft hält? Damya lacht gereizt auf, als das Thema aufkommt. Shmuel versucht es anekdotischer: »Wenn ich in Kanada jüdische Linke treffe, fragen sie mich oft: Stimmt das mit den Antideutschen? Gibt es die wirklich?« Für ihn sei auffällig, dass »antideutsche« Positionen vor allem in Studierendengruppen und im Kulturbereich stark seien. »Ich würde sagen, dahinter verbirgt sich oft auch ein Machtanspruch von Menschen aus der Mittelschicht, einen Diskurs kontrollieren und bestimmte Posten besetzen zu können.«

Als sie nach Deutschland kam, erzählt Damya, habe man ihr erklärt, die Antideutschen seien nach der Wiedervereinigung entstanden, um dem Geschichtsrevisionismus etwas entgegenzusetzen. »Damit habe ich überhaupt keinen Widerspruch«, sagt sie. »Aber was hat das mit der Verteidigung Israels und der USA zu tun? Für mich sind das rechte Positionen: Wer prozionistisch und prowestlich argumentiert, steht auf der Seite der Herrschenden.«

Der palästinensisch-israelische Konflikt

Auf den Gaza-Krieg kommen wir erst nach mehr als einer Stunde zu sprechen. Damya meint, dass es nicht Aufgabe einer jüdischen Gruppe sei, Lösungsansätze zu entwickeln: »Wie ein freies Palästina aussehen sollte und wie die betroffenen Gemeinschaften miteinander umgehen könnten, ist nicht unsere Frage.« Aber natürlich gebe es Dinge, die auf der Hand liegen, ergänzt Shmuel. »Zum Beispiel, dass die Zweistaatenlösung tot ist – wenn sie überhaupt jemals realistisch war. Für mich ist klar, dass ich als Jude nicht frei und sicher sein werde, solange es einen jüdischen Staat gibt, der auf Ethnonationalismus beruht und suprematistische Überzeugungen produziert.«

Aber was ist mit einem palästinensischen Nationalismus, der auch wieder Vertreibung propagiert? Das Argument, dass jüdische Einwanderer Palästina »besetzt« und das Land seiner Identität beraubt hätten, lasse sich ganz ähnlich doch auch gegen Migrant*innen in Kanada oder arabische Einwanderer in Neukölln vorbringen, wende ich ein.

»Das war nie unsere Position«, wehrt Damya ab. Als abolitionistische Gruppe verteidige man das Recht aller Menschen auf Mobilität – oder Immobilität. Wer in einem Land lebt, müsse bleiben können. »Man kann Zeit nicht zurückdrehen«, sagt sie. »Aber man kann für eine Zukunft sorgen, mit der die Grundlagen der heute bestehenden Unterdrückung überwunden werden.« Und Shmuel ergänzt: »Die Menschen, die aus Polen nach Israel ausgewandert sind, könnten in Polen nicht sicher leben. Aber umgekehrt müssen eben auch die Palästinenser*innen an einen Ort zurückkehren können, an dem sie volle Rechte und eine Staatsbürgerschaft haben. Sie müssen in die Dörfer zurückgehen können, aus denen sie vertrieben wurden.«

Die Kritik des Siedlerkolonialismus bedeutet für den Jewish Bund keine Feindschaft gegenüber Menschen, sondern eine Dekolonisierung der Gesellschaft. »Was das jeweils für Kolonisierte und Siedler bedeutet, ist komplex«, gibt Shmuel zu. »Aber die erste Aufgabe ist doch klar: Begangenes Unrecht und Gewalt müssen rückgängig gemacht werden. Also: Enteignung, ethnische Säuberung, Vertreibung.« Wer sage, dass es in einem freien Palästina keine Juden geben solle, mache sich die Perspektive des Kolonialismus zu eigen, der die ethnische Spaltung immer vorangetrieben habe. »Das Ziel muss sein, dass alle dieselben Rechte haben – was natürlich auch Eigentumsfragen einschließt.«

Auf die Erwiderung, dass eine egalitäre Perspektive mit Hamas und anderen rechten palästinensischen Organisationen kaum möglich sein werde, antworten die beiden, dass sie darüber nicht urteilen wollen. Die Kritik palästinensischer Positionen gaukele fast immer eine falsche Symmetrie vor, sagt Damya. »Aber der Krieg ist nicht einfach ein Konflikt zwischen zwei Seiten, denen man gleichermaßen distanziert gegenübersteht. Es gibt eine israelische Besatzung und palästinensische Unterdrückte.« Als jüdische Linke würden sie sich daher darauf konzentrieren, die siedlerkolonialen Grundlagen Israels zu kritisieren.

Aber selbstverständlich, sagt Shmuel, würden sie in ihrer politischen Arbeit immer ihre Prinzipien verteidigen – also zum Beispiel feministische Positionen in einem Bündnis. »Jede Bewegung, die breiter wird, bekommt Widersprüche«, sagt der Kanadier. »Aber um bestimmte Positionen durchzusetzen, muss man eben auch Teil der Bewegungen sein.« Wer nicht auf Palästina-Demos gehe, weil man dort den falschen Leuten begegnen könnte, sorge am Ende dafür, dass problematische Positionen unwidersprochen bleiben.

Dieser Satz lässt sich natürlich auch als Botschaft an Die Linke verstehen. Also frage ich, ob der Jewish Bund jener Partei, die zwei Jahre nach Kriegsbeginn immer noch um eine Position ringt, etwas auf den Weg mitgeben möchte. Damya fasst sich kurz: »Zeigt mehr Rückgrat.« Shmuel drückt es diplomatischer aus: »Es gibt einige verlässliche Partner und ein paar gute Entwicklungen in der Partei.« Und Damya schiebt hinterher: »Ich setze keine großen Hoffnungen auf parlamentarische Politik. Aber auf keinen Fall darf Die Linke vor rechten Positionen kapitulieren, nur weil sie Anerkennung im Mainstream bekommen oder sich vor Medienkampagnen schützen will.«

Am Ende des Gesprächs ist zumindest eines klar: Dass Positionen wie die des Jewish Bunds in der Debatte in Deutschland – anders als im englischsprachigen Raum – kaum vorkommen, sagt viel über die mangelnde Bedeutung des Internationalismus in der hiesigen Linken aus.

Erstveröffentlicht im nd v. 28.8. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193639.juedischer-antizionismus-doykeit-statt-israel.html?sstr=Raul|Zelik

Wir danken für das Publikationsrecht.

Nein zur zionistischen Repression von Zalando

Protest und Demo, Berlin 10. September, 15 Uhr, Valeska-Gert-Straße 5, vor dem Hauptquartier Zalando

„Hast du dich jemals gefragt, wie Mitgefühl mit hungernden Kindern als antisemitisch gelten kann? Dafür kannst du dich bei der sogenannten „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ (RIAS), der zentralen Meldestelle für antisemitische Vorfälle in Deutschland, bedanken. Solidarität mit den Menschen in Gaza wird da besonders häufig mitgezählt.

Wir berichteten bereits über „Antipalästinensische Repression in deutschen Untermehmen-Zensur und Einschüchterung bei Zalando„: „Zalando hatte einem arabischen Mitarbeiter gekündigt, weil er sich gegen die Unterstützungsbekundungen für Israel in der Firma aussprach.“ Zalando ist keine Ausnahme, sondern ein typisches, aber auch besonders extremes Beispiel für das rassistische, anti-palästinensische und anti-arabische Arbeitsumfeld in vielen deutschen Unternehmen. Zalando unterdrückt nicht nur Palästinasolidarität sondern presst seine Beschäftigten in eine Firmenkultur, die sie in ein offenes Bekenntniss zur Unterstützung der zionistischen und israelischen Völkermordpolitik einbindet. Das Vorgehen von Zalando steht auf juristisch wackligen Füßen. So konnte sich der Kollege gerichtlich erfolgreich gegen seine Kündigung wehren.

Nach 2 Jahren Schikanen von Zalando gegen seine pro-palästinensischen Mitarbeiter*innen, die auf @exposingzalando [1]https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/israelischer-journalist-rias-arbeit-dient-den-interessen-der-israelischen-rechten-93794342.html [2]https://drive.google.com/file/d/1Pw_Btj0HCHVlA8NJVRyShep7PFtQ71Ql/view?usp=drivesdk [3] … Continue reading dokumentiert sind, lädt Zalando nun am 10. September genau diese von vielen als zionistische Handlangerorganisation geortete RIAS in seine Büros ein, um den erzwungenen Applaus für das Massenmorden und den israelischen Genozid in Gaza in seinen Räumen endgültig durchzusetzen!

Das ist mehr als ein Anlass, Nein zu sagen – Nein zur Repression von Zalando, Nein zum Rassismus des RIAS und Nein zu zionistischen Verbrechen.

Kommt deshalb am 10. September vor das Hauptquartier von Zalando und erhebt Eure Stimmen!

Vor allem Gewerkschafter:innen sollten nicht wegsehen, wenn Kolleg:innen auf beispiellose Weise ihre Rechte auf Meinungsfreiheit beschnitten werden.

All Eyes on Gaza

„All Eyes on Gaza – Stoppt den Genozid!“ eine künstlerische Solidaritätskundgebung

27. September 2025, ab 17 Uhr, Großer Stern, Straße des 17. Juni, Berlin

Veranstalter: Palästinensische Gemeinde Deutschland, @eye4palestine, Amnesty International in Deutschland, medico international

Auf der Bühne: K.I. Z. , Pashanim, Ebow ,…. weitere folgen

aktuelle Infos der Veranstalter

GEW, Verdi und IG Bau Kolleg:innen, Gewerkschafter:innen4Gaza, German Healthcare Workers For Palestine, Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin, Arbeitskreis Internationalismus  Metaller:innen Berlin  und viele weitere Gewerkschafter:innen  rufen dazu auf: Machen wir in einem  eigenen Block auf Demo und Kundgebung deutlich sichtbar, dass auch Gewerkschafter:innen  sich mit den Menschen in Gaza solidarisieren und endlich Konsequenzen  fordern! 

Gewerkschaftlicher Treffpunkt: , 27.September ab 13:30 Uhr bis14:30 Uhr treffe n wir uns und reihen uns ein in den internationalen Teil der Demo bei der Marienkirche!

Acbhtung: Der ursprüngliche Treffpunkt Marx-Engels-Statue gegenüber dem Neptunbrunnen fällt wegen Absprerrungen weg!
Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin und Arbeitskreis Internationalismus  Metaller:innen Berlin rufen dazu auf,  an dieser besonderen Veranstaltung sich mit den Menschen in Gaza zu solidarisieren und endlich Konsequenzen zu fordern!

In Gaza werden nach wie vor ganze Familien durch Bomben ausgelöscht und tagtäglich wahllos Zivilist:innen umgebracht, unter ihnen viele Kinder. Hungernde Menschen suchen an den wenigen israelisch kontrollierten Ausgabestellen nach Hilfe und finden dort stattdessen den Tod. Unabhängige humanitäre Hilfe und Versorgung wird durch Israel blockiert und verhindert. Fast die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens befindet sich auf der Flucht.

Das Vorgehen der israelischen Regierung wird von Expert:innen und internationalen Organisationen seit Langem als Genozid beschrieben und vom Internationalen Gerichtshof als solcher untersucht. Während jede:r sehen kann, wie die israelische Armee Massengräuel in Gaza verübt, leugnet die Bundesregierung die systematische Gewalt.

Wir wollen die deutsche Komplizenschaft beenden und gegen die sogenannte Staatsräson auf die Straße gehen! Wir fordern von der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag:

  • Beenden Sie jegliche militärische Kooperation mit Israel. Dazu gehören Import, Export und Transit von Waffen, Munition und anderen Rüstungsgütern.
  • Nutzen Sie alle zur Verfügung stehenden Mittel, um den ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe nach den anerkannten humanitären Prinzipien sowie einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand für Gaza zu erreichen.
  • Setzen Sie sich für ein Ende der seit Jahrzehnten andauernden Vertreibung und der illegalen Besatzung des palästinensischen Gebiets ein.
  • Unterstützen Sie die internationale Gerichtsbarkeit ohne Einschränkungen und setzen Sie ihre Entscheidungen vollständig um.
  • Setzen Sie sich für die Freilassung aller Opfer von Kriegsverbrechen ein, die sich als illegal Inhaftierte zu Tausenden in israelischen Gefängnissen und zu Dutzenden in Geiselhaft in Gaza befinden.
  • Setzen sie sich für die Verwirklichung des Rechts auf individuelle und kollektive Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Palästinenser:innen ein.
  • Schützen Sie die Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Beenden Sie die Unterdrückung legitimer Proteste und freier Meinungsäußerung der Palästina-solidarischen Bewegung.
  • Wir verurteilen alle Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen, unabhängig davon, ob sie von israelischen oder palästinensischen Akteur:innen begangen werden. Für uns gelten das Völkerrecht und die Menschenrechte immer und für alle. Angesichts der Massentötungen in Gaza und der systematischen Zerstörung richten wir unsere Hauptkritik aber an die israelische Regierung und ihre Unterstützer:innen.

Während die israelische Armee in Gaza einen Genozid verübt, spricht die Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ganz offen davon, die noch überlebende palästinensische Bevölkerung aus dem Gebiet zu vertreiben.

Das Leid der Menschen ist ungebrochen.

Initiatoren

Amal Hamad, Vorsitzende Deutsch-Palästinensischer Frauenverein

Basem Said, Pädagoge und Aktivist, engagiert in der palästinensischen Community in Berlin

Iman Abu El Qomsan, Ingenieurin, mehr als 80 Familienmitglieder in Gaza verloren

Jules El-Khatib, Hochschuldozent, mehr als 20 Familienmitglieder in Gaza verloren

Michael Barenboim, Musiker, Professor an der Barenboim-Said Akademie

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung